Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe.
In einem deutschen Liede heißt es: »Wenn jemand eine Reise tut, dann
kann er was erzählen.« So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom
»König Albert«, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will
ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen während
meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als
treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmückung.
[Illustration: Reichspostdampfer des »Norddeutschen Lloyd«:
»König Albert«.]
Spiele auf dem Promenadendeck und im Rauchsalon.
Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns
plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder
eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z. B. Schach,
Domino, Dame, Kartenspiel, Würfelspiel etc., möglichst harmlose Sachen,
nur um uns die Zeit zu vertreiben.
Bei gutem Wetter zog man selbstverständlich Spiele im Freien vor, von
denen ich besonders das Reifenspiel und das Beutelchenwerfen erwähnen
möchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab
mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, daß diese beim
Niederfallen den Stab einschließen; bei den letzteren wird eine in
mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach
der man mit kleinen, gewöhnlich mit Sand gefüllten Beutelchen wirft --
derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger.
[Illustration: Spiele an Bord.]
Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem man runde Holzplatten mit einem
Holzschieber -- das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett
-- etwa 15 Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stößt.
Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann
wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten
in den abgegrenzten Raum gebracht hat.
Im Rauchsalon wurden Karten- und Würfelspiele, Schach und anderes
gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glücksspiele
mit Karten und Würfeln, bei denen sich besonders Engländer hervortaten.
Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich
und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art
von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich
verboten) und uns dieselben recht unangenehm berührten, so lehnten wir
stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, daß nicht
selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren
dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne
Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. -- Am Dominospiel dagegen, welches
wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir
uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas
Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was
sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und
in andern Ländern Europas gehandhabt würde, und da hörte ich denn so
mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld
gesetzlich erlaubt. Glücksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem
Zufall überlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind
streng verboten -- speziell in den öffentlichen Lokalen -- und
werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich
um gewerbsmäßiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem großen
Spielerprozeß in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und
Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegründet mit
dem Namen »Klub der Harmlosen«, in welchem man fast nur Glücksspielen
gefröhnt. Ferner wurde mir erzählt, daß in einem der feinsten Klubs in
Wien hoch gespielt worden wäre und daß bei einem Spiel zwischen einem
ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefähr zwei
Millionen Mark verloren habe. Aber auch öffentlich darf an einigen
Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der
Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Fürstentum Monaco, unweit der
wegen ihrer Schönheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem
nur für diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das märchenhaft schön
eingerichtet sein soll. Das Kasino gehört einer Aktiengesellschaft,
durch deren Abgaben sogar das kleine Fürstentum unterhalten wird und der
Fürst des Landes große Einnahmen bezieht.
Ferner werden in Europa bei Pferderennen große Wetten abgeschlossen
und an eigens hierfür errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt,
Einsätze in Geld für den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen
Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer
für sich in Anspruch. -- Aber auch selbst harmlose Spiele können zum
verwerflichen Glücksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einsätze
spielen, welche ihrem Vermögen oder Einkommen nicht entsprechen.
Echt deutsches Bier.
Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken
und oft genug hörte man den Ruf: »Spatz!« -- so hieß nämlich der
kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser,
Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten
jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fässer geleert.
Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein
und die Engländer ziehen allem andern den Schnaps oder Likör vor. Das
deutsche Bier wurde von sämtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich
habe mir zu Haus erzählen lassen, daß das Bier als Nationalgetränk der
Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzüglich gebraut werde, und glaubte
auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen.
Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit
Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub
nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in
Japan brauen könnte, sah er mich mit großen Augen an und sagte: »Glauben
Sie, daß dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt
deutsches Bier ist?« Auf meine bejahende Antwort erklärte er mir aber zu
meiner großen Verwunderung, daß das Bier echt japanisch sei, worauf
mir der Ausruf entschlüpfte: »Sehr komisch!« So erfuhr ich, daß bei der
Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverständlich deutsches Bier, aber
bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fässern
von den Schiffen mitgeführt wird. Ich glaubte auf einem deutschen
Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rühmens macht,
zu trinken und mußte nun von einem Deutschen erfahren, daß ich Bier
getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die
Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir
zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, daß das Fremde
von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings höher
geschätzt wird, als das Heimatliche. »Kein Prophet wird in seinem
Vaterlande geehrt.« Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch:
»Spatz, bringen Sie mir ein Glas »sogenanntes« deutsches Bier!« worauf
er mir mit verständnisvollem, verschmitzten Lächeln ein Glas echt
japanischen, goldklaren, schäumenden Gerstensaftes reichte.
Ein unfreiwilliges Bad.
Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu
Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und
je nachdem man heiß oder kalt wünscht, hat man den einen oder den andern
Verschluß aufzudrehen. Für Süßwasser befindet sich ein Behälter, woraus
für jeden Badnehmer ein kleines Becken voll geführt wird. Da das salzige
Meerwasser sich unangenehm an dem Körper bemerkbar macht, so benutzt
man dieses Süßwasser zum Nachspülen und Nachwaschen. Übrigens ist
letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben äußerst
sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen
der Hähne nicht recht, und als das Schiff in der Mündung jenes trüben
Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus
Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da
erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprühregen des trüben Wassers
über meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglücklicherweise
den Hahn der Brause gefaßt. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam,
hörte ich mit Donnerstimme den Ruf: »Was machen Sie da!« und der
Badesteward trat herein. Er sah mich mit böser Miene an, sagte, daß das
Rohr von dem trüben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man
ihn jetzt öffnete, daß überhaupt das Baden nur während der Fahrt auf
offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille läge
wie jetzt. Durchnäßt wie ein Pudel, von dem trüben gelben Wasser des
Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des
Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine
Kajüte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese
Begebenheit ist unter meinen Landsleuten als mein »unfreiwilliges Bad«
bekannt geworden.
Beim Barbier.
Auf dem »König Albert« gab es auch einen Barbier und von diesem wollte
ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er
war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes
Gespräch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen.