Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde, als der
Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt anlangte.
Ein heftiger Wind sauste über den zahnlückigen Marktplatz und flackerte
ängstlich um die Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem
vermorschten Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch schlief die
dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem preußischen Gemeinwesen, das
sie vor kurzem verlassen, merkten die Fortgeschleppten voller Befremden,
wie hier die Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude und
Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich schon nicht mehr
um den nahen Völkerstreit zu kümmern hätte. Durch die erleuchteten
Fensterscheiben der elenden kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die
Vorüberfahrenden, wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine
dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen zechten
hier, die Mützen schief auf den Köpfen, neben eleganten Frauen, man
hörte Wiener Walzer aufklingen und dazwischen das Tremolieren vortragender
Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten die Darbietungen
der kurzgeschürzten Damen.
Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel, und sie
versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer, der ab und zu über die
Straße huschte, in den Zügen des neben ihr sitzenden, gänzlich in sich
versunkenen Konsuls Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben
auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel sie erkennen
konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit auf dem Antlitz des
Kaufmannes nicht veränderte, da spähte sie wieder neugierig umher, denn
in ihrem jungen, unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt
noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen. Und der Konsul
ließ sie gewähren, denn er ahnte, wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer
Lage begreifen würde.
Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren an den dunklen
Massen der russischen Militärkirche vorbei, und in dem trüben Flackern
von ein paar Gaslichtern sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der
byzantinischen Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf.
»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das Kommando über die
Begleitmannschaft führte, und erhob sich.
Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man das Geräusch einer
sich nahenden Volksmenge. Feierlich, dumpf, inbrünstig und wehklagend
erschallte nach dem Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch
die Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter, und
ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung ihres jungen Adligen
begriffen hatten, daß jenes packende geheimnisvolle Lied die russische
Nationalhymne wäre, da schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein.
Voran ein Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten
Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden Flamme überflutet, das
Bild des gekrönten Zaren, und in seiner Gefolgschaft die unübersehbare,
singende Menge. Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände
gefaltet, und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt, Sieg, Sieg
für die russischen Waffen zu erflehen.
So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige Beterschar, und
ihr Weg führte sie an den erleuchteten Fenstern vorüber, hinter denen die
Champagnerkelche klirrten und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten
das Locken der Geigen überschrillte.
Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften Widerstreit, in
dem die russische Seele sich selbst anfiel und zerfleischte.
Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt gezogen, jetzt
schickte er noch einen trüben Blick hinter dem entschwindenden Fackellicht
her, um dann erwachend seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die
entgegengesetzte Seite des Platzes hinüberzulenken.
Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren Gebäudes auf.
Es war das =Hôtel de Moscou=, der vornehmste Gasthof der Stadt.
»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier bestellt,« erklärte
der junge Offizier, als erster von dem Leiterwagen herunterspringend. »Es
steht den Herren selbstverständlich frei, hier zu soupieren. Allerdings
muß ich verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das Hotel
verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe zögernd hinzu, als
nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder Konsul Bark sowie
das schlanke Mädchen vor ihm standen, und es war, als ob er sich der
ungewissen Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um offen zu
sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag, Sie beide heute
noch der Polizeimeisterei einzuliefern.«
»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster, und Isa
erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe nagte, wie wenn er sich
kein weiteres Wort entschlüpfen lassen wollte.
»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?« forschte sie
erblassend.
Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, dann aber
schüttelte sich der schmächtige Offizier, und während er die deutschen
Bürger, die sich schon unter dem Hauseingang drängten, durch eine
Handbewegung zum Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch
seinen Entschluß gefaßt zu haben:
»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich willenskräftig
von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie und die Dame« -- hier verbeugte er
sich leicht -- »die heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen.
Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer machen,« lächelte
er, »noch verübeln! Morgen freilich --« er zuckte die Achseln -- --
»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, wenigstens noch
für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung entgangen zu sein, von
deren Schrecken er sowohl durch Lektüre, als durch allerlei mündliche
Schilderungen genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit
den anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter und
unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er sich und das hübsche,
ahnungslose Mädel allen weiteren Anfechtungen durch ein unbeobachtetes
Entweichen entziehen könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen,
ganz gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht
verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete er nicht nur der
eigenen Freude am Dasein, sondern auch hundertfach seiner lieben, frischen
Begleiterin, deren unaufdringliche Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr
entbehrlichen Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf er auf den
Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen Vorraum und umgeben von
den sorgenbeschwerten älteren Herren doppelt anziehend unter seinem
anspruchslosen Lackhut und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.
Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. Gottlob, die Brieftasche
mit ihren knisternden Geldscheinen befand sich noch am rechten Ort. Und
Rudolf Bark wußte, welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter
im Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.
Sie traten in die Gaststube.
In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum befanden sich ein paar
lange, weißgedeckte Tafeln, und an ihnen hatten sich eine Anzahl höherer
Offiziere, sowie die Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine
Reihe von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich einzelne
besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf die Gesundheit des
Großfürsten an, man lachte und strahlte, denn aus all jenen Neuigkeiten
verkündete sich immer wieder die eine felsenfeste Gewißheit -- die Feinde
Mütterchen Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am Boden, sie
zappelten und verröchelten unter dem Schwert ihrer Bedränger, man schlug
sie einfach »mit Mützen tot«. Dieses Scherzwort hatte besonders ein
untersetzter, stiernackiger Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der
größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte,
fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig gefärbte Liköre zu
dem von Hitzblattern entstellten Antlitz hob. Seine verkniffenen Augen
schwammen förmlich in Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der
ihn feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton herunterrief:
»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den Mützen. Beachten Sie
bitte den tieferen Sinn in diesem Wort. Ich bin stolz darauf, in einem
Rapport an Se. Kaiserliche Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet
zu haben.«
Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat eine feierliche Pause
ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser starr vor sich hin, und die Damen
warfen Kußhände. Geschmeichelt verneigte sich die dicke Exzellenz nach
allen Seiten. Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der Glanz
der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner besonders eleganten
Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen Augen wiesen deutlich auf die
eintretende Schar der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem
kleinen runden Tisch unter der Fensternische niederließ.
»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den jungen Balten darauf
gnädig zu sich heran, nachdem seine unförmliche Rechte nachlässig für
den strammen Gruß des Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest
von Rücksicht und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende
Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als sie sich jetzt, für alle
vernehmbar, nach dem Transport des Offiziers erkundigte.
»Ah so -- Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? Hm,
unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? Finden Sie nicht gleichfalls,
Gnädige? Die Deutschen sind sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten.
Wir dagegen sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden
Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, schien die Exzellenz
nunmehr Bericht über die auffallende Anwesenheit der jungen Nemza
einzufordern.
Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe zusammen, Ausrufe
des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens, ja der Drohung flogen hin
und her, als der Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr.
»Wie? Ist es möglich? -- Sassin? -- Ein Attentat auf Leo
Konstantinowitsch? -- Gibt es noch ein gutmütigeres Kind auf der Erde? --
Ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein
Geld in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? -- Hier wird man hoffentlich
die ganze Strenge walten lassen!«
»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte sich die
wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht erst in Mariampol
tagt. Nicht wahr, meine Herren, in Mariampol? Wir haben es seiner großen
Überlastung wegen und -- ganz gewiß -- auch, um seine Unparteilichkeit
sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte er pompös hinzu
und lehnte sich hintenüber, »vielleicht kann hier auch ein kürzerer
Modus Platz greifen.«
»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,« raunte es bei
den Offizieren, aber es trat sofort eine aufmerksame Stille ein, als sich
jetzt eine frische, besonders wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben
dem General in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee nicht
erläutern, Exzellenz?«
»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der Dicke und bekam
einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem er mit seiner fleischigen Hand ein
Paar Zahnstocher geknickt hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende
Nachbarin heran, um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern:
»Wer kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung ist, wir
haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen Sie? Da läßt sich ein
solches Verfahren auch sehr vereinfachen. -- Aber nun lassen wir uns von
etwas Hübscherem sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria
Geschowa? Ist es so?«
Maria Geschowa?
Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im gleichen Moment, da der
Konsul den warmen sinnlichen Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr
der anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen Becher«
seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu versuchen, ob er die
Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zu lenken vermöchte, die auch
heute wieder so fremd und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen
abstach. Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle,
samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe gegeben hatte, ihm
zu gefallen, es sei das einzige Wesen in der fremden Stadt, das weder
Vergnügen noch Genugtuung bei seinem Untergang empfinden könnte.
Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber welche
Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene, fremd und leer
betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt, wie einen Verbrecher,
bei dem man unter Schauder und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der
Strick um seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale
Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich darauf wieder
gleichgültig zusammenzufalten.
Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie streifte noch
einmal abschätzend das rote Geflimmer um Isas Haupt und wandte sich dann
mit ihren schwellenden Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich
soeben ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete. Die
Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln der vielen Ringe
bewundernd einsaugen konnte, ließ er seine fette Stimme braten und
prasseln, als ob hier irgendwo eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre.
»Herr Unterleutnant -- wie war der Name? -- Karström, oh, ich weiß recht
gut -- Sie sind noch ein junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im
Ernst, ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden -- hm,
gegen die beiden -- Verdächtigen kann mich nur befriedigen. Sie ist echt
russisch. Warum sollen wir nicht immer und immer wieder ein Beispiel geben
von dem edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich bin
zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller Offizier. Setzen Sie
sich, Karström, und beaufsichtigen Sie die Nemzows.«
Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte den Kopf in die Hand
gestützt und -- schämte sich. Und während seine Nachbarin den inzwischen
aufgetragenen Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, während
sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich den Wein einschenkte,
während sie ihre hellen Augen spähend herumschweifen ließ, ob sie für
ihren Freund nicht etwas recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte
Rudolf Bark an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und schalt
sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, herzlosen
Weibe Förderung und Hilfe erwartet hatte. Wie tief mußte sich bereits der
Völkerhaß in die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben,
wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der blinden Wut, von
heimlicher Schadenfreude an fremden Schmerzen ergriffen waren. Und diese
Maria Geschowa, diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst,
hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis für deutsche Kunst
und westliche Art geprahlt? Der Konsul verzog ein wenig geringschätzig
den Mund, und das, was er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer
Frauen dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. Dabei wurden
seine Augen wieder hart und berechnend. Nun gut, die Frau des Obersten
Geschow war ausgeschaltet, aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich
und seine Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige Nacht, so
lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu dem so ängstlich überdachten
Entweichen benutzt werden. Sobald er erst der russischen Beamtenschaft
verfallen war, dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und
unsichtbare, die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht wieder.
Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem Wirt des Hotels beim
Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung begann? Oder mit dem Portier
des Hauses? Freilich, diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der
Polizeimeisterei. Und doch -- der höher Bietende behielt hier häufig
recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die Zeit drängte, der Zeiger der
breiten Standuhr in der Ecke stand hart vor der elften Stunde der Nacht.
Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und Überlegung, daß
seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt werden konnten. So hielt er auch
jetzt plötzlich inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine
ganze Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben unter
die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge bemerkte der Konsul, wie der
späte Gast noch unter den Falten des Vorhangs mit dem betreßten
Portier ein paar rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines
Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger Herr, sehr
schlank, sehr glattgescheitelt, in einem grauen Jakettanzug, in dessen
Seitentaschen ein Paar braune Glacélederhände Eingang suchten, und das
schmale pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum Mißtrauen
geboten haben, wenn der glattrasierte Mund nicht so höflich-verlegen
gelächelt und wenn in den verdeckten Augen nicht im Gegensatz hierzu eine
solche Gewohnheit des Zählens und Feststellens gelauert hätte.
Sollte das vielleicht -- --? Der Konsul ließ das Messer sinken und
verfolgte den Fremden Schritt für Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich
der schmale Herr mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein.
Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen Stühlen an
den anderen Tischen zu gelten, bis er plötzlich mit einer überraschenden
Wendung vor der Tafel der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die
geringste Beachtung geschenkt.
Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in einem Flüsterton,
der sich kaum über einen Meter weit Gehör verschaffen konnte, jedoch
voller Rücksicht und Ergebenheit:
»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«
»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.
»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«
»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige Antlitz starrte.
»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« fuhr der
verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend mit der braunen Lederhand,
als müßte er von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie
seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt wahrhaftig nicht
der mindeste Grund zu einer Befürchtung vor. Ich versichere es bei meiner
Ehre. Es handelt sich lediglich um eine reine Formsache.«
Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das leiseste Geräusch,
all diese deutschen Männer vergaßen im Moment ihr eigenes Mißgeschick,
und ein heißes Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine
Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der knabenhafte
Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres Gleichgewicht. Unwillig
verzog er die Stirn, und auf den abgezehrten Wangen glühten zwei helle
Punkte auf.
»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?« fragte er streng. »Sie
sehen ja, daß sie sich unter militärischer Aufsicht befinden. Wer sind
Sie überhaupt?«
Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei es nun, daß die
drohende Sprache des jungen Balten so stark auf ihn wirkte, oder ob ihn
wirklich die Erkenntnis von der Mißachtung niederschlug, die allgemein
seinem Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen, bis
die grauen Arme steif herabhingen und den Deutschen für einen Augenblick
nur sein schnurgerader Scheitel sichtbar blieb.
»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name ist zu unwichtig
und unbedeutend, als daß ich es wagen dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu
beschweren. Und was meine Stellung betrifft,« -- er tauchte vorsichtig in
die Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, -- »ich hatte auch
einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin ich seit sechzehn Jahren der
Sekretär Sr. Hochgeboren des Herrn Polizeimeister-Stellvertreters
Tolmin.«
In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An der Tafel der Offiziere
hatten sich alle Häupter der Gruppe der Fremden zugekehrt, und selbst
der fette General streckte die Beine von sich und ließ die Unterlippe
herabhängen, als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte
Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse.
»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich, »zweifeln Sie noch
länger an der Zuverlässigkeit unserer Polizei?«
Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt des
Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals während der
ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig ausgesehen, wie jetzt, und
doch klang seine Stimme fest und sicher, als er nun voller Verachtung
hervorstieß:
»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um den Brei! Was
haben Sie an den Konsul Bark und seine Begleiterin für einen Auftrag?«
»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit den braunen
Handschuhen und bemühte sich, durch das Entblößen seiner weißen Zähne
alle Anwesenden von seiner vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es
ist absolut nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete nur seiner
Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen Fremden an
den Pristav des hiesigen Reviers, Se. Hochwohlgeboren der Pristav
telephonierte es ordnungsgemäß an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter
weiter, und Se. Hochwohlgeboren wünscht nun -- --«
»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich vergessend und
stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig auf den Estrich.
»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General bedenklich diesen
Vorgang.
Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des Offiziers zurück,
zeigte krampfhaft seine weißen Zähne und streichelte mit der braunen
Glacérechten unaufhörlich in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen
Hund zu besänftigen:
»Oh, Ew. Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten Vogel,
»Sie verkennen meine gute Absicht, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter
wünscht nur die Personalien der Herrschaften festzustellen. In der
wohlwollendsten Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen,
daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer hochmögenden
Militärbehörde sind, -- wer dürfte sich dagegen auflehnen? -- aber der
Herr Polizeimeister-Stellvertreter sind leider in der peinlichen Lage, auf
eine persönliche Kontrolle nicht verzichten zu können.«
Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen, die sich
langsam und wie von einem drückenden Traum umfangen, erhoben hatten, dann
verfing sich sein Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern
der stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten völlig diese
schwere Entscheidung ein.
»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln,
»Kompetenzstreitigkeiten -- aber Militär und Zivil müssen sich
gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines Uhrwerks, nicht wahr,
teuerste Frau? Man wird sich später nach dem Verbleib der Herrschaften
erkundigen.«
Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar über den dunklen
Kirchplatz. Voran ein Gendarm der Geheimpolizei, dicht hinter ihm der
Konsul, umschlottert von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim
Abschied einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum Schluß
der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen, der trotz aller
Weigerungen darauf bestanden hatte, der jungen Dame den Arm zu reichen.
»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor dem
heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe und Angst jedes
Wort hinter den zitternden Lippen erstarb, »ich bin sehr unglücklich
darüber, weil Euer Hochwohlgeboren so beben -- ich fühle es ganz
deutlich -- jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon
überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier miserabel, für
zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich versichere Sie, im vorigen Sommer
sollten hier schon Holzplatten gelegt werden, aber was werden Sie denken,
es wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich nicht
regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet sich bereits die
Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster erleuchtet, wir arbeiten hier
die ganze Nacht durch.«
Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude hemmte der
Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige Stufen in die Höhe und riß
an einem Klingelzug. Ein rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar
von einer nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete sich
nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln.
»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der Gendarm ingrimmig,
dann schlug er mit der Faust mächtig gegen das Holz, bis im Innern des
Gebäudes ein langgezogener Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu
rasseln anfing.
»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine heisere Stimme,
»vierzehn Stunden Dienst und nichts zu essen. Man wird doch wohl den
passenden Schlüssel suchen dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und
Ungeduld gehört nicht in die Backstube.«
Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür, und ein von
einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter Ziegelgang lag vor den
zögernd eintretenden Deutschen.
»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte der Herr im grauen
Rock in die Ecke hinein, denn hinter dem zurückgeschlagenen Torflügel war
im Moment kein menschliches Wesen zu entdecken.
»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare mürrische Person.
»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?«
»Zimmer Nr. 2. Se. Hochwohlgeboren ließ sich soeben Essen holen. Ein
Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte noch. Einen Teller voll sauren Salats
und eine Flasche roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man
auch zusammen in einen Sarg legen.«
»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete der höfliche Herr
und entblößte wohlwollend seine Zähne. Und eine seiner aalgeschmeidigen
Verbeugungen ausführend, wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich
im Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen. Die
Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen, die mit den
nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den Hof geführt. Und warum? Nun,
nichts zerreißt, wie Sie wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des
Sandes auf den Stufen.«
Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, wie der Konsul
sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich gegeben wurde, um durch das
bedeutungslose Geschwätz die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen,
wurden die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles
Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch saßen und die
Häupter aufstützten. Hier verabschiedete sich ihr bisheriger Führer von
seinen Schutzbefohlenen, indem er so glücklich lächelte, als habe er zwei
Verirrte endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.
»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden sich auf der
Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu bedeuten hat. Der Herr Pristav,
der die Messungsarbeiten versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«
»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, wie wenn sein
Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt hätte, -- »Sie werden doch
unmöglich -- --« Ein verzweifelter Blick glitt zu seiner Gefährtin
hinüber.
»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen Rock und streichelte
in der Luft herum; »wer kann an solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es
ist eine eingeführte Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt
Ihre Angelegenheit ungemein. -- Warten Sie, ich melde Sie sofort an und
hole Sie gleich wieder ab.«
Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige Seitentür, steckte
auf eine Sekunde den Kopf herein und schob nach ein Paar mit äußerster
Untertänigkeit hingehauchten Worten die beiden Deutschen in das
anstoßende Gemach.
Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen Teppich belegt, und
ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein deckenhoher Spiegel legten
Zeugnis davon ab, daß der Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die
Bequemlichkeiten des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer acht
lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich stumm Verneigenden
auch sofort eindringlich belehrt, als sich auf ihren Gruß hinter dem
gelben Fichtentisch ein junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz
offenbar noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine
Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem sehr kurzen Smoking
prangte ein blitzendes Oberhemd, ein überhoher Stehkragen hatte ihm
bereits einen roten Rand unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick
putzte er gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln herum,
obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.
»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der Eintretenden
flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde alles vorbereiten lassen.«
Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett vorüber, und es
milderte das schreckhafte Unbehagen der Verschleppten durchaus nicht, als
sie jetzt gleichfalls einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter
einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit bösen, schielenden
Augen glotzte er die Fremden an. Vor ihm auf einem Tisch lagen mehrere
riesenhafte Messingzirkel, eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des
Ganzen zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen Gipses,
in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine Holzkelle kreisen ließ.
Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für den Empfang der
Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg das Blut in den Kopf, als er sich ihre
Anwendung vorstellte. Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren gegen
Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern auf eine Stufe zu
stellen? Man würde es wagen, jene scheußlichen Apparate, die an die
Folterinstrumente des Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt
zu legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, ohnmächtige Wut
rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum zweitenmal für dieses
zerbrechliche Geschöpfchen in einen Akt verzweifelter Selbsthilfe
verfallen würde. Unwillkürlich schlang er seinen Arm unter denjenigen des
Mädchens, und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er merkte,
wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber auch der schwarzhaarige
Pristav, der von seiner Abendgesellschaft so ärgerlich ferngehalten wurde,
hatte dieses gegenseitige Suchen wahrgenommen.
Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, lächelte verschmitzt zu
der jungen Dame herüber, um gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht
seine Entgleisung zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen Fehler durch
eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. In seinem affektierten
Wiegeschritt begab er sich deshalb vor den Spiegel und begann umständlich
an dem schwarzen Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße
seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, von neuem an,
seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich um die Fremden im geringsten zu
kümmern. Plötzlich jedoch riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette
aus der Tasche.
»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er nervös hervor.
»Weshalb erscheinen Sie so spät?«
»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der Konsul aus
seiner Erstarrung erwachend.
»Wie? -- was? -- Sie richten eine Frage?« Der Pristav unterbrach sein
Poliergeschäft, warf einen verwirrten Blick in den Spiegel, als müsse
er sich erst von dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und
trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. Er war über
die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör unterworfen werden
könnte, derartig außer Fassung gebracht, daß sich auf seinem Antlitz
Freundlichkeit und Wut wie Sonnenschein und Regen jagten.
»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf sich in den
Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie wissen nicht, wo Sie sich
eigentlich befinden.«
»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte jedoch erfahren, was
ich hier zu suchen habe?«
»=Stoy=« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre
Papiere.«
»Ich besitze keine Papiere.«
»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit
dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig
sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr
in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr
abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« -- Verärgert fegte er
einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall
aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich
befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er
gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde,
triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen
weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu
lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«
Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem
einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der
rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand
ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der
Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer
mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken
an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht
nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines
seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.
Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er
sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte
dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza
verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht
eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder
auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang
auszukosten.
»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an
seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein
anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen
eine Leibesuntersuchung zu sträuben? -- He, Gendarm, ich meine, hier ist
ein Widerspenstiger.«
Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner
gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick
schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark
fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und,
in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde
auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende
Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den
Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch
der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht
gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes
Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder,
erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden --
ungefähr -- und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer
so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.
Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie
vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit
dem roten Leder von neuem zu spielen.
»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der
wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige
Schreibereien bei der späten Stunde? -- Vier bis fünftausend Mark. -- Nun
gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen.
Übrigens -- ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in
der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als
ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren
Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den
schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf
das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut
unverdächtig sind?«
In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten.
Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig die Stirn
und während er schon die Hand nach dem Hörer ausstreckte, riß er mit
der Linken noch einmal seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein
Verzweifelter.
»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er bissig, »du
herzlose Schlafmütze -- ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, keineswegs --
macht durchaus nichts, Ihre Befehle gehen allem anderen vorauf. -- Jawohl,
die Deutschen befinden sich bei mir -- gewiß -- sofort -- ich gehorche.«
Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die beiden
Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit herabgesenkt
hatte, abermals einen der langen Korridore, bis ihr Führer, der Pristav,
der sich inzwischen mit einem Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden
Hut ehrfürchtig vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2
lüftete. Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge krümmte
der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion und Anbetung zusammen,
behielt aber doch noch Zeit, den Eintretenden ironisch zuzuflüstern:
»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. Der Herr
Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich nicht, auf Einwendungen zu
stoßen.«
»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, hellerleuchteten
Raum eine schmatzende Stimme, und während an dem großen, mit grünen Tuch
ausgeschlagenen Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen,
die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die Kugelgestalt des
Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst in einer Ecke auf einem
Ledersofa, und seine fleischigen Hände fuhren unermüdlich zwischen den
Bestandteilen seines Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von dem
Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles aber geschah
ganz mechanisch, als ob die dicken Finger des Schmausenden ein eigenes
Sehvermögen besäßen, denn Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein
Zeitungsblatt aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden
Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen Bissen
herunterwürgte.
»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er wohlbehaglich und
schlug, um sich Luft zu schaffen, die offene grüne Uniform noch etwas
weiter zurück, »da bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon
alles. Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib hat ihm
Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«
Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte Untat durch ein
paar mächtige Züge Rotwein und goß sich einige Tropfen auf die ehemals
weiße Weste. Dann ließ er vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine
in den Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas prallen.
»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er weiter, »erweisen
sich, der heiligen Mutter sei Dank, als vergeblich. Höre, Nicolai
Feodorowitsch, was ich da lese. Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich
begeistern. Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben
die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern in Köln eingezogen.
200000 Gefangene. Der deutsche Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber
Freund? Köstlich -- köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit
Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac -- so heißt
der Jude -- den Essigzusatz für mich verboten. -- Aber, wie gesagt, 200000
Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher Genuß.«
Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen das Zeitungsblatt
wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, unförmiges Haupt, und indem er
sich vollkommen in seine erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich
wiederholt schallend auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede
Erinnerung an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.
Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst die Zeit immer
unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem Fuß auf eine freie Stelle des
Estrichs zu scharren. Gestört schüttelte sich der Polizeimeister:
»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«
»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, »Euer
Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, das Protokoll über diese beiden
Deutschen --«
»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig dazwischen und
wanderte nun, die fleischigen Hände auf den Rücken gelegt, mehrere Male
keuchend über den Teppich. »Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern.
Aber solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr er
schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des Tisches gelangt
war, den Resten des Huhnes einen kosenden Blick zuwarf, »solltest du nicht
auch meinen, daß sich diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben
ließe?«
»Gott -- ich glaubte eigentlich --«
»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. Du siehst selbst,
welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere von Schreibern wach zu
erhalten. Wie? Sagtest du etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die
beiden Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen,
das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen lassen, Nicolai
Feodorowitsch.«
Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und kehrte hinter seinem
Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten Huhn zurück. Bald hörte man
von dem Gewaltigen nur noch ein Klirren und Schnaufen.
Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.
»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die Deutschen untergebracht
werden?« wagte er endlich den Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand
hervorzulocken. »Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen in
ihr Hotel zurückkehrten?«
»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin und ballte gereizt
das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, ich denke bereits über etwas
anderes nach. Was zum Henker sprachst du von einem Hotel?«
Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und schwenkte
untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, seine Ideen noch einmal
zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, der schon wieder
Messer und Gabel in den Händen hielt und nun endlich wünschen
mochte, seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt seinem
Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.
»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft
soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist
zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche
Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen.
Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib --,« er klirrte
etwas lauter mit dem Geschirr -- »wir wollen nicht vergessen, was wir
ihrem Geschlechte schulden, -- das Weib kann den Morgen in einem der Büros
erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es
selbst eilig haben.«
* * * * *
Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes
anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte
er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn
nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig -- Schlaf und Ruhe.
Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam
wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den
Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe
betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung
aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller
oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte.
»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm
in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus,
daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu
brennen, verstehst du?«
Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit
kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich
hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte
Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von
sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit
Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus
den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter,
verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht
nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen,
eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den
fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen
Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen
dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und
der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener
Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte
Störung zu vergewissern.
Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark
die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam
verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang,
dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung,
um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes
Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte.
Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem
Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich
entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene.
Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten,
und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure
Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese
Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst
so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde
Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn
sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges
krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der
Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er
hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen
Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte
auszeichneten, konnte es sich -- namentlich in wild bewegten Kriegszeiten
-- ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner
erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem
gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an
das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem
stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene
nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?
Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur
des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den
Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa
gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge,
unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun
der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft
schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein
furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne
und schüttelte seine Schlangenhaare.
Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte
sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen.
Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild
verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:
»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du
die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche
Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser.
Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen
Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns
allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen
Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.«
* * * * *
Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen Dünste
betäubte Schläfer aus der Lähmung seiner Sinne aufgerüttelt wurde.
Zuerst glaubte der emportaumelnde Rudolf Bark, ein holdes Traumbild
entschwirre langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken der
Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber nein, nein, was
bedeutete das? War ein solcher Umschwung wirklich zu fassen? Die Tür stand
offen, und ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten
Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten in dieser für ihn jetzt
überirdischen Beleuchtung stand der pockennarbige Sekretär in seinem
grauen Jakettanzug, ein grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen
Haaren, und neben ihm, -- es war wohl doch eine Täuschung, nur die
Ausgeburt brennender Wünsche -- neben ihm hielt sich Isa Grothe mit
ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden Wand fest, um vorgebeugt
mitten in der schwimmenden Finsternis ihren Freund, den sie suchte,
erkennen zu können.
»Isa!«
»Herr Konsul.«
»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«
»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie fürchterlich ist
es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren in das Hotel zurück.«
Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den Gang über die
Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe aufstreifte, er
erlaubte sich mit seinem verbindlichsten Lächeln den vornehm gekleideten
Gefangenen aus der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der
Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von einem mitgebrachten
Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen wurde.
»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche Schreiber, der
sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher des Kaufmanns
diensteifrig über den Arm gebettet hatte, »kommen Sie schnell, es wird
Sie drängen, ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und im
heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während die drei
bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher hinzu: »Sagte ich Ihnen
nicht gleich, daß alles nur eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich
darin etwa getäuscht?«
»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen dankbar die Hand,
was von diesem mit einem unglaublichen Zusammenknicken erwidert wurde.
»Aber erklären Sie nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief
aufatmend die frische Luft der Straße einsog, die sie schon erreicht
hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters so schnell
verändern?«
»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig die Achsel, und
seine Hand rückte leichthin an dem flotten grünen Hütchen. »Es sprechen
bei uns viele Meinungen mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine
bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand nicht ohne
Einfluß, daß heute in der Frühe der Geheimkanzlist Sr. Exzellenz
des Gouverneurs Bobscheff einen eigenhändigen Brief an den Herrn
Polizeimeister-Stellvertreter überbrachte.«
»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und ihr fiel die
ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze trotz aller ethischen
Erziehungsversuche der dicken Gattin in einer gewissen Beziehung leichte
und flatterhafte geblieben waren.
Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem wiedergefundenen
Freund schreiten zu dürfen, durchströmte sie so übermächtig, daß
der Rotkopf hier in der feindlichen Stadt und dicht neben ihrem Aufseher
ausgelassen in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich
die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem er alles andere
eher vermutet, keineswegs zu deuten, und so gelangte der kleine Zug in der
Erwartung irgendeiner Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr
Führer die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten Stockwerks
geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem Gewehr vor der Tür
des Gemaches auf und ab, und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt
an wieder in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der
Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und dem festen
Versprechen, sich so oft wie möglich nach den Wünschen der beiden Fremden
zu erkundigen, da zog ihn Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den
nüchternen Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche
Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das Wesen des Herrn im
grauen Rock. Der Mund mit den weißen Zähnen lächelte zwar noch immer
verlegen, aber in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als er
vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:
»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, Se. Hochwohlgeboren
der Pristav, genießt das höchste Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn
beleidigen, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht,
wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. Sie können unbesorgt
sein, ganz unbesorgt.«
Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, und der Soldat
öffnete für die beiden Eintretenden das Zimmer. Noch hatten sie jedoch
die Schwelle nicht übertreten, als sie in grenzenloser Überraschung
ihren Schritt hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch
vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt eine sehr elegante, tief
verschleierte Dame, die sich leichtfüßig auf den Tisch zu bewegte, wo sie
erwartend und ein wenig unschlüssig stehen blieb.
Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, der von ihr
ausströmte, und das energische Blitzen der dunklen Augen, ein Feuer, das
auch von der verhüllenden Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das
bestärkte den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser Stadt gab
es nur eine einzige so formsichere und von einer geheimnisvollen Anziehung
umflossene Frau. Langsam lüftete sie den Schleier, ein roter, lächelnder
Mund kam zum Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle
Zigeunerwangen.
»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden Fassungslosen,
obwohl sie einzig und allein den schlanken, biegsamen Mann ins Auge faßte.
»Ich hoffe, Sie werden verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu,
indem sie ohne Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum Kuß
entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, warum ich Sie hier in
der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen muß, obwohl ich doch gestern abend
bereits Gelegenheit gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«
In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, der den gefährlichsten
Reiz der Tatarin ausmachte. Aber zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf
Bark ganz unberührt davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an nichts
anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen doch einer
gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung benutzen könnte. Er verbeugte
sich tief.
»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des Wiedersehens
gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier zu ziehen.«
»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, »Sie sind zu
klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu durchschauen. Oder glauben Sie
etwa, daß man um Ihrer grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem
Turm so liebevoll verkürzte?«
Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch nicht lange hinter
ihm versunken waren, da verging dem Konsul die Neigung zu einem leichten
Geplänkel. Auch verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm,
ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich die Gattin
des Obersten Geschow begeben, so klar und unverrückt zu durchdringen, daß
Rudolf Bark einen raschen Ausruf nicht unterdrücken konnte.
»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen die Intervention
bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.«
»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe, gnädige Frau, Sie
allein haben sich ganz gewiß für uns verwendet.«
Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges Achselzucken zeigte
an, daß sie die dankbare Stimme des jungen Mädchens vernommen. Dann
aber trat die eigenartig interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen
Herbstkostüm ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob sie sich
völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit dem Zeigefinger
einen leichten Schlag gegen die Brust.
»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch, und dabei begannen
in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel ein wenig nervös zu beben,
»es wäre alles so, wie Sie denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten
Scharfsichtigkeit vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits
auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber, wie Sie
wollen.«
»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach Ihren Befehlen.«
Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile vorüberstreifend von
der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige Handbewegung.
»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders, wie sonst die
Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch ausmalen, wie meine Audienz
beim Gouverneur zu der unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich
habe mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und meine, ich
dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde bereitet haben. Das ist
natürlich alles lächerlich. Aber Sie sollen ja ein großer Frauenkenner
sein und bilden sich nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine
gefallsüchtige Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir
Russinnen besitzen ja keinen Charakter.«
Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab, sondern streifte
mit dem Finger wieder sehr eindringlich seine Brust.
»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft Ihre Ansicht
zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur der Wunsch, der Opposition, dem
Mißfallen an dem meisten, was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu
geben. Sie müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen dieses
widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die Nerven verwirrt.
Menschen, die lieber auf den Galgen klettern, als daß sie sich noch tiefer
in eine blutige Nacht hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu,
vielleicht auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab,
und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug, »wissen Sie
übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow gleich zu Anfang der
Feindseligkeiten kriegsgerichtlich und ohne viel Federlesens erschossen
wurde? Hochverräterische Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele haßte den
Krieg glühend und hielt ihn für die höllische Lüge, die immer wieder
die Völker betrügt. Er war ein Jude,« setzte die Tatarin in ihrer
sprunghaften Stimmung hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein
schöner Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an sich.
Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort unten im Grabe in
brüderlicher Liebe schlagen.«
Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit träumerisch gesenktem
Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück, wo sie sich leise zu wiegen begann.
Die Sonnenstrahlen, die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten,
der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn sowie über die halb
geschlossenen Augen, um gleich darauf wieder dem nachspülenden Schatten zu
weichen. Die beiden Deutschen aber warteten in beklommener Spannung ab, was
die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden haben würde. Denn bei der
klaren und tatkräftigen Art der Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie
nur gekommen sein sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu
ergötzen. Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre
Glieder, und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene Armbanduhr
gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares Lachen aus. Rudolf
Bark meinte, er hätte noch nie eine so nach innen klingende Heiterkeit
vernommen. Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier
winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen.
»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul auf einen Stuhl an
ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, die man mir für meinen Besuch bei
Ihnen gestattete, sind bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden
Sie denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, ich
tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter dieser jungen Dame geworden,
Rudolf Bark? Wie alt ist sie?«
Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen ihren Befehl
befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin gefiel ihm nicht, und er
dachte an seine gereiften Jahre. Statt seiner jedoch übernahm Isa, die
unauffällig am Tisch stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien
darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse der fremden
Dame für den Konsul begriff oder gar einer Beurteilung zu unterziehen
wagte. Nur Ehrerbietung und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie
liebenswürdig erwiderte:
»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«
»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, mein Kind.
Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne jede Befangenheit die Hand
des Mannes streichelnd, sprach sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie
denken doch jetzt über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres
Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, entgehen
können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie nicht, es kleidet Sie nicht, würde
Ihnen auch nichts nützen.«
Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in die Gedanken eines
anderen, das zu den eigentümlichsten Gaben von Maria Geschowa gehörte.
Und obwohl der Konsul erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch
seinerseits eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es
doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig zu täuschen.
»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit vorsichtig tastend,
»sollte die Gattin des Obersten Geschow derartige Pläne -- immer
vorausgesetzt, daß sie wirklich existieren --«
Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand nach ihm: »Sie
existieren,« lächelte sie eindringlich und verstohlen.
»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz gefahrlos und
ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin solcher Geheimnisse werden
können?«
»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung inne,
und ein paar große Augen, die sich langsam mit Zorn füllten, hefteten
sich eine Sekunde gereizt auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann.
Gleich darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und strich
sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten Rechten über die Stirn.
»Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« sprach sie sich mühsam wiederfindend.
»Wie wunderbar klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist
staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. So etwas ist ja
immer gegenseitig. Aber natürlich, mein kluger Freund, Sie sind völlig im
Recht.«
Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und blickte
lange über den struppigen Hintergarten des Hotels zu dem schmalen,
kohlenüberschütteten Fluß herüber, der seine schwarzen Gewässer im
Sonnenschein träge vorüberschleppte. Nach einer Weile trommelte die
elegante Dame leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und
interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, über ihre
Schulter hinweg:
»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich. Der Weg aus dem
Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl überzeugten, durch militärische
Bewachung gesperrt, und zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen,
das dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.«
»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch auf, indem er sich an
die Seite der jungen Frau stellte.
Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm herunter, als ob
ihr die zufällige Berührung nicht angenehm wäre.
»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte könnten
vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich rate Ihnen davon ab,
Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer des Kohlenkahns, dessen schmutziges
Schiff dort an dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite
nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres Wort vermeiden.
Und Sie werden wohl selbst nicht glauben, bester Freund, daß Ihr kühles
und berechnetes Wesen Ihnen hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme
erwerben könnte.«
Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte, kehrte sie sich zu
ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Mit ihrer unnachahmlichen
Grazie hob das junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast noch
Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes zu verschränken. Trotz
der vertraulichen Nähe, die jetzt zwischen beiden hergestellt war, und
obwohl der glühend rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark
zu atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie eine peinliche
Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich vielmehr ein Abschied, eine
von Wehmut durchzitterte Trennung vorzubereiten.
»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als ob sie es
verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen zu machen, »ich reise
noch heute nach Mariampol zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn
ich Sie dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig
an einem vorübergehen und von denen man den Schall ihrer Tritte dauernd im
Ohr behält. Ich werde noch oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen
Haß, der zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich, daß wir
uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie ich dies von Ihnen vermute,
später einmal die Bilanz über das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann
bitte ich, sich meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie ich,
leben hier Millionen, die, wie die Motten um das Licht, um das Europäertum
schwärmen. Ich glaube, Sie mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und
nun leben Sie wohl.«
Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier vor das dunkle
Antlitz und nickte Isa, die sich während dieser ganzen Zeit einer
fröstelnden Erstarrung nicht entreißen konnte, flüchtig zu. Dicht
vor der Tür entglitt der schnell schreitenden Gestalt ein blaues
Handtäschchen. Aber ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er
auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief, Maria Geschowa
achtete seiner Bemühungen nicht, und das blaue Lederetui, das sie wohl
absichtlich zurückgelassen, blieb in dem Besitz des sofort und dankbar
begreifenden Mannes.