Briefe eines Malers
an
seine Schwester.
Von
Rosalie Sandvoß.
Hamburg.
Agentur des Rauhen Hauses.
Druckerei des Rauhen Hauses. 1865.
Burgwall, den 10. Juni 18--.
Nun bin ich in der Heimath, vorgestern langte ich hier an. Es ist doch ein
eignes Gefühl, wie ein Fremder, den Niemand kennt, den Keiner erwartet,
für den nicht eine Seele einen freundlichen Gruß hat, in die Vaterstadt,
in die Stadt seiner holdesten Erinnerungen zurück zu kehren. Du weißt,
ich bin nicht sentimental, Pauline, aber da Du »Alles wissen willst, was
sich zwischen mir und Burgwall ereignet,« so sei's gestanden, daß ich
eine Art Herzweh fühlte, überall auf meinem Wege zum Gasthause Personen
zu begegnen, die mich höchstens mit dem Blicke der Betrachtung beehrten.
Und nun im Gasthause zu wohnen, ein wirklicher Gast, ein Fremder daheim zu
sein!
Das deutsche Haus, mit seinen Kastanien vor der Thüre -- sie standen
richtig noch da -- lockte mich heimisch an: ihm gegenüber liegt ja das
alte, liebe Haus, das meiner Phantasie immer als Heerd tiefsten Behagens
vorgeschwebt hatte. Du erinnerst Dich gewiß, obgleich Du es als ein Kind
von acht Jahren verließest, es steht mit dem Giebel nach der Straße, hat
im zweiten Stock einen runden Ausbau, ist mit Schnitzwerk überladen und
sieht auswendig gerade aus, wie ein Magister des sechszehnten Jahrhunderts
sich der Welt präsentirt haben mag, künstlich, solid und pedantisch.
Aber inwendig ist das anders. Gerade das Erkerstübchen war ein überaus
behagliches, freundliches Zimmer, mit Blumen, vielem Lichte und duftigen
Vorhängen. Ich erinnere mich, daß es grün decorirt war, und nußholzene
Möbel hatte, die immer wie neu polirt glänzten. In der einen Ecke
stand eine Harfe -- Mutter spielte sie wundervoll -- und mitten in einer
Blumengruppe zog mich immer ein Bild an, ein Christus auf dem Meere. Das
Gesicht der Hauptfigur hatte einen bezaubernden Ausdruck; es schwebt mir
oft vor, und ich habe schon oft es zu malen gewünscht, aber seltsam! mit
diesen Heiligenbildern will es mir nie gelingen. -- Mutter schien sich
stets zu freuen, wenn ich bei den seltenen Gelegenheiten, da sich mir dies
Zimmer öffnete, lange betrachtend vor dem Bilde stand, sie hatte eine
etwas bigotte Richtung, die herrliche Seele, und hat sich, glaube ich,
über die nichtssagendsten Dinge, das Leben schwer genug gemacht. Du hast
Mutter kaum gekannt, Pauline, Du warst erst sechs Jahr alt, als sie starb,
ich sechszehn. Sie war ein Engel -- aber etwas überspannt, ich glaube
nicht, daß Vater ganz glücklich mit ihr war. Von einer alten Tante, so
einer Art Nonne, erzogen, brachte sie eine Last von Vorurtheilen unserm
lebensfrohen, geistvollen Vater zu, und nur seiner Liebe zu ihr ist es wohl
zuzuschreiben, wenn er nie darüber klagte, daß sie in ihrer Ehe stets
ihren eignen Gang ging und sich nicht zu Vaters Lebensanschauung erheben
konnte. Kinder beobachten schärfer als man gewöhnlich glaubt, ich habe
öfter bemerkt, wie still und ernst Mutter ihre Vorkehrungen traf, wenn
Vater Gesellschaft gebeten hatte, wie erschreckt sie von ihrem Buche
aufsah, wenn spät Abends ein munteres Gelächter oder jubelnde Toaste in
das Schlafzimmer hinauf schallten, wo sie uns so sorglich gebettet hatte
und dann lesend des Vaters harrte. -- Erinnerst Du Dich nicht, wie sie uns
beten lehrte? -- Die liebe Heilige! Ich denke nicht ohne Rührung an sie,
aber ich möchte um keinen Preis, daß Du ihr einst glichest. Ich bin
kein Heide, aber mir schaudert vor dieser Pietisterei; sie vergällt die
reinsten, unschuldigsten, harmlosesten Freuden, und verdammt ihre Opfer zur
gänzlich unnöthigen, unfruchtbaren Selbstkasteiung.
Leider sind unsere Verhältnisse der Art, daß ich nicht, wie ich möchte,
auf Deine völlige Ausbildung einwirken kann, wir sind zu selten bei
einander, und sind wir es, so können wir uns selten ungestört sprechen,
immer kommt irgend ein zärtliches Wesen, den geliebten Verzug zu
beaufsichtigen. Vermuthlich befürchten Deine alten Jungfern, ich bezwecke
Dich ehestens aus ihrem verzauberten Schlosse zu entführen, um das kleine
Wunder von Liebenswürdigkeit in der Welt für Geld sehen zu lassen.
Wahrhaftig, ich kann ganz unbesorgt sein, welchen verdächtigen Anstrich
auch zuweilen Deine Aeußerungen haben, eine Heilige wirst Du dennoch
nicht, dafür sorgen besagte Damen mit allen Kräften. So will ich denn
für diesmal meine Erziehungsgedanken fahren lassen und ganz einfach mit
Dir in der Stadt umherspazieren. Hast Du hohe Erwartungen, so stimme herab,
besonders für den heutigen Tag, es hat geregnet und ist grundlos in den
Straßen, Pfütze an Pfütze. Rümpfe aber um alles in der Welt Deine
hübsche Nase nicht, diese Pfützen sind ein Vorzug der guten, alten
Stadt, wie mir Herr Brauer, mein behäbiger Wirth, alles Ernstes
auseinandergesetzt hat. Du glaubst es nicht? -- nun so höre. Zweierlei
Wohlthaten sind die Ursachen dieser kleinen Unannehmlichkeit: reger Verkehr
und herrliches Röhrenwasser. Letzteres macht seine unterirdische Reise in
ausgehöhlten Tannen, die im Laufe der Zeit nicht selten leidend werden, da
wird denn das Pflaster aufgerissen und es kann dann leicht passiren, daß
die Kieselmosaik nicht so recht sorgfältig wieder restaurirt wird. --
Visiten können wir nicht viele machen, es ändert sich in zehn Jahren
unglaublich viel. Die meisten Freunde unsers Vaters sind nicht mehr
vorhanden -- todt, weggezogen, Andere erinnern sich des Knaben Justus Brand
nur sehr nebelhaft, und ich bin nicht just von der Art, ihrem Gedächtnisse
eifrig zu Hülfe zu kommen. Die freundlichste Aufnahme habe ich bei
Bernwachts gefunden, einem außerordentlich töchterreichen Ehepaare.
Wie solche Mädchen doch in die Höhe wachsen, als ich die vier ältesten
zuletzt sahe, waren es Wildfänge zwischen vier und zehn Jahren, mit
hängenden Schuhbändern, fliegenden Locken =et cetera=, jetzt, ich
versichere Dich, man weiß nicht, wohin man die Augen wenden soll, aus
jeder der zahlreichen Nebenthüren der großen Stube schwebt eine neue
Huldin herein. Alle sind bildhübsch, ich bin neugierig zu erfahren,
wie sie sonst beschaffen sind; die Alten haben mich, sehr großherzig,
eingeladen, sie oft zu besuchen.
Auf dem Schlosse bin ich noch nicht gewesen. Brrr! Kannst Du mich nicht
davon erlösen? Fromm und vornehm, eine Heilige und eine Gräfin, alles in
einer Person! Womit werden mich die vortrefflichen Herrschaften regaliren?
Mit erhabenen Worten, hohen Mienen, und einer Weisung in bestimmte Grenzen?
Mit gelehrten Redensarten über Malerei, mit Honigworten christlicher
Liebe? Eins so widerwärtig wie das Andere; o könnte ich allen Dünkel,
alle klugthuende Nichtswisserei und alle Formenreligiosität, die nur die
innere Armuth bemänteln soll, schleudern in das Meer, da es am tiefsten
ist! -- War das nicht etwas -- ja es muß so sein, ich irre nicht --
es erinnert an einen Bibelvers, mir wird ganz besonders dabei. Warum
eigentlich? Widerwille war es nicht -- ich muß sondiren, es liegt
in meiner Natur -- war es etwa ein stummer, schweigender Vorwurf der
»heiligen Schrift?« -- Wundere Dich nicht über mich, ich bin in
Burgwall, Bilder der Kindheit umschweben mich, die alten Klänge werden
wach, der Mann wird wieder zum Kinde, aber nur auf Augenblicke; sieh,
da zieht es schon hin, das magische Blendwerk, all die frommen
Legendengestalten, die ich in dem Giebelhause drüben einst kennen lernte,
und die so mysteriös von ewigen Kronen und himmlischen Palmen sprachen.
Der ganze Traum zerrinnt, fort sind sie. --
Für heute genug. Dein Bruder
_Justus_.
Am 11. Juni.
Pauline, ich habe mich wie ein Dummkopf benommen, wie ein vollendeter
Dummkopf! Auf alles Mögliche war ich gefaßt, nur nicht auf eine
liebenswürdige, einfache Frau, die dennoch, eben in ihrer schlichten
Würde, mir gewaltig imponirte.
Es ist sehr gut, daß wir diesen Briefwechsel verabredet haben, Kameraden
sind nicht habhaft, die Burgwaller ersterben in Ehrfurcht vor der
»Herrschaft,« und man kann mit ihnen kein freies, vernünftiges Wort
über diese Halbgötter reden, und ich liebe den Austausch. Aber halt,
was werde ich für meine famosen Berichte bekommen? Wenn nichts weiter,
so bedinge ich Recension, eine detaillirte; ganz entschieden, Pauline, Du
mußt mir gehörig antworten.
Jetzt von der Gräfin.
Es war gegen Mittag, als ich den Schloßberg, versteht sich in Galla,
hinanstieg. Das Wetter war gut und die Gegend ist wirklich schön, der
Spaziergang war ein Genuß; der Weg ist auch besser geworden, überhaupt
ist für Verschönerung der Schloßumgebungen besonders, aber auch für die
der Stadt, viel gethan. -- Eine Wallthür stand offen, und ich ging hinein.
Gleich in der ersten Laube bot sich mir ein hübsches lebendes Bild dar.
Eine junge Dame saß mitten unter einer Fülle herrlicher Blumen und
ordnete sie zu Sträußen. Für einen Maler hat so etwas doppeltes
Interesse, und weil mich die Schöne nicht sehen konnte -- sie hatte mir
den Rücken halb zugedreht und war äußerst eifrig bei ihrer Arbeit --
blieb ich einen Augenblick stehen und sah ihr zu.
»Schnell den Bast, Johanne!« rief sie. Es erschien keine Johanne. Sie
wartete einen Augenblick, sah auf, horchte, und vermuthlich überzeugt,
daß keine Johanne sie gehört habe, gab sie die Hoffnung auf, gleich Bast
zu bekommen, und legte den schön arrangirten Strauß behutsam auf den
Tisch, um zum Ordnen des zweiten zu schreiten. Sie nahm eine Lilie, fügte
Rosen hinzu, zettelte eine Epheuranke unter den Blumen hervor und -- um
das erste Bouquet war's geschehn, es war aus der Fassung gekommen, fiel aus
einander und theilweis zu Boden. Eiligst trete ich vor, ich Narr! und
raffe die Blumen auf, sie der Dame wieder zuzureichen. Sie nahm sie etwas
erstaunt, erwiederte meinen Gruß freundlich, und sah dann zur Laube
hinaus, »wo ihre kleine Johanne wohl geblieben sein möchte.«
»Vielleicht sehe ich sie unterwegs, mein Fräulein,« verhieß ich
Kurzsichtiger, »und werde sie schicken.«
»Wollen Sie in's Schloß?« fragte die Dame. -- Das war ja ganz
vertraulich, ich entgegnete also ganz guter Dinge: »Ja wohl, zur Gräfin,
wenn sie zu Hause ist.«
»Dann nehmen Sie nur den Wallschlüssel mit, Johanne hat ihn ausgezogen,
-- Kinder machen sich so gerne mit Thüren zu schaffen -- und Sie haben
wohl keinen Schlüssel, nicht wahr, die untere Thüre stand offen?«
Ich bejahte, dankte, und weil nicht recht mehr was zu sprechen war, empfahl
ich mich und ging meiner Wege, bereute aber bald nicht länger geblieben
zu sein, es fielen mir, als ich im Vorzimmer wohl eine Viertelstunde warten
mußte, der Fragen noch mancherlei ein. Endlich erschien die Gräfin, und
wer war es? -- mein Fräulein vom Walle! O, ich Blinder! Hätte ich es
der holden Frau nicht gleich ansehen können, daß sie kein gewöhnliches
Menschenkind ist; würde ein Stadt- oder Hoffräulein mir ihren
Wallschlüssel gegeben haben, wäre sie so unbefangen freundlich gewesen?!
Während sie nun um Entschuldigung bat, mich warten gelassen zu haben,
stand ich kümmerlicher Mensch, und konnte mich nicht in die rechte Form
finden, wollte selbst entschuldigen und wußte nicht wie, und fühlte mich
erröthen, wie ein Schüler. Natürlich schien sie nichts davon zu merken,
sie war ganz gesprächig, redete zum Glück bald von Malerei und plauderte
so nett darüber, daß ich meinen stichelnden Gedanken allmählig entrissen
wurde. Die Gräfin scheint von der Sache just nicht viel zu verstehn, aber
sie zu lieben und das ist auch gerade recht. -- Sie wird mir in nächster
Woche sitzen, bis dahin wird sie »das Vergnügen gehabt haben, mich ihrem
Gemahl vorgestellt zu haben.«
Da hast Du die Geschichte; ich werde noch heute diesen Brief absenden, und
grüße Dich herzlich als Dein Bruder
_Justus_.
Den 24. Juni.
Mittsommertag, himmlisches Behagen! Ich möchte alle Ecken und Winkel
meines Ichs von diesem Lichte durchströmen, von dieser Wärme erfüllen
lassen. Es ist wundervoll! In meinem Leben habe ich solchen Sommer nicht
kennen gelernt, bin ich so gründlich heiter und befriedigt gewesen, wie in
diesem. Aber, meine Theuerste, Du hast auch keine Ahnung davon, von welcher
Höhe herab ich auf die Auen und Wälder schaue, wie die Natur »zu meinen
Füßen« daliegt. Es ist unbestrittene Wahrheit: je erhabener
unser Standpunkt, desto schöner und harmonischer erscheinen uns die
verschiedenen Einzelnheiten fernab. Steig auf den Kirchthurm, wenn Du's
nicht glauben willst, wie bildhübsch und harmlos wird Dein altes Nest,
Verzeihung! aussehen; die Kinder auf den Straßen spielen so nett und
manierlich mit einander, das Geschrei und Gelärm, welches sie betreiben,
dringt höchstens als sanftes Gemurmel in Deine Region, all die
Häuserchen, die Hüttchen stehen so nett da, als wären sie aus einem
Nürnberger Schächtelchen genommen, genug, es ist so, wie ich sagte. --
Ich residire gegenwärtig auf Schloß Burgwall, vergiß es nicht, es auf
Deinen Briefen gehörig zu bemerken. Meine Residenz ist sehr hoch, ja
wirklich, denn die alten mächtigen Linden, die ihre Kronen bis zu den
Fenstern der Gräfin emporstrecken, sind nur dann von meinem Reiche aus
sichtbar, wenn ich mich aus dem Fenster zu ihnen hinabneige: ich wohne
buchstäblich auf Schloß Burgwall, nämlich in zwei Dachstübchen, dicht
neben dem Thurme.
Keinen Stein auf die Gräfin, ich bitte sehr! Die Zimmer sind ganz meine
Wahl, eben der Aussicht wegen. Als mir die Erlaubniß wurde im Schlosse zu
wohnen, habe ich mir gerade diese kleinen Zimmer gewählt, welche mir schon
früher bei Besichtigung des Schlosses besonders gefielen. In jeder Stube
ist ein großes, tiefes Fenster, ausgezeichnet für die Aufstellung einer
Staffelei geeignet. Für nette Einrichtung wurde sogleich gesorgt, und so
wohne ich hier so angenehm wie möglich.
Seit meinem Umzuge liegen schon zehn Tage dahinten, mir ist heut auf jeden
Fall doch sehr anders zu Sinn, als da ich kam. Tags zuvor war ich dem
Grafen erst vorgestellt. Er ist ein gewichtiger Mann, nicht mehr jung,
gewiß, wenn nicht Funfzig, doch nahe daran; in seinem charakteristischen
Gesichte nehmen die Züge des Wohlwollens und tiefen Ernstes sehr für
ihn ein, und sein ganzes sicheres, bestimmtes und doch durchaus nicht
anmaßendes Wesen beherrscht unwillkürlich seine Umgebung. Die Gräfin
scheint ihn nahezu anzubeten, sie lebt in seinem Lichte. Wenn er spricht,
so ist es gewiß, daß sie nichts anderes hört, tritt er in's Zimmer,
so überfliegt ein Freudenschein ihre holden Züge. Nie habe ich solche
Innigkeit, solch gegenseitiges Glück gesehn, als bei diesen beiden
Menschen, und er ist wenigstens zwanzig Jahre älter als sie. So recht
verständlich ist mir dies nicht; Ehrfurcht und töchterliche Gefühle
könnte ich ihrerseits begreifen, aber sie liebt ihn anders und viel mehr,
als ich überhaupt glaubte, daß man lieben könne.
Tags nach meinem ersten Besuche bei dem Grafen wurde ich zu Tisch geladen,
und da wurde es gleich ausgemacht, daß ich, der Bequemlichkeit wegen, bei
ihnen wohnen sollte. So bin ich denn täglich, außer den Sitzungen -- der
Graf hat den Anfang gemacht -- in der Gesellschaft der liebenswürdigen
Familie. Meine Unbehaglichkeit schwindet immer mehr, und ich weiß nicht,
welcher der edlen Herrschaften ich den Preis höchster Liebenswürdigkeit
zuerkennen soll, ihm oder ihr. Eigentlich sind sie gar nicht zu trennen,
vereint sind sie das Ideal vollendeter Freundschaft und einer rührenden
Liebe. Auch die kleine Johanne, des Paares einziges sechsjähriges
Töchterchen, ist etwas Liebreizendes. Das Kind besucht mich zuweilen, und
letzt brachte sie ein Tractätchen mit und wollte mir etwas vorlesen, fing
auch richtig an und es ging über Erwartung gut, aber ich fand doch für
besser das Thema der Unterhaltung zu wechseln, und erzählte ihr das
Märchen von Schneewittchen. Dabei saß sie auf einem kleinen mitgebrachten
Stuhle und sah mich mit den großen Augen ganz ernsthaft an, während ich
unverdrossen ein in Berlin angefangenes Bild nachfeilte und mich bemühte,
einem winterlichen Himmel mehr das Ansehn zufriedener Ergebung als das der
trostlosen Gleichgültigkeit zu geben, die sich in Berlin über das kleine
Gemälde gelagert hatte.
Als die Geschichte aus war, sagte sie: »Mama ist auch eine Stiefmutter,
Max ist ihr Stiefsohn.«
»Wo ist er?« fragte ich.
»Weit weg,« erwiderte sie, »wo der König wohnt.«
»Was thut er da?«
»Das weiß ich nicht gewiß,« antwortete die Kleine höchst gewissenhaft,
»aber ich glaube, der König gebraucht ihn; Mama sagt, er sei des Königs
treuer Diener.« -- Was für eine Art Diener, ob Page oder Adjutant, das
konnte ich nicht herausbringen.
In der Stadt werde ich, will es mir scheinen, seit ich hier wohne, mit
größerer Zuvorkommenheit behandelt. Ich meine im Allgemeinen, Bernwachts
sind unverändert dieselben. Die Familie, obgleich ganz anders als die
meiner erlauchten Beschützer, wird mir sehr lieb, und ich gehe fast
täglich zu ihnen. Noch eine Bekanntschaft habe ich erneuert, Du könntest
rathen, welche treue Seele ich meine. Julchen Hermann ist es. Sie wohnt im
Hospitale, das heißt in einem neuerbauten Hause, neben der alten Behausung
der Gebrechen und des Alters, für diejenigen Einsamen bestimmt, welche ein
rundes Sümmchen für die Wohlthat sichern Daches und einiger Fuder Holz
zahlen können. Früher wohnte sie in der Vorstadt, bei ihrer alten
Mutter, Du mußt es noch wissen, wir besuchten sie zuweilen, und gingen nie
unbeschenkt und ungeküßt von dannen.
Die alte Mutter kam mir stets mit ihren großen leuchtenden Augen, wie
eine Seherin vor, ihre Worte klangen alle so weise, wie Orakelsprüche.
Sie liegt nun auch auf dem Katharinenhofe, nicht hundert Schritt von dem
Stübchen ihrer Tochter. Julchen zeigte mir das Grab durch das Fenster, und
später habe ich es auch aufgesucht, es ist das wohlunterhaltenste auf dem
ganzen Kirchhofe.
Von unserer Eltern Ruhestätte muß ich Dir etwas mittheilen, was mir
hochpoetisch erscheint. Vater hat kein Monument, unser Vormund hatte es
nicht für gut befunden, das Grab des Ehrenmannes zu bezeichnen, nur ein
Baum, bald nach Vaters Tode von mir gepflanzt, wurzelt daran. An Mutters
Grabe steht ein schönes, hohes Kreuz, Vater hat es setzen lassen. Auch
dieses Grab hat ein Zeichen der Liebe von mir, einen Epheu, der die Jahre
hindurch so mächtig gewachsen ist, daß nicht nur das Grab ganz, und das
Kreuz größtentheils davon umschlungen wurde, sondern er hat auch die
zu ihm niederhängenden Zweige der Traueresche umsponnen, sich an ihnen
aufgerankt, und so stehen beide Gräber auch äußerlich, in der innigsten
Verbindung. Das hat Natur gethan, und mir war es doch als hätten Mutters
feine Finger, still und sinnig, die Zweige in einander geflochten. --
Später.
Endlich habe ich einen Brief von Dir. Meinst Du wirklich: ich sähe die
Bibel mit den Augen der Weltkinder an, anders als ich sollte? die innere
Bewegung damals, sei eine Warnung meines Engels gewesen?
Liebes Kind, Kind des Lebens und nicht der Welt, Du scheinst wirklich
auf einem andern Wege zu sein, als ich, aber wie natürlich! --
Vergegenwärtige Dir eine Pilgerfahrt, nach irgend einem Heiligthume,
meinetwegen nach dem heiligen Grabe. Es ist kein Kreuzzug, sondern eine
Wallfahrt, Männer, Frauen, Jungfrauen, Greise, begeisterte Kinder --
Alles vereint sich, zu demselben Ziele zu gelangen. Wird Jeder die Reise in
derselben Weise machen, trägt die Mutter nicht das Kind, stützt der Mann
nicht sein Weib, bedarf der Alte nicht des Stabes? Meinst Du nicht, daß
die Kinder, im Gefühl ihrer Schwäche oft auf die Knie sinken, Gott um
neue Kraft anflehend, daß vielleicht ein Stärkerer sich dann über sie
erbarme?
Siehst Du: Ein Ziel; der Eine erreicht es gehobenen, der Andere gebeugten
Hauptes, Dieser stützend, Jener getragen, Einer schaut mit vollem Blick
in das Morgenroth Canaans, während Viele auf ihre wunden Füße
niederblicken, und auf den Weg, den sie wandeln müssen, damit sie
die Steine des Anstoßes darauf vermeiden. -- Wir haben Alle Ein Ziel:
Befriedigung. Du findest es, ich ahnte es, im Glauben, ich suche es im
Leben, in der Kunst, überall. Jetzt bin ich hier, und ich weiß was
hier meine Seele ganz erfüllen könnte -- kommt die Zukunft, die weite,
unbestimmte, Du wirst wohl Ewigkeit sagen, etwas, was über das Grab hinaus
währt, nun, so ist es immer Zeit auch dafür Entschlüsse zu fassen und
zu handeln. Wer kann das früher, ehe er bestimmt weiß, wofür und wie? --
Aber ich habe hier einsehen gelernt, daß bei der Heiligkeit nicht absolut
Gefahr für das Lebensglück ist; kannst Du in dieser Façon Befriedigung
erlangen, nun wohlan, Du hast meine brüderlichen Glückwünsche dazu. --
Laß uns diese Sache nicht als abgemacht betrachten, ich versichere
Dich, daß Dein Widerspruch mich wohl reizt, zum Nachdenken, wiederum zum
Widerspruch, aber keineswegs zum Zorne. Hier meine Hand, liebe Schwester!
Dein Brief hat Dich in meinen Augen um mindestens zehn Jahre erfahrener
gemacht, um nicht älter zu sagen. Wie alt bist Du eigentlich? Achtzehn
rechne ich eben. Wo lerntest Du so ernst sein? -- Grüße Deine alten,
ehrbaren Damen von mir.
_Dein Bruder Justus._
Am 27. Juli.
Gestern erhielt ich Deinen Brief. Warum ich nicht schon wieder geschrieben?
Es beschäftigte mich Vieles, allerlei Begebenheiten kreuzten sich bunt
durcheinander, ich war mitten darin, und doch waren sie kaum der Art, daß
Dir meine Notizen darüber irgend wie wichtig erschienen wären. -- Mit
großer Liebe habe ich des Grafen Bild vollendet, es ist gelungen und die
Herrschaften finden es auch. Die Gräfin werde ich noch nicht malen, es
sind Gäste hier, aus Schlesien, welche mich mit ihren Aufträgen beehrt
haben, und ich bin jetzt dabei ein Kind zu malen, ein unbeschreiblich
reizendes kleines Gesicht, mit großen, fragenden Augen, die mich
unaufhörlich an Cäcilie Bernwacht, des Bürgermeisters dritte Tochter
erinnern. Nicht, daß das junge Mädchen so schön, wie die kleine
Felicitas, oder überhaupt sehr nach meinem Geschmacke wäre, aber es liegt
etwas Verwandtes in den Augen beider Mädchen, so recht echter Kindersinn,
Seele, viel Seele.
Wenn ich so schöne Augen male, ist es mir oft, als sei in ihnen das
Geschick der Besitzerinnen ausgesprochen. Bei denen der Felicitas denke ich
zum Beispiel: was das Kind nicht Alles glaubt! Es glaubt an einen Himmel
auf der Erde und an einen ewigen Himmel; es wird wahrscheinlich ewig
ein Kind bleiben, und sehr viel vertrauen, und immer das Beste von allen
Menschen denken, es wird auch sehr lieb haben, die ihm Liebes erweisen, und
andere Menschen auch noch, und wird für alle seine Liebe nur etwas Treue
erwarten und sie selten finden, vielleicht gerade dort nicht, wo es am
sichersten darauf gerechnet hatte. Dann werden diese frommen Augen viel
weinen, sehr viel, bis allmählig ihr milder Glanz erlischt, und sie sich
schließen.
»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,« sagte ich letzt zu ihr. Sie
that es; ich sah sie lange an und vergaß in meinen Träumereien ihr zu
sagen, sie könne sie wieder öffnen, bis sie endlich ganz geduldig fragte:
»darf ich dich nun wieder ansehen?« --
Es giebt große Geheimnisse. Pauline, wir begegnen ihnen täglich, die
größten liegen in den Worten Herz und Schicksal. --
Cäcilie Bernwacht ist gerade unter ihren Schwestern die mir fremdeste. Ich
will Dir die kleine Gesellschaft skizziren. Therese, die Aelteste, ist ein
hübsches, besonders verständiges Mädchen; sie ist Braut, und näht
den ganzen Tag an ihrer Aussteuer, was sie indeß nicht verhindert,
theilnehmend zu sein, ich mag sie sehr gern und unterhalte mich am
anhaltendsten mit ihr. -- Ihre zweite Schwester, Ida, ist eine Schönheit,
ja, sie ist wirklich schön und ich muß sie malen, es ist ein Genuß diese
Formen, diese Frische, diese Grazie studiren und copiren zu dürfen. Das
Mädchen ist auch nicht ohne Geist und wird auch wohl ein Herz haben, aber
sie gefällt mir von ihren Schwestern am wenigsten, ihr Witz ist scharf,
sie kann beißend sein, ich mag das nicht an Damen.
Nun kommt Cäcilie, offenbar der Mutter Liebling, ein Mädchen von
siebzehn Jahren, sehr zarter Gestalt, etwas blaß, mit herrlichem Haar und
wundervollen Augen. Cäcilie ist vielleicht, um schön zu sein, etwas zu
klein, und um im Allgemeinen so recht gefallen zu können, zu still, man
kann sie kaum kennen lernen. -- Nun kommen ein Paar prächtige Wildfänge
von dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt, Wallburga nämlich
und Luitberga, komische Namen! Wo Burga ist, ist Berga, sie sitzen in einer
Klasse, binden einen Kranz, spielen zusammen Klavier und Versteck,
und umarmen gleichzeitig ihre Mutter, die sich auf ihre stürmischen
Ueberfälle gewöhnlich schon durch Bergung ihrer Mützenbänder mit
Resignation vorbereitet. Kürzlich hörte Berga, daß ihr Vater mein Pathe
ist, und augenblicklich trug sie hocherfreut darauf an, mich Pathe nennen
zu dürfen, Herr Brand gefalle ihr nicht, Herr Justus wäre freilich recht
hübsch, aber ungewöhnlich, Justus schlicht weg, passe sich nicht, Pathing
sei das Beste. Die Mutter schüttelte gewaltig mißbilligend den Kopf und
entschuldigte, ich erlaubte natürlich dagegen der elfjährigen Berga mich
Pathe nennen zu dürfen. »Burga muß aber auch so sagen, sonst kann ichs
doch nicht,« behauptete sie und Burga bequemte sich. Es wurde gelacht, der
Alte zog die Mädchen etwas auf und damit war es abgemacht.
Am 4. August.
Heute will ich diesen Brief an Dich abschicken. Dein letzter Brief war mehr
als ernst, es sprach sich Unruhe, Besorgniß darin aus. Du schreibst: ich
verkenne das Streben meiner Seele, nicht flüchtige Befriedigung, die
man täglich in irgend einer Sache, einer Creatur finden könne, sei der
Endpunkt derselben, sondern Frieden in Gott. -- Ist das nicht ein Spielen
mit Worten, oder pedantische Festhaltung eines einmal so und nicht anders
geformten Glaubenssatzes? Wir suchen was uns zu unserm Glücke fehlt,
Jeder nach seiner Natur. Du bist ätherischer Natur als ich, und suchst
geistigere, oder rein geistige, oder auch phantastische Genüsse, ich
verstehe Dein Friedensverlangen nicht. Warum ist dieser Friede von Dir erst
zu suchen, wodurch hast Du reines Kind ihn erschüttert, oder gar verbannt?
Und warum ist mein Trachten nach Befriedigung verwerflich, da ich sie nicht
im Unedlen, Rohen, Gemeinen suche? Widerstrebt mein Verlangen dem reinen
Naturgeiste? -- Ich habe vor meiner Vergangenheit in keiner Weise zu
erröthen, und brauche dem Frieden nicht nachzujagen, weil ich ihn habe.
Beunruhige Dich meinetwegen nicht im Geringsten, meine theure Schwester,
ich bin vollkommen glücklich!
Lebe wohl!
_Dein Bruder Justus._
Den 16. August.
Es will mir scheinen, als erkalte unser Briefwechsel, Du machst größere
Pausen, als ich wünsche. Um meinerseits nichts dabei zu verschulden,
schreibe ich dennoch, es ist mir wohlthuend -- auch eine kleine
Befriedigung -- wenn ich an Dich schreibe und mich so von Grund aus
ausspreche. --
Weißt Du, wer Dir hier in Burgwall sehr gefallen würde, welche junge Dame
mich oft, nicht an Deine Person, denn Du bist glänzender, aber an Deine
Briefe erinnert? -- Cäcilie. -- Vor ein Paar Tagen hatte ich mehrere
Stunden anhaltend an dem Bilde der Gräfin gemalt -- der Engelskopf der
Felicitas steht auf der Staffelei im Dachstübchen -- der Graf hatte uns
dabei vorgelesen, tiefsinnige, anziehende Sachen, die nachher von uns
besprochen wurden. Pauline, letzt schrieb ich Dir ich sei glücklich, heute
fühle ich mich, und schon seit einigen Tagen stürmisch aufgeregt, und
nicht glücklich, nein! -- Wie kommt es nur, daß sie mich als Einen der
Ihrigen betrachtet hatten, als einen Glaubensgenossen? Weil ich bei ihren
Tischgebeten keine Störung veranlasse, sondern auch meine Hände falte? Es
kann ja sein, daß die ewige Macht ein solcher Vater unser ist, als welchen
sie sie anbeten! Ich bins zufrieden, aber ich weiß nicht obs wahr ist.
Wahrscheinlich ist es wahr, ich glaube es fast, aber ich weiß es nicht,
dabei muß ich verharren. Es mag für Tausende leicht sein, sich bei
solchen Gelegenheiten, wie an jenem Tage, in ein Schweigen der Bewunderung
zu versenken, oder in oftgehörten Phrasen Beifall zu zollen, ich kann es
aber nicht. Ich sagte was ich meinte, und es ward lautlos still im
Zimmer. Das erste Wort, was ich wieder hörte, war die Johannen gegebene
Erlaubniß, das Zimmer zu verlassen. Es zog mir eisig durchs Herz, sie
fürchteten für das Kind den Gifthauch der Gottlosigkeit. Gottlos!
ein schreckliches Wort. Bin ich es? Antworte mir darauf. -- Dieser
verehrungswürdige Mann, diese herrliche Frau schaudern vielleicht vor mir
zusammen, sie beten vielleicht für mich, für den armen Sünder, denn in
ihren Augen giebt es keine größere Sünde, als gottlos zu sein. Aber ich
protestire, ich bin es nicht! An jenem Tage wurde der wunde Punkt nicht
auf das Leiseste mehr berührt, doch fühlte ich mich unbehaglich und ging
bald. Im Zimmer hatte ich nicht Ruhe, ich ging hinaus, durchstreifte
den Wald, das Feld, kam, ohne es beabsichtigt zu haben, in die Nähe des
Kirchhofs und stand an den Gräbern der Eltern. Mutters weißes Marmorkreuz
sah mich matt an, es war mir, als spräche es traurig: gottlos, armer Sohn!
-- »Nein!« rief ich, beugte mich und küßte das Grab. Julchen fiel mir
ein. Sie ist eine Dienerin des Gottes, den ich nicht kenne. Aufgeregt,
wie ich war, sehnte ich mich ihre Meinung zu hören, ich wollte sie schon
geschickt herauslocken, ohne mir eine Blöße zu geben; es braucht nicht
alle Welt zu wissen, daß ich gottlos bin! --
Ich ging dem Hause zu. Ihr Stübchen liegt zu ebner Erde, ich kann es
vorübergehend übersehen. Ich warf einen Blick hinein und sah mit Unmuth,
daß sie nicht allein war, Cäcilie war bei ihr. Als ich jedoch das junge
Mädchen erkannte, kam etwas wie Segen über mich, es wurde stille, ganz
stille in mir, jetzt wieder -- unerklärliche Wonne! --
Ich blieb stehen und sah hinein, hören konnte ich nichts, wollte auch
nicht, und gesehen konnte ich auch nicht werden. Es war Dämmerung und
Julchen lag auf dem Sopha von vielen Kissen unterstützt, vor ihr, mit
den Knien auf dem Estrich, Dielen sind für das Hospital Luxus, kniete das
bleiche Kind, und drückte abwechselnd bald die eine, bald die andere Hand
auf die Stirn der Kranken. Es war ein rührendes Bild. -- Nein Pauline,
ich bin gewiß nicht gottlos, sieh, als ich wieder zwischen den Gräbern
hinschritt, bat ich Mutter, Gott um den schönsten Segen für das stille
Kind anzuflehn, und dieser Wunsch kam aus tiefstem Herzen, ich muß also
glauben, trotz der vielen Wenns und Abers des Verstandes.
Es ist mir ein süßer Gedanke, Cäcilien unter den Schutz meiner Mutter
gestellt zu haben. --
Gute Nacht, Schwester; ich habe eben am Fenster gestanden und auf die
ruhende Welt hinabgeschaut, der Mond hält oben Wacht, es ist sehr schön
draußen. Mein Herz ist in wunderbarer Aufregung, nie habe ich mich so
ernstlich gefragt, ob ich Gott glaube, ob ich gottlos bin. Wie kam es, daß
diese Frage mein Inneres so in Aufruhr gebracht hat? Das Verstummen zweier
Menschen hats vermocht, zweier Menschen, die ich hochschätze. Wenn es
einen persönlichen Gott giebt, Pauline, dann muß er eine unausdenkbare
Größe sein. Denk Dir eine Macht, welche die Welt, die Natur in dieser
wunderbaren Ordnung erhält, denke diesen raffinirten Naturgesetzen nach,
denke Dir dazu eine Liebe, welche dies Alles erschaffen hat und erhält
für Geschöpfe, die ihn verneinen, verhöhnen; ist ein Gott, so ist mir
nicht bange, Gott wird und muß am größesten im Verzeihen sein. Es
ist ein wonnereicher Gedanke: Gott. Entweder beginnt nun für mich ein
besonders reiches Leben, oder ein sehr ödes, kaltes. Meine Seele ist nun
einmal von einem Verlangen erfaßt, diesmal kann es nur Gott befriedigen.
_Justus._
Den 3. September.
Die kleine Johanne ist an den Masern erkrankt, die Gäste haben das Schloß
verlassen, und ich treibe mich umher, denn das Bild der Gräfin ruht
natürlich, sie verläßt die Kleine nicht, um sich in Kostüm zu werfen
und mir zu sitzen. Der Graf ist vielbeschäftigt, unsere Unterhaltung bei
Tisch ist einsilbiger und dreht sich meist um die kleine Kranke. -- Ich
erwarte Deinen Brief mit Spannung, aber nicht mehr mit der fieberhaften
Unruhe wie Anfangs: ich weiß was ist, und fühle mich wohl dabei. --
Berga hat mir einen Gruß für Dich aufgetragen. Ida schalt sie dafür, sie
sollte nicht zudringlich sein. »Sie meint es ja ganz gut in ihrer Weise,
Ida,« sagte Cäcilie sanft, »es ist wirklich nichts Unrechtes dabei.«
Ida warf den Kopf sehr auf und erwiderte, Cäcilie scheine heute sehr
gnädig zu sein, gestern habe sie Berga über ein ganz unschuldig
hingeworfenes Wort eine lange Strafpredigt gehalten. Ich war gespannt,
zu erfahren, was das für ein Wort gewesen sein mochte und fragte
mein Pathchen. »Herr Jesus,« antwortete sie und senkte den Kopf ganz
beschämt. -- »Sie thuts nicht wieder,« versicherte Burga, »es thut ihr
selbst leid.« --
Cäcilie sprach kein Wort weiter darüber, ich dachte aber, was würde
Cäcilie sagen, wenn sie in meiner Seele lesen könnte. Später waren
wir im Garten und ich wurde fortwährend von der Versuchung gepeinigt,
Cäcilien zu fragen, was sie von mir denke, nur wartete ich auf eine
günstige Gelegenheit dazu. Endlich waren wir einmal mitten in einem
Laubengange allein und ich fragte mit dürren Worten: »liebes Pathchen,
bin ich ein guter Mensch?«
»Ich bin Ihre Pathin nicht,« erwiederte das junge Mädchen sehr ernst,
»ich war weder Zeugin Ihrer Taufe noch -- fügte sie leise hinzu -- Ihrer
Wiedergeburt.«
Ist das nicht streng von solchem kleinen Mädchen von siebzehn Jahren, das
so sanfte Züge hat? -- es kränkte mich auch etwas, aber es verdroß mich
nicht.
»So wiederhole ich denn Fräulein Bernwacht meine Frage,« sagte ich ganz
treuherzig, und war begierig ihre Antwort zu vernehmen.
»Ich halte Sie für warmherzig,« sagte sie. »Genügt das?« fragte ich.
Sie schüttelte mit dem Kopfe und Ida rauschte heran; ich hätte gern mehr
gehört. --
Den 10. September.
Dank für Deinen Brief, liebe Schwester. Es ist doch schön um sichere
Liebe, wie die der Geschwister; Gott sei Dank, daß ich Dich habe. Ja, Gott
sei Dank, Du weißt, ich kenne ihn nun. Du hast nie daran gezweifelt, mein
Leben habe es bewiesen, daß ich ihm nicht fern sei, ich hätte ihn
nur durch die dichten Schleier der Selbstüberschätzung, des geistigen
Hochmuths gesehn. Kind, welche Worte! -- Indessen, es ist etwas Wahres
daran, und die Schüchternheit, mit der Du diese harten Behauptungen
aufstellst, und die Freudigkeit, mit welcher Du mich auch ein Gotteskind
nennst, zeigen Deine eigne Demuth und Liebe hinreichend, um mich vor
Bitterkeit zu bewahren.
Da steht weiter: »Aber Du bist kein Christ, Gott führe Dich zu den
Füßen des Heilands, der uns Allen zur Erlösung gegeben ist, und er wird
es thun, ich fühle es mit köstlicher Bestimmtheit. Wenn Du auf meine
tiefsten Herzenswünsche etwas giebst, so lies das neue Testament und suche
die Unterhaltung gläubiger Menschen. Thu es nur zur Probe, wenn Du Deiner
Sache augenblicklich ganz gewiß bist nichts weiter zu Deinem Heile zu
bedürfen, als Deine jetzige Erkenntniß.«
Dein Rath soll befolgt werden. Aber verlange nicht, daß ich aus Respect
vor Euren vermeintlich unantastbaren Wahrheiten verstummen soll. Ist Eure
Religion die beste, so muß sie Widerspruch vertragen können, und ihre
Priester und Priesterinnen dürfen über ein freies Wort nicht gleich den
Stab brechen, oder über den Andersdenkenden den Bann verhängen. --
Mit wahrer Herzenserleichterung habe ich wahrgenommen, daß der Graf
und seine Gemahlin mir nicht ihre Achtung entzogen haben. Wir verkehren
ähnlich wie früher, nun Johanne wieder genesen ist und die Kleine besucht
mich auch wieder. Durch diesen Zwischenact ist dennoch unser Verhältniß
anders geworden, ich fühle etwas wie Mitleid aus der Art und Weise heraus,
wie sich die hohe Frau gegen mich benimmt, und des Grafen Umgehung alles
dessen, was sich auf Religion bezieht, ist es nicht Schonung? -- oder will
er die Perlen nicht in den Bereich des Unreinen werfen? Ich glaube Besseres
und verehre Beide um Vieles inniger noch, als zuvor. Oft wünsche ich,
sie möchten sprechen, und ich würde ihnen dann sagen, wie es nun mit mir
steht. -- Freilich würde es ihnen nicht genügen, aber sie doch vielleicht
erfreuen.