XVI.

Fahrt durch die Schweiz.

Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schöne

Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coupés

erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald

ging die Fahrt über Höhen, bald durch Täler, oben sahen wir auf

dem Gipfel die schneebedeckten Häupter der Bergriesen, unten die

weitgestreckten Wiesen mit den Obstbäumen im zauberhaften Blütenschmuck.

Die grünen Matten unten am Fuße und die weißen Gipfel oben in den Höhen

machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fährt

immer weiter. Mit jeder Minute verändert sich die Landschaft: große

Felsblöcke, die über unseren Häuptern herunterhingen, reißende Flüsse

und Bäche, Wasserfälle, große und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte

Alpenhütten, die vereinzelt auf ziemlicher Höhe liegen, wohlgenährte

Kühe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren

Geläut unseren Ohren wie liebliche Musik ertönte -- alles dieses machte

auf uns einen unvergeßlichen Eindruck. Von der großen Naturschönheit der

Schweiz hatten wir schon oft viel Rühmenswertes gehört, nun sahen wir

diese Schönheiten vor unseren Augen ausgebreitet und überzeugten uns,

daß sie mit Recht zu den größten Europas gezählt werden. Ich hatte

manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes

und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles

selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß beide Länder

eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden können, denn im

großen Ganzen sind unsere Naturschönheiten idyllischer und lieblicher

Art, während diejenigen der Schweiz romantischer und großartiger

sind. Natürlich kann ich noch kein richtiges und abschließendes Urteil

abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus während der

Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, später einmal, wenn

es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die

Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Pläne

verwirklichten sich denn auch.

[Illustration: Felspartie am St. Gotthard.]

Im Coupé war es sehr angenehm, es war selbstverständlich noch geheizt.

Als wir den berühmten St. Gotthard-Tunnel passierten -- die Durchfahrt

dauerte ungefähr 15 Minuten -- aßen wir gerade im Speisewagen zu Mittag,

wobei wir nicht versäumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Käse

vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier

nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche

Nacht verbrachten.

Am 18. Mai vormittags ½10 Uhr trafen wir wohlbehalten in Berlin

auf dem Anhalter Bahnhof ein, wo wir von mehreren Landsleuten erwartet

wurden. Als wir unter den herzlichsten Glückwünschen unserer Landsleute

einander die Hände drückten, überkam uns ein recht angenehmes, freudiges

Gefühl bei dem Gedanken, endlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches

betreten zu haben, wo wir nun für längere Zeit unser Heim aufschlagen

sollten. Wir nahmen eine Droschke und fuhren in das Hôtel Bellevue am

Potsdamer Platz, in dem wir einstweilen absteigen wollten. So war die

lange große Reise glücklich überstanden und unser Ziel erreicht!

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 21 / 25 题