Der Wirth war am Nachmittage schon äußerst splendid mit Wein gewesen,
aufgeregt war man ohnehin von den Begebenheiten. Man redete viel von Muth,
Recht und lächerlicher Peinlichkeit, und endlich stand so viel fest,
daß, wer es wage die geborgenen Sachen sich zuzueignen, einen Hauptstreich
ausführe, der ersprießlichere Folgen haben werde, als die Arbeit
von wenigstens zwanzig Jahren, und der Verlust sei nur der der
Versicherungsgesellschaft, komme auf Niemanden eigentlich merklich.
Ludwig stand auf und wollte der Versuchung entfliehen, sein Zimmer
aufsuchen, aber dort war es ihm zu eng, er hüllte sich dicht ein und
ging zum Dorfe hinaus, wo das Rauschen des Meeres -- ein wunderlicher
Sirenengesang! -- ihn zog und lockte, bis er am Strande stand.
Weithin ringsum hörte man nichts anderes als Wind und Wasser, und wäre
auch ein leises Geräusch entstanden, es wäre ungehört erstorben in
diesem unnachahmlichen Zwiegespräch. Da kam der Wirth mit seinem Knechte
in der Dunkelheit daher, auch die beiden ungetreuen, eidbrüchigen
Grenzbeamten folgten. Sie schritten so eilig dem alten Wachtthurme zu, als
beflügle der Pflichteifer ihre Schritte, als seien sie so ganz sicher, auf
richtigen Wegen zu gehen. Ludwigs Blut pulsirte heftig, er sollte Mitwisser
dieses Unternehmens werden, halber Theilnehmer, und keiner Gewinn davon
haben, wo so großer Gewinn zu hoffen war? Es kostete dem Wirth nur wenige
Worte und Ludwig ging mit ihm. Es war freilich eine That, die er nie,
selbst nicht in Zukunft seinem Weibe vertrauen durfte, aber für seine
Ueberwindung zahlte sie auch mit dem eigenen Herde!
Nur eine Schwierigkeit war bei der Geschichte zu fürchten, und das war die
mögliche Widersetzlichkeit des Wächters. Zwar war er ein bequemer Mann
und hatte bei der Schmuggelei oft seine Hand zur Hülfe geliehen, aber hier
war's gefährlich für ihn, und wenn er sich weigerte, gemeinschaftliche
Sache mit ihnen zu machen, dann mußte man auf den Fang verzichten. Es war,
wie man gefürchtet hatte, der Wächter war unbestechlich. Vergebens
waren all die glatten Worte des Wirthes, der Plan schien dem Alten zu
handgreiflich: ohne Zuchthaus, meinte er, könnte das unmöglich enden.
Der Knecht erhielt von seinem Herrn einen Wink und begab sich wieder nach
Pranbeck zurück, die Uebrigen schienen ihre verbrecherischen Wünsche
aufgegeben zu haben, der Wirth schmollte zwar etwas, nahm aber die
Einladung zu einer Parthie Landsknecht an, und setzte sich zum Spiele an
den Tisch.
»Halt!« rief er plötzlich nach einer Weile, »ich habe einen
unbezahlbaren Einfall. Wir wollen unsern Aerger hinunterspülen. Einen
Bohrer her!«
»Wozu?« fragte der Strandwächter.
»Sollt schon sehen, altes Hasenherz. Wo ist der Schlüssel zur Remise?«
»Gut verwahrt,« erhielt er lachend zur Antwort.
»Keine Dummheiten!« schalt Jener, »glaubt Ihr denn, wir werden Euch
wider Willen die Sachen wegnehmen, die Ihr nicht theilen wollt? Nein, das
führte höchstens zu einem Jahre Wolle spinnen in Gesellschaft, aber wir
wollen die hübschen Fäßchen ein Bischen erleichtern, und Eure Gesundheit
in gekapertem Weine trinken.«
»Geht doch nicht an,« wehrte der Alte, »'s ist gleich zu merken, sie
brauchen bloß das Faß anzurühren, so --«
»Giebts denn kein Wasser in der Welt mehr?« unterbrach ihn der Wirth
lachend, »nur einen Bohrer her, für das Uebrige werde ich sorgen.«
Der Wächter, nach dem verführerischen Getränke lüstern, war's
zufrieden; bald war Wein in Fülle da, und von Neuem begann ein
lästerliches Trinken und Durcheinandergerede schlechter Dinge. Ludwig war
nur Zuschauer dieser Scene geblieben; das, was er hörte, war ihm ekelhaft,
er hätte dies gern gesagt, oder durch sein Entfernen angedeutet, aber er
merkte, daß der Wirth noch etwas im Schilde führte, sah deutlich seinen
Triumph, als der Wächter, von dem reichlich genossenen Weine betäubt und
verwirrt, allmählig ein albernes Gewäsch zu reden anfing, in welches der
feine Wirth lustig mit einstimmte, dann mit übersichtigen Augen, wie
im Traume, bald hier, bald dorthin starrte, und endlich sich in die Ecke
lehnte und einschlief. Jedenfalls wollte er abwarten, wie die Geschichte
sich noch entwickeln würde.
»Das hat Mühe genug gekostet,« flüsterte der Wirth und deutete auf den
Trunkenen, der von seinen Sinnen nicht wußte, »aber nun schnell, Johann
wird längst mit dem großen Wagen draußen halten; ich wußte, wie
es kommen würde, und habe meine Vorkehrungen getroffen. Hier ist der
Schlüssel, ich stecke die Laterne an und komme nach.«
Ludwig stand noch da, ohne sich zu regen. Ein Rest der alten Gesinnungen
war noch vorhanden, eine Scheu warnte ihn, nicht ein so großes Uebel zu
thun und wider den Herrn seinen Gott zu sündigen. --
»Alle Mann heran!« scherzte frohlockend der Wirth, und rieb sich die
Hände, »das giebt einen köstlichen Spaß!«
»Aber,« wendete Ludwig ein, »Kraaß wird natürlich Alles erzählen.«
»Bewahre!« entgegnete der Andere, »wir rühren hier im Thurme nicht das
Mindeste an. Wenn er morgen aufwacht, wird's sein, daß man ihn,
entsetzt über den leeren Speicher, herausdonnert. Jeder Mensch wird dem
verschlafenen, alten Säufer die Unschuld gleich an der Nase ansehen, und
er wird sich hüten, die auf Verdacht anzuklagen, die als Freunde sehr
vortheilhaft, als Feinde aber sehr gefährlich sein würden.« --
Ludwig betheiligte sich an dem Diebstahle. Es wurde gleich abgemacht, daß
bei der Theilung keine Gewinnstufen stattfinden sollten, nur der Knecht
mußte sich mit einem Antheile von 50 Rthl. zufrieden erklären.
Gegen 2 Uhr Nachts fuhr die erste Ladung in die ungepflasterte Auffahrt des
Wirthshauses. Ludwig begleitete sie, um die Waaren nach Weisung des
Wirthes unterzubringen. Während dieser Zeit belud man den schon harrenden
Einspänner und berechnete, wann Alles abgemacht sein könnte, als der
Wächter laut scheltend und fluchend vor dem Thurme erschien, und mit
vielen Schwüren betheuerte, er werde diesen Diebstahl verhindern. Den
Dieben trat der Angstschweiß auf die Stirn, zum Glück tobte freilich das
Meer, aber der Mann hatte eine gellende Stimme.
»Schweigt, Unsinniger,« sprach der Wirth drohend auf ihn ein, »es ist zu
spät, legt Euch und schlaft, Ihr wißt von Nichts!«
»Oho!« schrie der Andere, »ich weiß von Nichts? -- wir wollen doch
einmal sehen!« und damit ging er trotzig in den Thurm. Wie der Wind war
der Wirth hinter ihm her. Aber da klang es schon durch die Nacht hin --
Glockenschlag -- der Alte hatte die Nothglocke angeschlagen, einmal aber
nur, dann mußte er sich beruhigt haben, vielleicht war er in seiner
Trunkenheit umgefallen. Es wurde ganz still im Thurme. --
Am andern Morgen verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit das
Gerücht: der Strandwächter Kraaß sei erdrosselt, und ein großer Theil
der Ladung des gestrandeten Schiffes Hieroglyph gestohlen.
Einer von denen, die durchaus dieses Gerücht nicht glauben konnten, war
der Wirth in Pranbeck, und als sich die Thatsache dennoch herausstellte,
war er eifrig damit beschäftigt zu beweisen, daß Seeleute dies Verbrechen
verübt haben müßten. Trotz seines Unglaubens und seiner Gründe wendete
sich aber der Verdacht sehr bald gegen ihn selbst, und acht Tage nach jener
schrecklichen Nacht ward er, die beiden jüngern Grenzbeamten, sein Knecht
und Ludwig Schmidt, der bei ihm arbeitende Tischlergesell, auf einem Wagen
nach der nächsten Kreisstadt eskortirt. Die Gefangenen waren gefesselt und
zwei Gensdarmen begleiteten sie.
In dieser Zeit war es, als die alte Mutter im Waldhause so vergeblich und
unruhig auf einen Brief von ihrem Sohne wartete. In dieser Zeit beugte sich
auch ein Mensch, der lange Zeit mit seinem Gotte unzufrieden gewesen war,
und ihn gemeistert hatte, mit durchgreifender Zerknirschung tief, tief in
den Staub. Gleich in dem ersten Verhöre hatte er seine Schuld gestanden;
vom Morde wußte er nichts. Das mußte aber erst erwiesen werden; zwei
der andern Gefangenen gingen gerade so weit wie Ludwig, des Diebstahls
bekannten sie sich schuldig, des Mordes nicht, und der Wirth und sein
Knecht wollten anfangs sogar von gar keiner Schuld wissen, die gefundenen
Sachen waren rechtmäßig erworbene Lagervorräthe, alle erschwerenden
Umstände des Verdachtes beklagenswerther Zufall. --
In seiner einsamen Zelle erschienen Ludwig am Tage und in den langen
schlaflosen Nächten liebliche und doch so schmerzenbringende Bilder. Seine
Jugendzeit, das stille, heimische, so oft verachtete Haus, besonders
aber die Mutter mit ihrer reichen Liebe, ihren Thränen und ihren tausend
Opfern. Auch seine stolzen Gedanken von früher und alle seine hohen
Versprechungen kamen zurück und sahen ihn höhnend an. Dann hätte er laut
aufschreien mögen, zu qualvoll war's, zu schrecklich!
»O Mutter, Mutter!« rief er laut. -- Der Schlüssel klirrte im Schlosse,
die Thür ging auf, Ludwig raffte sich auf vom Boden, er hatte auf den
Knien gelegen, aber er stieß einen furchtbaren Schrei aus, verhüllte sein
Antlitz und beugte es ganz hinab, daß es nichts mehr sehen konnte, auch
all sein Elend nicht zeigte. Seine Mutter stand ja vor ihm, wirklich vor
ihm, bleich und liebevoll, weinend ihm entgegen lächelnd. Sie streckte
auch die Arme aus, aber wie hätte er es wagen dürfen, dahinein zu sinken,
er, der Verbrecher im Kerker, in die Arme dieser Mutter!
Aber hatte der Anblick die Mutter denn getödtet? Er hörte ja nichts von
ihr, kein Wort, keine Bewegung. Er mußte es wagen, seine Augen zu ihr zu
erheben. Da lag sie auf ihren Knien, und ihre Hände und Blicke und ihr
ganzes Herz waren nach oben gerichtet, und ihre Lippen bewegten sich ganz
leise. Da das der Sohn sahe, wand er sich kniend zu ihr hin und reichte ihr
die heilige Schrift, wie sie da aufgeschlagen gelegen hatte, und deutete
mit dem Blicke auf eine Stelle, die er täglich wohl hundert Mal gelesen
und immer wiederholt hatte. Und die Mutter warf nur einen Blick hinein,
und dann sprach sie laut und klangvoll, daß das Herz des Sohnes erbebte:
»Herr Gott, Dich lobe ich; dieser mein Sohn war todt und ist wieder
lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden!«
Ludwigs Abwesenheit vom Schauplatze des Verbrechens zur Zeit des Absterbens
des Alten, stellte sich im Laufe der Untersuchung sicher heraus; er ward
von der Anklage auf muthmaßlichen Mord freigesprochen. Anders war's mit
dem Diebstahle, den er selbst eingestanden, dafür wurde er zu zwei Jahren
Zuchthaus verurtheilt, die er, begleitet von seiner Mutter, die sich
nie wieder von ihm trennen wollte, abbüßte. Die alte Frau,
vom Untersuchungsrichter empfohlen, fand in der Familie eines
Strafanstaltsbeamten ein Unterkommen als Kinderwärterin und durfte
täglich ihren Sohn sehen, auch mit ihm Morgens und Abends in dem großen
Betsaale des Zuchthauses ihr Gebet mit dem seinigen vereinigen.
Als die Strafzeit zu Ende war, kehrten Mutter und Sohn in die Heimath
zurück. Ludwig konnte nach den Gesetzen der Innung nicht Meister seines
Gewerkes werden, aber er fand dennoch allerlei Beschäftigung und viel
weniger hartes Urtheil, als man gewöhnlich über Gefallene hört. Sein
stilles Wesen, sein Fleiß, seine Kindesliebe, und vor Allem seine Demuth
und Anspruchslosigkeit söhnten die Menschen mit ihm aus, und seine Mutter
fühlte sich so glücklich in seiner Gesellschaft wie nimmer zuvor. --
»Lebt sie noch?« fragte Cäcilie.
»Nein,« antwortete Julchen, »aber Du kennst den Sohn ganz gut, es ist
der Missionsbote für unsern Kreis.« --
»Schmidt?« fragten die Mädchen verwundert.
»Ich habe ihn ja immer bei seinem Namen genannt,« erwiederte Julchen
lächelnd.
»Es giebt viele dieses Namens, aber nun weiß ich, wovon er es versteht,
so wunderschöne ausgelegte Kästchen zu verfertigen,« meinte Ida.
»Und warum er, der geschickte Mann, diese Beschäftigung erwählt hat,«
setzte Cäcilie hinzu. »Ja, wie viele Menschen würden wir mit ganz andern
Augen ansehen, wenn wir ihre Geschichte so genau kennten.«
»Und ihr Herz,« sprach ich leise.
»Das gehört ja zusammen,« erwiederte sie nachdenklich, »ich glaube
wenigstens.« --
Ein unerhört langer Brief. Ich habe mehrere Abende daran geschrieben, that
es aber recht gern. Schade daß Du die Augen nicht dazu siehst, die mir
dabei oft vorschwebten. In diesen Augen spiegeln sich treu alle Gefühle:
Besorgniß, Trauer, Hoffnung, Beifall, Andacht, nur eins sah ich noch nicht
darin, werde es auch wohl nie sehen. Zuweilen senken sich auch diese Augen
beharrlich, dann möchte ich erst recht wissen, was sie zu verbergen sich
bemühen. -- Lebe wohl.
_Dein Justus._
Am 6. März.
Dank für Deinen lieben Brief, besonders für die Stelle, welche meine
Frage so schön beantwortet. Gemeinsames Streben also, Ein Zier, Ein
Glaube, Eine Liebe, Eine Hoffnung verwischen alle sonstige Verschiedenheit
und bedecken der Flecken Menge. Ein Streben -- ja das ist vorhanden, zur
höchsten Klarheit, aber Glaube, Liebe, Hoffnung, darin erscheint sie mir
vollendet, und ich bin nur ein schüchterner Anfänger darin; es ist nicht
unmännlich, die Wahrheit zu gestehen, sie mag heißen, wie sie will. --
Ich werde jetzt stark in Versuchung geführt, etwas zu wagen: unser
elterliches Haus soll verkauft werden, aber es ist nur eine Versuchung
Unruhe und Schmerzen hervorzurufen, ich will mich davon losreißen. --
Dienstag über acht Tage werde ich abreisen, dann fährt der Graf nach
Berlin und ich mit ihm. Vielleicht ist dies also der letzte Brief aus
Burgwall, er soll Dir innige, treue Grüße bringen. --
Den 15. März.
Der Brief liegt noch, die letzte Zeit war voller Unruhe, nun will ich
aber unsere Burgwaller Correspondenz schließen. Auf morgen früh ist die
Abreise festgesetzt, der Koffer ist gepackt und die leidigen Visiten sind
überstanden, nur Bernwachts und Julchen habe ich noch aufgespart, die sind
für sich. -- Cäcilie ist seit einiger Zeit leidend, möglich, daß ich
sie nur noch auf Augenblicke sehe. Ich liebe das junge Mädchen, Pauline,
es ist keine Phantasie, keine Passion, es ist ein unwiderstehlicher Zug des
Herzens, der mich an sie fesselt, ich fühle das jetzt mit einer Klarheit,
die mir den Abschied sehr schwer, aber ganz unumgänglich nothwendig macht.
-- Das Kind ist so zart, wenn sie stürbe! Ich zittere bei dem Gedanken.
Wüßte sie, daß ich leide, dann würde sie traurig werden, trauriger muß
ich sagen, denn in ihrem leidenden Zustande sieht sie matt und angegriffen
aus, auch seelenmatt, sie lächelt viel seltener als sonst, aber ihr
würde auch unheimlich dabei, denn sie kennt ja keine Liebe, die Schmerzen
bereitet. Sie sei Gott empfohlen, Seine Engel werden sie beschirmen. --
Ich werde nun in die Stadt gehen, auch auf den Friedhof, und will für Dich
ein Epheublatt mitbringen vom Grabe der Mutter. --
Sobald ich kann, werde ich Dich aufsuchen. Die Zukunft sieht mich
allzuschaal und nüchtern an, kaum mag ich an sie denken. Lebe wohl!
_Justus._
Berlin, den 20. März.
Du wirst es gleich diesen Schriftzügen ansehen, daß etwas Großes mit mir
geschehen ist, nicht wahr, Schwesterherz? Falte Deine Hände und bete für
Deinen Bruder, mein Herz ist nicht im Stande, allein dem Herrn die heiligen
Opfer darzubringen, die ihm gebühren, Du mußt helfen dabei! Sei
auch nicht unwillig, wenn ich ungewöhnlich spreche, es ist ja nur Dir
gegenüber, wo das Herz und der Mund klingen dürfen, wie sie wollen, die
Welt hört nichts davon und ich kann ja nicht anders.
Ich schrieb Dir traurig zuletzt, -- da auf den vorigen Seiten steht es noch
-- und beklemmten Herzens ging ich zu Bernwachts hinab.
»Cäcilie ist krank,« flüsterte mir Burga zu, als ich mich dem Hause
näherte, »Du mußt ja leise gehen, und die Thür nicht so hastig
aufmachen, sie ist so schreckhaft.«
»Sie hat das Fieber,« setzte Berga hinzu, »Mama meint, sie fiebere.« --
»Nein,« widersprach die Andere, »sie hat ein Herzleiden. Vorhin war ich
oben bei ihr, und wir sprachen ganz ruhig, ich sagte, das Wetter wäre so
schön zu Deiner Reise, da sah ich, daß sie die Hand auf die Brust
legte. Thut's da weh? fragte ich, da sagte sie: nein, aber es klopft viel
heftiger, als es soll und, darf. Nach einer ganzen Weile sagte sie erst:
so, nun ist es gut.«
Mit Schrecken gedachte ich ihrer stets sehr zarten Farbe und in letzter
Zeit war sie wirklich auffallend blaß gewesen. Die Mutter begegnete mir
auf dem Flur, ich fragte gleich nach Cäcilien und erhielt tröstliche
Nachricht. Es sei durchaus nichts von Bedeutung, sie sei auch unten im
Wohnzimmer. So war es auch. Ich fühlte mich nicht behaglich, der Abschied
lag mir wie eine Bürde auf dem Herzen, daher brach ich früh auf. Alle
sprachen liebe Worte, auch Cäcilie reichte mir ihre liebe Hand und sah
mich lange sanft und freundlich an. »Sie wollen ja nicht wieder kommen,«
sagte sie, »nun will ich mir schon Ihre Züge recht einprägen. Sie sind
stets gütig gegen mich gewesen.«
Ich küßte ihr schweigend die Hand und ging dann zu Julchen und nahm
Abschied von den Gräbern.
Als ich zurückkehrte, sah ich in Cäciliens Zimmer helles Licht, ich
wußte ganz bestimmt, daß diese Stube im obern Stock die ihrige war. Gern
hätte ich noch einen Schimmer ihrer Gestalt gesehn; ich harrte, da kam sie
an das Fenster und sah zum Himmel hinan, droben aber funkelten die Sterne
in wundervoller Pracht! Ich faßte gar keinen Entschluß, ich überlegte
nichts, aber ich ging zu ihr, ich konnte nicht anders.
Niemand begegnete mir, im Dunkeln fand ich mich hin, bald stand ich vor der
Thür und klopfte an: ich durfte eintreten. Sie stand noch am Fenster, nun
wendete sie sich mir zu, ihre Hand legte sie leise aufs Herz, dann setzte
sie sich wie erschöpft, fast wankend auf den Sopha und beugte einen Moment
ihre Stirn in die Kissen nieder. »Sie sind sehr krank,« sagte ich heftig
ergriffen. »Nein,« erwiederte sie, »nur sehr schwach, und ich verdiene
diese Strafe vollkommen.«
»Welche?« fragte ich. »Daß Sie mich so sehen.« Ich verstand sie nicht.
»Ich bin sehr heftig,« fuhr sie fort, »die erste große Versuchung, die
der Herr mir schickt, zeigt mir meine gänzliche Hülflosigkeit, aber im
Bekennen wächst die Kraft, so, nun wird es besser!«
Sie richtete bei diesen Worten ihren Blick mit Begeisterung auf ein Bild
ihr gegenüber, ich folgte und war versucht an Wunder zu glauben; das
Christusbild aus meiner Mutter Kabinet war Cäciliens Eigenthum!
»Ich kenne den Grund Ihrer Selbstanklagen nicht,« sprach ich mit tiefer
Erregung, »ich kann nicht ahnen, was Sie so tief bewegt, aber Sie sollen
wissen, mit welchem Schmerze ich von hier scheide; ich wollte schweigen,
aber ich kann es nicht.«
Und nun erzählte ich ihr all die schönen Träume, die mich in Burgwall
umschwebt, von dem Erkerstübchen, von all den wonnigen Phantasien, die
mit ihm zusammenhingen, daß ich ihnen entsagen müßte, weil ich mich der
vollen Huld eines geliebten Wesens, welches für mich der Inbegriff aller
menschlichen Liebenswürdigkeit sei, unwürdig fühlte, daß ihr ganzes
Benehmen mir auch zeige, wie wenig sie meine Liebe verstanden habe und
erwiedere. Jetzt sei sie leidend, eine dunkle Unruhe hätte mich getrieben,
sie noch einmal aufzusuchen, sie möge verzeihen, um der Liebe willen, die
ihr geweiht sei. Und ich verstummte vor seligem Entzücken, entzündet an
ihrem, an Cäciliens, die mich, mich liebt. Du glaubst es nicht, Du fragst,
ob dies möglich ist; es ist durch Gottes reiche Huld volle köstliche
Wahrheit!
Viel hätte ich zu erzählen von ihrer Demuth, die von Glück sprach,
von ihrer himmlischen Offenheit, die mir gestand, wie sie bei meiner
herannahenden Abreise Blicke in ihr Herz gethan und gefunden habe, daß
es zagte, eine Oede zu werden, wenn sie fern von mir sein würde, wie sie
befürchtet, Gott müsse zürnen, daß sie sein Geschöpf so sehr, zu sehr
liebe. Und sie hat recht: bin ich dessen würdig? -- Aber nun strahlte ihr
kleines blasses, süßes Gesicht im Glanze der Verklärung: Gott war ihren
Gefühlen gnädig, er segnete sie!
Wir gingen Hand in Hand hinab. Nichts von dem allgemeinen Staunen, Du
kannst Dir's denken. Die Alten waren anfangs vor Ueberraschung stumm,
Cäcilie hing aber an ihrem Halse und Burga und Berga umarmten mich,
Therese und Ida kamen auch, da bekamen sie die Sprache wieder und Thränen
dazu, und ich erhielt ihr Engelskind mit dem vollsten wärmsten Segen.
Nur wenige Stunden war ich noch in ihrem Kreise, hatte auch
Geistesgegenwart genug an den Kauf unsers Vaterhauses zu denken, mein
_Schwiegervater_, -- wie klingt das, Pauline? ich sage Dir wie ein Segen!
-- also mein Schwiegervater wird diese Angelegenheit besorgen.
Zum letzten Male erstieg ich den Schloßberg. Ich blieb oft stehen und sah
gen Himmel. Gott, welcher Reichthum droben und hier, ich staune, ich bete
an, ich bitte um Verzeihung! Mein Glück wird endelos sein, Gott hat es mir
gegeben; es ist auch ein solches, welches noch wachsen wird, denn Er wird
es pflegen und behüten, ich fühle es.
Am nächsten Morgen verkündigte ich dieses Glück der gräflichen Familie
und empfing ihre freudigen Glückwünsche, dann nahm ich Abschied von der
verehrten Frau, und bald lag Burgwall hinter mir, aber trotz Abschied und
Ferne, damals und jetzt, erhebe ich meine Hände und mein Herz hinan zum
Himmel, Ihm Dank und Preis darzubringen, der so Großes an mir gethan
hat; der meiner Seele half, als sie rang nach dem neuen Leben, der alle
Dunkelheit und alles Bangen vernichtete, und in seinem Liebesrath mir den
Engel beigesellte, dessen lichte Klarheit mir in Zukunft jeden Schatten von
meinem Pfade verscheuchen wird!
Aber Du mußt sehen, Pauline, Du sollst und mußt Deine Schwester bald
kennen lernen. Zu Pfingsten erwarten wir Dich bestimmt in Burgwall.
Schreibe bald, grüße auch Deine edlen, alten Freundinnen, und sei so
glücklich wie
_Dein Bruder Justus_.
=Empfehlenswerthe Bücher=
=aus dem=
=Verlage der Agentur des Rauhen Hauses=,
=durch alle Buchhandlungen zu beziehen=.
Für Frauen und Jungfrauen:
Die Pflegerin.
Von _Rosalie Sandvoß_. 90 S. br. 7½ Sgr.
Grüße an die christl. Mädchenwelt.
Gesammelt für kindliche Jungfrauen von einer Freundin der Jugend.
108 S. cart. 4½ Sgr.
Lucile.
Ein Buch für Leser der heiligen Schrift. Von _Adolph Monod_. 332 S.
br. 22½ Sgr.
Madelaine.
Eine Dorfgeschichte, wahren Ereignissen nacherzählt. Von _Julie
Kavanagh_. 370 S. br. 22½ Sgr.
Hanna More,
auch ein Schriftstellerleben, von der Verfasserin des »Lebens der Frau
Elisabeth Fry.« 388 S. br. 27 Sgr.
Sara Martin, die Schneiderin.
Eine Lebensgeschichte erzählt von _Friedrich Eckart_. 2. Aufl. 131 S.
cart. 7½ Sgr.