X.

Suez und der Suez-Kanal.

[Illustration]

Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflößt, und

mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt

entgegengegangen. Man hatte uns nämlich gesagt, daß die Hitze

hier außerordentlich groß sei, daß das Wasser dieses Meeres in den

Wintermonaten über 26° C. habe und daß in der heißesten Periode die

Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwärme übersteige, sodaß

die Postdampfer zur Umkehr genötigt seien u. s. w. u. s. w., alles

Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte

anfangs geglaubt, daß die Hitze hier nicht größer als in Penang und

Singapore sein könnte, zumal das Meer viel weiter vom Äquator entfernt

ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und

der afrikanischen Wüste liegt, so scheint die Entfernung vom Äquator

keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf

mit nassen wie mit sengenden Elementen gefaßt und fuhren beklommenen

Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der

Tränen -- »O, sie führt ihren Namen mit Recht,« dachten wir bei unserer

jetzigen Stimmung -- in das Rote Meer hinein.

Wir konnten daher von Glück sagen, daß wir während der ganzen Fahrt, die

volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schönes Wetter hatten, daß das

Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der

Fall sein soll. Die so sehr gefürchtete Hitze war auch erträglicher

als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst

passierten wir einige Felseninseln, welche einen schönen Anblick

darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintönigen Wasserfahrt

bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwähnenswertes; es war immer

die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken,

Mittagsschläfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der

Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, gähnen

u. s. w. Eine von den Unterhaltungen möchte ich hier anführen, die sich

von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied,

nämlich die Frage, woher der Name des »roten« Meeres stamme. Einige

meinten in dem Worte »rot« die Bedeutung des Unheimlichen, drückend

Heißen zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklären, indem

sie sagten, die mit Blut getränkten Krieger der Pharaonen hätten sich

hier gebadet, sodaß das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere

meinten, daß das Wasser des Meeres von dem rötlichen heißen Sande der

Ufer eine rötliche Färbung erhalte und daß der Name daher stamme. Wie

uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat

das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen

Küstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene.

Überdies sollen hier auch die aus rötlichen Fäden bestehenden Algen

so massenhaft auftreten, daß sie oft die oberen Schichten des Wassers

bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen

breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der

wahrscheinlichsten bei -- vielleicht könnte in der Tat das Meer davon

seinen Namen erhalten haben.

Um die Langeweile zu vertreiben, wurde während der Fahrt ein großes

Tanzvergnügen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit

Fahnen aller Nationen ausgeschmückt und mit bunten elektrischen Lampen

schön erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen

in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den

Klängen der Schiffskapelle wurde bis spät in die Nacht hinein getanzt.

Am 7. Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar

ein Wohltätigkeitsfest, dessen Reinertrag für verunglückte Seeleute des

>Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder

Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht

unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren,

Damen und Herren, Vorträge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden

prächtig unterhielten, sodaß beim Einsammeln die freiwilligen Gaben

reichlich flossen. Auch dieses Fest währte bis spät in die Nacht hinein

und es war schon früher Morgen, als sich die Teilnehmer ermüdet in ihre

Kajüten zurückzogen.

Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste

überstanden und wir kamen am 9. Mai vormittags um 3 Uhr wohlbehalten in

Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages Ärzte an Bord stiegen, um die

Passagiere zu untersuchen; es sollten nämlich während unserer Fahrt

in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf

folgende Weise: wir Passagiere mußten uns alle zunächst im Eßsalon

versammeln; dann mußten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen

worden waren, an den Ärzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten,

vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung

wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob

jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trägt oder nicht. Nur

ein Passagier, der ein bißchen blaß aussah und seit einigen Tagen an

Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen

Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen

des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine

Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und mußten uns damit begnügen,

von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11 Uhr hier liegen und

setzten um ¼12 Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort.

[Illustration: Eingeborenen-Barke vor Suez.]

Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berühmten Kanals,

den der große Franzose Lesseps mit unendlichen Mühen zustande gebracht

hat. Der Blick auf diesen Kanal gehört mit zu dem Interessantesten, was

wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160 km lang und

durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet,

und bringt so die beiden Meere, das Mittelländische und das Rote, in

Verbindung. Er ist nach zehnjähriger mühevoller Arbeit im Jahre 1869

eröffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist

er so schmal, daß unser »König Albert« fast die ganze Breite einnahm;

an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den

Ausweichestellen für die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der

Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rühmenswert, denn an beiden

Seiten sieht man nichts als öde Sandwüsten, nur hie und da unterbrochen

von Oasen mit ihrem frischen Grün. Einige der Seen, welche durch

den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als

Ausweichestellen dienen, gewähren jedoch einen imposanten Anblick, so

z. B. der Bittersee, der größte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der

sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trägt viel zu seiner

Verschönerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken

Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts

weiter als halbverdorrtes Gras und unförmliche Sandhügel zu Gesicht

bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heiße Sandwüste zu

nützlichen Zwecken zu verwerten gewußt: man hat hier -- wie mir erzählt

wurde -- natürliche Salzsiedereien angelegt. Man gießt nämlich das hier

bedeutend salzhaltige Küstenwasser auf den glühend heißen Sand, läßt

es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese

Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige

schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den

Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie

lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht!

[Illustration: Beduinen am Suez-Kanal.]

Die beiden Ufer des Kanals sind aus künstlich aufgeworfenen Sanddämmen

hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das

Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den

Dämmen dabei abgespült ward. Es versteht sich daher von selbst, daß

Dampfbagger ständig in Tätigkeit bleiben müssen, damit der Kanal nicht

versandet.

[Illustration: Signalstation am Suez-Kanal.]

Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwärts, als wir plötzlich

verspürten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser

wurde trübe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine

Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war

jedoch nichts zu befürchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die

man im Notfalle ganz bequem hinüberspringen konnte, gab jedem sofort das

Gefühl der Sicherheit zurück. Endlich erlangte das Schiff seine richtige

Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere

Reise langsam fortzusetzen. Wie wir später von unserem Schiffskapitän

hörten, hat »König Albert« solchen Tiefgang, daß der Boden des Schiffes

kaum einen Fuß von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der

für die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen

ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich

ist der Suezkanal für Schiffe von so großem Tiefgang, wie das unsrige,

viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal

bewegte, kann man schon daraus ersehen, daß kleine Knaben, welche, bald

»Money, Money« rufend, bald die ihnen zugeworfenen Münzen aufhebend,

halb nackt und barfuß auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken

mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir

einige Beduinen auf schönverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier

und da bescheidene Häuser, in welchen die Kanalwächter wohnen und von

denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden muß,

daß jedes Schiff seine Zeit innehält, die zu jeder Durchfahrt genau

berechnet und angegeben werden muß. Nach den Signalen ziehen an den

breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorüber; aber da

wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Verspätung hatten,

sammelten sich vor und hinter uns vier bis fünf Postdampfer an, sodaß

wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben mußten, um

dieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir

unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr.

Die Hitze, die so wie so schon groß genug war, wirkte durch dieses

mehrstündige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und

einige meiner Landsleute behaupteten, hier die größte Hitze während der

ganzen Fahrt verspürt zu haben. Spät, sehr spät, erst gegen Mitternacht,

konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, sodaß

eine Schnecke unser Vorreiter hätte sein können. -- Die Nacht war

glücklicherweise sehr kühl, was um so angenehmer empfunden wurde, je

größer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm,

welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und

setzten unsern Weg fort.

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 10 / 25 题