XVIII.

Aufruf an unsere Jugend.

Indem ich nunmehr zum Schluß meiner Reisebeschreibung schreite, möchte

ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend

ans Herz legen: Möge jeder, der es mit seinen Verhältnissen irgend

vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit

natürlich nicht, daß die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren

Vergnügungen nachgehen sollen -- durchaus nicht! Allein unserer

Jugend, der männlichen nämlich, mangelt bis jetzt noch immer der

Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Länder

und Leute mit ihren Sitten und Gebräuchen aus eigener Anschauung kennen

zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes

Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden

Völkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen

Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhältnisse erlauben

nicht mehr, länger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen.

Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen

Gebieten gewährt, ist es für junge Geschlechter von großem Wert, wenn

sich ihr Blick für alles erweitert und sie sich daran gewöhnen, Gefahren

und Zufälligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon

durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer

Nordpolfahrt der Gedanke, den kühnen Forschern nachzuahmen und nicht

tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverständlich damit unserer

Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten,

blindlings in die Ferne zu ziehen; ich möchte sie nur dringend

mahnen, nicht zu Hause müßig sitzen zu bleiben, sondern auf dem großen

Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen.

In Europa ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß selbst königliche Prinzen

weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen,

andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die

Europäer sind überhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir.

Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, daß sogar

junge Damen, ihre geschnürten Bündel und Ränzel selbst tragend, allein

in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Höhe der Jungfrau, die ich

erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch

mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nämlich, daß

ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten

Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Höhe, wohin man nur

mit Hilfe von Bergstöcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer

Führer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause würde dem

schönen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen

einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen überhaupt derartige

Anstrengungen zu empfehlen und zuträglich sind, will ich dahingestellt

sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse für meine

Behauptung, daß Europas Bewohner mehr von einem großen, vor keiner

Gefahr zurückschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir.

Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig

an die Arbeit! Die Konkurrenz im großen Völkerwettstreit leidet keine

Ruhe -- und nur dem Mutigen gehört die Welt!

[Illustration]

Druck von G. Bernstein in Berlin.

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 23 / 25 题