V.

Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der Wind. Seit Tagen

krümmte er die hohen Eichenbäume zusammen, schlug rote Wolken dürrer

Blätter raschelnd über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut

über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch ein ungeheurer

Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann glaubte Johanna Grothe stets eine

schmetternde Posaune zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung

rief.

Weißer und verschlossener als je vorher schritt die Gutsherrin durch ihr

verödetes Heim, denn seit den letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder

Einlagerung befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden

Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit zwischen den weißen

Gemäuern. Die fremde Menschenwoge, die so lange alles überschwemmt hatte,

war wie unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben

worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung, einem weltbewegenden

Schicksal entgegen, und die preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer

dumpfen zermürbenden Spannung.

Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag ohne genau geregelte

Arbeit als ein unmöglicher Zustand gegolten, sich aufgerafft, um mitten

unter Trümmern und Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten.

Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals zusammen.

Draußen aus der gesegneten Erde war alle Frucht durch gierige Hände

aufgewühlt und fortgeschleppt, und durch die leeren Furchen peitschte der

Wind. Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die abgeteilten

Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte Kuh von dannen

getrieben waren. Auf den Äckern rosteten die Pflüge, weil sie von

keiner Männerhand mehr geleitet werden konnten, und auf den Vorratsböden

verzehrten die Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und

verkommen, das Land wie das Haus, um das Beste betrogen und bestohlen, und

nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, spannungsvolle Atmen, das nach

Vergeltung verlangte.

Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen

Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft solch eine wilde

Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; oder noch besser die Sehnsucht

nach einem Blitzstrahl, der züngelnd und krachend alles in den Boden

schmettern sollte, was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung

überwuchernd, vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch schlug die Scham

in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie Gott dafür, daß sie hier wie

ein ausgesetztes Tier verborgen und unerkannt durch das verlorene Anwesen

streifen konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren

Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der wenigen Mägde

zu begegnen, die noch zurückgeblieben waren. Wie leicht konnte sie solch

unberufenen Spähern das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich

selbst hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre kühle

Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die eigene Schwester,

derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem Recht der Nächste auf Erden

sein sollte, er hatte ihr das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht.

Unmöglich, ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin

unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu vernehmen oder die

Sorgen der Gefallsüchtigen um die Erhaltung ihrer Schönheit aus der

Nähe mit ansehen zu müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich

haltlosen Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der Schwester in

zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen ins Gesicht? Weshalb jagte sie die

Gesunkene nicht von Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde

Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer Gott, aus

welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, zu vereinsamen und

zu verdorren, sobald sie durch ein solches Opfer allen Schmutz und jeden

Unrat von ihrer Schwelle fegen konnte? -- Warum? -- Nein, um alles Elendes

willen, das vermochte sie nicht, das überstieg ihre Kräfte. In der

großen herrschgewohnten Walküre war etwas gebrochen. So sehr die

Verworfenheit ihrer nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne

schwarze blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal alle

mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften Fehltritt sie trotz

rastlosen Nachsinnens noch immer nicht begriff. Vor allen Dingen aber wurde

die Älteste von Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie

auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es sich abgewinnen, mit

der harmlos lächelnden Marianne eine kühle und gemessene Abrechnung

über so viel Abscheulichkeit aufzustellen. Nein, -- nein, -- nein, nur das

nicht! Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen wie

ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten ihrer Pflichten

und Sorgen.

* * * * *

Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.

Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame Gehöft von

Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die Gutsherrin die in einer fremden

Sprache geführten Unterhaltungen hätte belauschen können, die einzelne

zurückbeorderte Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten

mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den man in diesen Tagen

höchster Ungewißheit ohne jede Pflege und ärztliche Aufsicht gelassen

hatte; aber über die menschenleeren Straßen wehte etwas heran. Etwas

Unklärliches, etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die

Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, desto deutlicher jagte

das Unsichtbare vorüber, und hinter jeder aufsteigenden Staubwolke suchten

gierige Blicke das Blitzen von Stahl und Eisen.

Es war an einem trüben Nachmittage.

Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das Haus. Die Türen der

Ställe knallten in kurzen Schlägen auf und zu. Wie eine Nachäffung von

Kampf und Schlacht rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude.

Aber mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches Stöhnen,

ein Winseln und Wimmern, das Johanna, die gerade über einen der Gänge

des zweiten Stockwerks schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das

markdurchwühlende Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des verwundeten

Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten Tagen auch den unkundigsten

Blicken nicht verborgen geblieben war. Von einem heimlichen Schrecken

durchdrungen und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem

Angehörigen der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, trat Johanna

nach einem kurzen Anklopfen ein.

Was war das?

Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin dauernd seinen zum

Skelett abgemagerten Körper im Bett halten müssen. Jetzt aber saß der

Rittmeister in dem grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch

als die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem mit Karten

bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten Haare gezogene Mütze

sowie die stark nach Juchten riechenden Reiterstiefel an seinen Füßen

bewiesen, wie der Hinfällige den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben

müsse, der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen.

Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen und fuhr mit den dürren

Händen aufgeregt und haltlos über die bunten Blätter.

»Schönes Fräulein -- schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch

vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung

hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß

ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei

Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe

gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben,

verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in

nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen

will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes

Schulmädchen wird das einsehen. Hier -- und hier -- und hier ... Eine

gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und

schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich

davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist

es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«

Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, als ob er durch die

Tür von dannen stürzen wollte. Allein in der nächsten Sekunde mußte

er sich mit beiden Händen an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark

duftenden Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.

Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, was sie dem

Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. In ihrem weißen Antlitz

brannten die sonst so kühlen blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein

gieriges Lächeln, ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte

sich um ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem minder

Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der Kranke, der sich

nicht aufrecht zu erhalten vermochte, beugte den Hals vor und starrte in

plötzlich aufspringendem Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.

»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht auf!«

Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.

»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll versteckter

Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß Ihrem Heer irgendeine

Katastrophe bevorsteht?«

»Das weiß ich nicht, -- das habe ich nicht gesagt -- nicht die leiseste

Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken gehorchen mir nicht mehr.

Sie wissen, sie springen herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen

Sie mich so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten sich

hüten!«

Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In ihren Mienen

verkündete sich immer deutlicher eine wilde Wonne.

»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen heraus,

»nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich gleichfalls auf den Linien,

die Sie vorhin auf der Karte bezeichneten?«

»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«

Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.

»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen

entwischen?«

Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und

vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr

zu bändigen.

»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte

haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören

Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln,

Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«

Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die

Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie

ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung

und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln

schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und

dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in

den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.

* * * * *

Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben.

Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst

waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die

Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und

es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten

fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem

vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.

Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem

Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend

und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken

zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden

noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene

fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie

diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten,

so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern

erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken

schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch

immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen

Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht

aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles

vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die

kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern

auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen

zu können.

»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel

vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann

durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder

Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die

dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr

nacktes Leben zu retten trachten.«

Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende

Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in

einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen

des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn

sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein

anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er

durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen

Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß

tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu

entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden

Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem

schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf

lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre

Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte,

ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über

Staaten und Völker rollte, beschieden sein.

So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen

Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln

begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und

rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien.

Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich

fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer

vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen

vorüber.

Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig

auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin

bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des

Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte

von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen

sein.

Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete,

so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen

Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln

flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens

nicht mehr unterscheiden konnte.

Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach

der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom

ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem

sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von

einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken

schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und

schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes

Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die

eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden

Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre

Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die

vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das

gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und

irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten,

wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen

irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr

schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert

unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von

ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese

ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte

sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre

widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu

beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende

Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von

sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all

dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der

schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die

Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über

der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des

unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und

kraftbewußt wie sonst.

»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das

geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese

schlimmen Tiere von dannen ziehen?«

»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß

sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können.

»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder

aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen

hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«

Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.

»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr

eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren

Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch

nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt

von solchen Dingen?«

Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die

schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu

ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch

die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier

ihren Einzug hielten.

»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die

noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die

unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten

niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung

ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne

abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der

Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne«

fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu

spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.«

»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne

ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende

Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große,

empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und

glückfordernde Seelen geraten können.

Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das

fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen,

dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton

auf ihrer Meinung.

»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr

aber leider für einen Einzelnen.«

»Wie?«

Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im

Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen

völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit

dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not

und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas

anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich

ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel

der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung

geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid

emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen

nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade

jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben,

während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes

Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer!

»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham

einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer

wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und

erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.«

»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal

mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde

in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden,

nicht die Augen aufzuschlagen wagen.«

»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau

so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier

fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.«

Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu

zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe

und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit

bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden

Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie

hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern.

»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir

die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch

ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die

Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag

sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.«

»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der

Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben,

die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte

sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem

scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen?

Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn

sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann -- ja dann werde ich Schauspielerin.

Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«

Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und

langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie

imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all

die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden

Massen zu überhören.

Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da

sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und

stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest

umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores.

Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen,

verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten,

durcheinander quirlenden Zug hinein.

Da -- und da -- und dort! -- Überall einzelne Reitertrupps,

unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander

gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter

Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild

in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden

und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen

zerriß.

Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des

suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber

floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen

Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst

zusammenfügbar, -- da geschah das, was den hellen Stern, der so lange

über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu

begraben.

»Hilfe!« schrie Marianne gellend.

Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine

Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur

Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend

zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem

irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die

vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein.

Ein Stoß -- und noch einer -- ein lauter Schmerzensschrei, -- dann ein

Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, -- haarige Fäuste, die sich

roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, -- zuletzt ein Schieben und

Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden

Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch

wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem

Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender

Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete,

tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte.

Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und Namenloser, es hatte sich

erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten die goldene Fürstenkrone vom Haupt.

* * * * *

Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung darüber erteilen,

wann und wohin Marianne verschwunden oder entwichen war?

Keiner wußte es.

Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, spielerisch in

den Hof hineingelangt, und es war nichts geschehen, als daß sich die

eisengepanzerten Finger wie in grimmigem Scherz um ein junges, blühendes

Geschöpf geschlossen hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war

zerquetscht.

Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen Mägden in

der Wirtschaft herum, laut hallend rief man den Namen Mariannes in das

herbstliche Gehölz hinein, -- nirgends eine Spur von der Verlorenen.

»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der Glaube nicht

wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um eine erklügelte Bosheit, die

sie ersonnen hatte, um sich für die harte Zurechtweisung zu entschädigen.

Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige Schlange

langsamer, träger dahin. Sie schien ermüdet zu sein, und das Quirlen

und Fauchen, das Heulen und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde

seltener.

Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna von ihrem vergeblichen

Abstieg in die unteren Räume des Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte.

Schon von dem Flur aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein

Trupp russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl des

Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf rauchte den Tieren das

struppige Fell. Einzelne von den todmüden Kleppern waren vorn in die Knie

gebrochen, andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, wo

sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, die von den Tauben

übriggelassen waren. Ihre Reiter jedoch drängten sich in wilder Hast

aus den offenen Stalltüren. Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und

auseinander gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter ähnlich sah. Es

blieb klar, hier galt es keiner bequemen Einlagerung mehr, hier wurde nur

noch in besinnungsloser Gier geplündert und fortgerissen, was man zur

Erhaltung einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.

Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in hartem Schwung die

Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, in dem sie vor kurzem noch mit ihrer

jüngeren Schwester gehadert und gestritten.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 18 / 21 题