Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte, hart
an der Grenze eines hochwogenden, schwer nickenden Weizenfeldes, da gab
es einen lauschigen, einen heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter
Kirschbaum senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß
unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte, selbst wenn um ihn
herum das heiße Sonnenlicht in Wogen über die Landstraße fortspülte.
Die astumzäunte Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort
verkriechen und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln
zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße begab. Hier hatte der
Rotkopf der Grothe-Marjellen, die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider
trug, oft wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein herrliches
Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden Dorfjungen aus ihrem
sicheren Versteck heraus kleine Kieselsteinchen gegen die Mützen
werfen durfte. Hei, und wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie
wundervoll. Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den weißen
Sand rollte und vom Wind noch überdies wie ein kurbelndes Rad hinweggefegt
wurde, dann war unter den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig
ein verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes,
kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen der versteckten
Übeltäterin keine allzu bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war
Fräulein Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre Gewänder
noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen, gertenhaften
Gestalt herabflatterten, und obwohl es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen
bereitete, sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten
Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten, bis die Feuchtigkeit kalt
an ihrer Brust zitterte, -- seit ein paar Wochen war ihr leider selbst
diese harmlose Erfrischung von der ältesten Schwester, die so gar kein
Verständnis für derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines
Morgens lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank an dem alten
Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen Entdeckung saß Isa Grothe
zur heißen Mittagszeit lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und
ließ ihre braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in ihrem
Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne heimlich
entwendet. Himmel, da standen ganz absonderlich verirrte Dinge drin, die
Fräulein Isa selbstverständlich längst ahnte und billigte, von denen
sie jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm aufpeitschen
könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen Lande.
Langsam röteten sich die Wangen in dem feinen Gesichtchen, und ab und zu
riß das junge Geschöpf halb unbewußt heftig an den herniederhängenden
Zweigen herum, als ob sie unwillig sei oder irgend etwas nicht mehr länger
erwarten könne. Der Kirschbaum rauschte dann über ihr, und hereinfallende
Sonnenstrahlen schossen wie weißglühende Pfeile über das gelbe Buch
fort, bis Fräulein Isa gestört mit der Hand nach ihnen schlug.
Eben zupfte die wohlgepflegte weiße Hand in den Blättern herum, denn
die Leserin konnte vor fieberhafter Neugier nicht erwarten, die nächsten
Seiten umzuwenden, da knisterte etwas in den Zweigen, ein Schatten fiel
dunkel und verdeckend auf das Buch, und die Emporzuckende erkannte mit
einem leisen Ruf der Überraschung, wie eine Frauengestalt sich eilfertig
von der Seite durch die herabhängenden Äste hindurchdrängte.
Im nächsten Moment hatte die Kleine zuvörderst das geraubte Buch unter
die Bank geworfen.
»Marianne!«
»Jawohl, guten Tag, Isa.«
»Guten Tag. Wie kommst du hierher?«
»Ich?«
Die Brust der sonst so unempfindlichen Marianne atmete stark, es schien,
als hätte sie einen heftigen Lauf hinter sich. Ja sogar der keck
geschnittene enge Lodenrock zeigte Spuren von Gräsern und Kletten, die an
ihm hängen geblieben waren. Dazu blitzten die schwarzen Augen, und aus
den dunklen Haaren hingen ein paar Löckchen regellos in den Nacken hinab.
Hastig stützte sich das schöne Mädchen mit der Rechten auf die Banklehne
und beugte sich spähend vor, so daß ihre weiße Leinenbluse beinahe die
Wange der Schwester streifte.
»Isa,« flüsterte sie hastig, »dort hinten kommt jemand, der mich
sucht.«
Jetzt warf auch die Jüngere einen schnellen Blick auf den Feldweg, der
hinter dem Kirschbaum quer auf die Landstraße zustrebte, und ganz fern,
schon in den tanzenden Sonnennebeln, erkannte sie das gleißende Funkeln
einer Uniform.
»Ich weiß, wer dich sucht,« sagte sie sehr bestimmt, und in den großen
Goldaugen schwamm ein Ausdruck, als ob das junge Ding die sonderbare Lage
durchaus begriffe.
»Jawohl, Fritz Harder,« fiel hier Marianne ungeduldig ein, »wenn er
dich etwa anreden sollte, dann bitte erzähle nicht, daß du mich gesehen
hättest. Kann ich mich darauf verlassen?«
Auf diese dringende Frage erteilte die Siebzehnjährige keine Antwort. Aber
über ihre Wangen ging es wie ein Schauer von Röte und Blässe, und in den
weit aufgetanenen Augen schimmerte etwas Ernstes, ja beinahe Ängstliches,
was zu dem schnippischen Wesen der frühreifen jungen Dame kaum zu passen
schien. Ihre Fäuste ballten sich, und es war ein abschätzender Blick,
mit dem sie ihre ältere Schwester, die so völlig ihr Gleichmaß verloren
hatte, vom Kopf bis zu den Zehen musterte. Der kleine zuckende Mund jedoch
öffnete sich nicht, und so dauerte das unerwartete Schweigen fort.
»Du hast mich wohl nicht verstanden?« drängte Marianne ungehalten
weiter, und indem die Eilfertige den straff herabgestreckten Arm der
Jüngeren schüttelte, als wollte sie ihre eigene Gegenwart dadurch
deutlicher bekunden, schärfte sie der unwillig sich Reckenden mit heißer
Stimme noch einmal ein: »Du wirst also nicht sagen, daß ich hier vorüber
ging.« In jähem Übergang preßte Marianne plötzlich ihre Wange gegen
die der Kleinen, umfing sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und
schmeichelte immer noch mit mühsam erkämpftem Atem: »Nicht wahr, mein
Liebling, du tust mir den Gefallen? Es ist alles nur ein Scherz, verstehst
du? Du wirst mich nicht verraten, nicht?«
Da wand sich Isa los. »Ich werde gar nichts sagen,« erklärte sie kurz,
während sie sich mit einer jugendlich eckigen Bewegung wieder auf die Bank
niederließ. »Was gehen mich deine Spielereien an?«
Und in einem plötzlichen Rache- und Machtgefühl bückte sich der
geschmeidige Körper, holte das versteckte Buch hervor und indem sie es
recht sichtbarlich ins Sonnenlicht hielt, vertiefte sie sich scheinbar
von neuem eifrig in die unterbrochene Lektüre. Marianne aber zuckte
geringschätzig die Achsel, als bedaure sie es jetzt, an diese
Halbwüchsige soviel Verführungskünste verschwendet zu haben, dann
krümmte auch sie ihre Glieder zusammen, um sich im nächsten Augenblick
geschickt und tief gebeugt in dem ausgetrockneten Graben von dannen zu
schleichen.
Kaum war sie verschwunden, da riß Isa die Zweige des Kirschbaums
auseinander, und während sie ihren Rotkopf hastig durch die Öffnung
steckte, warf sie der Enteilenden in weitem Schwung ein Erdklümpchen nach,
das sie vorher von der Rasenfläche aufgelesen. Gleich darauf sank sie
freilich auf ihrem Sitz zusammen, schlug die Füße übereinander und ließ
das leuchtende Haupt langsam auf die harte Banklehne sinken. Angestrengt
schien sie über ein nicht lösbares Rätsel nachzusinnen.
Es waren die Disharmonien des Lebens, die sich vor den Ohren der
Erwachenden noch nicht einfügen wollten in die bald schauerlichen, bald
heiteren Melodien, die heimlich und stark in ihr klangen.
* * * * *
Minute auf Minute verrann, die Uniform, auf die die Versteckte harrte, sie
wollte sich nicht zeigen. Längst hatte sich Isa wieder erhoben, um ihre
scharfen Blicke hierhin und dorthin schweifen zu lassen, vergeblich. Feld,
Steg und Wiese blieben leer. Und die Halbwüchsige überlegte. Sollte der
Offizier etwa noch einmal in das Herrenhaus zurückgekehrt sein? Ei, das
wäre geradezu prachtvoll, wenn der ahnungslose junge Mensch dann mit der
anspruchsvollen launenhaften Person womöglich in Gegenwart von Johanna
zusammenstieße. Denn darin glaubte sich der feine Verstand der Jüngsten
von Maritzken nicht zu täuschen, daß ein so in sich versunkener
und ernster Mensch, wie es Fritz Harder war, niemals die verstiegenen
Ansprüche ihrer eitlen Schwester befriedigen könnte. Ein Geschöpf, das
beinahe eine Stunde zu einer Frisur benötigte! Und wie dumm und ungebildet
Marianne im Grunde dahinlebte. Blieb es nicht unbegreiflich, daß ein Mann
wie Fritz Harder, ein Offizier, der sich den höchsten und entlegensten
Dingen so ernst und strebsam hingab, war es faßbar, daß ein solcher wie
bezaubert und entrückt mit brennenden Augen und weit vorgebeugt vor einer
so lockeren und inhaltslosen Kokette sitzen konnte? Darin bestand also doch
wohl die Bestimmung und die höchste Macht der Frau.
Und wieder rieselte es kalt an den Gliedern der Versonnenen hinab, und sie
griff so heftig in die Zweige des Kirschbaumes, als wollte sie ihr eigenes
sehnsüchtig erwartetes Schicksal auf ihr Kinderhaupt herunterreißen.
»Sagen Sie mal, verehrungswürdige Jugend, für wen gedenken Sie diese
schönen Weichselkirschen zu pflücken?« schlug plötzlich eine feste
Männerstimme in den schweren Traum des Mädchens hinein.
Und erschreckt in die Höhe fahrend, erkannte Isa in völliger Verwirrung,
wie dicht vor ihr auf der Chaussee der geräumige Landauer des Konsul Bark
hielt. Auf weichen Gummirädern mußte das Gefährt lautlos bis
hierher gerollt sein, und die beiden Apfelschimmel mit dem strahlenden
Silbergeschirr riefen wie immer das stürmische Wohlgefallen von Fräulein
Isa hervor, die sich heimlich für alles, was ein sicher fundierter
Reichtum bot, begeistern konnte.
»Herr Konsul Bark,« rief sie so liebenswürdig als möglich, nicht jedoch
bevor sie sich das blaue Leinenkleid halb unbewußt an den schmalen Hüften
zurechtgestrichen hatte. Immer wieder verfiel sie in den Fehler, dem
eleganten älteren Manne, der auch jetzt in seinem fast weißen Staubmantel
und dem grünen Filzhut so überaus gewählt und vornehm aussah, durchaus
ihre Damenhaftigkeit einprägen zu wollen. »Herr Konsul Bark, kommen Sie
uns bereits abholen?«
»Zu Befehl, wir haben ja noch zwei gute Stunden zu fahren. Und die
Toilettenangelegenheiten« -- er beugte sich vor, legte die Hand quer über
die Augen, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, und musterte die Kleine mit
einem ziemlich sorglosen Blick -- »na, die scheinen mir ja auch noch nicht
auf dem höchsten Gipfel der Erreichbarkeit angelangt zu sein. Hören
Sie mal, Rotfüchschen,« meinte er gemütlich weiter, während er an den
Grabenbord heranschritt und ihr über die Breite die Hand entgegenstreckte,
als ob er ihr behilflich sein wolle, »Sie schießen übrigens wie Spargel
in die Höhe!«
Isa hatte schon zum Sprung angesetzt, jetzt zögerte sie plötzlich. Sie
bettete ihre Hände auf den Rücken, und die Lippen, die so merkwürdig
rot und blühend aus dem blassen Mädchenantlitz hervorleuchteten, zuckten
ungehalten über der Zahnreihe.
»Herr Konsul, ich finde,« lachte sie über den trennenden Graben
herüber, aber es klang doch deutlich der Unmut heraus, »daß mein Haar
Ihre Phantasie direkt in Aufregung versetzt. Wenn Sie es durchaus nicht
leiden mögen, so könnte ich ja vor Ihnen immer im Hut erscheinen.«
»Aber liebstes Kleinchen,« beschwichtigte der Konsul ganz verwundert, der
nicht im Traum daran gedacht hatte, die Jüngste von Maritzken verletzen
zu wollen, »Ihr Haar ist ja im Gegenteil von erlesener Kostbarkeit.
Also, wenn ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Gedichte darauf
verfertigen. So, nun aber hopsen Sie mal hier herüber, Isa, und setzen Sie
sich hübsch artig neben mich in den Wagen, ich bitte es mir nämlich als
besondere Ehre und Vergünstigung aus, die frisch gewaschene, übrigens
sehr appetitliche blaue Leinenbluse im Trab nach Hause fahren zu dürfen.«
Damit beugte er sich noch etwas schräger über den Graben und ergriff
ohne weitere Umstände die schmale Jungfrauenhand, die sich ihm plötzlich
willig und leicht entgegenstreckte. Mit einem Sprung war das Mädchen im
Wagen. Wohlig schmiegte sie sich in die hellgrauen Tuchkissen und lugte
abermals verstohlen auf den weißen Staubmantel dicht neben sich, der ihr
so kleidsam erschien. Lautlos rollte das Gefährt dahin. Als ob es
über einen Teppich von Samt fortglitte. Es war ein zu eigenartiges und
köstliches Gefühl, diese weiche Bewegung auf sich wirken zu lassen. Allen
Gliedern teilte sie sich angenehm und kosend mit. Träumerisch ließ das
Mädchen die feinen Härchen der Weizenähre, die sie kurz vorher vom
Grabenbord abgepflückt hatte, in ihrem Handteller kreisen, um sich bei
klarem Bewußtsein zu erhalten. Gar zu leicht lief man doch Gefahr, unter
dem wohlig spielenden Sonnenlicht den spinnenden Träumen zu erliegen. Sie
drehte die Ähre stärker und zuckte ein wenig, als sie den leisen Wirbel
der Reibung empfand. Und wie frisch und wohlgepflegt der Mann da neben ihr
aussah! Nur schade, daß seine prüfenden Blicke nicht abließen, musternd
und schätzend über die gelben Weizenfelder und die eben aufknospende
Kleefrucht zu schweifen, über der es bereits lag wie ein rötlicher oder
bläulicher Hauch. Über den Spiegel eines fernen Landsees kreiste im Bogen
eine Schar vom Meer hierher verschlagener Möwen, und ganz in der Nähe
taumelte eine Wolke gelber Zitronenfalter über die süß duftende Flur.
»Herr Konsul, hören Sie die Spottdrossel?« begann Fräulein Isa
empfindsam.
Der Mann im weißen Mantel neigte sich zu ihr, so daß ihm die Kleine ganz
verwirrt in das schmale Gesicht starren mußte. Aber gleich darauf empfand
sie, wie seine Finger ihr den gelben Weizenhalm entwanden, um geschickt die
Ähre ihrer Körner zu berauben.
»Schön,« sagte er befriedigt, »voll und gut schüttend.«
»Hm --«
Die junge Dame im Wagen schlug rasch die Füße übereinander und wippte
ein wenig mit den braunen Halbschuhen. Es war klar, besonders zarten
Empfindungen gab sich ein solch älterer Mann nicht hin. Und wie er jetzt
die gelben Körner von seinen festen braunen Fahrglacés abschüttelte, da
fielen seiner Begleiterin all die aufregenden Gerüchte ein, die man sich
schon in der Mädchenschule dort drinnen in der Stadt unweit der Grenze
erschreckt und erwartungsvoll zugleich über den eleganten Besitzer des
Goldenen Bechers zugeraunt hatte. Oh ja, sie konnte sich den Konsul ganz
gut so vorstellen. Und ohne daß sie es selbst ahnte, blieben ihre Augen
immer größer an den feinen gebräunten Männerzügen haften.
»Na, Kleinchen, ist hier etwas nicht in Ordnung?« erkundigte sich ihr
Begleiter endlich gestört, indem er mit der flachen Hand ein wenig über
seine glatte Wange streifte.
Da schrak sie zurück. Herrgott, der Geschäftsmann mußte sie tatsächlich
für ein absolut albernes Ding halten. Und sehr kühl erteilte sie die
Antwort:
»Oh nein, Herr Konsul, ich habe gar nicht an Sie gedacht.«
»So, so, Isachen, das ist mir aber sehr schmerzlich. Übrigens, sagen Sie
mal, mein Kind, schwatzen etwa Ihre Leute auch soviel dummes Zeug über
einen Kriegsausbruch, der uns nahe bevorstehen soll? Ich hoffe, Ihre
Schwester Johanna verbietet solche Redereien?«
Als das gefürchtete Wort laut wurde, jene wenigen Silben, die sich gerade
in dieses verwöhnte Mädchen wie ein fressendes Gift hineinbissen, da
steigerte sich die in ihr aufgescheuchte Angst bis zu einer Art sausender
Wahnvorstellung. Kreidebleich mußte sie das Haupt herumwerfen, der
unbestimmten Gegend zu, von woher die langberockten Reiterscharen
hervorbrechen konnten. Sie hörte den donnernden Hufschlag, ein
kreischendes Brüllen schrillte verworren über die ruhigen Wälder,
und ganz hinten auf der Chaussee ballte sich eine schwarze, auf- und
niedertauchende Masse zusammen. Verschwunden, fortgewirbelt waren all die
mädchenhaften Unklarheiten, die sie eben noch so reizend bedrängt
und beschäftigt hatten. Mit einem klagenden Ruf, aus dem nur eine fast
irrsinnige Furcht deutlich wurde, umklammerte sie den Arm des Konsuls,
schmiegte sich ganz dicht an ihn, als ob sie nichts weiter verlange, nichts
weiter, als nur Schutz und Deckung für ihr bedrohtes Leben, und stammelte
vollkommen fassungslos:
»Nicht wahr, Herr Konsul, liebster, bester Herr Konsul, es ist doch nicht
wahr? Es ist doch nicht möglich, daß so etwas geschehen kann? Sagen Sie
es doch!«
»Herrgott, liebes Kind -- --«
Der aus allen Himmeln gerissene Mann empfand ein wirkliches Mitleid mit dem
verschüchterten schmächtigen Geschöpf, das im Moment sein Haupt so fest
und drängend gegen seine Brust bettete, daß er beinahe das Zucken und
Pochen der Stirnadern zu spüren wähnte. Und aus voller Überzeugung
begann er laut zu lachen. Nichts hätte so tröstlich auf die aus ihrer
eingebildeten Überlegenheit Gescheuchte wirken können, wie dieses
unbekümmerte, kräftige Männerlachen. Wie durch Zauberschlag verstummte
das unheimliche Dröhnen hinter dem Wagen, und das wirre Gekreisch, das
eben noch jeden vernünftigen Gedanken niedergeheult, es löste sich auf in
das sanfte Rollen der Räder.
»Herrgott, bestes Kleinchen,« tröstete sie der Konsul inzwischen in
ehrlicher Besorgnis weiter, und er achtete selbst nicht darauf, wie er bei
seinen Bemühungen den Arm um die Schulter der Zitternden legte und ihr wie
einem kleinen Kinde begütigend die Wangen zu klopfen begann, »hätte ich
doch niemals geglaubt, daß Sie ein solcher Angsthase sind. Ich versichere
Sie, es ist ja alles die reinste Torheit. Lieber Himmel, wie soll ich Ihnen
das nur klar machen? Sehen Sie, Isa, wenn Sie ein Kaufmann wären, wie
ich, dann würden Sie ja selbst wissen, daß unsere Nachbarn direkt
ins Irrenhaus gesperrt werden müßten, wenn sie ihren Handel und ihre
Industrie, die eben erst anfangen sich der allgemeinen Weltwirtschaft zu
nähern, durch eine solch wahnsinnig heraufbeschworene Unternehmung im Keim
zu zertrümmern gedächten. Nein, nein, liebes Kind,« setzte er ärgerlich
über seinen eigenen Ernst hinzu, »das Ganze ist das Geschwätz von ein
paar gewissenlosen Spekulanten. Also nun Kopf hoch, wie kann sich eine
wohlerzogene, weltgewandte junge Dame derartig einschüchtern lassen!
Übrigens,« lenkte er völlig ab, da sie bereits durch das Tor von
Maritzken fuhren, »da kommt Hans. Nun nehmen Sie mal rasch die Ähre
aus dem Feuerbrand da oben, ich habe sie Ihnen nämlich aus Versehen
hineinpraktiziert, denn mir scheint, daß Ihre vortreffliche Schwester
über derartigen Naturschmuck weniger wohlwollend denkt, als ich. Aber wie
gesagt, eine ganz merkwürdige Haarfarbe, Isachen! Ganz merkwürdig.«
* * * * *
Zwei Stunden später lenkte der Landauer des Konsul Bark, nachdem er
wiederum die Stadt passiert, durch die letzte heimatliche Ansiedlung. Auf
einer Bodenwelle gelegen, lugten die wenigen niedrigen Häuschen zwischen
allerlei krausem Gestrüpp hindurch, und es war beinahe, als hätte man
diesen letzten Posten so hoch und einsam aufgebaut, damit er von hier aus
Wache halten solle gegen die sich unter ihm dehnende unbegrenzte Fläche.
Drüben, jenseits des schmalen Flusses, der unten an den Ausläufern
des Buschwerks einen Silberbogen zog, war das ganze Land von rauhen,
dunkelgrünen Kohlhäuptern besät. Weiter dahinter wurde der
unbeschreiblich struppige Raum von mächtigen Breiten gelber Weizenfelder
umrahmt, zwischen denen weder Fußwege noch Chausseen eine Unterbrechung
herbeiführten. Nur einzelne Gräben liefen gradlinig durch das Land, und
unter der hellen Sonne blitzte ihre Oberfläche, als wenn klares, weißes
Wasser, den durstigen Äckern zum Trank, durch sie hindurchglitte. Allein
dem war nicht so. Die Näherkommenden schraken förmlich zurück vor den
schwarzen übelriechenden Rußmassen, die mit ihrem undurchdringlichen
Schlamm die wohltätigen Rinnen verstopften. Es waren die Kohlengewässer
der nahen Fabriken, und ein ungeheurer Qualm, von der Hitze
herniedergedrückt, verbarg den Besuchern das winzige Grenzstädtchen,
dem sie zustrebten, wie hinter einer brodelnden Wand. Durch die drohende
schwarze Wolke aber, die am Himmel den Umkreis des Städtchens bezeichnete,
leckten rechts und links, fern und nah lodernde Feuerzungen in den
qualmigen, sich schiebenden Rauch hinauf, und ein ätzender Brandgeruch
erfüllte ringsum die Luft. Ein rastloses Kreischen und Surren, ein Rasseln
und Sausen quoll aus dem unsichtbaren Ort schon aus der Ferne hervor, und
nachdem der Wagen der Deutschen die breite Holzbrücke des Flusses erreicht
hatte, die nur noch bis zur Mitte zur Heimat gehörte, da vernahmen die
Reisenden wie unter lärmendem Poltern knirschende Haufen kleingehackter
Kohle in die an den Ufern liegenden Kähne hinabgeschüttet wurden.
»Man halte,« schrie etwas mitten von der Brücke.
Genau auf dem Grenzstrich standen zwei Soldaten in langen grüngelben
Leinenblusen, und dunkelgrüne, breitgerandete Mützen saßen ihnen schräg
und eingebeult auf den haarigen Köpfen. Und während der eine von ihnen
mit seinem Gewehr, auf das ein breites Bajonett gepflanzt war, die weitere
Einfahrt versperrte, indem er die Waffe quer vor seinen Leib hielt, trat
der andere, ein bärtiges Gesicht, dicht an den Schlag heran und schlug zur
Einleitung auf die umgeschnallte Revolvertasche. Dem Konsul, der sich
in seinem Staubmantel herausbeugte, kam es vor, als ob die Grenzwache
mißtrauischer als sonst ihre Revision vorzunehmen gedächte.
»Hat man Waren im Wagen?« fragte der Wachtmeister in einem schlechten
Deutsch, obwohl der Konsul sich entsann, daß gerade dieser Beamte ihn
schon mehrfach bei seinen Besuchen kontrolliert habe. »Fleisch, Zigarren
oder vielleicht Bücher und Zeitungen?«
»Was sind das für Umstände?« rief der Chef des Goldenen Bechers
dagegen, der mit Mißbehagen bemerkte, wie in den Zügen seiner
Begleiterinnen ein ängstliches Befremden aufstieg. »Sie kennen mich doch,
ich bin der Konsul Bark, und ich und diese Damen sind von Herrn Rittmeister
Sassin eingeladen.« Und indem er sich mit einer Wendung des Hauptes
blitzschnell vergewisserte, ob er nicht von den anderen beobachtet würde,
da langte er rasch in die Tasche des weißen Mantels, um darauf dem
Grenzsoldaten die Hand zu drücken, als ob es sich um eine besonders innige
Begrüßung handle.
Der Grenzwächter sah ihm starr ins Gesicht, zuckte die Achsel und wand
sich dennoch hin und her, als ob er sich Rat zu holen suche, wie in diesem
Falle weiter zu verfahren wäre.
»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen eigentümlichen
Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe, es liegt nichts im Wagen. Aber
die Herrschaften werden die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.«
Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den jungen Damen laut,
und man konnte an den Blicken, die sie sich gegenseitig zuwarfen, sofort
erkennen, daß sich etwas Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs
in ihrem Besitz befände.
»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt, und sich
von neuem an den Grenzsoldaten wendend, überreichte er ihm sein eigenes
Ausweisdokument. »Hier, mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast
du, was du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so werde
ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin -- meinem Freunde,« setzte er sehr
nachdrücklich hinzu -- »besonders empfehlen. Aber nun halte uns hier
gefälligst nicht länger auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in
diesem Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?«
Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann seinem Kutscher
das Zeichen zum Weiterfahren. Allein ehe die Pferde sich noch in Bewegung
setzen konnten, faßte der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und
schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den Wagenschlag.
»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer halben Verbeugung
heraus, »die Frauen müssen zurück.«
»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann, indem er in
aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf die Fenstereinfassung schlug.
In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen im Wechsel
durcheinander, und zitternde Finger schmiegten sich verstohlen um den Arm
des Konsuls. Sie gehörten Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer
stärker sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich ihnen
auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von den dicken viereckig
zugeschnittenen Haaren der Soldaten angefangen, bis zu dem breiten in einem
fahlen Glanz funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen noch
immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen, den Einlaß sperrte. In
die Stirn des Mannes im weißen Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle
gestiegen. Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen Schnurrbart
herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang, so daß er jetzt ganz dicht,
fast Brust an Brust gegen den Russen aufragte. Der legte abermals unter
einer Verbeugung die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel und
starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt und halb bedauernd
ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch durchschnitt zum erstenmal ein
merkwürdig beklommenes Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte
sich so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es eine riesige
Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter Leere lauerte, weil
über sie hinweg bald ungeheure Züge des Weltgeschehens dahinschreiten
sollten. Dazu die unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen
-- nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war der Kaufmann
völlig befangen von einer heranschleichenden Ahnung, die sich ihm
bleischwer an alle Sinne hing. Spähend blickte er auf die schwarzen
Gestalten der Kohlenablader hinunter, und auch in ihren schweißigen
und stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte
dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen.
Verwünscht!
Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den Wagen wenden zu lassen,
um sich in den Schutz der Heimat zu begeben, die ihre letzten grünen
Büsche so vertraulich nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er
hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich trafen seine
und Isas Blicke zusammen. In den feinen blassen Zügen des Mädchens schien
wirklich jene unausgesprochene Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost
bewegenden Lippen wagten vielleicht nur den brennenden Wunsch nicht zu
äußern.
Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut begann zu
singen und zu gleicher Zeit schlugen die Grenzwächter auffahrend an
ihre Säbel und führten die rechte Hand salutierend und breit gegen
ihre Mützen. Der Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt
im dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und vor dem
überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd der Rittmeister Sassin,
lächelnd über das ganze rote Gesicht und unstreitig gewillt, seinen
deutschen Gast in die Arme zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust,
klang sein Bewillkommnungsgruß:
»Rudolf Bark, mein einziger Freund,« schrie der Russe, und dabei klopfte
er dem Ankömmling mit seinen feinen weißen Glacéhandschuhen in einer
halben Umschlingung schallend auf den Rücken, »die zehntausend Heiligen
von Kasan haben mein Gebet erhört. Sie sind da -- ohne Zweifel, sind da
-- =à quatre heure=, Punkt vier. Man muß sagen, diese Deutschen wohnen in
einer Uhr.«
Damit trat der Russe strahlend an das Gefährt heran, fing blitzschnell
auf, wie die begehrte Brünette in ihrer prachtvollen Haltung auf dem
Vordersitz lehnte und verbeugte sich darauf so tief, daß seine breite
blaue Mütze beinahe den Fensterschlag streifte.
»Ah, meine Damen, Leo Konstantinowitsch Sassin seien Ihr entzückter
Diener. Sie sehen mich =au comble du bonheur=! Ich habe auf meine kleine
=maison= nicht vergebens aufgezogen die grün-weiße Fahne, denn die ganze
Stadt und das gesamte Offizierskorps seien durch einen solchen Besuch
geehrt. Ich werde nie vergessen an so viel Freundlichkeit.«
Bei den letzten Worten hatte sich der Offizier den mächtigen rotblonden
Schnurrbart zurechtgestrichen, jetzt versuchte er, die auf dem Wagenschlag
ruhende Hand der Ältesten von Maritzken an seine Lippen zu führen.
Allerdings erfolglos. Denn ohne im geringsten verletzend zu wirken, entzog
ihm Johanna die begehrte Rechte und drohte ihrem Gastgeber leicht mit dem
Zeigefinger.
»Herr Rittmeister,« äußerte sie in ihrer gewohnten liebenswürdigen
Ruhe, »es ist wirklich beinahe ein halbes Wunder, daß Sie uns bei sich
sehen. Denn erstens trug ich, die ich für meine Schwestern verantwortlich
bin, längere Zeit Bedenken, ob wir überhaupt Ihrer freundlichen Einladung
folgen dürften, und zweitens bedeuteten uns soeben Ihre Grenzwächter,
daß Rußland keinen besonderen Wert auf unsere Anwesenheit lege, ja, daß
wir schleunigst wieder zu verschwinden hätten.«
»Wie? Was? verschwinden?« fuhr der Offizier in die Höhe und dabei packte
er bereits den betroffenen Wachtmeister an der Brust und schüttelte ihn
empfindlich hin und her. »Hast du gehört? bist du nicht die größte
Seuche, die unsere große Mutter befallen hat? Du Moschusochse, weißt du,
was dir bevorsteht?«
Es mußte eine fürchterliche Zukunft sein, die dem Braven angedroht wurde,
denn er begann am ganzen Leibe zu zittern und faltete demütig die Hände
über der Brust.
»Väterchen Rittmeister,« stammelte er, »der verschärfte Befehl ist
gestern abend erst vom Herrn Oberst ausgegeben worden.«
»Ich werde dich gleich bei Väterchen Rittmeister,« schrie Leo Sassin
halb lachend, während er jedoch seinem Soldaten mit geballter Faust einen
Stoß vor die Brust versetzte, daß jener bis an das Brückengeländer
taumelte, »danke Gott, du Hund, daß ich vor diesen Damen, die
du beleidigt, kein Exempel statuieren will.« Und sich zu Johanna
zurückwendend, vor der er sich noch einmal entschuldigend verneigte,
setzte er augenzwinkernd hinzu: »Gnädigste, ich schätze mich
glücklich, daß ich noch zu rechter Zeit kam, um meinen Gästen weitere
Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die übrigen Freunde sind bereits in kleine
=maison= versammelt und erwarten ungeduldig das Erscheinen von deutsche
Damen, die uns so viel Ehre schenken wollen. -- Der Wagen passiert,«
schrie er mit furchtbarer Stimme dem zweiten Soldaten zu, der teilnahmslos
diese ganze Szene beobachtete. »Scher' dich aus dem Wege. Meine Damen,
Sie gestatten, daß mit meinem Freunde Rudolf Bark neben Equipage
einherschreite. Wir überqueren hier nur Eisenbahn -- und gleich sind Sie
dann =au milieu de mon logis de garçon célibataire=.«
Befehlend gab er einen Wink, die Soldaten traten zurück, drückten sich
beinahe scheu gegen das Geländer, und der Landauer setzte sich, von den
beiden Herren zur Rechten geleitet, unter lautlosem Rollen in Bewegung. Und
während der Rittmeister sich unaufhörlich glücklich pries, so erlesene
Fremde in das elende Städtchen -- diesen Schweinekoben, dieses
triefende Gefängnis -- eskortieren zu dürfen, da ging es über breite
Eisenbahnschienen hinweg, die man durch kein Gitter zu schützen versucht
hatte, und tief abschüssig stürzte dann der Weg sofort auf einen
holprigen Platz hinab, der von niedrigen, rauchgeschwärzten Häusern
umstellt war und ebensogut einen großen Hof als einen verunglückten
Marktplatz vorstellen konnte.
»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,« flüsterte Isa
sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu und wies auf die klaffenden
Höhlungen zwischen den einzelnen Gebäuden, hinter denen bereits wieder
das kohlstruppige Feld sichtbar wurde.
Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier stärker, und die
betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem ersten Stockwerk einer Fabrik,
die sich augenscheinlich mit der Herstellung von Porzellan befaßte,
unausgesetzt eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese
Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit schmutzigem Puder
bestreut wurde, lungerte mitten auf dem Markt eine Schar langberöckter
Männer und Jünglinge herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen
schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und von allerlei Gesten
begleitet fuhr hier das Gespräch hin und her. Die jüdischen Einwohner,
die man sofort an ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig
befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die Ankunft desselben
ein besonders aufregendes Ereignis bildete. Und wieder beschlich den Mann
im weißen Mantel, der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen
Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen.
Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er plötzlich unter den
Arm seines Begleiters, und indem er alle Zurückhaltung beiseite setzte,
richtete er an den munteren Offizier ohne Übergang die sehr ernste und
nachdrückliche Frage:
»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde nicht, aber
spricht man hier bei Ihnen gleichfalls von einem Zwist, der zwischen
unseren Völkern in der nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden
werden müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle mich
verantwortlich für meine Damen.«
Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe halt, zwinkerte heftig
mit den Augen, um gleich darauf kräftig mit dem rechten Arm eine weite
kreisrunde Bewegung zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt zum
Zeugen seiner Antwort aufzurufen.
»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er mit einem ihn
erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz von verdammten
Gazettenschreibern, die in der Hölle ihre Strafe finden werden.
Blicken Sie sich doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall
gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und Zigaretten und
Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen? Im Vertrauen, unsere
Kasernen stehen halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst nehme
in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um in Petersburg meine
angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen. Sieht so Volk aus, das sich
auf Krieg vorbereitet? Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich
mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen von Maritzken zur
Einweihung von meine kleine =maison= zu invitieren, wenn Sie sich dabei
der geringsten Gefahr aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben
Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe, Sie haben
sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß er ist gar nicht
aufzuwecken. Deshalb, mein einziger Freund, verderben Sie uns nicht Laune
durch philosophische Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er
sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig den
Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine =maison=, und Sie sehen, auf
Dach ist aufgezogen russische und deutsche Flagge zugleich.«
Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten Faust gegen die
Lippen und ließ einen Pfiff erschallen, der einer Lokomotive Ehre gemacht
haben würde. Auf dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne
Halblivreen gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne große
Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten anmerkte. Zwischen
schlotternden weißen Wollhandschuhen schleppten die wohlfrisierten Männer
einen schmalen, nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende
Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie sich auf den Erdboden, um
das Gewebe über die schmutzige schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der
Equipage auszubreiten.
»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide.
›Die kleine =maison=‹ war eine allerliebste zierliche Villa, unter
deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten Ziegeldach leise
Rundungen der Außenwände jenem fast unmerklichen Rokokostil zustrebten,
der so anmutig und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken
Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren diese überschritten,
so befanden sich die deutschen Gäste in einem halbrunden Vestibül, das
ganz in matten weißen Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das
zarte Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim bildete, viel
befremdlicher, weil das ganze Haus von der fernen Regierung in Petersburg
errichtet sein sollte. Noch waren den Damen von den Dienern ihre seidenen
Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor einem schmalen, in der
Hinterwand einer Nische eingelassenen Spiegel, um ihren Toiletten die
letzte Vollendung zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt
in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte er, wie die
ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen müßte, was die
Garnisonsdamen dort drinnen in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich
vereinigt hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge! Zweifellos,
man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen, jede deutsche Frau eine
Fürstin, nein, weit gefehlt, eine Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt
lächerlich, welch ein tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung
selbst den verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza
heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel schwelgte,
hatte er gerade seinen Platz hinter der abgewandten Marianne gefunden, die
ihre wohlgebildete Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte.
Und der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen Seide ihres
Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke des Hausherrn so stark auf
sich, daß alle seine Lobeserhebungen nur noch in wirre Worte ausklangen.
»Köstlich -- exquisit -- superb!«
Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah nicht, wie ihre
dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden Eindruck, den sie
hervorrief, dem Spiegelbild ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden
Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es, und sie warfen
sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte Menschen zusammen
austauschen. Es war ganz seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die
Frauen die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und das
ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren scharfen Verstand wie
alte Gefährten zusammengeschlossen, die sich auch ohne Worte über die
heikelsten Dinge zu verständigen vermögen.
»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.
»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden Blick zu, der
sie zum Schweigen verpflichtete. »Kommen wir.«
* * * * *
In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben Zeitpunkt, als
der Wagen der Deutschen die Vortreppe der Villa erreichte, ein lebhaft
schwirrendes Gespräch. Die französische Konversation erstarb wie durch
Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst unauffällig an
die heruntergelassenen Fenstervorhänge heran, um die Aussteigenden gleich
unter dem ersten Eindruck richtig abschätzen zu können.
Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.
Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar wurde, warfen sich
die jüngeren Offiziere unwillkürlich in die Brust und strichen ihre
Waffenröcke glatt. Zu einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch
steigerte sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf Marianne,
kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls gestützt, mit einer ihrer
lässigen Bewegungen den Wagen verließ. Dies veranlaßte freilich eine
sehr untersetzte rundliche Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff,
die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit heftig zwinkernden
Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, ein Urteil zu fällen, von dem sie
infolge ihrer bevorzugten Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten
Kreis fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.
»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem sie ein
mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen Augenritzen
führte, »sie sieht aus wie die Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«
»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau des Obersten Geschow
aus Mariampol, deren feingliedrige Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft
gelber Teint oder die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft
verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich neulich in der
Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder um die Fußknöchel
zu tragen pflegt?«
»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin mit einem ganz leisen
Verweis, denn der Rang der Obristin war von dem ihren nicht wesentlich
unterschieden, »ich nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher
Weiber den gleichen Abscheu hegen wie ich.«
»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich die junge
Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über ihre Schulter hinweg
einem hinter ihr weilenden jüngeren Offizier ein anmutiges Zeichen, er
möge ihr eine Zigarette reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen
Garnisonstädten ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.«
Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden Mariampolerin durch
ein beifälliges Gemurmel unbedingt zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre
lokale Würde gefährdet sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas
sanfter ein:
»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der Jugend in unserem
heiligen Rußland. Über die Ursachen hat eben jeder seine eigene Ansicht.
Nicht wahr, Wladimir Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der
lang wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein von
weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz willfährig zu
ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir Petrowitsch,« verlangte sie
befehlend, »ich verfechte oft diese Ansichten?«
Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in Gegenwart so vieler
anderer nicht zu entziehen vermochte, räusperte sich der Gouverneur
erst hörbar, dann zog er sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte
schließlich in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen
Heiserkeit hervor:
»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem Frauenlyzeum besuchst,«
-- hier wischte er sich wieder den Mund -- »seitdem ist deine Kenntnis
sozialer Zustände sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und
suchte mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit den goldenen
Knöpfen nach einem isländischen Bonbon. »Ich komme leider wegen der
vielen Arbeiten in unserem Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen
Dingen zu beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege
Ehrfurcht vor ihnen.«
»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein wenig auf
den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies äußerst, Wladimir
Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen Kreis berechnet, setzte sie noch
hinzu: »Der Mutter Gottes sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist
beinahe eine vollkommene.«
Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht des Herrn Bobscheff,
dieser wandelnden Giraffe, unterstellt waren, verbeugten sich hier
beifällig, nur Alexander Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent,
der hier in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte, und von dem
man behauptete, daß er ein übergetretener Jude sei, er verzog in einer
Ecke sein melancholisches Antlitz zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte
sich daran, wie er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor
den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen, und daß
ihm auf seine Frage ein herumlungernder Polizeibeamter anvertraute, die
Gouverneurin suche im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren.
Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht immer leicht
gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs Schwäche gegen wohlgebaute
Bittstellerinnen war im ganzen Gouvernement bekannt. Daher datierten auch
die Ermittlungen, welche die umfangreiche Tatiana über den Verfall der
Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte. Der junge Bergbaustudent
stützte an dem verlorenen Tischchen in der Ecke das Haupt in die Hand,
so daß ihm die wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und in
seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen wieder, die
sich hier noch eben bekämpft hatten, bevor das samtne Rollen des deutschen
Gefährts hörbar wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch
bereits den fremden Gästen gegolten.
»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er sich nur mühsam
einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse aus Mariampol
entriß, obwohl Sassin nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die
Tatarin den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich lackierten,
fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete, »es wird Zeit, meine
Herrschaften, daß ich den Deutschen bis an die Brücke entgegengehe. Die
kopflosen Hunde, die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht
einen Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem -- der Kaufmann, den ich
erwarte, besitzt verteufelt helle Augen. Sie alle werden gut daran tun,
sich gegen ihn recht vorsichtig zu benehmen.«
»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa.
»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er ärgerte sich über
die Funken, die in den Zigeuneraugen der jungen Frau aufblitzen konnten,
»er steht so auf der Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder
bejahrt ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.«
»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt, und sah aus ihren
verkniffenen Augen wie in Scham an ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen
verwünschten Heiden sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund aus
verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau ihren Frieden? Kennen die
schamlosen Tiere überhaupt die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber,
Wladimir Petrowitsch?«
Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals hin und her, um
zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit, in die er geriet, von diesen
neugierigen Spionen etwa festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts
anderes ereignete, als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow
sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der Beamte ihn schon
gelegentlich büßen lassen würde, so fuhr sich der Gouverneur über die
borstigen weißen Haare und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so
unangenehm an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit:
»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen Stall dort
drüben reinigen werden. Sei überzeugt, unsere Verwaltungsmethoden, die
der heiligen Kirche einen so breiten Platz einräumen, können auch dort
drüben ihre Wirkung nicht verfehlen.«
Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo ihm von einer der
grünen Livreen die blaue Militärmütze sowie ein paar weißer Handschuhe
gereicht wurde. Während des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch
einmal warnend zurück:
»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran, nach meiner Rückkehr
nicht die geringsten Andeutungen mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows
total zu überraschen. Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen Wink
auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten Fergussow hinterbringen.
Er probiert dort drinnen in dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem
Gatten, dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie gesagt: Vorsicht!
Und nun, =au revoir, mes chers=!«
Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört seine Sporen
gleich darauf über die Steinstufen klirren. Allein der Hausherr hatte
das Kommende, Unbestimmte, das in der Luft schwebte und die Stirnen
der Menschen wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte,
dieser verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen
Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten Skrupel als etwas
Feststehendes hingemalt, daß der klobige Stein nun mitten in der Stube
lag, und jeder sich an ihm die Füße wundstoßen mußte.
Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken mit sehr
deplacierten weißen Krawatten, die bei den letzten Worten des Rittmeisters
kreidebleich wurden, um darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die
Gesellschaft zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre, denen
die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche Deutsche in
ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich die Blumenzeichner mußten sie
gezwungenermaßen aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der
einheimischen Künstler als zu verworren und phantastisch auf dem Weltmarkt
keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke sprachen bald diesen, bald
jenen an. Immer deutlicher perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der
Stirn.
»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte der ältere von
ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen Brille, der etwas hinkte, und
dabei vergaß er sich in seinem Entsetzen so weit, daß er an einem der
metallenen Frackknöpfe des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann,
ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe Verbeugung
sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut sicher, Exzellenz, daß
unser Reich dieses ungeheure Wagnis unternimmt?«
Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst die Damen zuckten
mitleidig die Achseln. Ja, gerade die Frauen schienen das rot umnebelte
Abenteuer kaum noch erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles
darin. Und dann -- man wurde doch herausgerissen aus der Stille, die
langweilig und drohend zugleich über dem riesigen endlosen Lande
herniederdrückte, von dem ein Ende das andere nicht kannte. Auch die
bohrenden Grübeleien über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf,
und vor allen Dingen -- man würde endlich, endlich den hochmütigen,
vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo der junge, der zukunftsfrohe
Gebieter der Welt säße.
»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere dem Gouverneur
Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem er beinahe flehend in das
Raubvogelangesicht des anderen hinaufstarrte, »meine Fabrik -- ich werde
sie schließen müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen, und
auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.«
»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob man eine Handvoll
Glasscherben gegen eine Fensterscheibe drücke, »es befinden sich unter
Ihren jungen Mädchen ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.«
Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche Figur
zuließ.
»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem Ton, »Herr Miljutin
wünscht von dir zu erfahren, ob du die kriegerische Auseinandersetzung mit
den Nemzows für unvermeidlich hältst oder nicht?«
»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang sich die
Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden Halse ab, denn er machte
sich mit Recht Vorwürfe, weil er die Gegenwart seiner gewichtigen
Lebensgefährtin, wenn auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich
halte sie für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der erste
Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen des Gouvernements
gewissermaßen zusammen. Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und
wenn diese die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man doch
verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?«
examinierte er väterlich wohlwollend weiter.
Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände.
»Ich meinte -- ich hoffte -- ich glaubte --«
»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der Gouverneur krampfhaft.
»Die öffentliche Meinung ist für den Krieg, und in der Umgebung des
Zaren, den der lebenspendende Christus erhalte --,« hier verbeugten sich
alle anwesenden Offiziere und Beamten -- »gedenkt man nicht länger jede
unverschämte Herausforderung hinzunehmen. Seien Sie nicht kleinmütig,
Herr Miljutin,« fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte,
welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die korpulente Tatiana
in der Schar der Hinzudrängenden sich auf den Zehen erhob, damit sie
besser lauschen könne. »Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß
der slawische Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und
schläft.«
»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört? Weiches Stroh. Das
ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir Petrowitsch ist der geborene
Redner.«
»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen Höhe und
fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch über die Hakennase, »Herr
Miljutin, ich wundere mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man
nicht auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die glorreiche
französische Nation schätzt die Originalität unseres Geistes und sieht
in unserer ungebändigten Kraft« -- der Gouverneur erinnerte sich hier
an eine kürzlich gelesene Floskel, warf sich in die Brust und krächzte
schwimmend in Selbstbewunderung und Genuß -- »ja, sie sieht in uns eine
gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine breite Straße zu ebnen, auf
der das französische Genie uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.«
Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken wurden laut,
und die Beamten des Gouverneurs schlürften jene Floskel in sich ein, als
müßten sie eine fette Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen.
Die runde Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf
die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie, wobei sie ihre
fleischigen Arme freilich nur um die Hüften der Tatarin schlingen konnte,
und küßte die junge Frau auf die Brust.
»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten Sie, wie Wladimir
Petrowitsch sich eben über die Lage äußerte? Oh, es ist nichts Kleines
um einen politischen Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil
Sie in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich Sie!«
»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?« warf die Tatarin
ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken mit etwas ganz anderem
beschäftigt wären. Und wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau
flammten über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg und in
eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen beugte sie das
schmale Haupt nach jener Richtung, daß ein großer Teil der anwesenden
Herren, für die Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen
Verführungskunst überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich gleichfalls
über den dämmrigen Platz vergewissern mußte.
Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine Stille ein.
Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken hinab
und entdeckte mit steigendem Mißbehagen, wie dort hinten an dem einsamen
runden Tisch der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt mit den
überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände gestützt. Der junge Mann
schien, leidenschaftlich in sich versenkt, das Bild der schwatzenden Menge
absichtlich von sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt
verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn etwas quäle.
»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend.
Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein Zucken. Und
merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde auch der dunkelhäutige Nacken
der Mariampolerin von einem kurzen Schauer überkräuselt. So völlig
vermochte sich die Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu
versetzen, die sie interessierten.
Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und um seinen
ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein mattes Lächeln, als er die
gereizte Giraffe jetzt mit einer merkwürdig tiefen und für seine Jugend
ungewöhnlich markigen Stimme fragte:
»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?«
»Ja -- ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie krank?«
»Ich? -- Durchaus nicht -- oder doch nur so, wie die meisten meiner
Altersgenossen.«
»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere verständnislos,
»was meint der verfluchte Jude damit?«
Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der Ältere schob seinen
schwarzen Gehrock zögernd neben den Sitz des Studenten, denn in seinem
verängstigten Gemüt dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne
womöglich sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von Wütenden und
Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow ein Jude und liebte deshalb
gewiß das Geld und die geschäftliche Sicherheit.
»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant hinter dem Stuhl
des Ingenieurs beinahe unhörbar und begann ermunternd die Lehne des
Sessels zu streicheln.
Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen wiegenden Gang
geschmeidig an das runde Tischchen heran und setzte ohne Überlegung das
Teeglas, das sie eigentlich für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor
Alexander Diamantow nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten hatte
etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter. Inzwischen hatte
sich der Gouverneur gleichfalls an das Tischchen herangedrängt und pochte
jetzt mit seinen langen Knochenfingern höhnisch auf die Platte:
»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er sich fast vor
Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große heilige Sache? Sie haben kein
Herz für sie. Ist es möglich, daß Menschen so denken, die unserem Staate
eigentlich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, Sie sind noch
jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen Verhältnis?«
»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete Frau Bobscheff
hier mit großer Bewunderung.
»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob sich.
»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, -- wie
fürchterlich.«
»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen die Begeisterung für
die Zukunft unseres Volkes?« schnaubte Herr Bobscheff weiter.
»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, indem er seine
Hände in die Seitentaschen seines einfachen Jacketts vergrub, »ich suche
sie nur nicht in kriegerischen Eroberungen.«
»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm jetzt, nur durch das
Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. Ihre heißen Augen tranken dabei
schon im voraus die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger
glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, als wünsche sie
ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum nicht?«
»Weil ich fürchte -- --,« sagte der von allen Seiten Bedrängte, der
sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt der Unterhaltung geworden war,
und zu gleicher Zeit wich er dem Blick von Maria Geschowa aus und
starrte unverwandt auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich
fürchte -- -- --«
»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe unbarmherzig
weiter.
»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen Lidern, wie wenn er
sich dadurch von den anderen abschließen könnte, »daß die spärlichen
Keime einer freien Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät
wurden, durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder auf
ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«
»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.
Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob die schweren Augenlider
überrascht in die Höhe und sah die junge schöne Frau sonderbar an. Es
lag etwas wie ein Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die
beiden miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch die
widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, vornübergebeugt
wie stets, in das Billardzimmer zu treten, aus dem das harte
Aufeinanderprallen der Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor
der Schwelle jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur
zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und zitternd vor
Erregung den Weg vertrat:
»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in einem krampfhaften
Anfall, »verwünschte Heiserkeit -- in Momenten der Leidenschaft
übermannt sie mich stets -- als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für
die Stimmung innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden mich
deshalb sehr beruhigen, -- nein wirklich, junger Mann, sie könnten
außerordentlich viel zu der inneren Fassung der Anwesenden beitragen, wenn
Sie mir jetzt einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung
erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander Isidorowitsch, --
verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr Vertrauen dränge, allein ich bin
es meiner Stellung schuldig -- ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre
Pflicht tun werden!«
Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der Frau des Obersten, die ihre
Hand quer durch die Luft warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an
ihren Platz unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an der
Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde lang verzerrten sich
seine Züge, und aus den dunklen Augen schoß ein solcher Strahl von
Haß, daß die Offiziere unwillkürlich sich näher um die Giraffe
zusammenscharten.
»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff und sank in ihrem
Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes Gemüt blitzte plötzlich
die Erinnerung, daß dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern
einen zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden mich doch
recht verstehen?«
Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde in die Taschen
gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte Gestalt abermals leicht nach
vorn, und um den bartlosen Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln,
als er mit seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:
»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? Wir sind es
gewohnt, unseren eigenen Willen unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln,
Exzellenz, und gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«
Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen Haupt, drängte
seine schlanke Gestalt durch die schweren Falten des Vorhangs und
war verschwunden. Nur von nebenan hörten die Zurückbleibenden eine
ungewöhnlich wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:
»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den strahlenden Jungfrauen
von Kasan, wie kommen Sie hierher in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel
ist beendigt, dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende Seele
zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander Isidorowitsch?«
* * * * *
Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren Kreis der
Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend vor Unbefangenheit und
Frohsinn, einführte. Wirklich, die Fremden mußten den Eindruck empfangen,
daß der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige,
unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten Mienen und jener
fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit äußerte. Noch immer
schien das Übergewicht der Germanen dieser Völkerschaft gegenüber
unerschüttert und von allen willig anerkannt.
»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung laut durch das
Zimmer, »die wunderschönen Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr
-- ist es nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles
Beispiel die drei Damen und mein bester Freund Rudolf Bark uns allen
in dieser Stunde geben? Sie verachten das widerliche und blödsinnige
Geschwätz, das nur in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist.
Sie leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, Exzellenz?«
erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, die mit weit vorgeneigtem
Hals die drei deutschen Mädchen betrachtete.
Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die vor Neuheit und mit
ihrer eben erworbenen Einrichtung wie poliert glänzten, niemals Wut und
Neid und die Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult
hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff um. Kaum jemals
zuvor war es der Giraffe so stark wie heute in das Bewußtsein gedrungen,
wie meisterhaft seine Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten
und welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese Rasse erreicht
hatte. Da stand seine dicke Tatiana -- zum Henker, sie wurde immer
faßähnlicher; wenn man sich vorher an den bestrickenden Linien der
brünetten Deutschen erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche
Anhäufung des Fettes jegliche gehobene Stimmung -- da stand die Kugel
neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, streichelte dem schmiegsamen
Mädchen unaufhörlich die Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken
Lobeserhebungen und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, die
in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere Schuhfabrikation
ist besser und reeller als der Schund da drüben,« dachte der Gouverneur.
»Aber das Reizvolle, das Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei
uns -- ach ja, es gibt schon Frauen -- --,« seufzte er kopfschüttelnd
in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf die schlanke
Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt durch das Fensterstore, eine
ihrer angeregten und sprudelnden Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu
führen schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte die
Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken schmerzhaft in die
rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm dort draußen auf der Straße einen
vorübergehenden Kosaken. Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren
Kasernen bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an seine Schulter
lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält beinahe seinen Arm um ihre
Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit dieser schönen Frau ist
jedenfalls nicht zu billigen.«
Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. Es war,
als ob alle anderen nur eingeladen wären, um den Gästen das Bild eines
harmlos sich vergnügenden Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt
war, an eine Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben.
Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der Slawen,
geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, äußerte sich in jeder
Handreichung.
Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich leise auf und nieder.
Um sie herum bewegte sich ein ganzer Troß von Offizieren, die sich den
Wünschen des verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der
eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß an einer der
ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein zweiter hütete den silbernen
Untersatz des Teeglases, an dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl
in seiner schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister Sassin,
den das Schweben und Gleiten der Brünetten bereits bis zur Tollheit
begeistert hatte. Seine blauen Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er
fand es direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den Huldigungen
für das berückende Geschöpf beteiligen durften. Wahrhaftig, dazu hatte
er doch nicht die Kosten dieser so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich
genommen. Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden Gang
durch das gesamte Hauswesen anzubieten? Hm, der teure Freund Rudolf Bark,
dem er doch eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der
verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer noch Zeit,
die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam zu verfolgen. Dazu schoß Leo
Konstantinowitsch plötzlich eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch
den Kopf. Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in
der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern hören, die
Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison knüpften. Sie hatte ein
Verhältnis. Das machte sie nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß
doch der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte aus der
Rolle und beging eine Torheit.
»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er um keinen Preis
dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, Sie neulich auf den Wallgängen
der Stadt mit dem ganz ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen.
Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück besitzt,
Ihre Freundschaft zu genießen?«
»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer
Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme
Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken
Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig
hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine
Dampfwolke von sich.
»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen
Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft
vom Halse, die ich einem deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte.
=Merci=, mein Fräulein.«
»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben
sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments
auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen
begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang
durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?«
»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über
sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl
zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast
recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem
fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab.
»Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung
für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den
Zähnen hervor.
»=Mon Dieu=, Alexei, was soll man tun?«
»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der
kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb
darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im
Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir
hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches
Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen
werden.«
»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie
wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! -- --,
lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns
in das Billardzimmer gehen und hören, was Fürst Fergussow aus Petersburg
zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«
Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten
auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum.
Also doch -- also doch!
Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie
wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine
Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen,
in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was
bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer
Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte,
auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die
Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er
immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas
lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters
entdeckt hatte.
»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die
dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen
ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen.
Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in
der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die
sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen
Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem
Vaterland sehr überschätzt.«
»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller
Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch
einzelne Frauen, denen gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen
werden kann.«
Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen
Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr
entfernt weilte.
»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den
Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen
Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was
haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah,
wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in
Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.
Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel
noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu
verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen,
die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er
wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese
hier -- er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden
Silberverschnürungen zu erkennen -- sie gehörten sicher der Petersburger
Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken
gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz
seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem
Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem
Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers
genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der
sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte,
zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein,
er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, der ihn
überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl
zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig.
Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest
auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme:
»Wie heißen Sie, lieber Freund?«
»Ich? -- Ich heiße Rudolf Bark.«
»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig
mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr
dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf
der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe
gebe, Ihnen zu gefallen?«
Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak.
Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter
als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel
fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch
ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt -- jetzt -- alle
diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich.
Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.
»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er
doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken
hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine
derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,«
setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick
der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun
einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf
uns wirken zu lassen.«
Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen
vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß
sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann
durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die
echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu
verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im
Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man
unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter
Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und
fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein
wenig verächtlich die weichen Schultern:
»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit
feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige
Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören
zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen
es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner
loszudrücken.«
Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick
jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von
dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf
ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl
als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn
sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb
ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als
er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:
»Aha, die Begleitung Ihres Mannes -- und sie legen Ihnen den Mantel
um -- --, ich bin leider durchaus zivil, gnädige Frau, aber bei einer
derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement
melden -- --«
»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug
noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig,
bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch
ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.«
Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte,
forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der
großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?«
Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die
aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde
die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen,
auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe
sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr
seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte
in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben
Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren
suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie
bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen
französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr
heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so
voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch
so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende
Genugtuung durchströmte -- eine deutsche Frau!!
Wenn er sie nur erreichen könnte!
Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die
ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und
schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen
wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des
Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt
berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen,
und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz
neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte:
»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin,
»sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen
Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter
Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,«
murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf
seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an
der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich
außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen
Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.«
Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend und schritt
über die Schwelle.
Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. Es war, wie wenn
eine Nonne die Zelle des Friedens verläßt, um sich in das ihr unbekannte
Getümmel zu verlieren.