Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. Die russische
Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen sich einzelner
Grenzstädte und des dazu gehörigen schmalen Hinterlandes bemächtigt
hatte, schlug nun planmäßig in breiter Woge über das Land und grub
ein weites fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und
lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen Zusammenhang
ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, sondern eine ganze Armee,
deren Glieder eng miteinander verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch
angetreten, und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter Folge fast alle
Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem Durchzug bei sich einquartiert. In
dem Herrenhause kampierte dann häufig die Generalität mit ihren
Stäben. Elegante Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und deren
anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den Krieg eingestellt waren.
Sie tauchten in der Nacht auf, entfesselten ein tolles Gewimmel,
Feldtelegraphen spielten und Flieger senkten sich herab, um am nächsten
Morgen fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen Heerscharen
aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit begnügten, an den
Grenzen des aufgegebenen Landes eine dünne Kette gezogen zu haben, die
elastisch zurückprallte, sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie
ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen fanden sich die
metallenen Glieder wieder stets zusammen, und die dünne Kette hing
noch immer störend und drohend vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die
vermaledeite eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die
Straße nach Berlin.
Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach vorn geschoben
werden konnten, sondern gezwungen waren, sich an ihren zuerst eingenommenen
Standorten gewissermaßen anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem
Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen ostpreußischen
Gutshofe dem verwöhnten Kavalier manchmal langweilig und unerträglich
deuchte, so gab es doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen
Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in dieser gut
geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und da sogar zu fördern
versuchte, als eine Gesundung und ein Erwachen erschien. Außerdem --
selbst in diesem weltvergessenen Winkel fanden sich ja für ihn gewisse
heimliche Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender Gestalt
verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte er sie verschmähen oder
herbeiwünschen.
Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem herbstlich reifen
Lande leuchtete einer jener glashellen Tage, wie sie in solch stiller,
lautloser Melancholie und Herbheit nur das östliche Grenzgebiet kennt.
Alles Kriegerische war von dem weißen Gutshofe heute verweht und
abgestreift. Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die
Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen pfiff, striegelte
er dem Tier achtsam das glänzend braune Fell. In der Luft klang ein
Summen vorüberschwärmender Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken
zustrebten, und dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die
tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die sich irgendwo
unter den vollen Kronen des anstoßenden Gartens verborgen hielten. Hinter
dem allen aber tönte unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von
den fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit besorgten.
Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten Friedens,
der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem Studium eines Bandes
Hebbelscher Dramen ablenkte, dem er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß
an dem offenen Parterrefenster seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein
Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder Ironie und
ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein für ihn, den einzigen
Beschauer, gestellt würde. Mitten auf dem Hofe, gerade seinem Fenster
gegenüber, war nämlich ein mächtiger blau und weiß gestrichener
Balken eingerammt, und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten
Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer Plattform sich
im Moment die schneeweißen Bewohner drängten und wieder vertrieben.
Wahrlich, die geflügelte Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter
ihnen, leicht an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen
dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von Weizenkörnern und Erbsen
hin. Ein ewiges Flattern und Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt
herum, und es bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus dem
weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen auf der Schulter der
blühenden Spenderin niederließ und es sogar duldete, daß sich das
dunkle Haupt des Mädchens für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder
schmiegte. Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter wagten sich
zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig gebogenen Arm.
»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte Dimitri
Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichwort erinnerte. Er
lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und gab sich den Anschein, seine
Lektüre eifrig weiter zu verfolgen. Allein die schwarzen Augen, die durch
das Schneegewimmel hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem von den
gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein verwünschtes Spiel,«
fuhr es dem Gardeoffizier, der es doch gewohnt war, den ihm gereichten
Becher auf den ersten Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll
diese Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die dumme
Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner Schritte mit ihren
stahlharten blauen Augen belauert, nicht überwinden kann? Wie oft soll
diese gefällige Hexe da drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche
Philosophie und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich
bescheiden und mutlos.«
Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte dem schönen
Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte wieder, verzog die Lippen
zu einem Lächeln und wandte das Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern,
die ihre Einbildungskraft beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch
verschämtes Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen
hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt und bloß dastehe‹.
Und von diesem Gedanken entzündet, wurden die Augen des Obersten beredter
und sprechender. Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne
Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und eine unverschämte
Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres Zurückweichen kaum
mehr duldet. Langsam stieg eine feine Röte über die dunklen Wangen
der Abgewandten, und ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal
verstohlen über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen die Blicke
der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend aufeinander.
»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er äußerlich wieder
seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal schützt dich deine
Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht hinterher gleich ein Weltuntergang
folgen. Nun, und wenn --« er zuckte leichtsinnig die Achseln -- »wer hat
uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze sieht so aus, als
ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren verstünde. Nicht wahr, du heißes,
trunkenes Geschöpf?« sprach es deutlich aus seinen Mienen.
Und Marianne schlug die Augen nieder.
Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude. Und kaum hatte der
Russe die hohe Gestalt in dem blau und weiß gepunkteten Kleid erkannt,
da versenkte er sich auffallend schnell in das von der Walküre entliehene
Buch und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich hier
entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem Disput auffing,
der sich ganz in seiner Nähe zwischen den so verschiedenen Schwestern
erhob. Mit ihrem festen gebieterischen Schritt hatte sich Johanna
genähert. Ihre Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell
angestrichenen Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre Glieder
reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes Haupt zur Erde zu
neigen.
»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie nach einer Weile
ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich wartet eine Arbeit, die du besser
verstehst. Ich habe dir in deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester
Isa niedergelegt, für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den Fürsten
Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich gewiß drängen, einen
Gruß anzufügen. Mach schnell.«
»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne gereizt, »es wird
noch Zeit haben.«
»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt, und während ihr
angespannter Arm noch immer das Holz nicht freigab, sprühte aus den harten
blauen Augen ein Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme
Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält, als« -- sie
warf den Kopf geringschätzig zur Seite.
»Nun, als --?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn auf.
»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die Ältere, unbekümmert
darum, ob der fremde Offizier etwa ihre Meinung und ihre Absicht verstehen
könne.
Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie entstellenden
Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden Tauben,
raffte ihr Kleid zusammen und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst
in diesen Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich der ihr
eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen sogar ein zweiter
Beobachter, von dem die Enteilende in der Tat gar nichts ahnte, in eine
dumpfe Verzweiflung versetzt wurde.
Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen Stockwerkes, hatte
sich nämlich während dieser ganzen Zeit ein bärtiges Männergesicht
abgezeichnet. Zuweilen war auch an dem durchbrochenen Tüll von einer
Faust heftig gezerrt worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos
zurückgeworfen, und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters
Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas. Dann bog der Kranke seine
Arme nach rückwärts, um in aufspringender Wut auf dem schmerzenden
Rücken herum zu hämmern.
»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und wankte matt durch
die kleine Stube. »Unser großer Suworow hatte recht, die Kugel ist eine
Närrin. Sie trifft immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt
sich gegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden. Man muß ihn
durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf sich auf das kleine Sofa,
schleuderte Kissen und Decken mitten auf den Estrich, und aus seinen
großen verzweifelten Kinderaugen perlten wirkliche Tränen.
Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri. Dieses harte und
energische Pochen kannte Seine Durchlaucht allmählich. Es verursachte ihm
stets einen leichten Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam,
wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte, beständig eine
Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu erhalten. Wenigstens so lange
sie mit ihm in ihrer geschäftlichen, nüchternen Weise sprach. Sie hatte
dann eine solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte
sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen, daß
es dem gewandten Weltmanne schändlich dünkte, diese hausbackene Gradheit
irgendwie zu anderen Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich
der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und grundgescheiten
Deutschen doch wohl imstande seien, selbst einem erfahrenen Menschenkenner
einige Rätsel aufzugeben. Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an
das Praktische und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen
Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst ihm, dem
überall herumschwärmenden Kunstliebhaber, wegen ihrer Tiefe und grausamen
Unerbittlichkeit ein leichtes Frösteln einjagte?
Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal in seinem Leben
ertappte sich der leichtfertige Held der Petersburger Boudoirs darauf, wie
er ängstlich bemüht war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber
diesem Weibe, das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte,
zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daß in ihrer
Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer Erscheinung
ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den Träumen dieser heißen
Augustnächte war es dem bedrückt Atmenden schon öfter vorgekommen, als
habe ein entsetzliches Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der
Germanin angehoben.
An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und Fürst Dimitri sprang
auf und legte sorgsam sein Buch auf die aufgeschlagene Seite. Dann rief
seine klangvolle Stimme: »=Entrez=.«
»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die hohe Gestalt
seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte sich auf seinen Zügen
jener sonnige Glanz, der dem ernsthaften Mädchen von Anfang an so
unverständlich geblieben war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung
verdanke ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist nichts
geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen Ordnunghaltens
verstößt?«
»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die einen kleinen
Zettel hervorzog und dabei die auf einen Sessel deutende Handbewegung des
Offiziers übersah. »Und in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.«
»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein. Ich denke, ich
habe in meiner schwierigen Position nichts versäumt, was mir Ihr Vertrauen
hätte erwerben können. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
»Oh danke, Herr Oberst.«
Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund.
»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,« sprach er
rascher, denn es verletzte ihn, daß sich diese Nemza eine Verhandlung mit
ihm nie ohne Anklagen denken zu können schien. »Welche Schandtaten haben
wir wieder begangen?«
Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte ein Lächeln auf
die Lippen Johannas zaubern -- und der Fürst sah diesen strengen Mund
sehr gern sanfter werden -- aber die Erinnerung daran, wie das Treiben
und Wirken der Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit
wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das verjagte
die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über ihre Stirn legte sich eine
leichte Falte. Und sie sah jetzt älter aus, wie bisher.
»Es sind durchaus keine Schandtaten, Durchlaucht,« begann sie
gefaßt, »sondern wohl mehr Versäumnisse. Aber da es sich um eine
Geldangelegenheit handelt, -- --«
»Eine Geldangelegenheit?« rief der Fürst, sie anstarrend, dazwischen.
»Und die wollen Sie mit mir besprechen? =Fi donc!=«
Aber Johanna ließ sich nicht aus ihrer Ruhe schrecken.
»Ich habe erwartet,« fuhr sie einfach fort, »daß Sie mein Begehren
wahrscheinlich sehr absonderlich finden würden. Ich bin auch vollkommen
auf eine Abweisung vorbereitet.« --
»Oh bitte!«
»Aber ich bin es der Verwaltung, die ich hier führe, und meinen
Schwestern schuldig, wenn ich mich bis zum Äußersten einer
Benachteiligung widersetze.« Hier hob das blonde Mädchen den Zettel
ein wenig und schien ein paar Zahlenreihen zu durchfliegen. »Durchlaucht
werden sich erinnern,« sprach sie rasch weiter, »daß mir hier gleich zu
Anfang zugesichert wurde, es würde jede Entnahme bar bezahlt werden.«
Fürst Fergussow ließ sich langsam in seinen Sessel gleiten. Es war nicht
zu leugnen, er fand alles, was die Nemza jetzt vorbrachte, ja ihre ganze
Art, abscheulich. Wie taktlos sich die deutschen Frauen gebärden konnten.
Eine solche Schacherei hätte eine vornehme Russin sich niemals zugemutet.
Und die hölzerne Walküre schien ihr Beginnen zu alledem noch für ein
lobenswertes Werk zu halten. =Fi donc -- fi donc!=
»Soweit mir erinnerlich,« sammelte er sich endlich, wobei er sein
Mißfallen mühsam zu verbergen suchte, »soweit mir erinnerlich, hat mein
Regimentszahlmeister hier wöchentlich eine Abrechnung gehalten. Sollte
dabei vielleicht etwas übersehen worden sein?«
»Allerdings, Durchlaucht.« Johanna schritt dicht bis an das Fenster
und legte ihren Zettel gerade auf das Buch. »Es betrifft nicht, wie Sie
vielleicht zu meinen scheinen, Speise und Trank, sondern etwas, was in
einer Landwirtschaft das Wichtigste bedeutet.«
»Und was ist das?«
»Getreide. Man hat mir hier fast den größten Teil meiner Hafer- und
Roggenbestände gemäht und fortgefahren, -- ja, noch heute können Sie
Ihre Leute hinter dem Garten sensen hören -- ohne daß man mir auch nur
das Quantum oder die Zentner-Anzahl gemeldet hätte. Dagegen möchte ich
jetzt bei Ihnen Einspruch erheben.«
»Bei mir! Ah, was Sie sagen!« Der Fürst schlug das Bein leicht über das
andere, sah auf seine glänzenden Lackstiefel herunter und bemühte sich,
seine totale Ahnungslosigkeit nicht allzu sichtbar werden zu lassen.
»Ich berechne mir meinen Schaden auf etwa 8-10000 Mark.«
»So, so,« sagte der Fürst gleichgültig, »das bedeutet ja nicht viel.«
Hier entstand eine Pause. Die blauen Augen der Deutschen vergrößerten
sich immer mehr, und dem ungemütlich hin und her rückenden Offizier
war es so, als hätte er noch nie in seinem Leben eine so derbe Lektion
empfangen, als sie sich in dem hartnäckigen Schweigen der Nemza aussprach.
Endlich rang sich die Blonde eine Erwiderung ab.
»Durchlaucht,« sagte sie bitter, »ich kann vollkommen begreifen, daß
einem Manne, der vielleicht an einem Abend diese Summe auf eine einzige
Karte setzt, -- -- --«
Fürst Dimitri vollführte eine lebhafte Bewegung. »Oh =pardon=, Sie
täuschen sich, mein Fräulein,« entgegnete er hastig, »ich huldige dem
Spiel nicht mehr. Längst darüber hinaus. Im Grunde eine geistlose und
alberne Unterhaltung.«
»Darüber habe ich nicht zu urteilen,« lehnte Johanna frostig ab, »ich
wollte Ihnen nur bemerken, daß in meinem Einkommen dieser Posten eine
bedeutende Rolle spielt.«
Der Fürst stand auf, blickte ungewiß nach dem Schreibtisch und begann
dort mit dem Schlüssel eines Faches zu spielen.
»Ich verstehe wirklich nicht,« meinte er endlich unsicher, »warum
sich die Regimentskasse nicht schon längst mit Ihnen abfand. Sie können
überzeugt sein, dieses Hinauszögern entspricht durchaus nicht meinen
Wünschen. Nur müssen Sie entschuldigen,« fuhr er stockend fort, und die
aufrichtige Verlegenheit kleidete den hohen Herrn wirklich allerliebst, --
»da ich niemals gewohnt war, meine Schatulle selbst zu führen, so weiß
ich eigentlich nicht -- -- obwohl ich im Grunde nicht einsehe, was
es Peinliches für Sie besitzen könnte, wenn ich mir erlaubte, diese
Bagatelle selbst zu regeln. Das heißt, Sie müssen recht verstehen,«
setzte er eifrig hinzu, als er die großen blauen Augen auf sich gerichtet
fühlte, »ich verauslage die paar Rubel natürlich nur. Es ist in der
Tat nicht der Rede wert, und Sie bereiten mir wirklich eine große Freude
damit, den Fehler unserer Verwaltung etwas zu verkleinern. Nicht wahr, ich
darf auf Ihre Zustimmung rechnen?«
Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt hinter dem
Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine der Laden aufzog. Das
helle Sonnenlicht, das in breiter Bahn schräg durch die Seitenfenster
hereinbrach, spielte auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle
Goldringe auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte Johanna zu ihm
herüber.
Da -- da war es wieder! Die einfangende Erscheinung tauchte abermals auf.
Das Bild aus ihrer Schlafkammer hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig
werbende, bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen
Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß ihr alles andre für
eine Weile entglitt. Erst als die schmale Hand des Aristokraten eine Reihe
fremdartiger Kassenscheine aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille
zu ziehen begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und ein
Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu deuten vermochte,
lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft des vornehmen Herrn auf. Was
wünschte sie eigentlich? Es war doch so selbstverständlich, daß sie das
Entgelt für ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung, die
sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht. Eine tiefe Röte stieg in
ihre Wangen, als sie mit sich kämpfend hervorstieß:
»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow -- ich möchte mir Ihren Vorschlag erst
noch überlegen. Er verpflichtet mich Ihnen gegenüber so eigenartig, ich
kann mich in die neu geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie
werden das begreifen.«
Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere Förmlichkeit zur
Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber ein helles Lachen, das hinter ihr
aufklang, hielt sie noch einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille
achtlos auf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen Augen
glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig hinter der
Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben, sie nicht völlig entweichen
zu lassen, griff er nach ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er
sie berührte. Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche
Beleidigung nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham, weil sie vor
diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht finden konnte.
»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri, »was sind das
für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr Landsmann Hebbel.« Er wies lachend
nach dem Buch auf dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich
nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann werde ich natürlich
den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren, und Sie können sich mit ihm
in die geheimnisvollsten Rechnungen vertiefen.«
»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu.
»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht ebenfalls in den
Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum zu liebäugeln, so gestatten Sie
mir wohl, Ihnen Ihren tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er
griff nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band mit
einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige Affäre
übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach er angeregt weiter, und im
Moment überfiel ihn der seltsame Einfall, als ob diese große Nemza
mit einem blinkenden Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit
welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren die Gurgel
abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf kam ja gleichfalls etwa aus
unseren Gegenden. Wenn man sich das so recht überlegt, sollte man sich
vielleicht doch ein wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.«
Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam es aus ihr heraus:
»Vor mir? Welchen Grund hätten Sie dazu? Wir beide haben doch nichts
miteinander abzumachen.«
»Gott,« -- Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit ein, mit dem
starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen zu können. Die großen
blauen Augen blieben einmal hart und empfindungslos. Offenbar vergaß
sie nie, daß sie einem fremden, im Augenblick überfallenen und
zurückgedrängten Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos gut daran, sie
auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn zu lassen -- »Gott,« zuckte
der junge Mann bereits etwas abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun
einmal, was man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹
nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich, wo ich mich übrigens
sehr wohl befinde, und wenn man Sie so sieht, mein Fräulein, so groß,
entschieden und voll nachdenklicher Energie --«
»Was dann?«
»Dann könnte man vielleicht zu dem Entschluß gelangen, eine Leibwache zu
halten oder des Nachts das Zimmer fester zu verschließen.«
Johanna starrte den Sprechenden an. Dann versetzte sie hart und kurz,
während sie bereits die Tür öffnete:
»Sie scherzen natürlich. Etwas Derartiges haben Sie vorläufig nicht von
mir zu befürchten.«
»Ah, vorläufig,« wiederholte Dimitri verblüfft und strich spielend
über sein braunes Haar. »Ihre Enthüllung interessiert mich ungeheuer,
gnädiges Fräulein. Sind Sie denn so ganz ohne Haß gegen mich?«
Die Blonde blieb ernsthaft.
»Das nicht,« entgegnete sie wahrheitsgemäß und blickte zu Boden,
»aber Sie müssen als Ausländer die Frauengestalt des deutschen Dichters
mißverstanden haben. Mein Urteil ist natürlich gar nicht maßgebend, aber
ich meine doch, die Judith handelte aus anderen Beweggründen.«
»Und darf man die nicht erfahren?« fragte Fürst Fergussow gespannt.
»Das hat keinen Zweck,« schnitt das Mädchen entschlossen ab, »ich
könnte auch gar nicht ausdrücken, was ich meine.« Und in ihren gewohnten
und frostigen Ton zurückfallend, forschte sie: »Haben Sie sonst noch
Wünsche oder Befehle für mich, Durchlaucht?«
Der Russe verschränkte seine Hände und führte mit ihnen eine
verzweifelte Bewegung gen Himmel aus.
»Ja, liebstes Fräulein,« rief er lebhaft, »Himmel und alle Heiligen,
ich wünschte von Herzen, Sie einmal lächeln zu sehen.«
Johanna stand schon auf der Schwelle.
»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt. »Guten
Morgen, Durchlaucht.«
»=Bon jour, bon jour=,« rief der Fürst wie befreit hinter ihr her.
Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine Karte hervor und
studierte alle Straßen, die von diesem Gut fortführten. Der Aufenthalt
auf Maritzken gehörte nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins.
Kurze Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die eben
die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier die
sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel mit dem goldenen
Griff, der ihm von der Schulter hing, prallte an die Weichen des Rosses,
und der leicht vorgebeugte Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend
den Hals.
Er hatte immer etwas Schmeichlerisches.
* * * * *
Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild auf den
trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die Augen schließen, um den
herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen zu entgehen.
Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den Schatten des
Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine Erholung gönnen, seitdem
diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk auseinandergeschlagen hatten.
Mit einer geheimnisvollen Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten
Grenzgraben, von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. Es war doch
ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht mehr auf ihr Geheiß und
zu ihrem Nutzen laut wurde. Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide,
zwischen den braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen
Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden Regen war sie
halb vermorscht, grüne Moosfleckchen hatten sich an der Rücklehne
fest angesiedelt, und Johanna erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene
Sitzgelegenheit benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende
Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. Eine Weile
schloß sie die Augen. Sie war müde von all dem Widersprechenden, an das
sie zu denken hatte. Jedoch kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten
auch schon wie hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf,
hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie sah ihre
Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen Grenzstadt, in deren
verräucherten Mauern sie selbst noch vor kurzem geweilt, und ihr Herz
schlug laut, wenn sie sich vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort
bereitet werden könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder von
den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht gelang es doch dem
Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm sein Name verlieh, eine Erkundigung
einzuziehen. Und er, der sich stets so glatt und willfährig zeigte,
der feine Weltmann, der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine
Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste dabei dachte,
er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit seiner geschmeidigen
Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich etwas Verletzendes in seiner
überhöflichen Art. Etwas bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich
gar nicht, auf die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem großen
Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem strahlenden Lächeln
und namentlich ohne langen Disput den ihm nahenden Bittstellern eine
Gefälligkeit erweisen konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.
Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. Sie sagte sich
nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für andere Art und fremdes
Volkstum verloren, sie empfand nur einen brennenden Haß, der immer
stärker über ihr zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann
gelächelt hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen ihr und der
bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in der schmerzhaftesten Wollust
ihrem Bezwinger, nach dem sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer
eigenen Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes früheres
Leben damit zu töten, dachte die Einsame.
Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem harten Entschluß reckte
sie sich auf, und um ihren Mund lagerte sich ein verächtliches Lächeln.
Also bis zu solchem Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte
man durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins getrieben
werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen und fremden
Mann so viel schwächliches Nachdenken zu verschwenden. Was hatte sie
überhaupt hier zu suchen? Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie
ausspähen wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp der
Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.
Da fuhr sie heftig zurück.
Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten Stoppeln, lagen fünf
bis sechs Männer auf dem Rücken, kehrten ihre rotflammenden Gesichter der
Sonne zu und schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die
verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und zerschlissenen
Beinkleidern erkannte der geübte Blick des Landfräuleins sofort eine
zusammengetriebene Horde von Landstreichern oder Knechten, die von den
Russen irgendwie zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden.
Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so besonders fesselte,
daß sie sich immer weiter vorbeugte, damit ihr nichts mehr entgehen
konnte, das gipfelte in einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten
ihr Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich hatte
gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand zwischen die Blätterwand
streckte, seinen blank geschorenen Schädel, in dessen Schweiß sich die
Sonne spiegelte, über die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und
es dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem Interesse der
Mensch den Schlummer der anderen zu prüfen schien. Was bedeutete das?
Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, um gleich darauf
sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, als wollte er abwarten, ob
seine Gefährten das Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich
um ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, schlangenhaft
auf dem Boden kriechend, seinen Körper gegen die Wasserscheide zuwälzte.
Einen Augenblick lang wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes
Leben daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu walten, zwang
sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer lauter werdendem Herzklopfen
das weitere Gebaren des Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher
an dem Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und regungslos
liegen, und nur Johanna merkte, wie seine Beine ganz allmählich eine
Schleife ausführten, bis die Gestalt des Burschen sich wagerecht dem
Grabenlauf anschmiegte. Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs,
bedeckten ihn fast.
Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens herab.
Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß der Fremde durch
ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich dem weichen Morast nicht leicht
entwinden konnte, jedenfalls dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den
kahlen Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät war, in
scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren Füßen auftauchen sah.
Der Landstreicher jedoch schien sie sofort zu erkennen, anders wenigstens
vermochte sich die Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit
der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den Mund hob.
»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna sich bestimmt
erinnerte, schon gehört zu haben.
»Um Gott, wer sind Sie?«
Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch das Gebüsch
geschoben, so daß er nun auf den Knien vor dem Mädchen lag. Jetzt sprang
er trotz der überstandenen Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein
Antlitz war durch den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens
gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß Johanna bei
dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige Erinnerung auf.
»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.
Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten Moment mit einem
matten Lächeln wieder zurück, als er die Verunreinigung seiner Finger
bemerkte. Dann ließ er sich auf die Bank nieder, und indem er sich
angelegentlich das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige
Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, indem er sich
leicht nach der Richtung des Herrenhauses umwandte:
»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle wohlauf? Ist niemand in
dieser schlimmen Zeit etwas Böses zugestoßen?«
Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen jungen Offizier
mit ihrem Vornamen angeredet worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der
nahen Gefahr, in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand
die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich. Und einer
mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne Rücksicht auf ihre saubere
Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden Gefährten aufmunternd über
die schmutzige Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her.
»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen. Niemand,« setzte
sie mit besonderer Betonung hinzu, da sie die dunklen Augen des Offiziers
so beharrlich ihr Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist
bis jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in schwerer
Besorgnis.«
»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie müssen nicht
glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis über die hiesigen Zustände
befinden. Oh nein, wir wissen weit mehr, als sich diese Eisbären träumen
lassen. Sie sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren
Linien herum.«
»Ja, um alles in der Welt, Fritz, -- verzeihen Sie, wenn ich danach frage
-- aber was haben Sie denn hier vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug?
Sie sind doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?«
Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen. Das
schonungslose Wort schien ihn für eine Weile zu verdüstern. Schwermütig
verzog er die Augenbrauen und starrte eine Zeitlang auf den braunen
Lehmboden zu seinen Füßen.
»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes Fräulein,«
sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich überlegt, ehe ich
mich zur Ausführung dieses Befehls meldete. Denn es gehört einer dazu,
der -- --« Hier stockte der Redende, als hätte er schon zu viel
geäußert.
»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!«
Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch die Luft.
»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher. »Ich
darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten, liebe Johanna. Es geht ganz
gegen die Ordre. Aber wenn Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für
meinen Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit gutmütiger
Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten Tausendkünstler pünktlich in
die Hände liefern.«
Johanna traute ihren Ohren nicht.
»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und eine jäh
aufspringende Angst veranlaßte sie durch die Lücken des Geästes nach
allen Seiten hinauszuspähen, »Sie glauben doch nicht, daß Sie durch die
vielen Tausende hier ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«
»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende unerschüttert
zurück; »und auf Grund eines von dem hiesigen Etappenkommandanten
ausgestellten Arbeitscheines werde ich sogar mit den größten Ehren
empfangen werden.« Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen
bestempeltes Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch
Fergussow -- hier steht es -- bestätigt dem Arbeiter Paul Bramschek usw.
Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten gäbe, könnte ich sogar
hier bleiben und heute nacht unter Ihrer Obhut diesen russischen
Prinzen -- --« er spreizte beide Hände und machte die Gebärde des
Erwürgens.
Johanna wurde dunkelrot.
»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder erlangt zu
haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, welch ein Unglück Sie auf
uns alle herabbeschwören könnten.«
Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, als der junge
Mann sofort seinen Platz auf der Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.
»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft bei, »in der
Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich ganz vergessen, daß es üble
Folgen haben kann, mit mir in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben
Sie wohl, Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß ich hier
war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«
Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide Hände legte sie dem
von Unrat Übergossenen fest auf die Schultern. Und während ihre ehrlichen
Augen die seinen suchten, preßte sie sich ab:
»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen Sie mir
anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? Müssen wir jede Hoffnung
aufgeben, in die gewohnten und lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird
das Unheil, das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein Unheil,
Fritz, es ist ein großes Unheil.«
Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren
verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und ein sonderbares Leuchten und
Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge.
»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide Fäuste
zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, nicht anders
bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden jammervoll zugerichtet, und wir
sind von weiten Landstrichen verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei
uns vorbereitet, glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. Sie
werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen an einer Tafel sitzen, verlassen
Sie sich darauf,« stieß er heftig hervor, und aus dem verunreinigten
Gesicht blitzten die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich
Johanna, um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die Hand fest um
den Hals spannte.
»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte ihr Haupt
ungewiß nach dem Herrenhaus.
Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde immer dunkler und
drohender. »Sie werden von uns hören, Fräulein Grothe, und von mir
auch,« setzte er frohlockend hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er
ab, als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen nach seinen
Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie mich hier in dem Graben entlang
waten, so komme ich am besten um das Gut herum.«
Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis seine Füße über
die Böschung herabhingen, und während Johanna gleich darauf den Morast
aufspritzen hörte, wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite
geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals auf.
»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es aus dem
Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von Sorquitten vor wenigen Tagen
gesprochen.«
Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« meinte sie
gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«
»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung unter einem
zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen Pferde und rief mir nach,
diesmal würden Sie es ihm wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald
mit seinem lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich bitte um
Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den Auftrag wörtlich ausrichte,
doch ich hoffe, daß er Ihnen verständlich sein wird.«
»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah ernst zu Boden. »Ich
verstehe seine Meinung recht gut.«
Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich zu lauschen,
ob sich auf den Steinen des weißen Hofes nicht ein silberner Sporenklang
melde. Als sie wieder aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen
geschlossen, und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem
jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz unerwartet ein
paar dünne Fäden geknüpft hatte.
* * * * *
Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen Wege, gleich Gewitter
und Hagelschlag, in den erzwungenen Frieden von Maritzken und schmetterte
die künstlich schlaffe Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen
war, für immer zu Boden.
Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus Menschenlauten
zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, losgelassenen Geistern
der Tiefe ausgestoßen schien, schrillte, pfiff, heulte und wieherte über
die Landstraße und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln
aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, einen Gedanken
zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken auf ihren Hof. Von allen
Seiten flogen die Fenster auf, scheue, angstvolle Gesichter beugten sich
heraus, und alles starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster
schwarzer Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar
durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, gellende
Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine dicke und doch blinkende
Staubwolke. Gleich darauf schlug hinter den Bäumen des Parkes eine
Feuerlohe in die Höhe. Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken
über die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen junge Weiber
herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten sonnengebräunten
Armen; Mägde des Gutes und zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich
wie verzweifelt an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier
ihren letzten Rückhalt witterten.
»Fräulein -- Kosaken!«
»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«
»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«
»Ja, und Tilly -- Tilly Baumgartner --«
»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt und griff nach der
Schulter einer der Mägde, um sich zu stützen.
Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener Ausfahrt nicht
mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, und das Weib raffte sich ihre blaue
Schürze vor das Gesicht und heulte unter dem Leinen hervor:
»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner Hand gerissen, und
mir selbst einen Schlag über die Augen, daß ich nicht sehen kann.«
Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes Galoppieren, Hetzen
und Verwünschungen, und dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des
Hofes rauchte.
Da -- da -- durch die Einfahrt schoß es herein -- kleine Pferde, struppig
wie nasse Hunde, vornübergebeugte Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich
bärtigen Frauen auf den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die
stieren Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen Mauern
zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger Peitschen. Jetzt schoß,
sprang, wälzte und purzelte es aus den Sätteln; schon drängte sich
das fremde Gesindel durch alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg
geriet, wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte.
Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen zu verkünden, und
nichts, nichts hemmte die Horde, nichts wirkte dem sie beherrschenden Trieb
entgegen nach Raub und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens,
daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte
Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas Unverständliches
herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich Johanna toll vor Wut und Scham
auf einen schwarzhaarigen Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly
zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, umsonst,
vergeblich, die Streitenden wurden voneinander getrennt, alles ging unter
in dem brausenden Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren
Kraft zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens kochte.
»Scho--i, scho--i,« schrien die Kosaken, traten Zäune und Türen ein und
hieben mit ihren Peitschen lechzend vor Irrsinn und Brunst durch die Luft.
»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar heiser geschriene
Frauenstimmen.
Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die Rechte hatte sie zum
Schutz gegen die Sonne quer über den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt,
die Linke, die den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer
reich vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und sein
ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume bewiesen, wie
auch dem Besitzer des scharrenden Schimmels alles, was sich da vor ihm
abspielte, gleich der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien.
Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die Achseln. Sein Anblick
jedoch verschaffte Johanna, die, umrast von dieser nie geahnten Wildheit,
ihre klare Vernunft völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung,
der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese blutdürstigen und
fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. Mit übernatürlicher Kraft
streifte sie die jammernden Mägde von sich ab, und es war wirklich die
blonde, furchtlose Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen
Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden Gliedern von neuem
gegen den riesenhaften Bedränger der kleinen Tilly warf.
»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut und Scham
erstickten Stimme.
»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die Mauer,« heulte
der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen unterbrochen, aus dem oberen
Fenster, und seine zitternden Hände zogen bereits die Sicherung von einer
Pistole ab.
Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem kräftigen Sprung
setzte der Schimmel des Fürsten in den auseinanderstürzenden Schwarm
hinein, eine zielsichere Faust riß dem überraschten Riesen die
Lammfellmütze vom Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb
dem Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor Schmerz ließ
der struppige Kerl sein Opfer fahren, und es war für alle Zuschauer ein
gräßlicher Anblick, wie der Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den
Gebändigten antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des
Tieres rollte.
»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte Dimitri böse und
schneidend, und die erwachende Johanna sah mit Entsetzen, welche grausamen
Lichter in den dunkel gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht
wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«
»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene und streckte in
sklavischer Demut beide Hände gegen die erhobene Peitsche aus, »nichts
weiter, als einen Scherz.«
»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch die ängstliche
Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all dem Lärm entstanden war.
Und sich im Sattel umwendend, sagte er hell und durchdringend, so daß den
Kosaken, die sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner Worte
verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn ihr nicht alles, was
ihr gestohlen habt, sofort wieder zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es
Platz für viele von euch. Habt ihr mich verstanden?«
»Ja, Väterchen, verstanden.«
»Seid ihr hier einquartiert?«
»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm oder Trunk
heisere Stimme in der Nähe des Fürsten.
Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt einen Besuch in der
Schenke abgestattet und nun sein klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich
herzog. Das erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige Stöße
in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß er dem noch immer auf den
Knien verharrenden Kosaken einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.
»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob auf den Steinen
herum. »Ich frage, was hier geschehen ist? Ich war dienstlich verhindert,
Herr Kamerad.«
Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit mit dem
Sohn der Donschen Steppe zu legen. Er ließ einen hochmütigen Blick über
das brandrote Habichtsgesicht des Reiters hinweggleiten und sagte sehr
ruhig:
»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden gehört. Aber
ich möchte Ihnen doch empfehlen, Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange
sie uns das Vergnügen schenken, in den Stall zu komplimentieren.«
»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste ballend; da er aber
nicht wagte, gegen den vorgesetzten Gardeoffizier ausfällig zu werden, so
versetzte er wenigstens dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann
an den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du Schuft! Was liegst
du hier wie ein krankes Schwein herum? Was soll man von dem Beispiel
denken, das ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, mein
Guter, wir sprechen uns noch.«