Lebe wohl, liebes Kind, und schreibe bald wieder Deinem Bruder

_Justus_.

Den 20. September.

Gestern Abend bin ich bei Julchen Hermann gewesen und habe eine lange

Unterredung mit ihr gehabt. Sie ist das, was Du eine echte Christin nennen

würdest, liebreich, dienstfertig, freudig, genügsam, Alles »um des Herrn

willen,« wie es auf ihrer heitern Stirn und in den großen grauen Augen

klar steht. Ein religiöses Gespräch mit ihr anzuknüpfen, bedarf weiter

keines Vorbedachtes, man kann nur nach einem Warum ihres Thuns fragen und

man hat, was man will. Die Seligkeit, ihre und anderer Menschen, ist ihr

Hauptgedanke, und sie ist der eignen so sicher, daß sie sich unter den

Gräbern ringsum, und in der Gesellschaft eines Dutzend alter, einfältiger

Weiber sogar schon wie im Vorhofe des Himmels fühlt. Ihre Sicherheit

reizte mich mehr, als Du Dir vielleicht denken kannst, und ich ließ mich

von meiner Heftigkeit zu Entgegnungen hinreißen, deren ich mich bei kaltem

Blute schäme. »Toben Sie nur,« sagte sie ganz siegesgewiß und mit

dem gütigsten Lächeln, »dieser Eifer ist mir ganz angenehm, er ist

das Geschrei des angegriffenen alten Menschen, der alte Adam fürchtet

überwunden zu werden.«

»Ich bitte Sie, bestes Julchen,« rief ich anmuthig, »verschonen Sie mich

mit diesen abgeschmackten, Ihrer ganz unwürdigen Redensarten, -- alter

Adam!«

»Fleischeswille, wenn Sie das lieber hören,« erwiederte sie ganz

gelassen.

»Was will denn mein Fleisch?« fragte ich lachend.

»Herrschen, das Sinnliche, die Erde mit ihren Freuden zum Abgott machen.«

»Ich denke nicht daran,« betheuerte ich.

»Sie thaten es aber, und thun es noch,« beharrte sie. --

Ich bat sie, mich dieser Anschuldigung zu überführen, allein sie meinte,

es sei wohl besser, ich thäte das selbst, sie verstehe vom Disputiren

wenig. Sie wisse das aber ganz gewiß, daß sie ohne Christus nicht

bestehen könne, daß sie nur an seiner Hand auf Erden wandeln und im

Himmel selig sein könne. Auf meine Aeußerung solche Ansichten seien

Schwärmerei, schüttelte sie den Kopf und fragte mich, ob ich denn allen

Ernstes glaube, den Himmel verdient zu haben? -- »Verdient,« sagte ich

ihr, »zwar gerade nicht, aber für wen er denn sein solle, wenn nicht für

Menschen, die ein richtiges Leben geführt hätten, ich sei kein Grausamer,

kein Lüstling u. s. w.«

»Sie meinen, Sie haben die Gebote gehalten?« fragte sie.

»Gewiß,« behauptete ich. --

Es erfolgte eine lange Pause, dann sagte sie: »In diesem Falle haben Sie

den Himmel verdient; ich kann das von mir nicht sagen, ich habe keines der

Gebote gehalten.«

Ihr Ton war bei diesem demüthigen Bekenntniß ganz ruhig, ich fühlte, sie

sprach ihres Herzens Meinung aus. Desto größer war mein Staunen. Julchen

Hermann gilt allgemein als eins der vortrefflichsten Wesen, unsere Mutter

war ihre Freundin, ihr ganzes langes Leben wird musterhaft genannt und

sie sagt, sie habe alle Gebote übertreten. Ich dachte an das fünfte, das

sechste, das siebente. »Das ist Selbstverblendung,« rief ich, »die ganze

Stadt würde Ihnen widersprechen!«

»Das ist Selbsterkenntniß,« entgegnete sie, »was weiß die Stadt von

meiner Herzensgeschichte, und das Herz ist der Heerd, der stille, heimliche

Heerd der geschehenen und ungeschehenen nur gewollten Thaten, die vor Gott

alle gleich sind. Das Wort »Du sollst nicht begehren« steht in gleicher

Reihe mit dem »Du sollst nicht fluchen, stehlen« u. s. w. Was die Stadt

nicht weiß, soll Ihrer Mutter Sohn erfahren, und so hören Sie denn etwas

aus dem Leben einer alten, unbescholtenen Jungfrau, und sehen Sie hinein

wie in einen Spiegel, lieber Justus.« --

Die Erzählung, welche ich Dir gewiß mittheilen darf, da Du meiner Mutter

Tochter bist, hat einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es wird mir

nicht schwer werden, sie Dir ziemlich getreu mit Julchens eigenen Worten zu

überliefern, das Ganze ist mir lebendig gegenwärtig.

Aus Julchen Hermanns Leben.

»So weit ich zurückdenken kann, ist es unverdiente Liebe, welche mich

gepflegt, gehütet und geführt hat. Meine Mutter haben Sie gekannt, sie

war einzig in ihrer Art, ich könnte stundenlang von ihren Eigenschaften

reden, und hätte sie doch nicht vollständig geschildert. In ihren

frühern Jahren war sie sehr lebendig und hat sich ihre geistige Frische

auch bis ins höchste Alter erhalten, Sie müssen sich noch erinnern

können, wie eindringlich all ihre Worte und wie ausdrucksvoll ihr

Mienenspiel und all ihre Bewegungen waren. Mutters Worte hatten stets die

größte Gewalt über mich. -- Mein lieber Vater war Geschäftsmann und

hatte für meines Bruders und meine Erziehung nur wenig Zeit übrig, Mutter

nahm uns also ganz unter ihre Leitung, und so war ich denn schon früh so

glücklich das Gute in seiner Schönheit kennen, es lieben zu lernen, von

Kind an war ich unsers himmlischen Schöpfers und seines Sohnes Eigenthum,

das er vor tausend Gefahren von seinen Engeln bewachen ließ. Aber trotz

dieser Leitung, trotz dieses Schutzes, trotz meiner Liebe zu dem Heiligen,

habe ich oft tiefes Leid über meine Sündhaftigkeit tragen müssen, sie

steckt zu tief, glauben Sie, wir werden ihrer erst ledig, wenn die Hülle

zerbricht.«

»Als mein Vater starb, der nur ein geringes Vermögen hinterließ, war

mein Bruder auf dem Gymnasium, und ich ein Mädchen von sechszehn Jahren.

Mein Bruder Leopold war sehr befähigt und Mutter und ich wünschten

beide sehr, er möchte Theologie studiren, kein Opfer, welches wir uns zur

Förderung dieses Zweckes auferlegten, schien uns zu schwer, wir entbehrten

mit Freudigkeit und freuten uns über jede neue Bestellung an Näh- und

Stickarbeiten, deren Ertrag für den Bruder zurückgelegt wurde. Leopold

kam wirklich zur Universität und erleichterte Mutter den kostspieligen

Unterhalt durch Stundengeben, so daß vorauszusehen war, es werde Alles gut

gehen. Daß wir's an Bitten bei der rechten Behörde nicht fehlen ließen,

können Sie sich denken -- aber Leopold irrte ab. Er trieb es sehr, sehr

schlimm, mit der Theologie war es aus, er kam zu Haus und es sollte nun

überlegt werden, was nun aus ihm werden könne. Ehe er ankam, war ich in

der vortrefflichsten Stimmung, es war nicht schwer, neben der Mutter das

Rechte zu finden: ich hatte nicht zu richten, sondern nur zu beten und zu

bitten, auch konnte ich meinem lieben Herrn beweisen, bis zu welchem Grade

von Sanftmuth ich es gebracht hatte, ich wollte mit schwesterlicher

Liebe den zu halten suchen, der unbrüderlich den Lohn meines anhaltenden

Fleißes verpraßt hatte, nur Lächeln anstatt Thränen zeigen.«

»Alles gelang, bis Leopold auch in seiner Heimath das schreckliche Leben

wieder begann, und die traurigsten Excesse unter unsern Augen verübte,

obgleich Mutter alles Mögliche, was seine Verblendung zerstören konnte,

anwendete, obgleich ich, nach meiner Meinung, mit der überzeugendsten

Klarheit auseinandersetzte, daß der von ihm eingeschlagene Weg einzig

in den Abgrund bodenloser Verderbtheit und Unheiles führen müsse. Er

_wollte_ also nicht! Nun war es aus mit meiner großen, schönen Liebe, mit

meiner Sanftmuth, da glaubte ich entschieden die Grenze zwischen ihm und

mir gezogen, ich wendete mich kalt von ihm ab und betrachtete ihn mit dem

Blicke der Verachtung. Mein Herz litt unsäglich dabei, aber ich

hüllte mich in ein stolzes Schweigen, den Bruder vermeidend, die Mutter

auffordernd, ihn zu lassen, wie ich es gethan, in mir den Ersatz zu suchen.

Ja, ich wagte das Unglaubliche, ich war so stolz in meiner Tugend, die mich

so hoch über den Bruder stellte -- aber Mutter hatte keine Antwort dafür,

sie sah mich nur an, stumm und verwundert, schmerzlich befremdet.« --

»Am Abende dieses Tages brachten Jünglinge den Leichnam meines Bruders,

aber Gott sei gepriesen! er hatte sich nicht selbst entleibt, wie es

mir bei dem ersten Anblicke qualvoll durch die Seele fuhr, er war

verunglückt.« --

Julchen schwieg einige Augenblicke, aber bald gefaßt, fuhr sie fort:

»Ist es gewiß, daß mein abstoßendes Wesen nicht Ursach war, daß mein

Bruder gerade an diesem Tage das Haus verließ, draußen umherirrte? --

Hatte ich nicht jedenfalls Mutters Liebe von dem Unglücklichen zu reißen

gesucht, hatte ich nicht Uebels von ihm geredet, während ich »ihn

entschuldigen sollte und Alles zum Besten kehren!« --

»Meiner Mutter Haupt richtete sich früher empor als das meinige, sie

hatte ein gutes Gewissen. Aber sie tröstete mich mit liebevollen Worten,

erinnerte mich an Gottes Weisheit und Güte, die Alles voraussieht, immer

wacht, gern verzeiht, und hob mein, in der Seelenqual gesunkenes Vertrauen

zu dem, der das zerbrochene Rohr nicht knickt und den glimmenden Docht

nicht auslöscht. Durch Gottes und ihre Hülfe wurde ich wieder ruhiger,

ich drückte die Hände meiner Freundinnen wieder wärmer, als in der Zeit

des Elends. Viel Worte des Lobes und der Bewunderung wurden in jener Zeit

über mich gesprochen, die öffentliche Meinung überschreitet leicht das

Maaß, im Tadel wie im Lobe, man hinterbrachte sie mir, mich zu erfreuen,

aber ich verbarg mich schamroth vor den kurzsichtigen Beobachtern. Die

freundliche Aufnahme und Vertheidigung, die Leopold Anfangs bei mir

gefunden hatte, dokumentirten aufs Neue mein vortreffliches Herz, meine

spätere Kälte war untrüglicher Beweis meiner reinen Tugendhaftigkeit,

die mit dem Unreinen durchaus keine Gemeinschaft haben könne, und dann,

mein unverkennbar tiefer Schmerz nach Leopolds Tode -- wie rührend

erschien er der Welt, mit welcher Zartheit begegnete man mir seinetwegen!«

»Jahre verstrichen, ich war zwei und zwanzig Jahre alt geworden, und Gott

hatte mir ein Glück geschenkt, das in seinem Umfange vorher nicht zu ahnen

ist: ich meine die Liebe eines Freundes, in dessen Gemeinschaft uns die

Welt verschwindet, wir uns nur selig vor dem Herrn aller Liebe fühlen.

Mein Freund war unendlich mehr als ich, aber ich verstand ihn. Ich staunte

über den Reichthum des innerlichen Lebens, den er mir erst zugänglich

gemacht hatte; er war der Engel der mir lächelnd unser seliges Endziel und

alle Hindernisse auf dem Wege dahin im Lichte der überwindenden Kraft

der Gnade zeigte. Ich bin jetzt ein altes Mädchen, aber wenn ich von ihm

spreche, so verkörpere ich nur ein freudiges Hallen der ihn feiernden

Seele; ich liebe ihn noch, und freue mich ihm entgegen, aber staunen Sie,

Niemand weiß es: ich wurde ihm ungetreu.«

»Gott nahm ihn mir früh, ich sah ihn begraben; aber an seinem Grabe

sprach ich das Gelübde aus, einsam meinen Weg zu wandeln; Keiner sollte

so Theil an mir haben, wie er, Niemand so meine Theilnahme, mein Vertrauen,

meine Freundschaft besitzen; er sollte mein Leitstern bleiben, bis wir

wieder bei Gott vereint sein würden.«

»In diesem Gelübde fand ich neue Kraft, ich hatte die Süßigkeit

der innigsten Gemeinschaft zweier Herzen kennen gelernt und wollte, das

vielleicht lange Leben hindurch, darauf verzichten; wollte mich mit der

sekundairen, laueren Freundschaft derer begnügen, die mein Herz nur

oberflächlich kannten, und in andern Verbindungen größere Befriedigung

fanden.«

»Meine Sehnsucht und Trauer war groß, ich habe Jahre lang viel gelitten,

mehr als ein Christenherz um einen Heimgegangenen leiden sollte. Endlich

erhob ich mich, mit Gottes Hülfe, zu größerer Klarheit, ich empfand

wieder Freude bei seinem Andenken, ich freute mich in seinem Sinne handeln

zu können, richtete meine Blicke und mein Herz wieder fester zu den

Höhen, von wannen die Hülfe kommt. -- Da starb Mutter und ich war ganz

verwaist. Es ist sehr schwer allein zu stehn, wenn man ein warmes Herz

hat. Es fehlt freilich nie an Gelegenheiten zum Gutesthun, aber unsere

Liebesthaten werden da unendlich wohlthätiger wirken, wo die Liebe sie

empfängt; man will auch nicht verschwenden, weil man weiß, wie glücklich

Liebe machen kann. Fühlen Sie, wie es kam, daß die welche als ein Muster

felsenfester Treue galt, allmählig die Wünsche hegte, mit ihrem tiefsten

Seyn, sich an ein anderes lebendes Wesen zu schließen, fühlen Sie aber

auch die Kämpfe, Selbstanklagen und welches Verzagen diese arme Seele

erschütterten? Der geistige Bund, die geistige Ehe, wenn Sie wollen, war

entweihet, auf welche Tugend durfte ich noch bauen, wenn nicht auf diese

Treue, auf mein freiwilliges Gelübde der feurigsten dankerfülltesten

Liebe? -- Auf keine Tugend, keine Kraft war zu rechnen, in mir war kein

Halt.«

»Was giebt mir nun den Muth mich dem Himmel und meinem Freunde dennoch

entgegen zu freuen?« fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen

sagen. Kennen Sie noch Worte wie diese: »Kommet her zu mir Alle, die ihr

mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch

mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen

demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, und saget den

verzagten Herzen, seid getrost, fürchtet euch nicht; ich bin der Herr dein

Arzt; selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet -- wendet euch zu

mir, so werdet ihr selig -- die Liebe decket der Sünden Menge -- verlasset

euch auf den Herrn ewiglich -- durch Stillesein und Hoffen würdet ihr

stark sein!«

»Jetzt bin ich stark im Glauben, ich bin auch selig in Liebe und

Hoffnung.«

Das treffliche Mädchen schwieg und sah mich mit den leuchtenden Augen

ihrer Mutter an. Ich küßte ihre Hand.

»Haben Sie wirklich alle Gebote gehalten?« fragte sie.

»Nein,« entgegnete ich. Sie drückte mir die Hand, und ich verließ sie

voller bewegten Herzens. --

Wenn ich einmal verheirathet sein werde, dann will ich Julchen Hermann für

mein Haus zu gewinnen suchen, da soll sie noch viel Liebe finden. Meine

Frau soll die Geschichte erfahren, und wenn sie sie jetzt nicht etwa schon

liebt -- man kann's ja nicht wissen -- dann wird sie's nachher sicher.

Julchen wird dieser Frau eine sehr kräftige Stütze werden, ich nenne sie

freilich immer alt, deshalb ist sie aber noch nicht gebrechlich, und hat

sie auch einmal Migräne, so legt meine Frau die Hände auf sie und Alles

ist gut. --

Gott segne alle guten Menschen, Dich auch recht sehr, liebe Pauline!

Schreibe bald wieder.

_Justus._

Den 13. October.

Kleines Mädchen, ich fühle mich sehr behaglich auf Gottes schöner

Welt, und er hat mir einen netten Platz und entsprechende Arbeit darauf

angewiesen. Der liebe, großmüthige Herr Gott hat mich ohne Zweifel

wirklich recht lieb, sonst könnte er mir nicht so viele gute Menschen in

den Weg schicken und mein Herz so fröhlich machen.

Sonntags kam ich aus der Kirche, -- ich schäme mich dieses Ganges

keineswegs, ich fühle mich darin ganz behaglich, ganz zu Hause, ich habe

gesungen wie die Andern: Befiehl du deine Wege u. s. w. -- also ich kam aus

der Kirche, und stehe mit der kleinen Johanne, die ihrer Bonne weg- und mir

entgegen gelaufen ist, und plaudere ganz freundschaftlich, als »Grafs«

kamen. Der liebe Engel grüßte, bevor ich meinen Hut herunter hatte, wie

Maienlicht und steuerte auf uns los.

»Wissen Sie, lieber Herr Brand, was wir in dieser Woche für ein Fest

feiern?« frägt sie. Ich wußte von nichts. »Königs Geburtstag, am

15.,« fuhr sie fort, »und ich führe zur Verherrlichung des Tages etwas

im Schilde gegen Sie.« -- Ich stellte mich ihr mit allen meinen Kräften

zur Disposition.

»Eigentlich muthet Ihnen meine Frau ein starkes Stück zu,« bemerkte der

Graf, »aber sie hat ein merkwürdiges Vertrauen zu Ihnen.«

Ich fühlte mich erröthen und sah die edle Dame dankbar an; sie lächelte

und sagte: »O ja, sein Sie dessen ganz gewiß, was ich aber wünsche, ist

gerade nichts Gewaltiges, es handelt sich nur um ein Paar Transparente

zum Festtage, nicht wahr, Sie machen sie gerne? wir wollen recht schön am

Abende illuminiren.«

Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind und ich versprach natürlich

mein Möglichstes dabei zu thun. Da stehn sie nun, 3 Rahmen, mit dem

königlichen Namenszuge, Adler, Laubwerk u. s. w., ich habe sie vorhin

probirt, es ist eine wahre Pracht! -- Hast Du wohl beachtet: sie hat

merkwürdiges Vertrauen zu mir!

Uebermorgen Abend also glänzende Illumination, und in der Stadt Ball. Zu

drei Tänzen habe ich bereits engagirt, Theresen zur Polonaise und Ida zum

ersten Walzer und Cottillon. Cäcilie will nicht hingehen, sie wird Burga's

und Berga's Kameradschaften mit Kuchen und =blanc manger= tractiren --

Jeder nach seinem Geschmack! -- Nach dem großen Tage mehr.

Am 16. October.

Was steckt doch alles in einem und demselben Menschen; ich z. B. bin

überraschend vielseitig, es kommt nur darauf an, mich dahin zu stellen,

wo etwas fehlt, und man erlebt Staunenswerthes! -- Die Tage waren köstlich

und ich werde Dir alles getreulich berichten, es ist ein Vergnügen noch

einmal Alles durchzunehmen.

Die Transparente waren also zur rechten Zeit fertig und ich glaubte bei

den übrigen Vorbereitungen den Zuschauer abgeben zu können, aber weit

gefehlt!

Schon am frühen Morgen des 14. begann ein allseitiges Rumoren, die ganze

Dienerschaft lief durcheinander, schleppte hierhin und dorthin, schrie und

frohlockte, als sei es heute Pflicht und Schuldigkeit Menschen, welche

von der Natur mit zarten Gehörnerven versehen sind, zur Verzweiflung zu

bringen. Wie die Gräfin dies aushält, dachte ich, wo sie wohl steckt,

während dieses Lärmens. -- Der Tag war einzig schön, ich öffnete das

Fenster, setzte mich daran und begann zu malen. Es ging aber nicht, trotz

des besten Willens, so beschloß ich Toilette zu machen und mir den

Wirwarr draußen in der Nähe zu besehn, vielleicht daß ich ihm dann

mehr Geschmack abgewönne. Aber zum ersten Male sah ich mich hier

vernachlässigt, der Toilettentisch entbehrte des Nothwendigsten, wer denkt

an den Maler im Dachstübchen, wenn Königs Geburtstag ist! Ich machte mich

jedoch bemerklich und klingelte, einmal, und noch einmal, und als das

nicht half, lief ich an die Wendeltreppe, und schrie um durchzudringen

mit einigem Kraftaufwande erst nach dem Bedienten und dann ganz energisch

»Waschwasser!« Leichte Schritte wurden in einem benachbarten Zimmer

hörbar, sie entfernten sich, und nichts erfolgte. Nun galt es Geduld zu

üben und mit Ergebung abzuwarten, was geschehen würde.

Es dauerte nicht lange und das Zöfchen erschien, nach meinen Befehlen

fragend, Frau Gräfin schicke sie. »Frisches Wasser, liebes Kind,« gab

ich ganz bescheiden zur Antwort. Also ihre Erlaucht hatte ich vorhin mit

meinem Befehle beehrt!

Nach einer Viertelstunde stand ich im Eßsaale, wo aber ein großes Malheur

passirt war. Ein ungeschickter Bedienter hatte einen Wandleuchter an Ort

und Stelle bringen wollen, sich statt einer Treppe einer Leiter bedient,

war damit auf dem geglätteten Fußboden ausgeglitten, niedergefallen, und

dabei, um die Sache nicht allein abzumachen, hatte er einen in der Nähe

stehenden großen Gypsengel bei einem Flügel ergriffen und ihn glücklich

mit zu Falle gebracht. Mit Mienen stummer Verzweiflung umgab das fast

vollständig gegenwärtige Dienstpersonal die jämmerliche Gestalt

des schwerverletzten Schutzengels, der Sünder selbst stand da, mit

leichenblassem Gesichte. Auch die Gräfin besichtigte den Schaden und

befahl dann die Figur aus dem Saale zu schaffen, als ich bat die Sache

etwas genauer untersuchen zu dürfen. Nun stellte es sich heraus, daß

die Zierde des Saales noch zu retten war, zwar mußte der rechte Flügel

dreimal gekittet und eine starke Schramme auf der Stirn ausgefüllt werden,

aber das war auch das Schwierigste, die andern Defecte waren höchst

unbedeutend. Die Gräfin schüttelte anfangs den Kopf zu meinem Entschlusse

die Operation zu übernehmen, und meinte ein geflicktes Kunstwerk sei keine

Zierde mehr, als ich jedoch erklärte es nicht übel nehmen zu wollen,

wenn man den Geheilten verwerfen würde, und betheuerte ich würde nur sehr

ungern von der Arbeit abstehen, gab sie lächelnd ihre Einwilligung. --

Der Engel genaß vollkommen, jede Narbe verschwand unter einer angemessenen

Dosis Marmormehl und am 15. Morgens war ihm von seinem =salto mortale=

nichts mehr anzusehen. Ob nun zum Lohn für diese Kur oder nicht, das kann

ich nicht entscheiden, genug, ich wurde eingeladen mit der Herrschaft gegen

Abend durch den Park zu fahren, es war ein Genuß, in dieser Gesellschaft

und unter den alten prächtigen Bäumen hin, die indessen schon bedeutend

gelichtet sind und die reichste Schattirung zwischen Grün, Gold und Purpur

bilden. Mehrere dieser Alleen sollten auch illuminirt werden, nur bedauerte

die Gräfin, daß man nicht bei Zeiten daran gedacht habe, die Wege vom

hochdaraufliegenden Laube säubern zu lassen, es sähe schlecht aus, und

lasse sich auch nicht schön darin gehen und sie spaziere doch so gerne

bei solchen Gelegenheiten in diesen Gängen, wo sie so viele freundliche

Gesichter zu sehen bekomme. Der Graf bedauerte es ebenfalls, konnte aber

nur versprechen die dem Schlosse zunächst liegenden Wege sauber herstellen

zu lassen, seine Leute hätten schon reichliche Beschäftigung.

Ganz bescheiden wagte ich es mich ein wenig in die Sache zu mischen und

fragte, ob die armen Leute in der Stadt wohl nicht gern das Laub wegholen

würden, wenn sie nur die Erlaubniß dazu bekämen. »Gern,« erwiederte

der Graf, »aber bei solchen Gelegenheiten kennen die Leute nicht Maß noch

Ziel. Würde ich die Erlaubniß zu morgen früh ertheilen, so könnte

man sicher darauf rechnen, daß noch Mittags, wenn die Gäste kommen, der

Schloßberg mit den Laubharkern besetzt ist, und da weiß ich doch nicht

was vorzuziehen ist, besonders wenn ich bedenke, daß das Wild durch die

Kinder auf mehrere Tage in den Hintergrund des Parkes gescheucht werden

wird, wer kann solche verschiedenartigen, zahlreichen Arbeiten hüten?«

Mir fuhr ein komischer Gedanke durch den Kopf. »Ich will's thun,

Erlaucht,« sagte ich, »es wird mir ein Vergnügen sein.«

»Ebenso wie mit der Natur?« fragte die Gräfin.

»Ja,« antwortete ich, »gestatten Sie nur daß mir ein bespannter Wagen

und eine Menge Säcke zur Verfügung gestellt werden, das Andere werde ich

mit Vergnügen besorgen.« -- Der Graf fand das zwar unmöglich anzunehmen,

aber seine liebe Frau bewies ihm die Möglichkeit ganz einfach.

»Laß dem Herrn nur den Willen,« sagte sie schließlich, »Du hörst

wohl, er thut so etwas gern, es ist gewiß wahr, da er es zweimal

betheuert, und warum auch nicht? ich kann mir das Geschäft auch ganz nett

denken.« -- Erlaucht war überwunden.

Gleich nach der Abendtafel eilte ich in die Stadt, mein Plan war schon

fix und fertig. Der Bürgermeister sollte eine Anzahl Personen nennen,

mit denen etwas aufzustellen war, diese sollten für die Frühstunden des

nächsten Tages zum Laubharken geworben werden, und für die Arbeit bekamen

sie das Laub bis vor die Thüre gefahren. Bernwacht war im Familienzimmer,

dort wurde die Geschichte also verhandelt. »Giebts denn schon was?«

fragte Frau Bernwacht ganz erstaunt, wir haben ja noch gar keinen Frost

gehabt.

»Aber Kastanien Mama, bedenke Kastanien, die schon ganz kahl sind,«

belehrte Berga, »und wie viel ist noch vom vorigen Jahre! Burga und ich

wir gehen in der langen Allee manchmal zum Spaß durch das allertiefste

Laub, und dann raschelt es sehr, Du solltest mal hören.« Für ihre

Vertheidigung der Wichtigkeit meiner Angelegenheit beanspruchte sie für

sich und Burga die Erlaubniß mit zu harken, sie könnten das Laub herrlich

für ihre Kaninchen zum Einstreuen gebrauchen. Ida meinte: so eine Gräfin

ist doch allmächtig, sie darf nur einen Wunsch äußern und man eilt

ihn auszuführen und sollte man auch die merkwürdigsten Metamorphosen

durchmachen.

»Sanfte, liebenswürdige Damen,« entgegnete ich, »haben über jedes

Männerherz zu gebieten.«

»Das ist ja schrecklich,« spottete sie, »da hat ja keine Braut und

Frau das Herz ihres Mannes für sich allein; fürchtest Du Dich nicht,

Therese?«

»Nicht im Geringsten,« erwiederte diese lachend, »ich werde mich

bemühen Theodor als die sanfteste und liebenswürdigste Frau zu

erscheinen, dann bin ich, nach eines Kenners Aussage, seiner größten

Liebe gewiß.«

»Sehr edel von Dir, dennoch theilen zu wollen,« sagte Ida pathetisch

und hob den Kopf gewaltig, »ich meinerseits verlange entweder Alles oder

Nichts.«

An solchen Scherzen betheiligt sich Cäcilie nie. Sie sitzt dann ganz ruhig

und strickt oder näht, oder zeichnet Muster, aber sie sieht oft aus, als

verstände sie von dem, was um sie her vorgeht, nichts, als seien ihre

Gedanken weit, weit weg. Ich möchte wohl wissen, wie es in einem Kopfe und

Herzen wie dem dieses kleinen Mädchens aussieht.

Am andern Morgen ertheilte ich meine Befehle als Laubkommissarius, wie

Burga mich betitelte, und gegen zehn Uhr waren die Wege in schönster

Ordnung, geharkt und gefegt, und als die Gäste durch den Thiergarten

fuhren, war kein einziger Barfüßer mehr zu sehn. -- Um drei Uhr war

großes Diner, es dauerte mehrere Stunden, und ich habe mich unter dem

fremden hohen Adel weder gelangweilt noch gekränkt gefühlt, freilich war

das auch nicht zu befürchten, da die Gäste, außer einigen Herren aus

der Stadt, aus Freunden unserer gräflichen Familie bestanden, die ihnen

natürlich geistesverwandt sein müssen. Einige Unruhe fühlte ich gegen

Ende der langen Sitzung dennoch, ich dachte an das, was noch kommen sollte,

besonders an den Ball auf dem Rathhause; endlich erhob man sich, ich war

frei, und wollte eben aus der Thür schlüpfen, als ich den Blicken der

Gräfin begegnete. Sie winkte. »Sie gehen zu Ball,« sprach sie huldreich,

»und sprechen vorher bei Bernwachts ein, wollen Sie den Kindern nicht

etwas Confect mitnehmen? Sie werden sich sehr dadurch insinuiren.« --

Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, füllte einen Teller mit feinen

Süßigkeiten an, nahm ihn ungenirt nach außen, schlug dort die ganze

Bescherung in einen Bogen weißen Papiers und steckte das ansehnliche

Paquet in die Rocktasche. Nun gings in Sätzen den Schloßberg hinunter

-- an der Toilette war nichts mehr zu ändern -- dem bürgermeisterlichen

Hause zu. Man war natürlich noch nicht fort, denn der Papa mußte erst

kommen, und der war bei meinem Abgange noch in ein Gespräch mit dem

Landrathe vertieft, auch wollte man erst die Illumination sehen, denn bei

dem schönen Wetter drohte dem Putze keine Gefahr, man hatte es früher

auch schon gethan, und war ganz entschlossen. Ida in rosa Flor sah

entzückend aus, sie hatte weiße Rosen im Haar und Perlen um Hals und Arme

geschlungen. Als sie mir entgegen kam, blieb ich wie geblendet stehen,

und hielt die Hand über die Augen. Sie lachte anmuthig und sagte: »Nicht

wahr, ich bin wundervoll?« -- »Wundervoll!« echote ich. »Süperb?«

-- »Süperb!« Lachend gab sie Theresen die Hand und länderte durch das

Zimmer. Sie kam mir reizender vor als je. Therese war weiß gekleidet; sie

wäre vielleicht ebenso gern zu Hause geblieben, ihr Bräutigam war nicht

da. -- Cäcilie kam mit einem Schlüsselbunde zum Vorschein und trug

mächtige Körbe mit Aepfeln und Wallnüssen, das erinnerte mich an meine

gespickte Tasche, und Burga und Berga empfingen überglücklich die Sendung

der Gräfin. Darauf kam die Nachricht: die Erleuchtung sei im Gange, der

Papa brachte sie selber, ich half den Damen sich einzuhüllen und nun

gingen wir Alle dem Thiergarten zu.

»Papa und Mama müssen unsere Lootsen sein,« meinte Berga.

»Ja,« wiederholte die Andere, »es ist gewiß« -- »Schweig!« gebot

Ida, »wir wissen allemal im Voraus, was die Zweite von Euch zu sagen hat,

macht nicht so viel unnütze Worte.« --

Die Kleinen hüpften zu Cäcilien, hakten unter und somit war ich auf

die beiden Balldamen angewiesen, die denn auch geruhten mich zum Führer

anzunehmen. --

Oft habe ich Illuminationen gesehn, die diese einfache bei weitem

überstrahlten, aber keine erschien mir so lieblich, kindlich möchte

ich sagen, wie diese, und keine habe ich in so angenehmer Gesellschaft

betrachtet. In den schönen Alleen wogte es nur so von Menschen, und alle

waren mehr oder weniger von dem schönen Schauspiele entzückt. So schön

war es noch nie gewesen, das hörten wir wenigstens zehnmal.

»Das sagen sie alle Jahre,« bemerkte Ida.

»Nein,« widersprach eine der naseweisen Kleinen; »Cäcilie sagt es

selbst, so lieb ist es nie gewesen.« -- Ich sah mich nach dem Dreiblatt

um. »Es ist heut Abend wunderschön,« lächelte das kleine blasse, süße

Gesicht. -- »Ich denke lieb?« fragte ich. -- »Ja, recht lieb.« --

Nun wurden die Transparente sichtbar, und ich erntete indirect

überreichlichen Lohn für meine kleine, gern übernommene Mühe. Es war

an der Stelle, von welcher man sie am besten sehen konnte, ein förmliches

Gedränge. Ida wurde sehr unwillig, ihr Anzug verdürbe auf diese Weise

ganz, sie müsse nur allein gehen und auszuweichen suchen; ich verbeugte

mich und ließ sie gehen. Bald darauf sah sich auch Cäcilie treulos

verlassen, die kleinen Schwestern waren zur Mutter gestürmt, um ihr etwas

Nothwendiges über die Eindrücke zu sagen, welche dies Alles auf sie

hervorgebracht hatte, sie stand ganz allein da und vertiefte ihre Augen

in die Tausende von Sternen, die sich mit einem Male auf den schönen Wald

niedergelassen hatten. »Wir müssen die junge Dame nur unter unsern Schutz

nehmen,« flüsterte ich Theresen zu, und bot Cäcilien meinen Arm an, aber

-- sie dankte! Sie dankte recht sehr, ich möchte es aber -- aber nicht

übel nehmen. --

Briefe eines Malers an seine Schwester · 第 2 / 6 题