Durch die langen schmalen Eichen vor dem Herrenhause von Maritzken
raschelte der Frühwind. So eng beschnitten hatte man die dunkelgrünen
saftigen Kronen, daß man die Bäume in der Ferne für hochstrebende
Pappeln halten konnte. Nun wiegten sich die Wipfel im weißen Sonnenlicht
des Julivormittags und warfen schwankende Schatten auf den grob
gepflasterten Hof, der trotz beginnender Ernte und obwohl er von
Leiterwagen und Pflügen besetzt war, so sauber aussah, als wäre er für
eine besondere Feierlichkeit aus vielen Wasserschläuchen überspült
worden. Auch die umgebenden Wirtschaftsgebäude blitzten stets unter einem
weißen Anstrich, denn es machte den Stolz der Herrin von Maritzken aus,
daß sich das von ihr bewirtschaftete Gut immer in weithin leuchtender
Weiße zeige. Unter dem viereckigen Toreingang aber stand Johanna Grothe
selbst, und die Sonnenstrahlen hüllten ihr lockeres Haar in eine Goldhaube
ein. Vor ihr verharrte in Hemdsärmeln die untersetzte Figur ihres
Statthalters, der sein kleines zehnjähriges Töchterchen an der Hand
führte.
»Nun, Baumgartner,« fragte Johanna den Mann mit der vorzeitig
durchfurchten Stirn freundlich, »wie weit halten wir heute?«
Da berichtete der treu sorgende Verwalter, der die Angewohnheit aller
älteren Landleute besaß, die Gutsangelegenheiten nicht allzu rosig
darzustellen, wie man bei der Rapsernte auf ganz verfluchte Flecken
gestoßen sei, die mit nichts als Unkraut und Hederich bewachsen wären.
»Da ist wieder ein toller Hund gelaufen,« sagte der Landmann nach dem
Aberglauben der dortigen Gegend.
»I, lassen Sie nur, Baumgartner,« tröstete Johanna lächelnd, »unser
Raps selbst steht fett und gut. Es kann einem das Herz im Leibe lachen.«
Der Mann kraute sich leicht hinter dem Ohr. »Na ja, Fräuleinchen, aber
mit dem Kartoffelumwerfen, da kommen wir nicht richtig vorwärts. Uns
fehlen Pferde. Ponnies müßten wir haben, mit schmalem Tritt.«
»Da haben Sie recht, Baumgartner,« nahm seine Herrin den Einwurf lebhaft
auf, »aber wissen Sie das Neueste? Heute nachmittag fahre ich mit meinen
Schwestern nach Grabowo.«
»Was, über die Grenze?« hob hier der Verwalter sein sonnengebräuntes
Haupt und zuckte ein wenig mißtrauisch die Achseln, und als er erfahren,
daß seine Gebieterin dort drüben das vermißte Pferdematerial zu kaufen
beabsichtigte, da klopfte er mit dem Finger noch einmal warnend gegen die
Schärfe seiner Sichel. Es gab einen hellen Ton. »Vorsichtig, gnädiges
Fräulein,« riet er dringend, »die Gesellschaft da drüben geht nicht
immer ehrlich zu Werke.«
»Oh, Sie können unbesorgt sein, Baumgartner, Herr Konsul Bark begleitet
uns.«
Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des Landmannes.
»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht seine Sache. Er
hat auch mit dem alten Trakehner Hengst bei uns recht behalten. Das Tier
arbeitet drei junge Pferde in Grund und Boden.« Und während sich der
Beamte schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig: »Und zu
wann befehlen das Fräulein den Wagen?«
Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn des Mannes.
Allein Johanna verstand ihn.
»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie brauchen sich gar nicht
stören zu lassen, Herr Konsul Bark holt uns in seiner eigenen Equipage ab,
obwohl uns unser Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie können
Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.«
»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr Konsul Bark
weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer, wenn er auf das Gut kommt.
Nun vorwärts, Tilli.«
Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind knixte und beide
schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch sie sollten nicht hinausgelangen.
Von der Chaussee her erhob sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang
schwirrte durch die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie
ihr Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend über die
schäumigen Nüstern klopfte.
Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick. Ja sogar den harten,
sausenden Peitschenklang unterschied sie vor allen anderen. So dröhnend
und unbekümmert raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über
die Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle unter
der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob sich auch bereits eine
mächtige Männerfigur in einem gelben Sportanzug durch die Toröffnung,
und ein grünes Tirolerhütchen mit einer alten verbogenen Hahnenfeder
wurde aus Leibeskräften in der Luft geschwenkt.
»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das markige Organ des
Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei stampfte der ungeheuerliche
Eindringling bald rechts, bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus
denen sich ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf
den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen kleinen Tritt
herausbringen, liebste Cousine, meine alte Dame will sich nämlich wieder
nicht meinen Armen anvertrauen. Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer
ein paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte die beiden
Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff erschallen.
»Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze? Meine Frau Mama kann ja bekanntlich
nicht warten.«
Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit einem Tritt lief
hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch Johanna bis an den Wagenschlag
geeilt war, da entschloß sich die lang aufragende, hagere Insassin
des Gefährtes endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu
unternehmen. Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig die
Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand sie dann neben ihrem Sohn, um
ihrem blauroten und doch pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende
Luft zuzufächeln.
»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau von Stötteritz
grämlich fest, wobei sie der Hausherrin steif ihre Rechte zum Handkuß
darbot. »Guten Tag, liebes Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen
-- nein, nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte
anspruchsvolle Frau im Ernst freuen? -- aber mein dummer Junge läßt mir
ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein Besuch bei dir werden. Als ob ich
dich in meinem Leben noch nicht gesehen hätte! -- Nein, nein, schon gut,«
unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde Mädchen ihr
irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen wollte. »Lüge nicht erst,
mein Töchterchen, du schwärmst ja selbst nicht für Komplimente. Die
Hauptsache ist, daß ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes
Bein erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das Rheuma wieder
plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter. Unsere Rapsernte wird uns
natürlich wieder wegschwimmen.«
»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen, der seine Frau Mama
mit den flachen Händen so sanft wie möglich vor sich her schob, »mein
ganzer Raps an Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden hab'
ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre so weiter geht, dann bau
ich auf Sorquitten das neue Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine
Alte werde ich schon rumkriegen.«
»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren schriest, Fedor,«
tadelte die Vorauftappende, schmerzlich ihren Mund verziehend. »Was ich
dieses Brüllen nicht leiden mag -- --«
»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon wieder. So, und nun
aufgepaßt, hier kommen die Treppen.« Der Besuch wurde in das große
Staatszimmer hinaufgeführt, dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen.
Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von Stötteritz, eine
unbesiegliche Abneigung hege gegen den Anblick des Wirtschaftshofes sowie
gegen die rauhen Geräusche, die sich von dort möglicherweise erheben
konnten. In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame an einem
der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an den seidenen Halbgardinen
herum. Währenddes präsentierte die blonde Hausherrin ihrem kritischen
Besuch ein in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung,
welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm. Dafür konnte sie von jener
Leckerei auch große Mengen vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts,
als das Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase
herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden Tritte ihres
Sohnes, der, die Hände in den Taschen, ruhelos das Zimmer durchmaß. Er
entbehrte seine Zigarre, die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht
werden durfte.
Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende Leckerei mit
Andacht zu sich genommen; das behagliche Schlürfen sowie das Kratzen des
Löffels erstarb, und nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem
Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich die hagere Gestalt
starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten, daß jetzt etwas Wichtiges
erfolgen sollte. Zuerst aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das
Glas zurück, um verurteilend zu klagen:
»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein schlimmes Zeichen. Nein,
widersprecht nicht erst, ich bin mir über meinen Zustand ganz im klaren.«
Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen dröhnenden Spaziergang
durch das weite Gemach fortsetzte, da nestelte Frau von Stötteritz aus
ihrer schwarzseidenen Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor,
strich ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb seufzenden
Atemzug.
»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich den Zeigefinger
netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten Briefes umzuschlagen
gedächte, »bekümmerst du dich eigentlich um politische Vorgänge?«
»Um politische --?«
Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung ihr blondes
Haupt in den Nacken warf, da nahm sie plötzlich jene abwehrende Stellung
ein, die ihrer ganzen Gestalt das Gepräge verlieh.
Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden herrischen Adelsmenschen,
die in der ganzen Gegend wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt
waren, sie, die emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen
zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie -- das
Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr Nahen und Fernen lediglich
nach den Leistungen, durch die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr
Dasein, ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten. Ja,
das war es, dem praktischen Sinn der großen Blonden war der Erwerb, der
anständige und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes
geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich mit einer ihrer entschlossenen
Gesten alles ab, was sich in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien
erging. »Wer für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie.
Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit den Streitigkeiten
des Tages abgefunden zu haben.
»Bekümmerst du dich eigentlich um politische Dinge?« hob Frau von
Stötteritz noch einmal an, und es klang bereits, wie immer, ein spitzer
Vorwurf aus dem Ton ihrer Frage.
Aber gerade diese Art, die so selbstverständlich eine scheue Unterwerfung
forderte, das bedingungslose Zustimmen zu einem durch nichts zu
erschütternden Programm, das rief den starken Drang nach Widerspruch, nach
Verteidigung bei dem eigenwilligen Landfräulein hervor. Und indem Johanna
mit dem Finger leicht auf die Tischplatte pochte, als wollte sie für
jedes ihrer Worte eine besondere Aufmerksamkeit verlangen, da warf sie mit
angenommener Gleichgültigkeit hin:
»Nein, liebe Tante Adelheid, von Politik verstehe ich zu wenig. Und das
Geringe, das ich manchmal mit meinem Freunde, dem Konsul Bark, bespreche,
das hat irgendwie einen Bezug auf meine Wirtschaft. Aber ein Verdienst oder
etwas Ersprießliches,« setzte sie mit einem kalten Lächeln hinzu, »ist
meines Wissens für mich noch niemals dadurch erzielt worden.«
Bei der Erwähnung des Namens ›Bark‹ öffneten sich die schmalen Lippen
der Freifrau wie von selbst, und sie ließen ein Paar der großen gelben
Zähne zum Vorschein kommen. Und siehe da, auch ihr mächtiger Sohn gab
seine Wanderung auf und wurzelte so unvermittelt auf dem olivgrünen
Velourteppich fest, daß die alten Porzellantassen in der nahen
Glasservante zu klirren anhoben. Gleich darauf trat auch er an den Tisch
heran, ganz dicht neben das blonde Mädchen, und zwirbelte mit einer
weitausladenden Bewegung den starr sich emporreckenden rotblonden
Schnurrbart zurecht.
»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von neuem auf und in seine
tiefe Stimme drang gleichfalls etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal,
kommst du mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen, Johanna?«
Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe, die den
praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß. Und in ihrem Innern erhob
sich eine heftige Abneigung gegen die junkerliche Überhebung des Vetters.
Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn Höheres und Besseres
geleistet, als der gewandte Geschäftsmann dort drinnen in der Stadt? Gott
ja, Fedor war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch
in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf. Seine Leute
duckten sich vor ihm, denn es war nicht ratsam, mit dem Enaksohn im
Ernst anzubinden. Aber bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das
große väterliche Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren
überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand zu erhalten? Wie ganz
anders der Chef des Goldenen Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig
neuer Anspannung mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar sein ganzes
Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen und Zeitströmungen immer
wieder gefährdet werden konnte, verteidigen, schützen und erweitern.
Über die schnell sich verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte
er sich unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig werden,
irgendeine der sich erhebenden großen Fragen des Weltgeschehens für
sich günstig auszubeuten. Dazu gehörte doch eine andere geistige
Beweglichkeit, eine männliche Kraft des Entschlusses und daneben auch
eine biegsame und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden
Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr Mut und
Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen, als es das ruhige
Abwarten von Saat und Ernte verlangte.
So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die schwere, und an
Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung geläufig war, so
neigte sie durchaus dazu, das ihr fremde und imponierende Spiel des Handels
höher als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn dieser
letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die tief in ihr wurzelnde
Dankbarkeit für ihren uneigennützigen Freund dagegen, daß Junkerhochmut
den tätigen Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen dürfe.
Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den etwas spöttischen Einwurf
ihres Vetters:
»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul Bark sehr häufig
zusammen. Ja, unser Freund wird mich und meine Schwestern sogar heute
nachmittag in seinem eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze
abholen.«
Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der Brief auf dem
Schoß der Tante Adelheid seltsam zu rascheln begann. Und während der
mächtige Landwirt vor Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen
Luftstoß ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte: »Na,
das ist aber doch -- --,« da schüttelte seine Mutter sehr bestimmt das
pergamentene Haupt, und ihre noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten
sich so eng zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte ein
für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft wäre.
»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art, die keinen
Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier diesen Brief. Mein dummer
Junge behielt doch recht, als er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte.
Ich merke, wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebe
Johanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch jenseits der Grenze
unterläßt.«
»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein --«
»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so leicht den
Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich alles klar werden. Und du kannst
Gott danken, daß man dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du,
was dieser Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen
Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen Amt, und mein Verwandter
richtet die dringende Bitte an mich, die äußerste Vorsicht gegen
alles walten zu lassen, was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in
Beziehung steht.«
»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl sie sich eines
leichten Fröstelns, das über ihre weiße Haut rieselte, nicht erwehren
konnte, »wozu das alles? Wir sind doch auf das große Volk dort drüben
angewiesen. Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends besser
und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits der Grenzpfähle nahmen
gerade in den letzten Jahren auch von uns nicht allein allerlei praktische
Dinge, sondern sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften
an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur freuen sollte.«
»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr holen,« brummte
hier der Riese von Sorquitten dazwischen, dem der Zorn das Antlitz dunkler
färbte, »ich wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne
gewiesen.«
»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe so dar, als ob
wir uns mit denen da drüben im Kriegszustande befänden,« lachte Johanna
ärgerlich auf, und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wenn
es notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort von vornherein
zu sprengen oder zu zerteilen.
Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment die hellblauen
Augen des Riesen, die sonst so lachend, so sorglos und unbekümmert über
Lebendes und Totes fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt
suchten sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das blonde
Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie wenn ein ungeheures
Schicksal sich mit Wucht auf diesen starren Nacken gebürdet hätte? Und
dann? Täuschte sie sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt
des Recken in plumper Bewegung näher und näher an die ihre heranschöbe,
und das unsichere Gefühl durchdrang sie, als ob dies alles geschähe,
um ihr bei heranziehender Gefahr nahe zu sein, um sie zu bergen und zu
schützen. Dazu verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und
unbeweglich, kein Wort drang über die fest zusammengepreßten schmalen
Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern der schwarzen Augenbrauen
enträtselte die beklommene Beobachterin, welchen beängstigenden
Gedanken die Leidende heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche
Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten Menschen.
Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken nicht länger. Mit ein paar
unbedachten Schritten näherte sie sich dem Stuhl der Greisin, um ganz
gegen ihre Gewohnheit hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors
Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten.
»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor, »du mußt
nicht glauben, daß es nur die Unruhe um meine eigene Sicherheit oder
um die ungefährdete Existenz meiner Schwestern ist, die mich jetzt
veranlaßt, dich um weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht
wahr, Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringender fort, »ihr,
als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen. Ich habe ja so vieles hier
zu verantworten, anvertraute Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das
karge Besitztum meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich in diesem
Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne Schonung anvertrauen, es wird
mich nicht umwerfen. Und dann --,« sie trat ans Fenster und riß mit
einer hastigen Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte
Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank -- »werft
doch nur einen Blick auf alles, was wir Deutschen hier schufen, auf den
alten Park mit seinen hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen
Weizenfelder, die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue
wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer heutigen Reife
und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten, jenseits der Chaussee das
reinliche Dörfchen Maritzken mit seinen kleinen Gärten und Lauben und
der wunderhübschen Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren
aus einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so viel Leben und
Daseinsfreude, das sollte man von einem eisernen Hagel zerschmettern
lassen? Für immer? Nein, daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend
und legte sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust.
Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam behüteten Brief rasch
gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen Tasche gleichzeitig ein
Schildpattlorgnon hervor und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen.
»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen ab, »wenn du
mehr Umgang in militärischen Kreisen pflegen würdest, was ich für
sehr nützlich hielte, so könntest du wissen, daß jene große
Auseinandersetzung, die dir so unmöglich scheint, von den maßgebenden
Stellen schon seit Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem.
Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen Wein einzugießen.
Merke genau auf. Mein Bruder, der es auch mit dir gut meint, schreibt
folgendes.«
Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe Blatt Papier noch
näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar nicht beugen konnte, und griff
mitten aus dem Brief folgende Stelle heraus:
»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben der uns verbündeten
Monarchie das Leben kostete, haben wir hier im Amt eine aufreibende
Arbeitsleistung zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel
so bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft
geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen, daß die
Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der österreichischen
Forderungen an den rebellischen Balkanstaat die fernere Erhaltung eines
ehrenhaften Friedens beinahe in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen.
Sollte, was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar sich
für das Schwert entscheiden, -- ein Gedanke, zu dessen Erfassung die
Phantasie der meisten unserer in einem verweichlichenden Frieden völlig
aufgegangenen Mitbürger durchaus nicht ausreicht -- dann würde eine
Weltkatastrophe heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und
besteht, zerschmettern müßte.«
Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht zu deuten
vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die bleichen Züge der
Landtochter, denn sie gehörte zu denen, deren Einbildungskraft vor der
ungeheuerlichen Prophezeiung machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch
verkündete mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob ihre Worte sich
immer stechender und aufreizender formten, je Erbarmungsloseres über ihre
schmalen Lippen floß.
»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannung gar nicht
vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue Vorschläge, Vermittlungen und
geheime Depeschen von Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles
starrt atemlos auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren
Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich an dich
berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß über uns herein, über uns,
die wir in unserem gläubigen Vertrauen namentlich an euren Grenzen
noch lange nicht so unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden
Militärs wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von dem ersten
Ritt unkultivierter Horden überrannt werden. Noch vermögen wir nicht zu
ahnen, welches Entsetzen sich bei einem solchen Zusammenstoß über eure
Gutshöfe, Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in
den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung gleichgearteten
Volksstämmen die Waffen kreuzten, so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür,
was wir von den Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben. Ich
rein persönlich jedoch fürchte, daß es -- selbst den recht zweifelhaften
guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt -- kaum gelingen
dürfte, unsere Ansiedlungen vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier
zu schützen. Und was den Einwohnern eines freien und geordneten
Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit dumpfer und
stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt, asiatischer Halbwilder, die
an glücklicheren Völkern die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten
gedenken, das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur
wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch ist ja eine
Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich. Doch mein Rat geht
für alle Fälle dahin, dich und die Deinen sowie alle, die dir nahestehen,
schon jetzt in Sicherheit zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus
in Berlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen in
eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm die Zeit wahr, liebe
Adelheid, denn binnen kurzem dürften auch dort neue Ankömmlinge wegen
der zu befürchtenden Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es
nicht unfaßbar, sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten
vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester, daß diese wütende
Windsbraut ohne schweren Schaden an dir vorüberbraust.«
Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre gelangt war, da
faltete sie den Brief emsig und umständlich zusammen, jede Falte in ihre
gewohnte Lage, und schob das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in
den seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne ein weiteres
Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit zu verschwenden,
richtete sie ihre starren, grauen Augen, die sich plötzlich unnatürlich
weit geöffnet hatten, regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene
blonde Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals herabsinkenden
Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar, durch das weite Zimmer
schlürfte, keiner Bewegung hinzugeben.
Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch jetzt noch mit hörbar
tiefen Atemzügen neben seiner jungen Verwandten weilte, die merkwürdig
belebte Blässe des sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden
Frauenbildes in sich auf.
»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch den Sinn, und seine
kernige Mannhaftigkeit freute sich darüber, weil das stolze Weib, das ihn
stets wie eine beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der
Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen lernte. »Na, da wird
sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,« dachte er, »womöglich noch
dankbar sein, weil man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke
fortschafft.«
Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine breite Tatze
herablassend, wohlwollend auf die Schulter der Cousine zu betten. Die in
Gedanken Versunkene jedoch ließ es ruhig geschehen. Es war das erste
Mal, daß sich der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit
nähern durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche Zeit
verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr in seinem derben, allem
Grübeln abgeneigten Sinn etwas von der verschämten Üppigkeit
dieser verhüllten, unberührten Mädchenglieder. Freilich nur eine
vorüberblitzende Sekunde, denn gleich darauf zuckte das entschwundene
Leben durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig schnellte
ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand als etwas Störendes von
sich ab, und während sie ihren Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen
seine trotz aller Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß
sie kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich auf den Kern
der Dinge dringen will:
»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten, deswegen allein
hast du doch deine Mutter nicht zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was
führst du noch im Schilde?«
Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig kurzen Fragen, auf
die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe nicht sofort eine Antwort zu
erteilen wußte. Herrgott ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit
Jahren, man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken herum, als es
eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine treue Nachbarlichkeit bedingt
war, weil man eben dachte -- weil man doch zum Schluß wünschte, daß
-- daß -- -- Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das große
blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem paßte, nichts, aber
auch gar nichts Entgegenkommendes oder Aufmunterndes zeigte, was einem die
schwere Sprache vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden
Moment hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte, und was längst
die Billigung der Frau Mama gefunden hatte, ohne deren Ja und Amen man ja
schließlich nichts unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene
gerade jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber nun, als man
ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit auf den Leib rückte, da
vermochte sich der Herr von Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten
Grund zu besinnen, den man im letzten Ende doch nur als guten Vorwand
aufgespart hatte.
»Was es gibt -- was ich will --,« murmelte er aufgescheucht, wobei seine
blauen Augen Unterstützung heischend nach dem regungslosen Antlitz seiner
Mutter hinüberirrten. »Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist doch
furchtbar einfach.«
»Na, dann sag es doch!«
»Ja, sieh mal, ich meinte -- das heißt, meine alte Dame ist gleichfalls
der Ansicht -- wenn es losgehen sollte, dann könnt ihr Mädels doch
unmöglich in der glatten Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz
gemütlich unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn du deine
Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst aber -- --«
»Nun also?«
»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach --«
Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken ruhte wieder zu scharf,
zu kühl und zu forschend auf dem Männerantlitz, als daß Herr von
Stötteritz, der doch die Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei
den Göben-Ulanen bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die
wohlausgedachte Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen
Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten bereiteten. Es war ein
reines Glück, daß sich jetzt aus dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe
Räuspern vernehmen ließ.
»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich starren
Haltung, »mein Junge stottert ja leider. Wahrhaftig, er benimmt sich,
als ob man vor jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall
machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer es mir fällt, ich
habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen, um während der nächsten
Zeit in die geschützte Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen
ja dort sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte ich dir
vorschlagen --«
»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn, dem alles viel zu
lange währte, ohne besondere Umstände ein, »wir wollten dich bitten, ob
du nicht meine Mutter begleiten möchtest.«
»Um Gottes willen, ich?«
»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes willen,« beharrte
nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt, weil die Cousine nicht sofort
mit beiden Händen zugriff. »Du bleibst dann für alle Fälle hier in der
Nähe. Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen,
ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.«
So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt. Und während sich
Tante Adelheid dem Fenster zuwandte, um eine blaue Taube zu beobachten,
die auf dem Blech herumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den
nächsten gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in das
Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in schönster Ordnung
und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er halblaut durch die Zähne, streckte
die gewaltigen Beine von sich und faltete die Hände kreuzweise über der
Brust. Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit
gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel erfüllt. Jetzt konnte sie
tun, was sie Lust hatte.
Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten Zimmer, nur ab und
zu vernahmen die drei Menschen, die sich gegenseitig beobachteten, einen
eigentümlichen metallischen Ton. Der rührte von der Taube her, die
draußen auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte sich Frau
von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu, denn sie fand, daß man der
Hausherrin nun genug Zeit zur Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme
klang sehr bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre
Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise antreten würde.
Aber wie erstaunten die beiden Adligen, ja Fedors Mutter entsetzte sich
geradezu, als statt einer Antwort von dem Tisch her ganz plötzlich und
gegen jede Erwartung ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf
dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob eine innerliche
Befreiung damit verbunden wäre.
»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem Maße eigenartig,«
suchte sich endlich die alte Dame gegen diese absonderliche Weise zur Wehr
zu setzen. »Was meinst du, Fedor?«
Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende Heiterkeit auf einen
so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag natürlich noch viel weniger zu
erklären. Stumm und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit
von sich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so daß die
gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen ließen.
»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das heißen?« vermochte er nur
undeutlich über die Lippen zu bringen.
Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf sich selbst
besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die alte Dame am Fenster
zu, und ehe es die Leidende noch hindern konnte, wurde ihr von
dem Landfräulein kräftig die Rechte gedrückt. Auch eine Art der
Verständigung, die die Edelfrau nicht schätzte.
»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ ihrer Nichte
anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe verloren zu haben schien,
»wirklich, ich merke sehr genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner
gütigen Aufforderung verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte sie
sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl. Aber ihr dürft es
mir nicht übel deuten, daß ich mir die ganze Situation, die so plötzlich
über mich hereinbricht, nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört
überlegen möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie
freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte auf meinem Hof
herumlaufe, um mir den Wind ein wenig um den Kopf streichen zu lassen. Dort
unten befindet sich ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß
erst mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit mir einig zu
sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich Marianne oder Isa herein, die
ihr ja ohnehin noch nicht begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.«
Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits Aufbrechende
ihren beiden betroffenen Verwandten zu und verließ mit ihrem festen,
majestätischen Gang das große Gemach. Zwischen den Zurückbleibenden
jedoch entspann sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung.
»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der seinen Blick noch nicht
von der hohen weißen Tür fortzulenken vermochte, hinter der Johanna eben
verschwunden war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich
glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im Alter nicht viel
voneinander geschieden, aber bei ihr erzeugten die Jahre oder auch die
Gewohnheit des Befehlens eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die
nicht immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie ein Stachelzaun
vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.«
»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes Geschöpf,«
verteidigte der Sohn, indem er eine ihm plötzlich über die Stirn
huschende Röte mit der flachen Hand fortzuwischen strebte, »gerade
weil sie alle die Firlefanzereien und Maskeraden verachtet, die andere
Frauenzimmer doch nur anwenden, um anständig unter die Haube zu gelangen,
deswegen hege ich eine entschiedene Achtung vor ihr.«
»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein guter Junge,
ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen Achtung bleiben. Wie?«
richtete sich die alte Dame unvermutet auf und schlug unwillig auf ihre
seidene Tasche, »ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein
Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme Pute ihren Willen
dem seinigen unterordnet?«
Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß das ganze
Zimmer zitterte.
»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke.
»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der Riese ohne
Übergang laut und völlig unbekümmert darum, ob er nicht durch drei
Zimmer hindurch verstanden werden könnte. »Ich mag das nicht. Und
ob Johanna sich dir anschließen wird oder nicht, das werde ich gleich
erfahren. Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.«
»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf ihre Tasche
und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden mit einem Zug des
Besserwissens in den kalten grauen Augen her, »dann wird ja dieses Hin-
und Herzerren endlich aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich
auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt -- du bist
an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter
der Marielle drein.«
* * * * *
Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles und klopfte
wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald leise, bald etwas lauter an
das altersgeschwärzte Holz. So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken,
wenn es etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl als ihre
Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins, sobald das
vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen hörbar wurde.
»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann.
Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen Sichtung der
Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier in ihrem friedvollen Gehöft
dicht vor ihren Füßen aufgeschossen war. Gerade die Unruhe, die sie
zu bezwingen strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und
sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein. Noch ehe
sie sich über die neue Störung ganz klar werden konnte, fing sie ein
ungewohntes kurzes Trappeln auf, Hufschläge wurden laut und zu ihrem
äußersten Befremden sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner
Paradeuniform, mit blitzendem Helm und gefolgt von einem ebenfalls
berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor ihr parierte. Eine schlanke
Gestalt beugte sich zur Seite und führte grüßend die Rechte an den Helm.
Gleich darauf sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll
vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die Sporen klirrten dabei
leise zusammen, und in den dunklen Augen des jungen Offiziers wohnte ein so
deutlich lesbarer Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie
es nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über ihr ganzes
Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen wünschen.
Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen schlug einen
Moment das Herz höher und voller. Aber es war ein erlösendes Gefühl der
Befriedigung, das sie durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie
mit diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit wieder in ihrem
Hause Einzug hielten, die sie in trüben Stunden bereits entwichen wähnte.
Gottlob, ihr war es sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige
Freund, sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer Zeit
würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde doch nur so schwer
verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit und Jugendwonne aufblühen.
Zuversichtlich, das mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige
Geschöpf, das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes Entgelt
seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen Regung folgend,
dem jungen Offizier, der ihr so ernst und erwartungsvoll gegenüberstand,
mit einer herzlichen Bewegung die Rechte darbot, da -- welch merkwürdige
Verkettung -- da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel des Adlers
vor seinem Helm. Und ohne jede weitere Überlegung stürzten all die
ängstlichen Sorgen, alle unmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor
denen ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die eine fast
willenlos hervorgestoßene Frage zusammen:
»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?«
Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die schlanke Gestalt des
Militärs zusammen, und über sein dunkles, immer von den Schatten des
Nachdenkens umsponnenes Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war nicht
die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes Glück, ja Macht,
Ehre und eine gesicherte Existenz aus brodelnden Blutdämpfen hervorkochen
sieht. In seinen reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so
merkwürdig unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle, felsenfeste
Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit, das sicherlich durch
keinen noch so unbeschränkten Machtwillen in die Glut und die Greuel
eines vernunftwidrigen Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich, eine
innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen, wohltuenden Stimme, als
er trotz seiner so leicht erklärlichen Befangenheit voller Zuversicht
ausrief:
»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich nicht im
geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und ich verfolgen natürlich
gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die wieder einmal allerlei Bedrohliches
melden, mit größter Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon
überzeugt, daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen Feldzug
handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg -- wenigstens durch Studium -- kennt,
so wie wir, der weiß, welche Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde,
der ihn um ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.«
Da war es Johanna, als wenn ein leichter, erfrischender Wind in eine
Wand von Staub und Dampf führe, die ihr bis dahin die Aussicht gesperrt.
Plötzlich tauchte wieder die sonnenbeschienene Gegend vor ihr auf, der
von weißen Scheunen eingefriedete Hof, herübernickend die dunkelgrünen
Kastanien des Parks, und zwischen dem gewölbten Eingangstor
hindurchleuchtend die schmale weiße Landstraße. Selbst das Reitpferd,
das der Bursche des Offiziers in respektvoller Entfernung an den Hofmauern
herumführte, erschien der Aufatmenden wie eine Bürgschaft dafür, daß
das gewohnte Dasein unverändert und ungetrübt an ihr vorüberfließen
müsse. Und in lebhaft aufwallender Dankbarkeit streckte sie dem Boten des
Heils noch einmal ihre Rechte entgegen. Der verbeugte sich stumm über den
dargereichten Fingern. Und da -- welch ein Glück -- das derbe Landmädchen
griff mitten in die so schwer darzustellenden Pläne hinein, die ihn
herleiteten.
»Lieber Herr Leutnant Harder,« brachte sie rasch und überstürzt
mit einem an ihr seltenen Lächeln hervor, »ich weiß, was Sie von mir
begehren. Wir wollen nicht viel Worte machen. Ich selbst habe Ihren Besuch,
ja sogar Ihr Anliegen gewünscht, und ich nehme an, daß Ihnen unser
gemeinschaftlicher Freund, Herr Konsul Bark, von den Erwartungen, die ich
an Sie stellen zu dürfen glaubte, Mitteilung machte. Verhält sich
das nicht so, Herr Leutnant?« setzte sie leiser, aber nicht weniger
vertraulich hinzu.
Fritz Harder war von dem warmen Ton und der aus einem ehrlichen Gemüt
hervorquillenden Offenheit völlig hingenommen. So, gerade so stellte er
sich ja ein aufrechtes, unerschrockenes Mädchen vor, das einen glättenden
und aufrichtenden Einfluß auf ein Männerdasein gewinnen müßte. Und zum
erstenmal, da er jetzt das Bild dieser Schwester in sich aufnahm, gewahrte
sein suchender, einfühlender Blick, wie diese hellen blauen Augen
auch wärmer, inniger und treuer strahlen konnten, als er es von jener
gefürchteten und immer mit einiger Scheu betrachteten Wächterin erwartet
hatte. Mein Gott, das war ja eigentlich keineswegs die strenge mütterliche
Beraterin, so wie sie ihm immer vorgeschwebt. Hier stand ja in Wahrheit ein
hohes, blühendes Weib, das nur zu unnahbar, zu abgeschlossen lebte, als
daß sich ein zerstörendes Verlangen bis zu ihr erheben konnte. Und jetzt,
gerade jetzt sprach jene edel gemeißelte, wunschlose Statue zu ihm so
redlich, so erkennend, daß ihm das Herz überfloß. Welch ein Glück,
welch ein teures Pfand für die Zukunft, daß Marianne, diese heiße
zuckende Flamme, die an seinem Leben fraß, eine solche Schwester, eine
derartige Hüterin ihr eigen nannte. Und jäh errötend begann er
sein Anliegen vorzutragen. Um was er eigentlich geworben, in
unzusammenhängenden Worten, die sich nur schwer zu zerhackten Sätzen
fügen wollten, das wußten die beiden, die einen so ehrlichen Handel
miteinander zu schließen gedachten, später kaum mehr anzugeben. Jedem
von ihnen blieb nur das erlösende Bewußtsein, daß endlich etwas
Irrlichterlierendes, das sich gegen alle Ordnung sträubte, eine feste und
redliche Form gewinnen sollte. Plötzlich reichten sich beide noch einmal
stumm die Hände. In diesem Augenblick wurde die Gutsherrin von Maritzken
völlig von der Vorstellung beherrscht, daß sie einem großen treuherzigen
Jungen das begehrte Geschenk mit mütterlicher Sorgsamkeit überreiche.
»Wir sind einig, mein lieber Herr Leutnant,« schloß sie einfach, indem
noch immer das gute Lächeln um ihre Lippen schwebte. »Und nun eilen Sie
nur, damit Sie auch derjenigen Ihre Wünsche auseinandersetzen können, mit
der Ihnen eine Unterhaltung gewiß viel erfreulicher und amüsanter sein
wird, als mit mir. Nein, nein, lieber Fritz Harder,« sträubte sie sich
beinahe schelmisch, als der junge Offizier ein paar verlegene Komplimente
zu stammeln gedachte, »das ist ja alles so natürlich. Ich weiß
auch, daß Sie mit meiner Schwester Marianne nicht die erste derartige
Besprechung pflegen. Nicht wahr? Aber darüber wollen wir heute nicht
mehr rechten. Um es Ihnen zu erleichtern, werde ich Marianne gleich
herunterbitten lassen.«
Allein nach einiger Zeit kehrte das zu diesem Zweck ausgesandte Mädchen
zurück und berichtete, daß die Gesuchte weder in ihrem Zimmer noch bei
den Gästen aus Sorquitten zu finden wäre.
»Das ist merkwürdig,« meinte Johanna sich besinnend, »mir war es doch
so, als wenn ich noch eben hinter den Fenstern des ersten Stockwerks die
dunklen Haare meiner Schwester erkannt hätte.«
Und als der Offizier, der sich in seiner Hast vergaß, dieselbe Wahrnehmung
bestätigte, da hob das Gutsfräulein ein wenig überlegen die Achsel, um
ihrem neuen Schützling, immer mit derselben Gutmütigkeit, zu raten:
»Also, lieber Herr Leutnant, dann schlage ich Ihnen vor, sich selbst auf
die Suche zu begeben. Ich darf ja annehmen, daß Sie über die geeigneten
Schlupfwinkel, Waldhänge und Haselnußhaine auf meinem Gute ausreichend
orientiert sind. Nicht wahr?« lachte sie plötzlich ganz offen, wobei
sie sich an der Betroffenheit des Überraschten wie an einem äußerst
gelungenen Scherz zu weiden begann. »Gehen Sie nur, Fritz Harder, ich bin
überzeugt, Sie werden das, was Sie suchen, mit militärischer Sicherheit
finden.«
* * * * *
Fritz Harder folgte einem grünen Schatten. Er sah ihn bald durch die
braunscholligen Einschnitte hochstehender Weizenfelder dahinhuschen,
bald glaubte er den flüchtigen Schein wieder rastend an den dunklen
Einbuchtungen eines träumenden Gehölzes hängen zu sehen. Er suchte ihn
zu haschen, ja er rief manchmal leise einen Namen, der sein ganzes Gemüt
ausfüllte, allein immer, sobald er die Stelle erreichte, wo eben die
Ähren wie nach einer entschwundenen Berührung schwankten, dann fand er,
daß er von dem trügerischen grünen Schimmer abermals getäuscht sei.
Allmählich hatte der einsam Wandelnde jene Wiesengrenze erreicht, an
der sich der schmale Haselnußgang dahinschlängelte. Hier an einer
halb verfallenen Moosbank, die so oft Zeugin eines heimlichen kosenden
Geflüsters gewesen, ließ sich der junge Offizier nieder und schickte
seine Blicke noch spähender als bisher durch das dunkle, wild
verschlungene Gestrüpp.
Nichts.
Es war wohl nur eine Vorspiegelung seiner nicht mehr nüchternen Sinne,
daß es ihm wieder vorkam, als ob der grüne Schatten, dem er nachjagte,
noch eben geschmeidig durch ein Ästegerank hindurchgeschlüpft sei.
Nein, nein, hier gab er sicherlich einem völlig unhaltbaren Verdacht
nach, der ihm eigentlich nie und nimmer aufsteigen durfte. Lächerlich,
wie konnte er nur wähnen, daß das Geschöpf, das er für immer an sich
zu ketten trachtete, gerade in dem entscheidenden Augenblick ihres
beiderseitigen Daseins ihm in einer unbegreiflichen Laune zu entweichen
suchte. Ganz sicher, diese ewigen häßlichen Befürchtungen hatten sein
harmloses Gemüt bereits aus der Bahn gerissen. Zu viel und zu eindringlich
war von ihm über seine Zeit nachgegrübelt worden, von der er zweifellos
mit Unrecht argwöhnte, daß sie den oberflächlichen und spielerischen
Bedürfnissen ihrer Kinder zu gefällig entgegenkäme. Fort, fort damit,
das wäre ja keine deutsche Frau, der man im Ernst etwas Derartiges
zutrauen durfte.
Entschlossen, befreit erhob er sich und verlor sich erhitzt in das tiefe
Gehölz, durch dessen niedriges, eng verschlungenes Dach die Sonnenstrahlen
nur wie winzige goldene Käfer hindurchkrochen.
* * * * *
An der rissigen Tür des Kuhstalles lehnte die Hofbesitzerin, und während
über ihr blasses Antlitz noch immer jener still zufriedene Schein
glänzte, da pochte sie von neuem selbstvergessen gegen das trockene Holz.
Diesmal aber klang es munter und beschwingt, und der kecke Trommelschlag
ging allmählich in ein Marschtempo über, so daß jeder erkennen
konnte, wie zuversichtlich und bestimmt die Gedanken der Gutsherrin über
Vergangenes und Zukünftiges schweiften.
»So, nu laß aber mal das Trommeln,« forderte plötzlich eine energische
Stimme neben ihr, und als sie, aus ihren Träumen gerissen, das blonde
Haupt ein wenig wandte, da mußte sie zu ihrer eigenen Erheiterung
wahrnehmen, wie der Riese von Sorquitten in seinem gelben Sportanzug
ebenfalls den mächtigen Rücken gegen die Stalltür drängte; und nun
stand er mit leicht überschlagenen Beinen da, ohne es jedoch natürlich
für nötig zu halten, die gewaltigen Fäuste aus den Taschen zu ziehen.
»Du stellst dir wohl vor,« fragte er ruhig weiter, »wie das hier
sein wird, wenn das Gesindel von dort drüben auf seinen Kalbsfellen
Generalmarsch schlägt? Die verfluchten Hunde!« Und während er
angelegentlich auf seine gelben Schnürstiefel herunterstarrte, murmelte er
in angenommener Gleichgültigkeit: »Sag mal, Johanna, jetzt könntest du
doch endlich deine weisen Pläne gefaßt haben. Willst du nun meine alte
Dame begleiten?«
Es klang durchaus nicht so, als ob der große Mensch in Herzensangst um ihr
Schicksal bebte. Darin bestand ja ohnehin nicht seine Art, sobald es
sich um andere handelte. Aber die große Blonde wurde doch von einer
vorüberhuschenden Rührung erfaßt, als sie sich vorstellte, daß sich
überhaupt ein Mensch um ihr Wohlergehen bekümmere.
»Fedor,« begann sie deshalb zutraulich, »entdecke mir mal ganz offen,
lieber Junge, weshalb du dich so bemühst, mich von hier fortzulocken?
Liegt dir wirklich bloß daran, eine passende Gesellschaft für deine
Mutter zu finden? Oder wäre es dir im Ernst peinlich, wenn ich durch eine
fremde Einquartierung Unannehmlichkeiten erführe?«
»Na, natürlich wäre es mir peinlich,« brummte Herr von Stötteritz,
zog den einen Schuh noch etwas weiter in die Höhe und klopfte sich
angelegentlich den Staub ab. Und indem er etwas möglichst Gleichgültiges
zu erfassen strebte, stieß er noch hervor: »Vor allen Dingen möchte ich
selbstverständlich den Lumpen den Spaß versalzen, einer mir nahestehenden
Dame hier irgend etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«
»So so, daran denkst du,« meinte Johanna schon um vieles mehr
ernüchtert. »Wenn ich dir nun aber anvertraue, daß ich an dieses ganze
Kriegsmärchen keineswegs glaube, was dann?«
Der Riese ließ sich gegen die Stalltür fallen, daß sich ein dumpfes
Dröhnen erhob.
»Dann erkläre ich dir,« sprudelte er ihr ungehalten entgegen, »daß du
eine halsstarrige Person bist, die für derartige Dinge nicht das richtige
Verständnis besitzt.«
»Ach, sieh einmal, was du liebenswürdig sein kannst!«
»Aber ich will ja gar nicht liebenswürdig sein,« schrie jetzt der Riese
außer sich, der völlig vergaß, daß ihn ursprünglich eine viel zartere
Absicht hierher geleitet, »ich will ja bloß, daß hier alles nach Ordnung
und Recht zugeht, damit du keinen Schaden leidest.«
»Dafür danke ich dir,« versetzte Johanna, indem sie wieder in ihre
kühle und unnahbare Haltung zurückfiel, denn die derbe Weise des
Rittmeisters empörte sie innerlich. »Aber da ich mir einmal angemaßt
habe, meine Wirtschaft nach eigenem Gutdünken zu leiten, so mußt du es
mir auch anheimstellen, ob ich es für richtig halte, mein Anwesen ohne
Aufsicht zu lassen.«
»Donnerwetter ja,« fuhr jetzt der Riese auf und schlug mit geballter
Faust gegen das Holztor, »mein Inspektor und ich können das doch auch
besorgen?«
»Ja gewiß,« wollte die Angegriffene hier abermals einlenken, jedoch der
völlige Mangel an Selbstbeherrschung, den der Gutsbesitzer so polternd
bewies, er löschte ihr das Verständnis für die verborgene Gutmütigkeit,
die seinen Absichten zugrunde lag, von neuem aus. »Ja gewiß, Fedor,« gab
sie zu, »ich empfinde dein Anerbieten als sehr uneigennützig, aber meine
Leute sind zu sehr an meine eigene Behandlung gewöhnt, als daß ich sie
gerade in den Zeiten der Not einer schärferen Methode aussetzen möchte.«
»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden Pfiff aus. »Daher
geht der Wind,« lachte er ingrimmig, »du hast unausgesetzt an mir etwas
herumzutadeln. Die ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das
Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So sage es doch, nicht
wahr, das kannst du nicht leiden?«
Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten auf. Sie sah wieder
sehr herb und ablehnend aus, als sie jetzt kurz hervorbrachte:
»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt, aber wenn du
darauf bestehst -- nun ja, ich kann mir manches anziehender vorstellen, als
die von dir bezeichnete Art.«
»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr von Sorquitten, dem
es trotz der aufsteigenden Enttäuschung so vorkam, als ob er eine
widerwärtige Schulaufgabe endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja
nicht mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du glaubst uns
nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die die Lage viel gründlicher
zu beurteilen vermögen, als solch beschränkte Stoppelhopser. Schön,
Mariellchen, ich wünsche natürlich in unser aller Interesse, daß diese
superklugen Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen,
wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse. Ich habe vor Tisch nämlich
dort drüben in Sorquitten noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner
wenig anziehenden Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der Trost,
Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied nicht das Herz brechen
wird, was?« Damit richtete sich Herr von Stötteritz auf, schüttelte
sich, als wenn er in der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt
wäre, und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher.
Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang zu erreichen, um
seine Mutter von der bevorstehenden Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten
zwischen den Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht
neben ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem Arm des sie
Überragenden, um ihn ein wenig hin und her zu zausen, als ob sie den
Unwirschen zur Besinnung zu bringen wünsche.
»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit
nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich.
Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte etwas
Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte nicht den
beabsichtigten Eindruck.
»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer etwas unwillig
ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl unter ihren Augen nicht
recht weichen wollte. »Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie
Familienfehde oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im übrigen
bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und meine Mutter sagt immer
›aufgenötigte Suppe schmeckt schlecht‹. Also lassen wir's! -- He,«
rief er laut aus der Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor,
ganz dicht ran. Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen
Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der Stelle den
Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet sonst wieder, sie wäre keine
Seiltänzerin. Also allons, Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und
dalli, dalli.«