Nach einer guten halben Stunde eröffnete Ida an der Seite eines jungen
Militairs den Ball, und man tanzte, tanzte und tanzte, das ist die
Geschichte des Balles. Aber außerhalb des Balles trug sich an diesem
Abende noch Etwas zu. Von Bedeutung? magst du fragen -- je nun, ich meine
fast. Sieh, als ich die beiden Schwestern durch den Saal schweben sah, --
sie sind Beide _sehr_ graciös -- fiel mir plötzlich Cäcilie, die kleine
Unergründliche, ein. Ich dachte: wie sie wohl tanzen würde, gewiß
hinreißender wie die Salome vor Zeiten, denn sie hat eine feenhafte kleine
Gestalt, und schwebt überhaupt mehr als sie geht. Und, dachte ich weiter,
was sie nun wohl treibt, und ob ihr Zuhausebleiben vom Ball wohl wirklich
Geschmackssache war oder ein pietistisches Opfer, ob sie zu Hause wohl den
Kopf ein wenig hängen läßt, und dachte so lange an dergleichen, bis ich
mit einer Art Freude, die mir ganz neu war, mich daran erinnerte, daß mich
ja nichts verhindere sie aufzusuchen, daß ich ja überhaupt so frei sei
wie der Vogel in der Luft. Der Mantel wurde umgeworfen und bald war ich da.
Am Fenster blieb ich lauschend stehn, lauter Gesang hoher Diskantstimmen
schallte mir entgegen: »Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des
Vaterlands!« -- eine schöne sanfte, aber sichere Altstimme führte das
Steuer. Die zusammengezogenen Gardinen waren nicht allzu dicht, ich konnte
vortrefflich hindurchschauen, da saß sie am Claviere und dirigirte; Burga
und Berga mit wenigstens einem Dutzend künftiger Schönheiten standen
ringsum und sangen nach Möglichkeit, Julchen Hermann, mit dem Ausdrucke
innigster Freude, daneben.
»Fühl in des Thrones Glanz,« sie sangen mit ganzer Seele, die Mädchen,
ich mußte einstimmen, was gings mich an, wenn die Nachbarn etwa ihre
Bemerkungen darüber machten, es war ja Patriotismus -- »Die hohe Wonne
ganz, Liebling des Volks zu sein, Heil Liebling Dir!«
Meine Einmischung hatte all die Oehrchen da drinnen gespitzt, Berga
errieth, und sang sich gerade bei der letzten Zeile aus der Hausthür
heraus.
»König heißt es!« rief sie corrigirend, und sang, an meinem Arme
hängend, und meine Variationen noch einmal berichtigend: »Heil
König Dir!« als ich eben mit höflichem Gruße in der Versammlung der
Sängerinnen erschien. Cäcilie nickte mir freundlich zu, ließ sich aber
nicht stören, der Gesang nahm ununterbrochen seinen Fortgang.
»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich Julchen, als wir Beide
auf dem Sopha saßen. »Mich ruhen, erholen.« -- »Glaubten Sie hier Ruhe
finden zu können?« -- »Ruhe und Frieden,« antwortete ich und sah ihr
voll in die Augen. Sie lächelte und nickte mit dem Kopfe. »Ja,« sagte
sie dann, »es ist ein großer Unterschied darin, den Lustbarkeiten
Erwachsener sich hinzugeben oder den Spielen der Kinder zuzusehen; ich bin
auch sehr gern unter Kindern.« --
Dieses alte Mädchen hat ein sehr feines Verständniß, aber wenn ich
einmal ein Geheimniß habe, soll sie es theilen.
Nach dem Vortrage diverser Lieder tanzten die Kinder; Cäcilie spielte
mit einer Geduld, welche die meinige ermüdete, endlich erbot sich ein
liebenswürdiges Kind sie abzulösen, und sie setzte sich in unsere Nähe.
Nun könnte ich sie vielleicht tanzen sehn, dachte ich, oder gar selbst mit
ihr tanzen, sie wird aber ein rundes Nein bei der Hand haben, das will ich
doch nicht so schnell riskiren. Da kam Burga und bat sie, und sie tanzte,
nun versuchte ich mein Glück auch, und sie gab mir die kleine Hand ganz
willig. Sie tanzte noch lieblicher, als ich es mir vorgestellt hatte,
leise, leise, sinnig, lache nicht! -- sinnig, wiederhole ich -- sie thut
nichts als in dieser holden Weise. Da war keine Hast, kein innerer Sturm,
der sie trieb, keine Eitelkeit, die sich geltend machen wollte, sie hörte
Musik und bewegte sich harmonisch, das war es; ich, auf dessen Arm sie sich
lehnte, der ihr Führer hätte dabei sein sollen, konnte nicht anders als
sie. Nie hatte ich so getanzt! --
Nun tanzte sie nicht mehr, sie schlug es verschiedenen Kindern ab, ich
wagte es nicht, sie noch einmal zu bitten. Julchen lobte sie deshalb, sie
scheint sie für schwach zu halten. --
Nach einiger Zeit wurde Pause gemacht und Erfrischungen gereicht, Cäcilie
war die Vielbeschäftigte; ich hatte was ich wollte, und ging nach dem
Rathhaussaale zurück, fühlte mich aber nicht sehr zum Tanz mehr aufgelegt
und sah zu, bis der Cottillon kam, den Ida mir zugesagt hatte. Er dauerte
sehr lange, und es schlug bereits vier Uhr als der Pförtner mich zum
Schlosse herein ließ. --
Heut war hier nun eine hübsche Nachfeier, die Armen wurden in den
Laubengängen gespeist, und die Gräfin sah selbst mit ihren fröhlichen
Augen überall hin, ob auch Jeder sein Recht bekomme. Es ist rührend zu
denken, was Alles und wie so ein Frauenherz lieben kann. Spricht diese Frau
von Mann und Kind, oder ruht nur ihr Auge auf ihnen, so ist es Einem, als
füllten diese Geliebten ihre Seele ganz aus. Wer sie gestern zum ersten
Male gesehen hätte, oder überhaupt während die Anstalten zum Feste
gemacht wurden, der würde den Monarchen beneiden, dessen Namenstag mit so
inniger Freude begrüßt wurde, wie von dieser Frau. Ihr Töchterchen lehrt
sie beten für »den theuren König«, den Kindern in der Schule spricht
sie, wie man sagt, begeistert von seiner väterlichen Treue, ihren Gatten
und Sohn nennt sie mit Stolz Diener ihres königlichen Herrn. Heute flammte
wieder der heilige Liebesstrahl in ihren Augen, und für die Armen, die
ihr nichts Liebes erwiesen, die in ihrem innern und äußern Mangel so
himmelweit verschieden von ihr sind. Erbarmen habe ich auch für diese
Menschen -- wozu sage ich übrigens was du weißt und sich von selbst
versteht, -- aber solches Gefühl ist mir fremd. Ich mußte sie oft
betrachten. Ob sie es fühlte, weiß ich nicht, und wenn's der Fall war,
dann muß ich ihr doppelt dankbar sein; einmal als ich in ihrer Nähe
stand, sagte sie: »Wie glücklich bin ich heut, mehr als glücklich! Immer
muß ich an die schönen lieben Segensworte denken: »Alles was ihr gethan
habt Einem dieser Geringsten« -- ihr Auge wurde feucht, und sie brach ab,
aber ganz leise hörte ich neben ihr die Worte flüstern: »das habt ihr
mir gethan.« Es war Johanne, ihr kleines Abbild, welches den Vers so
andächtig ausbetete. Die Mutter küßte sie und sah mich mit einem
strahlenden Blicke an. Ihr Glaube macht sie selig.
Nachmittags ging ich zu Bernwachts, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Die Alten waren im Garten, wo neue Anlagen vorbereitet wurden, Therese und
Ida hielten Nachmittagsruhe und Cäcilie saß im stillen Zimmer und brachte
Ida's Florkleid wieder in Ordnung, welches mit den Sporen des jungen
Vaterlandsvertheidigers in unangenehme Berührung gekommen war. Ich
setzte mich ein wenig zu ihr hin und fragte sie, ob sie das Märchen von
Aschenbrödel kenne.
»Sehr gut,« antwortete sie, »es war immer mein liebstes.« -- »Das
läßt sich denken,« bemerkte ich, »wie sieht die Fee aus, sie ist wohl
wunderschön?« -- »Ich denke, wie Ida ungefähr,« sagte sie munter in
den Scherz eingehend, »ein schöneres Mädchengesicht als Ida's kann ich
mir so leicht nicht vorstellen; ich freue mich recht, daß Sie sie malen
wollen.«
»Haben Sie Ida ganz besonders lieb?« forschte ich weiter.
»Die Schwestern sind mir Alle gleich lieb,« entgegnete sie, »ich möchte
sie Alle gern gemalt haben, wenn's eine aber doch nur sein soll, so muß es
die Schönste sein.«
»Sie lieben also das Schöne sehr?«
»Sehr,« wiederholte sie, »ganz außerordentlich.«
»Bei so viel Schönheitssinn,« behauptete ich, »muß ich Talente
voraussetzen, die Sie neidisch verstecken, gewiß malen Sie ausgezeichnet,
oder componiren oder dergleichen.«
»Nichts von Allem,« entgegnete sie, »ich kann nur bewundern und lieben,
aber sehr wenig leisten.« -- »Bewundern, lieben und die Fehler Anderer
wieder gut machen,« sagte ich unwillkürlich, und wieder fiel mir
Aschenbrödel ein. »Sie müssen mir entschieden zu einem Bilde sitzen, ich
lasse Ihnen keine Ruhe anders,« kündigte ich ihr an; sie lächelte
aber und meinte: erst solle ich nur Ida malen, dann könne das Weitere
besprochen werden. Thut sie's, so wird diese Aschenbrödel ein süßes
Bild. Ich gebe ihr etwas mehr Farbe, die ihrige ist fast zu zart, und lasse
sie das herabflatternde Täubchen mit den erstaunten, fast erschrockenen
Wunderaugen begrüßen, die sie so manchmal auf uns richtet, wenn ihr etwas
Unerwartetes passirt, oder ich lasse sie vor der Fee stehn, und diese Augen
mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf sie heften, den ich schon manchmal
mit einem zärtlichen Gefühle belauscht habe. Die Fee kann dann Ida sein,
weil sie es gesagt hat, sie wird mit ihrer vollendeten Gestalt und den
tadellosen Zügen prächtig werden. -- Sieh' Schwesterchen, so habe ich
schon wieder eine Freude im Voraus, ich begreife nicht, wie man das Leben
langweilig finden kann, wie z. B. Waldemar es thut, von dem ich erst
kürzlich eine lange Jeremiade über die Nüchternheit des menschlichen
Lebens aus Berlin erhalten habe.
Nun will ich meinen langen Brief absenden und nur noch für den Deinigen
danken. Ja, Julchen ist mir auch sehr theuer geworden, und ich werde sie
öfter besuchen. Lebe wohl!
_Dein Bruder Justus._
Den 5. December.
Du bist erstaunt über meine Brauchbarkeit nach so vielen Seiten hin --
liebes Kind; Du weißt so viel wie nichts davon, Du wirst noch ganz andere
Begriffe von mir bekommen, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Aber ich
übereile mich nicht damit, es wird ganz =en passant= kommen, ich werde den
Faden des Berichtes da wieder aufnehmen, wo er abgerissen wurde. -- Nach
dem denkwürdigen 15. October beschloß ich sehr fleißig zu arbeiten, weil
mein Bewußtsein etwas unzufrieden geworden war. So vollendete ich denn das
Bild der Gräfin zunächst und begann mit Eifer die Restauration der alten
Familienportraits im Ahnensaale. Der Graf besuchte mich oft bei meiner
Arbeit, sah mit Theilnahme zu und sprach manch gutes, anregendes Wort. Er
ist ein ausgezeichneter Mann. Seine holde Gemahlin begleitet ihn zuweilen
und das Kind kommt am oftesten, bringt mir zuweilen schönes Obst oder ein
Paar Blumen, die es auf dem Walle für mich gepflückt hat, oder fühlt den
Trieb, mir irgend eine wundersame Historie mitzutheilen, die Mama erzählt,
oder es selbst in einem bilderreichen Elberfelder Büchlein gelesen hat.
Dann thut es oft die seltsamsten Fragen, so auch einst, ob ich Joseph oder
Timotheus lieber leiden möchte. Sie ihrerseits war geneigt, dem Jünger
den Vorzug zu geben, obgleich Joseph auch sehr liebenswürdig und
großmüthig gewesen sei, aber zweierlei fand sie nicht schön von ihm,
erstens: daß er die stolzen Träume erzählt hatte, und zweitens: daß er
bei der ersten Rückkehr der Brüder aus Aegypten seinem Vater keinen
Trost gesendet hatte, »und er trug doch Leid um ihn!« sagte sie höchst
mitleidig. Dann zeigte sie mir ein kleines Bild, wo Timotheus als Knabe zu
den Füßen einer alten Frau saß und in der Bibel las. Die Mutter stand
daneben und weidete sich an dem Anblicke. »Ist er nicht sehr nett?«
fragte sie, »sieh nur, wie sie ihn lieb haben, der war schon von klein an
ein Jünger Gottes, und nachher liebte er den Heiland so sehr, und dann
war er des Apostels Paulus lieber Sohn; ich glaube, er ist noch besser als
Joseph, aber Joseph ist auch sehr gut.«
»Joseph war aber ein Jude,« wendete ich ein. »Das schadet nichts,«
sagte sie, »er konnte ja damals nichts Besseres sein; weißt Du nicht, die
Juden waren ja auch Gottes Kinder.«
»Aber jetzt sind sie es wohl nicht mehr?« fragte ich.
Sie sah mich groß an und sagte: »Alle Menschen gehören ja dem lieben
Gott, die armen Heiden ja auch, und der liebe Gott will alle, alle Menschen
in seinen schönen Himmel bringen, in sein großes, großes Reich,
denk mal, wie viel Menschen da zusammenkommen werden; ob ich Dich wohl
wiederfinde?« --
»Der liebe Gott wird's wohl so einrichten,« gab ich ihr zur Antwort. --
»Das ist wunderschön,« rief sie freudig, »ich mag Dich auch sehr gern
leiden.« -- Ich küßte sie für diese wohlthuende Erklärung und nahm
sie auf meine Knie, um meine Mappe mit ihr zu durchblättern: viele von den
Bildern machten ihr große Freude und mir ihr Geplauder noch mehr.
Zuweilen trat ich auch Mittwochs in den Betsaal, wo der Kaplan einen
Vortrag hält und viel gesungen und gebetet wird; diese Versammlungen
werden auch von Mehreren aus der Stadt besucht, namentlich habe ich
Julchen und Cäcilie fast jedesmal dort bemerkt, wenn ich einsah, auch Frau
Bernwacht und Therese zuweilen, Ida sehr selten. Ich blieb nicht immer die
ganze Zeit über da, gewöhnlich während der Rede, oder ich kam gegen das
Ende und wagte mich dann nicht über die Thür hinaus. Das lange Singen
ermüdet mich bald, und die Begleitung ist auch nur sehr mittelmäßig,
auf einem alten Klaviere, welches wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine
langjährigen Dienste an dieser Stätte noch in Activität bleibt. Vorigen
Mittwoch war man nun in Verlegenheit, wer das Amt des Organisten in der
Eile übernehmen sollte, der alte Kantor aus der Stadt, ein freundlicher
Greis, der es bis dahin verwaltet, war unterwegs ausgeglitten und hatte
sich die Hand verstaucht; die Gräfin war um ihn bemüht, schickte nach
einem Arzte und bedauerte, daß ihr Mann verreist sei, er spiele so gut
Choräle, der Sekretair spiele zwar auch Klavier, aber so viel sie wisse,
nur moderne Sachen, nun es müsse auch ohne Begleitung einmal gehen, der
Rentmeister sei ein zuverlässiger Sänger, der könne den Ton angeben. --
Nun weißt Du, was geschah. Ja, ich spielte; ein mächtiges Choralbuch war
ja da, und ich fühlte mich ganz wohl dabei; aber eigner Mensch, der
ich bin, ich genirte mich nachher den Blicken Julchens und Cäciliens zu
begegnen. -- Da der alte Mann sich noch schonen soll, werde ich noch einige
Male den Platz am Instrumente einnehmen. Die Gräfin war sehr gütig und
erlaubte mir, den Flügel im Speisesaale nach Gefallen zu benutzen, werde
es aber nicht oft thun, die Zeit fliegt ohnehin fast allzuschnell dahin.
Das ist Mittwochs. Freitags gehe ich mit dem Bürgermeister zu einer
Parthie Schach nach dem Klubb, und Sonntags ist Leseabend bei Bernwachts,
an welchem, außer Julchen, noch ein Paar junge Damen Theil nehmen, die
mir gegenüber sehr schüchtern sind, und von denen ich kaum mehr als die
Namen, und daß sie Cousinen Theodors, des Verlobten Theresens sind, weiß.
-- Die Lectüre wird durch die Mitglieder bestimmt; jede der Damen wird der
Reihe nach für ein Buch sorgen, dann nach Cäcilien, als der Jüngsten,
komme ich, und simulire öfter schon, was ich auswählen soll, um Alle zu
befriedigen, ein solches Buch wird schwer zu finden sein; Dumas wäre etwas
für Ida, Göthe für Theresen, aber ich möchte gar nicht Cäcilien den
Grafen von Monte Christo oder Faust oder die Wahlverwandtschaften vorlesen
hören. Neulich fragte ich sie nach ihren Lieblingsschriftstellern, da
nannte sie mir mehrere Lyriker, dann Andersen, die Bremer, Nathusius,
Namen, die mir zum Theil ganz unbekannt waren. Vielleicht kannst Du mir
etwas vorschlagen.
So unter Arbeit und in angenehmer Gesellschaft verstreicht die Zeit sehr
schnell, und die Wochen entfliehen wie Tage. Als ich kam, blühten die
Rosen, jetzt wirbelt der Schnee um's Fenster und die Raben sitzen auf den
nackten Bäumen, und doch ist's mir, als hätte ich vor Kurzem erst das
liebe Nest nach so manchem Jahr der Abwesenheit wieder gesehen. Gestern
habe ich viel von Dir gesprochen und soll Dich auch von Julchen grüßen.
Ebenso wie sie, hören die Mädchen im Bernwachtschen Hause gerne von Dir;
ich habe Dich vor einigen Tagen, auf Ida's Begehr, vom Kopf bis zu den
Füßen schildern müssen. Zuweilen lese ich ihnen Stellen aus Deinen
Briefen vor, eigentlich nicht ihnen, sondern nur Theresen und Cäcilien,
die sich am meisten dafür zu interessiren scheinen. Sie wünschen Alle,
Du möchtest mal kommen. Ginge es nicht? Freilich nicht vor dem Frühlinge,
und wo bin ich dann? -- Zwar habe ich außer meiner Arbeit hier im Schlosse
noch zwei Bilder anzufertigen versprochen und ein drittes wünsche ich =in
doublo= zu malen, aber zum Frühjahr werde ich mich doch wohl reisefertig
machen müssen. Wohin? -- Das weiß ich noch nicht. Das Leben in den
großen Städten, wo ich nirgends heimisch bin, wird mir nachher schlecht
behagen, ich muß mich wohl irgendwo, auf irgend einem schönen Fleckchen
der weiten Erde häuslich niederlassen. Was meinst Du dazu, erscheine ich
Dir schon gereift genug zu einem Hausherrn, oder glaubst Du, daß ich meine
Lehr- und Wanderjahre noch ausdehnen muß, um später mit um so sicherer
Hand das Fundament zu meinem Lebensglücke zu legen? --
Im Kreise solcher Familien, wie die des Grafen und Bernwachts, steigen bei
dem flatterhaftesten Menschen solide Gedanken auf; ich könnte mir
mein Haus in Zukunft sehr hübsch denken, es würde im Aeußeren etwas
alterthümlich mit Schnitzwerk, Erker und schwerem Messinghammer an
der eichenen Hausthüre sein, es würde tiefe, weite Fensternischen
und behaglich eingerichtete Zimmer haben. Unten wären Empfang- und
Wirthschaftszimmer, oben die des Hausherrn und das Kabinet der Frau, das
wäre ein kleines licht- und blumenreiches Gemach, mit einem Fortepiano,
Bücherschrank und schönen Gemälden, wüßte ich doch jenen Christus
wieder aufzuspüren! -- In dem Erker würde eine Staffelei stehen können,
vielleicht wäre sie der Frau nicht zuwider, und während ich malte,
tauschten wir unsere Gedanken aus, oder sie läse oder spielte.
Das Bild ist verlockend, ich muß es bedecken, mich davon abwenden,
vielleicht ist es ebenso unerringbar wie jener spurlos verschwundene
Christus. -- Doch genug, ich muß heute noch einen weiten Spaziergang
machen und schließe mit einem Gruße warmer, brüderlicher Liebe.
_Justus._
Den 13. December.
Liebe Schwester, ich habe eine Menge Aufträge für Dich. Du schriebst im
letzten Briefe, Du würdest vor Weihnachten noch einmal nach Berlin reisen,
das paßt ganz zu meinen Wünschen. Burga hat es nämlich bei ihren Eltern
dahin gebracht, daß ich die Erlaubniß erhielt, den heiligen Abend des
Weihnachtsfestes bei ihnen zuzubringen, und nun wollte ich Dich bitten,
in Berlin passende Geschenke für die Familie auszusuchen. Ich denke,
eine hübsche Schreibmappe mit schönem Papier würde Theresen nicht
unwillkommen, eine Auswahl neuer Tänze oder irgend ein Putzgegenstand für
Ida nicht unpassend sein. Burga und Berga müssen etwas Egales haben, oder
Gemeinschaftliches, Noten zu vier Händen etwa, oder Spiele, oder eine
wohleingerichtete Kochanstalt, was Du willst, Du wirst schon das Richtige
treffen. Für Cäcilie etwas zu wählen, ist schon schwerer; ich habe an
Scrivers Werke gedacht -- ich habe in diesen Büchern gelesen, sie stehen
in der mir zugänglichen Bibliothek des Grafen -- aber wie könnte ich es
wagen, ihr ein Erbauungsbuch zu schenken! Aber wenn Du dennoch meinst,
es ginge, dann schicke sie, in recht würdigem, gediegenem Einbande.
Vielleicht machten ihr auch Märchen, mit vielen Bildern im Text, Freude,
es müßte aber schon etwas _sehr Gutes_ sein, gehaltvoll, in der Form
gelungen, und jedenfalls in einer Prachtausgabe; erkundige Dich doch, was
es Bestes in der Art giebt. Auch habe ich an Schmucksachen gedacht: ein
Perlenhalsband mit schönem, goldenem Schlosse würde ihr vortrefflich
stehn; doch Perlen bedeuten Thränen, mein Geschenk soll weiter keine
Bedeutung haben, als ein Andenken an diesen heiligen Abend, die der
Thränen gewiß nicht, und so ist es auch mit einem goldenen Kreuze,
welches sie vielleicht trüge, aber nein, Kreuz bedeutet Leid.
Du siehst wohl, für Cäcilien weiß ich garnichts, suche Du nur etwas aus,
was für ein frommes, sinniges und schönes junges Mädchen paßt, vergiß
aber nicht, mir auch all die Sachen, welche ich angedeutet habe, mit zu
besorgen, es könnte doch sein, daß mir das Eine oder Andere davon noch
wünschenswerth für sie erschiene. Gern malte ich ihr etwas, aber was? Sie
hat so viel Schönheitssinn, so viel Kunstverstand, werde ich ihr in der
kurzen Zeit, neben den mir aufgetragenen Arbeiten, noch etwas Würdiges
schaffen können? Ich bezweifle es. Für die kleine Johanne habe ich
ein Album machen lassen, welches ich mit Zeichnungen aus der biblischen
Geschichte schmücke, ein kleines Büchlein nur. Ein Album wäre auch etwas
Passendes für Cäcilie, aber ich müßte es ihr fast leer überreichen,
und das möchte ich nicht. Höre, Kind, besorge doch auch eine Prachtmappe
von Sammet und einfachem Golddruck, es könnte sein, daß ich unter meiner
Sammlung noch so viel Gutes zusammenfände, was ich ihr, ohne lächerlich
zu erscheinen, anbieten dürfte. --
Lebe wohl, liebes Kind, ich habe es sehr eilig.
_Dein Bruder Justus._
Um allem Irrthum vorzubeugen, füge ich diesem Briefe ein einfaches
Register derjenigen Dinge bei, welche ich für Cäcilien besorgt zu haben
wünschte: 1) Scrivers Werke, 2) Märchen, 3) ein Perlenhalsband, 4) ein
goldenes Kreuz, 5) eine Mappe, und 6) Verschiedenes, durch welches Dein
Geschmack meiner Rathlosigkeit zu Hülfe kommen könnte.