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Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll
gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen
übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der
Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war,
um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße
leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde
gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins
ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser
auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst
an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener
war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre
sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich
um eine strahlende Siegesfeier handele.
Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?
Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich
zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von
ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde.
Und die Gutsbesitzerin erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie
die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre
kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche
Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu
verleihen suchten.
Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu
mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner
vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin
täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden.
Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes
Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder
Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten
Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch
zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen
nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch
geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der
im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier
teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte
die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die
erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu
erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen
Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie
hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit
dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen
rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an
sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden
nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar,
und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs übersehen: an ihrem Tisch
saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß
über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß
zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es
sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner
Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus
seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die
überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und
Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war.
Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so
wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden
Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft
aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um
an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese
Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre
eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses
Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß,
mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und
Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich
nicht lohne anzukämpfen.
Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden
anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden
Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes
mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern
spritzten kleine züngelnde Flammen hervor.
Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem
unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten denken!? Und mit Grauen
stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein
›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt
hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier
mußte sie Halt gebieten.
Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden
Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr
vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute
Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben
Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das
Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser
Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden
sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen
Art vor ihr zu verneigen.
»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise
meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an
Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir
wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht
ausschließen.«
Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit
in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen
gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der
herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst
ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das
Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief,
bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas
Unwillkommenes von sich abzustreifen schien.
»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht,
»ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die
Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.«
Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch
überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine
Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen
wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich
danke Ihnen.«
Zweites Buch.