Dimitri Sergewitsch Fergussow.«

* * * * *

Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll

gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen

übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der

Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war,

um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße

leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde

gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins

ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser

auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst

an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener

war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre

sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich

um eine strahlende Siegesfeier handele.

Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?

Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich

zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von

ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde.

Und die Gutsbesitzerin erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie

die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre

kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche

Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu

verleihen suchten.

Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu

mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner

vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin

täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden.

Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes

Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder

Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten

Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch

zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen

nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch

geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der

im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier

teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte

die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die

erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu

erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen

Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie

hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit

dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen

rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an

sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden

nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar,

und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs übersehen: an ihrem Tisch

saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß

über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß

zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es

sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner

Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus

seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die

überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und

Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war.

Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so

wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden

Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft

aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um

an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese

Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre

eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses

Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß,

mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und

Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich

nicht lohne anzukämpfen.

Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden

anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden

Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes

mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern

spritzten kleine züngelnde Flammen hervor.

Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem

unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten denken!? Und mit Grauen

stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein

›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt

hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier

mußte sie Halt gebieten.

Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden

Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr

vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute

Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben

Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das

Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser

Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden

sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen

Art vor ihr zu verneigen.

»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise

meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an

Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir

wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht

ausschließen.«

Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit

in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen

gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der

herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst

ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das

Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief,

bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas

Unwillkommenes von sich abzustreifen schien.

»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht,

»ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die

Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.«

Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch

überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine

Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen

wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich

danke Ihnen.«

Zweites Buch.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 10 / 21 题