Mailand.
Am 16. Mai früh 8 Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer
prächtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere große und kleine
Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich
der oben erwähnte deutsche Herr, sodaß wir auch hier die Stadt unter
sachkundiger Führung besichtigen konnten. Wir waren im Hôtel du Nord
abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem
andern sahen wir uns den berühmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst,
ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schönen Glasmalereien
an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und außerhalb des Gebäudes,
ein ganzes Heer von Bildsäulen, der prächtige Marmorboden der weiten
Hallen, hunderte von schlanken Türmchen auf dem Dache u. s. w., dies
Werk von Menschenhand übertrifft an Pracht, Großartigkeit und Kunst
wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die höchste Spitze
des Turmes und sahen zu unseren Füßen die ganze Stadt und die blühende
lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits über diesen Dom
geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen
gesehen, muß ich doch sagen, daß es keinem gelungen ist, die wahre
Pracht und majestätische Größe dieses Wunderwerkes treffend zu
schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren
folgen, die zeigen werden, was für Mühe sich mancher gegeben hat, um
dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben:
Ȇber den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen
Stufen des Domes hinauf, um zur Höhe des Schiffes zu gelangen. Dann
hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen für die Türme
sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentürmen hinauf,
während die Türme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch
die Türme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe
hat man die freie Aussicht über die lombardische Ebene, welche sich,
je höher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde
aufrollt. Die großartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die
Mailänder mit Recht »das achte Wunder« der Welt nennen, kann man nur im
Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nächst der Peterskirche in
Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailänder Dom die größte Kirche
in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren äußeren Verzierungen und
Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu
Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Außenseite
geschmückt, über dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten
Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische
Spitzsäulen, jede Säule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der
Spitze mit einer Statue geschmückt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes,
der eine Höhe von 335 Fuß hat, thront die kollossale vergoldete Statue
der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in
allen seinen Einzelheiten ist von weißem Marmor und unbedingt der
großartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich
standen wir oben, auf der obersten Galerie, über der durchsichtigen
Guglia. Gerade über uns thronte die goldene Statue, deren Fußgestalt wir
mit der Hand berühren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon
manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer
ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wälder habe ich von
all diesen Höhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwälder,
auf breite rauschende Tannenkronen, auf grüne Buchengipfel, auf
breitblättrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwälder; von
dieser Höhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weißen
Marmorwald. Hunderte von gotischen Türmen und Spitzsäulen und Tausende
von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweißen Häupter...« (Gustav
Rasch »Frei bis zur Adria.«)
»Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300 Fuß über
der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein
unvergeßliches Panorama öffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen
umsäumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten
bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen
Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern,
die dem Ganzen das Gepräge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick
auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich dürfte ein
Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen
des Himalaya, einen ähnlichen umfassenden Überblick, ähnliche Schönheit
der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der
südlichen Alpen von diesem eigentümlich schönen Standpunkte. Trunken
hängt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge
lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fäden durch den grünen
Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlängelt.
Rings um uns aber ein Wald von Marmortürmchen mit den Tausenden ihrer
Bildsäulen, und unter uns das Gewirr der von 180 000 Menschen bewohnten
4000 Häuser, über deren flache Ziegeldächer eine Menge vielgestaltiger
Türme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen
Landschaftsbildes und Völkerlebens.« (K. Müller, »Am Südabhang der
rhätischen Alpen.«)
»Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das
alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhöchsten hier
dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und der Schönheit tut
wohl in der jetzt so vernüchterten Welt. Wie verklärt und veredelt es
alles rund um: wie die Flammen der Abendröte auch die geringste Hütte
ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt
er mit seinem Schwung und seiner Schönheit die ganze Stadt, hält sie
zusammen, ist ihr König, auf den sich alles bezieht, auf den man immer
wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u.
Andere)...«
[Illustration: Italienerin.]
Nachdem wir den Dom eingehend besichtigt hatten, sahen wir uns die Stadt
mit ihrem bunten Straßenleben an. Es fand gerade eine Korsofahrt statt
und so hatten wir Gelegenheit, die schönen Mailänderinnen in ihren
eleganten Equipagen, gezogen von stattlichen, wohlgenährten Pferden,
bewundern zu können. Alles in allem erschien uns Mailand weit
gemütlicher als Genua, und man wird sich daher nicht wundern, daß wir
bis spät in die Nacht hinein durch die Stadt und den Park, in welchem
eine Militärkapelle durch ihre außerordentlich lebhafte Weise unsere
Ohren entzückte, spazieren gingen. Daß die Italienerinnen sehr schön und
graziös seien, hatten wir schon vorher gehört, hier aber konnten wir uns
davon mit unseren eigenen Augen überzeugen. Besonders gefielen sie durch
ihren ungezwungenen leichten Gang und ihr liebliches anmutiges Wesen,
noch mehr aber durch ihre feurigen, funkelnden schwarzen Augen, die
zusammen mit den schwarzen wallenden Haaren und der milchweißen Haut
einen reizenden Anblick darboten. Wenn auch Salomo gesagt hat: »Lieblich
und schön ist Nichts« und Claudius: »Ein Ding, das in sich keinen Wert
hat, das nur kurz währet, das im Hause nicht sonderlich nützt und nicht
eigentlich Liebe macht, so ein Ding ist die Schönheit, mehr ist sie
nicht, und Ihr müßt mir nicht böse sein, Ihr schönen Mädchen, daß sie
nicht mehr ist« -- so stimmte ich doch beim Anblick dieser schönen
Gestalten mehr den Worten Schillers bei, der da sang:
»Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos
Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk;
Laß sie die Göttliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte,
Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.«
So sehr Italien einerseits durch seine herrliche Natur und Kunst unser
Gefallen erregte, so sehr hat uns leider andrerseits ein Teil seiner
Landeskinder durch ihre allzugroße Gewinnsucht und geschäftliche
Verschmitztheit Verdruß bereitet. Ich hätte davon am liebsten
geschwiegen, jedoch mit Rücksicht auf die vielen Landsleute, die noch
nach uns dieses schöne Land besuchen und durchreisen werden, halte ich
es für meine Pflicht, diesen unerfreulichen Punkt hier zur Sprache zu
bringen. Um ein Beispiel anzuführen, so wurden wir fast überall, wenn
wir Einkäufe machten, Sehenswürdigkeiten besuchten oder sonst etwas
unternahmen, ungeheuer übervorteilt, und da die meisten der Italiener
außer ihrer Muttersprache kein Wort verstanden oder verstehen wollten,
mußten wir, weil wir ihrer Sprache nicht mächtig waren, immer den
Kürzeren ziehen. Einmal mußten wir z. B. für zehn Stück Zigarren, die
wir im Hôtel durch den Kellner bringen ließen, den geradezu enormen
Preis von 30 Franks erlegen; ähnlich war es überall, sodaß wir fast
immer Unannehmlichkeiten hatten, wenn es ans Bezahlen ging. Nichts von
warmer Gastfreundlichkeit und wohltuender Liebenswürdigkeit, welche die
unkundigen, von dem äußersten Zipfel der Erde kommenden Fremdlinge so
sehr erfreut haben würden! Italien, dieses an Natur und Kunst so schöne
und reiche Land, wäre doch im wahren Sinne des Wortes nur dann schön
und reich zu nennen, wenn auch der Charakter vieler seiner Landeskinder
etwas von diesen Eigenschaften offenbarte... meinten wir. Und doch
sollte man glauben, daß eben dieses Volk am meisten Ursache hätte,
den Fremden, die das Land besuchen, freundlich und rücksichtsvoll
entgegenzukommen, denn diese bringen bei ihrer großen Zahl jährlich
recht ansehnliche Summen Geldes in das Land. Die Freude am Schönen wird
jedem sehr leicht verdorben, wenn ihm fortwährend Unannehmlichkeiten in
den Weg kommen; nur da, wo freundliche Menschen anderen ein fröhliches
und aufrichtiges Entgegenkommen bezeigen, wird man sich wohl und
glücklich fühlen. Hoffen wir, daß sich auch dieses Volk im Laufe der
Zeit zu seinem Vorteil verändern werde, daß es seine unveräußerlichen
Güter, die Schönheiten der Natur und der Kunst, durch eigene seelische
Vorzüge erst wirkungs- und wertvoller machen lerne! Da auch unser Land
den Ruf hat, ein herrliches Land der Künste wie der Natur zu sein und da
es auch von so vielen Reisenden aus aller Herren Länder besucht wird,
so mögen die Japaner das italienische Volk nicht zum Vorbilde nehmen,
sondern im Gegenteil danach streben, ihre edlen Tugenden, wie die
Gastfreundlichkeit, Höflichkeit, Opferfreudigkeit u. s. w., die ihnen
ja eigen sind, noch weiter zu entwickeln, damit jeder, dessen Fuß einmal
ihr Land betritt, in frohem Entzücken ausrufen möge: »Ach, wie ist es
hier doch so schön!«
Wir wollten uns von Mailand noch nach Venedig begeben, aber da wir dem
italienischen Volke nach dem eben Gesagten kein allzu großes Interesse
mehr entgegenbrachten, so zogen wir es vor, direkt nach Berlin zu
fahren. Am 17. Mai früh ½8 Uhr waren wir also auf dem Bahnhof, um den
Zug zu besteigen. Dieser war jedoch schon überfüllt, wenigstens die eine
Hälfte desselben, die direkt nach Deutschland durchfährt, sodaß wir
nur mit Mühe ein Unterkommen darin finden konnten. Da bemerkte ich auf
einmal, daß einige von uns in der anderen Hälfte des Zuges, die nicht
nach Deutschland fuhr, Platz genommen hatten; ich erschrak, stieg hurtig
aus, rannte hin und her, fand sie endlich heraus und nur mit knapper Not
kamen wir, eng aneinander gedrückt, in einem Coupé unter. Aber o weh!
In diesem großen Gedränge und in der Aufregung hatten wir unsere Koffer
vollständig außer acht gelassen und da wir keine Zeit mehr hatten,
mußten wir sie alle stehen lassen. Was tun? In dieser schlimmen
Verlegenheit fiel glücklicherweise mein Blick auf Herrn Erdmannsdörffer,
der uns freundlichst bis nach dem Bahnhof begleitet hatte. Ich
hatte kaum Zeit, ihm durch das Fenster schnell von dem Vorgefallenen
Mitteilung zu machen, worauf er mir versprach, daß er die Koffer direkt
nach Berlin nachsenden werde. Diesem Herrn waren wir schon für seine
Begleitung und Führung in Genua und Mailand zu großem Dank verpflichtet,
und nun erwies er uns noch diesen Dienst! Sicherlich ein besonderes
Glück für uns, denn ohne ihn wäre unser Gepäck wahrscheinlich verloren
gegangen.
Der kurze Aufenthalt in Italien war somit ein recht mühsamer und die
Abfahrt von Mailand der aufregendste Teil der ganzen Reise von Japan
nach Deutschland gewesen, namentlich für mich, der ich sämtliche
Besorgungen für all meine Landsleute allein übernommen hatte und daher
auch die geschäftlichen Unannehmlichkeiten am meisten empfinden mußte.
Aber in der frohen Hoffnung, daß wir nach ca. dreißig Stunden Berlin,
unser letztes Ziel, erreichen würden, fuhren wir, eng gepreßt zwar --
es war ja auch ein Ex-Preßzug! -- aber doch getrost ab. An der Grenze
Italiens und der Schweiz hatten wir abermals eine Zollrevision, jedoch
verlief dieselbe sehr schnell, weil ja unser Gepäck in Mailand stehen
geblieben war.