Ich nahm's ihr dennoch übel. --

Nach einer guten halben Stunde eröffnete Ida an der Seite eines jungen

Militairs den Ball, und man tanzte, tanzte und tanzte, das ist die

Geschichte des Balles. Aber außerhalb des Balles trug sich an diesem

Abende noch Etwas zu. Von Bedeutung? magst du fragen -- je nun, ich meine

fast. Sieh, als ich die beiden Schwestern durch den Saal schweben sah, --

sie sind Beide _sehr_ graciös -- fiel mir plötzlich Cäcilie, die kleine

Unergründliche, ein. Ich dachte: wie sie wohl tanzen würde, gewiß

hinreißender wie die Salome vor Zeiten, denn sie hat eine feenhafte kleine

Gestalt, und schwebt überhaupt mehr als sie geht. Und, dachte ich weiter,

was sie nun wohl treibt, und ob ihr Zuhausebleiben vom Ball wohl wirklich

Geschmackssache war oder ein pietistisches Opfer, ob sie zu Hause wohl den

Kopf ein wenig hängen läßt, und dachte so lange an dergleichen, bis ich

mit einer Art Freude, die mir ganz neu war, mich daran erinnerte, daß mich

ja nichts verhindere sie aufzusuchen, daß ich ja überhaupt so frei sei

wie der Vogel in der Luft. Der Mantel wurde umgeworfen und bald war ich da.

Am Fenster blieb ich lauschend stehn, lauter Gesang hoher Diskantstimmen

schallte mir entgegen: »Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des

Vaterlands!« -- eine schöne sanfte, aber sichere Altstimme führte das

Steuer. Die zusammengezogenen Gardinen waren nicht allzu dicht, ich konnte

vortrefflich hindurchschauen, da saß sie am Claviere und dirigirte; Burga

und Berga mit wenigstens einem Dutzend künftiger Schönheiten standen

ringsum und sangen nach Möglichkeit, Julchen Hermann, mit dem Ausdrucke

innigster Freude, daneben.

»Fühl in des Thrones Glanz,« sie sangen mit ganzer Seele, die Mädchen,

ich mußte einstimmen, was gings mich an, wenn die Nachbarn etwa ihre

Bemerkungen darüber machten, es war ja Patriotismus -- »Die hohe Wonne

ganz, Liebling des Volks zu sein, Heil Liebling Dir!«

Meine Einmischung hatte all die Oehrchen da drinnen gespitzt, Berga

errieth, und sang sich gerade bei der letzten Zeile aus der Hausthür

heraus.

»König heißt es!« rief sie corrigirend, und sang, an meinem Arme

hängend, und meine Variationen noch einmal berichtigend: »Heil

König Dir!« als ich eben mit höflichem Gruße in der Versammlung der

Sängerinnen erschien. Cäcilie nickte mir freundlich zu, ließ sich aber

nicht stören, der Gesang nahm ununterbrochen seinen Fortgang.

»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich Julchen, als wir Beide

auf dem Sopha saßen. »Mich ruhen, erholen.« -- »Glaubten Sie hier Ruhe

finden zu können?« -- »Ruhe und Frieden,« antwortete ich und sah ihr

voll in die Augen. Sie lächelte und nickte mit dem Kopfe. »Ja,« sagte

sie dann, »es ist ein großer Unterschied darin, den Lustbarkeiten

Erwachsener sich hinzugeben oder den Spielen der Kinder zuzusehen; ich bin

auch sehr gern unter Kindern.« --

Dieses alte Mädchen hat ein sehr feines Verständniß, aber wenn ich

einmal ein Geheimniß habe, soll sie es theilen.

Nach dem Vortrage diverser Lieder tanzten die Kinder; Cäcilie spielte

mit einer Geduld, welche die meinige ermüdete, endlich erbot sich ein

liebenswürdiges Kind sie abzulösen, und sie setzte sich in unsere Nähe.

Nun könnte ich sie vielleicht tanzen sehn, dachte ich, oder gar selbst mit

ihr tanzen, sie wird aber ein rundes Nein bei der Hand haben, das will ich

doch nicht so schnell riskiren. Da kam Burga und bat sie, und sie tanzte,

nun versuchte ich mein Glück auch, und sie gab mir die kleine Hand ganz

willig. Sie tanzte noch lieblicher, als ich es mir vorgestellt hatte,

leise, leise, sinnig, lache nicht! -- sinnig, wiederhole ich -- sie thut

nichts als in dieser holden Weise. Da war keine Hast, kein innerer Sturm,

der sie trieb, keine Eitelkeit, die sich geltend machen wollte, sie hörte

Musik und bewegte sich harmonisch, das war es; ich, auf dessen Arm sie sich

lehnte, der ihr Führer hätte dabei sein sollen, konnte nicht anders als

sie. Nie hatte ich so getanzt! --

Nun tanzte sie nicht mehr, sie schlug es verschiedenen Kindern ab, ich

wagte es nicht, sie noch einmal zu bitten. Julchen lobte sie deshalb, sie

scheint sie für schwach zu halten. --

Nach einiger Zeit wurde Pause gemacht und Erfrischungen gereicht, Cäcilie

war die Vielbeschäftigte; ich hatte was ich wollte, und ging nach dem

Rathhaussaale zurück, fühlte mich aber nicht sehr zum Tanz mehr aufgelegt

und sah zu, bis der Cottillon kam, den Ida mir zugesagt hatte. Er dauerte

sehr lange, und es schlug bereits vier Uhr als der Pförtner mich zum

Schlosse herein ließ. --

Heut war hier nun eine hübsche Nachfeier, die Armen wurden in den

Laubengängen gespeist, und die Gräfin sah selbst mit ihren fröhlichen

Augen überall hin, ob auch Jeder sein Recht bekomme. Es ist rührend zu

denken, was Alles und wie so ein Frauenherz lieben kann. Spricht diese Frau

von Mann und Kind, oder ruht nur ihr Auge auf ihnen, so ist es Einem, als

füllten diese Geliebten ihre Seele ganz aus. Wer sie gestern zum ersten

Male gesehen hätte, oder überhaupt während die Anstalten zum Feste

gemacht wurden, der würde den Monarchen beneiden, dessen Namenstag mit so

inniger Freude begrüßt wurde, wie von dieser Frau. Ihr Töchterchen lehrt

sie beten für »den theuren König«, den Kindern in der Schule spricht

sie, wie man sagt, begeistert von seiner väterlichen Treue, ihren Gatten

und Sohn nennt sie mit Stolz Diener ihres königlichen Herrn. Heute flammte

wieder der heilige Liebesstrahl in ihren Augen, und für die Armen, die

ihr nichts Liebes erwiesen, die in ihrem innern und äußern Mangel so

himmelweit verschieden von ihr sind. Erbarmen habe ich auch für diese

Menschen -- wozu sage ich übrigens was du weißt und sich von selbst

versteht, -- aber solches Gefühl ist mir fremd. Ich mußte sie oft

betrachten. Ob sie es fühlte, weiß ich nicht, und wenn's der Fall war,

dann muß ich ihr doppelt dankbar sein; einmal als ich in ihrer Nähe

stand, sagte sie: »Wie glücklich bin ich heut, mehr als glücklich! Immer

muß ich an die schönen lieben Segensworte denken: »Alles was ihr gethan

habt Einem dieser Geringsten« -- ihr Auge wurde feucht, und sie brach ab,

aber ganz leise hörte ich neben ihr die Worte flüstern: »das habt ihr

mir gethan.« Es war Johanne, ihr kleines Abbild, welches den Vers so

andächtig ausbetete. Die Mutter küßte sie und sah mich mit einem

strahlenden Blicke an. Ihr Glaube macht sie selig.

Nachmittags ging ich zu Bernwachts, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Die Alten waren im Garten, wo neue Anlagen vorbereitet wurden, Therese und

Ida hielten Nachmittagsruhe und Cäcilie saß im stillen Zimmer und brachte

Ida's Florkleid wieder in Ordnung, welches mit den Sporen des jungen

Vaterlandsvertheidigers in unangenehme Berührung gekommen war. Ich

setzte mich ein wenig zu ihr hin und fragte sie, ob sie das Märchen von

Aschenbrödel kenne.

»Sehr gut,« antwortete sie, »es war immer mein liebstes.« -- »Das

läßt sich denken,« bemerkte ich, »wie sieht die Fee aus, sie ist wohl

wunderschön?« -- »Ich denke, wie Ida ungefähr,« sagte sie munter in

den Scherz eingehend, »ein schöneres Mädchengesicht als Ida's kann ich

mir so leicht nicht vorstellen; ich freue mich recht, daß Sie sie malen

wollen.«

»Haben Sie Ida ganz besonders lieb?« forschte ich weiter.

»Die Schwestern sind mir Alle gleich lieb,« entgegnete sie, »ich möchte

sie Alle gern gemalt haben, wenn's eine aber doch nur sein soll, so muß es

die Schönste sein.«

»Sie lieben also das Schöne sehr?«

»Sehr,« wiederholte sie, »ganz außerordentlich.«

»Bei so viel Schönheitssinn,« behauptete ich, »muß ich Talente

voraussetzen, die Sie neidisch verstecken, gewiß malen Sie ausgezeichnet,

oder componiren oder dergleichen.«

»Nichts von Allem,« entgegnete sie, »ich kann nur bewundern und lieben,

aber sehr wenig leisten.« -- »Bewundern, lieben und die Fehler Anderer

wieder gut machen,« sagte ich unwillkürlich, und wieder fiel mir

Aschenbrödel ein. »Sie müssen mir entschieden zu einem Bilde sitzen, ich

lasse Ihnen keine Ruhe anders,« kündigte ich ihr an; sie lächelte

aber und meinte: erst solle ich nur Ida malen, dann könne das Weitere

besprochen werden. Thut sie's, so wird diese Aschenbrödel ein süßes

Bild. Ich gebe ihr etwas mehr Farbe, die ihrige ist fast zu zart, und lasse

sie das herabflatternde Täubchen mit den erstaunten, fast erschrockenen

Wunderaugen begrüßen, die sie so manchmal auf uns richtet, wenn ihr etwas

Unerwartetes passirt, oder ich lasse sie vor der Fee stehn, und diese Augen

mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf sie heften, den ich schon manchmal

mit einem zärtlichen Gefühle belauscht habe. Die Fee kann dann Ida sein,

weil sie es gesagt hat, sie wird mit ihrer vollendeten Gestalt und den

tadellosen Zügen prächtig werden. -- Sieh' Schwesterchen, so habe ich

schon wieder eine Freude im Voraus, ich begreife nicht, wie man das Leben

langweilig finden kann, wie z. B. Waldemar es thut, von dem ich erst

kürzlich eine lange Jeremiade über die Nüchternheit des menschlichen

Lebens aus Berlin erhalten habe.

Nun will ich meinen langen Brief absenden und nur noch für den Deinigen

danken. Ja, Julchen ist mir auch sehr theuer geworden, und ich werde sie

öfter besuchen. Lebe wohl!

_Dein Bruder Justus._

Den 5. December.

Du bist erstaunt über meine Brauchbarkeit nach so vielen Seiten hin --

liebes Kind; Du weißt so viel wie nichts davon, Du wirst noch ganz andere

Begriffe von mir bekommen, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Aber ich

übereile mich nicht damit, es wird ganz =en passant= kommen, ich werde den

Faden des Berichtes da wieder aufnehmen, wo er abgerissen wurde. -- Nach

dem denkwürdigen 15. October beschloß ich sehr fleißig zu arbeiten, weil

mein Bewußtsein etwas unzufrieden geworden war. So vollendete ich denn das

Bild der Gräfin zunächst und begann mit Eifer die Restauration der alten

Familienportraits im Ahnensaale. Der Graf besuchte mich oft bei meiner

Arbeit, sah mit Theilnahme zu und sprach manch gutes, anregendes Wort. Er

ist ein ausgezeichneter Mann. Seine holde Gemahlin begleitet ihn zuweilen

und das Kind kommt am oftesten, bringt mir zuweilen schönes Obst oder ein

Paar Blumen, die es auf dem Walle für mich gepflückt hat, oder fühlt den

Trieb, mir irgend eine wundersame Historie mitzutheilen, die Mama erzählt,

oder es selbst in einem bilderreichen Elberfelder Büchlein gelesen hat.

Dann thut es oft die seltsamsten Fragen, so auch einst, ob ich Joseph oder

Timotheus lieber leiden möchte. Sie ihrerseits war geneigt, dem Jünger

den Vorzug zu geben, obgleich Joseph auch sehr liebenswürdig und

großmüthig gewesen sei, aber zweierlei fand sie nicht schön von ihm,

erstens: daß er die stolzen Träume erzählt hatte, und zweitens: daß er

bei der ersten Rückkehr der Brüder aus Aegypten seinem Vater keinen

Trost gesendet hatte, »und er trug doch Leid um ihn!« sagte sie höchst

mitleidig. Dann zeigte sie mir ein kleines Bild, wo Timotheus als Knabe zu

den Füßen einer alten Frau saß und in der Bibel las. Die Mutter stand

daneben und weidete sich an dem Anblicke. »Ist er nicht sehr nett?«

fragte sie, »sieh nur, wie sie ihn lieb haben, der war schon von klein an

ein Jünger Gottes, und nachher liebte er den Heiland so sehr, und dann

war er des Apostels Paulus lieber Sohn; ich glaube, er ist noch besser als

Joseph, aber Joseph ist auch sehr gut.«

»Joseph war aber ein Jude,« wendete ich ein. »Das schadet nichts,«

sagte sie, »er konnte ja damals nichts Besseres sein; weißt Du nicht, die

Juden waren ja auch Gottes Kinder.«

»Aber jetzt sind sie es wohl nicht mehr?« fragte ich.

Sie sah mich groß an und sagte: »Alle Menschen gehören ja dem lieben

Gott, die armen Heiden ja auch, und der liebe Gott will alle, alle Menschen

in seinen schönen Himmel bringen, in sein großes, großes Reich,

denk mal, wie viel Menschen da zusammenkommen werden; ob ich Dich wohl

wiederfinde?« --

»Der liebe Gott wird's wohl so einrichten,« gab ich ihr zur Antwort. --

»Das ist wunderschön,« rief sie freudig, »ich mag Dich auch sehr gern

leiden.« -- Ich küßte sie für diese wohlthuende Erklärung und nahm

sie auf meine Knie, um meine Mappe mit ihr zu durchblättern: viele von den

Bildern machten ihr große Freude und mir ihr Geplauder noch mehr.

Zuweilen trat ich auch Mittwochs in den Betsaal, wo der Kaplan einen

Vortrag hält und viel gesungen und gebetet wird; diese Versammlungen

werden auch von Mehreren aus der Stadt besucht, namentlich habe ich

Julchen und Cäcilie fast jedesmal dort bemerkt, wenn ich einsah, auch Frau

Bernwacht und Therese zuweilen, Ida sehr selten. Ich blieb nicht immer die

ganze Zeit über da, gewöhnlich während der Rede, oder ich kam gegen das

Ende und wagte mich dann nicht über die Thür hinaus. Das lange Singen

ermüdet mich bald, und die Begleitung ist auch nur sehr mittelmäßig,

auf einem alten Klaviere, welches wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine

langjährigen Dienste an dieser Stätte noch in Activität bleibt. Vorigen

Mittwoch war man nun in Verlegenheit, wer das Amt des Organisten in der

Eile übernehmen sollte, der alte Kantor aus der Stadt, ein freundlicher

Greis, der es bis dahin verwaltet, war unterwegs ausgeglitten und hatte

sich die Hand verstaucht; die Gräfin war um ihn bemüht, schickte nach

einem Arzte und bedauerte, daß ihr Mann verreist sei, er spiele so gut

Choräle, der Sekretair spiele zwar auch Klavier, aber so viel sie wisse,

nur moderne Sachen, nun es müsse auch ohne Begleitung einmal gehen, der

Rentmeister sei ein zuverlässiger Sänger, der könne den Ton angeben. --

Nun weißt Du, was geschah. Ja, ich spielte; ein mächtiges Choralbuch war

ja da, und ich fühlte mich ganz wohl dabei; aber eigner Mensch, der

ich bin, ich genirte mich nachher den Blicken Julchens und Cäciliens zu

begegnen. -- Da der alte Mann sich noch schonen soll, werde ich noch einige

Male den Platz am Instrumente einnehmen. Die Gräfin war sehr gütig und

erlaubte mir, den Flügel im Speisesaale nach Gefallen zu benutzen, werde

es aber nicht oft thun, die Zeit fliegt ohnehin fast allzuschnell dahin.

Das ist Mittwochs. Freitags gehe ich mit dem Bürgermeister zu einer

Parthie Schach nach dem Klubb, und Sonntags ist Leseabend bei Bernwachts,

an welchem, außer Julchen, noch ein Paar junge Damen Theil nehmen, die

mir gegenüber sehr schüchtern sind, und von denen ich kaum mehr als die

Namen, und daß sie Cousinen Theodors, des Verlobten Theresens sind, weiß.

-- Die Lectüre wird durch die Mitglieder bestimmt; jede der Damen wird der

Reihe nach für ein Buch sorgen, dann nach Cäcilien, als der Jüngsten,

komme ich, und simulire öfter schon, was ich auswählen soll, um Alle zu

befriedigen, ein solches Buch wird schwer zu finden sein; Dumas wäre etwas

für Ida, Göthe für Theresen, aber ich möchte gar nicht Cäcilien den

Grafen von Monte Christo oder Faust oder die Wahlverwandtschaften vorlesen

hören. Neulich fragte ich sie nach ihren Lieblingsschriftstellern, da

nannte sie mir mehrere Lyriker, dann Andersen, die Bremer, Nathusius,

Namen, die mir zum Theil ganz unbekannt waren. Vielleicht kannst Du mir

etwas vorschlagen.

So unter Arbeit und in angenehmer Gesellschaft verstreicht die Zeit sehr

schnell, und die Wochen entfliehen wie Tage. Als ich kam, blühten die

Rosen, jetzt wirbelt der Schnee um's Fenster und die Raben sitzen auf den

nackten Bäumen, und doch ist's mir, als hätte ich vor Kurzem erst das

liebe Nest nach so manchem Jahr der Abwesenheit wieder gesehen. Gestern

habe ich viel von Dir gesprochen und soll Dich auch von Julchen grüßen.

Ebenso wie sie, hören die Mädchen im Bernwachtschen Hause gerne von Dir;

ich habe Dich vor einigen Tagen, auf Ida's Begehr, vom Kopf bis zu den

Füßen schildern müssen. Zuweilen lese ich ihnen Stellen aus Deinen

Briefen vor, eigentlich nicht ihnen, sondern nur Theresen und Cäcilien,

die sich am meisten dafür zu interessiren scheinen. Sie wünschen Alle,

Du möchtest mal kommen. Ginge es nicht? Freilich nicht vor dem Frühlinge,

und wo bin ich dann? -- Zwar habe ich außer meiner Arbeit hier im Schlosse

noch zwei Bilder anzufertigen versprochen und ein drittes wünsche ich =in

doublo= zu malen, aber zum Frühjahr werde ich mich doch wohl reisefertig

machen müssen. Wohin? -- Das weiß ich noch nicht. Das Leben in den

großen Städten, wo ich nirgends heimisch bin, wird mir nachher schlecht

behagen, ich muß mich wohl irgendwo, auf irgend einem schönen Fleckchen

der weiten Erde häuslich niederlassen. Was meinst Du dazu, erscheine ich

Dir schon gereift genug zu einem Hausherrn, oder glaubst Du, daß ich meine

Lehr- und Wanderjahre noch ausdehnen muß, um später mit um so sicherer

Hand das Fundament zu meinem Lebensglücke zu legen? --

Im Kreise solcher Familien, wie die des Grafen und Bernwachts, steigen bei

dem flatterhaftesten Menschen solide Gedanken auf; ich könnte mir

mein Haus in Zukunft sehr hübsch denken, es würde im Aeußeren etwas

alterthümlich mit Schnitzwerk, Erker und schwerem Messinghammer an

der eichenen Hausthüre sein, es würde tiefe, weite Fensternischen

und behaglich eingerichtete Zimmer haben. Unten wären Empfang- und

Wirthschaftszimmer, oben die des Hausherrn und das Kabinet der Frau, das

wäre ein kleines licht- und blumenreiches Gemach, mit einem Fortepiano,

Bücherschrank und schönen Gemälden, wüßte ich doch jenen Christus

wieder aufzuspüren! -- In dem Erker würde eine Staffelei stehen können,

vielleicht wäre sie der Frau nicht zuwider, und während ich malte,

tauschten wir unsere Gedanken aus, oder sie läse oder spielte.

Das Bild ist verlockend, ich muß es bedecken, mich davon abwenden,

vielleicht ist es ebenso unerringbar wie jener spurlos verschwundene

Christus. -- Doch genug, ich muß heute noch einen weiten Spaziergang

machen und schließe mit einem Gruße warmer, brüderlicher Liebe.

_Justus._

Den 13. December.

Liebe Schwester, ich habe eine Menge Aufträge für Dich. Du schriebst im

letzten Briefe, Du würdest vor Weihnachten noch einmal nach Berlin reisen,

das paßt ganz zu meinen Wünschen. Burga hat es nämlich bei ihren Eltern

dahin gebracht, daß ich die Erlaubniß erhielt, den heiligen Abend des

Weihnachtsfestes bei ihnen zuzubringen, und nun wollte ich Dich bitten,

in Berlin passende Geschenke für die Familie auszusuchen. Ich denke,

eine hübsche Schreibmappe mit schönem Papier würde Theresen nicht

unwillkommen, eine Auswahl neuer Tänze oder irgend ein Putzgegenstand für

Ida nicht unpassend sein. Burga und Berga müssen etwas Egales haben, oder

Gemeinschaftliches, Noten zu vier Händen etwa, oder Spiele, oder eine

wohleingerichtete Kochanstalt, was Du willst, Du wirst schon das Richtige

treffen. Für Cäcilie etwas zu wählen, ist schon schwerer; ich habe an

Scrivers Werke gedacht -- ich habe in diesen Büchern gelesen, sie stehen

in der mir zugänglichen Bibliothek des Grafen -- aber wie könnte ich es

wagen, ihr ein Erbauungsbuch zu schenken! Aber wenn Du dennoch meinst,

es ginge, dann schicke sie, in recht würdigem, gediegenem Einbande.

Vielleicht machten ihr auch Märchen, mit vielen Bildern im Text, Freude,

es müßte aber schon etwas _sehr Gutes_ sein, gehaltvoll, in der Form

gelungen, und jedenfalls in einer Prachtausgabe; erkundige Dich doch, was

es Bestes in der Art giebt. Auch habe ich an Schmucksachen gedacht: ein

Perlenhalsband mit schönem, goldenem Schlosse würde ihr vortrefflich

stehn; doch Perlen bedeuten Thränen, mein Geschenk soll weiter keine

Bedeutung haben, als ein Andenken an diesen heiligen Abend, die der

Thränen gewiß nicht, und so ist es auch mit einem goldenen Kreuze,

welches sie vielleicht trüge, aber nein, Kreuz bedeutet Leid.

Du siehst wohl, für Cäcilien weiß ich garnichts, suche Du nur etwas aus,

was für ein frommes, sinniges und schönes junges Mädchen paßt, vergiß

aber nicht, mir auch all die Sachen, welche ich angedeutet habe, mit zu

besorgen, es könnte doch sein, daß mir das Eine oder Andere davon noch

wünschenswerth für sie erschiene. Gern malte ich ihr etwas, aber was? Sie

hat so viel Schönheitssinn, so viel Kunstverstand, werde ich ihr in der

kurzen Zeit, neben den mir aufgetragenen Arbeiten, noch etwas Würdiges

schaffen können? Ich bezweifle es. Für die kleine Johanne habe ich

ein Album machen lassen, welches ich mit Zeichnungen aus der biblischen

Geschichte schmücke, ein kleines Büchlein nur. Ein Album wäre auch etwas

Passendes für Cäcilie, aber ich müßte es ihr fast leer überreichen,

und das möchte ich nicht. Höre, Kind, besorge doch auch eine Prachtmappe

von Sammet und einfachem Golddruck, es könnte sein, daß ich unter meiner

Sammlung noch so viel Gutes zusammenfände, was ich ihr, ohne lächerlich

zu erscheinen, anbieten dürfte. --

Lebe wohl, liebes Kind, ich habe es sehr eilig.

_Dein Bruder Justus._

Um allem Irrthum vorzubeugen, füge ich diesem Briefe ein einfaches

Register derjenigen Dinge bei, welche ich für Cäcilien besorgt zu haben

wünschte: 1) Scrivers Werke, 2) Märchen, 3) ein Perlenhalsband, 4) ein

goldenes Kreuz, 5) eine Mappe, und 6) Verschiedenes, durch welches Dein

Geschmack meiner Rathlosigkeit zu Hülfe kommen könnte.

Briefe eines Malers an seine Schwester · 第 3 / 6 题