Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.«

Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, -- denn das schneeweiße

Männchen zitterte auffällig am ganzen Leib -- mußte das Halbblut sein

Entzücken über jede Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch

gelangte immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er stützte sich auf

den Ellbogen, und seine kühlen Augen hefteten durch die Schatten der

Nacht einen spähenden Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die

elektrische Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht blieb

aus.

»Was ist das, Pawlowitsch?«

»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum, und es war,

als ob seine Zähne leise gegeneinander klapperten, »ich glaube, sie haben

die Drähte bereits zerschnitten.«

»So, so, -- aber eines ist doch seltsam, wie hast du mitten in der Nacht

die russischen Patrouillen auf der Chaussee feststellen können?«

Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte kräftig in die

Brustfalte des Alten. Der Herangezogene wandte sich und setzte mehrfach zum

Sprechen an, bevor er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte.

»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl -- ich konnte nicht schlafen -- die Hitze

-- ich mußte in den letzten Nächten immer spazieren gehen -- die

Angst -- --«

»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf. Bringe mir sofort

meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute und haben nach unserem Eigentum

zu sehen.«

»Ja gewiß, Herr Konsuhl.«

»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?«

»Alle.«

»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel an

nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und bestellst, daß heute

früh, wie an jedem anderen Tage hier gearbeitet wird. Sie sollen sich

durch die Hintergasse in dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort

das Tor verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du mich

verstanden, Pawlowitsch?«

»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug von gestern

abend.«

Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du brauchst mir nicht zu

helfen. Aber Licht muß ich haben. Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch

in das Detailgeschäft und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst

du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!«

»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister, der, anstatt sich zu

entfernen, unschlüssig an der mit Fries gepolsterten Tür stehen geblieben

war, um nun krampfhaft die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,«

rief er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht wenigstens noch

das Service mit heißem Kaffee in das Arbeitszimmer bringen?«

»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell wie noch nie in

seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter zurück. »Aber nun,

Mensch, wirf endlich die Beine um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu

Rasiergesprächen.«

»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl -- guten Morgen -- die Jungfrau

Maria behüte Sie.«

Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen Wasser

befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal in sein altertümliches Büro

herab. Merkwürdig, die Kerzen brannten schon überall auf Tischen und

allen erdenkbaren Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit

seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten ging unter den weißen

gotischen Bogen dahin, und die starren blassen Gesichter der Evangelisten

in den Mauernischen, sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn

auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten. Auf dem Sockel der

großen Petrusstatue stand eine alte Blechlaterne aus dem Geschäft, und

die in ihr brennende Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen

Riesen empor. Weihrauch der Angst.

Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn etwas wie ein

Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender Frost. Es war doch gut,

daß der alte Mann an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo

blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen Schreibtisch und

drückte auf den elektrischen Knopf. Die Klingel ließ ihr feines Rasseln

ertönen. Doppelt schrill klang es in dem verlassenen Haus. Allein der

Geforderte ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen?

Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener und zäher Patron war,

diesmal wirklich so aus der Fassung gebracht worden sein, daß er sogar

den Wunsch seines Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? Von

einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der Herr des Goldenen

Bechers die kleine Blechlaterne, um sich über das merkwürdige Fernbleiben

seines Verwalters auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die

altertümlichen Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, geschmeidig,

mit unhörbaren Schritten, über Treppen und schmale Altane, und nichts

Lebendiges fand er, als seinen eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß

voraufeilte. So gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von

Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche befand. Die Tür

stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig streckte der Konsul die Laterne

in den verlassenen Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein

zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen Züge einen

immer herberen und kühleren Ausdruck an. Deutlich offenbarte ihm sein

geschäftlicher, von allen Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn,

mit dem Verhalten seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis

besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen erfüllte

ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens für die Sicherheit des Hauses

gesorgt hatte? In ein paar kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite

knarrende Holztreppe in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief

über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte Einfahrt

hinaus, um sich von dem Verschluß der mächtigen Eisentür zu überzeugen.

Im ungewissen Schein der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen

Eisenquerbäume ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren

eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten Kopf aus einer

frühen Zeit der Technik fand seine fühlende Hand fest im Schloß.

Beruhigt atmete er auf. Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben,

die sich wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen,

stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des neuen Tages. Schwalben

schossen dort draußen zirpend durch die Luft, und ganz von fern meldete

sich ein eigentümliches Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren

eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen hätten. Der

Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie vor das rauchende Licht:

ein Viertel auf drei. Wer konnte zu dieser frühen Stunde eiserne

Gerätschaften in die Stadt transportieren? Oder sollte sich die Meldung

von Pawlowitsch im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat etwas, was

er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte träumen lassen. Er

legte das Ohr an die kalte Platte der Tür und lauschte angestrengt auf das

nervenerregende Geräusch, das sich dort draußen in der Weite immer mehr

verstärkte.

Da -- was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über den Markt, das

gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden verkündete sich und brach

wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar vor seiner Tür schien ein Wagen zu

halten. Gleich darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber

es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von einer schwächlichen

Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann nahm er sich zusammen und rief mit

seinem gemütskalten Ton:

»Heda, wer ist dort draußen?«

Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, als die

wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken durch das Schlüsselloch

hindurchflüsterte:

»Herr Konsul -- ich bin es -- Isa -- schnell machen Sie auf, ich bin in

großer Gefahr.«

In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, ächzend schiebt

sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, und im Dämmergrauen des

Morgens wirft sich ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel

flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.

Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein Unwetter davon.

»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie kommst du hierher?«

Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle Erziehung und

Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen nur das schutzbedürftige

Kind, dessen fröhliches Heranwachsen er wie ein Vater beobachten

durfte. Jetzt klammert sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren,

befremdlichen Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf die nahe

Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der Kaufmann nicht länger. Mit

der Rechten wirft er auf einen Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne

weitere Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, in das

Refektorium.

Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten bewegen sich und

schütteln die Häupter, und die blauen Holzaugen des Himmelspförtners

wetterleuchten im Glanz, als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann

seine Last in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz

sacht und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu denken, den

Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. Dann zieht der Herr des

Goldenen Bechers für sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich

so, daß er dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. Geduldig

wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die dichten Wimpern heben.

Kaum aber trifft ihn der erste Blick aus diesen klugen frühreifen Augen,

da besinnt sich Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis,

das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding waltet, er entreißt

sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich vor und klopft ihr wohlwollend,

herablassend die weiche Wange.

»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar ehrenvoll, aber doch

leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig wie mein eigenes Gespenst durch

das Haus schlürfte, ja, dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen

Träumen wecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was treibt Sie

her? Wie steht es in Maritzken? Was macht Johanna?«

Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine Hand ergreift und sich

auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt, als müsse sie aus Furcht vor

der großen, leeren, fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses

all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt

sitzen sie, und in überstürzter Schilderung entwirft der feine Mund

dem immer gespannter Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese

furchtbarste Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft der Mann

zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich daran, die einzelnen

Gegenden zu wissen, an die sich für Isa so schreckhafte Erinnerungen

knüpfen, er wirft ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp

begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen umgangen, er fragt nach

Zahl, Bewaffnung und Sprache der Uniformierten, und allmählich quillt

der Verschüchterten aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine neue

Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm stehen, das Ganze

bildet vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis, denn Rudolf

Bark lehnt ja vor ihr in seinem modischen Anzug, der nichts von seiner

tadellosen Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen

Nüchternheit, deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets das Ziel

einer sie erregenden Bewunderung gewesen.

»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die Umgegend von diesen

schrecklichen Menschen überschwemmt wird?«

»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.«

Ein schnelles Atmen.

»Und wird das für Sie und für Johanna und auch für mich mit Gefahr

verknüpft sein? Sie können es mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut

nacht erlebt, bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben gehen

oder werden wir verschleppt werden?«

»Liebes Kind« -- der Kaufmann sah seiner Gewohnheit gemäß auf die

Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister, dem langjährigen

Brauch folgend, hingestellt, und blickte dann in das blasse Gesicht

seiner Gefährtin empor; in der gleichen Minute aber war er mit seinen

blitzschnellen Erwägungen auch schon am Ende angelangt -- »liebes Kind,

ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich alles mögliche

aufbieten werden, um bei der kommenden Besetzung die Ordnung und die

Sicherheit aufrecht zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen

guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß, so werden sie nach

meiner Meinung hier mehr als die guten Naturburschen auftreten, mit denen

es sich leicht und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine

persönliche Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden

ungeheure Summen verloren gehen.«

»Auch Ihnen, Herr Konsul?«

»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten sind, so werden

alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen, auf denen der Handel beruht,

und es wird bald eine traurige Lähmung eintreten, eine sehr traurige.«

Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und doch verzieht sich in

dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene.

Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen geben, als

die unverhüllte Sorge um Leben und Wohlergehen, und urplötzlich fliegt

ein helles, huschendes Rot über ihr verstörtes Gesicht.

Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem steifen Regenmantel:

»Herr Konsul Bark.«

Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten in der langsam

vorüberkriechenden Nacht so frisch und lebenshell, daß der Geschäftsmann

unvermutet den ihn umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz

verwundert an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche

Fortbleiben seines Verwalters, an das leere verschlossene Haus voller

Vorräte, und an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mädchen, das er

irgendwie behüten muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel

dazu fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer rasselnden

Eisenladung immer näher. Und als er jetzt seinen Blick umherschweifen

läßt, als er innen hinter den vergitterten Fenstern die fest

geschlossenen Holzläden prüft, und indem er erwägt, wie lange die halb

herabgebrannten Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die

merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser schlimmen,

eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches Mädchen steht, mit dem

er sich allein in einem festungsähnlich verbarrikadierten Hause befindet.

Es ist zwar lächerlich, jetzt über derartiges nachzudenken, aber in

dem bangen Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd

durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, wenn der Zug

donnernd vorüberbraust. Nein, er muß sich auf etwas Wirkliches, auf etwas

Vorhandenes beschränken. Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, wie

ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da unterdrückt er gewaltsam

eine ihn umspinnende Schlaffheit, die wohl von der Aufregung und der

unterbrochenen Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert

und sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne Hirn.

Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. In dem biegsamen Körper,

der wie eine Stahlklinge jedem Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die

Überlegung aufgetaucht von Einhalten und Schonung und herannahendem Alter.

Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch einmal entschlossen

auf den elektrischen Knopf zu drücken, in der Hoffnung, sein Hausmeister

könnte sich vielleicht doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl

ihm ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf mit den

rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung und Not findet er

es dumm und verächtlich, solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist

eben ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum zu kümmern,

das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte Geschäftshaus, an dem seine

ganze Existenz hängt, zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern

zum Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald herrschen

soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. Tee und Wein, Kaffee und

Zucker, Reis, Tabak, Schokolade und ungeheure Mengen lockender Konserven.

Wenn seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem ehemaligen

Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon nicht mehr Keller, sondern

unterirdische Gänge nennen kann. Dort muß ein großer Teil der Vorräte

verborgen werden.

Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt und der Prinzipal

merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang vergeblich läutet. Pawlowitsch

bleibt verschwunden, aber der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet

sich immer ungestümer.

Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft wendet er sich an

seinen Gast und fragt so dringend und kurz, wie er seine Angestellten

anzureden gewohnt ist:

»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie Kaffee kochen?«

»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, Herr Konsul

Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«

Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären versucht, und

unmittelbar darauf huscht die Kleine schon, die Laterne in der Hand, über

Treppen und wurmstichige Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht

ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre Tritte auf

den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft um die vorspringenden

Mauerecken herumstreicht, und vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener

Schatten an den Wänden hin und her hüpft! Und doch -- das ängstliche

Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich gewiesen. Was

würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch benähme. Nein, weiter,

weiter, trotz Grauen und häufigem bangen Zurückschauen.

»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er den Rotkopf auf

einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich irdene Kanne, umgeben

von ein paar eilig zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo

haben Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das tut

nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding hier sehr

vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein wenig herab und schnuppert

herum. »Also wirklich ein großartiges Aroma! -- Tischzeug? Nein, mein

Kind, das vermag ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein

nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen Sie auf, der

Trank wird uns auch so munden. Es ist eben Belagerungskaffee.«

Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr, schlürfen von

dem brennend heißen Getränk und beginnen an ihrer trostlosen Vereinsamung

beinahe ein romantisches Gefallen zu finden.

Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen, und

hingegeben an den wohligen Schauer der immer näher rückenden Gefahr,

horchen sie auf die wilden Geräusche, von denen draußen die Straße

widerhallt. Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt,

gröhlende Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen

herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter der Fenster

hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen innen gegen die geschlossenen

Holzläden.

»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt wieder mechanisch

über die bebende Mädchenhand.

Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf der Lehne des

Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe ihres Gefährten wirkt so

stark auf sie, daß sie sogar versucht, das rasche Jagen ihrer Brust zu

bezwingen.

Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft hebt sich

die lähmende Ruhe des großen Gemaches ab von dem dröhnenden Toben

der Straße. Und so schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste

angestrengte Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich hinein, daß

nicht allein die schneidenden Schwingungen der fremdartigen Hornsignale,

die dort draußen den Lärm übergellen, ihr Innerstes durchstoßen,

sondern auch das Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum

Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 12 / 21 题