Eben meldete sich ein sanfteres Rollen, da schrien mehrere wilde Stimmen
neben ihnen auf. Ein sausender Schlag wie mit einem eisernen Schaft traf
das lederne Verdeck, die Wagenpferde stiegen und wieherten, ein erneutes
tolles Herumschwenken und abermals rauschte und strich das Meer der
wogenden Ähren um die versinkenden Räder herum.
Allein das Mädchen fürchtete nichts mehr, denn das klare Bewußtsein war
ihr untergegangen.
Als Isa wieder zu sich kam, da wölbte sich über ihr der mit
Wappenschilden bunt bemalte Torbogen der Stadt. Trüber Mondschein sickerte
noch aus den Wolken. Auf dem Bock saß Baumgartner, und obwohl dem Treuen
über das übernächtigte Antlitz der Schweiß rann, fragte er doch
freundlich, erlöst:
»Wohin, Fräuleinchen?«
Isa besann sich nicht:
»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch.
* * * * *
Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze der Nacht die hohe
Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch gehüllt lehnte Johanna eine
Weile an der Einfahrt und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch
immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde.
Kein Laut.
Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden schweren
Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und dazwischen strich ein
feuchter Wind zischend und raschelnd um die Pfeiler der Einfahrt. Eine
leise Unruhe stieg in der Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht
irgendwo eine Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach
bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten. Fröstelnd hüllte sie
sich tiefer in das warme Tuch und schritt langsam über den Hof zurück.
Überall waltete schwere lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein
vereinzeltes Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten
Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme heraus. Dicht vor dem
Hause lösten sich zwei schlanke Schatten ab. Es waren die beiden munteren
Schäferhunde, die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen.
Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die Finsternis.
Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da legte die Sorgliche
die Hand auf eine der Türklinken, um zu prüfen, ob auch überall
verschlossen wäre. Dann stieg sie in den ersten Stock hinauf und blieb
vor Mariannes kleinem Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des
Petroleumlämpchens, das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte,
konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen verzog, als sie jetzt
die tiefen Atemzüge der dort drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing.
Bedrückt schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang sich
ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer aufzusuchen.
Überaus eng und einfach bot sich der weiß gedielte Raum dar. Ein festes
eichenes Bett, darüber an der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz
des Erlösers, ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite
Eichenkommode, die zugleich als Waschtisch diente, -- sonst nichts. Kein
Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing der gebräunte Buntstich
des Preußenprinzen Louis Ferdinand, und die dunklen, schwermütigen Augen
des Bildes verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart
auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie daran, zum
erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre fleißigen Hände in dem Schoß zu
verschränken. Das einzige Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und
die Einsame wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen schüttelten
die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden Kronen, und die Blätter
wisperten und raunten in scharfer, spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob
sie sich, um das Fenster zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos
zu entkleiden. Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem es
entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel. Aber die Besitzerin
dieses Schmuckes wandte keinen Blick auf die weiche Pracht, sondern warf
hastig ihre Bluse ab. Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie
merkte, wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über die
entblößten Arme schnitt.
Jetzt -- aber mein Gott, was war das? Was bedeutete es, daß die Augen des
toten Prinzen dort oben auf dem Bilde einen immer sprechenderen Ausdruck
annahmen? Ein matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier
spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag etwas
Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild ihr auf Schulter und
Nacken herabschaute.
Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der matte Schlag
der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten schwere Tropfen, jetzt
ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben. Ein unablässiges Spritzen und
Rinnen. Sie wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters in der
Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte, leise hin und her bewegt
wurde. Um das Lämpchen auf dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein
winziger Nachtfalter. Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner
Flügel.
Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die Geräusche. Das
Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich tiefer zu verhüllen, sie griff
in den weißen Bettüberzug, lehnte sich weiter zurück, und noch einmal
war es der Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender Blick
das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben zu verscheuchen.
Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube wurde es
still.
War es das klirrende Summen des Nachtfalters oder wurden in der Tat vor
den Ohren der Dahingesunkenen weiche Saitenklänge laut? Aber wie fern und
fremdartig! »Es ist ein tatarisches Bauernlied,« sagte eine schmeichelnde
Stimme, vor der sich Johanna wie in Schmerzen hin und her wand, »gestatten
Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen den Text übersetze:
»Ich küsse dich, Anuschka.
Ich küsse dich, Iwan.
Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«
Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die Scheiben, und die
Tür des kleinen Zimmers brach auf.
»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste, Sie um diese
Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende Stimme fort, und ein Hauch
von Kälte und Feuchtigkeit strömte über das Lager.
Entsetzen!
Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt fiel zu Boden, und ihre
Rechte rieb wild über ihre Augenlider, als sei es nur so möglich, dieses
wahnsinnige Traumbild zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in
einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen triefte, und sobald
es sich bewegte, klirrten Sporen und Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch,
diese halb traurigen, halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen auf der
von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen.
Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen, so lag sie
kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die matteste Bewegung ihre
Blöße zu decken, und während ihre gebannte Zunge den Versuch machte,
einen verständlichen Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre
herumirrenden Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten,
an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den der Eindringling
gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe von dem herabwallenden Mantel
halb verborgen wurde.
Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen Zimmer nichts mehr,
in dumpfem Anschlag hörte man den Falter gegen den glühenden Zylinder
taumeln, die Menschen jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie
festgeschmiedet. Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher
röchelten, als ob ein Sterbender von allem Gewohnten Abschied nimmt, da
schüttelte der verhüllte Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte
begütigend die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie die Waffe
sich mit über das weiße Linnen schob.
»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme von neuem, die das
Deutsche in einem so wunderlich reizvollen Tonfall vortrug, »bitte nehmen
Sie die Situation, wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe
allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon der Umstand,
daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft genieße, muß Sie von dem
Mangel jeder persönlichen Gefahr überzeugen.«
Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas Kaltes, feucht
Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und mit der Berührung schoß
ihr ihre Lage, ihre rettungslose Auslieferung an eine fremde Gewalt mit
schmerzhafter Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah
der durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit einer
gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine Art von Bewunderung für
die furchtlose Ruhe, die so unvermutet in den eben noch verstörten Zügen
lebendig wurde. Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes,
das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, und er konnte nicht
umhin, seine zudringlichen Augen niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie
mit rastlosen Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.
»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh ihrer Kehle
entwand, während sie mit einer raschen Bewegung aus dem Bett glitt. Ganz
nah stand sie dem Manne jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig
entsann, daß er Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals
zusammengefaltet, und ihre langen hellen Haare fielen ihr über die
Schulter.
Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel bebten ein
wenig, und in seinen Blick drang etwas Unsicheres, das zu seiner gewohnten
vornehmen Überlegenheit nicht völlig paßte.
»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal hervor, und ihre in
der matten Beleuchtung fast dunklen Augen umspannten aufmerksam die nahe
Tür, als begänne sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang
gewinnen könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« setzte
sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr Gerechtigkeitssinn klammerte
sich selbst in diesem Weltuntergang an Ordnung und Herkommen.
Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß sich mit einem
entschuldigenden Murmeln die durchnäßte grüngraue Mütze von seinem
Lockenhaupt, denn jetzt, da die große blonde Nemza so kühl und frostig,
wie er sie im Gedächtnis bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich
sein anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame stände und
zwar in ihrem Schlafgemach.
»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe in
die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber nicht unnötig zu
ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, daß ich für Sie der erste
Bote der bereits seit gestern begonnenen Streitigkeiten sein muß. Ob diese
Differenzen vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht
in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch für uns
Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen bin.«
In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte der Dragoner
augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich hinter ihm ein Poltern und
Schreien erhob. Ein paar völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe
durchweichte Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten
eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig in das offene
Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, das Johanna, obwohl sie jetzt
erst den vollen Ernst ihrer Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.
»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von Beängstigung
zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme klang streng und ernst
wie immer, »bitte schicken Sie Ihre Leute fort, denn ich bin nicht so
bekleidet, um mich vor Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für
Sie. Und dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und welches
Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken erwartet.«
Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch vor und
rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber seine Weise, Befehle zu erteilen,
schien von der Gewöhnung diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten
sich die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen Flur zusammen
und tappten lautlos die Treppe herunter. Nur ein starker Mann, der wohl die
Charge eines Wachtmeisters einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich
und erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten über die
Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal unentschlossen hin und her,
um dann von neuem auf die Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch
klang seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern sie
war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der für seine Wünsche
Beachtung zu finden gesonnen ist.
»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, Ihnen
erst morgen meine Aufwartung zu machen, wenn ein Unfall uns nicht zwänge,
Ihre tätige Mitwirkung zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes
Zimmer für einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort.
»Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer bekannten
Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie wir ihn von einem uns
freundschaftlich nahestehenden Herrn nicht erwarten durften.«
»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna von einer Ahnung
durchschlagen.
Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das Haupt. »Ich bedaure,
darüber keine Auskunft erteilen zu können,« lehnte er mit einer leichten
Verbeugung ab. »Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen
verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu wollen. Er glaubte,
hier eine unserer Sanitätskolonnen erreichen zu können, aber dieses
Vorhaben ist uns leider mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein
Fräulein, sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns
sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe anvertrauen.«
»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von Maritzken
gepreßt.
Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.
»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« wandte er immer noch
mit seiner konzilianten Haltung ein, »allein wie ich schon betonte, unser
Fall verlangt die größte Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte
er dann noch zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht
nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen jeder Respekt
entgegengebracht werden!«
Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die kleine Petroleumlampe,
trat an die Schwelle der Tür und hob die Leuchte hoch in die Höhe.
Johanna aber durchdrang, während sie schweigend an ihm vorüberschritt,
zum erstenmal das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war ja
eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als der fremde Mann,
der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den Porzellangriff
des Lämpchens umklammerte, mit einer Selbstverständlichkeit, als
hätte von nun an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und ohne
Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem Landfräulein etwas
ins Herz. Etwas, das nie wieder heilen sollte und wodurch in ihr Denken
ein Verlangen hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht
zu deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges Gleichmaß
schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr geheißen war, stieg sie
die Treppe herunter, ihre Hände zogen noch immer instinktiv die leinene
Hülle fest unter ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl
und folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu treffen
wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden bereits ein Unheil
widerfahren sein könnte, da spürte sie in den Tiefen ihres Wesens
ein unheimliches wildes Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein
unstillbares Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn ihr Mund
lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst Fergussow gefolgt. Sie
hörte seine Sporen noch auf den Stufen klirren, als sie bereits zu ebener
Erde vor einer breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel
des mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch war das
Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz verklungen, als hinter
der Abgewandten eine hohle Stimme sich bemerkbar machte, die mit größter
Anstrengung Mark und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.
»Ah =bon soir=, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen
Lauten.
Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben Lampenlicht, das vor
der einströmenden Luft zuckte und flimmerte, fing sie mit Schauder auf,
wie neben dem Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem alten
zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar von weit her
mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel hatte sich ein verkrustetes
Blutrinnsal gebildet, und aus dem breiten Gesicht, das einen fahlen
Widerschein von sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.
»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden Schwankungen fort,
»Sie haben mich festgebunden, sonst würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo
Konstantinowitsch Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann
versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte beschämt,
wie die brennenden Augen des Verwundeten spürend an ihrem weißen Gewand
herumtasteten. »Aus dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete
einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser verfluchte
Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich darauf warf sich der
Rittmeister so gut er konnte, zu den ihn umstehenden Soldaten herum und
schrie wütend, so daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert
euch endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich hier noch
länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen mir vielleicht durch
Ihre vorzüglichen Verbindungen ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich
brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. Oh,
dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch heimgezahlt würde!«
Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von nun an alles an
der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der Kranke auf seinem Stuhl von zwei
Soldaten in das geöffnete Zimmer getragen wurde und spürte die schwere
stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines jener
Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern fast das ganze Jahr
unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. Ihr war es so, als ob der Verwundete
auf das veilchenblaue Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend
preßte die Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr das
kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten Kleidung des Mannes
sowie vom herabrinnenden Blute leiden müßte. Ihr schien es, als ob die
junge Frau des Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein
an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten zur Bedienung des
Kranken über die Schwelle gestoßen wäre, und für einen hinzuckenden
Moment erkannte sie die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in
denen ein starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem
mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe und
allerlei Verbandzeug herausgab.
Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand hinter
der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige Atemzüge
verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, daß sie jetzt mit dem Fürsten
Fergussow allein in der Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie
zusammen, denn sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken zu
spüren.
Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, und in dem
huschenden Schein sah Johanna, wie der Russe sich zusammenraffte, um
grüßend die Hand an die Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte
sich Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten die entblößten
Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß selbst die widerstrebende
älteste Schwester innerlich zugeben mußte, selten ein lockenderes Bild
erschaut zu haben. Allein nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine
derartige Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit welch
bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden Offiziers erfüllten, da
klang es bereits hart aus ihrem herrischen Munde hervor:
»Marianne!«
»Was willst du?«
»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib dich auf dein Zimmer
zurück und schließe hinter dir zu.«
Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte auf das schöne
Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben durchaus die gewünschte
Wirkung hervorgebracht haben. Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger
Zug, sie schien weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung
von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige Wohnstätte,
sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend betroffen hatte. Mit
einer feinen Biegung verneigte sie sich zum Abschied vor dem fremden
Eindringling, und während sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da
warf sie über die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück.
Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem Ball von ihrem
Kavalier zögernd und vielsagend trennt. Gleich darauf klang langsam und
ohne sonderliche Eile die Tür. Es wurde wieder dunkel.
»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme Johannas.
Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine kleine elektrische
Laterne hervor und drückte den Knopf. Sogleich strahlte ein runder,
goldiger Kreis auf, in dessen Mitte das starre Haupt der Nemza in einer
steinernen Weiße hervorschimmerte.
Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom blendenden Licht
Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter zurück vor der eisernen
Grausamkeit, die dort unversteckt funkelte und glitzerte.
»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst widerwillig.
Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften Wunsch, die
unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich abzuschütteln. Ohne weitere
Überlegung sagte er deshalb in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton:
»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten. Gute
Nacht.«
Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten Eingangstür
in die Dunkelheit herausschreiten, der Offizier jedoch vertrat ihr
plötzlich den Weg.
»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein Wachtmeister hier
wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem Schutz begleiten.«
»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit bitterem Lächeln.
»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles Nähere werden
wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute Nacht, meine Gnädige, und
nochmals verzeihen Sie die Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte
er hinzu: »Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen
Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.«
Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im Zurückblicken, wie
die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete Zimmer schritt und achtlos
ihren durchnäßten Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann
entzündete der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig in den
auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen zu blättern. Die weißen
Dampfwolken umschwebten ein apollinisch geschnittenes Antlitz.
* * * * *
Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung wieder auf dem
Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne jedem Geräusch nachzuspüren,
das von Hof und Haus zu ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und
verzerrte alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen
hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung unter. Bald quoll ein
wüstes Ächzen und Fluchen durch die Dielen des Fußbodens empor, und
Johannas aufgeregter Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin,
nur durch ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon
mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau ihres Verwalters
Baumgartner war ja gezwungen worden, dort unten hilfreiche Hand zu leisten.
Und hatte die notdürftig Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen
bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten etwas
Beschämendes widerführe!?
Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, jedoch ehe sie diese
aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen konnte, da wurde sie durch die
Erinnerung an ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. Ob
Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? Sie beugte sich über die
kleine Uhr auf dem Nachttisch und fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß
bereits die zweite Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge
stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. Der Frühwind
sauste in den Eichenkronen, und hier und da erhob sich das vorzeitige
Zirpen eines träumenden Vogels. Aber durch all diese Anzeichen des
Erwachens drang etwas anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes,
daß sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um überhaupt
das in der Weite vollkommen versickernde und verschwimmende Geknister
unterscheiden zu können. Abermals griff sie in die Kissen, jedoch mehr um
sich festzuhalten, und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, als
ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis für sie böte. Wenn sie
ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit spannte, dann schlug von draußen ein
gedämpftes Rasseln bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die
sich wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen anhörten.
Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, was das gleich
bleibende Geknatter zu bedeuten habe. Nun, da sie das weiße Kissen in
ihren arbeitsgewohnten Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und
lauschte, atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, dem man
die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich zerschmetternd auf
sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis von Zerfleischen, Untergang,
Mord, Umpflügen und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so
ängstlich behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie laut
aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und spannte sich, als
müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas Letztem, Kostbarstem, einem
anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.
Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft und Sitte
schallend über ihrer Brust auseinander. Es war ein anderes Weib, das,
ohne eine Ahnung davon, wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache
erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten Landes
dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes Geschöpf, das da, keinen
Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich hervorblitzenden Zähnen zu dem
schönen Männerkopf hinaufstierte.
Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen auf das
frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend strauchelte sie und
stürzte so wie sie war, quer über das Bett. Das letzte, was sie hörte,
war das immer heftiger werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen,
die mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.
* * * * *
Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich Johanna auf, um sich
die Augen zu reiben. So geregelt verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar
aus Schauer und Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte,
denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim Melken zu beaufsichtigen
pflegte. Erstaunt, ungläubig schüttelte sie das Haupt, als sie ihre
sonderbare Lage bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits
jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer überwältigten
Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich und hatte sie stets für die
Anzeichen einer überfeinerten und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt
wollten ihre eigenen Nerven versagen?
Lächerlich!
Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel neue, eiserne
Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht versuchen, durch das Ansehen ihrer
Person die Zerstörung ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht
den letzten Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf ihren
Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen Flucht gesucht hatten?
Während sie sich ankleidete, stieß sie unhörbar das Fenster auf und
beugte sich hinaus. Dort drüben über den dichten Weizenfeldern wallte
ein bläulicher Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, wo
früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der Besitzerin erfreut hatte.
Und Johannas geschärfter Blick entdeckte sofort, daß dies bleigraue
Brodeln nicht die silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort
draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das ihr Herz mit
Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. Vielleicht hatten die
Männer ihrer Heimat dort unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte
gehalten. Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen war,
von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, und das Stück Erde,
auf dem sie groß geworden, der weiße Hof, dem ihr unermüdliches Wirken
gegolten, sie waren womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen,
nächtlichen Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen
hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger Lärm zu ihr
heraufdrangen.
Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr aufpochendes Herz und
stieß es hin und her. Warum hatte sie den tollen Tumult, der dicht unter
ihr fessellos durcheinander quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen
können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder versprengt noch
abgezogen. In unordentlichen Haufen, die meisten erst halb bekleidet,
standen sie gröhlend und lachend umher, und das Heu, das in Strähnen an
ihren grün-grauen Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften
diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich verzog die
Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen mußte, wie die feste Tür des
Kuhstalles von ein paar herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte
aufgestoßen wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie vier
bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres aus ihrer warmen
Behausung herausgetrieben wurden. Jämmerlich blökten die Tiere und dann
verschwanden sie unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den
Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. Aus der
Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen schienen dort etwas
zu fordern, was sich in der Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen
ließ, und die Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien
aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.
Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt vor dem
Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in ihrem Kreise mit soviel
Mühe und Selbstaufopferung errichtet, alles das schien unter Hohnlachen
von fremden Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte es
niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. Und mit einer Gebärde
des Ekels und der Verachtung stürzte Johanna an ihren Schrank, um sich ein
Gewand überzuwerfen. Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd
und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen Stoffes, denn
eine ferne Vorstellung befiel sie von einem vornehmen Herrn und der
möglichen Pflicht, ihr Haus stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf
schnürten sich ihre Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen
Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel verschwendet
zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau und weiß gepunktetes
Kattunkleid über, schnallte den schwarzen Ledergürtel fest über den
Hüften zusammen und eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein
schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam zwang sie ihre alte
Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie strich sich eine Strähne ihres blonden
Haares aus der Stirn und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang
die Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der Ausgangspforte,
blitzte der Hausherrin im Morgenlicht ein metallischer Schein entgegen. Ein
russischer Infanterist, dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf
die Brust herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die Wacht,
während er einem struppigen Hund, den er an eiserner Kette hielt,
zärtlich das Fell kraute.
»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« herrschte Johanna den
Mann mit ihrer festen Stimme an.
Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt, und aus seinen
verkniffenen blinzelnden Augen brach ein Strahl von Respekt und
bedingungslosem Gehorsam. Einer solch imponierenden Frauengestalt, die
so befehlend und deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand
auszudrücken verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen
Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die zerbeulte Mütze
von seinem wilden Schopf, beugte sich und ließ klirrend das Gewehr auf
den Steinen der Diele aufstampfen. Selbst der Hund kroch murrend unter die
Stufe der Treppe.
»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde.
Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein Deutsch war so
mangelhaft, daß er sich fast nur durch Zeichen zu verständigen vermochte.
Deshalb hielt er das Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das
Tor.
»Weit,« sagte er.
Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter Schrecken.
»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter.
Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und da seine
Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer mehr wuchs, so verlegte
er sich völlig auf die den Slawen so geläufige Weise der pantomimischen
Darstellung. Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm eine drohende
Miene an und tat so, als ob er mit einem fernen Gegner Schüsse wechsle.
Gleich darauf stach er mit dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den
Oberkörper vor und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein
zottiger Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln begann.
Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer der Treppe und
warf hastig hin:
»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht wahr? Ist
Fürst Fergussow dabei?«
Der Russe nickte lebhaft und befriedigt.
»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. »Nemzows alle hin« --
er schlug mit dem Kolben auf die Erde, schloß die Augen und streckte die
Zunge heraus -- »spitze Mützen viel zu wenig -- viel zu wenig.«
Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich auf. Nun wußte
sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen vor ihren Fensterscheiben
gesummt hatten. Eine kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte,
die widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der Übermacht,
der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, der elegante Liebling der
Petersburger Salons, der Träger der letzten und überfeinertsten Kultur,
hatte es sicherlich nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb
Wehrlosen zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung
geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr zerstampftes Weizenfeld
reiten mochte, unter dessen Halmen die verstummten Landsleute sich zum
letzten Schlafe verkrochen hatten.
Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die Nachdenkende. Und
mit einer entschiedenen Bewegung wandte sie sich zur Tür, als ob sie den
Infanteristen, dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst
soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. Indessen
der Russe bewegte wiederum bedauernd sein plumpes Haupt, knickte zusammen
und streckte in seiner kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.
»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, »sehen Sie nicht, daß
ich auf meinen Hof hinaus will?«
Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. »Nix,«
suchte er zu erklären, »keiner heraus.«
Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen der
Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt sie ohne ein
weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des kleinen Salons, den sie am
verflossenen Abend für den Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an
das dunkle Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes immer
gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«
Was war das?
Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte sie den
entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das war doch nicht möglich?!
Wie konnte das unbesonnene Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der
Ältesten den verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und zwar zu
einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und Phlegmatische noch lange der
Ruhe zu pflegen gewohnt war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis
dahin als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der Fremden
über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, was in einer deutschen
Wirtschaft unverrückbar feststand, nichts Solides und Sicheres, dem man
sich williger beugte und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der
Hereingeschneiten?
Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß war die Gewalt
ihres Armes, daß das zurückfallende Holz einen schneidenden Luftzug
verursachte, vor dem der Verwundete auf dem Sofa gestört das bärtige
Gesicht verzog. Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten
Rittmeisters verwandelt. Die glänzende Rundung seiner Wangen dunkelte hohl
und eingefallen, unter der aufgerissenen Uniform hob sich die entblößte
Brust schwer und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte die
innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die großen blauen Augen
blitzten noch ebenso wild und unstet, wie am Abend zuvor.
Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel zurückgelehnt, schlug
Marianne ihre Füße gefällig übereinander und schien eben aus einer
jener leichten Plaudereien aufgestört, die sie so heiter und zugleich
so inhaltslos zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas jedoch
verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb geschlossenen Augen die Frau
des Verwalters Baumgartner sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl
sie sich vor Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen zu
halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende lag ein empörender
Unterschied in dem völligen Zerfall dieser beiden arbeitenden und
geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten Behaglichkeit ihrer eigenen
Schwester. Jedoch die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten
Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen Weise an:
»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, Marianne?«
Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, eine fremde Gewalt
hier im Hause herrschte, da schien es ihr Vergnügen zu bereiten, sich
dem Willen der älteren Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer
spöttischen und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, die ihr
so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne ihre lässige Stellung
aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:
»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte unseren Gast ein
paarmal laut rufen, und da meinte ich -- --«
Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.
»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre strengen Augen
wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des Mannes, der ihr schönes blaues
Samtsofa so unbarmherzig zerdrückte.
Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister erstaunt und
weltenfremd seine blauen Augen auf, die er für einen Moment kraftlos
geschlossen. Unwillkürlich stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf
das Polster der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in
seiner jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen
auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu einem ruckartigen Vorstrecken
des zerzausten Hauptes, um gleich darauf in ein nur schwer verhehltes
Stöhnen auszubrechen.
»=Bon jour=, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, »hoffe,
daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich geruht, ganz
vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen Hand auf die nackte
Brust, so daß es ein merkwürdiges fleischiges Geräusch verursachte.
»Pompöses Quartier,« fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos
seinen Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der
prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen bemühen sich um
unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte
er und dehnte sich von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt --
Arzt schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um Kleinigkeit
-- versichere Sie, um absolute Bagatelle -- aber man möchte sich doch
möglichst bald wieder an lustigem Herumstreifen beteiligen.«
Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und während sie sich über
ihr welliges Haar strich, da äußerte sie recht warm und bedauernd, als ob
ihr das Leiden des fremden Reiters besonders nahe ging:
»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr Wachtmeister bereits
gemeldet, daß Herr Doktor Küster, unser Landarzt, leider nicht mehr
aufzufinden wäre.« Und unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre
Schwester zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors soll
vollständig herabgebrannt sein.«
»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an der Tür noch immer
nicht aufgegeben hatte, sich vergessend hervor, und ihre Fäuste ballten
sich. »Herr Rittmeister, haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche
Schandtat verantworten?«
Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in die Höhe gerichtet,
und sein Bewußtsein gelangte allmählich zu größerer Klarheit. Bedauernd
zuckte er die Achseln.
»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. »Unter meiner
Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber Fürst Fergussow, der hier
kommandiert,« fuhr er berechnend und immer mehr aufwachend fort, und
ein heimtückischer Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst
Fergussow von Petersburger Garde steht viel zu hoch und -- wie sage ich
-- denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen Soldaten ein so harmloses
Pläsier verwehren sollte.«
»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich ab. »Wie
können Sie einem Aristokraten Ihres Landes Freude oder gar Duldung für
ganz gewöhnliche Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«
Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand abwehrend durch die
Luft.
»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen
Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über dasjenige herzufallen,
was ihm in besseren Zeiten so oft den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn
fressender Neid, jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte,
daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen wisse, gerade vor
diesen beiden prangenden Geschöpfen herunterzureißen und zu besudeln.
»Setzen sich, schöne Damen, -- setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem
freien Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, der
Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen sich,« schrie er
ungeduldig, als er sie zögern sah.
Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem Toben zu
reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, da sprach der Leidende in gieriger
Verkleinerungssucht weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer
Haß. Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust gegen das
goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem er wußte, daß er selbst
für ihn immer nur ein freigelassener Leibeigener geblieben sei.
»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von seinen Lippen,
und vernehmlich redete sein brennendes Fieber mit: »wie wenig reiche
Hofherren sich um ihre Untergebenen kümmern. Wir existieren gar nicht
für sie. Wir sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder wieder
wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. Glauben mir, ich sage Ihnen,
um Sie vor dieser glatten Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich
lächerlicher Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon eine Anzahl
von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, verstehen Sie? Ich bitte um
Vergebung, ist sehr häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am
Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein in der Brust. Wie
könnte er sonst leben, wie könnte er ruhig schlafen? Ist ein Mörder,
glauben Sie mir, ein Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber
an seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, den ich
gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«
Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.
»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. »Mich gehen die
Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«
»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er fürchte, der heimlich
gehaßte Kamerad könnte ihm auch jetzt wieder entwischen, »Sie wissen
nicht. Aber ist schändlich, schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt
noch heute kleine Kroniatowska.«
»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch rührte sie sich
nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das blonde Haupt dem Liegenden zu,
als Marianne neugierig näher rückte.
»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze gespannt dazwischen,
und ihr dunkles Antlitz belebte sich. In diesem Augenblick waren die
letzten Reste der Erinnerung an die Not und das Grauen, die sich über
Nacht auf das Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen.
»Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches bei Ihnen von
der Dame gesprochen. Es muß ein sehr junges Mädchen gewesen sein.«
»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch hervor, und die
Sucht, seinen Gefährten in einem möglichst ungünstigen Lichte erscheinen
zu lassen, verlieh ihm eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes
Kind, meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher,
»fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling von großer
Katharina.«
»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier Johanna
ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen.
Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und stammelte
inbrünstig:
»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder. Wollte Ihnen nur
erzählen, wie durch betrügerischen Halunken von Mönch guter Dimitri mit
kleiner ahnungslosen Prinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten
soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend gewesen
sein, daß armes Ding in dem demütigen und zerknirschten Bekenner einen
Erweckten, -- haha -- einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem
solchen Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen Willen
besitzen.«
»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt und starrte ihn
an.
»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben. Natürlich nur
himmlische. Was weiß ich? Einige Monate später freilich lag Kleine
aufgebahrt zwischen Wald von weißen Lilien. -- Vergiftet. -- Seine
Durchlaucht aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten
Verbrechens an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver entwunden
haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende Seele, und beruht gewiß auf
Verleumdung, wenn Klubgenossen einige Wochen darauf behaupteten, Fürst
Dimitri hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff
abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht verlangen,
daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge von Kinderbonne übernehme.
Witzig, meine Damen, nicht wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen
zufliegen. Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht
messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all diese wahnsinnigen
Unterschiede! Man bekommt sie satt, wenn man so da liegt, wie ich.«
Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige Anstrengung
brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner Boudoir-Geschichte beobachten
zu können. Und doch wäre er vielleicht mit der Wirkung, die er bei
den beiden Mädchen erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne
unterdrückte kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, und ihr Geist,
der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme verriet, wo es auf den Kampf
zwischen Mann und Weib ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser
sündigen Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber es war
die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich wohl fühlt, weil seine
Abneigung und sein Haß endlich einen gesicherten Grund gefunden. Ein
müdes, schlaffes Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man
hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das schlaftrunkene Weib
des Verwalters dem Verwundeten eine neue Kühlung auf die Brust legte.
Und eine ganze Weile saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede
Minute des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos und
stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der Zwecklosigkeit, da ihr
Wirken und Schaffen von einer brutalen Gewalt unterbunden war.
Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen, wußte sie
nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne eilfertig das Fenster aufriß, und
zu gleicher Zeit klang ein Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel
vieler Rosse, sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte
die Morgenluft.
»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete Marianne, als ob
es sich um einen längst ersehnten Befreier handle, »welch einen schönen
Schimmel er reitet.«
»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch, obwohl
er sich seinem Dämmerzustand nicht mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk
-- verwünschte Bande!«
»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal und winkte lebhaft mit dem
Finger, »denke nur, Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom
Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderen zu und nähert
sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn nicht begrüßen?«
Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben herüber. Die Blonde
aber regte sich nicht, sie sank nur noch tiefer in ihren Stuhl zurück,
als könnte sie sich auf diese Weise vor den Blicken des jungen
Mannes verbergen, der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die
Fensterhöhlung hineinbeugte.
»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem sich der elegante
Reiter über die glatte Mädchenhand neigte, die ihm ohne Zögern
überlassen wurde; in demselben Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen
Augen auch schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah, ich
sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten Metier,
Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der Person. Ich bin Ihnen zu
größtem Danke verpflichtet, weil Sie sich um den armen Kameraden so
sorgsam bemühen.«
»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom Sofa
aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut oder sein
Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie im Himmel.«
»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte ihn der
schlanke Oberst nun mit einem lebhaften Winken der Hand, »Sie sehen schon
viel besser aus, lieber Kamerad.«
»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert sich mit
jeder Minute.«
»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich wirklich
ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte es auf, die Besserung in
dem Ergehen des Kameraden bedeutete offenbar für ihn eine Erleichterung.
»Denken Sie, lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der
Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlich einen Stabsarzt
aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann, Korsakow mit Namen, den ich von
einem Aufenthalt in der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit
der Züchtung junger Haifische abgab.«
»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für mich der passende
Mann.«
Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer unbeweglich in
ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte mit einigem Unbehagen, wie
unglaublich frisch und unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete,
sobald er offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht
stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie gespannt
weiter.
»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über den Hof, »hier ist
Ihr Patient.«
Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten, zum Teil
vor einer Brunnentränke sich erfrischenden Pferde eine kugelrunde
schwarzbärtige Gestalt mit einer ungeheuren zerbeulten Schirmmütze
abgelöst hatte, da eilte ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt
ohne weiteres an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen.
»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden Sie Ihren
Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.«
Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke Kugel nicht. Der
Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen schwarzen Bartgekräusel,
rückte sich die merkwürdig großen Horngläser auf der plumpen Nase
zurecht und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an.
»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend.
»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von dem Fenster ein wenig
zurück, als ob er sich vor einer ansteckenden Krankheit zu hüten hätte.
»Der Einschuß sitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel
behindert die Atmung.«
»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr Kombinationstalent
auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber hegen Sie nicht das Verlangen, sich
etwas dichter in die Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte
um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten mische, aber
mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von Ihren Kollegen die Sonde
angewendet zu werden.«
»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der Schwarzbärtige und
tastete nach einem Instrumententäschchen, das ihm quer über den Bauch
herabhing; als es jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie
müssen nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich,
während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief, »daß
ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es ist nicht mein Wunsch, mich so
plötzlich in die Praxis versetzt zu sehen. Aber immerhin, immerhin,«
setzte er sich zusammenraffend hinzu, »es wird gehen, man wird sich Mühe
geben. Schließlich« -- er zuckte die Achsel -- »eine gute Natur muß
uns unterstützen, sonst vermögen wir alle nichts. Ich werde den Kranken
untersuchen.«
* * * * *
Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch Sassin bereits in das
verlassene Zimmer Isas geschafft. Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt
unter Aufbietung des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die
Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen durch ein
häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem verletzten Körper entfernt
hatte, da lag nun der Rittmeister in dem schneeweiß angestrichenen Bett
des jungen Mädchens und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster
Verlegenheit wirre und krause Geschichten.
»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor -- wir Bauern nichts als
Leibeigene für die Herren. -- Sagen Sie, Teurer, haben Sie vielleicht
üppige schwarze Nemza gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? -- Zum
Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«
Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand gegen die Tür des
kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow sich für seinen persönlichen
Gebrauch vorbehalten hatte.
»=Entrez=,« rief eine helle, klangreiche Stimme.
Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde seine blonde
Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß gepunkteten Kattunkleid
gewahrte, da knöpfte er gewandt die halb offene Uniform zusammen, und
blickte hilfsbedürftig nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel,
einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander geworfen hatte.
»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte sich leicht;
»man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn man, wie ich, zum erstenmal
mit dem Sensenmann Karten spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst
mächtig ein,« atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide
verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt er inne,
bezwang die eigene Unrast, und während er energisch sein verwirrtes
braunes Gelock zurückwarf, blieben seine dunklen Augen an der aufrechten
Gestalt der Deutschen haften, und er fragte sich, warum sie wohl so
bestimmt und fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen mit
irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in seinem verbindlichen
Ton, obwohl die Floskel im Moment etwas müde klang.
»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie müssen mir jetzt
einige Fragen beantworten.«
»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«
»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an Ihre Wachtposten den
Befehl erteilten, mich nicht mehr aus meinem Hause zu lassen.«
Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. Er schien sich auf
seine eigene Anordnung nicht mehr ganz sicher zu besinnen. Dann glitt ein
gewinnendes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund.
»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig. »Ihre Wirtschaft,
der Sie sich zu meiner Bewunderung so umsichtig widmen, leidet offenbar
Schaden, wenn Sie die Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht
mehr inspizieren können, nicht wahr?«
»Jawohl,« nickte Johanna.
Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf den Tisch: »Das
möchte ich selbstverständlich vermeiden. Mir liegt Ihnen gegenüber
jede Härte vollkommen fern. Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein
Kompliment, ich tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen
steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei, vorausgesetzt,
daß Sie auch mir eine kleine Bedingung erfüllen.«
»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben ja die Macht,
Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles zu erzwingen.«
Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte Unterhaltung schien
seinen vibrierenden Nerven lästig zu fallen.
»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen geben,« erklärte
er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes auf keinen Fall zu überschreiten.
Auch für Ihre Familienangehörigen sowie für Ihre Angestellten bin ich
gezwungen, von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.«
»Ich soll mich verpflichten ...?« rief Johanna zurücktretend.
Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals auf. Es war ganz
das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte Mädchen so schwer begreifen
konnte. Aber in dem halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon.
»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier, leicht auf
sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck, als wenn Ihr fester
Wille hier von allen geehrt und gefürchtet würde. Auch von dem Fräulein
Schwester; übrigens ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte
er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser graziösen, ganz
undeutschen Erscheinung.«
Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur straffte sich, so daß
die kräftigen Glieder hervortraten, und ihre Wangen flößten durch ihre
Marmorblässe dem Beschauer ein erneutes Befremden ein.
»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin. »Aber darüber
schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.«
»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte den Kopf.
»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das verlangte Ehrenwort.
Ich werde also den Verkehr mit der Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich
hervor, um ihrem Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden
hätte. Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten irrten
tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie noch eine Frage, Herr
Oberst,« rang sie sich endlich ab, »das Gefährt, das meine Schwester Isa
gestern abend auf das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht
zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigung nach
dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?«
Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin, die ihm in ihrer
Sorge weiblicher als bisher erschien, von den Blondhaaren bis zu den
Füßen.
»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter, und eine
Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage könnte für den Russen etwas
Verdächtiges enthalten sein. »Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten,
»es handelt sich um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete
Mutterstelle bei ihr.«
Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt, und seine Augen gruben
sich unausgesetzt und prüfend in die des großen Mädchens. Endlich sagte
er vorsichtig:
»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung, eine Angabe
über den Verbleib des Fräuleins zu machen, denn ich habe die junge Dame
selbst gesehen.«
»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie gesund? Ihr ist doch
nichts Schlimmes widerfahren?«
Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein. Er bettete die
Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter dem Tisch auf und ab.
Leise klirrend begleiteten die Sporen seinen federnden Gang.
»Verehrtes Fräulein,« meinte er, -- aber Johanna war es doch, als ob er
jedes seiner Worte besonders prüfe und wäge -- »Sie brauchen sich
über die Lage Ihrer Jüngsten, soweit ich es beurteilen kann, keinen
Befürchtungen hinzugeben. Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im
Hause eines befreundeten Herrn -- --«
»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein.
Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen Blick zu. »Ganz
recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der kriegsgerichtlichen Untersuchung
es dem Fräulein ermöglichen wird, recht bald in Ihre schützenden Arme
zurückzukehren.«
»Untersuchung?«
In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb die gemessene frostige
Zurückhaltung, die den eleganten Offizier bisher stets in der Meinung
befestigt, es hier mit etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu
haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest und vergaß im Moment
seine eigene Ermüdung und das zuckende Tanzen seiner Nerven, die das
Fest des Blutes noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie die
Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich ballten und die Arme
schwollen, als wollten sie die enge, blau und weiß gepunktete Hülle
sprengen. Dazu das dunkle Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über
die weiße Haut jagte, -- der Fürst stand still, atmete tief und verwandte
keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter. Ein seltsames
Geschöpf, schoß es ihm durch den Sinn.
»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen Lippen Johannas,
und es erregte die Bewunderung des fremden Offiziers, wie die doch von
Leidenschaft Durchbebte ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher,
bestimmt und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden einsehen,
daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht mehr verweigern
dürfen.«
Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war eine jener
formvollendeten Bewegungen, die bei diesem äußerlich so gefälligen
Menschen eine deutlich vernehmbare Sprache redeten. Und Johanna begriff sie
sofort.
»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie auf.
Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge ihm immer mehr
wie die einer belebten Marmorstatue erschienen.
»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe schmerzlich
zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner Pflicht zu bleiben,
indessen -- -- --« und wieder folgte die Drehung der fein geformten
Hand.
»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor, und sich vergessend
verließ sie zum erstenmal ihren Platz, schritt an den Obersten heran und
streckte den Arm gegen ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders
konnte, als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie Stein.
»Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte die große Blonde
weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie einsehen, daß ich nichts Unrechtes
verlange? Hier handelt es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer
Länder, um Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine arme
versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen Sie das?«
Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte sich und
wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine Lippen auf die festen
Gelenke drücken. Allein mitten in der Bewegung befiel ihn ein Zaudern und
Schwanken. Zu ernst und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab,
die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte scherzen, er
gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu stellen, doch vor diesem
großen und wahrhaften Geschöpf fiel ihm durchaus nichts Leichtes und
Gewandtes ein. Sehr fatal -- fast schmerzlich verzog er den Mund, als er
sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen ihm rätselhaften Kultur
gefangen und verpflichtet sah. Und nur mühsam preßte er zwischen den
Zähnen hervor:
»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung nehmen, wenn ich
mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen verleiten lasse, die der Dienst
sonst streng verwehrt. Also kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge
gewesen, wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes oder des
Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen einen unserer Offiziere
hinreißen ließ.«
»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer atmend dazwischen.
Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen sich mit meinen
Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch hinzu, da das kleine Fräulein
nach meiner Meinung wahrscheinlich nur die Ursache des Streites war, so
dürfte man sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«
»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus ihrem
geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile sofort wahrzunehmen,
»würden Sie sich in dieser Richtung selbst für Isa verwenden?«
»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan --«
Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem ersten Waffengang
selbst in einem so sprühenden Rausch befand, er stand dicht vor der
Bittenden, und in seinem sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht
beherrschte, zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die
Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen zu
lassen, das Mißfallen an der so plump und klar vorgetragenen Bitte,
und daneben doch die heimliche Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die
majestätische Göttin auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein
helles jugendliches Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt,
hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe Aristokrat,
der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den pikanten Rotkopf an hoher
Stelle ein erlösendes Wort einlegen! Wie man das dort wohl auffassen
würde? Sehr eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner
liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter dem Tisch
fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, rief er zu der über den
plötzlichen Wechsel Fassungslosen herüber:
»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht auszurichten? =Rien
du tout!= Es geschieht also auf Ihre Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich
werde mein eigenes Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und
wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter gehalten
werde.«
Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit zu Zeit warf er
von der Seite einen schalkhaften Blick der blonden Nemza zu. Wie warm und
ehrlich sie sprechen konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung
hervorbrachte:
»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«
»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre zum Beispiel für
einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders dankbar. Und wenn ich hoffen
dürfte, daß die beiden Damen später beim Diner meine etwas« -- er
zeigte auf seine toll übereinander geworfenen Monturstücke -- »meine
etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber ein ungemessenes
Vergnügen empfinden. Natürlich,« setzte er hinzu und verbeugte sich
höflich, »soll dies nur geschehen, sobald es sich ohne Überwindung
bewerkstelligen läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas
Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger Energie verlangte
Dokument ist fertig. =Voilà!=«
* * * * *
Das Dokument aber lautete:
»Mein lieber Oberst Geschow!
Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der die erste
Stadt unserer Gegner -- zu dem Worte ›Feinde‹ vermag ich mich
aus Geschmacksrücksichten immer noch nicht aufzuschwingen -- so
überraschend in Ihre Hand spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie
ferner! Auch wir haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst
still gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten
Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches und
Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein wild gewordener
Schulmeister kämpft gegen uns. Das Einmaleins schlägt gegen den
Analphabeten. Für mich eine sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen
ja, ich bin auch als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern
dem allgemeinen Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch das
bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.
Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, tadeln Sie
mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, das mich antreibt,
mitten im männermordenden Streite eine Bitte für eine Dame
auszusprechen. Es handelt sich um das rothaarige Fräulein, das
man, wie auch Ihnen wohl bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul
Bark festnahm. Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas
Ernsthaftes gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann.
Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen blonden
Walküre, hier draußen im Quartier liege, so würde es für mein
Wohlbefinden und meine Verpflegung, die Ihnen als einem Organisator des
Sieges sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte
sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald wieder laufen
ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend etwas beitragen, so würde
dies meine freundschaftliche Bewunderung für Sie, wenn es möglich
ist, noch erhöhen. Wenn nicht, -- =mon dieu=, dann werde ich der
verminderten Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin Richard
Wagners unsere durch alle Welt so berühmte slawische Genügsamkeit
entgegensetzen.
Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher Freundschaft
verbundener