Die ersten Eindrücke in Berlin.
[Illustration]
In Folgendem will ich versuchen, einiges von dem niederzuschreiben,
was mir in den ersten Tagen meines Berliner Aufenthaltes besonders
aufgefallen ist. Selbstverständlich mußte vieles meinen an europäische
Verhältnisse nicht gewöhnten Augen fremd erscheinen, wodurch vielleicht
meine Auffassung beeinflußt wurde. Es darf dies jedoch nicht in Frage
kommen, da mir eben daran liegt, eine individuelle Schilderung meiner
ersten Eindrücke und Empfindungen wiederzugeben. Einem Fremdling, der
mehrere tausend Meilen von Osten hierher kommt und vom Schiff aus durch
die Bahn direkt in die Mitte der großen Weltstadt getragen wird, muß
vieles wie ein Wunder vorkommen und er wird Dinge und Menschen ganz
anders betrachten, als ein Einheimischer.
Wie jedem Fremden, erging es auch mir, der das westeuropäische Leben und
Treiben nur vom Hörensagen und aus Büchern kannte. Meine Spannung hatte
natürlich den höchsten Grad erreicht, als ich nach der langen Reise
in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ankam, empfangen von mehreren
landsmännischen Freunden. Eine innere Genugtuung erfüllte mich nach der
unendlichen Fahrt. Die zehntausend tapferen Griechen können das Meer
mit ihrem »Thalassa«-Rufe nicht freudiger begrüßt haben, als ich mein
Endziel: die Kaiserstadt Berlin! Hier sollte ich endlich zur Ruhe
kommen, denn Berlin sollte für längere Zeit meinen Aufenthalt bilden.
Ich war freudig überrascht, daß ich vom ersten Augenblick an dasjenige,
was ich von dem deutschen Volk schon in Japan gehört, gedacht und
gelesen hatte, vollkommen bestätigt fand, worüber ich später eingehend
zu schildern gedenke.
Vom Anhalter Bahnhof fuhr ich zum naheliegenden Potsdamer Platz, an
dem das Hôtel Bellevue liegt, woselbst ich Wohnung nahm. Der Potsdamer
Platz, in dem sich einige mächtige Arterien des Berliner Lebens einigen,
bietet mit seinem riesigen Verkehr -- wie ich mir erzählen ließ, soll
er ein Kreuzpunkt von vielen Dutzenden elektrischer Straßenbahnlinien,
sowie von kolossalen Menschenmengen sein -- einen wahrhaft verblüffenden
Anblick.
[Illustration: Reinigungsmannschaften.]
Was mir zuerst auffiel und mich angenehm überraschte, war die peinliche
Sauberkeit und Gleichmäßigkeit der Straßen, die aus dem Fahrdamm und
den zu beiden Seiten laufenden Bürgersteigen (Trottoirs) bestehen. Die
Straßen sind ohne Ausnahme gepflastert oder asphaltiert und sehr breit,
an beiden Seiten mit Bäumen geschmückt und mit Gasbeleuchtung oder
elektrischem Licht versehen. Die Straßen werden so sauber gehalten, wie
ein Hausflur oder eine Stubendiele; überall, wohin man blickt, sieht man
die uniformierten Straßenreiniger ihrer Beschäftigung nachgehen und
mit Gummischiebern den Asphalt abwaschen, mit Besen und Schippe
den Straßendamm reinigen. Große Sprengwagen liefern das Wasser zur
Reinigung, kleine Handwagen beseitigen den Kehrricht, und so greift
eines ins andere, um eine wirklich ideale Straßensäuberung mit
unglaublicher Geschwindigkeit herbeizuführen. Es kann daher kein Wunder
nehmen, daß diese Reinlichkeit auch auf die Luft in sanitärer Beziehung
vorzügliche Wirkungen ausübt und zum Gesundheitszustand Berlins viel
beiträgt.
Andererseits war es mir ein wahrer Genuß, in den sauberen Straßen
spazieren zu gehen, ohne fürchten zu müssen, sich schmutzige Kleider
oder Stiefel zu holen. Unwillkürlich stellte ich einen Vergleich
zwischen meiner Heimat und Berlin an, der sehr zu Ungunsten der ersteren
ausfiel, wenn ich an den Zustand unserer heimatlichen Straßen und Wege
dachte, von denen sich manche noch im Naturzustand befinden, so daß man
bei Regenwetter nicht ohne gehörigen Schmutz wegkommt. Und dabei drängte
sich mir auch der Gedanke an die oft in letzter Zeit in Japan auf die
Tagesordnung gebrachte Frage der Reform unserer Frauenkleidung auf.
Nach dem, was ich hier gesehen habe, möchte ich nur meine Ansicht
wiederholen, daß die Straßen in gewissem Zusammenhang mit der Reform
der Kleidungstücke stehen, daß zuerst unsere Straßen und Wege verbessert
werden müßten, bevor an die Kleiderreform gegangen werden kann. Also
in allererster Linie die Straßenreform, ohne die eine Kleiderreform,
speziell hinsichtlich der Damenkleidung, illusorisch sein würde.
[Illustration: Berlinerin.]
Zu beiden Seiten der Berliner Straßen reihen sich die regelmäßig
aufgebauten Häuser aneinander, alle ohne Ausnahme massiv aus Stein
erbaut und fast sämtlich 4-5 stöckige Neubauten in modernem Stil. Ein
Beweis, daß Berlin im Vergleich zu anderen Großstädten, wie London,
Paris oder Wien, noch eine jungaufblühende, im Wachstum begriffene Stadt
ist. Während bei uns die Häuser sich in mannigfaltiger Aufführung und
Gestalt zeigen und manche noch ihren villenartigen Charakter bewahren,
sind die Bauten in Berlin ziemlich gleichförmig, wie nach einer
Schablone errichtet. Ein Haus ähnelt im Großen und Ganzen dem andern und
fast an allen sieht man Balkone und Verzierungen aller Art, ohne daß
sie dadurch in ihrer Einförmigkeit beeinträchtigt werden. Was mir an
den Gebäuden ganz besonders in die Augen fiel, war der Umstand, daß
fast alle Häuser nur nach der Vorder- und Hinterfront Fenster
besitzen, während an den Giebelseiten -- sofern zwei Häuser nicht dicht
zusammengebaut sind -- bloß glatte Mauerwände zu sehen sind. Es könnte
dies einerseits damit zusammenhängen, daß infolge des unmittelbaren
Nebeneinanderstehens der Häuser keine Fenster angebracht werden können;
andererseits würde die Ursache darin zu suchen sein, daß man hier bei
Bauten an den Winter denkt, wie es ja bei uns den Anschein hat, als ob
unsere Häuser für den Sommer errichtet wären, weil sie -- wenn irgend
möglich -- nach allen Seiten mit vielen Fenstern ausgestattet sind und
dadurch viel luftiger und heller erscheinen. Jede dieser Bauarten dürfte
ihre Vorteile und Nachteile haben. Sind die Gebäude bei uns heller,
so sind dieselben hier wärmer, erscheinen die unsrigen luftiger und
leichter, so sind die hiesigen solider und massiver.
Beim Durchwandern der Berliner Straßen, die Kleidung der Passanten
betrachtend, machte ich die Wahrnehmung, daß Männer und Frauen fast
durchweg schwarze oder graue Kleidung tragen, sodaß man wohl behaupten
könnte, diese beiden Farben seien vorherrschend Straßenfarben. Bunte
Gewänder werden meistens vermißt; die Farbenpracht auf der Straße, wie
man sie bei uns findet, scheint hier fast gänzlich zu fehlen. Vielleicht
sind sie doch im Sommer anzutreffen. Was ich noch vielfach bemerkt habe,
ist, daß die Berliner Damen lange Schleppen lieben und mit ihnen die
Straßen durchschreiten. Ich wünschte, daß die Schleppen ein bischen
kürzer oder die Beine ihrer Besitzerinnen ein bischen länger wären! Am
Ende habe ich doch anerkennen müssen, daß die langen Schleppen nebenbei
zur Polierung der Straßen geschaffen sind. Jedenfalls haben sie mir
nach dem Regenwetter auf den Straßen einen recht appetitlichen Eindruck
gemacht.
[Illustration: Jung-Berlin.]
Männer wie Frauen durcheilen hier die Straßen sehr geschäftig und
scheinen keine Zeit übrig zu haben, um an die Ausschmückung mit
farbenprächtigen Toiletten zu denken. Jeder strebt seinem Ziele zu. Nur
selten sieht man Leute, die ziellos die Straßen durchschlendern; jeder
geht festen Schrittes einher, und einer eilt -- mit Ausnahme von einigen
Straßen wie die Friedrichstraße und Unter den Linden -- an dem andern
vorüber, ohne sich um ihn zu kümmern. Bei allen macht sich der Grundsatz
bemerklich: »Zeit ist Geld«. Sogar die Jugend hastet oft rasch dahin;
bewundernswert ist die Frühreife und Selbständigkeit der Berliner
Kinder, die, wie ein Volkswort sagt, sich nicht die Butter vom Brot
nehmen lassen. Sechs- wie siebenjährige Knaben und Mädchen schwingen
sich gewandt auf die Waggons der Straßenbahnen, überschreiten mit
merkwürdiger Ruhe die schlimmsten Straßenpassagen und benehmen sich
in der Stadtbahn genau so wie die Großen, die Türen der Wagen im
Fluge öffnend und schließend. In gewissem Sinne berühmt wegen ihrer
schlagfertigen Antworten, die sie Niemandem schuldig bleiben, sind die
Berliner Lehrlinge, namentlich des Schusterhandwerks; aber ihnen mag
auch mancher Witz in die Schuhe geschoben werden, der auf das Conto von
Angehörigen anderer Berufszweige zu setzen ist.
[Illustration: Berliner Schusterjunge.]
Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist, daß man auf den Berliner
Straßen weit mehr Frauen sieht, als bei uns, ja, man könnte wohl sagen,
man begegnet hier mehr Frauen als Männern, es ist also gerade das
Gegenteil von unserem Straßenbilde. Daß die Männer außerhalb des Hauses,
die Frauen im Hause ihren Pflichten und Arbeiten nachgehen, scheint hier
im allgemeinen nicht der Fall zu sein. Ich hatte schon in Japan gehört,
daß es hier viele selbständige Frauen gibt, d. h. solche, die sich
selbst ernähren und regelmäßige Beschäftigungen haben wie Männer. Davon
habe ich mich wirklich überzeugt. Das Arbeitsgebiet der Frauen scheint
hier ein ziemlich großes zu sein, und offenbar hat man hier dem zarten
Geschlecht viele Berufszweige geöffnet, sodaß sich ihre Zugehörigen ihre
Selbständigkeit bewahren können. Allerdings scheint die Selbsthilfe der
Frauen, wie mir mitgeteilt wurde, auf die Zahl der Ehen in verminderndem
Sinne einzuwirken. Ob dieser Umstand die Menschheit zur Seligkeit führt,
ob sie dadurch ihre Ideale verwirklicht sieht, lasse ich dahingestellt
sein. Die Frauenfrage und Frauenbewegung, die auch bei uns bereits
ihre Wurzeln geschlagen haben, ist hier, wie ja überall, eine der
brennendsten sozialen Fragen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher
eingehen kann.
Daß die Frauen hier viel mehr arbeiten, als bei uns, ist eine durchaus
lobenswerte Tatsache, die schon an ihrem Äußeren, in ihrem Gang und
Wesen und in ihrem starken Körperbau ersichtlich ist. Nicht selten hörte
ich auf der Straße hinter mir feste Schritte und glaubte anfangs, sie
rührten von einem Soldaten her; zu meinem nicht geringen Erstaunen mußte
ich jedoch bemerken, daß dieser vermeintliche Soldat, als er an mir
vorüberschritt, eine Dame war! Man kann hieraus entnehmen, mit welchen
derben Füßen die Damen hier auftreten. Im allgemeinen habe ich gefunden,
daß die deutschen Damen alle ziemlich fest einherschreiten.
Wie ich mir sagen ließ und selbst bemerkt habe, legt man in Deutschland
auf die körperliche Erziehung beider Geschlechter sehr viel Wert.
Tatsache ist es, daß die Menschen hier im allgemeinen größer sind, als
unsere Landsleute. Es liegt allerdings wohl schon in der Rasse, aber
auch die körperliche Pflege dürfte zweifellos nicht wenig zur Erzielung
einer kräftigen, gut entwickelten Menschengattung beitragen. Die
durchschnittliche Größe der Deutschen ist aber Gott sei Dank nicht so
bedeutend, wie ich sie mir daheim vorgestellt hatte. Ich hatte nämlich
geglaubt, daß ich in Deutschland als ein Zwerg unter Riesen erscheinen
müsse. Dem war jedoch glücklicherweise nicht so: als ich sah, daß es
hier auch kleinere Menschen gibt wie ich und als ich dann bemerkte, daß
ich noch nicht zu den kleinsten gehörte, fühlte ich mich sehr beruhigt.
Die Deutschen sind auch im Großen und Ganzen korpulenter als die
Japaner. Ich wurde wirklich manchmal durch kolossale Exemplare
überrascht, die nicht selten wandelnden Bierfässern gleichen. Besonders
sind mir unter der Damenwelt viele »gewichtige« Figuren aufgefallen;
einzelne von ihnen hatten eine solche Mächtigkeit, daß sie sich kaum
fortbewegen konnten. Wie mir zu Mute ward, als ich zum ersten Mal mit
der Straßenbahn fuhr und unglücklicherweise an der Seite eines
solchen Kolosses in die Ecke gedrückt sitzen mußte, kann man sich wohl
vorstellen.
Aus unseren neuesten schulhygienischen Mitteilungen ist ersichtlich,
daß die Körperlänge unseres jüngeren Geschlechtes, namentlich beim
weiblichen, im Zunehmen begriffen ist, seitdem man für die körperlichen
Übungen, besonders in den Schulen, mehr Sorge getragen hat und im
modernen Leben Tische und Stühle verwendet. Ich empfehle meinen
Landsleuten körperliche Pflege und Bewegung auf das energischste und
rate ihnen entschieden das Hocken auf den Matten ab.
[Illustration: Schutzmann.]
Von allem, was ich hier in den ersten Tagen meiner Ankunft gesehen habe,
hat mir der riesige Verkehr am meisten Bewunderung abgerungen. Die
neuen Verkehrsmittel in Berlin sind geradezu phänomenal. Straßenbahnen,
Stadtbahnen, Hoch- und Untergrundbahn, Omnibusse, Droschken, Automobile,
Fahrräder und noch vieles andere, all diese Fahrgelegenheiten
durchkreuzen die Stadt nach sämtlichen Richtungen und machen das
Straßenleben ungeheuer lebhaft.
[Illustration: Viel Zeit.]
In den unter sorgsamster polizeilicher Aufsicht stehenden
verkehrsreichsten Straßen, wie z. B. der Friedrichstraße, war es mir
oft kaum möglich, meinen Weg durch die Menschenmenge zu finden. Anfangs
glaubte ich, diese Menschen strömten aus irgend einem besonderen Anlaß
herbei, aber dem war nicht so, denn bis spät in die Nacht ging es hier
so zu. Es könnte fast scheinen, als ob die meisten dieser Passanten
keinen besonderen Lebenszweck hätten, aber man muß berücksichtigen,
daß ein großer Teil davon -- wie man mir mitteilte -- nicht Berliner,
sondern Fremde sind, die sich des Vergnügens wegen hier aufhalten.
Wie in einem Kaleidoskop sind hier alle Arten von Menschen
zusammengewürfelt: geschniegelte und gebügelte Männer mit Cylinder,
geschminkte Weiber in auffallender Kleidung, schneidige Offiziere,
vornehme Damen, Studenten in ihren Couleurmützen, Landleute mit
ihren kerngesunden, geröteten Gesichtern, Provinzler, Straßenhändler,
Zeitungs- und Blumenverkäufer u. a. m., alles strömt hier bunt
durcheinander und macht auf uns Ausländer einen ganz eigenartigen
Eindruck.
Eins von den eigentümlichsten Straßenbildern, das man bei uns nie zu
sehen bekommt und uns viel Spaß macht, ist auch der Hundehändler. Sie
stehen an der Seite der Straße, halten ein paar junge Hündchen auf
den Händen oder führen größere Hunde an der Leine und bieten sie
den Vorübergehenden feil. Ich weiß nicht, ob sie mit diesem neuen
Berufszweige gute Geschäfte machen oder nicht, kurz und gut, sie üben
auf uns eine drollige Wirkung aus. Noch eine andere eigentümliche
Erscheinung auf der Straße bilden die Soldaten mit ihren
»Herzallerliebsten« an der Seite -- auch ein possierlicher Anblick,
den man bei uns nicht hat. Ich habe oft beobachtet, wie ein solcher
Vaterlandsverteidiger Hand in Hand oder Arm in Arm mit seinem Schatz
durch die Straßen wandelte oder dem Tanzboden zusteuerte. Ich hatte
immer geglaubt, die deutschen Soldaten, die durch ihre Tapferkeit und
Disziplin so weltberühmt sind, würden sich solche Dinge nicht erlauben,
aber vielleicht tut es ihrem Ansehen keinen Abbruch. Jedenfalls
mutete es mich in der ersten Zeit seltsam an, weil, wie gesagt, solch'
öffentliche Liebeleien bei unseren Marssöhnen nicht Mode sind.
[Illustration: Ein Hund gefällig?]
[Illustration: Militärische Annäherung.]
Was dann meine Augen besonders in den Hauptstraßen Berlins entzückte,
das sind die großartigen Schaufenster der Geschäfte. Die Dekoration, die
Zusammenstellung und der Aufbau der Waren verraten wirklich eine große
Kunst. Die Schaufenster gewähren einen äußerst einladenden Anblick, wie
sie überhaupt ein großartiges Aushängeschild für das Kaufhaus selbst
bedeuten. Wenn ich vor einem solchen schöndekorierten Schaufenster
stand, wandelte mich stets die Versuchung an, in das Geschäft zu gehen
und mir irgendwelche schöne Sachen zu kaufen. Sämtliche Gegenstände
sind so bequem und gut zurechtgelegt, daß man mit einem Blick sofort
übersehen kann, was in dem betreffenden Laden zu haben ist. Bei uns
liegen die Verhältnisse ganz anders. Da werden die Waren der größeren
Geschäfte gewöhnlich im Magazin aufbewahrt und werden erst mühsam
einzeln auf Verlangen des Käufers hervorgeholt. Entschieden ist die
hiesige Art und Weise unseren Geschäftsleuten sehr zu empfehlen; ich bin
fest überzeugt, daß sowohl das Publikum, wie die Geschäftsinhaber bei
der neuen, auf Berliner Art eingeführten Ordnung ihre Rechnung finden
werden.
[Illustration: In einem Restaurant Unter den Linden.]
Der größte Teil der hiesigen offenen Läden besteht aus Restaurants,
Gastwirtschaften und Destillationen, in denen kolossale Mengen geistiger
Getränke, am meisten Bier, vertilgt werden. In zweiter Linie folgen
die Cigarrenhandlungen, die fast jede Ecke besetzt halten. Aus dem
Übergewicht dieser beiden Geschäftsbranchen läßt sich leicht der Schluß
ziehen, daß der Genuß von Bier und Tabak den Deutschen dringendes
Bedürfnis ist.
Angenehme Empfindungen erweckten in mir dann die vielen Blumengeschäfte:
vor diesen blieb ich mit besonderer Freude regelmäßig stehen, weil sie
mich so lebhaft an meine Heimat mit ihrer wunderbaren Natur erinnerten
und mich ihr gleichsam näherten.
Was ich dann in jeder Straße zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufsläden
für Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen
beziffern, sodaß sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig
ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von
Ansichtspostkarten befaßt. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft
man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als
Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von
welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus --
Schreibfaulheitsgründen!
Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind
die vielen kunstvollen Denkmäler, Statuen, Büsten u. s. w., meist aus
Marmor oder Bronze. Überall, wohin man kommt, auf den sogen. Plätzen,
in den Parkanlagen, auf den Brücken u. s. w. wird man dieser schönen
Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu
Hause leider noch so sehr vermissen!
Soviel in Kürze! Die ersten Eindrücke, die ich oben im Vorbeigehen
geschildert habe, waren für mich als Ausländer aus einer fremden
Kulturwelt so überwältigend, daß ich tatsächlich in den ersten Tagen
meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst
später vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenständen eingehend
zu beschäftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die
zahlreichen Einzelheiten näher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit
gemäß zu schildern.