II.

Glutrote Abendsonne glitzerte aus allen hochgelegenen Fensterscheiben der

Stadt, selbst an dem schwarzen Schieferdach der Sankt Sebaldus-Kirche floß

es wie von blutigen Strömen hinunter. Hoch oben unter dem First stand in

einer engen Mauerhöhlung die bunte Holzstatue des Schutzheiligen, und auch

aus seinem sonst erloschenen Sternenreif spritzten die roten Lichtflammen.

Es sah aus, als wäre das entblößte heilige Haupt von ein paar

Säbelhieben getroffen und heller Lebenssaft zische aus den Wunden hervor.

Immer mehr verbreiteten sich die funkelnden Lachen auf den schwarzen

Platten.

Unter dem in Flammengold und angehendem Violett schimmernden Himmel zog

gerade über dem Marktplatz eine Schar weißer Tauben ihre Kreise. Eine

vereinzelte blauschwarze Nachzüglerin flatterte in geringem Abstand hinter

den blitzenden Schwestern her, gleich einem schlimmen Gedanken, den die

guten, beseligenden weit hinter sich gelassen. Ein frischer Abendwind

surrte durch die Gassen, und von den nahen Feldern, die sich hinter der

Stadt in ununterbrochener Weite dehnten, führte er einen süßen Kleeduft

mit sich.

Gerade als es in rollenden, schleppenden Tönen von der Sebaldus-Kirche die

siebente Stunde schlug, da quoll aus der am Markt liegenden Konditorei von

Klinkowström eine kleine Anzahl junger Offiziere heraus, die sich lachend

und säbelschleifend über dem schmalen Trottoir verbreitete.

»'n Abend, Harder.«

»Adieu, Janick. Ihr bleibt im Kasino, wie?«

»Nirgends anders. Dort soll ja eine kleine Götterberatung stattfinden,

was wir mit dem Onkel aus dem Generalstab anstellen sollen, der den Herren

Offizieren in einiger Zeit zum Vortrag geschickt wird. =A propos=, lieber

Harder, ist dieses wissenschaftliche Huhn, der Major von Siebel, nicht ein

Verwandter von Ihnen?«

Der junge Offizier mit der saloppen, etwas vorgebeugten Haltung und

dem scharf geschnittenen, bartlosen Antlitz, von dem seine Kameraden

behaupteten, daß es ein Cäsarenkopf wäre, hakte seinen Säbel ein und

blies von dem schwarzen Interimsrock achtlos etwas Zigarettenasche hinweg.

»Siebel?«, wiederholte er mit einer leisen, wohllautenden Stimme, die gar

nichts Militärisches in sich barg und auch den energischen Zügen seines

dunklen Gesichts nicht zu entsprechen schien. »Was Sie sagen, Janick,

kommt der her? Jawohl, er ist wohl ein Übervetter meiner Mutter. Wir duzen

uns gerade noch. Übrigens ein grundgescheiter Herr.«

»Na ja,« pflichtete der baumlange Janick bei, indem er einen anderen

Kameraden bereits unter den Arm faßte, »die Weisheit liegt in Eurer

Familie. Na, und Sie, Musikante, ziehen wohl für heute abend wieder zu

Mendelssohn und Beethoven ab? Meinen Segen haben Sie. Viel Erbauung!«

Der Schlanke griff nachlässig an seine Mütze und wandte sich, um in eine

Seitenstraße einzubiegen:

»Danke für den frommen Wunsch, meine Herren,« meinte er gleichgültig,

»Sie sind sehr gütig.«

Seine Schritte hallten schon in dem engen Gäßchen, als der lange Janick

ihm noch nachrief:

»Fritz, vergessen Sie nicht, morgen früh wieder sechs Uhr

Schützengrabenübung. Das verdammte Buddeln nimmt kein Ende.«

»Danke,« schallte es von der anderen Seite zurück, »die Ordonnanz war

schon bei mir. Gute Nacht, meine Herren.«

Langsam, mit seiner vorgebeugten Haltung setzte Fritz Harder seinen Weg

durch die enge Zeile fort. Vor einem Antiquitätenladen, in dessen

dunklem verräucherten Schaufenster neben ein paar Trommeln aus den

Freiheitskriegen auch ein Bild in halb vermodertem Rahmen ausgestellt war,

verharrte der junge Offizier und hob sein Monokel vor das Auge. Eine kleine

Weile betrachtete er die schwärzliche Landschaft. Dann murmelte er etwas

Unverständliches und nahm seinen Weg wieder auf, ohne den jungen Mädchen,

die hier paarweise promenierten, irgendwelche Beachtung zu schenken. Bald

hatte er sein Heim erreicht. Es war ein ganz schmales, spitzgiebliges

Häuschen, das sich zwischen zwei anderen altertümlichen Bauten nur

schüchtern eingeklemmt hatte. Vor Baufälligkeit schien es sich direkt

vorüber zu neigen, und da es außerdem bis zu dem Holzbord des ersten

Stockwerks himmelblau angestrichen war, von dort aber bis unter das Dach

in rosenroter Färbung prangte, so glich es viel mehr einem

Pfefferkuchengebilde vom Weihnachtsmarkt, das man recht lieblich und bunt

herausstaffiert. Kaum begreiflich aber war es, wie die Zwei-Fenster-Front

des Häuschens noch durch eine rot gepflasterte Diele getrennt sein

sollte. Und doch verhielt es sich so. Auf der einen Seite des Flurs ging

es nämlich beständig tick-tack, tick-tack. Hier hauste der Besitzer des

blauen und rosenroten Pfefferkuchens, Herr Nikolaus Adameit, der ehrsame

Zunftmeister der Uhrmachergilde. Ja, hier nistete der alte struwelige Mann,

hochgeehrt und bewundert von der ganzen Handelsstadt, denn es haftete

wohl im Gedenken seiner Mitbürger, daß es ihm allein von allen seinen

Handwerksgenossen vor reichlich vierzig Jahren gelungen war, das verstummte

Glockenspiel der Sebaldus-Kirche zu neuem klingenden Leben zu erwecken. Das

hatte dem damals im kräftigsten Mannesalter stehenden Künstler tausend

preußische Reichstaler eingetragen. Und wozu hatte er diese große, diese

überschwengliche Summe verwendet?

Wozu?

Kein Mensch konnte darüber etwas Genaues angeben. Man hörte nur aus den

wütend hingeworfenen Angaben seines stotternden Gehilfen Leiser Bienchen,

eines phantastisch armen Judenjungen, der von den Wohltaten seines Meisters

lebte, alle alten Kleidungsstücke des Uhrmachers bis zum Zerbröckeln

auftrug und trotzdem, aus künstlerischen Gründen, beständig im

heftigsten Streit mit seinem zahnlosen Prinzipal lebte, man vernahm nur

in Augenblicken zitternder Wut von jenem menschenscheuen Gehilfen, daß es

sich um eine Erfindung handele, die einmal Millionen einbringen müßte.

Tief unten in einem triefend feuchten Keller, und immer nur in den

Frühstunden, wurde von den beiden Adepten an dieser merkwürdigen

Maschinerie gearbeitet. Und der letzte Bursche des Leutnants, der sich

einmal bis in den schwarzen Abgrund hinunter verirrte, er hatte entdeckt,

daß bei jenen beglückenden Ideen zweifellos auch ein starkes Uhrwerk im

Spiel sein müsse:

»Denn in dem Keller, Herr Leutnant, macht es immerfort tick-tack,

tick-tack. Es stinkt mordsmäßig dort unten. Nach Schwefel und Säuren

und all solchem Zeug. Und wenn mich der verfluchte Judenbengel nicht einen

Fußtritt gerade vor den Magen versetzt hätte, Herr Leutnant, ich hätte

die Beiden bei der Teufelsbeschwörung überrascht. Denn um so was handelt

es sich, um nichts anderes!«

* * * * *

Als Fritz Harder die eine der von ihm gemieteten Stuben in dem

Pfefferkuchenhäuschen betrat, stand sein Bursche, ein derber,

vierschrötiger Ostpreuße gerade an dem ovalen Tisch, um eine billige

weiße Petroleumlampe zu entzünden. Er machte sofort vor seinem Leutnant

stramm und nahm ihm die Mütze ab, die ihm Fritz herüberreichte.

»Na, Reddemann,« begrüßte ihn der Offizier, während er sich ein wenig

ermüdet auf einen Korbsessel dicht an dem schmalen Fenster niederließ,

»hast du mir die Sachen besorgt?«

»Zu Befehl, Herr Leutnant, das Frühlingslied von Mendelssohn. Sehr

schön.«

»Aha, du hast wohl wieder darin herumgenascht?«

»Zu Befehl. Herr Leutnant wissen ja, daß wir zu Haus einen Gesangverein

haben.«

Der am Fenster Sitzende öffnete sich ein wenig den Uniformrock.

»Na, ob ich das weiß,« warf er gutmütig hin, »du heulst ja

manchmal, mein Junge, daß ich glaubte, Bienchens räudiger Pudel hätte

Leibschmerzen bekommen.«

Allein trotz dieser etwas derben Charakterisierung seiner Gesangskunst

reckte sich der stämmige Bursche und sah sehr befriedigt aus.

»Herr Leutnant,« verteidigte er sich, »dann übe ich bloß. Aber bei uns

zu Hause in Pillkallen sagen die Leute, ich hätte die stärkste Stimme.«

»Jawohl,« lächelte der Leutnant, »das sage ich auch. Und nun,

Reddemann, schwirre mal in das Kasino ab und hole mir meine Menage. Aber

die Tischordonnanz soll alles hübsch warm geben, verstanden?«

»Zu Befehl, Herr Leutnant. Sonst noch etwas?«

»Jawohl, bringe mir von nebenan ein paar Zigarren mit, von der billigen

Sorte.«

»Zu Befehl, Herr Leutnant.«

Der Ostpreuße bedeckte sich mit seiner Mütze, fuhr noch einmal ordnend

auf dem Tisch herum und stolperte auf die Diele heraus. Gleich darauf sah

ihn sein Gebieter die enge Gasse im Trab durcheilen. Mehrfach noch wandte

sich das plumpe Antlitz aufmerksam zurück, ob auch sein Herr diese

beschleunigte Gangart wahrnehme.

Fritz Harder jedoch verweilte noch längere Zeit am Fenster und stützte

nachdenklich den feinen Kopf mit den dunklen Haaren auf die Hand. Und wie

schon so oft, überkam ihn, wenn er den Eindruck des ungeheuer niedrigen,

fast kahlen Stübchens mit der verblaßten Blumentapete auf sich wirken

ließ, jenes überwältigende, niederdrückende Einsamkeitsgefühl. Auch

die enge Gasse, durch die kein Wagen fahren durfte, mutete ihn an, als

ob eine Riesenfaust sie zusammengepreßt hätte, damit jede Spur einer

frischen reinen Luft aus ihr entwiche. Dumpf und feucht wie aus einem

Kellerloch wehte es zu ihm herein. Herrgott, hier lebte man wirklich wie

in den Kasematten der Festung, durch hohe Mauern abgesperrt von allem Glanz

des Tages. Und dann das trostlose Einerlei seiner Tätigkeit. Wie ihn

das mit einem ängstlichen Schauer erfüllte, wenn er sich all diese

gleichgültigen und dennoch, wie er zugeben mußte, notwendigen Dinge

zurückrief. Heute und morgen und übermorgen das Rekruten-Einexerzieren,

die ewig geübten und wiederholten Instruktionsstunden, die anstrengenden

Märsche bis weit über das Glacis der ehemaligen Festung, wo er jeden

Baum, jeden Strauch, jeden Hügel und jeden Graben kannte und

beschrieben hatte. Und dazu die Aussicht, die Aussicht in weiter Ferne,

unwahrscheinlich und unerreichbar, jemals sich in dem wissenschaftlichen

und kunstgemäßen Untergrund des Dienstes betätigen zu dürfen. Denn ach,

wie jede praktische Beschäftigung auf Erden, so war ja auch sein Beruf

auf festen Quadern einer historischen, sowie einer technischen Wissenskunde

aufgebaut. Aber in dieses strenge, wohlverschlossene, geheimnisvolle Haus

fanden fast ausschließlich die Mitglieder einer bevorzugten Kaste Einlaß,

und selbst jene harrten wieder vergeblich vor den innersten Kammern, in

denen, wie in dem pochenden Herzen des gewaltigen Körpers, alle feinsten

Adern und Verästelungen zusammenliefen. Wie sollte da der Sohn eines auf

sein schmales Gehalt angewiesenen ostpreußischen Oberförsters hoffen

dürfen? Umsonst blieben die verborgen angesponnenen Versuche, die sein

heiß aufbegehrender Arbeitswille hie und da unternommen. Sie vergilbten

in der Schublade des wackligen Fichtentischchens dort in der Ecke, ja, ihr

Vorhandensein sogar wurde von den fröhlicheren Kameraden -- mit Recht --

verspottet. Oh, wenn nur der Drang und die Sucht nicht gewesen wären, sich

aus diesen umklammernden Beängstigungen vor der Zukunft zu befreien. Da

gab es nur ein Mittel. Und der Blick des Nachdenklichen schweifte zu dem

geborgten Flügel hinüber, der in seinem schwarzen Glanz fast die

Hälfte des Zimmers ausfüllte. Leuchtend spiegelten sich die Strahlen des

Lämpchens auf der fein polierten Platte. Ja, dort wob sich ein Zaubernetz,

in das er sich träumend strecken konnte, und das dann von klingenden

Genien emporgehoben wurde weit fort über die kleine handeltreibende Stadt,

fort von den zechenden, hasardierenden Kameraden mit ihrer absichtlich zur

Schau getragenen Verachtung alles höheren Bildungsstrebens, weit fort von

Armut und Beschränkung. Aber nein -- --

Und der Nachdenkliche am Fenster zuckte zusammen und vergrub jetzt sein

Haupt, auf dem es plötzlich wie in Glut und Feuer aufflammte, in beide

Hände. Vergessen und Beseligung, sie wurden dem Glücklichen noch von

anderer Seite gespendet. Hier wuchs Trost, Erbauung, Andacht, tiefe Demut

vor der göttergebildeten Schönheit, und die verzehrende auflösende

Sehnsucht, sich in ein anderes prangendes Dasein hinüber zu retten, wie

es wohl nur ein Künstler in seinen Träumen fühlen konnte. Das schöne,

gnadenspendende Weib stand lächelnd und reizvoll, zu immer neuen Gaben

bereit, vor den geschlossenen Augen des Kämpfenden, bis sich sein

jugendstarker Körper unter einem fröstelnden Schauer wand. Und doch, wie

entsetzlich, auch hier die Unsicherheit, die sein Leben so wehrlos machte.

In Stunden aufschießender Erkenntnis, empfand er da nicht unumstößlich

gewiß, wie das Beste in ihm, trotz der glückverlangenden, spielerischen,

lustdurchzitterten Zeit um ihn herum, nach Dauer, nach Reinheit und nach

Sicherem verlangte? Ein Begehren, das ihn bei seinen forschen Kameraden

in den Ruf eines sonderbaren Heiligen gebracht. Nein, das ließ sich nicht

wegschwatzen und fortdisputieren. Jene starke Sehnsucht haftete ihm von dem

kleinen beschränkten Elternhause an, von jener Stätte des Friedens, die

dem früh Herausgetretenen stets in einem rührenden Lichte der Innigkeit

und des Behagens herüberleuchtete. Und lebte diese beruhigende Sicherheit

etwa in der schönen, strahlenden Marianne, die wie eine dunkle Verlockung

aus einem orientalischen Märchen in sein Leben getreten war?

Mitten in seinen Gedanken griff der Träumende um sich, hierhin und

dorthin, als ob er einen Halt suche. Etwas Festes, woran sich ein Wankender

aufrichten konnte. Allein die aufgestörten Bilder seiner Phantasie rissen

ihm Stab und Stütze aus den Händen und jagten ihn weiter. Nein, sein

scharfer Verstand, das Erbteil seiner rechnenden Mutter, bewies es ihm

klar und deutlich, daß dasjenige, was ihm als etwas Hohes und Heiliges

vorschwebte, immer und immer wieder zu einem Spiel entwürdigt wurde. Zu

einem lockenden Haschen und Entflattern, das ihm allmählich die Kräfte

der Seele raubte. Keine Zusicherung war zu erlangen, nichts Bindendes, nur

jenes ewige Reizen und Versagen, in dem er auch alle seine Kameraden

sich herumtummeln sah. Sicherlich, es war die Gewohnheit einer kulturell

verstiegenen Zeit geworden. Das Tiefste, was das Menschentum barg, der

Born, aus dem sich vergangene Geschlechter immer neue Jugend schöpften,

man hatte ihn parfümiert und mit allerlei Reizmitteln verbunden, die die

heiligen Wasser um ihre läuternde Wirkung brachten. Das jetzige schnell

dahinrasende Geschlecht wähnte ohne jene aufpeitschenden Genüsse nicht

mehr das Gleichmaß der Tage überstehen zu können. Aber unten, tief unten

auf dem undurchsichtigen und aufgewühlten Grunde des Borns, da lagerte der

Ekel.

Als Fritz Harder bis hierher gelangt war, schreckte er plötzlich auf.

War es ein kühlerer Luftzug, der ihn durch das offene Fenster hindurch

anwehte, oder hatte ihn das mißtönende Geschlürf von ein Paar

merkwürdig kreischenden Stiefeln aus seinen Gespinsten verscheucht? Rasch

wandte er das Haupt, knöpfte den Uniformrock zu und zog ihn fester

über der jugendlichen Brust zusammen. Wahrhaftig, er hatte sich nicht

getäuscht. Draußen auf dem Bürgersteig wurde ein unendlich zerbeulter

steifer Filzhut vor ihm gelüftet. Solch ein ehrwürdiges Stück konnte nur

dem mißvergnügten Erfinder Leiser Bienchen gehören, der Punkt halb

acht, seinem Meister, dem alten Adameit, zum Trotz das Pfefferkuchenhaus

verließ, um in einem schockelnden Trabe dreimal die enge Gasse herauf und

herunter zu laufen.

»Schönen guten Abend, Herr Leutnant,« sagte der knickbeinige Geselle

zu dem Einwohner seines Herrn hinauf und verzog die weit vorstehende

Karpfenschnauze, die ewig beweglich in einem Meer von Runzeln schwamm, zu

einem griesgrämigen Lächeln. »Was hab' ich Ihnen gesagt, was hab'

ich Ihnen schon heut morgen gesagt? Er ist wieder vollständig wild. Ein

Meschuggener, Herr Leutnant, Sie können es mir glauben. Aber einer von

die schlimme Sorte. Besessen. Er wird noch einmal anrichten das größte

Malheur. Heute hat er wieder -- das heißt, das gehört nicht zur

Sache --,« unterbrach sich Leiser Bienchen und bewegte seine verkrümmte

Gestalt in den Hüften hin und her, so daß sein Rockkragen immer

abwechselnd das rechte oder das linke Ohr erreichte; »was ich sagen

wollte, seine Ideen sind gut, aber zu hastig, Herr Leutnant, zu hastig.

Jeden Tag was anderes. Nu, wie gesagt, ich freue mich bloß auf das große

Unglück. Sie werden sehen. Gute Nacht, Herr Leutnant.«

Fritz Harder nickte der schlottrigen Gestalt zu und verfolgte den

Davontrabenden, bis er ihn in der Einbuchtung des Marktplatzes verschwinden

sah. Was er aber nicht wußte, das bestand darin, daß dieser mit Gott

und den Menschen unzufriedene Geselle in den kargen Abendstunden, die ihm

vergönnt waren, sich fast regelmäßig unter eine äußere Nische der

herrlichen Sebalduskirche mitten auf dem Marktplatz drückte, um gespannt

abzuwarten, bis das berühmte Glockenspiel seinen silbernen Gesang

ertönen ließ. Dann neigte der kleine Jude das Haupt, und während er

sein mächtiges Lippenpaar krampfhaft festhielt, damit es sich nicht gegen

seinen Willen kritisch hin und her bewege, da murmelte er fast immer in

einer seltsamen Rührung:

»Großartig, ganz, ganz großartig. Wie er das wohl herausgebracht hat?

Was hab' ich immer gesagt? Dieser Adameit is'n Meschuggener und 'n ganz

gemeiner, gewöhnlicher Filz, der mir abzieht bald 'n Groschen hier und

bald 'n Groschen da. Aber was kann ich dafür? Der Mann ist ein Genie, 'n

ganz großes, unerklärliches Genie, und es ist mein Pech, daß ich ihm

nicht ablernen kann, wie man das wird.« Und dann hob er das Haupt und

schockelte sich verzückt in den Hüften hin und her. »Gott, wie ein

Klang. Man möchte tanzen dazu. Wie schön ist doch diese deutsche Musik!«

Immer grauer kroch die Dämmerung durch die enge Rosenkranzgasse. Schon

traten einzelne Geschäftsleute auf das schmale Trottoir, um die Jalousien

vor ihren Schaufenstern herabzuziehen. In dem kleinen Leutnantszimmer

jedoch merkte man nichts mehr von Dämmerung und Kahlheit. Allgewaltig

herrschte in ihm jener klingende, sorgenlösende Gott, den der kleine

verkümmerte Jude unter seiner Kirchennische so inbrünstig angerufen

hatte. Fritz Harder saß vor seinem Flügel und spielte. Längst hatte er

die vorgezeichneten Bahnen des Musiktextes verlassen, und ohne, daß er

es selbst ahnte, ebneten sich plötzlich helle, weißschimmernde Pfade

vor ihm, die ihn hinaufleiteten auf klare, glashelle Höhen. Je weiter er

aufwärts stieg, desto wunderbarere Prozessionen zogen ihm entgegen. Sie

trugen goldene Kronen, die er sich auf das Haupt setzte, um unter wuchtigen

Klängen den düsteren Schauer der Macht zu spüren. Und hinter seinen

geschlossenen Augen spiegelte es sich deutlich, wie sich die zarten

Luftgebilde ehrfürchtig vor dem armen kleinen Leutnant neigten. Aber das

war noch nicht das Herrlichste, was ihm entgegenquoll. Einsamer und stiller

wurden die verschwiegenen Wege, schwanke, braune Haselnußstauden schlossen

sich über ihm zu einem schattigen Domgang zusammen, und ganz oben auf

der letzten Stufe, da leuchtete wartend und verlangend eine Gestalt von so

üppiger Pracht, daß der Betörte mitten durch seine Melodien dicht über

dem Haupte das betäubende Donnern einer ungeheuren Glocke zu vernehmen

meinte. Aber es waren nur die starken Schläge seines eigenen Herzens, das

die Ströme des Blutes nicht mehr zu bändigen vermochte.

»Marianne,« flüsterte er ermattet, während seine Hände kraftlos von

den Tasten herabsanken.

Da -- um Gott, das war doch nicht möglich, -- da lachte etwas hinter ihm.

Genau mit demselben silbernen, etwas müden Ausdruck, wie er es eben in den

verebbenden Phantasien aufgefangen. Undenkbar! Das war noch nie geschehen.

Ein wahnsinniger Spuk, der ihm deutlich zeigte, wie weit seine kräftige

Natur bereits von allem Wirklichen fortgelockt war. Wozu nachgeben? Weshalb

sich erst umwenden?

Und doch -- dicht neben ihm rauschte es stärker. Ein feiner Resedaduft

schlug auf. Hinter seinem Rücken wähnte der Gebannte etwas Weiches,

Köstliches zu spüren, und dann -- ein züngelnder Blitz -- ein paar warme

Lippen schmiegten sich auf seinen Nacken und blieben dort haften.

Er sprang in die Höhe, daß die Tasten einen wimmernden Laut aussendeten.

Vor seinen Augen schimmerte es. Er konnte das Unwahrscheinliche nicht

fassen.

»Marianne,« stammelte er ungläubig, ohne den Klaviersessel, den er

umkrampft hielt, frei zu geben, »bist du es wirklich? Bei mir?« Und er

schickte einen beschwörenden Blick in die Runde, als ob er die

geblümte Tapete, die abgetretenen Dielen, sowie die jämmerlich mürben

Möbelstücke anflehen wollte, sich für die elegante Dame in dem weißen

Sommerkleid zu einem Fürstensaal zu verwandeln.

Ganz im Gegensatz zu der Befürchtung des jungen Offiziers indessen schien

sich seine Besucherin von diesem Junggesellenheim äußerst angemutet zu

fühlen. Langsam schlug sie ihren blauseidenen Staubmantel auseinander,

beugte das eine Knie auf den einzigen Korblehnstuhl und zeichnete mit

ihrem schlanken weißen Sonnenschirm allerlei Figuren auf den verschossenen

grünen Teppich.

»Also hier wohnst du, Fritz?«

Inzwischen hatte der Überraschte Sprache und Besinnung wiedergefunden. Ein

fernes nagendes Gefühl des Unbehagens zehrte in seiner Brust und ließ

ihn einen hastigen Blick auf die niedrige Tür werfen. Die Idee, daß

jene Schwelle in wenigen Minuten von seinem menageschleppenden Burschen

überschritten werden könnte, sie peinigte seine anerzogene Vornehmheit

und zauste in der aufspringenden Freude herum.

»Liebe, süße Marianne,« begann er befangen, »daß du soviel Mut

besitzt! Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll.«

»Oh,« erwiderte das schöne Geschöpf lächelnd, »ich wüßte es

schon. Du könntest zum Beispiel schnell die Vorhänge vor deinem Fenster

schließen. Das würde dich sicherlich von vielen Befürchtungen befreien,

nicht wahr, Fritzchen?«

Sie sprach es so harmlos und lässig, und ihre schwarzen Augen streiften

dabei so schalkhaft sein Antlitz, daß der Offizier im ersten Moment gar

nicht begriff, warum ihn ihre praktische Anordnung derartig verletzte.

Und nur langsam verstand er sich selbst. Die Sicherheit, mit der sie

hier disponierte, das Vertrautsein mit allerlei abscheulichen kleinen

Kriegslisten, alles das erkältete ihn und ließ ihn verstummen. Schweigend

schritt er zum Fenster und riß den Vorhang zusammen. Dann trat er hinter

ihren Stuhl, den sie noch immer in leise schaukelnder Bewegung hielt. Und

unvermerkt entzündete sich sein Schönheitssinn an der sanften Schwingung,

durch die diese prachtvollen Glieder ihm bald zugebeugt und wieder entfernt

wurden. Ganz sacht und unmerklich. Immer von neuem ein betörendes Haschen

und Entflattern. Die Macht, die sie über ihn ausübte, ohne daß sie viel

sprach oder ihn durch blendende Gedanken zu interessieren vermochte, sie

schlug abermals über dem halb Gewonnenen zusammen.

»Du siehst so ernst aus, mein Liebling,« sagte sie mit ihrer weichen

Stimme, aus der ein geübteres Ohr freilich leicht einen ganz feinen

Unterton des Spottes herausgehört hätte, »hat dich der Dienst wieder so

mitgenommen? Oder bist du mir vielleicht böse, weil ich dir durch meinen

Besuch -- meinen ersten -- Unannehmlichkeiten bereiten könnte?«

Sie lag jetzt mit beiden Knien auf dem knarrenden Korbgeflecht, eng und

warm ihm hingegeben, und er fühlte, wie die feine Seide ihres Handschuhs

seine Wange streichelte. Nur die schwanke Lehne des Sessels türmte eine

unmerkliche Grenzscheide zwischen ihnen.

»Bist du mir böse?« forschte sie noch einmal in einem nachgiebigen Ton,

der ihn durchzitterte.

Fritz Harder strich sich leicht über die Stirn. Noch war das

Entgegenstehende, das ihn gefangen hielt, nicht gänzlich überwunden.

Und dann -- in dieser Minute der Besinnung bestürmte ihn noch einmal

der ehrliche und klare Wunsch, etwas Dauerndes zu schaffen, rechtlich und

vornehm zu handeln, wie es der kleine vierschrötige Oberförster dort

oben in den masurischen Wäldern unbedingt von ihm verlangt und gefordert

hätte.

»Ich fürchte nichts für mich,« gab er deshalb ernster, als er

beabsichtigt, zurück, »mich erschreckt nur der Gedanke, Marianne,

daß dich die klatschsüchtigen Leute hier in der Gasse aus meinem Hause

heraustreten sehen könnten.«

Da versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Wange und wunderbar --

sie lachte belustigt auf.

»Aber du Dummerchen,« beruhigte sie ihn, und wieder wiegte sie sich

leise, »du glaubst doch nicht, daß ich für einen solchen Fall nicht

vorgesorgt hätte? Ja, ich habe meiner Schwester Johanna sogar direkt

mitgeteilt, in welches Haus ich gehe.«

»Was? Das hast du getan?«

»Ja, denk mal, wie schrecklich. Herr Nikolaus Adameit repariert nämlich

meine goldene Armbanduhr, und selbst Johanna hielt es für nützlich,

den alten Sonderling zu einiger Eile zu ermuntern. Meine große Schwester

fürchtet ja immer, es könnte ihr irgend jemand etwas fortnehmen.

Nun?« schmeichelte sie und blickte von unten zu ihm herauf, »sind deine

Beklemmungen jetzt verflogen? Wirst du nun tapferer sein?«

Da enträtselte er zum erstenmal den verborgenen Spott in den Worten des

Mädchens. Eine ferne Geringschätzung, die an seinem unbekümmerten Mut,

an seiner jugendlichen Sorglosigkeit zu zweifeln schien. Das ertrug er

nicht. Und auch diese Augen, die so erwartend und leuchtend schimmerten,

in jenen großen schwarzen Bränden verknisterten all seine Pläne. Immer

kecker lächelte der kleine, sich darbietende Frauenmund. Und da wirbelte

auch schon wieder der Rausch über ihm empor.

Ein einziges, gewaltsames Ansichreißen, ein gedämpfter Laut der

Überraschung, und dann stürzten die Wände mit den geblümten Tapeten,

der geborgte Flügel, der Korbsessel und all das kahle Gerät in der

wütenden Lohe zusammen.

Er fand sich wieder, aufwachend, verwirrt, in einer Situation, die er sich

durchaus nicht zu deuten wußte. Wie in aller Welt hatte Marianne ihm den

Degen von der Seite zu entwenden vermocht und weshalb setzte sie ihm die

Spitze der Waffe auf einen Schritt Entfernung gegen die Brust, als ob sie

sich vor ihm schützen wolle?

»Nun ist es aber wirklich genug, Fritzchen,« hörte er eine überraschend

vernünftige Stimme durch all die Wirrnis hindurchschlagen, »du benimmst

dich immer wieder wie ein kleiner unartiger Junge und hast nicht den

geringsten Begriff davon, wie man mit einer Damentoilette umgeht. Was soll

sich denn Johanna von mir und meiner Konferenz mit Herrn Adameit denken?

Sieh bloß mal an, wie du meinen Staubmantel zerknittert hast!«

Ach ja, der Staubmantel! Ihm gebührte freilich nach dem Wiederkehren

aus dem von Blutrosen und Dornen umsponnenen Eiland die erste Rücksicht.

Dieser verfluchte, stumpfsinnige, lächerliche Mantel! Im Moment haßte der

sich Zurückfindende das elegante Kleidungsstück, dessen knisternde Seide

er eben noch mit kosenden Fingern gestreichelt. Immer deutlicher nahmen

seine schmerzenden Augen wahr, wie störend sich die Erscheinung des

berückenden Geschöpfes darbot, als Marianne jetzt den Degen achtlos auf

das Sofa warf, um sich darauf vor dem kleinen goldgerahmten Wandspiegel

den dunklen Rosenhut sorgfältig auf ihren Flechten zu befestigen. Erstaunt

blickte er auf die ihm abgewandte Gestalt hinüber. Und doch, wie zart sich

die krausen feinen Härchen von dem matt getönten Nacken abhoben! Herr

des Himmels -- ein leiser Seufzer entfuhr ihm -- nein, das ertrug er nicht

länger. All die widersprechenden Empfindungen, all das Unvereinbare

von Anbetung und scheuem furchtsamen Tasten nach der innersten Seele der

Geliebten, es umgab ihn mit einem dichten betäubenden Nebel, aus dem er

sich unbedingt ins Freie retten mußte. Selbst seine Glieder schmerzten,

als würde sein sich bäumender Körper tatsächlich durch feine mutwillige

Hände von Bergesspitzen in Abgründe geschleudert. Und alles aus Neckerei.

Aus Lust an Aufregung und Spiel. Darunter nahm sein Mannestum Schaden.

Eine dumpfe Hörigkeit umschnürte seinen freien Willen, die ihm in den

Augenblicken der Selbsterkenntnis unwürdig und unerträglich dünkte.

Plötzlich reckte er sich. Er war ganz der klare Soldat, dem von allen

seinen Untergebenen ein unbedingtes Vertrauen entgegengebracht wurde.

»Marianne,« sagte er unvermittelt klar und bestimmt, »ich habe mit dir

zu reden.«

Die junge Dame am Spiegel ließ die vollen Arme, die den Schäferhut in

eine anmutig schräge Lage zu bringen trachteten, nicht sinken, sie kehrte

sich auch nicht zu ihm, sondern, während ihre frischen Lippen die lange

Hutnadel in der Schwebe hielten, da suchten ihre Augen verwundert sein Bild

in der blanken Spiegelscheibe auf.

»Du mußt mir einen Augenblick Gehör schenken, Marianne,« drängte der

Offizier weiter und tat einen Schritt gegen sie.

»Schon wieder?« murmelte Marianne hinter der blitzenden Nadel undeutlich

hervor. »Fritzchen, daß du ein solches Vergnügen an derartigen

Auseinandersetzungen empfindest. Also was willst du denn, Liebling? Aber

recht rasch, bitte, nicht wahr? Denn sieh mal, von der Sebalduskirche

schlägt es schon halb acht. Johanna hat gewiß bereits wieder ihr

strengstes Gesicht aufgesetzt.«

Noch hatte sie nicht geendet, als sie betroffen ihre schwarzen Augen bis

zu der kleinen Eingangstür irren ließ, um dann plötzlich aufgescheucht

ihren blauen Mantel ungestüm über sich zusammenzuziehen. Von der Treppe

her drangen schwere, knarrende Tritte herauf. Verstört flüchtete das

schöne Mädchen bis dicht an die Seite ihres verstummten Gefährten.

»Um Gott, Fritz, du erhältst doch nicht etwa Besuch? -- Dein Bursche? --

Aber das ist doch sehr unrecht von dir! -- Wo soll ich denn jetzt hin?«

Erregte Worte fuhren zwischen den Beiden hin und her, dann ein hastiges

Aufraffen des weißen Sonnenschirms, ein Huschen und Flattern, und der

eintretende Reddemann bemerkte mit Erstaunen, wie sein junger Herr in

offenbarer Verwirrung abgewandt vor der Tür des Alkovens verweilte, wo

er im Grunde nichts zu suchen hatte. Auch für die leckere Zubereitung

der Menagengerichte, die noch in ihren Schüsseln dampften, schien sein

Gebieter heute keinen rechten Sinn zu besitzen. Unwirscher als sonst trieb

der Offizier, der merkwürdigerweise seinen Platz vor dem Nebenzimmer nicht

aufgab, zur Eile.

»Ja, die Serviette muß ich doch wenigstens in den Ring schieben,«

verteidigte sich der Ostpreuße verständnislos, obwohl auch er anfing

aufmerksam nach der niedrigen Verbindungstür zu schielen, »und dann

Messer und Gabel, Herr Leutnant.«

»Schon gut, schon gut, es ist alles sehr schön, -- nur rasch!«

»Zu Befehl, darf ich nun noch das Bett aufschlagen?«

Aber merkwürdig, wie unberechenbar diese Vorgesetzten manchmal werden

konnten. Der noble Herr, der ihn fast niemals fühlen ließ, daß er

zur persönlichen Dienstleistung des Offiziers kommandiert war, er bekam

unvermutet drei schwere Falten über der Nasenwurzel, und während er

nervös nach der leeren Degenscheide griff, schrie er den treu Sorgenden

zum erstenmal rücksichtslos an.

»Zum Donnerwetter, ich habe genug von dem langweiligen Geplapper. Mach,

daß du fortkommst!«

Jedoch Reddemann blieb begriffsstutzig.

»Was, Herr Leutnant, ohne Bett?« stammelte er.

Und erst als sein Herr die Degenscheide auf den Erdboden stieß, daß alles

klirrte und bebte, da schlug der Bursche blutrot die Hacken zusammen und

stürzte wie behext die enge Treppe herunter.

»Da stimmt etwas nicht,« glitt es dem pfiffigen Patron durch den

Schädel, »so fein hat es bei uns noch nie gerochen. Donnerwetter ja, die

Vornehmen haben doch alles vom Besten.«

In dem Zimmer blieb es noch eine kleine Weile still. Erst als der dumpfe

Schlag der Haustür verkündet hatte, daß jede Gefahr der Mitwisserschaft

beseitigt, da raffte sich Fritz Harder zusammen, um mit einem raschen

Entschluß seinen Besuch aus der seltsamen Einkerkerung zu befreien. Und

wie heftig ihm auch das Herz schlug wegen der unwürdigen Rolle, zu der sie

beide durch diese Heimlichkeit verurteilt waren, -- das Bild, das sich ihm

hinter der kleinen Tapetentür darbot, schimmerte in solch bestrickendem

Reiz, daß all die Vorwürfe, die er gegen sich und die Geliebte im stillen

erhob, vor ihm versanken. Da stand Marianne dicht an der Schwelle, das

Haupt mit dem breitrandigen Rosenhut lauschend vorgebeugt, und die Wangen

von Neugierde und Unruhe dunkel überflammt. Die Dämmerung des Alkovens

umgab die matt beleuchtete, weiße Gestalt gleich einem schweren

Ebenholzrahmen. Aufatmend und mit jener Lässigkeit, die den jungen

Offizier schon so häufig betört hatte, trat sie in das helle Wohnzimmer

und knöpfte sich eifriger als sonst die langen weißen Seidenhandschuhe

zu. Offenbar wurde das Mädchen nur von der einen Sucht beherrscht, ihren

Aufbruch so schnell und so unbemerkt als möglich zu vollziehen.

»Adieu, Fritzchen,« schnitt sie ihm bereits das erste Wort ab, denn sie

fühlte mit Unbehagen, wie ihr aus den Augen des Gefährten schon wieder

allerlei unbequeme Fragen entgegendrohten, »adieu, mein Liebling. --

Nein, nein, um Gottes willen, rühre mich nicht an, solche ungeschickten

Männerhände sind ja sofort wahrnehmbar. Und Johanna ist der

mißtrauischste Polizist, den du dir denken kannst. Nein, ganz still, ganz

artig« -- und sie preßte ihm rasch die Rechte auf die Lippen, die sich

schon zum Widerspruch oder zu einem Vorwurf geöffnet hatten. »Aber

wenn du recht folgsam bist, komme ich vielleicht einmal auf ein

Viertelstündchen wieder. Adieu, Fritzchen, adieu!«

Geschickt schmiegte sie sich durch den schmalen Türritz hindurch, allein

jenseits der Schwelle wandte sie sich und warf noch einmal einen lachenden

Blick zurück. Das Geschirr auf dem Tisch schien ihre Aufmerksamkeit zu

fesseln.

»Wie drollig sich deine Wirtschaft ausnimmt,« flüsterte sie hinein, hob

jedoch sogleich den Finger warnend gegen den Mund, damit er sie nicht durch

eine laute Antwort verriete, »wie schade, daß du mich nicht bewirten

konntest! Warum kommt dir eigentlich niemals solch ein hübscher Einfall?

Überhaupt, du verdienst die große Bevorzugung und auch die Gefahr nicht,

der ich mich deinetwegen aussetze. Sst, -- ganz still, Fritzchen, hier hast

du noch eine Kußhand, so -- und nun schlaf wohl, mein Schatz.«

* * * * *

Fritz Harder hatte seine karge Mahlzeit kaum berührt. Ruhelos schritt er

in der engen Stube auf und nieder, und seine verzogene Stirn deutete

darauf hin, wie sehr er sich bemühte, der widerstrebenden Gedanken Herr

zu werden. Zweimal schon hatte er sich an den Flügel gesetzt, allein

unter seinen geübten Händen waren nur ein paar mißtönende Dissonanzen

aufgeschrillt. Und durch einen heftigen Schlag auf die Tasten wurde das

regellose Spiel beendigt.

Nein, das ging nicht. Er mußte sich sammeln und Klarheit gewinnen.

Ungeduldig riß er die Schublade des roten Fichtentischchens auf und warf

ein blaues Heft auf die Platte. Dies war seine Arbeit, von der er sich

einmal Erfolg versprochen. Jetzt blieben seine Augen wirr auf einer sauber

gezeichneten Terrainkarte haften, und er versuchte sich zu besinnen,

warum er mit roter und grüner Tinte verschiedene sich kreuzende Linien

hineingemalt hatte.

Alles vergeblich. Der bohrende Gram, die innere Unzufriedenheit mit

sich selbst, sie warfen sein Auffassungsvermögen um, sie schlugen den

stärkeren Menschen in ihm nieder.

Nein, es war genug. Törichter Hochmut, sich für besser zu halten und

würdiger als seine Kameraden sich gaben. Und dann -- er lachte bitter

auf, bedeckte sich mit der blauen Mütze, und nach ein paar Minuten schon

klirrte sein metallener Säbel über das Trottoir der menschenleeren

Rosenkranzgasse.

»Ah, Fritz Harder,« rief der lange Janick, als sein Freund das

Spielzimmer des Kasinos betrat; und damit erhob sich der Oberleutnant,

lebhaft winkend, von seinem Sitz, »kommen Sie, Beethoven, hier ist eine

große Neuigkeit eingetroffen. Schieberamsch mit Pauken und Trommeln.

Das müssen Sie lernen, Fritzchen, setzen Sie sich neben mich, so etwas

Anregendes haben wir schon lange nicht erlebt. Prost, Musikante -- prost.«

* * * * *

Dunkelheit senkte sich bereits über die Stadt. Aus dem Portal des

Goldenen Bechers trat, dicht in einen schwarzen Hängemantel gehüllt, der

bewegliche Kammerdiener des Konsuls Bark heraus, in der Hand ein ziemlich

umfangreiches Briefkuvert, das er im Auftrage seines Herrn dem Leutnant

Fritz Harder in sein Quartier überbringen sollte. Der weiße Umschlag

leuchtete durch die Nacht, als Pawlowitsch achtlos schlenkernd über den

Marktplatz schritt. Noch war der Diener nicht weit gekommen, als seinen

auch jetzt rastlos umherspähenden Äuglein die Umrisse eines Jagdwagens

auffielen, der, mit drei winzigen Pferdchen bespannt, dicht vor der

Einfahrt des zweiten großen Gasthofes der Stadt »Zum russischen

Großfürsten« wartete. Interessiert und auf unhörbaren Sohlen tänzelte

Pawlowitsch näher. Aus der Dunkelheit tauchten zwei Gestalten auf, die

sich augenscheinlich an dem Hinterrad des Gefährts zu schaffen machten.

Ein paar derbe Flüche in russischer Sprache wurden laut, und der

Kammerdiener erkannte sofort das dröhnende Organ des Grenzoffiziers, der

vor ein paar Stunden seinem Herrn die Ehre seines Besuches geschenkt hatte.

»Dummes Vieh,« hörte der regungslos Verharrende den Rittmeister Sassin

auf seinen Rosselenker einschimpfen, »hab' ich dir nicht zehnmal gesagt,

daß das Rad quietscht wie eine kranke Katze? Du Hundesohn hast wieder

verschlafen, Fett auf die Achse zu schmieren. Ich schneide dir noch einmal

in Wahrheit beide Ohren ab. Gleich holst du dir von diesen Deutschen etwas

von dem Zeug heraus. Hast du verstanden?«

Der zusammengekrümmte Kutscher zog seine hohe Schirmmütze. »Jawohl,

guter Herr,« murmelte er demütig und verschränkte seine Arme über der

Brust. »Euer Gnaden, ich gehorche.«

»Zum Teufel, dann mach, daß du fortkommst! Und wenn du fertig bist, dann

holst du mich dort drüben aus der Konditorei ab. Hast du begriffen?«

»Ich gehorche, Euer Gnaden.«

Der Kutscher trottete in die Einfahrt zurück, und der Rittmeister

schlenderte säbelklirrend über das rauhe Pflaster, bis er plötzlich vor

der schweigenden Gestalt des Lauschers zurückschreckte.

»Was ist?« rief er drohend.

»Oh nichts, Euer Gnaden,« erwiderte Pawlowitsch sich tief verbeugend,

»ich bin es nur, der Diener des Herrn Konsul Bark.«

»Aha -- aha -- Diener -- Diener von ausgezeichnetem Freund Rudolf Bark,«

lenkte der Russe ganz widerspruchsvoll ein, und dabei versetzte er dem

zierlichen Männchen einen wohlwollenden Faustschlag auf die Schulter, so

daß der Überraschte, der eine solche Gunstbezeugung wohl kaum erwartet

haben mochte, ein wenig vornüber taumelte.

»Heilige Mutter!« stöhnte der Getroffene leise.

Der Russe jedoch ließ von seiner Zärtlichkeit nicht ab, ja, er beugte

seine mächtige Gestalt sogar noch etwas tiefer zu dem Unentschlossenen

herab, als sei es für ihn überaus interessant zu konstatieren, was für

einen weißen Zettel der Diener des ausgezeichneten Rudolf Bark in den

Händen trüge.

»Pawlowitsch, guter Junge,« rief er wohlgelaunt, und dabei zupfte er nach

russischer Sitte dem weißhaarigen Kerlchen sanft an dem Ohrlappen herum,

»bist fleißigstes Geschöpf, das ich kenne in dieser fleißigen Stadt!

=Toujours en vedette=, früh und spät. Weißt du auch, daß ich dich

deinem Herrn schon längst ausmieten wollte? Sieh einmal, du trägst Brief,

Pawlowitsch!«

»Oh,« erwiderte der Hausmeister, der einen Augenblick zögerte, bis er

dann doch die Aufschrift des Kuverts nach oben kehrte, »an den Leutnant

Fritz Harder«.

»Leutnant Fritz Harder,« wiederholte der Dragoner in beglücktem Ton,

»ach, sieh einmal, wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile

des Nachdenkens, während deren sich der Russe rasch den blonden

Kinnbart strich, setzte er hinzu: »Mir ist, als ob junger Herr bei der

Festungskommandantur beschäftigt wäre?«

»Ja,« pflichtete Pawlowitsch immer langsamer bei, indem er den Brief

vorsichtig unter dem herabwallenden Hängemantel vergrub, »der Herr

Leutnant ist seit kurzem dazu kommandiert.«

»Nun, will nicht aufhalten,« sagte der Russe freundlich, »besorge

Auftrag, Pawlowitsch. Aber warte, -- sollte ich heute nicht vergessen

haben, dir dein gewohntes Trinkgeld zu überreichen?«

Jetzt schüttelte der Diener heftig abwehrend das Haupt, allein er

konnte es doch nicht verhindern, daß seine schwarzen Äuglein trotz der

Dunkelheit einen höheren Glanz gewannen.

»Nein, nein, Euer Gnaden, ich habe nichts zu beanspruchen. Der Herr

Rittmeister haben ja nichts bei uns genossen.«

Der Russe jedoch streckte wiederum seine Faust nach dem Ohrläppchen des

nicht mehr Zurückweichenden aus.

»Kleiner Galgenvogel,« meinte er gutmütig, »hast du vergessen, daß ich

euch beinahe eine ganze Flasche von wunderschönen klaren und lieblichen

Rheinwein austrank? Ein schöner Wein, ein seltener Wein! Wir Russen

sind dankbar, wir erinnern uns stets der treuen und braven Diener.

Hier, Pawlowitsch, nimm. Macht mir Freude, wenn du an Rittmeister Sassin

denkst.«

War es Ernst oder bestand alles in einem Irrtum? Gott im hohen Himmel, da

hielt der Mann im Radmantel ein blankes Zwanzigmarkstück in der Hand; der

über dem Markt heraufkommende Mond weckte Funken in dem roten Metall, und

es war ein so einzig schönes Bild, daß Pawlowitsch seine langen Finger

krampfhaft schloß, als gönne er es anderen nicht, sich an dieser

wärmenden Augenweide zu ergötzen. Und doch krümmte sich seine Seele und

wand sich ängstlich hin und her, denn die Güte des Rittmeisters erschien

dem kundigen Mann verdächtig, und ein quälender Zweifel beschlich ihn, ob

jenes Gold nicht vielleicht dazu bestimmt wäre, um die besseren

Mahnungen seines Herzens zu übertönen. Man hatte so viel von den rauhen

Grenznachbarn gehört, sie waren so lüstern nach diesen oder jenen

gleichgültigen Dingen, die den Uneingeweihten gänzlich nebensächlich

erschienen, und die dann doch plötzlich eine besondere Geltung gewinnen

konnten. Und dann -- die Versucher von dort drüben sollten sich im

Besitz von ungeheuerlichen Schätzen befinden, die sie wahllos und

verschwenderisch über die ihnen Ergebenen und Willfährigen ausstreuten.

Hatte sich Pawlowitsch, der Listige und Verschlagene, nicht schon oft

heimliche Gedanken darüber gemacht, wie hübsch es wäre, wenn man die

groben ungeschlachten Kerle von jenseits der Grenze ein wenig necken

würde? Natürlich nur ein bißchen aufziehen, um sie hinters Licht zu

führen, denn man wußte ja eigentlich gar nichts, was die neugierige

Gesellschaft wirklich interessieren könnte. Aber als der Hausmeister jetzt

das kalte Goldstück mit seinen langen Spinnenfingern umschloß, da gab es

ihm doch einen brennenden Stich durch alle Adern hindurch, und einen

Moment schlugen Angst und Feigheit so stark in ihm empor, daß er fast ohne

Überlegung die Hand ausstreckte, um das liebe, das schöne, das reiche

Geschenk wieder von sich zu schleudern.

»Da -- da -- Panne Rittmeister --«

»Was willst du, mein lieber Junge?«

»Ich -- ich« -- das Kerlchen im Radmantel erwachte -- »ich wollte Ihnen

bloß herzlich danken, Herr Rittmeister,« sagte er schmerzlich.

Der Russe jedoch versetzte ihm einen freundschaftlichen Puff vor die Brust,

so daß dem ohnehin Bedrückten einen Moment lang die Luft fortblieb.

»Schon gut, Pawlowitsch,« hörte er die dröhnende Stimme dicht vor

seinem Ohr, »das ist nur Kleinigkeit. Du gefällst mir, du gefällst mir

wirklich. Und dann -- wir sind ja auch halbe Landsleute. Wer weiß, was ich

noch alles für dich tun kann? Und nun geh und richte deinen Auftrag aus,

bei lieben Leutnant Fritz Harder. Wo wohnt er doch noch?«

»Er wohnt Rosenkranzgasse 19,« schlich dem Diener die Stimme mühsam

aus der Kehle. Und sich windschief verbeugend, schlug der Davoneilende

ein Kreuz unter dem langen Mantel, indem er noch erstickt hinterher zu

flüstern versuchte: »Jesus, Maria und Joseph, legt Fürbitte ein!«

Als Pawlowitsch dies herausstöhnte, schlug es von der Sebalduskirche die

zehnte Stunde. Das Glockenspiel des Meisters Adameit begann wieder seine

glasklaren Melodien zu spielen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.«

Da trat Pawlowitsch der Schweiß auf die Stirn. Fester und gieriger preßte

er die Goldmünze in seiner Hand zusammen, als müsse er sich durchaus an

etwas Irdisches klammern, und doch bröckelte es von seinen Lippen noch

einmal wie vorhin, nur schaudernd und abwehrend:

»Jesus, Maria und Joseph, wie leicht kann man das Geld auf dieser Erde

verdienen. Wie leicht -- legt Fürbitte ein!«

Die Herrin und ihr Knecht · 第 4 / 21 题