Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der Wind. Seit Tagen
krümmte er die hohen Eichenbäume zusammen, schlug rote Wolken dürrer
Blätter raschelnd über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut
über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch ein ungeheurer
Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann glaubte Johanna Grothe stets eine
schmetternde Posaune zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung
rief.
Weißer und verschlossener als je vorher schritt die Gutsherrin durch ihr
verödetes Heim, denn seit den letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder
Einlagerung befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden
Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit zwischen den weißen
Gemäuern. Die fremde Menschenwoge, die so lange alles überschwemmt hatte,
war wie unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben
worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung, einem weltbewegenden
Schicksal entgegen, und die preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer
dumpfen zermürbenden Spannung.
Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag ohne genau geregelte
Arbeit als ein unmöglicher Zustand gegolten, sich aufgerafft, um mitten
unter Trümmern und Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten.
Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals zusammen.
Draußen aus der gesegneten Erde war alle Frucht durch gierige Hände
aufgewühlt und fortgeschleppt, und durch die leeren Furchen peitschte der
Wind. Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die abgeteilten
Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte Kuh von dannen
getrieben waren. Auf den Äckern rosteten die Pflüge, weil sie von
keiner Männerhand mehr geleitet werden konnten, und auf den Vorratsböden
verzehrten die Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und
verkommen, das Land wie das Haus, um das Beste betrogen und bestohlen, und
nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, spannungsvolle Atmen, das nach
Vergeltung verlangte.
Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen
Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft solch eine wilde
Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; oder noch besser die Sehnsucht
nach einem Blitzstrahl, der züngelnd und krachend alles in den Boden
schmettern sollte, was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung
überwuchernd, vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch schlug die Scham
in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie Gott dafür, daß sie hier wie
ein ausgesetztes Tier verborgen und unerkannt durch das verlorene Anwesen
streifen konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren
Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der wenigen Mägde
zu begegnen, die noch zurückgeblieben waren. Wie leicht konnte sie solch
unberufenen Spähern das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich
selbst hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre kühle
Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die eigene Schwester,
derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem Recht der Nächste auf Erden
sein sollte, er hatte ihr das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht.
Unmöglich, ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin
unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu vernehmen oder die
Sorgen der Gefallsüchtigen um die Erhaltung ihrer Schönheit aus der
Nähe mit ansehen zu müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich
haltlosen Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der Schwester in
zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen ins Gesicht? Weshalb jagte sie die
Gesunkene nicht von Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde
Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer Gott, aus
welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, zu vereinsamen und
zu verdorren, sobald sie durch ein solches Opfer allen Schmutz und jeden
Unrat von ihrer Schwelle fegen konnte? -- Warum? -- Nein, um alles Elendes
willen, das vermochte sie nicht, das überstieg ihre Kräfte. In der
großen herrschgewohnten Walküre war etwas gebrochen. So sehr die
Verworfenheit ihrer nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne
schwarze blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal alle
mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften Fehltritt sie trotz
rastlosen Nachsinnens noch immer nicht begriff. Vor allen Dingen aber wurde
die Älteste von Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie
auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es sich abgewinnen, mit
der harmlos lächelnden Marianne eine kühle und gemessene Abrechnung
über so viel Abscheulichkeit aufzustellen. Nein, -- nein, -- nein, nur das
nicht! Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen wie
ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten ihrer Pflichten
und Sorgen.
* * * * *
Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.
Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame Gehöft von
Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die Gutsherrin die in einer fremden
Sprache geführten Unterhaltungen hätte belauschen können, die einzelne
zurückbeorderte Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten
mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den man in diesen Tagen
höchster Ungewißheit ohne jede Pflege und ärztliche Aufsicht gelassen
hatte; aber über die menschenleeren Straßen wehte etwas heran. Etwas
Unklärliches, etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die
Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, desto deutlicher jagte
das Unsichtbare vorüber, und hinter jeder aufsteigenden Staubwolke suchten
gierige Blicke das Blitzen von Stahl und Eisen.
Es war an einem trüben Nachmittage.
Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das Haus. Die Türen der
Ställe knallten in kurzen Schlägen auf und zu. Wie eine Nachäffung von
Kampf und Schlacht rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude.
Aber mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches Stöhnen,
ein Winseln und Wimmern, das Johanna, die gerade über einen der Gänge
des zweiten Stockwerks schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das
markdurchwühlende Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des verwundeten
Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten Tagen auch den unkundigsten
Blicken nicht verborgen geblieben war. Von einem heimlichen Schrecken
durchdrungen und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem
Angehörigen der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, trat Johanna
nach einem kurzen Anklopfen ein.
Was war das?
Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin dauernd seinen zum
Skelett abgemagerten Körper im Bett halten müssen. Jetzt aber saß der
Rittmeister in dem grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch
als die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem mit Karten
bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten Haare gezogene Mütze
sowie die stark nach Juchten riechenden Reiterstiefel an seinen Füßen
bewiesen, wie der Hinfällige den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben
müsse, der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen.
Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen und fuhr mit den dürren
Händen aufgeregt und haltlos über die bunten Blätter.
»Schönes Fräulein -- schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch
vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung
hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß
ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei
Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe
gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben,
verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in
nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen
will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes
Schulmädchen wird das einsehen. Hier -- und hier -- und hier ... Eine
gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und
schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich
davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist
es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«
Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, als ob er durch die
Tür von dannen stürzen wollte. Allein in der nächsten Sekunde mußte
er sich mit beiden Händen an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark
duftenden Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.
Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, was sie dem
Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. In ihrem weißen Antlitz
brannten die sonst so kühlen blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein
gieriges Lächeln, ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte
sich um ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem minder
Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der Kranke, der sich
nicht aufrecht zu erhalten vermochte, beugte den Hals vor und starrte in
plötzlich aufspringendem Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.
»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht auf!«
Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.
»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll versteckter
Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß Ihrem Heer irgendeine
Katastrophe bevorsteht?«
»Das weiß ich nicht, -- das habe ich nicht gesagt -- nicht die leiseste
Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken gehorchen mir nicht mehr.
Sie wissen, sie springen herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen
Sie mich so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten sich
hüten!«
Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In ihren Mienen
verkündete sich immer deutlicher eine wilde Wonne.
»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen heraus,
»nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich gleichfalls auf den Linien,
die Sie vorhin auf der Karte bezeichneten?«
»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«
Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.
»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen
entwischen?«
Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und
vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr
zu bändigen.
»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte
haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören
Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln,
Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«
Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die
Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie
ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung
und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln
schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und
dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in
den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.
* * * * *
Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben.
Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst
waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die
Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und
es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten
fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem
vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.
Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem
Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend
und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken
zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden
noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene
fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie
diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten,
so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern
erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken
schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch
immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen
Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht
aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles
vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die
kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern
auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen
zu können.
»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel
vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann
durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder
Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die
dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr
nacktes Leben zu retten trachten.«
Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende
Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in
einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen
des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn
sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein
anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er
durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen
Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß
tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu
entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden
Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem
schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf
lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre
Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte,
ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über
Staaten und Völker rollte, beschieden sein.
So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen
Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln
begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und
rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien.
Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich
fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer
vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen
vorüber.
Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig
auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin
bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des
Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte
von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen
sein.
Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete,
so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen
Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln
flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens
nicht mehr unterscheiden konnte.
Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach
der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom
ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem
sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von
einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken
schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und
schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes
Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die
eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden
Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre
Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die
vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das
gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und
irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten,
wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen
irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr
schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert
unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von
ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese
ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte
sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre
widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu
beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende
Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von
sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all
dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der
schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die
Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über
der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des
unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und
kraftbewußt wie sonst.
»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das
geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese
schlimmen Tiere von dannen ziehen?«
»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß
sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können.
»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder
aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen
hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«
Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.
»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr
eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren
Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch
nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt
von solchen Dingen?«
Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die
schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu
ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch
die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier
ihren Einzug hielten.
»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die
noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die
unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten
niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung
ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne
abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der
Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne«
fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu
spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.«
»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne
ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende
Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große,
empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und
glückfordernde Seelen geraten können.
Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das
fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen,
dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton
auf ihrer Meinung.
»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr
aber leider für einen Einzelnen.«
»Wie?«
Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im
Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen
völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit
dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not
und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas
anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich
ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel
der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung
geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid
emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen
nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade
jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben,
während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes
Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer!
»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham
einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer
wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und
erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.«
»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal
mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde
in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden,
nicht die Augen aufzuschlagen wagen.«
»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau
so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier
fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.«
Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu
zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe
und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit
bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden
Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie
hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern.
»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir
die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch
ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die
Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag
sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.«
»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der
Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben,
die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte
sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem
scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen?
Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn
sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann -- ja dann werde ich Schauspielerin.
Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«
Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und
langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie
imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all
die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden
Massen zu überhören.
Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da
sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und
stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest
umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores.
Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen,
verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten,
durcheinander quirlenden Zug hinein.
Da -- und da -- und dort! -- Überall einzelne Reitertrupps,
unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander
gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter
Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild
in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden
und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen
zerriß.
Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des
suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber
floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen
Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst
zusammenfügbar, -- da geschah das, was den hellen Stern, der so lange
über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu
begraben.
»Hilfe!« schrie Marianne gellend.
Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine
Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur
Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend
zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem
irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die
vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein.
Ein Stoß -- und noch einer -- ein lauter Schmerzensschrei, -- dann ein
Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, -- haarige Fäuste, die sich
roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, -- zuletzt ein Schieben und
Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden
Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch
wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem
Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender
Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete,
tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte.
Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und Namenloser, es hatte sich
erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten die goldene Fürstenkrone vom Haupt.
* * * * *
Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung darüber erteilen,
wann und wohin Marianne verschwunden oder entwichen war?
Keiner wußte es.
Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, spielerisch in
den Hof hineingelangt, und es war nichts geschehen, als daß sich die
eisengepanzerten Finger wie in grimmigem Scherz um ein junges, blühendes
Geschöpf geschlossen hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war
zerquetscht.
Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen Mägden in
der Wirtschaft herum, laut hallend rief man den Namen Mariannes in das
herbstliche Gehölz hinein, -- nirgends eine Spur von der Verlorenen.
»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der Glaube nicht
wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um eine erklügelte Bosheit, die
sie ersonnen hatte, um sich für die harte Zurechtweisung zu entschädigen.
Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige Schlange
langsamer, träger dahin. Sie schien ermüdet zu sein, und das Quirlen
und Fauchen, das Heulen und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde
seltener.
Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna von ihrem vergeblichen
Abstieg in die unteren Räume des Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte.
Schon von dem Flur aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein
Trupp russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl des
Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf rauchte den Tieren das
struppige Fell. Einzelne von den todmüden Kleppern waren vorn in die Knie
gebrochen, andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, wo
sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, die von den Tauben
übriggelassen waren. Ihre Reiter jedoch drängten sich in wilder Hast
aus den offenen Stalltüren. Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und
auseinander gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter ähnlich sah. Es
blieb klar, hier galt es keiner bequemen Einlagerung mehr, hier wurde nur
noch in besinnungsloser Gier geplündert und fortgerissen, was man zur
Erhaltung einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.
Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in hartem Schwung die
Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, in dem sie vor kurzem noch mit ihrer
jüngeren Schwester gehadert und gestritten.