XIII.

Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe.

In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann

kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom

»König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will

ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während

meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als

treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung.

[Illustration: Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«:

»König Albert«.]

Spiele auf dem Promenadendeck und im Rauchsalon.

Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns

plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder

eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z. B. Schach,

Domino, Dame, Kartenspiel, Würfelspiel etc., möglichst harmlose Sachen,

nur um uns die Zeit zu vertreiben.

Bei gutem Wetter zog man selbstverständlich Spiele im Freien vor, von

denen ich besonders das Reifenspiel und das Beutelchenwerfen erwähnen

möchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab

mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, daß diese beim

Niederfallen den Stab einschließen; bei den letzteren wird eine in

mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach

der man mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft --

derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger.

[Illustration: Spiele an Bord.]

Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem man runde Holzplatten mit einem

Holzschieber -- das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett

-- etwa 15 Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stößt.

Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann

wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten

in den abgegrenzten Raum gebracht hat.

Im Rauchsalon wurden Karten- und Würfelspiele, Schach und anderes

gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glücksspiele

mit Karten und Würfeln, bei denen sich besonders Engländer hervortaten.

Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich

und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art

von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich

verboten) und uns dieselben recht unangenehm berührten, so lehnten wir

stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, daß nicht

selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren

dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne

Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. -- Am Dominospiel dagegen, welches

wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir

uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas

Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was

sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und

in andern Ländern Europas gehandhabt würde, und da hörte ich denn so

mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld

gesetzlich erlaubt. Glücksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem

Zufall überlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind

streng verboten -- speziell in den öffentlichen Lokalen -- und

werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich

um gewerbsmäßiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem großen

Spielerprozeß in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und

Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegründet mit

dem Namen »Klub der Harmlosen«, in welchem man fast nur Glücksspielen

gefröhnt. Ferner wurde mir erzählt, daß in einem der feinsten Klubs in

Wien hoch gespielt worden wäre und daß bei einem Spiel zwischen einem

ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefähr zwei

Millionen Mark verloren habe. Aber auch öffentlich darf an einigen

Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der

Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Fürstentum Monaco, unweit der

wegen ihrer Schönheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem

nur für diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das märchenhaft schön

eingerichtet sein soll. Das Kasino gehört einer Aktiengesellschaft,

durch deren Abgaben sogar das kleine Fürstentum unterhalten wird und der

Fürst des Landes große Einnahmen bezieht.

Ferner werden in Europa bei Pferderennen große Wetten abgeschlossen

und an eigens hierfür errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt,

Einsätze in Geld für den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen

Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer

für sich in Anspruch. -- Aber auch selbst harmlose Spiele können zum

verwerflichen Glücksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einsätze

spielen, welche ihrem Vermögen oder Einkommen nicht entsprechen.

Echt deutsches Bier.

Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken

und oft genug hörte man den Ruf: »Spatz!« -- so hieß nämlich der

kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser,

Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten

jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fässer geleert.

Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein

und die Engländer ziehen allem andern den Schnaps oder Likör vor. Das

deutsche Bier wurde von sämtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich

habe mir zu Haus erzählen lassen, daß das Bier als Nationalgetränk der

Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzüglich gebraut werde, und glaubte

auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen.

Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit

Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub

nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in

Japan brauen könnte, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Glauben

Sie, daß dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt

deutsches Bier ist?« Auf meine bejahende Antwort erklärte er mir aber zu

meiner großen Verwunderung, daß das Bier echt japanisch sei, worauf

mir der Ausruf entschlüpfte: »Sehr komisch!« So erfuhr ich, daß bei der

Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverständlich deutsches Bier, aber

bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fässern

von den Schiffen mitgeführt wird. Ich glaubte auf einem deutschen

Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rühmens macht,

zu trinken und mußte nun von einem Deutschen erfahren, daß ich Bier

getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die

Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir

zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, daß das Fremde

von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings höher

geschätzt wird, als das Heimatliche. »Kein Prophet wird in seinem

Vaterlande geehrt.« Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch:

»Spatz, bringen Sie mir ein Glas »sogenanntes« deutsches Bier!« worauf

er mir mit verständnisvollem, verschmitzten Lächeln ein Glas echt

japanischen, goldklaren, schäumenden Gerstensaftes reichte.

Ein unfreiwilliges Bad.

Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu

Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und

je nachdem man heiß oder kalt wünscht, hat man den einen oder den andern

Verschluß aufzudrehen. Für Süßwasser befindet sich ein Behälter, woraus

für jeden Badnehmer ein kleines Becken voll geführt wird. Da das salzige

Meerwasser sich unangenehm an dem Körper bemerkbar macht, so benutzt

man dieses Süßwasser zum Nachspülen und Nachwaschen. Übrigens ist

letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben äußerst

sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen

der Hähne nicht recht, und als das Schiff in der Mündung jenes trüben

Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus

Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da

erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprühregen des trüben Wassers

über meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglücklicherweise

den Hahn der Brause gefaßt. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam,

hörte ich mit Donnerstimme den Ruf: »Was machen Sie da!« und der

Badesteward trat herein. Er sah mich mit böser Miene an, sagte, daß das

Rohr von dem trüben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man

ihn jetzt öffnete, daß überhaupt das Baden nur während der Fahrt auf

offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille läge

wie jetzt. Durchnäßt wie ein Pudel, von dem trüben gelben Wasser des

Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des

Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine

Kajüte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese

Begebenheit ist unter meinen Landsleuten als mein »unfreiwilliges Bad«

bekannt geworden.

Beim Barbier.

Auf dem »König Albert« gab es auch einen Barbier und von diesem wollte

ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er

war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes

Gespräch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen.

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 13 / 25 题