Der Russe stöhnte. »Ich nicht -- andere -- ich nicht.«

»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?«

Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was Leo Konstantinowitsch

veranlaßte, inne zu halten. Lauernd schob er seinen Kopf hinter der

Lampenglocke hervor, und seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über

die hohe Gestalt hinweg.

»Was weiß ich von den =ordres=, die Fürst empfängt?« knurrte er übel

gelaunt. »Hat nicht die Gnade, sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir

nur durch unseren Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen

Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung, zu der sich Seine

Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß etwas ganz Besonderes in Luft

liegen.«

»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin gleichgültig. »Wohl

zu ruhen.«

Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus.

* * * * *

Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna in ihrem

unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte es über die Landstraße,

als ob schwere eisenklirrende Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben

würden, bald drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das

entsteht, wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee treten.

Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis das Fauchen von

Automobilen und das Getrappel größerer Reiterscharen sie von neuem aus

den Gründen der Vergessenheit aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf

und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch tiefe Finsternis,

und gerade jetzt, wo die Hausherrin das wilde Getriebe dort unten

deutlicher zu unterscheiden suchte, da war alles wieder in seine frühere

Lautlosigkeit zurückgesunken. Nichts verkündete sich der Liegenden, als

das hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit des

Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten.

Aber nein -- auf dem schmalen Gang des Stockwerks bewegte sich ein

Türklopfer.

Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen wurde. Furcht,

scheue Ahnung eines überwältigenden Unheils und das Nachwirken all der

kranken Grübeleien, die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil

zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht mehr zu

bannende Gewalt über sie.

Ein Sprung -- und sie hatte lautlos ihre Tür um eine Linie geöffnet.

Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen Dämmer, der

durch das kaum fußhohe Fensterchen am Ende des Ganges fiel, -- sie sah,

zusammengeduckt und atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das

Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an ihr vorüber, die

Treppe knarrte, und dann tickte wieder der Pendelschlag aus der Dachrinne.

Eins -- zwei -- drei.

Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie stand in ihrem

weißen Hemd und regte sich nicht. Weder schrie sie auf, noch führte sie

mit der geballten Faust einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das

deckende Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd vielmehr,

führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige, was sie ihr ganzes

Leben hindurch aus dem Zwang der Verhältnisse heraus geübt hatte --

sie rechnete. Das Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den

Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt, nachdem das

Haus mühsam aufgebaut war, da brach die Welt zusammen, und die Schande

kroch heimlich in ihre Nähe.

Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich gezogen werden? Wie

fing man das nur an, wenn man so allein war?

Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag tickte weiter.

* * * * *

Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus ohne Abschied

verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben von ihm. In dem Kuvert lag ein

Schutzbrief des Obersten sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des

der Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm beides, ihre Brust

schien einen Moment still zu stehen, dann senkte sie das Haupt, strich sich

die Haare aus der Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 16 / 21 题