Und dann --

Ihre Hand erstarrte auf der Klinke.

Entsetzen -- nein, dem Himmel sei Dank -- nein, Entsetzen -- wer hatte sich

dort auf das Ruhebett geworfen, um das noch der leichte Duft von Mariannes

Parfüm schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete,

halb offene Uniform, daß die herabhängenden Arme, die von Kot

überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos über das untere Polster

gebettet lagen, -- nein, ausgeschlossen, dies alles konnte nimmermehr zu

der vollendeten, ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein

fremder, aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten.

Und doch -- alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig, wo die Wirklichkeit

in ihrer grausen Majestät waltete. Wozu noch nach Gründen forschen,

weshalb Verknüpfungen zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde

Hagelschlag dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern

anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein gefährlicher

Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung um sich gestreut hatten.

Und solch ein zerknicktes Unkraut sollte man nicht vollends brechen und

vernichten können?

Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung, wie ein großer

wachsamer Hund, der einen gefährlichen Eindringling umlechzt, schlich sie

näher. Auf Zehen.

Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper da vor ihr regte

sich nicht. In sich zusammengekrochen, mit schlaff herabhängenden Armen

lag er über die Polster gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über

ihn beugte, entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen

Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte. Zerbeult

hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen Haaren. Grau

und zerfurcht spannte sich die Haut über die plötzlich hervorstehenden

Backenknochen, und sie drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein

nicht zu verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende Mund

entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher so verlockend umspielt.

Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen die Schulter des

Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment stieß der Schläfer einen

lauten Schrei aus und sprang in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das

rings umher alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd

waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen, und seine Rechte

zuckte schwankend, betäubt nach einer umgeschnallten Pistolentasche, die

er trotzdem nicht fand.

Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es dauerte eine

geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf seine Umgebung und auf

seine Gastgeberin zu besinnen schien, auf das blonde Weib, deren hohe

festgefügte Wucht ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte.

Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen des Hofmannes geblieben?

Er begrüßte die Dame des Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines

Wiedererscheinens keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd über der

nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer, unwillig, wie jemand, der sich

über einen unwillkommenen Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende

Landmädchen mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich

stöhnend und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten durch

die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch dort seinen Kopf

in beide Hände nahm, wobei es ihm endlich auffiel, daß die Feldmütze

noch immer sein Haupt bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die

Erde. Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien er

über sich und seinen Zustand nachzubrüten.

»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er forderte. Er

verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft mit der Angeredeten

ahnen ließ und der nichts als stummen Gehorsam erwartete.

»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna trotzig, denn ihr

Triumph über die ungeheure Zerschmetterung der bisherigen Bedränger

verleitete sie zu der Unklugheit, die noch immer vorhandene Macht der

Fremden geringzuschätzen. Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen

dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses glatten

Machthabers zu widersetzen wagte.

Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr Einspruch spurlos an

ihm vorübergeweht.

»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös mit den

Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir eine Tasse Tee und Fleisch,

viel Fleisch. Ich bin hungrig.«

Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der Stelle.

»Ich sagte Ihnen schon ...«

»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer Wut, vor der

Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr. »Ihre Landsleute haben

uns gelehrt, wie Krieg geführt werden muß. Verstehen Sie? Glauben

Sie vielleicht, daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu

verschwenden? Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an Roheiten

keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte ich Ihrem Volke gegenüber

meine Wünsche mit anderem Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen

Sie, worum ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf den

Tisch.«

Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der seine Untergebene zur

Eile mahnt. Johanna aber warf das blonde Haupt in den Nacken und verließ

aufgerichtet und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer

Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über das veränderte

Wesen des früher so zartfühlenden, weichen Menschen in ihr wühlte.

Allein auch jetzt, da die verwüstete Erscheinung hinter ihr versunken war,

sollte die Gutsherrin zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die

nächsten Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren starren

Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort von hier, bevor -- ja

bevor -- --

Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn sie schrak vor

ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen zurück, weil ihre Absichten

körperlich wie mit schwarzen Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte

sie scheinbar nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn

als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot gepflasterten

Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend, wie eine vertraute, lang

vermißte Stimme flüsternd ihren Namen nannte.

Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte Gestalt.

»Fräulein!«

»Ja, wer sind Sie? -- Herr im Himmel, Baumgartner!«

»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich zurück.

»Treten Sie einen Augenblick zu mir auf den Hof, gnädiges Fräulein, denn

ich habe Ihnen etwas auszurichten.«

Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite des Verwalters. In der

Aufregung, den Verlorengeglaubten unverletzt wiederzusehen, streckte sie

dem treuen Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte ihr mit

der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen Gestalten hin, die den

Hof bevölkerten, und flüsterte in seltsam verhaltener Erregung dasjenige

hervor, was sein erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu

können meinte.

»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren Sie gefangen?«

»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig. Ich habe

ihn gesehen.«

»Wen?«

»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz. Sie streifen dort

hinten schon in den Wäldern herum. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, in

längstens drei Stunden sei er mit den Ulanen hier.«

»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?«

»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine Marielle gesund

wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,« zischte es haßerfüllt und

lauter, als es die Vorsicht gebot, aus dem sonst so stillen Menschen

heraus, »wenn man die Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte!

Dann würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns angetan. Aber

diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich verkriechen.«

Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte.

»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend.

* * * * *

Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel des kleinen

Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße Damastleinen den Tisch.

Statt der elektrischen Birnen, die schon seit langem unterbunden waren,

verbreitete eine hohe altertümliche Porzellanlampe unter einer matten

Milchglocke hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das ehrwürdige

Familiensilber hatte unvermutet wieder den Weg aus den Kellern an seine

alte Stätte gefunden. Auch die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen,

ihren hochgeborenen Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie

sich ihm gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem halb

Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke auf Speise und Trank

heftete, das oft geleerte und hastig heruntergestürzte Glas immer von

neuem mit dem schweren dunklen Rotwein zu füllen.

Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine

Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste von Maritzken

beiläufig von dem Verschwinden Mariannes berichtete, da fing sie

feindselig auf, mit welch völliger Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert

der russische Oberst von der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache

Kenntnis nahm.

»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge Dame ist sehr

gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in die Stadt geraten sein.« Und

sich zurücklehnend und langsam seine Uniform zurecht streichend, setzte er

wie in der Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu: »Ich

werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen in Ihrem Namen eine

Erkundigung einzuziehen.«

Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und mit Anstrengung und

einem so unsicheren Ton, daß es ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie

sich ab:

»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?«

»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor, der sich

inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten war. »Dieser

Abschnitt wird von anderen unserer Truppen besetzt werden. Aber seien Sie

unbesorgt,« kehrte er sich langsam zu ihr, und allmählich drang wieder

etwas von seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse

Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe, daß man ihn trotz

unserer mißlichen Umstände beachtet.«

»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und wenn der andere

genauer hingehorcht hätte, dann müßte er unfehlbar die schleppende

Anstrengung aus ihrem Vorschlag herausgefunden haben, »Sie sehen

eingefallen und kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr

weiter, und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick Angst

und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in ihr die Oberhand.

Eine Verwirrung, eine Umwälzung gärten in ihr, der selbst die kräftige

Walküre nicht gewachsen blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht

lang Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.«

»Nein, nein, ich danke Ihnen, -- ich danke Ihnen aufrichtig,« wehrte sich

Dimitri Sergewitsch, während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt.

Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten Züge, die das

frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben schienen. Nervös griff

er mit den Händen hierhin und dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende

Unrast dieses gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf er

sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen Locken zurecht und

stützte das Haupt schwermütig auf seine Rechte.

Johanna bebte.

Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, so anklagend

umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um Jahre wie eine Verkündung

ihres Loses auf sie herabgeschaut hatten.

»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und in seinen Augen

sprühte das Entsetzen höher und höher, »wenn Sie wüßten, was wir

verurteilt waren, zu sehen! Nein, ich kann und darf Sie nicht damit

ängstigen. Die menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken.

Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das Fleisch von

den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen und der Ekel wird zu einer

wollüstigen Unterhaltung. Und doch -- oh, es ist fürchterlich --

während wir den widerlichen Geschmack auf der Zunge spüren, während alle

Maßstäbe des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da summt

etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren Adern. Eine ungezügelte,

wahnsinnige Lust, alle Schrecken von neuem durchzukosten, damit wir unsere

tanzenden Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«

»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte Johanna hart,

denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich ein, wen sie vor sich hatte.

»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen und schlug

sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie kann ich Ihnen das beschreiben?«

stieß er unglücklich und zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut

entrang sich ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen soll,

denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht habe ich auch um Sie nicht

viel Gutes verdient, und es ist sehr möglich, daß Sie mich hassen.«

Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig griff

sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen Kommode, um sich zu

stützen. Ihre stählernen blauen Augen folgten unausgesetzt den

wilden Gängen ihres Gastes, ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine

Einwendung, die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, sie

vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden Hast hatte der

erregte Mann auch längst wieder vergessen, was er eben noch zu erkunden

begehrte. Oder es schien ihm nebensächlich, gleichgültig. Mit

fliegender Hand zauste er an den Gardinen, die weiß und traulich vor der

hereinbrechenden Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, wie

grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor seine Stirn, um sich

den perlenden Schweiß zu entfernen.

»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden

Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams und dem krummen Säbel

kein Gewerbe machen. Aber wenn man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute,

die kurz vorher mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh

streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, wenn man mit

ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen ihren Verstand verloren, wie

sie mit wütenden Sprüngen in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten,

zu Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, in dem

weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, Zoll für Zoll, Strich für

Strich, dann -- dann -- --«

»Was?« kam es von Johanna scharf.

»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten auf den

Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie von neuem aufreißen,

»dann schreit man auf zu der Vernunft oder zu irgend etwas, was besser ist

als wir, und zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung

von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so vieler aufgeputzter

Mörder bedürfe.«

Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals fuhr der Gehetzte mit

dem Tüll der Gardine über sein gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte

noch immer an der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher Zwang

sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten Gefährten in die

Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich gleichzeitig eine unnennbare

widernatürliche Freude in ihr, aus dem angstgeschüttelten Menschen noch

mehr Todesgrauen herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die Zähne

bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen maßen unaufhörlich die

wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene Gestalt des Fürsten,

während ihre Gedanken fortwährend von der Vorstellung durchschnitten

wurden: »Du ruhst auch bald -- du auch -- du auch.«

»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte sie unwillkürlich

weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es trotz ihres eigenen Bangens

überlegt und berechnet klang.

Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber.

»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören Sie auf. Merken

Sie denn nicht, daß da oben bei mir die Stränge und Fäden reißen?

Daß ich ein jemand bin, der vergessen hat, wie er heißt und wo er

hingehört?«

Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren aufgescheucht

in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett seinen abgeschnallten Säbel

entdeckte, auf dem Boden die Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten,

von Schmutz umkrusteten Handschuhe.

»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie er plötzlich,

»die draußen mit Nägeln zugehämmert war, während drinnen -- --«

Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche Polster zu,

warf sich seinen Degen um die Schulter und streifte sich erschöpft und

zitternd die Handschuhe über. Dann riß er das Fenster auf und rief einen

kurzen Befehl zu dem dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es

klang wie ein Angstschrei.

»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er und prüfte

mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche, »ich habe mich schon zu

lange aufgehalten. Wer kann wissen, was hinter einem ist? Nichts gehört

einem mehr, selbst der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn Sie

sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie nicht an das, was

aus mir gemacht wurde. Nein, nicht an das,« wiederholte er bitter und

drückte sich die Mütze achtlos auf den Kopf.

In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung, die das

Schicksal der Bewohner des weißen Hauses zu Maritzken entschied.

Hinter Johanna, auf der Platte der Kommode, stand ein Bild, das Marianne

vorstellte. Fürst Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf

und stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll Scheu, als

wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die Finger blutig gerissen.

»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung, »gute Nacht.«

Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein war von ihr

gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde Summen, das, solange sie

hier weilte, beständig durch ihr Denken trommelte. Abwehrend griff auch

sie nach dem Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich

umeinander.

»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie mit einem irren

Lachen.

Was dann folgte, wußte sie nicht mehr.

Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an, dann nahm er

langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die Achseln und ließ sich müde,

geistesabwesend von neuem an dem Tisch nieder.

Er wartete.

* * * * *

An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers lauschte Johanna in

die Dunkelheit. Hinter ihr in dem schmucklosen Raum herrschte vollkommene

Finsternis, denn in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die

Gutsherrin nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende

Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang, wo sich vor ihrem

geistigen Auge die dichte Wand der Wälder dehnte.

Von dorther mußten sie kommen.

Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst zur Bürgschaft

einsetzten für das Gelübde, das sie der Heimat verpfändet. Todesschreie

würden gellen, ein roter Sprühregen zischen, und doch -- ihr Handel war

gut und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht eines

Volkes sprach ihn heilig.

Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie inzwischen? Durfte

sie den Plan, das trügerische Gespinst auch für rein und hell ausgeben,

in dessen Maschen sie einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes

Beraubten einzuschnüren suchte?

Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um alles in der Welt

nicht. Man würde sie loben, ganz sicher, es handelte sich ja um einen

Fürsten, um einen höheren Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der

sich nicht gescheut hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu

reißen.

Schuldlos?

Draußen strich der Wind über die Strohdächer der Scheunen, und

die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen, daß sie soeben ein

geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig schloß sie das Fenster und

verschränkte beide Hände gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt

gegen die Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche

Klarheit drang.

Schuldlos?

Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen von Maritzken hatte

sich dem Eindringling gewiß jubelnd preisgegeben, denn er war herrlich von

Ansehen, und irdischer Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere?

Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem Brand geweckter Sinne?

Von dem wahnsinnigen Gewitter einer erträumten Hingebung, das hier in dem

engen Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet?

Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna biß sich auf die

Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und beleuchtete das Zifferblatt

der kleinen Standuhr. Die Zahl zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben.

Höchstens noch eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein.

Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich weiß,

schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das Haupt des toten

Preußenprinzen empor. Und Johanna hielt inne und horchte auf die Schläge

ihres sich krampfenden Herzens.

So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz dämmern.

Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis verendete, daß

hier eine häßliche Spinne gesessen, die beutehungrig Fäden auf Fäden um

einen arglos Vertrauenden gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug

die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte die Trauer

um ihre verlorenen und versprengten Angehörigen zu Asche. Und in einer

besinnungslosen Aufwallung rüttelte Johanna an dem Griff der Tür.

Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte sich ja selbst in

kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes weichliche Mitleid errichtet.

Und mit einem schmerzlichen Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten

Stuhl, faltete matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber und

Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem Zügel weiter raste.

* * * * *

Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre unstete Sehnsucht

nach den ihrem Schutz anvertrauten Mädchen ausschickte, da kletterte die

eine von ihnen, Marianne, mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen

und wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten herab. Niemand hinderte

sie, keiner hätte sie eine Minute später in dem wütenden Lärm, in dem

Schreien und Toben, das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht.

Eine dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten

Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer auf die Bürgersteige.

Seit einer Stunde versagten aus einem geheimnisvollen Grunde die

Zuflußrohre der Leitungen. Statt dessen hörte man in kurzen Abständen

aus der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die Höhe knallen.

Und doch gab es hie und da eine Art trauriger Beleuchtung. Einzelne Häuser

der Vorstädte oder der weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer

gefangen, überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum und

Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige Banden, die

in dieser allgemeinen Auflösung weniger denn je den Namen von Soldaten

verdienten, hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die

kleinen ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.

Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich sich Marianne

zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, durch schreiende

und brüllende Haufen, die sich aus versprengten Trümmern wieder in

ordnungsmäßige Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen

den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, die unbekümmert

und in Hast mitten auf die Pflastersteine des Marktes ausgeladen wurden.

Vorbei an scheuenden Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die

sich niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern schienen. Durch

die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen einer zurückflutenden Armee,

die noch einmal dazu zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung

zu verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten

Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte und surrte. Und wie

schwarz und ameisenhaft es sich um die Davonwankende herumdrängte, welche

lasterhaften Flüche, welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache

gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und blutbesudelten

Kleidern besaß nicht mehr das geringste Verständnis für ihre Umgebung.

Schlürfend tastete sie sich vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den

Mauern der dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte,

wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und wandern, nachdem

sie vorher schmachvolle Stunden, jeder Bewegung beraubt, auf dem faulenden

Stroh des Planwagens verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern ein

Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch eine stumpfe Freude

darüber empfand, weil ihre verschnürten und gefesselten Glieder

sich trotzalledem dehnten und regten. Zu anderen Zeiten hätte ein

Vorübergehender stehen bleiben können, um der Bettlerin ein Almosen in

die Hand zu drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte

der Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes Leben

ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich ihr Tausende,

Abertausende, die noch atmeten und gar nicht begriffen, daß sie schon

begraben waren.

Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen Gasse, da schlugen

Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, von denen getroffen sie ihr müdes

Weitertasten unterbrach, um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht zu

horchen.

»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« klang es

wohllautend und doch zugleich von einer anheimelnden Güte durchdrungen,

»ich werde hier auf Sie warten. Aber dann -- dann muß es sein. Länger

dürfen wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen Sorgen

und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und das wollen Sie doch nicht?«

»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und kleinmütig eine

kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie darf ich Sie allein lassen

bei dem Schauderhaften? Ich leb' sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell'

mir immer vor, daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten

befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und mich nach ihm

umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten und hier warten. Aber bei

meinem Leben, 's ist schrecklich solch ein Geschäft.«

Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren Tür geschlossen,

und dann verloren sich hinunterschlürfende Tritte in einem Erdgeschoß.

Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter dem

Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden konnte, stahl sich eine

Melodie hervor. Der Zurückgebliebene vertrieb sich die Zeit durch ein

klangreiches Summen, und die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl

bekundeten deutlich den geübten Musiker.

Um Gottes willen, das konnte doch nicht -- --?

Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten Mädchen

einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein, daß sie nicht immer

als eine Entwürdigte und Verstoßene durch die Gassen geirrt sei. Langsam

wachte sie auf, und eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit

überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher, streckte den

Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit ihre Finger auf dem

Stoff einer groben Arbeitsjacke spürte.

»Ich weiß nicht, -- Fritz -- Fritz Harder, bist du es?« wollte es sich

ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften Sprache entringen, da wurde

mit einem festen Griff nach ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere

Anrede im Keim erstickt.

»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch ausschloß

und die dennoch das vor Erschöpfung strauchelnde Weib mit ihrer bekannten

ehrlichen Wärme ins Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, -- Sie -- wie

kommen Sie hierher?«

Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und lehnte sich fest

gegen den angebotenen Arm.

»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum erstenmal in ihrem

anspruchsvollen und verwöhnten Dasein stürzten der Zerschmetterten

Tränen der Verzweiflung über die Wangen.

»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit hindurch

dieselbe gütige Stimme.

Keine Antwort.

»Ist Ihnen etwas geschehen?«

Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein erster Anfang

regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen, wie man aus den zerbrochenen

Scherben vielleicht doch wieder die alte leuchtende Pracht aufrichten

könne. Man brauchte ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis

fest in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren und dem Tag

und der Nacht mit unverändert stolzen Augen ins Antlitz zu schauen. Und

war es nicht ein beredter Zufall, daß sich ihr sofort eine dienende Hand

entgegenstreckte, die gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu

stützen? Noch blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend durch

das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon etwas gefaßter:

»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in dein Zimmer führen

und -- und bei mir bleiben.«

Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich merkte

Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges Ringen um Ruhe und

Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete ihr unsichtbarer Gefährte mit

derselben Entschiedenheit, durch die das Mädchen schon zu Anfang in

Erstaunen gesetzt war:

»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist von russischen

Offizieren belegt, und nur den Keller haben sie dem Uhrmacher Adameit,

meinem ehemaligen Hauswirt, übrig gelassen. Dort unten liegt er nun

gelähmt, vom Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun gewiß

ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen. Auch wird in dem

dumpfen Raum kein Mensch eine Dame, wie Sie, vermuten.«

»Eine Dame?«

Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig zutreffende

Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor der Erkenntnis, wie ihr in

ihrem Unglück selbst der letzte so sicher errechnete Beistand entglitt.

Und dann -- ein feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr

Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft dienen? Oh,

es schwirrte durch die zerrissenen Sinne. Jedes Gefühl für Würde und

Stolz entwich der Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie

hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln.

»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln -- denk doch nur, du darfst mich

nicht verlassen. Hast du mich wirklich ganz vergessen?«

Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein mitten auf dem Wege

wurde ihre feuchte kalte Hand von neuem festgehalten.

»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich so markig

und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie von ihm gehört, »es ist

eine Aufgabe auf mich gelegt worden, vor deren Ernst und Wichtigkeit alles

andere zurücktritt. Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt.

Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr, daß sie noch vor

kurzem eigene Wünsche hegten. So geht es auch mir. Ich grolle dir nicht

und zürne dir nicht, ja ich danke dir dafür, weil du mich so frei und

ungebunden für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden

ließest.«

»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt.

Da lachte der Offizier im Arbeiterwams.

»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache, die du redest und das

Volk, das dich geboren. Du wirst erst wahrhaft leben, wenn du dich zu

dem allen zählen kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir

vorübergeht.« Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung zurück und

sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt Herr Leiser Bienchen herauf,

er wird die Kellertür für dich offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich

ergeht der Ruf. Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein,

nicht wahr, Herr Bienchen?«

* * * * *

Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer selbst ungewiß, wie

ein fremdes seelenloses Wesen, neben der hölzernen Pritsche, auf die man

den alten Handwerker gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die ihr

unverständlichen Reden ein, die der von einer irren Spannung gefolterte

Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald ringt er die Hände, bald hebt

er lauschend das Ohr, als müsse und könne er sich nicht von dieser Erde

trennen, bevor er den ersehnten Laut von oben erhascht.

»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem zahnlosen Munde

hervorzischen, »und nun nicht wissen -- nun nicht wissen, ob es von

Unheil oder von Segen sein wird. Und in fremden Händen, die nichts davon

verstehen, die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele

hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten Zweck. Hören

Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch immer nichts?«

Aber dann geschieht etwas.

Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu beben und zu

tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht und rollt, jedem Lebenden ein

erschütterndes Wunder, die Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen,

eine zerschmetterte Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, -- und

dann schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen der

zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und jedes Begreifen erdrückt.

Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller, der nur durch

ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf den abgezehrten, zahnlosen

Mann. Der zieht langsam die Lider über die glitzernden Sterne, lächelt

und sinkt von seinem Tagewerk zurück.

Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 19 / 21 题