VI.

Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen des schlafenden

Landes. Kein Geräusch störte die weiche, dunkle Versunkenheit, und

nur die bleichen Schilfwände zu beiden Seiten des Flusses neigten sich

manchmal wispernd gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn

ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte.

Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die beiden Laufbretter

seines Fahrzeugs ab. Die mächtige Stange, deren Widerhaken im Bett des

Stromes festhaftete, hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte

er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen der leuchtenden

Fahrstraße. Einförmig klappten seine Tritte auf dem trockenen Holz, und

nur ein regsames Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein

kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden Brett treulich

den Weg seines Herrn. Dieweil wurde am Achterende des Kahnes von einem kurz

geschürzten und dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge

Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des Schiffers. Aber aus den

Lappen, hinter denen sich ihr Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei

dem unsicheren Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und man

hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen und

dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper. Nur schade, daß der

Schifferknecht, der auf ihre Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz

drehte, sicher nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung

verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen Flauschjacke sein

Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft auszuüben. Denn die Frau in den

vielen Tüchern lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit

aller Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch seltsam, daß

sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja, sie fand es offenbar ganz in

der Ordnung, sobald der schlanke Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf

die hinter dem Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen.

Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden Wege gab es seit ein paar

Stunden aufregende und schreckhafte Dinge zu sehen. Zuerst war von dort

nur der Hufschlag vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen

Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten um sie her.

Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte es, Geschützzüge flogen

unter den finster starrenden Chausseepappeln, aufgewühlte Menschenhaufen

brodelten hinterher, und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm

daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch.

Aber der Kahn glitt weiter.

Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies mit der Hand auf die

sich krümmende Schlange. Auch jetzt noch stieß sie ihr kurzes, fettes

Lachen aus. In ihrem harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt

regte sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm dort

drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus niedergewälzt wurden.

Und doch -- unangefochten schwamm der Kahn zwischen den hohen Binsen

stromabwärts.

In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in Schlaf- und

Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein junges Mädchen vor dem

windschiefen eisernen Herd. Über ihrem Haupt schaukelte sich an einem

Draht ein winziges rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein

beschäftigte sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem Topf voll

stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit in eine bunt bemalte Tasse

zu gießen. Dann zog sie sich aufatmend eine weiße, mit blauen und roten

Sternen bestickte Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen

roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen die steile

Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei die Hand über die Tasse,

damit die kühle Nachtluft nichts von der Wärme des Getränkes raube.

»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt, indem sie an den

Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat, »hier bringe ich Ihnen etwas

Feines, lieber Freund. Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich

so gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber nun trinken

Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden Sie meine Kochkunst nicht

verachten?«

Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet seinen Beobachtungen

entrissen. Überrascht wandte er sich herum und, wie stets, so glitt auch

jetzt wieder ein erstauntes Lächeln um seine Lippen, als er die weiße

Flanelljacke und das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb

das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen das Mondlicht

dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber, das sicherlich auch sein

Schicksal einschloß. Und doch war es möglich, daß die schweren Sorgen

des Flüchtenden hier durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut

werden konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das schwarze

Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln auf den kleinen

Füßen, sie redeten keck und lebensvoll mitten in das Stöhnen einer

verzweifelten Völkerklage hinein.

Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus den Händen der

Kleinen empfing, da drängte er erst das Geschirr fast gewaltsam an Isas

eigenen Mund.

»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig, »so ist

das zwischen uns ausgemacht, und Sie müssen mich auch nicht so sehr

verwöhnen.«

»Ja, aber Herr Konsul -- --«

»Schon gut. Nun kommen Sie, Isa, wir wollen uns auf das Brett hinter der

Kajüte niederlassen, denn hier hinten weht es doch zu scharf für Sie.

Auch sehe ich, Sie haben sich den koketten Halsausschnitt von Madame

Krupenski wieder nicht zugesteckt.«

Da senkte Isa verlegen das Haupt. Sie wußte auch nicht wie es kam,

aber jeder Tadel aus dem Munde des erfahrenen Mannes erschreckte sie und

entwirkte daneben stets die heftige Begierde, seinen Wünschen, noch ehe

sie ausgesprochen, zuvorzukommen. Hastig faltete sie an der gerügten

Stelle herum.

Dann saßen sie beide auf dem Brett hinter der Kajüte, tranken aus

derselben Tasse und sahen schweigend mit an, wie die Morgendämmerung die

rauchenden Wiesen mit rosigen Fingern zu streicheln begann. Ein blutroter

Bach floß am äußersten Rande des Erreichbaren. Nach einer Weile sprach

Isa nachdenklich:

»Ob man unsere alten Kleider schon aufgefischt hat, Herr Konsul?«

Der Kaufmann nickte. »Das ist sehr wahrscheinlich, mein Kind. Herr

Krupenski hat sie so sachgemäß versenkt, daß sie sicherlich schon lange

an dem Wehr angeschwemmt sind. Ich hoffe, unser fetter Freund, der Herr

Polizeimeister-Stellvertreter Tolmin wird längst mit Befriedigung unser

trauriges Ende festgestellt haben.«

»Wie seltsam,« flüsterte Isa gepackt, und ein bezwingender Gedanke

ergriff unwiderstehlich von ihr Besitz, »da haben wir eigentlich alles

Alte von uns abgestreift und fahren hier wie zwei ganz neue Menschen durch

die Welt. Wissen Sie auch, daß ich das wunderhübsch finde?« fuhr sie

sinnend fort.

»Warum?« fragte der Konsul und verfolgte den rosigen Dämmer, der sich

auf dem feinen Gesicht seiner Gefährtin zu verbreiten begann.

»Warum?« wiederholte die Kleine ernsthaft und schauerte im Frühfrost

zusammen, »das kann ich Ihnen nicht sagen. Nein, das kann ich wirklich

nicht, es ist ein sehr dummer Einfall.«

Noch hatte sich Rudolf Bark nicht von dem Glanz trennen mögen, von dem

die unter dem schwarzen Tuch sich hervorstehlenden Haare des Mädchens

allmählich durchleuchtet wurden, da war es, als ob in der Ferne Erde und

Strom einen Sprung machten. Ein dumpfes Krachen erschütterte die Luft,

der Nachhall eines ungeheuerlichen Donnerschlages fuhr über den bleiernen

Morgenhimmel.

Betroffen schnellte Isa von ihrem Sitz.

»Herr Konsul,« vermochte sie nur hervorzustoßen, »bedeutet das ein

Unglück für uns?«

In ihrem schmalen Gesicht arbeitete es. Trostsuchend lugte sie zu ihrem

Freunde empor. In diesem Augenblick empfand sie nur das eine, wie die

lange Fahrt auf dem schmutzigen Kohlenkahn von allen Schimmern der

Poesie umflossen sei, und das jenes namenlose, aller Regel eines strengen

Bürgertums entbehrende Dahingleiten einen Höhepunkt ihres Daseins

bildete. Sie zitterte vor Hoffnung und vor Spannung.

»Bedeutet das für uns ein Unglück?« drängte sie noch einmal und

ergriff schutzbedürftig die Hand des Kaufmannes.

Beschwichtigend zog Rudolf Bark das aufgeregte Mädchen wieder an seinen

Platz hinter der Kajüte zurück. Und als er fühlte, wie die Verängstigte

sich an ihn schmiegte, da streicheln er ermunternd über ihre Wangen.

»Isachen, es will mir scheinen, es kommt im Moment gar nicht so sehr auf

uns beide an.«

Allein die Kleine schüttelte unter Tränen lachend das Haupt.

»Doch, Herr Konsul,« entgegnete sie kleinlaut, -- »Sie müssen

entschuldigen, ich bin natürlich lange nicht so klug wie Sie, -- aber das

Leben kann doch auch etwas sehr Seltenes und Kostbares sein. Es wäre zu

schade, wenn dies alles untergehen sollte.«

»Oh, der Kahn ist fest,« entgegnete der ältere Mann verständnislos.

Und dann saßen die beiden wieder und sahen zu, wie der blasse Morgen

über die Felder eilte. Die grauen Dunstwolken zerfaserten sich, über den

Chausseepappeln begannen schwarze Scharen von Krähen zu kreisen, und unter

ihnen wurde die Landstraße einsamer und stiller. Hinter den wallenden

Staubmassen war die brandende Flucht erstorben. Langsam und allmählich

schwirrte von dort ein schüchterner Vogelgesang auf, und auch die Heimchen

der Wiese besannen sich auf ihr Morgenlied.

Stunde auf Stunde verging. Es wurde immer heller.

* * * * *

Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer weigerte sich, mitten

durch den leuchtenden Sonnenschein und zumal wo die Grenze so nahe rückte,

noch weiter zu fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche

Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr das Gefährt

verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit dem Eigentümer, da brach

der Kaufmann mitten in der Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der

Erklärung in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb.

Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa dem Davonrudernden

über die hohe Bordschwelle nach.

Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so rascher Tat

veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher werdenden Ufer des Stromes

duckte sich zwischen den Binsen ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel

des Wassers herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das

Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar, daß sich der

zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde spüle. Unaufhörlich

rieselten die roten Tropfen in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark

erreicht. Ein paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte in

den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene nicht fassen, warum

der Konsul jenen so wüst zerschlagenen Verwundeten schließlich

mit rücksichtsloser Gewalt in den Kahn zerrte. Dann wieder einige

Ruderschläge, und über die von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die

Schiffswand geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine groteske

Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen, ohne Rock noch Weste,

nur von einem zerzausten Halstuch umflattert und wischte sich beschämt

über das von tausend Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund

bewegte sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen.

»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie hatte endlich den

verkrümmten kleinen Juden, der ihr so manche Uhr gerichtet, in diesem

blutenden und vor Erschöpfung röchelnden Menschenkind entdeckt.

»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte ihn auch der Konsul.

Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders Adameit, der letzte

Gefährte von Fritz Harder, schüttelte völlig betäubt sein nasses Haupt.

»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,« gurgelte er

tonlos, während er sich unaufhörlich in einem ölgetränkten Taschentuch

die Hände wischte.

»Man hat Sie geschlagen?«

»Ja, ich glaube, -- ich glaube, man wird mich geschlagen haben.«

»Wer?«

»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem Kohlenhaufen zusammen

und starrte gleichgültig zurück auf die Landstraße, die er soeben

verlassen.

Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen Zurückkriechenden

herauszubringen. Und erst, als man den wimmernden Gesellen, der dabei wie

ein schweres Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft hing,

in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er dort auf einem

Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten ein paar Tassen des

glühend heißen Tees in sich hinabgeschüttet hatte, da fingen seine

schwarzen Augen sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit

dem jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann wickelte er

das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich und unternahm es, sich

umständlich die dick herabrollenden Tränen zu trocknen. Der Konsul

jedoch, der ungeduldig vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit

mehr, sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück.

»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?«

Der kleine Jude fuhr zusammen.

»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider nicht glauben, ich komm'

direkt aus der Luft.«

»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich.

Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und erst Isas

teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu einer größeren

Mitteilsamkeit zu vermehren.

»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf vor sich hin und

rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag' Ihnen, ich komm' aus der Luft

oder auch unter einem Heuwagen hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich

will Ihnen der Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr

gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht alles aus meinem

zerhämmerten Kopf richtig und sauber hervorziehen kann.« Er lehnte sich

zurück an die Schiffswand und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir

die Maschine von dem alten Adameit -- vielleicht hat ihn Gott schon zu sich

genommen -- unter das Dach der Sebalduskirche eingeschmuggelt.«

»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,« forderte Rudolf

Bark von neuem.

»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' sie nie ansehen mögen.

Aber mein Meister hat damit ein Lebelang verbracht. In der Kirche sah es

die ganze Zeit über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten

nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen Bau noch vor dem

wundervollen Glockenspiel, noch vor der gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen,

sie lachten auch über die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und

Ohren ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken nichts angehen,

die schöne Frau mit dem Fuß auf der Schlange und der weiße Mann mit dem

goldenen Schlüssel, Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen

Stich, so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren doch

kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als fünfhundert

Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch nicht alles. Die Breitmützen

hatten einen vollständigen Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die

Kirchenbänke konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern sehen, und

statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen Kerls auf Strohbündeln in

den Gängen und fraßen und schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so

viele, daß man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer

frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da hinten an den Seen ihren

Lohn erhalten hätten. Und wir hörten auch, sie wollten sich in unserer

Stadt, in unserer schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen.

Da sagte der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es so

einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom gefunden hatten.

Werden Sie es für möglich halten, wir fegten nämlich den Schmutz und den

Mist alle Abend aus der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich.

Und gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld

dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern abend, da sagte der Herr

Leutnant, jetzt dürfe man keine Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich

der Horde ein Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht

länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, was soll ich

Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche Mensch, der so verändert in dem

Arbeitsanzug aussah, er stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die

elektrischen Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein

Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem Geschäft ablenken. Ehe

wir uns trennten, reichte er mir noch die Hand und sagte mit einem Gesicht

ganz voller Sonnenschein -- in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen

-- »Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken Sie daran,

was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat und zahlen Sie es pünktlich

zurück.« Dann stieg ich auf den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den

Knopf angebracht hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr

Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So was Schönes,

Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie vernommen. Es hörte sich an,

als wenn der Herr unser Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und

sänge nun selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch

diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem Land und

seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf einen Fensterbogen gesetzt,

Fräulein Grothe, und konnte das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch

die Russen waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten herauf.

Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr schon seine eiserne

Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte noch bis zum nächsten Morgen so

sitzen mögen, aber plötzlich da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom

Rücken aus sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. Und

diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs ins Herz. Was dann

geschah, Herr Konsul, das ist mir alles nur so bewußt, als hätt' ich es

aus einem dunklen Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog

in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine Sekunde zu uns

herunterblitzten. Und dann -- es war grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer.

Die große Orgel stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten

sich gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. Mit mir

aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, als sollte mir gezeigt

werden, wie ich armer kleiner Jud' eigentlich gar nicht in die Kirche

gehörte. Ich sauste nämlich in großem Bogen aus dem Fenster herunter

und mitten in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann wie

wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier an der Grenze, da

haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. Ein Rad ist noch dazu über

meinen Fuß gefahren, und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner

geworden sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« -- und der Uhrmacher

hob die Hände in die Höhe und begann bitterlich zu weinen, -- »was will

das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und

hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche

so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. Hören Sie, Herr Konsul,

dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem

auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«

* * * * *

In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte noch immer bleierne

Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit herab, daß die an ihren Stuhl

gebannte Gutsherrin das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche

Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften ihre Blicke über die

Fensterscheiben, die unter dem Leuchten des heraufsteigenden Mondes einen

stählernen Glanz annahmen. Manchmal war es auch, als ob ein flackernder

Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame eilende Hufschläge

aufzufangen. Doch wenn sie, zum Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so

schlug nichts an ihr Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder

sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den wilden Tanz ihrer

Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose Herabsinken in völlige

Erschöpfung. Zuweilen riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte

sie etwas zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr und

verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, in nichts

zerschellen möge. Um gleich darauf alle Fibern anzustrengen, ob sie aus

dem unteren Zimmer nicht etwa einen Laut des Entweichens auffinge.

Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? Ob er noch immer

zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, ein vor sich hin stierender,

seiner früheren Wesenheit beraubter Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte

und wand sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu

bringen.

Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm schon in breiter

Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin hing noch immer regungslos auf

ihrem harten Sitz, hing zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie

herum geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem.

Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes Klopfen. Doch es klang, wie

wenn man die Hufe eilender Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und

sie sann darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens wären?

Dann zischte und knatterte es, und die Blonde konnte es sich in ihrer

Benommenheit nicht anders erklären, als ob blaue puffende Funken aus einem

Holzfeuer in die Höhe knisterten. Und jetzt -- mischten sich jetzt nicht

heiße, trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun wieder

Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen des Windes. Und dann --

aus den Dielen zu ihren Füßen schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen

aufzusteigen.

Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch mehr als gestaltlos

jagende Traumgesichte?

Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild hetzte, schon

hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das in einem Gehege von List und

Schlauheit zurückgehalten war, bereits verröchelnd am Boden lag, und sein

brechender Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen?

Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, welche die

auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren Schwester so verachtet hatte.

Mischte sich nicht auch bei ihr, wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat,

ein schauererfülltes Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie,

sei es auch nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, das der

Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich -- und das blonde

Weib schlug sich die Hände schallend vor die Stirn -- und deswegen setzte

sich der unglückliche Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch

bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am Dasein?

Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das Knarren einer Tür. Ihre

Vorstellungen kreuzten durcheinander. Sie wußte nicht mehr, ob sie aus

Scham vor dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob sie das

Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.

Und dann -- und dann -- die Uhr tickte so laut -- es war keine Zeit mehr zu

verlieren.

Ohne Überlegung -- mit wildem Entschluß drehte sie an dem Schlüssel,

stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte die Treppe hinab, wie sie

die Stufen noch nie übersprungen. In ihrem Ungestüm vergaß sie das

Anklopfen. Ohne ein Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über

ihre Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine Stütze suchen

mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick sich einige Klarheit zu

verschaffen.

In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich und achtlos

war der Mantel des Fürsten über einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte

der Besitzer auf das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem

Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief herabgebeugt ruhte

das Haupt des Übermüdeten auf seinen ausgebreiteten Armen, und die

Lauscherin pries den schweren Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes

sowie sein eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie

täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und sofort

erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von der Blendung des

Schlummers zeigten. Ihr Gast schien vielmehr angestrengt nachgedacht zu

haben. Kaum erkannte er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln

in seinen gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur wollte es

Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle Schwermut sich über

das auch jetzt noch edle Antlitz verbreitet hätte. Und im Moment zitterte

sie davor, wie sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten

würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten blieb tadellos

und beherrscht. Langsam erhob er sich, und während er ein paar Schritte

gegen sie tat, verbeugte er sich leicht. Wieder verursachte es der

Beobachterin einen stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr

Gast über den Estrich schleppte.

»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner eigenen

Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch in seinem

schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere Sie, sie ist nicht die beste. In

diesen Stunden habe ich so manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn

es noch einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil ich so

wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. Aber wozu? Es hat keinen

Zweck.«

Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über sie

fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin schien ihn besonders

einzufangen. Allein auch jetzt noch eignete ihm Erziehung genug, um nicht

eine einzige verletzende Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna

dankte Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen bis zum

letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich erkenntlich zeigen,

dafür alles andere vergessen.

»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem sie einen

Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt hatte, »ich fühle

mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, obwohl -- obwohl -- nein, das

tut nichts zur Sache -- es lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie

sind hier nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen

und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster Eile, Herr Oberst, in

allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«

Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen Augen der

Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände verschlossen sich über der

Brust, und in ihrer Stimme bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst

mit einem Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies

alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe in dem Rausch,

daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, Zärtliches und Menschliches

berge. Auch der Fürst stand eine Weile regungslos. Er schien mehr dem

heiß erregten, unerwarteten Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener

Warnung. Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig und

zeigte durch das Fenster.

»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete er müde.

»Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen waren klüger, als ich.

Oder auch dümmer, denn sie glauben noch nicht an die Wertlosigkeit, an

den absoluten Zufall des menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im

Stich gelassen. Ich bin allein hier.«

»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend und griff wieder

nach dem Pfosten der Tür.

Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt

zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker bildete sich eine

Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger war als der Widerwille

der Völker, als Familienehre und alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr

schwindelte, und nur das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch

aufrecht.

»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.

Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf den Rücken gelegt,

und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung über die Weichherzigkeit der

straffen Nemza nach.

»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er endlich, obwohl er

keine Miene machte, dem dringenden Befehl zu gehorchen, »das mir bisher

recht fremd blieb. Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes

Gelächter auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches erst

bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen einer von uns so

entfernten Rasse? =Mon dieu=,« setzte er mit einem verächtlichen Zucken

der Mundwinkel hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich leugne

es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte lügen, wenn sich mir

gegenüber jemals eine mütterliche Teilnahme äußerte. Ich glaube,

gerade die kennt Ihr Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder

verbeugte er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie etwas Liebes,

Schmeichelndes verkünden wollen.

Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie fühlte, wie sie dem

reuigen Schmerz dieses zerbrochenen Lebens unterlag.

»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal rauh hervor,

und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum bringen Sie sich nicht in

Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?«

Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und seine sprechenden

Augen suchten den Boden, als er tastend und verlegen hervorbrachte:

»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen, daß Sie mir noch

eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte anboten.«

Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht und verrieten

die deutliche Absicht, weder anzustoßen noch zu verletzen. Johannas

Antlitz jedoch flammte auf.

»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief sie

erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre Hände flehend

zusammenpreßten. »Ich will nicht -- --«

»Was wollen Sie nicht?«

»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß Ihnen gerade in

meinem Hause ein Unheil widerfährt. Mir graut davor.«

Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte er eine Bewegung,

als wolle er ihre Hand ergreifen.

»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück, »soweit

werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen. Und dann, mein Fräulein,

woher wissen Sie, daß das Dasein für mich noch einen besonderen Reiz

enthält?«

Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren wieder die

schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die ein Leben lang auf ihr

gleichgültiges Wirken herabgeschaut. Jetzt starrte sie entgeistert in sie

hinein.

»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb, obwohl sie nicht mehr

den richtigen Begriff von all dem spürte, was hier geschah. »Es stirbt

kein Mensch gern.«

»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir Slaven lieben

die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht denken, wie jemand, der an

dem ungeheuren Grab seines Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an

dem Abgrund jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen in

Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur müßte auch darin Schönheit

liegen. Die Alten kannten das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und

feierten ihn unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.«

Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte ihre Lider fest

zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie erst jetzt merkte, wie ihr

Gefährte sacht über ihr blondes Haar streichelte.

Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte, um alle Besinnung,

alle Klarheit auf sie herabzuzerren. Die erste Berührung der fremden Hand

riß jede heimliche Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper,

nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und seinem Wesen.

Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr reizen können, als jenes

verborgene Langen nach ihrer Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre

Arme, und dann -- -- die beiden Menschen hielten inne und starrten sich

an.

Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal. Die Hofmauern warfen es

zurück, ein helles Wiehern prallte gegen die Fensterscheiben, und wie

in einem rasenden, dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in dem

kleinen Zimmer umherzuhüpfen.

Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer an der Tür. Sie sah,

wie der Fürst ohne Aufregung eine Pistole aus der umgegurteten Tasche

lüftete, sie fing auf, wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster

öffnete und sich rittlings auf das weiße Brett schwang.

Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte.

Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und spiegelte sich in

den todbleichen Zügen des Obersten.

»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die Arme in die Luft

werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich, gleich leblosem Eisen gegen den

Leib.

Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren Sprung aufgegeben zu

haben. Mit einer Gebärde des Widerwillens hob er die Pistole, und

zweimal begleiteten draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten

Feuerfunken.

Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht zusammen, eine

steinerne Figur hätte nicht starrer ragen können wie sie. Ein dicker

roter Qualm wallte vor ihren Augen, und durch seine Nebel hindurch sah

sie, wie Fürst Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten

gewinnenden Lächeln zuzunicken.

Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf schrie Johanna

auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als ob der Oberst die Waffe gegen

seine eigene Schläfe gerichtet hätte. Noch einmal zischte es, und das

letzte, was in die steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall

eines dumpfen Falles.

Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.

* * * * *

Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher Ulanenoffiziere

in respektvollem Schweigen, bis sich die Gutsherrin von der hingestreckten

Gestalt abwendete, deren Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete

einer von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und

schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, und nur ihr

riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der Dunkelheit bei seiner

Verwandten zurück. Auch zwischen ihnen wollte sich kein Wort einstellen.

Unbeweglich, gesenkten Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte

in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben für immer

zersprungen, und erwachend überfiel sie die Qual, ob sie wirklich in

dieses grause Ende verstrickt sei.

Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. Es war eine

Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, daß das Mädchen aus ihrem

Hinbrüten emporfuhr. Zögernd verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen

Schürze.

»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.

Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine Rechte suchte

und fand die kalten Finger, die sich vor ihm versteckten, und überzeugt

und markig, ungekünstelt und mit wuchtiger Gewißheit tönte die

kräftige, allen Spuk vertreibende Männerstimme:

»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur brav und richtig sein.

Mach' dir keine unnötigen Gedanken, Kind.«

Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende voller Stolz zu

seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. Die Befriedigung, der nächste

Verwandte einer deutschen Frau zu sein, die willensstark und kräftig

mitten in dem tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem

wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen

Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere sich eingegossen und harrten

nun, die Gläser in der Hand, wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses.

Aber diese sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, der

unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum schwebte. Statt ihrer

ergriff der Riese von Sorquitten einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz

und bestimmt:

»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben keine Zeit uns

auszuruhen, sondern müssen für das Ende sorgen. Das Feiern kommt

später.«

Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren und Trappeln der

Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz zögerte noch bei seiner Verwandten

und ließ seine Hand noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.

»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, »ich bin die dummen

Gedanken nicht los geworden. Man soll natürlich keine Pläne machen, denn

man weiß nicht, wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges

Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch lieb, wenn ich

zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen und warten.«

Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die Hand und

schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen hinaus.

Und die Älteste von Maritzken wartete.

Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen und richtete sich auf.

Was in den Familien und bei den Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur

wie unwirkliche Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes

dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte auf das Sausen

des großen Sturmes.

So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa umarmen und von ihr

das Wunder erfahren, daß der Rotkopf in den »Goldenen Becher« drinnen in

der befreiten Stadt einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte

das Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und raunen, die

ihre Schwester Marianne mitten in Not und Gewühl in der fernen Hauptstadt

betreiben sollte. Und wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte

der alte herbe und verurteilende Zug.

Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen erstand unter ihrer

Führung aus Schutt und Vernachlässigung, die Wintersaat wurde versenkt,

und ein neuer Frühling sproßte empor.

Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen, und nur der

Blutfleck unter dem Fenster leuchtet noch mahnend und klagend über den

Hof. Und wenn die Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen

Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den kaum merklichen

Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen ein Grab überwölbt. Aber

in ihren weißen Zügen regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den

Tausenden und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein und

auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches und bewunderndes

über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr. Der Deutsche wird den Nachbarn von

rechts und links wohl ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit

ihnen aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das Tiefste, das

Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der Glückseligkeit, daß er

nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel des Geschehens treibe, das findet er

nur bei dem deutschen Bruder.

Und wie die Älteste von Maritzken, so sinnt nun das ganze weite Land,

beseelt von dieser starken Gewißheit, und harrt und wartet.

_Ende._

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription

werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=

hervorgehoben (jedoch nicht römische Zahlen).

Der Halbtitel wurde entfernt.

Punkt und Komma am Ende von Anführungszeichen wurden generell geändert

von "«." in ".«" und von "«," in ",«".

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,

einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise

"Sebalduskirche" -- "Sebaldus-Kirche", "slavisch" -- "slawisch",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 57:

"sprochen" geändert in "versprochen"

(von der er sich einmal Erfolg versprochen)

Seite 60:

" »" geändert in "« "

(wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile)

Seite 69:

"ihrere" geändert in "ihrer"

(wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt)

Seite 72:

"Entttäuschungen" geändert in "Enttäuschungen"

(und an Enttäuschungen reiche Pflicht)

Seite 79:

"«" eingefügt

(fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«)

Seite 93:

"«" eingefügt

(etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«)

Seite 131:

"Zigarrette" geändert in "Zigarette"

(eine Zigarette an sich riß und rasch)

Seite 173:

"sein" geändert in "seine"

(das bessere Teil von ihm, seine Seele)

Seite 180:

"Wandrer" geändert in "Wanderer"

(der in sich gekehrte Wanderer)

Seite 190:

"«" eingefügt

(»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«)

Seite 191:

"Haft" geändert in "Hast"

(In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte)

Seite 233:

"«" hinter "Sinn." entfernt

(schoß es ihm durch den Sinn.)

Seite 255:

"aberteuerliches" geändert in "abenteuerliches"

(vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis)

Seite 260:

"großes" geändert in "großen"

(die lähmende Ruhe des großen Gemaches)

Seite 304:

"etwas" geändert in "etwa"

(Sie sind doch nicht etwa als Spion)

Seite 304:

"alles" geändert in "allen"

(nach allen Seiten hinauszuspähen)

Seite 312:

"gelähmter" geändert in "gelähmten"

(als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte)

Seite 323:

"nordddeutsch" geändert in "norddeutsch"

(als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing)

Seite 359:

"«" hinter "vonnöten." entfernt

(einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.)

Seite 383:

"einflössen" geändert in "einflößen"

(auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können)

Seite 386:

"Dimirti" geändert in "Dimitri"

(Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren)

Seite 390:

"etwas" geändert in "etwa"

(Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei?)

Seite 392:

"zersausten" geändert in "zerzausten"

(mit flatternden und zerzausten Plantüchern)

Seite 400:

"-" eingefügt

(während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt)

Seite 401:

"," geändert in "."

(ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen.)

Seite 403:

"Anwort" geändert in "Antwort"

(und zetert und brüllt um Antwort)

Seite 412:

"den" geändert in "dem"

(Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch)

Seite 419:

Zeilen 7 und 8 vertauscht

Seite 422:

"«" eingefügt

(richtig und sauber hervorziehen kann.«)

Seite 430:

"Er" geändert in "Es"

(Es tat ihr nicht gut)

sowie

Seite 339: "III." geändert in "IV."

Seite 378: "IV." geändert in "V."

Seite 414: "V." geändert in "VI."]

Die Herrin und ihr Knecht · 第 20 / 21 题