Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel empor, auf dem er die
lange finstere Nacht verhockt hatte. Ungläubig ließ er seinen Blick über
die vielen Menschen dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des
Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter Geruchssinn
empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere Luft, die bereits in
Fäulnis übergegangen zu sein schien. An allen Gliedern zerschlagen,
richtete sich der Großkaufmann auf, strich sich mit den Händen sein
braunes Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen Morgen
nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit wohlriechenden Bürsten
geglättet wurde, und gewöhnt, auch den widrigsten Umständen eine
besonnene und überlegte Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine
Müdigkeit gewaltsam ab und drängte sich durch die auf dem blanken
Erdboden herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle,
eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu donnern begann.
»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der fette Tischler
Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die ihm der gestrige Nachmittag
eingetragen, und zugleich hob der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel
in die Höhe, um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom
perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen Herr Konsul Bark,
-- Sie entschuldigen wohl, wenn ich als einfacher Mann -- aber die dort
draußen, die verfluchten Breitmützen, sie könnten uns einen solchen
Spektakel übelnehmen.«
Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler Kowalt mit seiner
rot und schwarz karierten Weste auf und schwenkte über den Häuptern
der anderen wütend einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner
Verhaftung merkwürdigerweise gelassen.
»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen Augen auf,
»alles mit Ordnung -- Unsinn -- bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens
Kaffee oder Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich nicht
recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«
Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung seiner Gefährten nicht
im geringsten, er hörte sie wohl gar nicht, sondern hämmerte mit
rücksichtsloser Wut weiter.
Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen der Erleichterung
folgte. Draußen auf dem halbfinsteren Korridor stand ein untersetzter
Kosak, eine schmutzige Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der
schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr mit aufgepflanztem
Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls eben erst seiner Nachtruhe
auf den Steinfliesen entrissen zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken
zeichneten sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte
sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.
Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß
der Kriegsknecht ihm unbedingten Gehorsam schulde.
»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden
vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm diese Karte und bringen Sie mir ohne
Aufenthalt Nachricht.« Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos
Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend vor den
Wächter auf die roten Ziegel.
Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls und der Bewunderung
ging durch ihre gedrückten Reihen. Ja, das war die richtige Art, mit
diesen Halbwilden Geschäfte abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn
man bloß so in die Tasche zu langen brauchte -- fein, fein! Ein großer
Herr!
Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung. Umständlich kniete
er in seinen faltigen Gewändern nieder, lehnte das Gewehr an die Wand, und
nachdem er das Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er
liegen und grinste in die offene Tür hinein.
»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden wünsche ich zu
sprechen,« rief der Konsul, indem er sich mühsam der russischen Sprache
bediente.
Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare, dann aber, als
er ernstlicher über das Verlangen seines vornehmen Gefangenen nachgedacht
hatte, streckte er den Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und
schmetterte mit einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß.
»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt und führte einen
schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel gegen das eisenbeschlagene Holz.
»Unsinn -- wer wird uns hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa,
wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns zwischen die Pferde und
dann -- hui nach Sibirien. Unsinn!«
Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch nach
alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die Ohren fielen,
streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließ ungeniert dicke Tränen auf
seinen schwarzseidenen Rock herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein:
»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen -- Gott, Gott, meine
arme Frau hat -- -- --«
»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,« begütigte
der ängstliche Tischlermeister Majunke und stellte sich quer vor die Tür,
als wolle er jedes verdächtige Wort abwehren und auffangen.
Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur der Konsul äußerte
nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn, dachte nach und schritt mit seinem
elastischen Gang an den verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er
die Arme untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten
eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich wie immer von seinen
Lippen:
»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen, wie Sie hierher
gekommen sind. Da ich alles daran setzen werde, um mir Gehör zu
verschaffen, kann es für Sie nur nützlich sein, wenn ich auch Ihre
Angelegenheiten vor die geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie
war's?«
In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen eine feuchte brütende
Hitze um die vielen Menschenköpfe herumwogte, zog nun vor aufhorchenden
Ohren Schicksal um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend.
Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge all dieses Trübsals
kurze schlagkräftige Bemerkungen in seinen winzigen goldenen Notizblock.
Immer heißer und stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng
Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, und die Unruhe, ob
sie Gehör und Gerechtigkeit bei den fremden Gewalthabern finden würden,
zehrte an ihnen, wie ein gefräßiges Tier.
Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche Hoffnung.
Stunde auf Stunde verging, und aus den Schlägen der Kirchturmuhr von
St. Sebaldus, die als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den
Eingekerkerten sich hineinschwangen, erkannten die aus dem lebendigen
Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.
Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag angebrochen sein.
»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie nicht reizen!«
»Unsinn, -- wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, dann stoß ich die
Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«
»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so schreien? Ich sag' Ihnen,
mich haben sie gestern schon mit ihren Knuten geprügelt, und meine arme
Frau hat -- --«
Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten Kehlen durcheinander,
als wollten sie sich selbst den schwachen Trost gönnen, daß sie noch
nicht erstorben seien. Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all
diese kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig über
das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, den ihm die
anderen aus altgewohnter Ehrfurcht willig überlassen, starrte über die
schweißnassen Häupter der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein,
und manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der schmutzigen,
spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre und auf dieser belichteten
Stelle sich selbst und das rote Mädchen und die verdämmerten
Mosaikgestalten der Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das
eigentlich sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem Schreibtisch
sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus den
halbzerbrochenen goldenen Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen
eine hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister Sassin
befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, und ein heftiges
Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren die Eindringlinge in das fest
verschlossene Haus hineingelangt? Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte
sich sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem offenbar
trunkenen Zustande den Arm um die Taille des zitternden Mädchens zu
schlingen? Bei Gott, er hob die Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und
Bildern des Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er umher,
als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. Dann ein Knall, und ein
grauer Flor umschleierte wieder die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie
in ihren Nebel zurückkehren? -- Wie war denn das alles?
* * * * *
Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste deutsche
Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, ob überhaupt eine
ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig suchte man nach beruhigenden Gründen,
warum die preußische Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann
verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem Ordnungssinn daran
fest, daß an eine kriegerische Austragung vorläufig gar nicht zu denken
wäre, weil ja über die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen
Zaren gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei
widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen Speicher, die
Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben räumen und ohne Aufsicht
lassen sollte, da tauchte eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und
Dämmerung der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit den
goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach seines Gebieters auf und
zupfte hastig an den weißen Kopfkissen.
»Herr Konsuhl, -- verzeihen Sie -- wachen Sie auf -- auf den Chausseen vor
der Stadt streift russische Kavallerie herum.«
Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte, das von den
Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf und rückte an dem
eleganten Nachtanzug.
»Du bist verrückt, Pawlowitsch.«