Fahrt durch die Schweiz.
Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schöne
Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coupés
erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald
ging die Fahrt über Höhen, bald durch Täler, oben sahen wir auf
dem Gipfel die schneebedeckten Häupter der Bergriesen, unten die
weitgestreckten Wiesen mit den Obstbäumen im zauberhaften Blütenschmuck.
Die grünen Matten unten am Fuße und die weißen Gipfel oben in den Höhen
machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fährt
immer weiter. Mit jeder Minute verändert sich die Landschaft: große
Felsblöcke, die über unseren Häuptern herunterhingen, reißende Flüsse
und Bäche, Wasserfälle, große und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte
Alpenhütten, die vereinzelt auf ziemlicher Höhe liegen, wohlgenährte
Kühe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren
Geläut unseren Ohren wie liebliche Musik ertönte -- alles dieses machte
auf uns einen unvergeßlichen Eindruck. Von der großen Naturschönheit der
Schweiz hatten wir schon oft viel Rühmenswertes gehört, nun sahen wir
diese Schönheiten vor unseren Augen ausgebreitet und überzeugten uns,
daß sie mit Recht zu den größten Europas gezählt werden. Ich hatte
manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes
und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles
selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beide Länder
eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden können, denn im
großen Ganzen sind unsere Naturschönheiten idyllischer und lieblicher
Art, während diejenigen der Schweiz romantischer und großartiger
sind. Natürlich kann ich noch kein richtiges und abschließendes Urteil
abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus während der
Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, später einmal, wenn
es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die
Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Pläne
verwirklichten sich denn auch.
[Illustration: Felspartie am St. Gotthard.]
Im Coupé war es sehr angenehm, es war selbstverständlich noch geheizt.
Als wir den berühmten St. Gotthard-Tunnel passierten -- die Durchfahrt
dauerte ungefähr 15 Minuten -- aßen wir gerade im Speisewagen zu Mittag,
wobei wir nicht versäumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Käse
vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier
nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche
Nacht verbrachten.
Am 18. Mai vormittags ½10 Uhr trafen wir wohlbehalten in Berlin
auf dem Anhalter Bahnhof ein, wo wir von mehreren Landsleuten erwartet
wurden. Als wir unter den herzlichsten Glückwünschen unserer Landsleute
einander die Hände drückten, überkam uns ein recht angenehmes, freudiges
Gefühl bei dem Gedanken, endlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches
betreten zu haben, wo wir nun für längere Zeit unser Heim aufschlagen
sollten. Wir nahmen eine Droschke und fuhren in das Hôtel Bellevue am
Potsdamer Platz, in dem wir einstweilen absteigen wollten. So war die
lange große Reise glücklich überstanden und unser Ziel erreicht!