IX.

Aden.

Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verließ unser

»König Albert« den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die

längste Tour. Unsere Freude war daher groß, als am sechsten Tage der Ruf

erscholl: »Land in Sicht!« Schon beim Verlassen des Hafens am 29. April

vormittags 9 Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen

Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, daß das

Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde.

Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd

vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle

über das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit über unsere Köpfe und

das unheimliche dumpfe Dröhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte

sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen

die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann für

die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajüte. Manche

Reisegefährten zeigten recht blasse Gesichter, und die Unterhaltung

wollte nicht recht in Fluß geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies

bedenkliche Lücken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten.

Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen

Sturm zurückzuführen, der einige Tage vorher hier gewütet hatte. Doch

unser seetüchtiger »König Albert« arbeitete rastlos weiter, durchschnitt

stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir

endlich am 3. Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nördlich

vorüberfuhren. Noch immer stürzten die Wogen mit hohen Kämmen über

die Wasserfläche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war

gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine

ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser

empor und durchschnitten in schönem Bogen die Luft; einige von ihnen

fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Küchenmeister fing sie

als willkommene Beute schmunzelnd auf.

Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollständig und nur kleine

Wellen kräuselten ihre Oberfläche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich

zum Untergang und warf ihre Strahlen glühend ins Meer. Weit und breit

herrschte die tiefste Stille; nur das leise Geräusch der Wogen, die vom

Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hörbar. Da -- welch ein

großartiges Schauspiel! -- steigt aus den feuchten Dünsten, gerade der

Sonne gegenüber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangs erblickt

man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wächst sie langsam,

fortwährend ihre Gestalt verändernd und immer neue Schönheiten

entfaltend, zu einem ungeheuer groß erscheinenden Halbkreis an. Jetzt

wird sie in ihrer ganzen Größe, in ihrem vollen Glanze sichtbar und

sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, sodaß diese von einer

Seite wie mit Silber überschüttet schienen, während sie auf der andern

Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie fließendes

Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserfläche, in deren Mitte wir uns

befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von

tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder

Brillanten und Perlen übersäet. Und auf beiden Seiten des so wunderbar

beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils

auf-, teils niedersteigenden Kugeln -- was hätte uns ergreifender sein

können als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur!

Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schließlich ganz

unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche

Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang

liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dämmerlicht, bis auch dieses

verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet.

Es ist unmöglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten

erschöpfend auszudrücken und ich hätte in diesem Augenblick gewünscht,

Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne ließ ich meine

Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament

schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher

Gottesnatur -- lange, lange stand ich träumend noch an Bord. -- Damals

hatte ich auch das Glück, das Südliche Kreuz bewundern zu können,

welches an dem nächtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der

schönsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit

der Tropenluft erscheint es viel größer und heller mit ruhigem

planetarischem Licht.

[Illustration: Am Hafen von Aden.]

Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5. Mai

nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der,

mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von

Wind und Wetter Trotz bietet -- ein Triumph der Baukunst! Nichts ist

erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach

mehrtägiger Fahrt über eine salzige Meereswüste, wo man nichts weiter

sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit

hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Südostende

der Halbinsel und ist geräumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser

»König Albert« lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von

Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie

liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklüfteten Felsblock,

dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner

rötlich braunen Farbe bietet er aber dem Auge nichts Erquickendes

dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem öden Felsen

Schatten geben könnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein spärlicher,

halbdürrer Graswuchs -- sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger

einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die

ganze Küste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der

Oberfläche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese

Pflanze, die für die herannahenden Fahrzeuge natürlich eine große Gefahr

bildet, ist für das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere,

besonders Fischarten, die zwischen den Blättern dieser Schlinggewächse

leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Maße das ersetzt,

was dem Lande gänzlich abgeht. Sonst wäre es kaum begreiflich, wie

dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben

bergen können.

[Illustration: Cisternen von Aden.]

Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es

vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hörten wir später, daß

wirklich nichts Sehenswürdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gäbe

dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das

ihr Interesse erregt hätte, seien die Wasserbehälter. Man hat nämlich,

da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen -- es

soll allerdings ca. fünfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels

eingehauen sind -- mehrere große Wasserreservoirs angelegt, um das vom

Gebirge herabströmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch

Röhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befördert und somit ist dem

großen Übelstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan.

Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt,

fällt er in ungeheuren Mengen und großen Tropfen nieder.

Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgemäß von

Handel überhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch

wegen ihrer günstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen.

Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Engländer sie durch Gewalt

in ihre Hände gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer

uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch stärker befestigt und die

Stadt zum Freihafen erklärt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als

auch in politischer Hinsicht von großer Bedeutung geworden. Sie bildet

jetzt für England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der

Eröffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der

ungeheure Bedarf an Steinkohlen für die hier passierenden Schiffe wird

allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch

Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in

das Mittelländische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom

Atlantischen Ozean in das Mittelländische Meer beherrscht. Mit Recht

nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients.

[Illustration: Vor Aden.]

Unter den Bewohnern -- überwiegend mohamedanische Hindus -- herrschen

sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor

gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen

u. dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hörte,

Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr

vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in

Aden ansässigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein

schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und

Geschwüren behaftet, so daß wir den größten Ekel vor ihnen empfanden

und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren

verzichteten. Drollig war es, die dunkelhäutigen Knaben zu beobachten,

die in winzigen Kähnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermünzen im

Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genußreichen Ort hielt

sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fünf bis sechs Stunden auf; die

Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5. Mai mittags.

Ich muß hier bemerken, daß ich in Aden einen Brief von meinem lieben

Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein

halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte öfters über

seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir für

meine Reiseausrüstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel

praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff

der Reise und der während der Fahrt zu besichtigenden Städte und

Sehenswürdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr nützlich geworden

ist, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17. April datiert

und der erste, den ich während meiner Fahrt erhielt. Wie groß meine

Freude über denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein

Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajüte brachte, streckte

ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang

förmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war:

»Deinen letzten Brief vom 10. März habe ich richtig erhalten. Ich ersehe

daraus, daß Du am 6. April von Japan abgefahren bist und freue

mich ungemein, daß uns endlich ein fröhliches Wiedersehen in nicht

allzulanger Zeit vergönnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den

deutschen Postdampfer »Sachsen« nach Aden, adressiert an Dich an Bord

des »König Albert«. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean

gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige

gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere Überfahrt, denn

schon in der Nähe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter

mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, sodaß der Tisch beim Essen einen

Holzrahmen erhalten mußte, um durch diesen das Herunterfallen der Teller

zu verhüten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl

nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen.

Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da

werden die Wogen höher gehen und das Schiff stark hin und her werfen,

doch was können sie einem Schiffe wie »König Albert« anhaben? Im Roten

Meere wirst Du Schwärme von Delphinen und Springfischen bewundern

können. Jene wälzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser,

während diese wie weiße Pfeile darüber hinschnellen. Am 8. Mai etwa

wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weißt, der

Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei Ärzte an Bord,

darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse

betrachtet wurde. Sämtliche Passagiere ohne Ausnahme mußten sich einer

Untersuchung unterziehen.

»Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier

eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit

November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben

in einer Großstadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach

Eberswalde übergesiedelt, einem von schönen Wäldern umrahmten Ort, der

von Berlin per Bahn in 45 Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich

viermal nach Berlin, um Colleg zu hören. Im Februar dieses Jahres jedoch

erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitäten und ersah

daraus, daß die Universität Leipzig Berlin an Lehrkräften -- besonders

was meine Fächer anbetrifft -- überflügelt, und so habe ich mich nach

vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in

Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst

Du vorläufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen.

Ich möchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, daß diese

Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknüpft ist. Du mußt nämlich

bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben

einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um

einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an

den preußischen Minister des Äußern gesandt und von diesem zum

Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument

erteilt, welches wieder denselben Weg rückwärts macht, um in Deine

Hände zu gelangen. Dieses umständliche Verfahren nimmt mehrere Wochen

in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese

allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister

um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, daß ich den vorgeschriebenen

Weg durch die Gesandtschaft innehalten müsse. Wenn Du also die Schulen

in Preußen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg

gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du

der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in

Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in

Bayern und Österreich ohne weitere Umstände gestattet.

»Was die Universitäten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die

hiesige auch für Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fächer

sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen

Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine

Handelsakademie und spielt überhaupt als Industriestadt und als Zentrale

des Buchhandels eine große Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird

hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet

Deinen Erfahrungskreis vergrößern. Komm also doch zu mir herüber nach

Leipzig!

»Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule,

habe ich gebeten, daß er sich für Dich, sobald Du in Berlin angekommen

bist, um Wohnung u. s. w. bemühen und Dir mit Rat und Tat zur Seite

stehen möchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere

doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof

erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du

kannst Dich getrost seiner Führung überlassen.

»Nun zum Schluß habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen,

nämlich, daß unser verehrungswürdiger Freund, Herr Professor Tachibana,

am 23. März von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen

Krankheit. Er hat sich nämlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkältung

zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus,

daß er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute,

beide Ärzte, nach Japan zurückkehrten, so schloß er sich diesen an und

schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein.

Diesem Dampfer »Hitachimaru« wirst Du wohl in Colombo oder in der Nähe

davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England,

Frankreich, Deutschland und Österreich besichtigt hat, habe ich in

seinem Auftrage für Dich notiert und werde es Dir später mitteilen.

»Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine

starke Erkältung zugezogen; wir wollen wünschen, daß es nur etwas

Vorübergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut.

»In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken

anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nächsten

Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.«

Die Freude über diesen Brief war groß, nur barg er einen Wermutstropfen

in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren

Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden,

daß er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaßen

abgelöst zu werden. Diese Nachricht war daher eine große Enttäuschung

und ein harter Schlag für mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf,

daß wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen würden. Hätte ich doch in

Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich

hätte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen können! Ich hegte

damals den innigen Wunsch, daß Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben

möchte, auf daß er, von der Fahrt gekräftigt, seine Lieben in der Heimat

umarmen könnte, ein Wunsch, der, wie ich später erfuhr, leider nicht in

Erfüllung gehen sollte.

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 9 / 25 题