I.

Das Landhaus der Grothes wurde wieder geweißt. Aber der Blutfleck neben

dem Fenster, das auf den Hof heraus ging, blieb erhalten. Die Maurer hatten

ihn auf strenge Anordnung hin verschonen müssen. Und wenn Johanna Grothe

mit ihren Knechten hier vorüberwandelte, dann verzog sich ihr herrischer

Mund noch stolzer und selbstbewußter, und ihre hohe Gestalt reckte sich

auf, daß ihr Marmorhaupt, wie es Konsul Bark immer genannt hatte, hoch

über die geduckten ostpreußischen Landleute herausragte. Das begab sich

am Tage. Wenn sie jedoch gegen Abend zurückkehrte, um ihren Sitz auf der

Gartenbank hart an der Wiese einzunehmen, dicht an der Stelle, wo unter den

hochaufgeschossenen Eichenbäumen die Hermen der drei römischen Cäsaren

zerbröckelten, dann warf die Vorüberschreitende manchmal einen langen

prüfenden Blick auf das rote Mal, und ihre feste, schmale Hand führte

eine Bewegung aus, als ob ein strenger und geordneter Mensch etwas

Unwillkommenes, Unerhörtes auszustreichen gedachte. Aus der Dorfkirche

von Maritzken läutete dann von dem niedrigen Holzturme das singende

Glöckchen, das auch damals in die Fieberträume der Grotheschen Ältesten

hinein gewimmert hatte. Und der Wind fächelte über das hart getretene

Viereck in dem Kleeacker, das eigentlich ein Grab vorstellte.

Ja, die Nacht mit ihren Schrecken war vorübergerast, und der Morgen wollte

für die Heimat und die deutsche Menschheit tagen. Und ebenso, wie Johanna

Grothe, so stand ihr ganzes Volk vor der weißen Mauer, die wieder frisch

getüncht war, und sah auf das helle Blutmal, das in der Sonne funkelte.

Ohne Haß, ohne Rachsucht, nur in dem Bewußtsein, daß die Erinnerung

daran nicht wieder fortgelöscht werden könnte, und daß jeder alle

Kräfte daransetzen müsse, die Mauern des großen Hauses bis auf den einen

Fleck weiß und sauber zu erhalten.

* * * * *

Jedem Beschauer bot es einen hellen, einen erfreulichen Anblick, als der

leichte, gelbe Jagdwagen, von den beiden wiehernden und schnaubenden Rappen

gezogen, in die ersten Straßen der Provinzialhauptstadt einbog. Grüne und

blaue Frauenschleier wehten in dem frischen Wind hinter dem Gefährt her,

unter den flatternden grauen Staubmänteln blitzten vorüberhuschend weiße

und rosa Sommerkleider auf, und zuweilen wurde das Rasseln der Räder durch

ein plötzlich auffahrendes Mädchenlachen übertönt, das sich ungeniert

und im vollen Genuß des Augenblicks äußerte. Dann streckte mancher

kleine Handwerksmeister den Kopf aus seinem Laden heraus, oder in den

schrägen Spionenspiegeln, die an die schmalen Fenster der Wohnstuben

angeschraubt waren, tauchte das zitternde Konterfei einer nähenden

Bürgersfrau auf, die nach einem Blick auf das strahlende Gefährt

befriedigt feststellte:

»Aha, die drei Grothe-Marjellen sind wieder da. Hellwig, du bleibst zu

Hause, die Älteste kauft nachher ein.«

Und nach einer Weile des Herauslugens setzte dann wohl die dicke

Vorkosthändlerin in angenehmer Gewißheit hinzu:

»Natürlich, die Grotheschen stellen im Deutschen Hause ein. Da hat es

dann Konsul Bark nicht weit. Merkwürdig, sie sollten doch einmal Ernst

machen. Aber bei dieser Art Leuten ist das Herumziehen die Hauptsache.

Freilich, mich geht's nichts an, ich bin ja nicht die Mutter.«

Und unten aus dem tiefen Kellerloch dröhnte eine verquollene Stimme zur

Antwort herauf:

»Meines Wissens nicht, Mamachen. Und wehe dir, wenn du nachher Andeutungen

machst.«

»I wo,« wehrte sich die Dicke und wischte an den Fensterscheiben, damit

sie dem prächtigen Wagen noch etwas länger folgen könnte. »Ich kümmere

mich nicht um die Angelegenheiten fremder Leute. Bloß der Umstand, daß

Konsul Bark, dieser feine Herr, auch mit anderen --«

In diesem Moment jedoch wurde die Klapptür des Kellers mit solcher Wucht

in ihre Einfassung geschleudert, daß das Häuschen einen Sprung machte und

jedes vernünftige Gespräch verstummen mußte.

Das war sehr unrecht, man hätte noch allerlei erfahren.

Unter der Einfahrt des Deutschen Hauses stand Johanna Grothe -- »Hans«,

wie sie sowohl von ihren Schwestern als auch von Freunden genannt wurde

-- vor dem gelben Jagdwagen, den die Mädchenschar soeben verlassen, und

während sich die anderen jungen Damen die Staubmäntel schüttelten und

die Toiletten ein wenig in Ordnung brachten, gab die Älteste dem noch auf

dem Bock sitzenden halbwüchsigen Kutscherjungen ihre letzten Befehle.

Sie sprach sehr nachdrücklich mit ihrer festen, ruhigen Stimme, denn

der Bursche da oben war nur schwer seiner polnischen Schläfrigkeit zu

entreißen, und er sah auch jetzt aus blöden Augen apathisch einer Rotte

von Fliegen zu, die den Rücken seiner Tiere peinigte.

»Stasch, du spannst hier aus.«

Der Junge rührte sich nicht, sondern schüttelte nur ein wenig verwundert

das Haupt, weil sich immer mehr Bremsen einfanden. Die Tiere schlugen

hinten aus.

»Ausspannen, Panna?« murmelte er geistesabwesend.

»Ausspannen,« rief Hans böse hinauf, und dabei versetzte sie dem

Rosselenker einen Ruck gegen den Arm, daß der Junge beinahe sein

Gleichgewicht verloren hätte.

»Oh Jesus, Panna,« stöhnte er.

»Und dann soll hier gefuttert werden,« bestimmte die hochgewachsene

Blonde weiter.

»Gefuttert?« murmelte Stasch in sich hinein, wobei er beinahe Miene

machte, von neuem in seinen slawischen Schlaf zu versinken.

Die beiden anderen Schwestern lächelten ein bißchen und warfen sich

verständnisinnige Blicke zu. Es lag etwas Überlegenes in dieser

verhaltenen Heiterkeit, und es schien fast, als ob die Jüngeren einen

heimlichen Bund miteinander geschlossen hätten. Die Große jedoch hatte

jetzt völlig ihre Geduld verloren. Hochauf reckte sich die kräftige

Gestalt, die Hüften spannten sich, als ob es einen Gewaltstreich

auszuführen gelte, und im nächsten Augenblick bereits schoß der

weißblonde Pole, einem Zug der in feinem Glacéleder steckenden Frauenhand

folgend, vom Bock. Jetzt schrien die beiden anderen Mädchen auf. Der

rasche Angriff, sowie das Herbeieilen einiger fremder Menschen empörte

sie. Die Herrin von Maritzken aber wandte sich nach ihnen um, und in diesem

Augenblick zeigte ihr Antlitz wieder jene Marmorblässe, die Konsul Bark,

als ein gewählter Frauenkenner, überall so hervorhob.

»Ihr geht in das Gastzimmer,« herrschte die Älteste die Schwestern an,

als gäbe es gegen ihren Entscheid keinerlei Widerspruch. »Ich habe es

nicht gern, wenn wir hier so in Massen auftreten. Und diesem Bengel möchte

ich das Gespann doch nicht unbeaufsichtigt überlassen. Nun dalli, Ihr

erwartet mich drin. Ich möchte nachher noch einen Gang machen.«

»Einen Gang?« fragte die brünette Marianne, die zwar erheblich jünger

war wie ihre befehlshaberische Schwester, ihr aber dennoch im Alter am

nächsten kam. »Einen Gang?« forschte sie mit der matten Lässigkeit

ihrer Bewegungen, in denen so viel gefährlicher Reiz wirken konnte, »du

willst dich gewiß mit Konsul Bark treffen, nicht wahr, Hans?«

Die Große verzog ein wenig die Stirn, denn das vertrauliche Lächeln

des Einverständnisses, das die Jüngeren wieder untereinander tauschten,

gefiel ihr nicht. Laut aber ließ sie nur mit ihrer dunklen Stimme fallen:

»Ich treffe mich nicht mit ihm, sondern ich suche ihn in seinem Geschäft

auf.«

»Ah,« echoten die anderen.

Und der Rotkopf von ihnen, Isa, ein siebzehnjähriges geschmeidiges

Kätzchen, das der mütterlichen Schwester soviel Schwierigkeiten bei der

Erziehung bereitete, sie raschelte auffällig mit ihrem rosa Kleid, verzog

den Mund und kniff spitzbübisch die großen braunen Augen zu. Die dunkle

Marianne aber legte ihren vollen Arm um die schlanke Hüfte der Kleinen und

sagte in ihrer müden Art, die gerade wegen ihrer Leidenschaftslosigkeit

häufig so sehr zum Zorn zu reizen vermochte:

»Dann wirst du wohl auch nichts dagegen haben, liebster Hans, wenn ich

mich drüben in der Konditorei von Klinkowström auf ein paar Minuten

mit Fritz Harder treffe. Ich habe es ihm versprochen, denn er ist heute

nachmittag dienstfrei.«

Damit faßten sich die beiden jüngeren Grothe-Marjellen entschlossen unter

den Arm und schritten langsam und furchtlos dem Ausgang zu. Allein sie

gelangten nur bis zu dem kurzen runden Prellstein, vor dem ihr hochragender

Wächter sich aufgepflanzt hatte. Es fiel eigentlich kein lautes Wort, kein

Verbot wurde ausgesprochen und keine hastige Entgegnung vernommen, und doch

-- die langjährige Gewohnheit des Sichfügens, wenn es auch ungern

und widerwillig geschah, die Furcht vor der zufahrenden Härte und dem

aufflammenden Zorn der Großen erstickte all die leichten, flatterhaften

Mädchenwünsche im Keim. Ohne daß die Jüngeren recht begriffen, wie es

so schnell geschah, hielten sie allerlei Decken und Schirme in den Händen,

die ihnen von der großen Blonden energisch übergeben waren, und wie von

selbst traten sie mürrisch und bezwungen den Rückzug durch die dunkle

Einfahrt an, um noch auf den drei ausgetretenen Steinstufen, die zu dem

inneren Flur hinaufleiteten, aufzufangen, wie die ältere Schwester laut

und unbekümmert hinter Marianne herrief:

»Es paßt sich nicht, daß du dich jetzt schon mit dem jungen Offizier

triffst, so weit halten wir noch nicht. Aber wenn ich zurückkomme,

dann werden wir mehr wissen. Und nun benehmt euch dort drinnen nicht zu

ausgelassen.«

»Ja, ja, wir werden uns Mühe geben,« erwiderte die dunkelhaarige

Marianne achselzuckend; und dann verschwanden die Grothe-Fräulein hinter

der Glastür des Gasthauses, ohne der Ältesten noch einen besonderen Gruß

gegönnt zu haben.

Johanna aber wartete ruhig ab, bis der halbwüchsige Kutscher die beiden

Rappen ausgespannt und in den Stall geführt hatte. Und erst, nachdem sie

noch angeordnet, welche Zehrung der Junge zu sich nehmen solle und aus

welchen Geschäften Pakete eintreffen würden, da schritt sie endlich mit

ihrem festen, sicheren Gang quer über den Marktplatz herüber. Das

edle griechische Haupt mit den harten, blauen Augen trug sie wieder hoch

aufgerichtet, und unter dem dünnen Schleier leuchtete die weiße Haut, als

ob wirklich ein altes Götterbild auf den Einfall geraten wäre, hier

auf dem ostpreußischen, schlecht gepflasterten Marktplatz majestätisch

dahinzuwandeln. So stolz und selbstsicher mutete das Bild an, daß selbst

ein paar schlanke Gymnasiasten, die auf dem Platz eine wichtige Besprechung

abhielten, hochachtungsvoll an ihren hellblauen Mützen rückten, um

untereinander zu tuscheln:

»Das ist die Älteste von Maritzken, ein feines Weib! Kuck, sie geht

in den Goldenen Becher zu Konsul Bark. Donnerwetter, wenn man doch

auch -- --«

Und dann kam die Hochgewachsene ganz nahe, und die Jungen dienerten und

schwenkten ihre Kappen.

* * * * *

In dem großen Gewölbe des Goldenen Bechers brannten bereits die

Gasflammen. Sie verlöschten niemals unter den gotischen Bogen. Denn

obwohl über der alten Stadt das Leuchten und Schimmern eines wolkenlosen

Sommertages lag, hier drinnen in den niedrigen Gewölben der ehemaligen

Probstei herrschte eine beständige kühle Dämmerung. In dem Raum selbst

aber schwirrte und summte und knirschte es durcheinander. Achtzehn junge

Leute, alle mit sauberen grünen Schürzen angetan, bedienten die sich

drängenden Kunden, und alle Augenblicke sah man das schneeige Weiß des

aufgeschütteten Salzes blitzen, graue Staubwolken von Mehl schwebten

dahin, der Zucker knirschte, stark gebrannter Kaffee verbreitete seinen

aromatischen Duft, aber auch Weinflaschen verließen ihr stauberfülltes

Lager und ganze Berge von blechernen Konservenbüchsen verschwanden in

den mächtigen Körben der Einholenden. Auf der anderen Seite des

hochgewölbten Torweges, dicht vor den tief zurückliegenden dunklen

Fensterscheiben, die mit dicken Eisenstäben so eng vergittert waren,

als ob es sich um Gefangenenzellen handele, da hielten auf dem Marktplatz

eisenklirrende Rollwagen, über deren herabgelassene Leiterbäume blaue

Petroleumfässer heruntergewälzt wurden. Daneben standen gewaltige

Plangefährte. Unausgesetzt trugen riesige Männer mit Lederschürzen

viereckige, mit Sackleinwand und Eisenblech verschnürte Ballen heraus. Ein

feiner Teegeruch verbreitete sich, als Johanna Grothe dort vorüberschritt.

Und an den kleinen, buntgeschirrten Pferdchen mit den gewaltigen

Messingkummeten um den Hals erkannte ihr geübter Blick, wie diese Wagen

erst vor kurzem von der nahen russischen Grenze angelangt seien. Denn

Konsul Bark war der größte Teeimporteur dieser östlichen Provinz, und

die kleinen roten Päckchen mit dem goldenen Becher als Aufdruck galten

durch das ganze Reich als eine Delikatesse.

Durch den Schwarm der unbekümmert weiterschaffenden Lederschürzen

hindurch trat Johanna Grothe durch den grob gepflasterten Flur, bis sie

an der rechten Rundwand ein paar ausgetretene grüne Marmorstufen erreicht

hatte. Auf der obersten zogen sich altersverwitterte Bronzebuchstaben

hin, die durch ihren griechischen Text die stolze Angabe des Hausherrn

bekräftigten, daß diese Steine aus einem alten moskowitischen Kloster

einstmals von der siegreichen Hanse dem residierenden Probst der

Handelsstadt zum Geschenk gemacht worden seien. Vor grauen Zeiten leiteten

jene Quadern auch wirklich in das Refektorium der Probstei. Heute

jedoch hatte der Konsul sein Privatkontor hier aufgeschlagen; es war ein

gewaltiger Raum, von schweren flämischen Möbeln umstellt, während die

weißen, splitternden Dielen von einem einzigen orientalischen Teppich in

dunkelbrauner Grundfärbung überspannt waren. Einen seltsamen Eindruck

rief es auf alle hervor, die zuerst hier eintraten, sobald aus den

eingebuchteten Mauerwölbungen immer noch die bunten Mosaikgebilde der

Evangelisten in verdämmerten Farben herausleuchteten. Einen förmlichen

Schrecken aber verursachte es dem Unvorbereiteten, wenn hinter dem

umfangreichen Schreibtisch des Großkaufmanns, nur von dem elektrischen

Licht der grünbeschirmten Arbeitslampe getroffen, die überlebensgroße,

riesenhafte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus mit blauem Mantel und

goldenem Heiligenschein auftauchte, genau so, wie sie einstmals an dieser

Stelle das Ziel für die Verehrung unzähliger Frommer gebildet hatte. Die

Holzstatue aber ragte auf ihrem Marmorquader auf, als wolle sie gegen die

neue Zeit und gegen alles, was sie in ihr erblicken mußte, Verwahrung

einlegen. Den goldenen Hirtenstab, der unten abgebrochen war, hielt sie

gegen das zornige, volkstümliche Herz gepreßt und ihren mächtigen

verrosteten Eisenschlüssel streckte sie weit von sich, voll Abscheu und

grobem Eifer.

Und der Heilige hatte manchen Grund zu seinem Verhalten. Denn obwohl der

neue Besitzer der Probstei ein gewisses feinsinniges Kunstinteresse für

die bunten Zeichen einer innerlicheren Epoche besaß, und obwohl es ihm

schmeichelte, häufig berühmte Sammler und Gelehrte in seinen Räumen zu

empfangen, um ihre Bewunderung für seine Besitztümer zu vernehmen, so

lehnte er es doch auf der anderen Seite entschieden ab, sein eigenes Leben

mit seiner Umgebung in Einklang zu bringen. Dunkle Gerüchte durchflogen

die Stadt, es würden in der alten Probstei unter den Augen der

Evangelisten und des Himmelspförtners gelegentlich erlesene Feste

gefeiert, die weitab von strenger Daseinsführung lagen und die deshalb das

Ziel und die Sehnsucht aller unverheirateten Herren der bevorzugten Kreise

bildeten. Etwas Genaues indessen vermochten selbst die neugierigsten Damen

der Stadt nicht in Erfahrung zu bringen. Man flüsterte wohl hie und da,

daß der Konsul, dieser wohlgepflegte Vierziger mit der schlanken eleganten

Gestalt und den schwärmerischen, lang bewimperten Augen, die so gar nicht

zu den im Grunde kalten Zügen passen wollten, man flüsterte wohl, daß

Konsul Bark in seinem weit ausgreifenden Kunstinteresse auch die Damen des

Theaters mit seinen Einladungen beehrte, allein von den Beteiligten wurde

dies stets mit sonderbarem Lächeln geleugnet. Äußerlich jedoch zeigte

der Goldene Becher dauernd die gleiche patrizische Würde, und da der

Konsul sogar in den Zirkeln der Frau Regierungspräsidentin sichtbar

wurde, wo nur die dreimal Gesiebten verkehrten, so sanken alle unheiligen

Vermutungen immer wieder in sich zusammen. Nur ein einziges Wesen lebte,

das über den Wandel des Hausherrn genauen Aufschluß hätte geben können.

Das war jener merkwürdige Einsasse des Goldenen Bechers, über den in der

Stadt infolge seiner erstaunlichen Vielseitigkeit mindestens ebensoviel

Erzählungen umliefen, als über den eleganten Großkaufmann selbst. Es war

der Kammerdiener des Konsuls, Pawlowitsch, wie er von dem Chef im Scherz

wegen seiner russischen Abkunft genannt wurde.

Ja, Pawlowitsch besaß das Ohr des Großkaufmanns. In einem weißen

Leinenanzug war er seinem Herrn frühmorgens bei der Toilette behilflich;

er rasierte ihn, und kein Friseur hätte das dunkelbraune Haar des Konsuls

so korrekt zu scheiteln vermocht, wie dieser Halbrusse. Bei solcher

Gelegenheit erfuhr dann der Herr des Goldenen Bechers, was Pawlowitsch für

nützlich hielt, ihm zufließen zu lassen.

»Herr Konsuhl,« flüsterte der Weißkopf, denn er betonte diesen Titel

auf der letzten Silbe und dabei beugte er sich während des Einseifens

geschmeidig bis zu dem Ohr des Gebieters herab, »die kleine Schwarz vom

Stadttheater hat heute abend ihr Benefiz. -- Rosen?«

»Jawohl.«

»Vorzüglich --« alle Anordnungen des Chefs beehrte Pawlowitsch mit

dieser begeisterten Zensur, »vorzüglich -- Teerosen?«

»Gewiß.«

Der weiße Kittel verbeugte sich. Es war ja selbstverständlich, daß er

diese gelben Blumen hinter die Bühne zu tragen hatte. Dunkelrote schickte

sein Gebieter nur beim Beginn einer vielbegehrten Bekanntschaft. Die

ruhigere Epoche wurde dann durch die mattere Farbe gekennzeichnet. Und

Pawlowitsch wußte ganz genau, wann die weißen an die Reihe kamen, die den

Rückzug des Konsuls einläuteten.

»Vorzüglich.«

* * * * *

Zu derselben Stunde, als Johanna Grothe in ihrer majestätischen Blondheit

über den Markt wandelte, beherbergte Konsul Bark in dem Refektorium,

aus dessen Mauerhöhlungen noch immer die Mosaikbilder der Evangelisten

hervorschimmerten, einen besonders fröhlichen und lauten Besuch. Zur

Seite des großen Schreibtisches, dicht neben der Riesenstatue des heiligen

Petrus, dessen deutsches Antlitz noch unwilliger als sonst flammte,

lehnte ein gewaltiger, muskulöser Russenoffizier behaglich in dem dunklen

Ledersessel und hob eben sein Weinglas prüfend gegen die grünbeschirmte

Lampe, so daß der gelbe Trank spiegelte und glitzerte. Die Sporen an den

hellgelben Reiterstiefeln, die er vor Vergnügen leise aneinander rieb,

ließen dazu einen feinen silbernen Sang ertönen, und das laute Gelächter

des Fremden schlug schallend gegen die Decke der Wölbung.

»Ja, was sagen mein bester Freund,« rief er wohlgelaunt und stieß den

Hausherrn mit dem langen Säbel, den er nicht abgelegt hatte, vertraulich

gegen die eleganten schwarzen Lackschuhe, »dumme Tiere von Grenzkosacken

haben sich richtig durch Ihren Agenten von Pflicht -- wie sagt man? --

abwendig machen lassen.«

Der Konsul reckte sich und zupfte verärgert an seinem kurzgeschorenen

englischen Schnurrbärtchen.

»Der Jude handelte auf sein eigenes Risiko,« entgegnete er unmutig, »ich

habe ihm nicht geraten, Ihre Leute zu bestechen.«

»Bestechen?« Jetzt lachte der Russe noch behaglicher und schüttelte

das blondbebartete Haupt. Seine blauen Augen sahen ganz erstaunt aus.

»Bestechen?« wiederholte er in seinem gebrochenen Deutsch, »nicht

doch. Hat Mann gar nicht beabsichtigt. Ist Gewohnheit bei diesen deutschen

Spitzbuben. Pardon -- pardon,« verbesserte er sich, und die großen

Kinderaugen begannen ihm in der Wirkung des Weins oder aus Verlegenheit

zu tränen, »sehr ehrenwerte Leute. Versuchen es nur immer wieder. Aber

diesmal hat mir heilige Mutter von Kiew beigestanden. Sieben Wagen vor

Brücke zurückgehalten, und zweitausend Rubel in meiner Tasche. Was sagen

bester Freund?«

Konsul Bark rückte ein wenig mit seinem Stuhl und blickte seinen Gast

zweifelnd von der Seite an. Das Gespräch schien ihm durchaus nicht

zuzusagen.

»Ich nehme an,« begann er endlich nach einem Moment der Überlegung,

während sein schmales, feingeschnittenes Gesicht durch nichts irgendeine

Bewegung verriet, »ich nehme an, Herr Rittmeister Sassin, daß Sie

gekommen sind, um das Geld wieder an mich abzuliefern.«

»Oh nein, ist Irrtum. Geld gehört Gossudar, russischen Zaren, unserem

allergnädigsten Herrn.« Der Russe verbeugte sich, so daß seine Stirn

fast die Platte des Schreibtisches berührte.

»Jawohl, ich kann es mir denken,« meinte der Konsul mißfällig,

»sprechen wir nicht mehr darüber.«

»Serr gut, ist ganz meine Ansicht, sind hervorragender Kaufmann. --

Händler erster Gilde!«

Jetzt warf der Hausherr seinem Gast von neuem einen scharfen Seitenblick

zu. Unwillkürlich faltete sich seine Stirn. Sollte dieser große

ungeschlachte Mensch sich etwa über ihn lustig zu machen gedenken, gerade

jetzt, da der Fremde ihn um eine erhebliche Summe geschädigt? In diesem

Augenblick hatte der kühle Geschäftsmann völlig vergessen, wie oft er

jenseits der Grenze in dem kleinen elenden Fabrikstädtchen die reiche und

ausgelassene Bewirtung des Grenzoffiziers genossen, eine Gastfreundschaft,

die sich manchmal bis zu tobendem Wahnsinn gesteigert hatte. Nein, die

Erinnerung hieran war dem Prinzipal des Goldenen Bechers wie in dunklem

Rauch aufgegangen. Denn Konsul Bark besaß die Fähigkeit, geschehene

Dinge, die ihm nicht mehr behagten, kaltblütig auszustreichen, als wären

sie nie gewesen. Seine dunkelgrauen, lang bewimperten Augen blickten noch

etwas berechnender drein als gewöhnlich, da er sich auf die Huldigung des

Offiziers zu der lässigen Erwiderung anschickte:

»Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, Herr Rittmeister.

Aber gerade, weil ich ein nüchterner Kaufmann bin, so werden Sie es mir

nicht übel deuten, wenn ich mich frage, welche geheime Absicht Sie eben

jetzt zu mir leitet, obwohl Sie vielleicht Ursache zu haben glauben, mir

wegen dieser unangenehmen Zollaffäre zu zürnen.«

Ganz vorsichtig und diplomatisch hatte der Konsul dies vorgebracht,

während er unausgesetzt einen großen Elfenbeinfalz zwischen seinen

schmalen Fingern hin- und hergleiten ließ. Der Russe jedoch tat seine

hellblauen Kinderaugen noch weiter auf, und auf seinen breiten Zügen

malte sich vollste Verständnislosigkeit. Ungewiß rieb er sich in seinem

stoppligen blonden Kinnbart.

»Nix Zollaffäre, nix zürnen, keine Spur,« versicherte er eifrig und

verbeugte sich mehrfach in großer Ehrfurcht vor dem Handelsherrn. »Solche

Geschichten alle Tage vorkommen. =Au contraire=, bereiten Spaß, machen

schönes Vergnügen. Leo Konstantinowitsch Sassin bitten Rudolf Bark von

Wertschätzung und innigster Freundschaft überzeugt zu sein.«

Damit legte er die Linke aufs Herz und hob das Weinglas grüßend zu dem

Hausherrn hinüber. Der Konsul aber, der die Gewohnheiten des Nachbarvolkes

kannte, nickte gleichfalls mit dem Haupt, ohne jedoch seinen Zweck aus dem

Auge zu verlieren.

»Leo Konstantinowitsch, kann ich Ihnen mit irgend etwas anderem dienen?«

Der Russe schluckte noch an seinem Wein und setzte das Glas ziemlich

unbekümmert auf die Schreibtischplatte nieder. Dann erhob er lebhaft beide

Hände.

»=Pas du tout=, mein bester Freund, nix dergleichen. Ja, ist wahr, gab

traurige Zeiten für Offiziere von Gossudar, namentlich wenn so weit fort

von heilige Petersburg. Serr zu kämpfen gegen Einsamkeit, Langweile und

Armut. Da ist Rudolf Bark immer hilfreicher Freund gewesen, serr hilfreich,

Kavalier --«

»Sehr schön, aber -- --«

»Kommt, kommt alles. Armut vorbei, durch Gnade von Väterchen bedeutend

besser gestellt. Einnahmen hier, Einnahmen dort, man kann nicht klagen. Und

seit Gouverneur von Wilna Grenzstationen kontrolliert, auch eigene =maison=

-- Häuschen.«

Bei der Erwähnung dieser kleinen ›=maison=‹ flog ein verschmitzter

Schein über die eben noch so ernsten Züge des Kaufmanns.

»Ja, ich habe gehört, Leo Konstantinowitsch. Man erzählt, daß Ihnen

eine reizende Villa gebaut sei.«

»Eben fertig,« warf der Russe sehr befriedigt ein.

»Nun gut, nehmen Sie meinen Glückwunsch. Es fehlt nichts hinein als eine

junge Frau.«

Der Russe fuchtelte wieder mit den Händen und ließ die Sporen klirren.

»Oh, fehlt nicht, fehlt nicht, =pas du tout=, man weiß sich zu behelfen.

Und davon gerade, Rudolf Bark, sollen Sie sich überzeugen. Ich bitte serr,

ich bitte inständigst.«

»Sie meinen doch nicht --?«

»Ja, meine ich, ein kleines Fest. Eine Einweihung, intim, serr vornehm.

Und wenn Sie mich machen wollen glücklich, dann legen auch ein gutes Wort

ein bei die schönen Damen von Maritzken, die ich neulich so bevorzugt war,

bei Ihnen zu treffen. Wunderschöne Damen, namentlich die große, üppige,

stolze, mit die königliche Gang, und die schwarze mit den roten Lippen. Es

wird werden serr amüsant.«

So unerwartet traf den Großkaufmann diese letzte Aufforderung, daß er

den Elfenbeinfalz hart auf den Tisch fallen ließ und erst einen

verlegenen Blick auf das Holzantlitz des Apostels warf, bevor er, sich

zusammenraffend, widersprechen konnte:

»Nein, nein, lieber Rittmeister, dieser Mission fühle ich mich nicht

gewachsen. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber es kommt mir doch höchst

zweifelhaft vor, ob sich die jungen Damen von Maritzken, und namentlich die

Älteste, in dem eigentümlichen« -- der Konsul zögerte einen Augenblick

und suchte nach einem Ausdruck -- »na sagen wir Junggesellenmilieu

wohlfühlen würden.«

Der Grenzoffizier jedoch sprang klirrend auf und fegte mit seiner Rechten

in sprudelnder Lebhaftigkeit durch die Luft, als müsse er jedes einzelne

Wort seines Gegenübers besonders ausstreichen.

»Kein Junggesellenmilieu,« schrie er, unbekümmert darum, ob seine Worte

nicht etwa jenseits der Diele verstanden werden könnten, »Sie täuschen

sich, bester Konsul, wir besitzen Takt, =savoir vivre=. Sie kränken uns,

wenn Sie zweifeln daran. Wir sind junges Volk, harmloses Volk, -- aber

galant gegen Damen.«

Sicherlich gedachte Leo Konstantinowitsch seine nationale Eigenart noch

eingehender zu schildern, aber das leis-ironische Lächeln, das

abermals die Lippen seines Zuhörers umspielte, veranlaßte ihn, sich zu

unterbrechen, um sich beschwörend die mächtige Faust mitten auf die Brust

zu schlagen. Es gab einen dumpfen Widerhall.

»Diesmal nicht so wie sonst,« brachte er ganz treuherzig hervor, wobei er

immerfort das blonde Haupt schüttelte, »Oberst Geschow aus Mariampol mit

seiner jungen Frau gibt gleichfalls die Ehre. Und alle jungen Frauen von

Kameraden ebenso. Wir werden trinken nur ein Täßchen Tee, essen dazu

ganz dünne Kaviarschnittchen, und die Gattin von Zivilgouverneur -- Frau

Bobscheff, serr fromme Dame -- wird sein Patronesse von das Ganze. Sie

werden sich einlegen Ehre, Rudolf Bark, mit dieser Einladung bei den

jungen Fräulein von Maritzken. Und,« setzte der Russe sehr ernst und

nachdrücklich hinzu, »es ist gut, wenn beide Völker freundschaftlich

verkehren. Ich sage, es ist gut.«

Noch hatte der Russe nicht völlig seine Erklärungen geschlossen, als die

eisenbeschlagene Eichentür sich geräuschlos in ihren Angeln drehte. Vor

dem lauten Gespräch hatten die beiden Männer völlig überhört, daß

schon zweimal an das harte Holz gepocht wurde. Jetzt stand unter

der Wölbung der Tür eine blaue Hausmeistersuniform mit blanken

Messingknöpfen, und das kurz geschorene weiße Haupt des berühmten

Pawlowitsch neigte sich zu einer demütigen Verbeugung. Beide Arme ließ

der Alte dabei weit gestreckt von sich herunterhängen.

»Herr Konsuhl,« wisperte eine flehentlich-zerknirschte Stimme, »ich

störe.«

»Schon gut, was gibt's?«

Der Alte wandte sich halb nach draußen und ließ eine zweite Verbeugung

nach der Richtung der Diele hin folgen.

»Das gnädige Fräulein von Maritzken ist soeben angekommen.«

»Heilige Mutter,« sprudelte der Russe und ließ vor Erstaunen den breiten

Mund mit den tadellosen Zähnen offen.

Aber auch der Konsul schnellte aus seinem Sessel, und es war sehr

merkwürdig, wie er sich bemühte, in aller Eile ein Aschenkörnchen von

dem Aufschlag seines eleganten braunen Promenadenanzugs fortzustäuben.

»Ist es das älteste Fräulein?« warf er rasch hin, und eilfertig schritt

er in die Ecke, um selbst die elektrische Leitung aufzudrehen, die die

Lichter des schweren lombardischen Kronleuchters an der mittelsten der

Wölbungen aufstrahlen ließ. »Ist es die Älteste der Damen?«

Pawlowitsch zwinkerte ein wenig mit den schwarzen Augen. »Fräulein

Johanna« meldete er.

Der Konsul machte ein paar Schritte bis zur Tür.

»Stehe sofort zu Diensten.« Er sprach so laut, daß man seine Stimme

sicherlich draußen auf dem Flur vernehmen mußte. »Lieber Herr

Rittmeister -- --,« fuhr er fort, und ohne daß er noch etwas Weiteres

zu äußern brauchte, lag in seiner sprechenden Handbewegung das Bedauern,

die Konferenz mit dem Offizier leider schließen zu müssen.

Inzwischen hatte auch Rittmeister Sassin seinen gebogenen Säbel enger

an sich gezogen und ergriff nun die breitrandige blaue Mütze. Er schien

vollkommen einzusehen, daß er hier überflüssig würde. Ja, in

seinen groben, verschwommenen Zügen arbeitete sogar eine starke innere

Verlegenheit. Heilige Mutter, diese stolze königliche Deutsche flößte

ihm einen Respekt ein, den er sich nicht zu erklären vermochte. Viele der

deutschen Weiber besaßen etwas Ähnliches. Nein, zum Teufel, die andere,

die Schwarze mit den roten Lippen und der üppigen Lässigkeit war

angenehmer, bequemer. Und in seinem kindlichen Verstand stritten sich

Zweifel, ob es wirklich möglich sein würde, die Damen von Maritzken zu

dem Besuch in der gemütlichen kleinen ›=maison=‹ jenseits der Grenze

zu veranlassen. »Rudolf Bark gestatten, daß holder Dame die Hand küsse.

Und nicht wahr, nicht vergessen an meine Bitte! Überlasse alles Ihnen,

bester Freund, alles Ihnen!«

Da öffnete sich die Tür, die hohe, schlanke Frauengestalt in dem

cremefarbenen Bastseidenkostüm ragte unter der Wölbung. Die drei Männer

aber verbeugten sich gleichzeitig so tief und ehrfürchtig, daß sie

vielleicht gelächelt haben würden, wenn sie ihre gesenkten Häupter

selbst hätten beobachten können. Dann reichte der Konsul seinem

neuen Gast höflich die Hand, wobei er es jedoch vermied, die schlanken

Fingerspitzen an seine Lippen zu führen. Das hatte sich das Landmädchen

ein für allemal verbeten. Darauf eine kurze Wendung gegen den russischen

Offizier, ein vergebliches Bemühen des Rittmeisters, seine Huldigung

auf den weißen Handschuh der Dame zu hauchen und die verabschiedende

Beteuerung des Russen, daß sein bester Freund Rudolf Bark holden Dame ein

großes Geheimnis mitzuteilen habe. Eine Bitte, ein fußfälliges

Flehen, deren Erfüllung armen Leo Konstantinowitsch in einen Taumel des

Entzückens versetzen würde.

»Guten Morgen, Rudolf Bark, alle Nothelfer behüten Sie -- Gnädigste, der

Himmel nehme Sie in seinen Schutz.«

Die silbernen Sporen klirrten zusammen, der Säbel rasselte, und die

wuchtige Gestalt des Grenzoffiziers schritt tönend über die grünen

Marmorstufen.

Die beiden anderen blieben allein.

»Liebes Fräulein Johanna, nehmen Sie Platz,« forderte der Konsul auf,

indem er sehr diensteifrig einen neuen Ledersessel an den Schreibtisch

schob. Und nachdem die Älteste von Maritzken sich wortlos niedergelassen,

blieb er geneigt vor ihr stehen, um von neuem zu bitten: »Wollen Sie

nicht, lieber Hans, den Schleier ein wenig zurückschlagen? Damit ich

erkennen kann, ob Sie etwas Gutes, oder, was ich nicht hoffen will, etwas

Schlimmes zu mir führt? Denn leider wird ja der Goldene Becher fast

ausschließlich zu geschäftlichen Beratungen aufgesucht, nicht wahr,

bester Hans?«

Wie immer, wenn er mit der Ältesten von Maritzken sprach, klang seine

Stimme liebenswürdig und vertrauenerweckend und enthielt nichts von jener

flatterhaften Galanterie, die dem Landmädchen, das die harte Notwendigkeit

zur Arbeit gezwungen hatte, so verleidet war. Gerade diese offene

konventionelle Art hatte dem Geschäftsmann das Vertrauen der Vorsichtigen

erworben, obwohl auch zu ihr allerlei abfällige Urteile über ihren

Freund gedrungen waren. Aber Johanna Grothe verachtete solche heimlich

zugeflüsterten Gerüchte. Ihre unbestechliche Gewissenhaftigkeit verlangte

Beweiskräftiges. Und alles, was sie von Rudolf Bark während jener drei

Jahre erfahren, seitdem die Mutter dort draußen im Schatten der Kirche von

Maritzken ruhte, und auch den Vater eigenes Verschulden oder ein unseliges

Schicksal aus den Reihen der tätig Wirkenden entfernt hatten, nein,

alles was ihr von dem nüchternen klaren Geschäftsmann in selbstloser

Opferwilligkeit während jener schweren Zeit geboten war, es atmete

Sicherheit, Ordnung und ein Gefühl für ihr inneres Bedürfnis nach

Sauberkeit. Und so hatte sich zwischen ihnen nach einer anfänglichen

kühlen Geschäftsverbindung das vertrauliche Verhältnis von Ratgeber und

Schützling gebildet.

Auch heute drängte es die Selbstsichere, ihre Sorgen gewissermaßen

durchrechnen zu lassen, denn sie fühlte sich entlastet, sobald ihr eigenes

Urteil die Unterstützung des Vielerfahrenen fand. Nicht leicht schien

ihr im Augenblick die Einleitung zu fallen, ja, der Konsul merkte, wie das

große, kräftige Mädchen -- die Heroine, wie er sie manchmal heimlich

nannte -- ihre Blicke befangen vor den seinigen zu dem braunen Teppich

heruntersenkte. Endlich jedoch schlug die Sitzende mit einer raschen

Bewegung ihren Schleier in die Höhe, und wieder entzückte den

Großkaufmann jene merkwürdige Blässe, die er schon so häufig angestaunt

hatte. Ganz eigenartig hoben sich die tiefdunklen blauen Augen von dem

matten weißen Grunde ab.

»Hören Sie, Herr Konsul,« sprach Johanna endlich, indem sie mit aller

Kraft die Gedanken auf ihr Ziel zu sammeln versuchte, und dabei schlug

sie die dunklen Augen so fest und ehrlich gegen ihn auf, daß der Mann

plötzlich ein eigenes Schwanken spürte. Es blieb immer dasselbe. Diese

große königliche Erscheinung, die sich über die Schwächen und Wünsche

ihres Geschlechtes sicherlich weit erhoben hatte, sie machte es ihm

manchmal wirklich nicht leicht, die gleichgültige Ruhe des kühlen

Geschäftsfreundes zu wahren. Schweigend lehnte er dicht neben ihr gegen

die Platte des Schreibtisches und sah sie aufmerksam an. »Hören Sie,

lieber Konsul,« begann Johanna von neuem, »ich muß Sie schon wieder

einmal mit einer Angelegenheit behelligen, die mir lebhafte Besorgnis

einflößt. Sie wollten es damals nicht glauben, aber ich habe doch recht

behalten.«

»Sie behalten immer recht, lieber Hans,« sagte der Konsul verbindlich.

»Nein, nein, scherzen Sie nicht. Diesmal wird es wirklich Ernst. Und da

ich ja keine Mutter und leider auch im eigentlichen Sinne keinen Vater

besitze,« fügte sie mit kurzem Atem an, »so wende ich mich eben an Sie.

Ich habe Vertrauen zu Ihnen.«

Der Konsul wollte etwas erwidern, aber von ihrem merkwürdig dunklen

Blick getroffen, brachte er es nur dazu, ihr warm und zustimmend die Hand

entgegenzustrecken. Dann forschte er schnell:

»Also um was handelt es sich, liebster Hans? Spannen Sie mich nicht

länger.«

Merkwürdig, die Älteste von Maritzken schien keineswegs zu spüren, wie

die Hand des Mannes noch immer auf der ihren ruhte. Sie fuhr unbekümmert

fort:

»Gestern abend saß ich auf der Wiesenbank vor den drei Statuen der

römischen Kaiser --«

»Aha,« unterbrach der Zuhörende, »die Stelle muß man sich merken, das

ist offenbar Ihr Lieblingsplatz.«

»Ja, ich sitze gern dort. Aber gestern wurde mir der Ort auf lange Zeit

verleidet. Denken Sie sich, Konsul Bark, -- es fällt mir sehr schwer,

Ihnen dies alles zu gestehen -- als ich meine Blicke ganz absichtslos

über die weite grüne Wiese richtete, auf der gerade ein junger Hase

seine komischen Männchen machte, da sah ich ganz hinten am Waldsaum meine

Schwester Marianne mit einem Fremden schreiten.«

»Weiter,« forderte der Konsul interessiert.

»Die Gestalten waren nur zwerghaft klein, aber ich erkannte den

Eindringling trotz alledem, obwohl er nicht Uniform angelegt hatte.«

Jetzt richtete sich der Kaufmann schnell auf, zog ein wenig an seinem

braunen Jakett und bewegte dann abschätzend die flache Hand hin und her.

»Es war natürlich Fritz Harder,« äußerte er bestimmt.

Das stolze Weib in dem Sessel nickte. Dann aber schlug sie verstört die

Augen nieder, und ihre ganze Gestalt beugte sich zusammen, als ob sie von

einer körperlichen Last zu Boden gedrückt würde.

»Lächeln Sie nicht, Herr Konsul,« sagte sie matt, »ich bin über das

Alter hinaus, als daß ich gegen eine ehrbare Annäherung etwas einzuwenden

hätte.« Und als der Konsul eine Bewegung machte, wie wenn er sie nicht

verstände, stieß sie plötzlich anmutig hervor, und ihre Stimme tönte

laut und grollend: »Das war es aber nicht. Gegen diese stürmischen

Liebkosungen in der dunklen Stille eines Haselnußhaines muß ich

Einsprache erheben. Das kann und will ich nicht dulden. Denn nach dem,

was schon einmal bei uns geschehen, muß ich mehr wie jede andere darauf

achten, daß unserem Hause der landläufige Respekt entgegengebracht

wird.«

Die zusammengekauerte Gestalt ließ ihre Arme zwischen die Knie herabsinken

und riß sich alles Weitere matt und dumpf von der Seele los, wie wenn sie

mit sich selbst zürne, daß sie so Verschwiegenes offenbare.

»Glauben Sie mir, lieber Freund, meine Rolle fällt mir nicht immer

leicht. Ich weiß, die Mädels hassen mich, weil ich ihnen so vieles

versagen, und häufig wie ein Polizist vor ihnen auftauchen muß. Aber

Sie, Konsul Bark, Sie kennen meine Beweggründe. Ich habe es nun einmal

übernommen, aus dem großen Zusammenbruch zu retten, was irgend möglich

war, und bin darüber alt geworden.«

»Na, na, Hans,« schob hier der Konsul lächelnd ein.

Er dachte daran, daß diese Achtundzwanzigjährige in ihrer kalten,

abweisenden Schönheit ein Weib sei, das alle Ansprüche aufgegeben habe

zu reizen, zu gefallen und zu bestricken, ein Geschöpf, das in klarer

Erkenntnis seiner harten Fron allmählich sich selbst vergessen hatte. Und

doch -- der schlanke Mann in dem eleganten Promenadenanzug warf unbemerkt

einen spähenden Blick auf seine Besucherin -- ob wirklich alle Wünsche

in diesem stolzen Leib erstorben und verlöscht waren? Und in der

vorüberhastenden Minute, während seine Augen, die Frauenschönheit so

sehr aufzuspüren verstanden, über den gebeugten Mädchennacken glitten,

da gestand sich der reife Mann, daß gerade die starke Neugierde, jenes

tief verschlossene Geheimnis zu lösen, ihn so dauernd an das frostige,

marmorharte Geschöpf da vor ihm fesselte. Und mit einem gewissen Unwillen

empfand er auch, wie schwer und unbequem es sei, sich selbst immer in

so respektvoller Entfernung zu halten. Ja, es war sehr schwer, denn er

erkannte ganz klar, eine einzige unvorsichtige Andeutung, das Verlassen

der unverfänglichen und korrekten Beziehungen mußte die Ahnungslose

dort sofort empört und enttäuscht von dannen treiben. Und vor diesen

Enthüllungen scheute sich der Frauenkenner. Nein, nein, die großen

scharfen Augen der Heroine von Maritzken wollte er nicht im Zorn auf sich

gerichtet fühlen. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, hegte er eine

heimliche und ihn doch quälende Abneigung davor, das Unverdorbene, das

Heilig-Jungfräuliche dieses abgeschlossenen Lebens zu stören. So nahm

er auch jetzt nur in verborgener Bewunderung die köstliche Weiße ihres

Nackens wahr, laut aber sprach er sehr ruhig und überlegt zu der in sich

Versunkenen herunter:

»Also, lieber Hans, mir scheint, Sie sehen da wieder etwas zu dunkel. Wenn

Sie auf mein Urteil irgendein Gewicht legen, so meine ich, was sich da in

der lauschigen Dämmerung des Haselnußhaines abspielte, das waren eben

die landläufigen Vorboten einer regelrechten Verlobung. Oder glauben Sie

berechtigt zu sein, es anders aufzufassen?«

Auf diese Frage richtete sich Johanna unvermittelt auf und strich sich

die spröde Seide über ihrer Brust zurecht. Zum erstenmal lief über ihre

immer so schneeigen Wangen ein leichtes Rot.

»Ich weiß nicht,« versetzte sie ungewiß, mit sich selbst kämpfend,

»ich will es hoffen, obwohl meine Schwester Marianne -- ich spreche zu

Ihnen ganz rückhaltslos, lieber Konsul -- für meinen Geschmack etwas viel

zu Nachgiebiges und Entgegenkommendes besitzt. Aber selbst wenn sich Ihre

Ansicht bewahrheitete,« fuhr sie überlegend fort, »dann halte ich es

für schicklich, daß sich der junge Offizier zuerst an mich gewendet

hätte.«

»Liebe Johanna,« begütigte der Konsul, »Sie klammern sich da an eine

etwas altmodische Auffassung.«

»Nun ja, Sie mögen recht haben, ich bin eben mißtrauisch und wittere

hinter allen Menschen zuvörderst irgendeine verborgene Absicht. Das Leben

hat mich allmählich so geformt. Sie müssen mir das nicht übel deuten,

lieber Freund, Ihnen gegenüber fällt das ja alles fort. Und nun die

Hauptsache: Glauben Sie wirklich, daß Fritz Harder der geeignete Mann

wäre, um eine so dauernd nach Glück und Glanz verlangende Natur wie

Marianne befriedigen zu können?«

Der Konsul zuckte die Achseln.

»Gott, Sie werden nicht leugnen,« versetzte er endlich abschätzend,

»daß er ein hübscher, flotter Bursche ist und, wie ich annehme, auch ein

aussichtsvoller Offizier.«

Die Älteste von Maritzken rückte hastig mit ihrem Stuhl.

»Glauben Sie das wirklich?« entgegnete sie mit wenig überzeugtem Ton.

»Das gerade möchte ich bezweifeln. Mir gefallen Männer nicht, die nicht

vollkommen von ihrem Beruf ausgefüllt werden. Sehen Sie, was hat sich ein

junger Leutnant für schweres Geld einen Flügel zu kaufen, um nun halbe

Nächte lang auf ihm herumzuphantasieren? Er komponiert ja auch.«

»Na, Hans,« beruhigte der Konsul, »die Vergnügungen in einer mittleren

Garnison sind ja nicht allzu abwechslungsreich. Wenn er sich nur mit dieser

Art von Spiel befaßt, so wollen wir ihn deswegen nicht verurteilen.«

Aber die Gutsherrin war nicht so leicht abzuweisen.

»Schön,« gab sie zu, »aber der junge Mensch hat leider überhaupt etwas

Dilettierendes. Wie Sie wissen, versucht er sich auch in der Ölmalerei.

Er bringt zwar ganz nette Porträts hervor, aber wie sich dies alles mit

seinem eigentlichen Beruf vereint, das begreife ich nicht. Und um wahr zu

sein, es erregt mir Mißbehagen.«

Hier wagte es der Konsul, der leidenschaftlich Sprechenden begütigend,

fast väterlich die Wange zu streicheln. Aber diesmal wurde es von der

Besucherin aufgefaßt. Mit einer herben Bewegung schob sie seine Finger

zurück. Dann forderte sie noch einmal:

»Teilen Sie meine Bedenken?«

Inzwischen hatte sich der Konsul in seinen Ledersessel niedergelassen, und

nachdem er seiner Gewohnheit gemäß mit einem Blick, wie um Rat fragend,

das Antlitz des Apostels gestreift, da gab er seine Ansicht klug und jedes

Wort wagend, zu erkennen.

»Liebes Kind,« beschwichtigte er, »mit dem Beruf eines Offiziers ist

es ein eigen Ding. Wir vergessen immer so leicht, daß alle Mühen

und Anstrengungen, die der höhere Militär aufwendet und die in immer

strengerem Maße von ihm gefordert werden, kein in die Augen fallendes

Ergebnis zeitigen können. Sie sind die einzige Menschenklasse in unserem

Staat, die, solang der Friede dauert, nicht den praktischen Beweis von

ihrer Leistungsfähigkeit zu erbringen vermag. Man empfindet ihr ganzes

Tun und Treiben hie und da bereits als spielerisch und überflüssig.

Und dieses Bewußtsein ist es, was viele Soldaten so rastlos nach Dingen

greifen heißt, die jenseits ihres Berufes liegen. Sie suchen sich eben

auszufüllen. Nein, Johanna,« richtete sich der Konsul plötzlich auf und

klopfte ermunternd an die Seitenlehne des anderen Sessels, »daraus wollen

wir dem hübschen Bengel keinen Strick drehen. Und daß er sich in die

knisternde Schönheit von Marianne vergaffte, Gott --« der Kaufmann

zuckte die Achseln -- »dieses Los teilt er gewiß mit manchem jugendlichen

Schwärmer und außerdem, es läßt keinen üblen Rückschluß auf seine

Uneigennützigkeit zu.«

Bei diesem letzten Wort glitt ein kaltes Lächeln um die Lippen des

Gutsfräuleins. Sie hob ihren Schleier noch etwas mehr, und die blauen

festen Augen suchten scharf und bindend den Blick ihres Beraters. Der

Konsul rückte ein wenig ungemütlich hin und her.

»Ah, Sie meinen,« nahm die Älteste von Maritzken das Wort des Gefährten

auf, »Sie meinen, daß der junge Mann Lob und Anerkennung verdiene, weil

er sich zu der Angehörigen einer unbegüterten Familie herabläßt, die

ihren Töchtern keine Mitgift auszusetzen vermag?«

»Hans, Hans,« mahnte hier der Konsul und hob dämpfend die Hand.

Aber die hohe Blonde fuhr fort: »Ja, ja, man spricht ja so etwas

Ähnliches sowohl in der Stadt, wie in der Umgegend. Und es ist mir ganz

recht,« bestätigte sie sehr ernsthaft, und jener rechnende Schein spielte

von neuem aus ihrem weißen Antlitz, »es ist mir ganz recht, wenn sich

keine Mitgiftjäger um meine Schwestern bemühen, denn ich kann das

Vermögen, das ich uns in achtjähriger Arbeit erworben, noch sehr gut in

meinem landwirtschaftlichen Betriebe gebrauchen. Sie aber, lieber Konsul,

Sie sind ja der einzige, der genau darüber orientiert ist, wie wenig alle

diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen. Ja, es ist richtig,« sprach

sie immer heftiger weiter, »ich habe die zwei großen väterlichen Güter

damals in der schweren Zeit aufgeben müssen. Oder besser gesagt, ich habe

sie auf Ihren Rat mit Gewalt zur Versteigerung getrieben. Aber das letzte,

auf dem ich mich festgesetzt hatte, um mich nicht mehr davon vertreiben

zu lassen, unser Maritzken, dieses Stück Erde, halb Bauernhof, halb

Rittergut, das ist doch mit Ihrer Hilfe so bewirtschaftet worden, daß

es sich sehen lassen kann. Und die Summen, die ich hier bereits bei Ihnen

ablieferte, würden immerhin für eine Mitgift für meine Schwestern

genügen, nicht wahr? Lieber Konsul,« fügte sie kalt und unempfindlich

an, als der Mann eine Bewegung ausführte, als ob ihm das Gespräch

peinlich würde, »ich möchte bei dieser Gelegenheit gleich etwas richtig

stellen, was mir schon lange Ihnen gegenüber auf dem Herzen liegt. Wenn

Sie nämlich von diesen Privatgeldern sprechen, dann pflegen Sie die Summe

stets durch drei zu teilen. Es scheint also, als ob Sie auch für mich

ein eigenes Konto angelegt hätten. Das ist ein Irrtum, Konsul Bark. Ich

erkläre hiermit ausdrücklich, daß mein Teil restlos auf meine Schwestern

übergeht. Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, damit beleidigen Sie

mich. Ich selbst habe dort draußen in meiner Wirksamkeit vollkommen meine

Befriedigung gefunden und werde darin keine Veränderung mehr eintreten

lassen.«

Ein Augenblick der Ruhe erhob sich zwischen den Beiden. Der Konsul hatte

sich zurückgelehnt, und seine lang bewimperten Augen umfaßten das ruhige

Frauenbild vor ihm mit unverhohlener Bewunderung. Nie hatte er sie so

begehrenswert gefunden, als jetzt, wo er das leidenschaftslose Gelübde

ihrer Entsagung vernommen hatte. Und er glaubte an den unverbrüchlichen

Ernst dieses Scheidens von den Freuden und Tänzen der Welt. Nichts

Nonnenhaftes lag auf dem edlen Antlitz mit den strengen Marmorzügen, ja,

während der Konsul in ihm las, meinte er beinahe, der wohlgeformte Mund,

der so gemessen über ein abgeschlossenes Schicksal sprach, auf ihm sei das

Lächeln nur eingefroren und es müßte sich herrlich ausnehmen, wenn es

sich wieder einstelle.

Das Gutsfräulein jedoch, als ob es fühlte, daß die Gedanken des so

auffällig Schweigenden an ihr herumtasteten, schob den Sessel zurück,

stand auf und rüstete sich zum Abschied.

»Ich wollte Sie bitten, mit Fritz Harder Rücksprache zu nehmen,«

schüttelte sie endlich ihren lang aufgesparten Wunsch von sich ab.

Der Konsul verbeugte sich leicht. »Ich war auf diesen Befehl vorbereitet,

lieber Hans. Und passen Sie auf, in wenigen Tagen wird der glückliche

Freiersmann nach allen Regeln des Herkommens bei Ihnen anhalten.

Übrigens,« fuhr er fort, »möchte ich doch vorher, wenn Sie gestatten,

auch ein paar Worte mit Marianne über diesen Fall wechseln. Und wissen

Sie, Hänschen,« lachte er plötzlich ganz unvermutet dazwischen, »da

könnten wir eigentlich ein sonderbares Rendezvous verabreden. Sie können

sich gewiß nicht denken, wer mir soeben eine Einladung für Sie und die

Mädels überbracht hat.«

»Nein,« gestand die Aufbrechende, indem sie sich bereits den Schleier

herabzog, »geht Ihre Vormundschaft über mich schon so weit, daß Sie auch

Ihre Zustimmung für unsere Besuche zu erteilen haben?«

»Keineswegs, Hänschen, soweit geht sie unglücklicherweise nicht,«

scherzte der Kaufmann und strich seinem Besuch das verschobene Jakett ein

wenig zurecht, »man überschätzt meinen Einfluß leider bedeutend.«

Und nun erfuhr Johanna Grothe die merkwürdige Bitte des russischen

Rittmeisters, der die drei Damen zu einem Ausflug jenseits der Grenze

veranlassen wollte. Und aus der ganzen Art, wie der Kaufmann diese

Einladung wiedergab, wie er die gewählte Zusammensetzung der Gesellschaft

hervorhob oder Einzelheiten der Bewirtung schilderte, in allem sprach sich

deutlich der Zweifel an der Verwirklichung des Planes aus. Allein es kam

anders. Die Älteste von Maritzken warf plötzlich das Haupt in den Nacken,

wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte, dann schlug sie noch einmal den

Schleier zurück und trat an den Schreibtisch, wo sie mit dem Zeigefinger

allerlei Figuren auf das rote Tuch malte.

»Sie fahren auch mit, Konsul Bark?« fragte sie rasch.

Der Prinzipal des Goldenen Bechers war sich nicht ganz einig.

»Ja -- ja allerdings, gegebenenfalls.«

»Dann ist es selbstverständlich, daß wir dort empfangen werden, wie wir

es erwarten dürfen.«

»Alle Wetter, Hänschen, was machen Sie für Sätze?« vergaß sich

der Kaufmann, und auf seinem hübschen Gesicht malte sich ein offenes

Erstaunen.

Die Gutsherrin jedoch wandte ihren klaren Blick nicht von ihm ab; und siehe

da, was der Hausherr sich so gewünscht hatte, es erfüllte sich. Um

den stolzen Mund der Hochragenden spielte unvermutet ein harmloses, ja

verschmitztes Lächeln. Welch ein Wunder! Sie sah plötzlich aus wie eine

gutmütige Zwanzigjährige, die einen derben Streich plant.

»Hänschen, was haben Sie vor?«

»Gott, die Sache ist ganz einfach, lieber Freund,« lächelte die

Gefragte verschämt, »es handelt sich dabei natürlich für mich um ein

Geschäft.«

»Aha!«

»Sie wissen, ich möchte für die kommende Ernte billigere Landarbeiter

mieten, und da dachte ich, daß die Russen von drüben --«

»Hans, Sie wollen doch nicht --?«

»Doch, doch, es nimmt hier ja auch niemand auf mich Rücksicht, und

ich bin keine Wohltäterin. Nur die Grenzstationen drüben machen uns

Schwierigkeiten und halten die gedienten Leute zurück.«

Jetzt lachte der Konsul hell auf.

»Ah, und Sie meinen,« rief er wohlgelaunt, »wenn die drei Damen von

Maritzken unseren Nachbarn ein paar hübsche Augen zuwerfen, dann -- --«

Das Gutsfräulein hielt seinen Blick aus.

»Das nicht gerade,« sprach sie ruhig, »reden Sie keinen solchen Unsinn,

Konsul Bark. Aber ein Wort gibt das andere, verstehen Sie? Man gelangt

leichter an sein Ziel. Und dann,« fügte sie noch überlegt an, »ich

brauche auch billige Ackerpferde, und dort drüben verkauft man sie halb

umsonst. Man bedarf nur der Protektion.«

»Die wird Ihnen nicht fehlen,« schloß der Kaufmann, indem er seinen

Gast höflich bis zu den vier Marmorstufen geleitete, »verlassen Sie sich

darauf, bester Hans. Aber wie gesagt, Sie sind ein kapitaler Rechner. Und

über den Ausflug ins Russische reden wir noch. Da ich als Anstandspapa zu

fungieren habe, so will ich mich doch noch genauer über alles orientieren.

Und nun, lieber Hans, leben Sie wohl, und ich danke Ihnen auch für Ihren

lieben Besuch.«

Die Blonde reichte ihm über die Stufen hinauf die Rechte. Es war ein

Händedruck, wie sie es gewohnt war, fest, kräftig, zupackend. Die

wohlgepflegten Finger des eleganten Mannes empfanden die Umklammerung

beinahe schmerzlich.

»Wenn ich Sie nur nicht gestört habe,« warf sie noch dankbar zurück.

Der Mann aber verbeugte sich leicht und entgegnete nachdrücklich:

»Ich wünschte, Sie kämen öfter.«

Dann blieb er unter den geöffneten Türflügeln stehen und sah ihr nach,

bis die hohe Gestalt jenseits des Marktplatzes verschwunden war.

Die Herrin und ihr Knecht · 第 3 / 21 题