XII.

Neapel.

[Illustration: Golf von Neapel.]

Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer höchst erfreulichen

Nachricht überrascht, die uns alle unangenehmen Eindrücke schnell

vergessen ließ. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nämlich,

daß unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in

den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, daß

das japanische Kaiserhaus am 5. Mai durch die Geburt eines Enkels und

Sohnes erfreut worden war, daß also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe

erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze

japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres

Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit

folgenden Worten Ausdruck gab:

»Meine Reisegefährten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die

erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glück, welches unserm

Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nämlich daß unserm Kaiser

ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht

gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch während der

Fahrt erreicht hat, so daß es uns noch an Bord, wo wir uns alle

zusammenbefinden, vergönnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen

Hauses zu erheben. Wir können uns alle wohl vorstellen, wie groß

die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem

Kaiserhause, das seit 2½ Jahrtausenden glücklich und weise das Land

regiert, möge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der

langen Kette der Regenten hinzugefügt sein, auf daß auch ihm, wenn

er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung

beschieden sein möge!«

Ich bat meine Reisegefährten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen

in den Ruf: »Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!«

welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter

allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittelländischen Meere an

Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels

gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben.

Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und

passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir

lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spüren. Wir mußten

unsere leichten Kleider einpacken und wärmere hervorholen, so daß der

Gepäckraum viel in Anspruch genommen ward. Außerdem waren nicht wenige

mit Vorbereitungen für die nahe bevorstehende Landung beschäftigt, da

sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns,

daß wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere

Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen.

Am 13. Mai mittags um ¼1 Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war

recht kühl, fast kalt zu nennen -- wir fühlten uns jedoch sehr wohl

dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und

Winter durchmachen zu müssen.

Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so daß uns

keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten

wir gehört, daß es dort viele Sehenswürdigkeiten gäbe, insbesondere das

weltberühmte Aquarium -- von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und

von ihnen musterhaft verwaltet -- die Königlichen Paläste, Gallerien,

Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u. a. m. Es ist natürlich

rein unmöglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein

zu nehmen. Außerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit

heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so daß wir es vorzogen,

auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schöne Stadt zu

betrachten.

[Illustration: Straße in Neapel.]

Von den Passagieren unseres »König Albert« waren viele in die Stadt

gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff für immer verließen,

um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch

an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Muße, uns gehörig

umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majestätische Bai

von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenförmig die Stadt mit

ihren weißen, leuchtenden Gebäuden erhebt; dazwischen herrliche Partien

mit immergrünen Bäumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine

schöne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg,

der Vesuv, in seiner prächtigen, malerischen, einfachen Form, seine

schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Daß Neapel, das alte Napolis,

die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs beider Sicilien, sich durch

seine reizvolle Lage vor allen andern Seestädten Italiens auszeichnet,

konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord

zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer große Zollmauer und die fünf-

bis sechsstöckigen Häuser mit Balkonen und platten Dächern. Die Häuser

am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebäude, älteren Datums

und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause

durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein

gleichmäßiges Häusermeer aus, nur unterbrochen durch die grünen Bäume

oder andere Naturschönheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug,

aber ihre Türme ragen nirgends hervor, auch die Paläste verlieren sich

in dem unendlichen Häusermeer. Am meisten machten sich die reizenden

Villen und Kasinos auf den Hügeln, die Arsenale und Hafenbauten, das

königliche Schloß und vor allem die drei großen Kastelle bemerkbar. Wir

hatten geglaubt, unser Schiff würde sich hier wenigstens 10-12 Stunden

aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit

durch den Ausbruch des Vesuv verschüttete und vernichtete, jetzt aber

zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, mußten den Plan

jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen

halben Tag Zeit hatten.

Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u. s. w.,

konnten wir natürlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzählt

wurde uns, daß das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschäftigungen

nicht gerne nachgeht, dafür aber umso lieber Belustigungen Auge und

Ohr leiht, daß es auch allzuviel Zeit in den unzähligen Kaffeehäusern

zubringt -- mit einem Wort, daß es seiner Neigung und Laune mit

südlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und daß, als traurige Folge

davon, die Bevölkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich

großer Armut und Unwissenheit befindet.

Auch viele Händler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen

Gegenstände anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten

Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenköpfe u. a. m.

auffielen -- alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstände.

Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen;

dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser

daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort

reeller bedient wird. Besonders vorsichtig muß man bei Gegenständen aus

Lava sein, weil diese meistens verfälscht sind.

So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefüllt, bis wir abends acht Uhr --

wir schrieben den 13. Mai -- diese herrliche Bucht von Neapel verließen

und nach Genua fuhren.

[Illustration: Längs der italienischen Küste.]

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 12 / 25 题