J.

Was meinst Du, schenke ich auch den Alten etwas? Es wäre wohl nicht gut

angebracht, aber Julchen muß etwas haben; sinne nach, was es sein kann.

Spare ja nicht, ich lege einen Wechsel von 50 Rthl. bei, und reicht das

Geld nicht, so lege nur für mich aus.

_Dein Bruder._

Den 20. December.

Welche Wichtigkeit ein Bräutigam ist! Kommt so ein Mensch in's Haus, so

erschallt vom First bis in's Souterrain ein Jubel: er ist da, Heil, er ist

gekommen! Selbst Cäcilie, ja gerade Cäcilie läuft mir da heute Morgen

entgegen, daß die schwarze Sammetschleife im Haar in ungewohnten Schwung

kommt, sieht mich mit beiden Augen freudenvoll an und ruft: »Theodor ist

hier!« -- »So?« fragte ich ganz kühl; ich fühlte gar keine so große

Veranlassung zur Freude. -- »Ja, und bleibt bis acht Tage nach Neujahr,

kommen Sie, ich werde Sie vorstellen,« und hin ging's zu dem Herrn

Theodor, der doch auch Seinesgleichen in der Welt hat. Sonst ist er ganz

nett, -- er hat in der That etwas sehr Einnehmendes, und durch die Briefe

seiner Braut von meiner Einbürgerung im schwiegerväterlichen Hause

benachrichtigt, reichte er mir mit offener Herzlichkeit gleich die Hand

zur Einleitung eines freundschaftlichen Verkehres. -- Ich bin neugierig

zu wissen, ob man mit mir, wenn ich einmal Bräutigam sein werde, auch so

viele Umstände macht. --

Deine Sendung ist noch nicht angekommen, ich erwarte sie täglich. -- Die

Vorfreuden des Festes beginnen, Pfeffernüsse durchduften fast alle Häuser

seit längerer Zeit, und Tannenbäume schleichen in der Dämmerung durch

die Straßen, um unbemerkt in die Häuser zu schlüpfen, die Geheimnisse

mehren sich.

Die Gräfin ist ganz Glück, so recht in ihrem Elemente, aber wann ist sie

dies nicht? -- Ohne Unterlaß gehen Boten mit Commissionszetteln nach

allen Himmelsgegenden; verschiedene alte und junge sanfte Frauengesichter

erscheinen geheimnißvoll mit großen Körben voller Sachen im Schlosse

und ziehen sich, ihrer Bürde entledigt, mit augenscheinlicher Befriedigung

wieder zurück. Sie scheinen den Frommen anzugehören, denn diese mögen

alt oder jung, hübsch oder häßlich sein, ein gemeinsames Kennzeichen

haben sie Alle, sie zeigen fast beständig ein heiteres Gesicht,

ein ruhiges Auge, die Seufzer über das menschliche Elend sind nur

vorübergehend, der liebe Herr macht alles, was uneben ist, ihnen wieder

gerade. Julchen ist mir das Ideal solcher Frommen. Man möge diese Leute

in Zukunft in meiner Gegenwart nicht wieder angreifen, ich werde sie

entschlossen, mit dem Muthe der Ueberzeugung vertheidigen. Sehr möglich,

daß es auch unter ihnen Heuchler giebt, aber wo giebt es keine? Wie viele

Freigeister, die ihre Thaten ihr Gottsein beweisen lassen wollen, verbergen

bedächtig viele ihrer schmutzigen Werke vor den Augen der Welt, verstecken

unter Phrasen über Berechtigung, Freiheit und dergl. die an sich

wohl erkannten Flecken. Hier ist es anders, und wer sich wohl fühlen,

vereinfachen will, wieder in das Paradies der Kindheit zurückversetzen

möchte, komme nach Burgwall, wo nichts von der verschrieenen Kopfhängerei

an den Gläubigen zu merken ist, wo Hoch und Niedrig das Band Einer Liebe,

Eines Glaubens verbindet. Halte mich wegen dieses Zeugnisses aber ja nicht

für einen mit ihnen in Christo Verbündeten, Du würdest sehr irren. Ich

möchte es wohl sein, weil ich sehe, wie innigst befriedigt sich diese

Menschen fühlen, welche Geduld sie beweisen, welche Todesfreudigkeit sie

haben. Auch das habe ich nicht aus Schilderungen, denn fern ist diesen

Leuten Proselytenmacherei; sie brauchen nicht klüglich zu sprechen, um

für sich und ihre Lehre zu werben, sie sind anziehend, das ist mehr

als Jenes. -- Ich hörte öfter von einem alten, sehr leidenden Manne im

Bernwachtschen Hause reden, und ging eines Abends zu ihm. Möchte ich einst

so heiter sterben, wie dieser Greis! -- Als ich ihn fragte, ob ich ihm

irgendwie dienen, ihn mit etwas erquicken könnte, deutete er auf ein

Buch und einen Gesang, den ich ihm daraus vorlesen sollte; ich that es mit

Schüchternheit, das kindliche Verlangen nach der frohen Ewigkeit, welches

in diesem Liede lebte, war mir fremd, der Alte kannte es. Und dann wie

dankbar war er. »Der Herr wird es Ihnen lohnen,« verhieß er. Einige

Tage später war er bei seinem Herrn. Ich sagte es Bernwachts, als ich

es gehört hatte, sie wußten es schon, und Cäcilie sagte mit freudigen

Augen: »Wie schön wird er Weihnachten feiern!«

Solch ein Glaube kann da schwerlich einziehen, wo er so lange belächelt

ist; ich habe ihn nicht, aber ich muß ihn ehren. --

Gestern Abend nach Tisch war ich noch im Familienzimmer, wo wir

ausnahmsweise gegessen hatten, als die Gräfin ein dickes Buch hervorholte,

um ein Weihnachtslied auszuwählen. Der Graf, der sich mit mir unterhielt,

wurde zu Rath gezogen, und endlich ein Gesang zum Festliede ausersehen.

Es gefiel auch mir besonders, und als die Gräfin Anstalt machte es

abzuschreiben und viele Quartblätter schnitt, welche zeigten, daß sie es

in vielen Exemplaren haben wollte, bot ich meine Hülfe an. Ein freudiger

Blick lohnte mir. »Finden Sie das Lied schön?« fragte sie. -- »Ja,«

erwiederte ich, »es sagt mir sehr zu.«

»O, das ist auch eine Festfreude,« sagte sie herzlich, und reichte mir

die Hand zum Drucke; ich küßte sie aber demuthsvoll.

»Die Wahrheit ist eine siegreiche Macht,« sprach der Graf, »und eine so

selige,« fügte seine Frau hinzu.

»Aber mein Herz und mein Verstand sind sehr trotzig,« entgegnete

ich, »sie wehren sich selbst dann noch, wenn sie schon die Größe des

Ueberwinders ahnen und ehren.«

»Es wird Ihnen nichts helfen,« sagte der Graf, und drückte mir warm die

Hand; »die Wahrheit bedarf nur geringen Raumes, um bald siegreich das Feld

zu behaupten. Gott segne das Fest an Ihrem Herzen!«

»Amen!« hallte die Gräfin.

Ein Jahr zurück, nur ein halbes, und wie anders damals und jetzt! Was ich

jetzt zu sein wünsche, verlachte ich damals, Glauben nenne ich, was damals

Vorurtheil hieß, Aufklärung, was Befangenheit genannt wurde. Und dieser

Umschwung geschah in aller Stille, und was das Traurige dabei ist, ich

stehe nur draußen vor der Schwelle des Heiligthums, höre mit dem einen

Ohr die Harmonie drinnen, mit dem andern das Spotten ehemaliger Genossen.

Dennoch beschwere ich mich keineswegs, und wenn ich die ganze Wahrheit

sagen soll, so bin ich auf die Entwickelung dieses Seelenprozesses

neugierig. Wie und wann werde ich so glückselig werden wie der Graf,

oder sein Gärtner, oder Julchen, oder wird eine Reaction eintreten? Ich

wünschte, jene Leute wären wirklich in der Wahrheit, und Gott hülfe mir

auch dazu zu kommen. Gottes und Marien Sohn! --

Julchen sagte vor einigen Tagen zu mir: »Worin liegt denn eigentlich das

Unglück, wo steckt der Knoten?«

»Ich möchte gern ein Christ sein, wie andere mir liebe Menschen, und bin

es nicht im Stande.«

»Warum wollen Sie es denn sein?«

»Weil ich das Beste nicht für zu gut für mich halte, als Gottes Kind

könnte ich ja auch wohl ein Christ sein.« -- Sie lächelte, mußte aber

wieder fragen, warum ich das Christenthum für »das Beste« hielte,

und ich sagte ihr, daß ich die Wirkungen seiner Vortrefflichkeit nun

hinlänglich wahrgenommen hätte, um zu diesem Schlusse zu kommen, und

zweitens gedächte ich zuweilen mit einem peinvollen Gefühle an meine

mögliche Verblendung, an meine Undankbarkeit, wenn Christus nämlich

wirklich der wäre, den ich nicht glauben könne.

»Wenn es so steht, dann wenden Sie sich nur mit Ihrem Verlangen an Ihren

Schöpfer, beten Sie nur das schönste Gebet, welches wir haben, Sie beten

dann zu Ihrem Gott, und ganz im Sinne dessen, den Sie suchen, mit seinen

eigenen Worten.« --

»Das thue ich auch, und lasse es nun auf Ihn ankommen, lese auch fleißig

in der Bibel. Zuweilen prüfe ich, da nicht zu verkennen ist, daß ich

gewissermaßen mich der Kindheit wieder nähere, ob ich in meinem Urtheile

über andere Dinge auch anders, etwa schwächer, geworden bin, ob mein

Auswendiges gelitten hat, so fest hänge ich an Vorurtheilen! Aber lachend

muß ich mir gestehen, daß ich noch alle meine Gaben gut bei einander

habe, und mein der Freude so gern offenes Herz mit vielen schönen

Gefühlen angefüllt ist.

Das Lied will ich Dir abschreiben, es ist von Gerhard Tersteegen und

heißt:

Jauchzet ihr Himmel! frohlocket ihr englischen Chöre,

Singet dem Herren, dem Heiland der Menschen zu Ehre;

Sehet doch da! Gott will so freundlich und nah

Zu den Verlornen sich kehren.

Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Enden der Erden!

Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden;

Friede und Freud' wird uns verkündiget heut';

Freuet euch Hirten und Heerden.

Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget!

Sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget!

Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd':

Alles anbetet und schweiget.

Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimniß verstehen?

Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen,

Gehet hinein, macht euch dem Kinde gemein,

Die ihr zum Vater wollt gehen.

Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken?

Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken?

Sollt' nicht mein Sinn innigst sich freuen darin

Und sich in Demuth versenken? --

König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde,

Dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde,

Du sollst es sein, den ich erwähle allein,

Ewig entsag' ich der Sünde.

Süßer Immanuel, werd' auch geboren inwendig,

Komm doch, mein Heiland, und laß mich nicht länger elendig,

Wohne in mir, mach mich ganz Eines mit dir,

Und mich belebe beständig.

Menschenfreund Jesu, dich lieb' ich, dich will ich erheben,

Laß mich doch einzig nach deinem Gefallen nur leben,

Gieb mir auch bald, Jesu, die Kindesgestalt,

An dir alleine zu kleben.

Zuweilen drückt sich der Verfasser ein bischen wunderlich aus, aber paßt

das Gedicht nicht genau auf mich und meinen gegenwärtigen Zustand? So

finde ich es auch mit vielen Bibelstellen, oft finde ich Worte des

Rathes in der Bibel, die mir fast wie ein Wunder vorkommen, denn vor fast

zweitausend Jahren geschrieben, beantworten sie genau eine nur gedachte

Frage der Gegenwart. Wenn Jesus doch noch auf Erden lebte! -- Das sieht

nun aus wie der fromme Seufzer eines Heiligen, während ich, weit davon

entfernt, durchaus ein Kind dieser Welt bin, und den Heiligen eigentlich so

ziemlich gänzlich verleugne. --

Gute Nacht, liebe Schwester; es ist bei meinem Schreiben spät geworden.

Wie die Sterne draußen funkeln! Der Schnee liegt hoch, weit und breit, die

Natur feiert auch auf ihre Weise. -- Ich lege diesen Brief auf ein

Bild, welches Du Dir längst gewünscht hast, und schicke es Dir mit den

wärmsten Grüßen. Lebe wohl!

_Dein Bruder Justus._

Am 2. Weihnachtsfeiertage.

Es läutet eben zum Nachmittagsgottesdienst, die Sonne lacht heiter in's

Fenster und läßt die vergoldeten Aepfel an meinem Weihnachtsbaume hell

erglühen. Dein Brief, der mit all den vielen empfangenen Geschenken

darunter liegt, redet mir zu zu schreiben, und -- hier bin ich.

Ich bin in einer wundervoll friedereichen Stimmung. Das Leben ist

kein Traum, aber ein Räthsel, ein unerschöpflicher Glückesborn, ein

sinnreicher Lehrmeister, der zugleich beschämt und beseligt. Warum es

mir so einzig im Kopf und Herzen klingt, kann ich nicht genau

auseinandersetzen, in Summa aber ist es die Liebe, die mich jubeln und

danken läßt. Liebe überall! -- »Also hat Gott die Welt geliebt«

-- kennst Du das auch, daß irgend eine Strophe oder ein anderes Wort

unablässig im Ohre klingt, daß man es gar nicht los werden kann? So geht

es mir heute mit den Worten: »also hat Gott die Welt geliebt.« --

Die Welt hat diese Liebe begriffen, wie entzückt sieht sie aus, wie

verschwenderisch ist sie im Nachahmen jener Liebe, auch ich werde damit

überschüttet, aber ich erwiedere, verlaß Dich darauf! --

Ich möchte, ich könnte Dir auch all die schönen Sachen zeigen, die mir

am heiligen Abend bescheert wurden, da liegen sie festlich im Sonnenglanze:

ein neues Testament von der Frau Gräfin, ein warmer, weicher Reisepelz

von dem Grafen, von Johannen der Baum -- das süße Geschöpf mit seinen

prächtigen Einfällen! -- Nun kommen die aus dem Bernwachtschen Hause:

eine Specialkarte der Provinz vom Alten, ein riesiger Pfefferkuchen

von Frau Bernwacht; Therese hat mir eine Uhrschnur gearbeitet, Ida ein

Notizbuch gestickt, Cäcilie drei Lesezeichen, Burga und Berga ein

Paar farbenreiche Morgenschuhe. Auch von Julchen liegt etwas da, etwas

Rührendes: es ist ein Brief von unserer Mutter, ich will ihn Dir

abschreiben.

Liebes Julchen. Hier schicke ich Dir das Probehemdchen für Paulinen, die

neuen müssen aber eine handbreit länger und weiter gemacht und auch in

den Aermeln verhältnißmäßig größer werden. Gern hätte ich es Dir

selbst gebracht, Du weißt, ich wünschte schon am Sonntag bei Euch zu

sein, aber mein Justus ist unwohl, und ich mag ihn, da er so stürmisch

ist und seine Vorsätze leicht vergißt, nicht verlassen, er könnte leicht

etwas thun, was ihm schadete, das Mutterherz ist so ängstlich! --

Gott befohlen!

_Deine Marie._

Die alte Zeit lebt auf, ich sehe der Mutter zarte Gestalt, ihr sorgsames

Auge. Das Wort, das längst ungewohnte, _mein_ Justus, weckte ein Sehnen

in mir, oder schärfte es nur -- aber ich will nicht mehr stürmisch sein,

Pauline, meine guten Vorsätze sollen erstarken.

Wie es im Feste war? Schön. Erst allgemeine Bescheerung hier im Schlosse,

die ganze Bewahranstalt, alle Waisenkinder waren da. Ehe sie in den

Speisesaal, wo Alles arrangirt war, eingelassen wurden, war Andacht im

daranstoßenden Betsaale, ähnlich wie schon manchmal, nur viel freudiger

noch. Auch die Bernwachtschen Töchter waren sämmtlich da. »Mama baut

auf,« flüsterte Berga, »freuest Du Dich nicht schrecklich?« -- »Nein,

ich freute mich recht schön, für Niemanden zum Erschrecken, ganz sanft

wie ein gutes Kind, ähnlich vielleicht wie Cäcilie.« --

Die von der Gräfin für die Kinder bestimmten Geschenke waren durch

freiwillige Beiträge aus der Stadt bedeutend vermehrt; ich entdeckte auch

hübsche, braun- und rothgestreifte Schürzchen, welche ich unter Theresens

Händen entstehen gesehen, und eine Menge kleiner gestrickter Handschuhe

wollten mich an ein junges Mädchen erinnern, dessen Fleiß ich in den

Leseabenden zu bewundern Gelegenheit gefunden hatte. -- Allgemeine Freude

auf dem Schlosse und ebenso bei Bernwachts, Jeder gab, Jeder empfing und

war in bewegter Stimmung. --

Deine Einkäufe habe ich mit vieler Freude empfangen und ausgetheilt,

doch anders wie ich anfangs beabsichtigte. Als ich den Berg Geschenke für

Cäcilie erblickte, stieg's wie Spott über meine Zuversichtlichkeit in mir

auf: mit welchem Rechte durfte ich sie so auffallend vor ihren Schwestern

auszeichnen? Nur Amarant, welches ich Deiner Wahl verdankte, und das mich

gleich, nachdem ich hineingesehn und ein Paar Verse gelesen hatte, für

sich entschied, legte ich, nebst einem frischen Bouquet aus dem Treibhause,

auf ihren Platz unter dem Baume, das andere Buch, »die weite, weite

Welt,« will ich für die Leseabende aufheben. Therese erhielt zu ihrer

Briefmappe die Perlen, Ida zu den Noten das Kreuz, Julchen außer dem Muff

Scrivers Werke, und den Kleinen steckte ich die Mappe voll Zeichnungen.

Alle fanden sich sehr reich beschenkt; noch an demselben Abend sah ich

Cäciliens Wangen sich höher färben durch -- Amarant. Sie findet es

schön, und hat es ihrerseits zum Beitrag für die Leseabende bestimmt,

obgleich Theodor sie mit den herrlichen Briefen »Wilhelm von Humboldts an

eine Freundin,« beschenkt hat. -- Nun auch Dir Dank, Schwesterherz!

Dank für jeden Ausdruck Deiner Liebe. -- Dein Rath, mich mit meinen

Ansiedlungsplänen nicht zu übereilen, ist begründet, und soll befolgt

werden -- ich sagte es Dir ja, ich habe nicht die leiseste Hoffnung,

daß der süße Traum einst verwirklicht werden könne; ich will nichts

übereilen, sondern still abwarten, wie Gott es will. Mein herzliches

Lebewohl!

_Justus._

Den 15. Februar.

Du mahnst mich an mein Versprechen, keine Lücke in unserm Briefwechsel

entstehen zu lassen, so will ich schreiben, es ist jedoch wenig zu

berichten. -- Des Tags bin ich meist sehr fleißig, und die Abende

verfließen in Dir bekannter, lieber Weise, nur lesen wir zweimal in der

Woche, statt einmal. Wir sind bei der weiten, weiten Welt, und mit Ausnahme

Ida's, die gleich durch den etwas breiten Anfang des Buches gegen dasselbe

eingenommen wurde, findet es allgemeinen Beifall, besonders bei meinem

kleinen, frommen Lieblinge, der Cäcilie. Sie schwärmt für Helene

Montgomery, für Alice und St. John, sie liebt Master Vanbrunt, und

entschuldigt -- auf Ida's Angriffe -- selbst alle vorkommenden kleinen

Teufeleien, welche die wilde kleine Person, Helenens Plagegeist, ausübt,

damit, daß das Alles nachher ihr leid genug gethan habe, und mehr

könne man nicht verlangen. -- Da fällt mir noch etwas Anderes bei, was

charakteristisch ist. Vor einiger Zeit war ich Nachmittags bei Bernwachts.

Draußen, vom wildesten Schneegestöber umstürmt, standen ein Mann und ein

junges Mädchen, er drehte die Orgel, sie sang, und sang mit einer Ruhe und

Resignation, aber dennoch melancholischer Stimme und Weise, das Lied -- ich

weiß seinen Anfang nicht -- welches zum Refrain die Worte hat: »Das Leben

ist ja nur ein Traum.«

Frau Bernwacht schickte einige Münze hinaus und sagte: »Die junge Person

hätte besser gethan, in ihrem Dorfe zu bleiben, als in der Welt herum

zu reisen; was hat sie nun davon? Ich sollte denken, die schwerste Arbeit

wäre ein Vergnügen gegen diese Lebensweise.«

»Sie mag aus der Stadt sein, Mama,« entgegnete Therese nachdenklich,

»und Du weißt, wie schwer es Vielen in den großen Städten wird, sich

ehrlich zu ernähren, sie hat vielleicht schon Mancherlei vergeblich

versucht und nothgedrungen dies Wanderleben begonnen.«

»Vielleicht hat sie eine arme, kranke Mutter zu Haus,« sagte Cäcilie

mitleidig, und betrachtete sie ernst mit ihren warmen Blicken; »sie sieht

recht so aus, als wenn ihr das Herz weh thäte.«

»In dem Falle hätte sie lieber die Barmherzigkeit der Menschen ansprechen

sollen, und die Mutter pflegen,« beharrte die Bürgermeisterin, »dies

Vagabondiren ist der Ruin für solche Mädchen. War es vorhin für sie

schwer, ein Unterkommen oder Unterhalt zu finden, dann wird es ihr nachher

fast unmöglich sein. Wer nimmt wohl ein Mädchen, was sich zu solchem

Leben einmal bequemt hat, in Dienst? ich gewiß nicht.«

Ida war auch theilnehmend geworden und vertheidigte das Mädchen: sie

arbeite ja auch, das sei, nach ihrer Meinung, immer besser als betteln. So

lange man irgend Kräfte habe, müsse man Andern doch nicht lästig fallen

wollen. Wenn sie z. B. in so unglücklicher Lage wäre zwischen Betteln und

Straßensingen wählen zu müssen, so würde sie ihr Angesicht verhüllen

und singen.

»Ich nicht,« sagte Cäcilie erregt, und reichte dem vorübergehenden

Mädchen ein winziges, weißes Päckchen aus dem Fenster, »mir würde das

Bitten gar nicht so schwer werden. Das Geben ist ja eine Freude, man

kann sich ja mit seinen Bitten an solche Leute wenden, die dadurch nicht

belästigt werden, und nun gar für Andere! -- ich habe doch mehr Muth als

Du, Ida.«

»Demuth,« sagte die Mutter. Cäcilie erschrak fast und senkte die Augen;

sie sah gerade so aus, als dächte sie: Demuth -- ich?

»Demuth -- ja,« wiederholte Ida kühn, »aber Muth -- nein: Du

würdest lieber vergehen, als ein Leben führen, was unter dem Banne

der öffentlichen Meinung steht, Du würdest fürchten im Bereiche des

Niedrigen und Unreinen auch bei Dir selbst zu verlieren, Du bist überhaupt

nicht sicher, trotz Allem, immer stehen zu können.«

»Nein, das bin ich nicht,« erwiederte die Schwester sanft, »ich mache

ja alle Tage die Erfahrung, daß ich der göttlichen Hülfe und Gnade

bedarf.« --

Bin ich ein Thor, Pauline, daß ich der Neugierde den Zügel schießen

ließ, daß ich mich in ihre kleinen Geheimnisse eindränge? Ich habe das

singende Paar in einer Spelunke aufgesucht und mir das Zettelchen zeigen

lassen. Hergeben wollte ihn das Mädchen um keinen Preis, ich bot ihr viel,

aber sie blieb fest, und warum soll ich ihr den Talisman, den Engelgruß

nehmen, da sie ein armes, elendes Geschöpf ist, was vielleicht nichts

Heiliges weiter in der Welt hat! -- Auf dem Zettel, auf dem noch deutlich

die Spur des eingewickelten Geldstückes zu sehen war, stand:

Habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte Dich, daß Du in keine

Sünde willigest, noch thuest wider Gottes Gebot. -- Wirf dein Anliegen

auf den Herrn, der wird Dich versorgen. Gott sei mit Dir, Amen.

Ich beschenkte sie reichlich und sie trug mir auf, der jungen Dame zu sagen

-- was natürlich wohl nie geschehen kann -- daß sie nie wieder so singen

würde. Sie sei einer allzu strengen Herrin entlaufen, Angehörige habe

sie nicht mehr, ein Dienst sei nicht zu finden gewesen, sie habe Schulden

machen müssen -- so sei es gekommen. Nun sollte ein anderes Leben begonnen

werden. -- Ob ich ihr nicht den Namen des Fräuleins sagen wolle, sie wolle

ihn dem lieben Gott nennen. »Glauben Sie denn an Gott?« fragte ich schon

in der Thüre. »Ach,« seufzte sie da, »Sie dachten, ich wäre ganz

verworfen!«

Ida's Bild ist bald fertig; ich habe Dir wohl noch nicht geschrieben, daß

die Familienhäupter sich dem Aschenbrödelproject entschieden widersetzen.

Die jungen Damen fanden es ganz hübsch und hätten ihre Einwilligung

vielleicht nicht versagt. Zu Anfang der nächsten Woche gedenke ich

Cäcilien zu malen, hier im Schlosse bin ich bald fertig. Noch bin

ich unschlüssig, wohin ich von hier gehe, zuweilen denke ich an das

Morgenland, es wären interessante Studien dort zu machen, und vielleicht

-- ich träume wieder! nein, ich will nur in der Nähe bleiben. --

Weißt Du, ich habe ein Lied gehört, das Du Dir in einer

Musikalienhandlung suchen mußt. Von wem es gedichtet und componirt ist,

weiß ich nicht, aber ich habe es singen hören, kann Dir auch den Text

schreiben. -- Ida war bei der letzten Sitzung mißgestimmt, und ich wollte,

weil ich diese Linien des Verdrusses nicht in das Portrait einfließen

lassen mochte, zu malen aufhören, als Therese Cäcilien bat, dies Lied

zu singen, sie meinte mit Recht, dann würde die Wolke wohl verfliegen.

Du magst den Text sehr einfach finden, vielleicht ganz unbedeutend, ich

versichere Dich aber, das Ganze war von ergreifender Wirkung.

Du Tropfen Thau, seh ich dich an,

Kommt mir die Thräne süß und still,

Weil du so treu dein Blümlein liebst,

Wie ich wohl einmal lieben will.

Und trennt dich auch an jedem Tag

Von deinem Lieb der Sonnenschein,

Du kehrst am Abend stets zurück,

So muß wohl treue Liebe sein.

Und stirbt dein Lieb vom Sonnenbrand,

Dann stirbst auch du im letzten Kuß,

Ich seh dich an und sinne still;

Wie solch ein Tod beglücken muß! --

Wie ich wohl einmal lieben will! Sie weiß es nicht, das Kind, und doch

dieser hinreißende Vortrag, dieser unvergleichliche Ausdruck! Es liegt

gewiß darin, daß es ihr angeboren ist, nie Mißgriffe zu begehen, in

Allem vollendet zu sein. -- Ida wurde ganz sanft und schön, ich unruhig,

mir klopfte das Herz vor schmerzlicher Wemuth. Cäcilie und ich, welch ein

Unterschied! Kannst Du mir nichts nennen, was die Kluft ausfüllen könnte?

Doch wie spreche ich, wie solltest Du junges Kind wissen, was der Weiseste

auf Erden nicht erdenken könnte. Lebe recht, recht wohl!

_Justus._

Am 2. März.

Bin bei der süßesten Arbeit, Du weißt bei welcher. Natürlich sind wir

nie allein, aber wozu auch? ich würde ihr doch nichts sagen, nicht von

fern meine schneeweiße Lilie beunruhigen. Wir plaudern herrlich unbefangen

mit einander und ich bin auch, ihr gegenüber, vollständig befriedigt. Was

könnte ich noch Schöneres wünschen, als sie ansehen, ihre freundliche

Stimme hören zu dürfen, die mir des Lieblichen so viel sagt: -- Sie ist

ganz vertrauungsvoll, und plaudert, was ihr in den Sinn kommt. »Was wird

Theodor sagen,« meinte sie gestern, »wenn er wiederkommt und mich auch

gemalt sieht; ich habe es immer für Scherz gehalten, wenn Sie davon

sprachen.« -- »Warum,« fragte ich, »sah ich so spaßhaft dabei aus?«

»Auch wohl, und ich bleibe ja bei den Eltern.« --

»Ida ja auch,« wendete ich ein, als wäre das kein Grund. Sie lächelte.

»Wenn Sie wieder kommen, müssen Sie Theresen auch malen,« fuhr sie

fort, »in spätestens zwei Jahren ist ihre Hochzeit und dann verläßt sie

Burgwall.«

»Komm ich denn wieder?« fragte ich.

»Ich dachte,« antwortete sie ganz erstaunt.

»Und so bald?« fuhr ich zu fragen fort.

»Das müssen Sie am besten wissen.« -- Ich schüttelte den Kopf; es

schien mir gerade in diesem Augenblicke, als sei es doch besser, ich kehre

in Jahr und Tag nicht wieder hierher zurück. -- Zuweilen erzählt sie

etwas aus ihrer Kinderzeit, und wie frisch lacht sie dabei! Neulich wurde

das Gespräch zwischen ihr und den Schwestern sehr lebhaft, man neckte sie

mit vergangenen Zeiten, da hatte sie sich zu vertheidigen, und dann mußte

sie wieder lachen, sie wurde ganz unruhig auf ihrem Stuhle und wendete sich

bald hier und bald dorthin, ich vergaß das Malen darüber und sah sie an.

Plötzlich fiel ihr Blick auf mich, wie ich dasaß, nichts that und sie

betrachtete, sogleich setzte sie sich in Positur, neigte sich mir etwas

entgegen und flüsterte: »Sie sind eigentlich sehr gut -- nicht wahr

Mama?«

»Was denn?« fragte diese.

»Herr Brand ist sehr gütig, so geduldig zu warten.« --

Hätte sie die Sache nicht unter uns lassen können? -- aber nein, sie hat

nichts zu verheimlichen, was mich angeht.

Julchen Hermann hatte, als sie an der Reihe war, kein Buch mitgebracht, und

appellirte an die Großmuth der Jugend, die da nichts verlangen werde, wo

nichts sei, sie habe keine belletristischen Bücher. Sie kam aber mit

ihren schönen Reden nicht durch, sondern mußte sich bequemen frei eine

Erzählung aus dem Leben vorzutragen, und wenn nicht aus ihrem eigenen

Leben, so doch aus ihrer Zeit.

Nach einigem Weigern that sie's, und ich will sie Dir copiren.

Der Sohn der Wittwe.

Nicht weit von der Försterei zu Drosehalm, liegt ein kleines Haus, welches

vor mehreren Jahren einer Wittwe gehörte, die mit ihrem einzigen Sohne,

einem lebhaften, gescheuten Knaben, in der einförmigsten Weise darin

lebte. Während Ludwig, so hieß der kleine Wildfang, der die Gedanken der

stillen Frau fast beständig beschäftigte, in der Schule war, besorgte sie

das kleine Hauswesen, führte die Ziegen auf die Weide, arbeitete in dem

Gärtchen, welches die Vorüberfahrenden, wenn sie um die Waldecke bogen --

das Haus lag an der Landstraße -- vom Frühling bis zum Herbste, wie

ein unerwarteter, freundlicher Gruß, durch seine lachenden Blumen

überraschte, oder sie saß auch im Zimmer und spann. That sie Letzteres,

dann konnte man sicher daraus rechnen, daß irgend ein Erbauungsbuch, die

Bibel war ihr das liebste, aufgeschlagen neben ihr lag, denn durch die

jahrelange Uebung hatte sie es dahin gebracht, daß sie neben dem Spinnen

auch lesen konnte. -- Zuweilen erhielt die Wittwe auch Besuch aus der

Stadt, von Solchen, die ihr befreundet waren, und die auf der Reise nach

der Nachbarstadt, vor ihrer Thüre vorbei mußten, oder von dieser oder

jener armen Frau, die in großer Verlegenheit war, und Frau Schmidt um

Rath, Unterstützung oder Fürsprache bitten wollte, denn es war bekannt,

daß die einfache Frau im Waldhause unter den vornehmen Damen Gönnerinnen

hatte, die sie an manchem lieblichen Abende in ihrem stillen Hause

aufsuchten. Alle Besuchenden fanden dieselbe Aufnahme, sie erhielten

sämmtlich zum Gruße ein freundliches Gesicht, die Hand zum Drucke und

ein herzliches Willkommen. Alle gingen auch in der Regel befriedigt von

ihr fort, die Bittenden, nachdem sie erhalten, was sie wünschten, die

Trostesbedürftigen mit erneutem Muthe im Herzen, denn Frau Schmidt hatte

stets guten Muth, sie konnte unter allen Umständen, zu jeder Zeit davon

mittheilen. Auch die großmüthigen Damen, welche die Wittwe dann und wann

besuchten -- obgleich sie, trotz der Bitten der Kinder namentlich, nie

in ihren Häusern in der Stadt zu sehen war -- fanden sich in ihrer

Gesellschaft und der stillen Stube, welche im Sommer eine schöne Linde

beschattete, sehr behaglich. Die Kinder, welche sie mitbrachten, tummelten

sich, während die Frauen sich drinnen unterhielten, auf dem freien

Platze vor dem Hause, herum, oder näherten sich vorsichtig dem kleinen

Flüßchen, das noch sehr jung und unerfahren, mit großer Eile, über

Stock und Stein, durch den grünen Thalgrund, dem größeren, bedächtiger

fließenden Fluße zu eilte, der sich um die Stadt schlingt. In den Garten

zu gehen, wagten sie erst dann, wenn Frau Schmidt es ihnen ausdrücklich

erlaubte, oder wenn Ludwig aus der Schule kam, der dann sogleich sein

Bücherpaquet sammt Riemen in die erste, beste Ecke schleuderte, um als

galanter Wirth sich seinen Gästen zur Disposition zu stellen. Heidi, dann

gings lustig zu! kein ansehnlicher Schmetterling war seines Lebens

sicher, er mochte flattern wo er wollte, über dem Bache oder über den

Lilienkelchen, ihm wurde rücksichtslos nachgestellt. Ferner wurde den

kleinen, schlanken Fischen aufgelauert, die ganz harmlos schaarenweise,

zwischen den bemoosten Steinen, sich so wohlig dahinwanden; zuweilen war

denn auch wohl eine schöne bunte Forelle darunter, die durfte dann nie

entwischen, denn Forellen sind theure wohlschmeckende, vornehme Fische,

wohlgeeignet für die Tische reicher Leute und Ludwig schenkte gerne. Er

hatte sich dazu einen Topf mit durchlöchertem Deckel, von seinem Spargelde

gekauft, damit er, so oft das Glück ihm wohlwollte, lebendige Forellen,

auf seinem Schulwege der Frau Pastorin, oder Stadträthin, oder irgend

einer namhaften Dame, mitnehmen konnte. Von vorn herein hatte er sich so

zu stellen gewußt, daß man ihm solche Lieferungen nicht bezahlen konnte,

nein, er nahm nichts, er durfte auch nicht, er dankte sehr, höchstens

waren ihm ein Paar Aepfel aufzunöthigen, und die nahm er dann mit einer so

tiefen Verbeugung, und bedankte sich so ernst, daß es aussah, als glaubte

er, der besonders, hauptsächlich Beschenkte zu sein.

Aber Ludwig war durchaus nicht so bescheiden, wie es im Allgemeinen von ihm

hieß, er war vielmehr stolz, und baute nicht, wie er durfte, Hoffnungen

auf seine ihm von Gott verliehenen Gaben, sondern er pochte auf sie. Er war

klug, geschickt und muthig, was lag nun daran, daß er nur eines schlichten

Bergmannes Sohn und nicht der Sprößling einer Patrizierfamilie war? Das

Blättchen kann sich wenden im Leben, dachte er, und blickte stolz dabei

umher, was niedrig ist, kann hoch, und was hoch ist, kann ganz klein

werden.

Einmal hörte seine Mutter einen solchen laut gewordenen Gedanken, da

sagte sie: »Wenn Gott will -- aber dem Demüthigen giebt Er Gnade.« --

»Erkundige Dich doch, was die Leute von mir sagen,« entgegnete ihr der

vierzehn Jahre alte Knabe, »Niemand wird mich hochmüthig nennen.« --

»Du kannst wohl Menschen, aber nicht Gott betrügen,« erwiederte ihm

seine Mutter sehr ernst, und nun hütete er sich wohl, seine innersten

Gedanken wieder laut werden zu lassen.

Ostern darauf wurde Ludwig eingesegnet und zu einem geschickten Tischler

in die Lehre gebracht, obgleich er seine Mutter fast fußfällig um die

Erlaubniß bat, einen höhern Beruf wählen zu dürfen. Auch seine Lehrer

riethen der Wittwe, dem Sohne eine umfassendere Ausbildung geben zu

lassen, als die Schule es bisher thun konnte, denn seine Gaben seien nicht

unbedeutend, und ein in ihm wohnender, nicht zu verkennender Ehrgeiz werde

ihn spornen, ihre Opfer zu vergelten. Aber die sonst so sanfte Mutter

zeigte hier eine große Festigkeit und blieb beharrlich bei ihrem

Entschlusse, den Sohn ein Handwerk erlernen zu lassen, welches -- das möge

er selbst bestimmen. Eben sein Ehrgeiz sei es, der sie in dieser Sache so

entschlossen mache, sie wolle das Ihrige dazu thun, diesen hochstrebenden

Sinn zu demüthigen, damit er einst fähig werden könne, nach wahrhaft

hohen Dingen zu trachten.

»Mutter, ist es denn etwas Gefährliches, ein guter Lehrer oder gar

Prediger werden zu wollen?« fragte Ludwig mit Thränen in den Augen,

»kann ich nicht dem lieben Gott viel besser dienen, wenn ich den Beruf

habe von seiner Größe und Liebe den Menschen zu erzählen, als wenn ich

dastehe und schmiede, oder leime, oder so etwas?«

»Wenn Du wirklich viel von seiner Größe wüßtest, und von heiliger

Liebe getrieben würdest, mein Sohn, dann würdest Du demüthiger sein,«

antwortete die Mutter, »etwas Sündlicheres kann ich mir kaum denken, als

einen Geistlichen, der auf die Kanzel mit dem Gedanken kommt: heute werde

ich gewiß bewundert werden, der mit seiner Predigt sich verherrlichen

will; der das Kreuz predigt und den eigenen Ruhm vor Augen hat. Nein,

Ludwig, bleib in unserm Stande, Du kannst darin sicherer selig werden.«

Ludwig sah sehr finster dazu aus, und er seufzte tief über der Mutter

schreckliche, sein Lebensglück zerstörende, Verblendung, aber er konnte

nichts dagegen ausrichten und so wurde er ein Tischlerlehrling.

Sein Meister nannte ihn musterhaft: er war fleißig, anständig in seiner

äußern Erscheinung, zuvorkommend, ernst, zuverlässig, sein Lob ertönte

reichlich, namentlich fand der Lehrherr es so rühmenswerth, daß er stets

pünktlich an Ort und Stelle war, sei es zur Arbeit, zu Tisch, zur Kirche,

oder sonst irgendwo, einem Versprechen oder Auftrage zu folgen; was er

versprach, hielt er mit gewissenhafter Genauigkeit.

»Er wird einmal ein gemachter Mann,« prophezeihete er, »ich sehe schon

den künftigen Gewerksvorsteher, wenn nicht Senator der Stadt in ihm.« --

Wohl freute sich die Mutter über das Lob ihres Lieblings, aber sie bat den

Meister inständig, es den Knaben nicht hören zu lassen.

»Glauben Sie, es ist Wasser auf seine Mühle,« stellte sie ihm vor, »es

bewegt seinen Sinn die leidige Eitelkeit ohnehin genug.«

»Nun was schadet die Eitelkeit?« entgegnete der Meister fast unwillig,

»wenn sie das Rad der Thätigkeit in Bewegung setzt und den Jungen alle

seine Kräfte mit Lust gebrauchen läßt? Nichts für ungut, Frau Schmidt,

aber Weibererziehung ist nicht für solchen aufstrebenden kleinen Menschen,

Ihr möchtet aus lauter Zaghaftigkeit alle frischen Sproßen seiner

kernigen Wurzel streng beschneiden, damit sie möglicher Weise nicht zu

einer Wildniß heranwachsen.«

»Gott hat ihm doch den Vater genommen, und mich für ihn bestellt,«

erwiederte die Mutter ganz sicher, »darum muß ich ihn nach der Einsicht

erziehen, die Er mir gegeben hat.«

Die Lehrzeit verfloß. Zwei Jahre blieb Ludwig noch am Orte, dann schnürte

er sein Bündel und ging in die Fremde. Der Abschiedstag war ein schwerer

für seine Mutter, sie hatte nichts weiter auf der Welt, daran ihr Herz

so ganz hing, wie diesen einen Sohn, und trotz seiner Fehler, als Sohn

war Ludwig musterhaft! Aber es mußte geschieden sein, und die Liebe macht

stark, besonders eine Mutter, welche freudigen Glauben zu Gott dem Herrn

hat, sie küßte und segnete ihn, begleitete ihn auch über das Weichbild

der Stadt hinaus und kehrte dann ergeben in ihr einsames Haus zurück. --

Ihre Lebensweise blieb dieselbe wie bisher, nur daß sie nicht mehr wie

früher, Sonntags auf der Brücke, die über den kleinen Fluß führte,

stand und nach der Stadt hinsah, von welcher ihr Sohn sonst kam, und daß

sie jetzt noch mehr betete als las.

Ein Festtag war allemal für sie, wenn der Postbote auf ihr Haus zuschritt.

O, ihr Herz fühlte dann einen wahren Freudenrausch! -- Die Nachrichten

waren anfangs meist gut, Ludwig hatte fast immer in großen Städten Arbeit

gesucht und gefunden, und schrieb gewöhnlich erfreut über das Gute, das

man auf Reisen kennen lernen und einsammeln kann. Selten klagte er, auch

vom Heimweh hatte er nicht gerade zu leiden, doch war seine innige Liebe

zur Mutter unverkennbar. Mehr als es der bescheidenen Frau lieb war,

deutete er an, wie er es ganz anders für die Zukunft mit ihr beabsichtige,

sie sollte einst bequemer, schöner wohnen, ein Haus in der Nähe der Stadt

haben, schon damit der Kirchweg ein kürzerer sei; er wollte dieses Haus

mit den schönsten Möbeln schmücken, für wen er denn sonst etwas lerne,

wenn nicht für sie? In diesem Tone schrieb er oft, wenn auch die Mutter

zu mäßigen suchte, und darauf hinwies, daß ihr Glück nicht im

Aeußerlichen bestehe, daß sie auch für ihren Stand und ihre Gewohnheit

hinreichend mit dem Nöthigen, ja Angenehmen versehen sei.

Jahre verstrichen wieder, die Wittwe hatte ein ganzes Kistchen voller

Briefe, sie hatte auch des Sohnes Bild und freute sich sehr darüber: es

lächelte sie an und sah stattlich aus, der Jüngling war zum Manne heran

gereift, nur schien es ihr, als wisse diese breite Stirn von Trotz, als

läge in der ganzen Haltung eine Energie, die sich gegen jede zugemuthete

Unterwerfung sofort empören würde. Aber seine Briefe waren ja so

liebevoll, _ihr_ war er doch ergeben, das war gewiß, sie wollte auch nicht

zu ängstlich sorgen, sondern alle ihre Sorge auf Ihn werfen, der für uns

sorgen will.

Dann kam aber eine Zeit, da seine Briefe das deutliche Gepräge des

Mißmuthes trugen; er klagte, es werde den Abhängigen zu schwer gemacht

sich den, ihren Fähigkeiten gemäßen, Standpunkt zu erringen, der Lohn

sei im Verhältniß zur Arbeit zu gering, die Behandlung nicht selten

unwürdig, die Besitzenden seien meistentheils herzlos -- die Mutter

wisse es nur nicht, wie es in der Welt zugehe, und er danke Gott, daß sie

dieselbe nicht gebrauche. Die Mutter hatte genug zu ermahnen und

schrieb auch, wenn es ihm draußen nicht gefalle, dann möchte er doch

wiederkommen, sie sehne sich ohnehin so sehr nach ihm. Gewiß hätte er so

viel gelernt, um die Innung mit einem Meisterstück zufrieden stellen zu

können, dann könnte er in der großen Stube seine Werkstatt aufschlagen

und sie würden Beide ein so recht seliges Leben, nach der langen Trennung

mit einander führen. Diese liebevolle Einladung hatte aber eine sehr

heftige Entgegnung zur Folge. Ob er darum so weit und lange gereist sei, um

mit leerer Hand, als ein armseliger Gesell wieder zu kehren, und der Mutter

Besitz zu seiner Etablirung zu benutzen? Nimmermehr! Er fühle hinlänglich

Kraft in sich, es mit der Feindseligkeit einer ganzen verkehrten Welt

aufzunehmen!

Dieser harte Brief kam im Waldhause bei Winterszeit an, als der Schnee hoch

lag und die Wittwe schon wochenlang nicht aus dem Hause gekommen war. Wie

sehnte sie sich nach der Kirche! Zwar war ihr Herz selber ein dem Herrn

geweihter Tempel, und Haus und Garten und der stille Wald kannten den

Austausch ihrer Gefühle gegen den Segen himmlischen Trostes, aber dort, wo

sie die Weihe der Sakramente empfangen, sie und ihr Sohn, dort betete sie

besonders freudig für den geliebten Fernen. Nun ging es nicht, sie konnte

kaum zur Försterin kommen, um sich in ihrer Herzensbeklemmung an einigen

freundlichen Worten der Försterin zu erquicken, sie war mit ihrer Unruhe

in das Haus gebannt. »Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch

auf Erden, hilf dazu!« das waren Worte, die sich oft, vielleicht ihr

unbewußt, über die Lippen drängten, ihr Herz fühlte das Flehen

beständig.

Und die Zeit der Finsterniß ging vorüber, der Schnee schmolz, die Sonne

lachte heiter durch die kleinen Scheiben des Fensters, wo über Rosen- und

Myrthenstöcken des Sohnes Bild hing; er schien die Mutter anzulächeln

und -- o der Freude! da kam auch der Mann mit der Briefmappe wieder, kaum

konnte die Mutter sein herzliches »Gott grüß!« erwiedern, so bewegt

war sie von der Erwartung, ob der liebe Herr, ihr treuer Helfer, des Sohnes

Herz gemildert habe, ob er, der Ferne, auch Sonnenschein um sich sehe und

in sich spüre. Und es war gut, Alles gut! Er schrieb reuig, bat wegen

seiner Heftigkeit um Verzeihung, erzählte von bessern Tagen, die ihm

angebrochen, und von der Aussicht auf Verwirklichung seiner Wünsche. -- An

diesem Tage hätte Mutter Schmidt sich recht gern arm geschenkt, vielleicht

hätte sie dies überhaupt schon längst gethan, wenn sie den Sohn nicht

gehabt hätte. Zum Glück sah sie, noch ehe die Sonne unterging, die

liebe, freundliche, theilnehmende Sonne! auf dem Wege drüben ein Paar

arme Kinder, die holte sie, fragte redselig wie nie, nach ihren geheimsten

Wünschen, und fand sich so reich, diese befriedigen zu können. Einen

so seligen Tag hatte sie lange nicht gehabt. Ja, das Herz ist tief zu

bejammern, welches so gerne opfern möchte, und keinen Altar finden kann,

auf dem es geschehen könnte. Es gehört zuweilen Muth dazu, ihn zu suchen

und viel Zeit, ihn zu finden, aber es giebt ihrer unzählige um uns herum.

Möge Gott zu allen Zeiten unsere Augen leiten, daß wir das Rechte sehen,

und unser Herz, daß wir das Rechte thun!

Vergiß nicht, Pauline, daß ich nur wieder erzähle, ich spreche das

Gehörte nach, aber ich spreche auch mit. Ja, Gott helfe allewege! --

Nach wenigen Wochen kam abermals ein Brief, und diesmal von einem reichen

Geschenke von Kleidungsstücken begleitet. Das war nicht nach dem Sinne der

Mutter, sie wurde wieder nachdenklicher, aber der Frühling wollte es nicht

leiden, er lockte sie nach draußen und zeigte ihr die Verschwendung an

Prachtgewändern, welche der liebe Gott den Blumen gestattete. Tausende

blühten gestern und lagen heute welk, verblüht zu den Füßen

Neugeschmückter, das ganze Thal war im farbenreichsten zartesten Schmucke,

der Reichthum sproßte als saftige Zweige aus den Bäumen, breitete sich

als bunt gewirkte Decke über die Hügel, wogte in der Farbe der Hoffnung

über die im Herbst bestellten Aecker. Das Leben däuchte ihr wieder

wunderschön, selbst so getrennt von dem geliebtesten Kinde, sie übergab

ihn wieder beruhigt der Obhut des reichen Gottes, dessen Ehre die Himmel

erzählen, und des Vaters voller Gnade und Treue, von dessen wundervoller

Liebe die Erde, seiner Hände Werk, fröhliches Zeugniß ablegte. --

Ludwigs Briefe wurden zwar von nun an etwas seltener, enthielten aber

immer verständlichere Andeutungen eines innern Triumphes. Es war viel von

Manneskraft und Aufsichselbstverlassen die Rede, nur blieb es dunkel, was

eigentlich Bedeutendes erreicht war. Seit jenem freudenreichen Briefe

im Frühjahre datirten alle Briefe aus einem kleinen Orte an der Ostsee,

welcher aber in Ludwigs Atlas von dem Sohne des Försters durchaus nicht

zu entdecken war. Er hielt sich daselbst beim Gastwirth auf, der sein Haus

ausbauen ließ, und noch längere Zeit Arbeit für ihn haben würde. Wie

dieses Verhältniß Ludwigs ehrgeizige oder liebevolle Pläne fördern

konnte, war schwer zu ergründen; nach der Mutter Meinung hätte er da,

in dem armen kleinen Orte, als welchen er ihn selbst bezeichnete, nur

bescheidener in seinen Wünschen werden müssen. --

So verstrich ein Jahr unter Hoffen und Fürchten. Zu Weihnachten war

wieder eine bedeutende Sendung schöner Sachen angekommen: Kaffee, Zucker,

Gewürze, selbst schöner Wein, aber die Mutter ließ den Ueberfluß für

kommende Zeiten liegen und blieb bei ihrer einfachen Lebensweise. -- Als

der Frühling wieder erschien, wurde ihr sehr bang um's Herz, denn die

Briefe ihres Sohnes blieben ganz aus; vergebens hatte sie gehofft, zu

ihrem Geburtstage, den Ludwig stets als Festtag betrachtet hatte, durch

Nachricht, vielleicht gar seines baldigen Kommens erfreut zu werden, aber

die Blumensträuße, welche ihre alten und jungen Freundinnen ihr gebracht

hatten, verwelkten, ohne das Gesicht der Gefeierten im Lichtglanze der

Freude gesehen zu haben.

Als dieser qualvolle Zustand einige Monate gedauert hatte, wurde Frau

Schmidt heiterer, sie lächelte wieder, wurde sehr thätig -- in ihrer

Herzensangst hatte sie oft, die Hände in den Schooß gelegt, dagesessen

-- ging auch nach dem Gottesdienste eines Sonntags in das Pfarrhaus zum

Besuch, mit einem Worte, sie schien ganz aufzuleben. Aber man sollte noch

Ungewohnteres, als Besuche in der Stadt, an ihr erleben; zuerst kam die

Reihe des Erstaunens an die Försterin, welche gebeten wurde, die Ziegen

und Hühner der alten Frau bei ihrem Vieh aufzunehmen, und dann und wann

so gütig zu sein, einen Blick nach ihrem Heimwesen zu werfen, weil sie es

verlassen müsse. Eine innere Stimme ermahne sie beständig, ihren Ludwig

aufzusuchen, der in Noth wäre, sie sei dazu entschlossen, und schon am

nächsten Tage solle die Reise angetreten werden. -- In aller Frühe des

folgenden Morgens brach sie auf, und mancher der Vorübergehenden blieb an

diesem Tage dem Hause gegenüber stehen, und dachte darüber nach, was es

wohl mit den verschlossenen Laden für eine Bewandtniß haben könnte. Es

wurde auch von einer entschlossenen Frau daran geklopft, die Schmidt konnte

ja heftig erkrankt sein und hülflos daliegen, es antwortete aber weder ein

Wort noch ein Seufzen, und kopfschüttelnd ging die gute Frau ihrer Wege.

Dies geschah im Juni. Zwei Monate vorher hatte auch Ludwig eine Reise

angetreten, aber ehe ich sage wohin, muß ich erst von _Pranbeck_ reden,

und von der Zeit, die Ludwig darin verlebte.

Als er vor fast anderthalb Jahren nach der, von dem Kirchdorfe Pranbeck

ungefähr fünf Meilen entfernten größeren Hafenstadt wandern wollte, und

in das Gasthaus des kleinen Ortes trat, war er so recht zerfallen mit der

Welt, die so viel des Lockenden und Reizenden für ihn hatte, es ihm,

wie er meinte, höhnisch vorhielt, und, so oft er die Hände darnach

ausstrecken wollte, schnell entzog. Selten hatte er etwas Vollkommenes

gefunden, besonders in den letzten Jahren: war der Meister gut, so taugten

die Gesellen nichts; fand er Gelegenheit viel zu verdienen, so war die

Familie seines Vorgesetzten entweder aufgeblasen oder gar zu ungebildet,

so daß er sich nicht mit ihr befassen konnte. Ging er in diesem letztern

Falle seinen eigenen Weg, so fehlte es wieder nicht an bornirten Versuchen,

sich über ihn lustig zu machen. Nein, dies Beugen und Fürliebnehmen

war zu unausstehlich, und wurde ihm immer lästiger! Hätte er es nur

verstanden Geld zusammen zu scharren wie diese Pilze, deren Herz gegen

jedes gute Gefühl durch einen Harnisch geschützt war, diese Schwämme,

die alles in ihrer Nähe Befindliche gewissenlos aussaugen, und dann

wohlgefällig auf ihre magern Nachbarn herabblicken, ja dann, dann konnte

er zeigen, wie der Hausstand eines christlichen Handwerkers eingerichtet

sein müsse, wie man sich den Lernenden, Helfenden gegenüber zu betragen

habe. -- Freilich, beschränkte Menschen, das stand fest, würde er nie in

seine Werkstatt aufnehmen, sondern nur solche, deren tüchtiger Verstand

sich gleich durch ein anständig freies Wesen bekunde, was auf den ersten

Blick von der tölpelhaften Selbstgefälligkeit einfältiger Menschen zu

unterscheiden sei. --

So ungefähr dachte und sprach Ludwig, der Sohn der demüthigen,

zufriedenen Wittwe im Waldhause, mit dieser Neigung die gesellschaftlichen

Zustände von ihrer trübsten Seite aufzufassen und zu verurtheilen, sah er

zum ersten Male das Meer in seiner unabsehbaren Ausdehnung. Es machte

einen tiefen Eindruck auf ihn, aber keinen guten, es half nur in seiner ihm

unverständlichen Größe seine Ansichten befestigen. Es war ein trauriger

Tag, als Ludwig zum ersten Male an einer Küste stand, der Wind stürmte

seewärts auf ihn ein und trieb die schäumenden Wogen, dunkel wie der

wolkenbedeckte Himmel, stürmisch gegen den niedern Hügel, von dessen

Rücken er in das unruhige Element schaute. »Ja,« sprach er bei sich

selbst, »Woge auf Woge, Tag auf Tag! Es ist alles einerlei, Seelen- und

Geschickeszwang und Zwang in der Natur, Niemand und Nichts kann gegen sein

Verhängniß; kann er Gefallen daran finden, der liebe Gott im Himmel, wie

die Mutter sagt?« --

Ein verächtliches Lächeln entstellte sein sonst hübsches Gesicht, und er

drehte dem Meere den Rücken, um ein Obdach zu suchen.

Nun ist Pranbeck zwar nur ein kleiner Ort, und auch kein sehr wohlhabender,

aber ein stattliches Gasthaus befindet sich doch da, und ein ebenso

stattlicher Wirth, ein ganz gewandter Mann, dessen Bildung auch für ein

Hôtel ausgereicht haben würde, darin. Als Ludwig durchnäßt, denn es

hatte den ganzen Morgen geregnet, auf seiner Schwelle erschien, beging er

nicht den Mißgriff, ihn in die ordinaire Gaststube nach dem Hofe hinaus,

wo Knechte, Boten, lotterige Handwerksburschen und dergl. placirt wurden,

zu verweisen, sondern er führte ihn mit einigen freundlichen Worten des

Bedauerns ob des schlechten Reisewetters in das behagliche Zimmer, wo

Landherrschaften und die Honoratioren des Dorfes sich häufig des Abends

zu versammeln pflegten, das des Tages aber in der Regel nur ganz flüchtige

Besuche Solcher empfing, die nicht ausgehen konnten, ohne im Wirthshause

die Frage: Was giebts Neues? auszusprechen, und ein Gläschen zu trinken.

Selten kamen Reisende anderer Art, als die Genannten, nach Pranbeck, daher

mochte es kommen, daß die Erscheinung des für einen Handwerksburschen

sehr nobel gekleideten Fremden dem Wirthe sehr angenehm war. -- Bald hatte

Ludwig seine Kleider gewechselt, etwas Stärkendes genossen und war mit

dem Wirthe in der besten Unterhaltung, die damit endete, daß er versprach

vorläufig in Pranbeck zu bleiben, um dem einzigen Tischler des Ortes, dem

die Gesellen wegen seiner zänkischen Hausfrau allzuschnell davon liefen,

zu helfen und die obere Etage des noch unvollendeten Wohnhauses mit den

nothwendigen Tischlerarbeiten zu versehen. Dabei wurde gleich abgemacht,

daß Ludwig im Gasthause selbst und nicht bei dem Meister wohnen solle. --

So weit war Alles gut, aber das Schlimme lauerte dahinter. Nicht daß

Ludwig ein Schlemmer wurde, und wie so mancher tägliche Besucher des

Gasthauses, dem Laster des Trunkes fröhnen lernte -- er fühlte einen

Abscheu vor solcher Verirrung, er wendete sein Auge weg, wenn so ein

lallender, schwankender Mensch versuchte Witze zu reißen oder zu beweisen,

daß er wirklich nur »angetrunken sei, nur genippt habe!« -- Eine solche

Erniedrigung war für ihn nicht zu befürchten, seine Mutter dachte kaum

daran; Ludwig war ja stolz, wie konnte er sich zum Gegenstande des Ekels,

des Spottes herabwürdigen! --

Der Wirth war ein reicher Mann, er hatte Felder und Wiesen, Haus und Hof,

und ein reich versorgtes Waarenlager, da er das Recht hatte Handel zu

treiben. Sein Verkehr als Handelsmann war ganz großartig, doch wußten

nicht Viele genau darum, er ging meist in der Stille der Nacht vor sich,

aber dafür war er desto ergiebiger. Nach kaum einem Monate war Ludwig

Mitwisser dieses geheimnißvollen Verkehrs, und wenige Wochen später

Compagnon des Wirthes. Nun wurde der Ton zwischen beiden Männern noch

verbindlicher und das nächtliche Geschäft noch gewinnbringender, denn

Ludwig war höchst thätig, umsichtig und kühn, gerade ein solcher Mann,

wie er für den Wirth paßte, und dieser war die Freundschaft selbst gegen

ihn.

Zum ersten Male hatte es nun Ludwig so, wie er es wünschte: einen

gescheuten, aufgeklärten Vorgesetzten, achtungsvolle Behandlung,

Anerkennung seiner Fähigkeiten und Leistungen, und reichlichen Gewinn.

Dennoch sah er nicht aus wie ein Mensch, über dem die Glückssonne

strahlt; er war viel schweigsamer geworden, sein Blick hatte an Offenheit

verloren und über sein Gesicht flog oft etwas dem Argwohn ähnliches; sein

durchdringender Blick schien dann zu fragen: wer wagt es, mein Thun und

Lassen zu beurtheilen? Ich, ich allein bin Herr meiner Entschlüsse und

Handlungen!

Pranbeck liegt ganz nahe an der Grenzlinie, und der Wirth war durch kühn

getriebene Schmuggelei reich geworden. Aus Zuneigung zu Ludwig, wie er

sagte, hatte er ihm gezeigt, wie leicht man es dahin bringen könne, die

oft langweilige Berufsarbeit nur =pro forma= zur Hand zu nehmen, wenn man

nämlich nur genug Entschlossenheit besitze, mit einigen Vorurtheilen

zu brechen. Und dann hatte der Wirth ihm in fließender Rede auseinander

gesetzt, wie ungerecht die Besteuerung der ausländischen Produkte sei,

das arme Volk müsse sie fast ganz entbehren, mäßig Begüterte sie mit

äußerster Einschränkung genießen, während man höher hinauf damit

schwelge und sie verprasse. In solche Behauptungen stimmte nun zwar Ludwig

nicht mit ein, aber in ihre Consequenzen, er vergaß die Worte: »seid

unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat,« und »gebet dem

Kaiser, was des Kaisers ist,« -- und ward Schleichhändler wie sein

Verführer.

Die Geschäfte gingen nach Wunsch, denn von den drei Officianten, welche in

Pranbeck stationirt waren, drückten zwei ihre Augen bei den nächtlichen

Affairen des Wirthes zu, denn dieser wußte ebenso gut zu zahlen wie

zu sprechen, und der Dritte war schon ein älterer Mann, der leicht zu

täuschen war. Bald war Ludwig so gut bei Kasse wie nie vorher, daraus

erklären sich seine Hoffnungen, Briefe und Geschenke nach Waldhaus.

Etwas länger als ein Jahr mochte Ludwig in Pranbeck sein, als bei

furchtbaren Aequinoctialstürmen ein Schiff in der Nähe des Oertchens

strandete. Die Mannschaft rettete sich, und die reichen Waaren, die es

trug, wurden glücklich im Wachthäuschen auf einem Küstenvorsprunge

und dem daneben stehenden Wachtthurme geborgen. Das Schiff gehörte einem

Lübecker Kaufmanne und war in einer Anstalt versichert, die einen Agenten

in der Provinzialhauptstadt hatte. Dieser, schnell benachrichtigt, war

selbst bei der Bergung zugegen gewesen, hatte die Bekanntschaft des

zuvorkommenden Wirthes und auch Ludwigs gemacht, der bei dem Unglücke

sich sehr muthvoll und menschenfreundlich bewiesen hatte. Am Tage nach des

Agenten Abreise sollten die Sachen auf schon bestellte Wagen gepackt und

ihm nachgeschickt werden.

Briefe eines Malers an seine Schwester · 第 4 / 6 题