V.

Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein dicht hinter ihr

wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten nach rückwärts die Falten des

bunten Vorhanges zu gewinnen, als müsse sie sich um jeden Preis an etwas

Irdisches, ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das trauliche und mit

wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete Gemach, das das erdgebundene

Wesen des Landmädchens für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr

verwirrte, bis es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es

war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, der

merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, feuchtfunkelnde

Strahlen auf sie herabschoß, es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt

vollständig unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros,

jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr unvermutet in

ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger Schönheit. Aber das war

nicht das richtige Wort. Herr im Himmel, sie fand kein anderes, als sie in

dem ersten Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte,

dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt jede Beherrschung

raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren Mahagonieinfassung des Billards

eine wunderbar ebenmäßige Männergestalt, breitschultrig und dabei

schlank und wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor

geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die muskulösen und doch

jugendlich weichen Glieder mit der eleganten dunkelblauen Dragoneruniform

aus feinstem Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein paar

blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch ein Haupt!

Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich nervösen rasch

gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts etwa bei dem ersten Blick in

schwärmerischer Anbetung aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre

herbe deutsche Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit

gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich vor ihr aufragte.

Nur ein ungeheures kindliches Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit

einer namenlosen Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer

Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. Durchaus

natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde Offizier in

vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, und nicht der leiseste

Verdacht beschlich sie, der junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine

lässig angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine großen

braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer ihres Haares verfangen

hatten.

Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte sie doch das feine

schmale Haupt mit der fast griechischen Nase und den sanft überbräunten

Wangen bereits einmal gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle

kurzer, brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig

umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck verstärken, als wenn das

alles ihre Phantasie schon oft beschäftigt hätte?

Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit auseinander.

Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer zu Maritzken hing ein

alter, halb verräucherter Buntstich, der die anmutigen und doch

nachdenklich-melancholischen Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand

wiedergab, des edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die

schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier saß in jeder

Linie derselbe Mensch, bequem und doch voll anerzogener Eleganz auf der

Umrahmung des Billards, und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die

sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß ihm das große

blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung böte.

»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit den silbernen

Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische Johanna, die sich

plötzlich ihrer Bewunderung mit einem harten Ruck entriß, weil der

Offizier ein Lebenszeichen von sich gab, indem er sich gefällig gegen sie

verneigte. »Bei uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine

Dame begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den hohen

Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er nicht goldene Sporen?

Das muß ein großes Tier sein!«

»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer Miljutin und

rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner goldenen Brille,

»bevor ich die Ehre habe, Ihnen das Mosaikbild unseres allergnädigsten

Gossudars zu zeigen, erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte

sich tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung

des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd vor der Bedeutung

seines hohen Bekannten fort: »Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch

Fergussow von den Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer

der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der lebenspendende

Christus erhalten möge. Und dieser Herr hier,« sprach Herr Miljutin

weiter, nachdem Johanna ihr Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als

wollte sie sich selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche

kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst Geschow

aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden Handbewegung setzte der

Fabrikant noch hinzu: »Ach, richtig --, daß ich es nicht vergesse, dies

hier ist Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«

Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow mit Unrecht

verdächtigt. Denn während die anderen beiden Herren sich verbeugten, wie

man sich eben vor einer eintretenden Dame verneigt, gab der Aristokrat mit

einer gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er für die

Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft um Nachsicht zu werben

hätte. Und die Art, wie er nun der blonden Deutschen seine Ehrfurcht

bewies, ließ auf den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine

Erziehung auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. Ohne das Wort an

die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier höflich zur Seite, um den

Ankömmlingen den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm Johanna

jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein müder, etwas gleichgültiger

Blick, der dann zu dem Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und

von einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken:

»Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben sich die drei Herren

gleichfalls an die Breitseite der Wand, als wollten sie den Eindruck

beobachten, den das Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen

würde.

»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der direkt hinter dem

Mädchen verweilte und auf diese Weise, ohne daß sie es merkte, ganz aus

der Nähe ihre reife Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte

der Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, »ein grobes,

starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte er sich katzenhaft, um

dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, das ihr eben aus der Rechten

entglitten war. Mit einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die

äußerste Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe zurück.

»Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich dabei selbst. »Wie

geschmacklos sich die Deutschen kleiden. Nicht einmal ein Tröpfchen

Parfüm hat sie angewendet. =Fi donc!=«

Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er schwärmte

überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. Und der verwöhnte Liebling

der Petersburger Salons grübelte manchmal ernsthaft darüber nach, ob

das Geschenk des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige

Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, um diese

abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit stets von neuem

aufzurütteln. Und in einer jener Stunden der Lethargie oder der nagenden

Selbstzerfleischung, wenn das Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war

der bewunderte Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt in

einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im Avancement übergegangener

Offiziere geraten, die ihre fest geschlossene Vereinigung das »Symposion«

nannten. Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, daß man

das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht köstlicher betrügen

könne, als durch ein gemeinschaftliches, freiwilliges Ende in voller Kraft

und Rüstigkeit. Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten

der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich einem Kranz

um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. Hier hatte er auch Diamantow

getroffen, dessen soziale Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der

Student war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, im

Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden Massen aus ihrem

Schlafe aufzurütteln versuchten, den Hindämmernden ein schweres

Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, Traum und Schlummer machten das Dasein

erträglich. Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden

Ansichten verkündet, und alles war bereits für die große Orgie

vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit ihm gerade die Vornehmsten des

Symposions, plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und

der Rest durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der armen

Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa Feigheit vor. Dazu war

die Tollkühnheit des Gardedragoners in der Hauptstadt zu sehr bekannt,

man wußte überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden

Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen sei. Also Feigheit

nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr junge Dame aus der höchsten

Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter entwachsen, hätte seine launenhafte

Neigung für ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum

ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das Gegenteil. Bei

Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, wäre ein wundertätiger

Mönch aus einem fernen Kloster erschienen, der die Macht bewiesen hätte,

abgeschiedene Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner

Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich der Wonne zu

heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man schüttelte den Kopf. Sollte wirklich

dieser eiskalte Rationalist zu jenen heiligen Schwärmern gehören?

Warum nicht?

Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort die Farbe

wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune quälte, es konnte sich gewiß

auch heißhungrig in die Abgründe der Mystik stürzen. Freilich nur, um

jene Klüfte bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch

oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.

»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« fragte Herr

Miljutin der Ältere noch demütiger als sonst.

Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen Linien des

eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. Auch schien ihr der

weiche Dulderkopf des regierenden Zaren durchaus nicht unter die eiserne

Sturmhaube zu gehören. Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren

des fremden Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos

verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der Unsicherheit.

»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst zu geben,« fuhr

Herr Miljutin dringender fort, da sich der sanfte Mann darüber aufzuregen

schien, weil die Nemza seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos

blieb.

Wie unangenehm!

Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem geringen Verständnis

entschuldigen, als ihr unerwartet eine Hilfe kam, auf die sie niemals

gerechnet hatte. Und wie melodiös und schmeichelnd das Organ ihres

unverhofften Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde

dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, daß sie

hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine und aufrichtige Seele

vermutete.

»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden Unwillen des

Händlers, indem er ihm mit seiner feinen weißen Hand freundschaftlich auf

die Achsel klopfte, »muten wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu.

Unter uns, die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir

unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. Sie können

mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche benutzen die von

Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen nur, um unseren dummen Bauern

Furcht einzuflößen. Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem

liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, wie

erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, »lassen wir uns hier auf Leo

Konstantinowitschs neuem Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich

etwas von russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen ziemlich

einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern eine Nachahmung

nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen singt Frau Oberst Geschow ein

tatarisches Dorflied. Ah, und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika.

Wollen Sie mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft

vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument in den

Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas von den reinen Klängen der

Kindheit. Und nicht wahr, wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«

Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine dunkle Frauenstimme

unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher Saitenvierklang, hüpfend und

neckisch, tönte dazwischen, als ob das Leben auf die traurige Weise mit

einem unbekümmerten Tanz antworte.

»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?« fragte Johanna

rasch, die den inneren Sinn des Liedes trotz der fremden Worte zu begreifen

meinte.

Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an sie heran. Und zum

erstenmal richtete er seinen sanften Blick gegen die großen blauen Augen

des Landfräuleins und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas

leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen Dummheit, von der

er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht recht stimmen wollte.

»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in seiner einnehmenden

Manier, die ihm so wenig Mühe bereitete, »ich mache Ihnen mein

Kompliment, weil Ihnen die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse

entschleiert. Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen.

Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines weinübersponnenen

Fensters. Draußen auf der Dorfstraße nimmt ihr Liebster, der mit seiner

Schwadron in den Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die

beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird, wenn wiederum der Wein

blüht:

»Ich küsse dich, Anuschka.«

»Ich küsse dich, Iwan.«

»Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«

»Ja, was wird sein?«

»Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«

»Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«

»Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«

Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer von der hüpfenden

Begleitung durchschlungen und unterbrochen. Der Fürst aber beugte sich

vor, als ob er ein Urteil über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine

Zuhörerin war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt.

Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn stöberte unruhig in den

Gedankenverbindungen herum, die durch ein einziges Wort des Textes in ihr

erregt waren. -- -- Krieg! -- -- Und plötzlich vergaß sie, wer neben

ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des Mannes, der sie

unterhielt, war in ihrem Ohr haften geblieben. So kam es, daß sie sowohl

die fremde, vielleicht feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn

außer acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie ein

bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden Wesen Trost sucht,

bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf die Finger des anderen, um

rasch und inständigst zu fragen:

»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, -- nicht wahr, es ist

doch unmöglich?«

»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich sammelnd, obwohl er

den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen Bitte recht wohl begriff.

Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem Unbekannten, den man

sicherlich nie wiedersehen würde, nicht derartige Verlegenheiten! Doch

während er sich zu ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des

Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.

»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht Ihre Bedenken

zerstreuen? Sie sehen übrigens so aus, als wenn Sie nicht leicht außer

Fassung zu bringen wären.«

Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand hastig zurück, raffte

sich zusammen und saß wieder so aufrecht und unberührt, den Kopf in

den Nacken geworfen, daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich

belustigte.

»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton klang so eisig,

wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald sie sich oder andere auf

einem Fehler ertappte, anzuwenden pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir

Aufschlüsse über etwas zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich

verboten ist.« Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem

Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu unterhalten.

Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach dem Preis seiner

eigenen Lastpferde.

Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig lauschte Dimitri

Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. Dann aber, als sich der schöne

junge Mann daran erinnerte, wie unbändig taktlos es wäre, eine

Unterhaltung so schneidend und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets

Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und gedachte

sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen durch den Vorhang in das

Nebenzimmer zu begeben, um Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über

ihren Gesang zu Füßen zu legen. --

Da geschah etwas.

Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er dicht an dem Platz, wo

Johanna saß, fest, so daß sich ihre Gewänder beinahe berührten.

Was war das?

An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich eine niedrige

Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar Steinstufen auf den Hof

herunterleitete, nahm man eine russische Ordonnanz wahr, die einen Brief

oder eine Depesche in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den

Soldaten, ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen von draußen

herein.

Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas. Ihr heller Verstand

verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem Vorhof spiele sich nichts

Gleichgültiges ab, nein, daß der Bote vielmehr eine Entscheidung

brächte. In das Dunkel, das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem

Augenblick eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits

ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte Weg und Zukunft erhellen.

Nicht um einen Schlag pochte das Herz der Landtochter schneller. Die

Gewißheit war stets ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger

Gedanke riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein.

Fort!

Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut standen, noch einen

Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen auf die Standhaftigkeit des

weißen Friedenstempels, unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes Leben

verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen starrten unausgesetzt

auf den offenen Durchgang. Nicht der kleinste Zug in den aufgeregten Mienen

der Männer dort draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie

plötzlich jede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie

Flintenkugeln durcheinanderflogen.

Kein Zweifel, das Fürchterliche war da!

Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder um sie her. Fast

lautlos und unhörbar vorübergleitend.

Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow auf den Flur hinaus,

um die schmale Tür sofort hinter sich zu schließen? Eine plötzliche

Stille trat ein. Auch in das Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle

Kunde gedrungen sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man hörte

nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand der Gouverneurin

zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren, leblos, keiner Bewegung

mächtig, verharrten die Männer in Johannas Umgebung.

Und dann -- die Tür flog auf, -- weiß wie ein Blatt Papier überreichte

der Bergbaustudent dem Obersten Geschow ein geschlossenes Formular. Johanna

sah, wie sich die breite Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die

gutmütigen grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine Sekunde, und

seine fleischige Rechte strich schwerfällig über die kurz

geschorenen weißen Haare. Im nächsten Moment freilich stieß er einen

unverständlichen Ruf aus, brach zitternd vor Aufregung das Schreiben

auseinander, und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen das

Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm in atemloser Spannung

über die Schultern zu blicken. Ein starkes Atmen ging durch den Raum.

Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer straffen Bewegung

steckte er sich das Formular in den Ärmelaufschlag, nickte kurz und

warf ein einziges Wort hin. Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des

Kommandeurs aber funkelte ein seltsames Leuchten.

Da -- vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schrei herein. Taumel, Ekstase,

Rachegier oder ein allgemeines begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte

sich in dem langen, die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow

jedoch, der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch die Rechte

zurück, als erteile er den gemessenen Befehl, daß seine Untergebenen

derartige Kundgebungen sofort zu unterdrücken hätten, und ohne Verzug

eilte die Mehrzahl der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem

Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand sich die Fremde, die

man vergessen hatte, allein.

Nein, nicht allein.

Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten Fergussow zurück. Er

war es, der einzig von allen anderen noch immer neben der Fremden weilte,

und sie sah nun wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu erwachen

schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen kalten Antlitz, als er jetzt

ernst seine sanften braunen Augen auf die Deutsche richtete. Dann verneigte

er sich vor ihr ganz in der Art eines großen Herrn.

»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst Geschow hat

zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen gegenüber eine Pflicht

verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm sein, wenn ich sie an seiner Statt

erfülle.«

Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem Vorhang die

laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters Sassin, in ihr gewöhnliches

polterndes Lachen ausbrach. Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den

fremden Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen

Schrecken verfallen waren.

»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das vollsaftige

Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester Freund Rudolf Bark, welch

unnötige Aufregung! Eine dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht

der geringste Grund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen wünschen

Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen. Das leide ich einfach nicht.

Das Ganze war hier als ein kleiner =thé dansant= gedacht. Jede Minute

müssen die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um dieses

Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden sich unter Freunden,

nicht wahr, Oberst Geschow?«

In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die Augenbrauen zusammen.

»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu seiner

Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber ragte, »warum

Leo Konstantinowitsch so Widersinniges redet. Ich hoffe, es geschieht, um

Ihre Furcht nicht noch zu vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die

Wahrheit schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir, daß

Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete. Es läuft in

zweiundsiebzig Stunden ab.«

»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig.

Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln.

»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere vermögen

derartiges am wenigsten zu beurteilen. Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer

Gegenwart zu berauben, möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre

Heimat zurückzubegeben.«

»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten Umsicht ein, »daß

Ihr Freund, der Rittmeister Sassin, uns nicht fortzulassen wünscht?«

»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat sich

aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie kräftig die Muskeln in

seinen schlanken Gliedern spielten. Er schlug den Vorhang zurück, um seine

Gefährtin in das Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine

einschmeichelnde Stimme nahm einen Klang an, der vollständig von der

Gewohnheit des Befehlens beherrscht war. »Leo Konstantinowitsch,« rief er

laut, »wir alle bedauern es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere

deutschen Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu Fuß

bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die Güte haben, dafür Sorge

zu tragen, Herr Kamerad, daß der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort

folgt.«

»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig, und

eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn. »Wozu das alles? Auf der

Straße treibt sich jetzt ohnehin allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die

Damen könnten nur Unannehmlichkeiten erfahren.«

»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie darauf aufmerksam

machen,« entgegnete Fürst Fergussow, obwohl er ihn keines Blickes

würdigte. »Aber ich selbst werde die Ehre haben, die Damen sowie den

fremden Herrn bis an die Brücke zu geleiten.«

»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr erstickt.

»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,« erbot sich Oberst

Geschow. »Ich vermute, daß besondere Brückenbefehle ausgegeben sind, und

ich wünsche, daß unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.«

Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte sich und

die übrigen davon zu überzeugen, daß all die gewünschten

Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären, weil sich bei der bekannten

Friedensliebe und Gutmütigkeit des slavischen Volkes niemals etwas

Ernstliches ereignen würde.

»Wie können in einem Staate, der sich so langsam emporarbeitet,

überhaupt jemals solche das Volksvermögen zerrüttende Gedanken

auftauchen,« ächzte der Gouverneur Bobscheff, indem er, schlau mit den

Augen zwinkernd, seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird

einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze Politik.«

»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines Ruhmes, aufmerksam.

»Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen Bedenken jede kriegerische

Auseinandersetzung.«

»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert um die betroffenen

Mienen der anderen die dunkle Tatarin mitten durch den ausweichenden

Kreis hindurch und auf den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine

bereits in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle verharrte.

Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, streckte Maria Geschowa

dem Konsul warm die Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz

laut, als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, »Sie

wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten gab. Aber das, was ich

Ihnen jetzt sage, das können Sie mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben.

Ich wünsche von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten drei

Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. Denn gleich mir, so gibt

es hier unter uns viele,« setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, als sie

das eisige Schweigen der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die

nichts so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das bewußte

Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen nennen. Pfui, möchte es

nie dazu kommen!«

»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des bedrückten

Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, sehr ernsthaft bei und

streichelte der erregten Frau billigend und respektvoll über den Arm.

»Hoffen wir, daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht

zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg führen.«

In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere Tür, und

das Licht des funkelnden Sommertages flutete üppig und hell auf all die

ängstlich zusammengedrängten Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem

fernen Grollen des Weltenschicksals hinaushorchten.

* * * * *

In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. Und doch war es den

durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub dahineilenden Mädchen gewesen, als

ob sie sich durch andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen.

Das rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen Mäntel

flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz gleich, nur den Ort

erreichen, von wo man die Heimat sehen konnte, die sichere, die

schützende.

Da -- gottlob -- da gewahrte man schon den schmalen Fluß, man sah

die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader nun beschäftigungslos

herumlungerten. Und jetzt, -- war das nicht das Getrappel vieler Pferde,

das da hinten von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar

Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung wurden

sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht vor dem Brückeneingang hielt.

Die gezogenen Säbel blitzten im Licht des Spätnachmittags.

»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand ihrer ältesten

Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie immer neben ihr herschritt, in

heftiger Bestürzung umklammerte, »was bedeutet das? Hans, ob man uns hier

gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«

Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein mattes Lächeln. Und

doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend auf den Fürsten Fergussow,

der mit seinem leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war.

Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch an den jungen

Zugführer heran, der grüßend seinen Degen vor dem Offizier in der

blitzenden Uniform senkte. Ein paar schnelle, den anderen unverständliche

Worte wurden gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant seinen

Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über die Brücke. Gehorsam traten

auf den Anruf die beiden Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran

und gaben die Durchfahrt frei.

Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der Landauer des Konsuls

über den Marktplatz gerasselt, und schon von weitem erkannte man, daß

der Rittmeister Sassin selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden

Peitschenschlägen trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum

hatte er die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher

die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem betrübten

Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt den starrenden rotblonden

Schnurrbart strich, schritt die mächtige Gestalt bis mitten auf den

Holzweg, wo sich der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren

russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische Stimme

des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen Worte der Scheidenden.

»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten Damen, welch

ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! Nie werde ich

wahnsinnigen Zeitungsschreibern, die an allem schuld sind, vergeben, was

sie an mir verbrochen haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens haben

mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, Rudolf Bark, wie

auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von solchem Geschwätz beirren

lassen kann.«

Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne Schwelle geführt,

welche die Grenze der beiden mächtigen Reiche bildete. So merkwürdige

Vorstellungen nisten in den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann

seine Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter dieser

eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat noch einmal zurück,

nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, sondern auch in der Absicht, das

Gebaren seines bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch

ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. Aber wie

erstaunte er, als er merkte, daß diese Aufgabe bereits von dem vornehmen

Offizier aus Petersburg übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch

an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung verriet, wie

widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige Verhalten des Kameraden

anmutete.

»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen gewiß Gründe

haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch zu beurteilen. Mich selbst

aber, und wie ich glaube auch den Herrn Obersten, befriedigt es ungemein,

weil wir die deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen,

wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen zu beachten,

direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch hinüber: »Kommen Sie gut

nach Hause, mein gnädigstes Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier

geschehen ist, würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens --

hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«

Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen durch den

Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut vor dem salutierenden Obersten,

und fort rollte der deutsche Wagen der Heimat zu.

Ungefährdet.

Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, so lange er das

Gefährt noch verfolgen konnte, an dem Brückengeländer. Er hatte sich

eine Zigarette entzündet, und die weißen Wolken ringelten sich fröhlich

in den matter werdenden Himmel.

* * * * *

Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen auf seinen prallen

Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, das seine Insassen eben von Grauen

geschüttelt, verlassen hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander,

grundlose, ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine

Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der Ordnung, nie

durchschritten war. Und hier, kaum daß man den schwarz-weißen Grenzpfahl

passiert, dem man zum erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten

Wächter aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden eine

glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt und auf beiden

Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, die bereits der Frucht

zustrebten.

Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in der Abendsonne

blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine hochgewachsene blonde Frau,

auf dem Arm ihr Töchterchen tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein,

als sie den herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden Schrei trat

sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln aus der Tür, schnallte

sich den Gurt etwas fester, strich sich die düster-blonden Haare aus der

gebräunten Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.

Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. Er erinnerte sich

nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein Anliegen hatte, jemals gesehen

zu haben. Und doch beherrschte ihn die merkwürdige Empfindung, daß es

jetzt notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und Antwort zu

stehen.

»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, indem er freimütig

grüßend an den Schlag herantrat; und sich gewissermaßen vorstellend,

fuhr er fort: »Ich kaufe schon seit langem meinen Kram bei Ihnen

dort drinnen. Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier

Gemeindevorsteher, und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. Sie

kommen von drüben, Herr Konsul, und da wollte ich fragen, ob wir uns

wirklich fertig machen müssen.«

Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des Mannes und

kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend etwas von dort Andrängendem

den Weg sperren müsse. Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus

und bestätigte mit einem leisen Seufzer:

»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«

»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in seine braunen Augen

drang ein seltsames Flimmern, »ich stand dort drinnen als Sergeant bei der

Artillerie, Herr Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden

haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir werden uns nicht lumpen

lassen, Herr Konsul.«

Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der Überzeugung dieses

gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer wie von einem heißen, belebenden

Trank durchrieselt wurden.

»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, nach all dem

französischen Parlieren wieder die derben heimatlichen Laute zu vernehmen,

»wenn wir fest zusammenhalten, kann uns nichts geschehen.«

Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte Haupt. Er

schien den Sinn der Anrede durchaus nicht zu begreifen.

»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend. »Aber das ist

doch selbstverständlich, Fräulein, -- Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns

nicht, die Sache wird gemacht.«

»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, in deren Seele

sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.

»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus

Frau und Kindern?«

»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die

Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann

stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die

Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.«

»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so

freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen

Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen.

Vorwärts, Johann.«

Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten

Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der

Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das

Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde

vorgestemmt.

»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn.

Weiter ging es.

Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur

aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen

Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das

Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm

und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden

Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der

Kirchenschwelle aber stand eine kleine Schar von Buben und flachsköpfigen

Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von

ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte

das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee

herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal

jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren

hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz

fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig

und voll werdender Mannheit:

»Lieb Vaterland magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«

Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine Leidenschaft stieg

in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt hatte, daß sie in der kühlen

Geschäftigkeit ihrer Tage noch nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick

der ruhigen, auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und

der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche Abend

herabsenkte, das alles zusammen überwältigte sie. Mit einer starken

verbündenden Bewegung streckte sie dem Konsul, dessen Augen gleichfalls

ernsthaft, fast liebevoll, auf den fremden Leuten dort draußen ruhten,

die Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an ihre Brust zu

raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich nicht mehr erhob. Nur Marianne

saß daneben und lächelte. Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte

Aufregung tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken

aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der gerüstete Riese, in

den ein ganzes Volk zusammenwuchs, und der nun schwerfällig, treuherzige

Lieder singend, zur Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken

der eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die vergangene Zeit

mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten ließ sie nicht los. Dazu war

ihr kleines unbedeutendes Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und

Freudegierigen zu weit überschattend vor alles Geschehen der Umwelt

gewachsen.

Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in schnellere Bewegung.

Fern aus dem graublauen Dämmer des Abends stiegen bereits zerfließend

und verschwimmend die Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie

zustrebten. Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder.

Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und regelmäßig, wie

von einem gut galoppierenden Pferde. Und ehe die aufgestörten Reisenden,

die jetzt auf jedes ihnen sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch

ihre Meinung über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte der

eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung.

»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul.

»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft dazwischen, und

im gleichen Moment fühlte sie, wie die Augen ihrer ältesten Schwester

mahnend und dringend auf ihrem Antlitz ruhten.

Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer wurde, mit ihrer

gewohnten überlegenen Lässigkeit aus. Ja, in ihr prickelte das Gefühl

des Wichtigen und des Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es

ihr vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel kleidsam um sich zu

werfen und die weißen Handschuhe etwas höher über den Arm zu streifen.

Was galt ihr das in Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr

eigene geheimnisvolle Macht dachte?

»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der aufgesprungen war, aus

dem Wagen, »so spät noch im Dienst?«

Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig, und an der Art,

wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte, da erkannte Marianne -- selbst

eine Meisterin im Sattel -- daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine

Lorbeeren nicht zu suchen schien.

»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten Ritt Luft, und

während er die Hand hastig zum Gruß an die Mütze führte, beugte er sich

vor und ergriff in voller Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen

hingen unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner

Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch immer atemlos,

»von Ihrer Fahrt über die Grenze, und da wollte ich mich unter allen

Umständen nach Ihnen umsehen. Sie wissen doch, was hier inzwischen

geschah?«

»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der Herzensangst des jungen

Mannes, indem sie kräftig seinen vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir

wissen es und danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es war

eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,« setzte sie mit

einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie steht es in der Stadt, lieber

Harder?«

Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des Wagens herangeschwenkt

und begrüßte nun Marianne, die den weiß behandschuhten Arm hob, als ob

sie einen Handkuß erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier

schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt. Er bemerkte

ihre auffordernde Bewegung gar nicht, sondern berichtete, dicht neben dem

Schlag reitend, in seinem jagenden Tone weiter:

»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer einer unangenehmen

Botschaft. Nein, nein, es ist nichts Ernstliches,« beruhigte er sofort,

als er sah, wie sich Isa erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee

nach Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«

»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr Johanna auf.

»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den Empfang der Herren

von dort drüben gebaut, wenn sie etwa den Besuch der Damen zu erwidern

gedenken. Die Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern

vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, weil ich

mir erlaubt habe, diese Räume für Sie im ›Deutschen Hause‹ belegen zu

lassen, denn der Andrang war heute nachmittag ein sehr großer.«

»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber Herr Leutnant,«

sagte Johanna dankbar. »Wir machen natürlich von Ihrer gütigen

Bestellung Gebrauch.« Und in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend

die Frage vor: »Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen

Mann verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben eines solch

Nachdenklichen zu würdigen weiß?«

Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene Antwort erteilen

konnte, da wandte sich jetzt der junge Offizier direkt an sie selbst, und

sein dunkles, ernstes Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.

»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir auch ein anderes

Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse haben sich leider so

geändert, daß auf eine günstige Wendung, an die wir ja alle noch heute

vormittag glaubten, kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen

Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so ist es für mich

und gewiß für viele andere,« setzte er in Beziehung auf den Konsul

hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, Sie dort draußen auf Ihrem einsamen

Gute ohne rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch der

Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt in der Stadt so lange

ausdehnen, bis die nötige Sicherheit von uns geschaffen wurde? Darin

verrechne ich mich doch hoffentlich nicht?«

»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die Älteste von

Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston des Lebemannes war

wie weggewischt, »der Bitte unseres Freundes schließe ich mich auf

das dringendste an. In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es

ihm achtlos, ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte,

»müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten zum Teufel

fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich besitze so viele Zimmer, daß

ich ein Regiment unterbringen könnte. Wäre es nicht das

Allernatürlichste -- --«

»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit ab, »das

verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser fügte sie an: »Sie sind

vielleicht allein daran schuld, daß ich Ihr freundliches Angebot für

meine Schwestern nicht akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in

Betracht.«

»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem Schatten von

Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden Isa nicht entging.

»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr eigenen

entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen ja, wie das gemeint ist,

wir wollen keinen unnötigen Streit darauf verwenden. Nein,« wiederholte

sie völlig entschieden, »ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um

dort alle Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden.

Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde ich gern mit Ihnen

beraten.«

»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine Fassung gewaltsam

zurückzwang, in einem nicht ganz frei klingenden Gelächter zufrieden.

»Und hier,« machte er abschweifend seine Schutzbefohlenen aufmerksam,

»fahren wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken Sie

die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut und gemütlich

vorgekommen, als heute, seit wir aus dem gottverfluchten Polackennest --

na ja, über dies und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten

Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden mich des

Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die Mitglieder meiner Expedition

noch einmal an dem runden Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder

so nach altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! -- Langsam,

Johann, langsam.«

Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In den schmalen, schon von

den Abendschatten verhängten Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte

das Volk durcheinander. Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf

Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten Läden lauter Disput.

Und dann -- ein merkliches Strömen und Schieben nach der Gegend der

zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die öffentliche Meinung des

Platzes gemacht wurde, -- nach den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des

Kreisanzeigers ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben:

»Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und nun, je näher man

dem Markt zustrebte, ein dumpfes Schwellen und Brausen, das manchmal sich

zu einem rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal aber auch

dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen verglichen werden konnte.

»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd.

»Lieb Vaterland magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«

»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen Antlitz schneebleich

geworden war, von seinem wiehernden Tier herunter, »die deutsche

Volksseele betet.«

Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick Mariannens dunkle Züge,

als müsse er sie gewaltsam zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und

sie? Sie lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und knüpfte

die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester an dem schlanken Hals

zusammen.

* * * * *

Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des Hotelzimmers

geklopft.

»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von drinnen.

Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete sich die hohe weiße

Pforte, und durch den Spalt lugte Marianne auf den von einer flackernden

Gasflamme erleuchteten Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des Flurs

wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken und die Rechte auf

den Degen gestützt.

»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die Heimlichkeit der

Szene erfreut, und zog ihren Besucher eilig über die Schwelle. »Ist

das nicht reizend, daß wir hier bleiben mußten? Denke doch, ein so

unverhofftes Stelldichein.«

»Marianne!«

»St-- nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals an Diskretion

gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna und Isa einquartiert, und wenn sich

meine Schwestern auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer

begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. Wie denkst du

dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte sie sich an ihn und streichelte

ihm sanft die Wangen.

Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die gewaltige Woge, die

dazu bestimmt war, ein ganzes Volk auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu

tragen. Tausendstimmig einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe,

Seligkeit und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und

willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste der wilde, der

beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis enthielt.

Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell von der hingebenden

Umschlingung frei, ja es lag ein Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt

rasch unter das Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen

wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er sich entschlossen

zurück, und seine Stimme klang anders als sonst, kurz, gepreßt und voll

innerer Entschiedenheit, da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch

zurückkehrte.

»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch wieder auf, »ich

besuche dich hier mit Erlaubnis deiner ältesten Schwester.« Und bewußt

setzte er noch hinzu: »Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß

Johanna, seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«

»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten roten

Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß ihr Besuch jetzt vor ihr

stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft für die ganze Familie. Darf

man auch erfahren, Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«

Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer schwarzen

Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher indessen wurde von den

Lockungen des Bildes nicht eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr

auf den Gesang, der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser

fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so war es dem

Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von ihm, seine Seele, gar nicht

hier drinnen in dem Zimmer weile, wo die höchsten Wünsche des Mannes

sich erfüllen sollten, sondern draußen bei den Namenlosen,

Durcheinanderwogenden, die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das

Trostlied sangen.

»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl losreißend,

»die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat dir deine Schwester Johanna

nicht mitgeteilt, daß ich heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?«

Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog Marianne empor. Zitternd

vor Schrecken stand sie dicht neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich

aus nächster Entfernung ineinander.

»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als wenn sie ein

leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht in Johannas Art. Sie hat

mir nicht das geringste verraten. Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du

das?«

»Wie ich das konnte?«

In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig entglitt ihm die

Beherrschung dieser Zwiesprache, die so vollständig den Charakter einer

landläufigen Unterhaltung anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche

Mensch vermochte sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War es denkbar,

die Herrscherin über sein zukünftiges Leben, dieses heiße, glühende

Geschöpf, es jauchzte nicht auf, als all die unwürdigen Heimlichkeiten,

all das böse Versteckspielen von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte

sich nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß eine

rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not jeden Zweifel, jede

Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen und für immer entfernen

müsse? Nein, das ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm, und

obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte er noch einmal mit

aller Zusammenfassung seiner Willensstärke:

»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine geknüpft. Gib

mir deine Hand und bestätige mir noch einmal, daß du mein Leben, so

bescheiden es auch ist, teilen willst.«

Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches Aufatmen hob ihre

Brust, und während sie, wie um ihren Bedränger zu besänftigen, ihm immer

noch mit ihrer zarten, weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich

kleinlaut ab:

»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.«

»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir. Aber dann wollen wir

jetzt hinunter gehen, um den Deinen unser Verlöbnis, das sie erwarten,

mitzuteilen. Auch meinen Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger

vorenthalten.«

»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende Geschöpf zu

entwinden, das die unwillkommene Einzwängung zwischen Beschränkung und

Kleinbürgerlichkeit auf sich einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden

einer riesigen Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen -- ich meinte

nur -- --«

»Was meinst du? -- Gibst du deine Einwilligung?« beharrte der Offizier

mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.

Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden lassen wollte, ihren

Arm, da er ihn noch immer umspannt hielt. Nein, wie konnte solch ein armer,

unbedeutender Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung

angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr verlangen? Von

ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren Zukunft in einem goldigen Nebel

schwamm? O, wenn sie wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde -- -- --

Im Grunde war es eigentlich, -- ja, sie konnte es nicht anders nennen, --

es war eigentlich eine Anmaßung, daß der hartnäckige, in seine Bücher

verbohrte junge Mensch, der das Leben so wenig kannte, sie veranlassen

wollte, so plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die sie

für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen mußte. Und warum?

Es blieb wirklich halb lächerlich. Weil man einen kleinen ungefährlichen

Flirt getrieben hatte, weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten

Zügen ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend jemanden

verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf dessen Verschwiegenheit man

doch bauen konnte? Und zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche

Drängen? Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht erwarten

konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und Damenhaftigkeit sie

natürlich heimlich beneidete, in ein ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen,

wie sie es selbst führte. Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg

fände, ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel

zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und wild schluchzte

sie auf. Ja, der von einem peinlichen Schrecken durchschlagene Offizier

merkte sogar, wie zwischen den Ritzen ihrer Finger helle Tränen

hindurchtröpfelten. Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine

Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die Ringende beugen, um

ihr unter tausend guten Worten Trost zuzusprechen. Es war ja eigentlich

alles so natürlich. Dem Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen,

dieses aufgelöste Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen von

Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein rührender Kummer, der

ihm sein Mädchen in einer ganz neuen, zarten und demütigen Schwäche

zeigte.

Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit derartige Erwägungen

nicht wie Spreu im Sturm auseinander gesprengt hätte. Horch! Begann

dort draußen nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der

Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und markerschütternder,

als der andere? Fritz Harder begriff nicht, warum die Kunstschöpfung des

alten Uhrmachers Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult

ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton raubte ihm jedes

weichliche Mitleid. Fest und zielsicher trat er an den roten Sessel heran,

um seine Hand noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig,

nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, aber die

Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. Empfand der Betroffene auch die

leise Gereiztheit, die sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die

schlecht verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?

»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in äußerster

Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine Tränen nicht. Liegt denn in

meiner Bitte, in meinem Verlangen, eine Beleidigung?«

Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre Hände von

ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune Samtton war von ihren Wangen

entwichen, und auf ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich

durchaus nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, für

Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, daß es die Teufel der

Lüge waren, die dort ihre geschäftige Arbeit verrichten wollten.

Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte wieder halb

schmollend zu ihm empor.

»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte sie, während die

Tränen immer noch ihre großen schwarzen Augen feuchteten, »ich denke

doch nur darüber nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen

schon, von meiner Seite gerissen wirst.«

»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.

»Und sieh einmal -- --«

»Ja, was denn -- was denn -- erkläre dich deutlicher.«

Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe wieder

leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte sie den gewünschten

Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, in den sie sich verkriechen wollte.

»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, »du sagst selbst,

es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein Mensch weiß, ob er den anderen am

nächsten Tage wieder sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber

abwarten sollte, bis sich alles geklärt hat?«

Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, da fuhr sie

plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte atempressende Stille?

Draußen hatte unvermittelt der Gesang der Volksmenge wie mit einem Schlag

ausgesetzt. Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte kurz

und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden Welle, ein einziges

vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich knirschende Geräusch, das

stets vernehmbar wird, wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den

Einsamen empor. Die improvisierte Versammlung auf dem Marktplatz schien ihr

Ende erreicht zu haben. Jedoch die ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die

das aus der Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann schlug.

Jetzt wußte sie es -- die grauen Augen des Offiziers waren es, die sie

festhielten. Lieber Himmel, sie mußten die kleinen betrüglichen

Künste durchschaut haben, sonst hätten sie niemals einen solch kalten,

einbohrenden und doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon

wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue Zärtlichkeit, die

ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation zu unterbrechen, als sie an

ihrem Platz vollkommen erstarrte. Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit

ansehen, wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, an den

Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an sich nahm. Dann streifte

sich der junge Mann, immer mit derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen

Handschuhe auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen ein.

Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein je tiefer ihm das

kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, desto deutlicher erkannte die

entsetzte Beobachterin, wie seine dunklen Augenbrauen sich immer finsterer

und entschlossener zusammenzogen.

»Fritz!« sprang sie empor.

Er hob das Haupt und sah sie an.

Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz

gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte

schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte

ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten

wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine

Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und

Kurzweil.

Wirklich Vergangenheit?

Pah -- sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den

altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung

zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte,

als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas,

spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und

öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch

immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die

Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut

des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das

Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine

Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen

erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die

Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort

unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte.

Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es

flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen

mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen.

In die Höhe.

Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem

Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls

hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags

emporschlängelten.

Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen,

wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie

erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben

in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand.

Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende

Helligkeit.

Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.

Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf

das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie

imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.

Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön,

einfangend schön.

* * * * *

Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen

die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal

zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer

wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser -- der Zar -- Frankreich.« Und er

wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts

Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse

schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser

standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße

hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich

gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine

Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb

er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen

Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben

waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie

in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete

Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete

und entschlossen war, sich selbst zu vergessen.

Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das

schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die

ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller

Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen.

Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm

auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine

arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die

Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden

Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein

eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er

den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in

den Hals zu klopfen begann.

»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter

ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte

er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines

Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den

zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um

dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese

stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die

gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag

zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit

den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was

tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer

Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«

Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit

der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß

ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes

verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe.

So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie

gesehen.

»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der

kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von

neuem zu.

»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«

»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in

die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale

zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche

Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag

mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr

Leutnant.«

Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten

Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef

zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter:

»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?«

»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich

zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der

unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute

in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, -- Sie

wissen schon, Herr Leutnant -- die Nachricht überbrachte, können Sie

sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich

aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die

Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten

Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit

dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen

und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben

Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie -- wie -- Ich glaube, er hat

gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem

er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist

in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich

seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr

länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu

zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische

Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß

seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden

Herrn sitzt.«

»Bei einem fremden Herrn?«

»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein

Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und

Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.«

Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit

schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden

Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren.

Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen

und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der

Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten

Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren

Krähenton nach:

»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten Streifen an den

Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat es ausdrücklich angegeben. Nu,

sehen Sie, habe ich gelogen? Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus

Ihrem Zimmer. Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. Hier

oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten im Keller. Aber es gibt

mir doch ein Gefühl von Hochachtung, weil ich mitgeholfen hab'. Man ist

doch nicht bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes Rädchen.

Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie Bedienung benötigen, Sie

brauchen bloß zu klingeln. Ich pass' auf.«

* * * * *

Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. Und richtig, im

Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, die vor ihm auf dem ovalen Tisch

brannte, saß der Erwartete, Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend

schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt rasierte Haupt

zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich unpreußischer grauer Locken

nahmen ein paar versonnener blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen

Freude an.

»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« sagte eine

freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige und mannbare Figur

sich langsam erhob; und dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße

Gelehrtenhände entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel

schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist es ein rechtes

Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, Fritz, laß dich einmal

anschauen.«

Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand jetzt dicht neben

dem jungen Mann und begrüßte ihn durch einen leichten Schlag auf die

Schulter.

»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine unnennbare

Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in dieser Wirrnis ein

verwandtes Herz neben sich wußte, »Onkel Siebel, daß du gerade heute

kommst! Du ahnst gar nicht, was -- --«

»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig zukneifend,

»doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie ich dich erwartete. Was

ist das für eine kränkliche Blässe? Und wohin hast du dein frisches

Jungenlächeln versteckt? Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete

ja, du wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt erhalten

hättest? Also was gibt's? Beklemmung vor der großen Weltkatastrophe?«

»Nein, Onkel.«

»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«

»Auch das nicht, obwohl --«

»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt

nicht zufrieden sein, -- wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal,

Fritz, bist du krank?«

Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte

der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen

Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch

wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden

Waffenrock herum.

»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich

habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst

würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen.

Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in

euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten

auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht

doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten

Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«

Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem

gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben,

als er sich stockend abrang:

»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses

Fieber überwunden.«

Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend,

beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch

eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging.

»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er

eindringlich.

»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein

Wort.«

»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den

Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt.

Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, -- da mir Heimlichkeiten

auf der Seele brennen -- daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und

Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte

sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer

verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den

Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen

Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren

Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird

natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben

haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein

Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen

wir Kriegsrat halten.«

Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen

jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits

seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf

verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz

geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann,

dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und

fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame

befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender,

fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht

zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern

natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte,

die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen

mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern

ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem

Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder

Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der

ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte

und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete

Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer

Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der

Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit

auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer

bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende

Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von

den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung

hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd

vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten,

dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur

morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher,

jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er

hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das

Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und

Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über

die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, -- seine

Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann

schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet

in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern

vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt

unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 7 / 21 题