Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten
Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf
dem Hofe.
»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin
ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie
in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie
können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung
veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde
wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das
Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen
zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten
es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.
Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann
wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes
die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten
Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den
langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen,
die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den
heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen
schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte
sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten
Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das
Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie
bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer
Bereitwilligkeit auffing.
»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken?
Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke,
daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser
Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«
»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil
es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge
als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken
des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine
derartige Raserei --«
»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach Dimitri
Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben
erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich
kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden,
die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem
Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,«
suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute
früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet
mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und
geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar
schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.«
Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und
Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß
unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen,
schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als
der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer
dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen
unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke
aufgehängt waren.
»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart
und fein Sie das getroffen haben.«
Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.
»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der
Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger
Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel
Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges
Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und
seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden
Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung an einem herrlichen Ferientag?
So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch
einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?«
Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß
ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit
verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und
sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der
Fürst an.
»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich
bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da
selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut
mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz,
dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen
verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.
»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit
auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu
unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte
Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen
Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann
über die kleine Brücke.«
Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes
umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als
sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße
ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner
Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut
der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen
Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr
Schreitenden zu größerer Eile an.
Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach
zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und
funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr
Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand
sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner
Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und
Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie
blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine
schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver
Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu
dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie
ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die
Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des
Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter
sein?
Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde
flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß -- für heute wenigstens -- all
diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam
ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar
nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden
zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur
dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so
unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich
der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen.
Und das tat sie.
Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im
Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie und da bückte sie sich, um
eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über
ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an
die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das
Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute
das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk
hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar
und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak
er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so
eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen
Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden
Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses
unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen
einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem
durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich
der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis
sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor.
Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den
matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles
Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das
feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich
die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und
zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt
von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit
zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure
Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln.
Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter
deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt
gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen
Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund
eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf
uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie
bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu
welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern
schon verurteilt waren.
Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.
So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er
eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in
künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog
und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst
eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch
nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den
Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort
tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie
zu sehr, -- trotz eigener Entfernung von der Kunst, -- durch die Ehrfurcht
vor allem Können beherrscht.
»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.
Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch
zurück.
Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung
lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich
der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken
oder irgendwie eine lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner
Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in
jeder Lage. Und doch -- trotz dieser Rücksicht -- empfand es
Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den
Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen
Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen
auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem
Halskragen befestigt trug.
»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren
Zögerns.
Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln,
und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung
zu spielen.
»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen
Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht
belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger
schnellen.
Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke
angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen
klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung
auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen
Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient
und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum.
Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann
betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren
unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und
die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag.
Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über
das, was Völker trennen und verbinden konnte, hinzugeben. Er hielt das
schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen
Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in
den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte
es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden
Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und
zu sprechen wagten.
»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,«
begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu
verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort
Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar
nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher
Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte
lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht
durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen
uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen
stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter
zurückkehrte. Und hier --?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit
einem langen verwunderten Blick um.
»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen.
Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem Lager aus.
»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt -- obwohl ich, wie Sie
vielleicht schon bemerkten, gar keinen so recht innerlichen Anteil nehme an
dieser Völkerabrechnung, weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre,
wurzellosen Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands voll ist --
es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt einmal der harte
Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt der Feind, die erklärungslose
Antipathie.«
Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts erwiderte, fuhr er ruhig
fort:
»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese bewegungslosen
Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen hätten, mein Fräulein, und
daß sie einen Arm starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du
gehörst nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen
Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten und Erquickung
spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres Waldes richtig getroffen?«
Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr Gefährte so sicher ihre
heimlichsten Wünsche zerfaserte.
»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, während ihre
blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem glasklaren und doch nicht warmen
Leuchten umspannten.
Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles Lächeln,
das den Welt- und Menschenkenner verriet.
»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht im geringsten
daran, daß Ihre Abneigung gegen uns erst entstand, nachdem Sie die
dunkelsten Seiten unseres Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten.
Unser plumpes Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut
und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. Ich weiß,
Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig als eine Herrin und
das umliegende slawische Land als ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine
Herrin,« setzte er bedeutungsvoll hinzu.
Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die Gelassenheit, mit
der der fremde Aristokrat mitten in dem großen Streit von seinem eigenen
Volke sprach. War das Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick
legen, weil er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses
Bekennertum kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt
möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter über
einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen hätte. Immer
unbegreiflicher wurde ihr der fremde Mann, und sie glaubte, daß jetzt die
letzten von den Banden rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst
verknüpfen.
»Fremd -- fremd,« mahnte es in ihr.
Und dann -- wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den
versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn,
nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre
stillen Einwände die Antwort:
»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich
Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie
mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends
in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der
dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden,
wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde
wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere
Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser
Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen.
Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere
größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir
in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß
gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten,
so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen,
daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel ist, durch die wir die
unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst
aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem.
Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse
hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit
derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden
Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre
Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden.
Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den
Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende
Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer
Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren
Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese
unglückselige Heimat und beweinen sie.«
Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier ein sehr
Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im heftigsten Streit
von einer armen, ungebildeten Familie gelöst und der doch die
Zusammengehörigkeit, unter der er litt, nicht vergessen konnte. Und als
ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf
seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch über die
Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste und
Selbstverständlichste offenbart, da ergriff sie plötzlich eine stechende
Sorge um den schlanken Mann, mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war,
sich mitzuteilen. Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer auch
würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das Schwert geschwungen, ein
Zeichen des Trostes zu gönnen.
»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine solche
Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«
Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, wie preußisch
kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt werden konnte. Über die
Lippen des Russen wehte auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald
einem trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt -- das Mädchen griff fest
nach dem Baumstumpf, auf dem es saß -- jetzt schimmerte in den Augen des
Mannes wieder jene Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer
Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit erinnerte,
dann schwand jedesmal alle Beherrschung von ihr, und fröstelnd empfand
sie, daß etwas Altes, längst Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie
wollte sich dagegen wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert
herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die Wipfel der
Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die graue Dämmerung, und ganz
hinten in dem jungen Gehölz neigten sich die dünnen, armstarken Stämme
kosend gegeneinander.
»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri fast gewaltsam zu
dem verlassenen Gespräch zurück, und dabei bettete er sich den von der
Schulter herabhängenden Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen
gerade das richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser
schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern die innere, die
leider ein durchgehender Zug unseres Charakters ist und durch Bildung oder
Gelehrsamkeit nur noch verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen
selbst die Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«
Da erblaßte Johanna.
»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. Wie hätte
ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten oder Ihren Charakter
betrifft, beschäftigen können?«
Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes achtlos durch seine
Finger gleiten.
»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer Täuschung hingab.
Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie hätten vollkommen recht. Der innere
Widerspruch verzehrt uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn
zu sehen vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden von mir.
Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, auf der Jagd ein Reh oder
einen Hasen zu töten, weil sie in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen
zu vernehmen glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. Und
dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, jetzt, da der Krieg
sie zwingt, ihre Säbel durch weiche Gehirne sausen zu lassen.«
»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen es dunkelte, und griff
nach dem Stamm der Buche.
»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen Dämmer
hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die sich am Morgen, von einer
jagenden Angst getrieben, in die Untiefen der Religion stürzen. Mittags
hängen sie mit geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen
Morallehre, damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des Lebens nicht
zu sehen brauchen, und abends werden jene Menschen von irren Krämpfen
nach Sinnenlust und Ausschweifungen geschüttelt! Können Sie diesen echt
russischen Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«
Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, warf kleine
Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, um die Rufe des Kuckucks zu
zählen. Alles Gebärden eines Menschen, der nichts getan, als daß er
über einen bekannten und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert.
Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe bedeckt.
Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze zu entfernen.
Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen Baum gehört, verworfene
Bekenntnisse, die den Redner gewiß näher angingen, als er zugeben wollte.
Der Fürst aber -- als wenn er es geahnt hätte -- riß die Überlegende
sofort wieder in seinen Wirbel zurück.
»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen Akzent: »die
Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer Kessel. Schwarz und weiß,
Heiligkeit und Verbrechen, Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum,
Keuschheit und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines Tages
werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der Kessel wird voll Blut
sein. Im ganzen ein widerliches Gericht. Widerlich,« wiederholte er und
machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock eine
häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, wenn man ernstlich
daran denkt. Denn es gibt dafür keine Erlösung. =Mon dieu=,« lachte er
plötzlich und breitete beide Arme aus, »bestes Fräulein, können
Sie vergeben, daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr
langweilte?«
Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf den Rücken
und lehnte sich dann dicht bei ihr an den Stamm der heiligen Buche. Seine
Mütze hatte er auf dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die
braunen Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen glitten
seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens herab.
»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, »ein so
starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. Man glaubt förmlich
die Gesetzmäßigkeit eines solchen Lebens zu hören.«
Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd streckte er die
Hand nach dem Mädchen aus, als ob er bittend ihre Rechte berühren wollte.
Johanna aber, obwohl sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der
fremde Offizier seinen Arm sinken.
»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd fort, ohne die
Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie Sie zu dieser Festigkeit
gelangten? Ihre innere Ruhe wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung
-- ich will Ihnen weiter keine Komplimente machen -- aber wie konnten Sie
so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? Die Bewirtschaftung Ihres
Gutes, den Schutz für Ihre Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen
uns? Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer Heimat
selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie mir einen Einblick
gestatteten.«
Aber Johanna verzog die Stirn.
»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?«
wies sie ihn ab. »Man wird eben das, wozu die Verhältnisse uns
stempeln.« Und etwas freundlicher setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie
haben dies auch an sich selbst erfahren.«
Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust und nickte
leicht.
»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war Reichtum,
Verwöhnung und Nichtstun.«
»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not, Widerspruch und Arbeit
-- viel Arbeit.«
»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer langen Pause.
»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof, auf dem neulich
Ihre Pferde angebunden standen.«
»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude, daß Ihr Herr
Vater -- --«
Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von dannen. Sie war
empört, weil der Fremde keine Ruhe gab.
»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor, »mein
Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt, nachdem er vorher
entmündigt wurde.«
»Ah, =mille pardons=,« versetzte der Russe betreten.
Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte zurück, denn ihn
leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu nahe an den Kreis ihrer
Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos raffte er seine Mütze auf,
und als er sich umwandte, hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke
ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern des Waldbodens,
als könnte sie sich von dem zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen.
»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen ist,« sagte
sie bitter, und dabei schüttelte sie sich unwillig, wie jemand, der nur
gezwungen zu einem Geständnis hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will
nach Hause.«
Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.
Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor Stunden, aufatmend
vor der lastenden Hitze, betreten. Und jetzt erkannten sie auch den
Unterschied. Das heitere, tanzende Licht war von ihren Pfaden gewichen.
Ganz allmählich, unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue
erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den Horizont
geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die grauen Gespinste gesenkt, bis
die Häupter der Bäume in ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten
spielenden Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an den
schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald erloschen auch diese
grellen Feuer, und nun lag der Wald in unheimlicher Stille. Reglos starrten
die Blätter einander -- wie verzaubert -- an. Schwarze Streifen von
Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren Haufen zu. In
scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel durch die grauen Schatten, und
der ganze Wald hauchte plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.
Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander an. Schwer
atmend fühlten sie, wie eine bängliche Beklommenheit ihre Stirnen
einpreßte. Zeit und Pulse schienen hier still zu stehen, und nur das
wiegende Summen der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.
Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme gegeneinander,
schnellten wieder empor, und durch das verdunkelte Gehölz zischte ein
Windstoß. Ein langes dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren
Baumwipfel dahin. Aber dort!? -- Über der winzigen Waldwiese zuckte es.
Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen Stämme, hastig
brachen und raschelten einige Äste, und ganz von fern erhoben sich ein
paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. Krachend schmetterte der erste
Schlag. Und ohne jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut
getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die beiden Wanderer.
»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf dessen Mütze
und Schultern die weißen Körner tanzten, und dabei griff er ohne Besinnen
nach dem Arm seiner Begleiterin.
Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, am
Waldesrand entlang.
»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach sie, »schnell,
wir müssen die Lichtungen benutzen.«
In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem Manne dahin. Graue
Regenströme hüllten sie in einen rauschenden Mantel, rote Wolken welker
Blätter stäubten ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten,
sondern stürmte mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es dem
Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges Lachen auf. Und trotz
seiner halb geblendeten Augen stutzte der Russe. Die germanischen Sagen
fielen ihm ein. Von den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment
fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.
Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur auf Sekunden in den
Wald lauschend, so oft das Knattern und Knallen sich unmittelbar über
ihren Häuptern entlud. Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu
quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen und zu fiebern
anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den Gliedern. Längst war das
Rascheln von Johannas dünnen Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher
klang das kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.
Da plötzlich -- Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte und umklammerte
einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte. Der ganze Wald tanzte und sprang
empor. Ein Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis
in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu flimmerte und
glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte er nichts zu sehen,
nur Schwärze, blaue Finsternis schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich
stöhnte er und griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin
vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen auf ihre Glieder
plätschern und vernahm in seiner Vorstellung das klatschende Geräusch
ihrer nassen Kleider.
»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus, da er jeden Laut
erst einzeln und neu zu finden suchte, »Fräulein Grothe!«
Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos, lag das Weib, nach dem
er eben gerufen, bewegungslos und starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz
stäubten die feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und doch
war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe.
Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden. Zaghaft warf er sich
in die Nässe nieder und rüttelte an dem hingestreckten Körper. Allein
die gespannte Brust regte sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch
die leicht geöffneten Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu ächzte
das Mark der Bäume, und ganz dicht über den triefenden Boden schoß
es dahin wie der Abglanz einer feurigen Schlange. Da konnte der allen
äußeren Eindrücken nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm
wühlenden Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat, umschlang
er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend mit ihr durch das
tobende Unwetter. Seine Arme zitterten unter der ungeahnten Last. Schon
manches Mädchen hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen
zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig hingen die schweren
Glieder herab und suchten ihn zu Boden zu drücken. Seine Brust keuchte,
vor den Augen begann es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte er
das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen Erschöpfung
erliegen wollte. In halbem Traum taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt
lichtete sich der Wald. Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen
Dach es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei, und jetzt
hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag er unter dem durchweichenden
Regen. Kein Auge erspähte ihn, als er durch die offene Tür hindurch die
schmale Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen -- und siehe
da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen. Eine Hand hob sich und
klammerte sich an die Schulter des Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr
Schlafgemach. Oft hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut
des Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens mit dem
herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin in Verbindung gebracht.
Jetzt stieß sein Fuß die halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf
ließ der Fürst seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten.
Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich mußte
er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl wirkte der karge Hausrat,
namentlich jetzt, wo gegen die Fensterscheiben der Regen einschlug.
Einzig das Bild da oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der
blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift zu lesen. Aber
diesen Kopf mußte er schon oft gesehen haben. Sehr oft, ein merkwürdig
bekanntes Gesicht, irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb
in aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so ungeahnte
Verwirrung einflößte? Oder war es nur die Erschöpfung, die sich jetzt
äußerte? Daher kam es wohl auch, daß man sich nicht gegen das Lager
umzukehren wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten
Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein hier und hatte es nur der
Betäubung der Deutschen zu danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart
einen Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so gar nicht
für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte. Zum Henker, sie war
doch geradezu unbegreiflich, diese Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft
Beraubten, die noch immer mit geschlossenen Augen lag!
Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte sich der Fürst und
trat an die Bettstelle. Ja, da war er hingestreckt, der marmorne Körper,
den der Unbefugte, der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur
der Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt. Groß
und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich gewiß zum erstenmal
einem Manne in verdeckten Umrissen verkündeten. Und in welch edler
Meißelung die Brust unter dem nassen Leinen schlief.
Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben!
In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie von brennenden
Fäusten wurde er angetrieben und wieder zurückgestoßen, alles Gute und
Schlichte, das ihm das schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich
gegen die Zerstörungswut, die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang und
Raserei schloß er die Augen und strich schützend und liebkosend zugleich
an den vollen leblosen Armen der ihm Preisgegebenen hinab.
* * * * *
Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges Dunkeln ging
in raschem Umschlag in einen naßkalten Abend über. Nur einzelne Tropfen
schlugen noch auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen.
Herbstnacht!
Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte wohl zu lange in
ihren durchnäßten Gewändern verbracht haben, denn, wenn sie auch
am Fenster ihres Schlafzimmers lehnte, um müde in das Unerkennbare
hinauszustarren, durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer von neuem
stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend etwas Tönernes zusammen,
und eine Weile mußte sie sich dann durchs Leere tasten.
Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, sie war noch nie
krank gewesen und wollte auch diesmal nicht nachgeben. Aber der irre Drang,
der sie umtanzte, der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den
Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.
Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, das nicht unterliegen
wollte, auf sein Lager zurück und wühlte die Stirn in die kühlen Kissen
ein.
Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte Bewußtsein
zurückfinden, man mußte nur den Willen zu Hilfe rufen, den eisernen
Willen, der bis dahin Maritzken jedes Gesetz gegeben, und dann, -- ja ganz
sicher -- dann würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren
Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen lassen, man
würde es prüfen, und dann, dann würden Angst und Bedrückung und
Verworrenheit weichen. Alles, was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige
Traumgestalten durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte
sein flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, und mußte
verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle Vernunft dem Spuk in die
funkelnden Augen sah!
Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, daß alle ihre
Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen wie in einer engen, brennenden
Grube eingefangen waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu
entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick in die Umwelt
ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die schattenhaft durch die Tür
entschwand, was bewies er schließlich anderes, als daß ihre Phantasie
bei dem Menschen stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem
Bewußtsein beschäftigt?
Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe da, sie stand
fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich in ihr regte, war die Absicht,
irgendwo ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an
ihrem Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen
sei, in der sie sich nach dem Befinden und den Wünschen Sassins zu
erkundigen pflegte. Ruhig strich sich Johanna das Haar aus der Stirn,
ordnete ihre Kleider und entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen
Gang voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem Rittmeister
eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen braunen Ripssofa, hielt die Arme
auf den Tisch gestützt, und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig
auf die weiße Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo
Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, sich zu
verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden gehindert wurde.
Aufrecht wie immer blieb das Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der
Einladung des Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken.
Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem Johanna noch einen
prüfenden Blick in die Runde geschickt, gedachte sie sich eben wieder
zurückzuziehen, da wurde sie durch einen Ausruf des Kranken an ihrer
Absicht gehindert.
»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« rief der Russe so
dringend hinter ihr her, daß sich die Enteilende seinem Verlangen
nicht entziehen mochte. Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so
mitleiderregend und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt gegen die
Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese Weise dämpfen zu wollen.
»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das Mädchen, an den
Tisch zurückkehrend.
»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in seiner gewohnten
lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht das Allergeringste.« Und dabei
riß er die Augen auf, um den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »=Vous
tenez bon ordre=, es geht alles -- wie sage ich: nach dem =règlement=.
Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon längst für vorzügliche
Behandlung danken, die gar nicht verdiene.«
»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem flüchtigen Mitleiden
ergriffen.
Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand und streichelte
grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch seine abgezehrten Finger sah
man das Blut schimmern.
»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche von uns verdienen
Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber sagen, sehr viel.«
Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des Kranken nach
der gegenüberliegenden Wand, und es schien, als wenn er zu etwas ganz
Besonderem auszuholen beabsichtige. Indessen auch seine Entschlußkraft
mußte wohl durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter
Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur Entschuldigung. Und dennoch
hatte die Andeutung in seiner Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich
seine versteckte Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe.
Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich scheuten, einander
weitere Eröffnungen zu machen. Dann wünschte Johanna dem Rittmeister eine
gute Nacht. Sassin jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen
zu werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich an ihr
letztes Wort.
»=Bonne nuit=,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier gut geschlafen.
Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer kann wissen, wie später einmal finden
werde?«
»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna gepackt.
Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur schwer rang er sich das
Folgende von der Seele:
»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man erzählt sich
jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte mir heute, daß wieder
vorwärts geht.«
»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier verlassen müssen?«
atmete Johanna hörbar.