Da --

»Herr Konsul,« fährt Isa auf.

Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen Fußtritten.

Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein törichter Kindertraum

däucht ihm das Ganze, denn das schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht

dem geringsten Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa -- --

Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht mehr an ihr Ende.

Sieh -- sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende Fiebergesichte alle

möglichen bekannten Gestalten taumeln. Jetzt wird die Tür über den drei

grünen Porphyrstufen aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt

drängt sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben sich

durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern befestigt

sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, rauhe, unbearbeitete

Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.

Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen Schwarm eine so

überaus vertraute Figur ablöst? Ja, er ist es, er ist es wirklich!

Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, drängt sich Rudolf

Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch Sassin in das Gemach. Ein

kotbespritzter grauer Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten

Schultern, die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und auf dem

brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. Zwischen zwei Brustknöpfen

seines Waffenrockes lugt der schwarze Kolben eines Revolvers hervor.

Als der Russe des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter dem

zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier seine hervorquellenden

Kinderaugen auf, und um seine blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar

befriedigter Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude des

Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste Überlegenheit, wie

sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich über Höherstehende Macht

erlangen.

»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment für das junge Fräulein

von Maritzken,« poltert der Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht

fürchten -- keine Ursache -- gut Freund. So lange hier keine Dummheiten

macht, werden Euch vorzüglich behandeln. Was stieren mich so an, Rudolf

Bark? Mein bester Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? Hehe,

zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch zu reiten.

Haben unsre kleinen Geheimnisse.«

Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, hebt die braune

Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit oder mit Absicht

auf den Teppich niederstürzen. In einer breiten Lache ergießt sich

die braune Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das dunkle

orientalische Gewebe.

»Wie, was -- Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, sind Sie ein altes Weib? Es

muß hier doch Wein im Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von

Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, bester Freund.

Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! Weiß, brennen darauf, arme,

müde Soldaten des Zaren -- wie sagt man -- =à régaler=.«

Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter wendend, schreit er in

russischer Sprache, die der Prinzipal des »Goldenen Becher« sehr wohl

versteht, hinaus:

»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven Söhne! Habt ihr

verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? Hier unten in den Kellern gibt es

Wein. Alkohol ist euch verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und

mein Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns bewirten

zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber nicht betrinken. Hört ihr? Der

Rausch ist für einen russischen Soldaten unanständig.«

Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt Leo Konstantinowitsch

die Flügeltüren zurückfallen und schwankt ziemlich unsicher an den

Tisch, wo er krachend in den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden

Augen aber, die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden deutlich,

wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars durchaus nicht für

verbindlich erachtet hat. Eine müde Handbewegung ladet die beiden anderen

zum Platznehmen ein.

»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, »und hier

neben mich das schöne Fräulein. Ohne Angst. Leo Konstantinowitsch ist

Ihnen freundlich gesinnt. Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns

haben werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner an, Rudolf

Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«

Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt vorüber. Von

unten aus den Kellergewölben dringen dumpfe Schläge herauf, ein wildes

Geheul der Freude kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit

finden kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten in der Nacht

natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei und daß die Schlüssel der

Vorratskammern jetzt ebensowenig aufzutreiben wären, da drängen sich

bereits ohne weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den

Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in den Händen eiligst

zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. Bierseidel, Weingläser,

Kaffeetassen und Milchtöpfe, alles toll und wüst durcheinander.

»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel und Mütze

mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, wie treulos Sie sich

benehmen? Sie verwickeln sich in Widersprüche, bester Freund. Wozu

Dienerschaft? Wozu Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland

braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, meine

guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf Bark gibt es euch gern. Seht, wie

er sich freut. Fehlt euch noch etwas, meine guten Söhne?«

»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«

»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und nun packt euch

hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit vornehmen Nemzows sitze?«

Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder schallt das

Gelächter des Trunkenen durch den großen Raum, immer ungebändigter

werden seine Scherze. Empört erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch

imstande, seinen Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung

Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, das mit weit

aufgerissenen Augen die widerwärtige Trinkorgie verfolgt, flößt dem

Kaufmann noch Beherrschung und Zurückhaltung ein.

»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem Zeigefinger

nervös auf die Tischplatte pocht, »wünschen Sie dies Gelage noch lange

fortzusetzen? Ich finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst

zur Ruhe begeben.«

»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt sich weit zurück.

Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei immer mehr aus dem Kopf.

»Zustand? Wieso, Rudolf Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie

wüßten, wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen.

Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut auf und stößt

mit der Faust vor die Brust. »Solch einen Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf

Bark. Herrlich, herrlich! Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich

besann. Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie sich diese

weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum erstenmal über einen

Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern des Hufes, man fühlt das

Einsinken -- es ist aufregend!«

»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, »Sie wissen nicht

mehr, was Sie reden.«

»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, allein er vermag es

nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch genossenen Weines reißen ihn

auf seinen Sitz zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten

vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? Hat ein Ende mit

der Unverschämtheit der Germanen. Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt

von Ihnen abziehe? Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir diese

Dummheiten.«

Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung auszuführen,

allein der Versuch wirft ihn nach vorn, so daß sein flammendes Haupt

haltlos gegen die Schulter des Mädchens sinkt.

Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch eine atmende Rundung!

Das betäubte Hirn des ungebildeten Bauern verliert darüber die letzte

Spur angelernter Lebensart.

»Kommen Sie, =ma chère=,« flüstert er, wobei er der Zurückschaudernden

immer näher rückt und beide Arme um sie schlingt, »wir trinken noch ein

Gläschen. Wissen Sie auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole

Ihre Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke Glieder

geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können es bezeugen?«

Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit schließen sich die

Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen hinter dem Hals des Mädchens

zusammen. Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine Bewegung

wagt sie auszuführen aus Scham oder aus Angst, und nur einen einzigen

hilflosen, beschwörenden Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten

Antlitz des Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne des

Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt sie, daß das kleine

Tischchen, einem Fußtritt des durch ihn genierten Russen nachgebend,

polternd und klirrend zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor

ihren Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu schließen, so

daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand sie jetzt emporgerissen wird.

Entsetzen!

Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe Bild in

schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, geschmeidig, tadellos

angezogen wie immer, lehnt Rudolf Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In

dem hübschen glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken

auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. Nein, neugierig fast

beobachtet der Kaufmann, dessen Finger noch immer die Waffe umspannen,

die er seinem Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo

Konstantinowitsch Sassin mitten in der Stube über seinem eigenen

Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten unter Lachen und

einem schmerzlichen Brüllen an den Uniformknöpfen oberhalb der Brust

herumzureißen. Draußen unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder

Kopf an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten gelähmt,

es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen Gerichts zu betreten. Stumm

recken sie die Hälse vor, um auf das zu horchen, was sich niemand

erklären kann.

»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges Schwein,

so behandelst du deinen Freund? Pfui, man möchte weinen! Warte nur, du

widerlicher Affe, wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals

legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen feil? Hat man nicht

euer Väterchen ermordet? Schnell, nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und

mir gebt zu trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig schlecht.

Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, ich könnte dich selbst

zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen Feldzug darum. Pfui, du treulose,

deutsche Spinne, ich trete dir den Kopf ein.«

* * * * *

In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das Geräusch unterbrach

den auf dem Schemel hockenden Kaufmann in seinen rückwärts gerichteten

Gedanken. Er fuhr auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag.

Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob sich der kahle

Schädel des Tischlermeisters Majunke, und seine befleckten Hemdsärmel

sägten aufgeregt durch die Luft.

»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die Zahnlücke,

»schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns übelnehmen. Herr

Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, man kann nicht wissen, was sie dazu

denken.«

Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot gepflasterten

Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten Kosaken eine

schmächtige Jünglingsgestalt in grauer Uniform, dessen blasses

kränkliches Antlitz der Konsul sich besann, schon einmal gesehen zu

haben. Richtig, das war einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins

erzählt hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen Vater, den

Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der glatt rasierte Knabe hielt

einen Bogen Papier in der Hand und sah kurzsichtig und mit blinzelnden

Augen in den dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug.

Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen Waffenrock zurecht, und

indem er ein wenig mit der Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein

einer amtlichen Würde.

»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme, in die er

vergeblich einen militärischen Kommandoton zu legen suchte, »ist hier der

Konsul Rudolf Bark anwesend?«

Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich.

»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz.

»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte Kind und

errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte sich förmlich.

»Unterleutnant von Karström,« stellte er sich vor.

Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen, sondern vor allem an der

flüssigen Aussprache des Deutschen, daß er einen Balten vor sich habe.

Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und fuhr fort:

»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie auf das Rathaus zu

unserem Kommandanten zu bringen.« Und einen Blick auf den eleganten hellen

Sommeranzug seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht, die

er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu: »Bitte bedecken Sie

sich mit Ihrem Hut.«

Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er erklärt, daß man ihn

barhäuptig hierher transportiert, da errötete der junge baltische Adlige

von neuem und schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst den

Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit.

»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,« half er deshalb

rasch ein, »einen Hut von einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht

wahr, Herr Kowalt, Sie sind so freundlich?«

»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balte ganz erleichtert

auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich, als der Kaufmann nun mit

dem abgetragenen fettigen Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm

vorüberschritt.

Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem Stuhl einen handfesten

Strick genommen, mit dem er sich nun dem Konsul geschäftig näherte.

»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich zusammenschrak.

Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. Da warf der junge

Offizier wie beschwörend die Rechte vor.

»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort in meiner

Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. Auf der Stelle wirfst

du den Strick fort.« Und sich zu dem gelassen dastehenden Rudolf Bark

wendend, versuchte der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen.

»Bitte vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit mit

einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung eines halbdeutschen

Adelshauses verriet, »das war keineswegs beabsichtigt.« Und indem er mit

dem Haupte auf den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf er noch

eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen Steppen. Die Leute haben

dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, die von der unsrigen erheblich

abweicht. Sie sollten daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein

Herr.«

»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem kaum merklichen

Lächeln.

Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter und befanden sich

bald in einer der nüchternen Gassen der Vorstadt. Aber wie hatte sich das

Gepräge dieses sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte

dem Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft brütete, einen

Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung feststellte. Obwohl

noch lange nicht die Stunde des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen

war, hatten die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und

Lattenverschläge vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen selbst

schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. Kein bekanntes Gesicht

wollte sich zeigen. Dafür wimmelte jedoch die fremde Soldateska gleich

einem schwarzen Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen

singend von den Landstraßen aus herein, und man sah es den befriedigten

Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung dieser ehemaligen Festung, die

längst ihre Bedeutung verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender

Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit Munitions- und

Artilleriekolonnen, und von dem Klirren der schweren Geschütze auf dem

schlechten Pflaster bebten die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch

andere Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren Ladung, obwohl

die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, durchaus nicht dem kriegerischen

Bedürfnis entsprach und deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark

hervorrief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann plötzlich in

seinem Weg inne und wies mit der Hand auf einen mächtigen Leiterwagen,

auf dem die tollsten Dinge widerspruchsvoll übereinander gepackt waren.

Seidene Möbel, eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor,

ungeheure Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, Mehlsäcke,

ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die Leiterbäume gepreßt, und die

drei kutschierenden Soldaten beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem

Bock die Keule eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken

Zähnen zu benagen und zu zerreißen.

»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen Bechers« beinahe der

Sprache beraubt, hervor.

Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot waren seine blassen

Wangen übergossen, und in seiner Scham und Bestürzung vermochte er nur

fast bittend hervorzubringen:

»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, ich weiß nicht, was

das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, wollen Sie mir rasch folgen, denn ich

habe Sie bis um sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«

Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild entfernte er

sich durch ein Seitengäßchen von der großen Fahrstraße, daß dem Konsul

bereits der Gedanke an Flucht durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick

auf das viele Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern

herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich aussichtslos

sofort wieder verwerfen. So gelangten sie vor das Gebäude des Magistrats,

das mit seinen mittelalterlichen, im Artus-Stil gehaltenen Lauben und

Bogengängen fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. Vor

dem Haupteingang schilderten zwei russische Infanteristen. Sie hatten

ihre Uniformen der noch immer herrschenden Hitze wegen über der Brust

aufgerissen und unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber das

war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, das seit gestern über

die Stadt dahingebraust war, so schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es

war etwas anderes. Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die

Stirn. Nein, er träumte nicht; -- oben von der Krönung des Torbogens war

das Wappenschild des preußischen Adlers herabgerissen und lag jetzt auf

dem Fahrdamm in der Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über

das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte von Malen war Rudolf

Bark achtlos an dem schwarzen Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn

genau befragt hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben

können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen überhaupt

eine derartige Verkörperung des Staates gethront habe. Jetzt aber, wo

absichtliche Geringschätzung, wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung

anderer das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es sich in

seiner Brust zusammen, und etwas von jenem ihm bisher ganz fremden Haß

wuchs atemraubend empor, von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der

fortan über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, alles Licht

überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen Augen schritt

er unter der grün-weißen Fahne hindurch, die jetzt die Stelle des alten

Wappens einnahm, und während er mit seinem jungen Führer die breiten,

ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein zählender

Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der Vernichtung angelangt

sei. Was war da noch lange zu überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der

ersten Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen bei

ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. Möglicherweise

war der Verwundete sogar schon seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er

eben vor ein Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich

des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber gab sich der

Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete ihn schon hier der

fertige Spruch. Nun gut, da nahm er wenigstens die Genugtuung in das

Unbetretene mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner

Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt zu haben.

Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung überkam ihn, als er jetzt vor der

bunten Glastür des Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte

recht wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer Mann

einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und er genoß ein seltsam

prickelndes Wohlbehagen, als er sich vorstellte, wie der Rotkopf mit den

leuchtenden Goldaugen später, viel später, wenn er längst unter einem

Galgen vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt von ihrem

Retter erzählen würde.

»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant von

Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.

Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es Rudolf Bark noch

durch den Sinn.

Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, über den gut

sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite des jungen Balten in den Saal.

Gemessen verbeugte er sich, dann blickte er sich um.

In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum zogen sich an beiden

Längsseiten, hintereinander ansteigend, die Schranken der Stadtverordneten

hin. Das Kopfende der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats

eingenommen, zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch überspannte

Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen auf den Bänken der

Stadtverordneten, von einem Pikett russischer Feldgendarmen bewacht,

der weißbärtige erste Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der

angesehensten Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über eine mit dem

Kommandanten soeben geführte Unterhaltung aus den müden, übernächtigten

Gesichtern abzulesen war. Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an

Stelle der Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes in

seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten Händen

sporenklirrend auf der grünen Plattform des Magistrats auf und ab, hatte

die Stirn gerunzelt und zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel,

als wenn es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung wieder

zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche Gestalt mit schlichtem,

graugescheiteltem Haar. Und trotz der ihm von seinem Amte auferlegten

Kürze, ließen die klugen, hellen Augen doch ahnen, daß er die

unglückliche Lage dieser Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte

sich der Kommandant rasch herum, und in demselben Moment durchzuckte

den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. Es war Oberst Geschow,

derselbe Offizier, dessen noble Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem

Ausflug über die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte

den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte die Fäuste in

die Hüften und rief mit kräftiger Stimme herunter:

»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten? =Mille tonnères=,

sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie sich nicht allein selbst, sondern die

ganze Bürgerschaft durch Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt

haben? --«

»Herr Oberst -- --«

»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein bemerken, daß

es für Ihre Handlungsweise keinerlei Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen

erst sagen, was es auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von

einem Zivilisten angefallen wird?«

»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: Ist für die

junge Dame, die sich gestern abend in meinem Hause befand, gesorgt worden?

Und darf ich hoffen, daß sie als Augenzeugin vernommen wird?«

Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, sondern beugte sich

vielmehr noch etwas weiter nach vorn. Aber die erste Erkundigung seines

Gefangenen schien ihn nicht unangenehm zu berühren.

»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den Kaufmann an. »Ihre

Landsleute werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns nicht als

Halbwilde zu betrachten. Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet

war, habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation begeben. Die

junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, hat mir an Ort und Stelle ihre

Angaben gemacht, und sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung,

und zwar unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief der

untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf den Holzbänken

herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte und Anstand zu erhalten,

keineswegs fehlt.«

Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. Rudolf Bark jedoch

verbeugte sich leicht. Er atmete auf. Also Isa in verhältnismäßiger

Sicherheit!

Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und begann wieder klirrend

auf der Plattform auf und nieder zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu

Zeit unter seinen grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick

auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an dem dem Kommandanten

augenscheinlich so viel gelegen war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll

Akten, Listen und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben,

sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.

»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« warf er

gereizt hin.

»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.

Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte sich ganz dicht

neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er an seinem starren grauen Schnurrbart.

»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man sah es ihm an, wie sehr

er diese Amtshandlung verwünschte. »Ich mache kein Hehl daraus, verehrter

Herr, mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei oder mit

Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist es nicht schändlich,«

fuhr er grimmig auf und stampfte mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm

gewordene Behörde zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie vielleicht,

Ihre Leute würden anders handeln? Es mag ja möglich sein, daß für Sie

gewisse Milderungsgründe in Betracht kommen -- ich gebe es zu,« schrie

er empört und schlug mit der Faust durch die Luft -- »aber =sacré nom

de dieu=, das alles erspart Ihnen keineswegs das Kriegsgericht. Es tut mir

leid, Herr Konsul, Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl

auch über die Folgen klar.«

»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.

Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem an seinem Bart,

bis er endlich, knurrend und fluchend, die drei grünen Stufen abermals

hinaufstieg. Kaum aber war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug

er mit der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig zurück. Im

nächsten Moment ließ er sich in einen der Magistratssessel sinken, schlug

die Arme untereinander und sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.

»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« preßte er sich zum

Schluß ab. »Das einzige, was ich in diesem besonderen Falle tun konnte,

das ist bereits erledigt. Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt,

daß Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten

Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine stumme Frage in

den Augen des Konsuls wahrzunehmen glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise

fort: »Sie haben dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was bei

der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.« Damit hob er den Arm

und revidierte die kleine Armbanduhr auf seinem Handgelenk. »Es ist

jetzt ein Viertel nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für

die Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den jungen

Unterleutnant.

Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus und meldete darauf,

daß das Gefährt schon vor dem Tor des Rathauses hielte.

»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, und ohne seinen

gesenkten Blick von den herumliegenden Akten abzulenken, sprach er mit mehr

innerer Bewegung als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine Herren.

Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner Maßnahmen einsehen, und ich

wünsche, wir könnten uns alle als zufriedene Untertanen des Zaren und

als Bürger eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre

Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«

* * * * *

Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit zwei langen Sitzbrettern

versehen, das war die würdige Equipage, die man für die als Geiseln

bestimmten Magistratsherren ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig

mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten Kutscher,

als auch auf dem letzten quergestellten Sitzbrett hockten ein paar

Infanteristen mit aufgepflanztem Bajonett.

»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« forderte der junge

Balte auf, der als Führer des Transportes zu dienen schien; und mit einem

gefälligen Lächeln wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie

wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen Dame zu sitzen? Ich

habe nichts dagegen.«

Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, dort am Ende des Wagens,

direkt vor der Wachmannschaft, da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel,

und der schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales Haupt,

als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. Als sie ihres Freundes

ansichtig wurde, da warf sie sich herum, musterte ihn von Kopf bis zu den

Füßen und winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz zeigte

sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, ja, sie lächelte

sogar, da der Kaufmann nun auf die Deichsel sprang, um dann über das

raschelnde Stroh bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der

Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, die darauf

schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde Ding sich bereits an

Gefangenschaft, Druck und Gefahr gewöhnt habe.

Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark unwillkürlich, als er

sich mit einem herzlichen Händedruck neben dem Mädchen niederließ und

nun gewahrte, wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen

seine Kopfbedeckung ausstreckte.

»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie zu diesem

fürchterlich fettigen Schmalztopf?«

Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei russischen

Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken begleitet wurde. Allein

der Konsul ging auf den Scherz nicht ein.

»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, »sind Sie

heil und gesund? Und hat man Sie ordentlich verpflegt, mein Kind?«

»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste Befangenheit setzte sie

hinzu: »Denken Sie sich, man hat mich sogar in Ihr Bett stecken wollen,

ich habe es aber höflich dankend abgelehnt.«

Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht von neuem. Er wollte

eigentlich so etwas erwidern, wie: »es wäre auch für mich zuviel der

Ehre gewesen,« aber die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der

Kleinen die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust sofort

wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb keine Zeit, denn inzwischen

hatten die Geiseln unter der Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters

auf den gegenüberliegenden Bänken Platz genommen, ein Korb mit

Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen verladen, und

nachdem als letzter Unterleutnant von Karström das Gefährt bestiegen, da

drohte der Soldat, der die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien

und wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen Transport von

Anfang an umlagert hatte.

»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben sich auch die Frauen und

Verwandten der Senatoren eingefunden. Pfui, sie weinen und schreien. Ich

möchte mir die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr

und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, um die das

Abendrot seinen glühenden Mantel schlang.

Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen Stößen ging es

über den Marktplatz. Aber gerade, als sie in die Hauptverkehrsader der

Stadt einlenkten, wo der Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit

einem ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus,

sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der Kirche mit ihren

grün-schwarzen Dächern zu umfangen, da bemerkte Isa befremdet, wie der

Gefährte neben ihr plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er

sich nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte aus, wie

jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte Gestalt emporsteigt.

Nur eine Sekunde. Dann schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse

herum, und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen Mauern.

»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht länger

zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang teilnehmend und

eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«

Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die verzogene Stirn und

das Nagen an der Unterlippe verrieten noch eine nicht überwundene innere

Bedrängnis. Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.

»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit angenommener

Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser Bekannter fiel mir auf,

nichts weiter.«

Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das Mädchen sofort

durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul beugte sich herab und sah

angelegentlich auf die Strohhaufen zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf

den gelben Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so außer

Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und doch grell und farbig

zurück. Eine rote Ziegelnische der Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus,

und hinter einer schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam

ein weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung erkannte

der Herr des »Goldenen Becher« ganz deutlich dieses stechende, schwarze

Augenpaar, das sich sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht

zu haben glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß über

das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung damit

fortwischen. Allein seine ausschwärmenden Gedanken ließen sich weder

binden noch fesseln. War der Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der

Kammerdiener Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem Grund

hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der Gefahr aus dem Hause

entfernt, um es nicht wieder zu betreten? Und weshalb suchte er sich auch

jetzt zu verbergen? Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen

ihren Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen hatten?

Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ seinen forschenden Blick eine

kurze Weile auf den plumpen unintelligenten Gesichtern der drei Wächter

auf dem Rücksitz ruhen.

Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber welche

Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete Persönlichkeit wie

Pawlowitsch bieten? Oder sollte die Bestechung und Unterwühlung der

unteren Volksschichten hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden

sein?

Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von den nahen Landseen

strich mit plötzlicher Kälte über die Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit

glitt Isas Hand an seinen Arm entlang.

»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.

»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine Spur, liebes Fräulein,

obwohl eine größere Reichhaltigkeit unserer Toiletten ja nicht ganz von

der Hand zu weisen wäre.«

Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne Stimme laut:

»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf der Herrschaften an

Kleidungsstücken, soweit es mir möglich ist, zu sorgen versuchen,« warf

der russische Unterleutnant, der dem Paar gegenüber saß und das letzte

wohl aufgefangen hatte, höflich dazwischen.

Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen der Räder

und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern rechts und links von der

Fahrstraße schwamm noch der Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges.

Die hohen reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen,

und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen Landseen. An dem noch

mattblauen Himmel stand die volle goldene Scheibe des Mondes, und aus

den Feldern drang stark und unablässig das tausendfältige Singen und

Schwingen der Heimchen.

Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie man ihn oft achtlos

durchwandert und genossen. Aber den Vorüberfahrenden bedrückte all

diese süße Heimlichkeit ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile

des Schweigens und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken

Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten Häuschen zeigten

sich noch unversehrt, das struppige Strohdach des uralten Kirchleins senkte

sich noch immer fast bis auf den Boden herab, nur statt der spielenden

Kinder liefen auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend

durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit der Peitsche

nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die bisher hier geweilt hatten?

Nicht ein einziger war mehr zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut

des Krieges längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man

überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den offenen Türen auf

Bänken und Stühlen sitzen, und die Vorüberfahrenden gewahrten, wie

die Fremden das zurückgebliebene Gerät der Abwesenden rücksichtslos

benutzten.

Vorbei.

Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und den Kirschbäumen des

Weges rief nur noch die Schwarzdrossel ihren vollen kräftigen Schlag,

und im Lichte des Mondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits

huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach halblaut ein paar

Strophen aus dem Lenauschen Gedicht »Der Postillon«:

»Wald und Flur im schnellen Zug

Kaum gegrüßt -- gemieden;

Und vorbei, wie Traumesflug,

Schwand der Dörfer Frieden.«

Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit erzeugen, aber

um so stärker und inniger griffen diese deutschen Laute an das Gemüt der

Gefangenen.

Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in unnütze Vermutungen

über das sie erwartende Los zu ergehen, geben sich diese harten

Geschäftsmenschen der Erinnerung an die halbvergessenen Poesien eines

Dichters hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen.

Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des Kaufmanns unbemerkt

die Finger seiner Gefährtin, und während er sie tröstend drückte,

fragte er sorgsam:

»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und Schwestern zurück,

nicht wahr?«

Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen verstummen.

»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen werden, wenn ich jetzt

nicht für Sie reden und eintreten könnte? Ganz gewiß, ich freue mich

furchtbar, daß auch ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.«

Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat, tief unter den von

dannen Geführten blinzelten bereits aus dem großen dunklen verschlafenen

Land einzelne Lichter der Fremde herauf.

»Weiter ging's durch Feld und Hag

Mit verhängtem Zügel;

Lang' mir noch im Ohre lag

Jener Klang vom Hügel.«

Die Herrin und ihr Knecht · 第 13 / 21 题