VI.

Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf allen fahrbaren Wegen

knarrten schwer beladene Wagen dahin, deren Besitzer von der gefährdeten

Grenze den Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an

den Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige

Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. Denn

es war ja nur eilig zusammengeraffter Besitz, zerzaust und gebrechlich, was

die Flüchtenden hier stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften.

Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke voll Lebensmittel,

Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder und junges Vieh, alles rollte,

wirr zusammengepreßt, in endlosem Zuge dahin.

Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen Beobachterin

vorüber. Gleichfalls still, in sich gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten

die Stirnen nicht dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte,

sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter Tat

aufsparte. Im Staub und Dämmer des Augusttages verschwanden die lockeren

Kolonnen.

Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden Kompagnien,

trat schnell auf die Gutsherrin zu und streckte ihr rasch die Hand

entgegen. Zuerst erkannte Johanna den Grüßenden nicht, denn die neue

graue Uniform hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte

sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den Offizier, der

keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen wolle, daß hier auch

ehrliche und treue Gemüter lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit

nachschlugen und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die

Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen über die Dauer

des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, mit dem Johanna den Scheidenden

entließ, barg sich ein mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes

Zurücktreten in die grauen Haufen, und auch diese Scharen wurden

eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden Staubwolke.

Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das Gerücht.

Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen Augen manchmal nur als

ein mit gestreckten Läufen flüchtender Hase erkennbar. Doch das lechzende

Tier sollte aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.

Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, wer zuerst

geglaubt?

An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken der hellen Bäche,

die durch die sanft gewellten Talmulden blitzten, überall knirschte und

schlürfte es. Greise und alte Weiber, die einzigen Einwohner verlassener

Ansiedlungen, schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene Stimmen

erzählten sich Gräßliches:

»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. Das Rittergut

Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. Da, wo das Schloß stand,

liegt ein Kohlenhaufen.«

»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«

»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das weiß kein Mensch.

Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land hinein. Sie trieben vor sich her,

was vor ihre Lanzen kam. Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die

Kinder gehetzt, bis sie erstickten.«

»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«

»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem

Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem

großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins

Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.«

»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir

nicht mehr weiter können?«

»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und

Brote hingelegt.«

»Herr Jesus, ist sie noch da?«

»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider

durch die Büsche gesehen.«

»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier

bleiben wir nicht!«

* * * * *

In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden

ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer

Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum

Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün

verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem

kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich

genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt

den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen

Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen

Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen

vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die

innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa

in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren,

völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen

nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie

von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern

hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede

Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches

Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer

aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf,

die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten.

In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte

an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre

ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.

Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr

leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich

Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine

kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der

ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten

werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder

begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht

und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem.

»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte

Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen

Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so

später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber

wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort

wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«

Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie

schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre

Pläne kein Hindernis geben könnte.

»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen

irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes

Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der

Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich

dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit,

Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand

der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich.

Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was

ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul

Bark -- --«

»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt

für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes

Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um

uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir

versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn

irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor

von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich

selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den

Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen

wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es

sieht aus, als ob es regnen wollte.«

Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin

bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg.

Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und

schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte

ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß

einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein

paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg.

Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war

so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde

versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach

der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie

sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen.

Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück.

»Was wollen Sie, Fräulein?«

»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt

über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier

drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.«

Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an.

»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören

Sie nicht die Regentropfen?«

»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, tun Sie mir den

Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder nicht ordentlich atmen.«

Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, sprang aber sofort

herab, und gleich darauf faltete sich der dunkle Plan über dem Haupt der

sich Zusammenduckenden, der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und

ein feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.

»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen den Bock

wieder eingenommen hatte, zu der noch immer hinter ihm Stehenden, und dann

murmelte er abermals etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand,

spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und ließ

endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde dahinklatschen.

»Vorwärts, vorwärts,« trieb er.

Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, die die Gegend

von Maritzken andeuteten, und immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie

eines Tannenschlages. Von fern hörte man bereits das Ächzen und Knarren

der Wipfel.

»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals und wollte seine

Peitsche weit ausholend durch die Luft streifen lassen. Aber mitten im

Schwung erschrak er und hielt ein.

»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine Schulter herüber.

»Ja -- jawohl -- wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«

Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke zurücksinken,

krampfte die Hände zusammen und saß hochaufgerichtet da. So ausgesetzt,

so allein, so der tröstenden Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der

farblosen, gestaltenschwangeren Nacht, meinte sie sich noch nie befunden

zu haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an ihre bebenden

Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis getan, und starrte

voraussuchend in die dicke Finsternis, die nur ab und zu durch

vorüberhuschende weiße Chausseesteine unterbrochen wurde.

O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!

»Baumgartner, sind wir bald da?«

»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde -- aber -- --«

Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des Mannes auf dem Bock

nicht mehr, denn während ihre Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp

des Waldes durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die Chaussee

herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft sehnsüchtig

nach den Rettern aus, von denen sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung

und Trost verbürgen könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken

von Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der ernsten

Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher als diese beiden

fühlte sie den um vieles älteren Konsul neben sich lehnen, und ihre

Glieder erwärmten sich beinahe, als sie sich vorstellte, wie spöttisch

und väterlich die Stimme des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na,

kleines Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. Nur

Geduld, es dauert nicht mehr lange.«

Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick hatte wirklich

etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. Mitten in der engen Waldstraße,

nicht hundert Schritt von dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im

fahlen Mondenlicht weiß herüberglänzte.

»Baumgartner, sagten Sie etwas?«

»Ja, Fräulein.«

Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer und brachte

ihr Haupt so nahe an den Verwalter heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an

ihrer Wange spürte.

»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die Zunge. Und zugleich

merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch nur ein Glied zu bewegen, weil ihr

ganzer Körper von einer starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um

Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«

Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen Sprung setzte

er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene erkannte wie hinter einem

Flor, daß ihr Schützer in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte,

immer ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.

Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.

Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche Schatten dort

hinten am Ende des Waldausschlages? In dichten Massen schienen sie

dahinzugleiten, fremde, unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch

das Gehölz. Und jetzt -- nein, sie täuschte sich nicht -- da und dort

blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden Zuge

eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende Lichtkegel durch die

aufgleißenden grünen Nadelzweige.

Horch und jetzt!?

Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem stockte der

Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste merkte, war plötzlich eine

Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen, schwang sich auf den Bock und riß

die Zügel an sich.

»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind Sie's?«

Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen hatte, blieb

stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte warf er die Pferde zurück, schlug

ihnen mit dem Peitschenstiel über die Köpfe und ließ das Gefährt über

den Graben hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß getroffen

wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert. In wahnsinniger

Flucht schossen die Baumriesen an ihr vorüber, überhängende Zweige

schlugen ihr ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von einer

Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen zischte etwas um sie

herum, etwas gänzlich Fremdes, nie Gekanntes, wie vorübersausende Bienen,

die einen bösen pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt

die Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches Erstaunen

darüber zu empfinden, warum der Pfad vor ihnen so schwarz und unbeleuchtet

blieb. Der Mann auf dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und

weiter flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben. Jetzt eine

knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging es in ein rauschendes Feld.

Surrend, gleich zischenden Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und

links an dem Gefährt vorüber.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 8 / 21 题