SZENE ZWEI

GRAF KOEFELD _verbeugt sich_: Meine Gattin. Es floh jemand. Ein Mann.

_Stürmisch hinter Amy her, bringt sie zurück._ Halali. Eine Frau. Gräfin

Goswil. Verzeihung. _Sich fassend_: Den ersten Zivilminister Europas

würde ich versetzen, um Ihnen die Hand zu küssen. _Zum Sekretär hinter

ihm_: Diese Telegramme. In Codeschrift. Stafetten einlegen. Ein eignes

Schiff nehmen. Als Kurier fährt Graf Schlitz. Für wichtige Sachen nur

ehemalige Offiziere der Botschaft. Depeschen Seiner Majestät in Uniform

zu übergeben ... Darf ich mich setzen? Charmant Ihr Aussehn, Gräfin.

AMY: Wer tadelte meinen Puder gestern? Ihre Komplimente bluffen wie jede

Uniform.

GRAF KOEFELD: Ungalant, Gräfin. Verleumdung. Großer Sänger Ihres Ruhms.

Beschwöre Sie, den Rock des Königs aus dem Spiel zu lassen. Ansonsten

für Frivoles weitgeöffnetes Herz. Rock des Königs Privileg. Zum Necken

zu heilig. Sanktuarium. Auch schönstem Mund. _Aufspringend_: Meine

Gattin ... Welch ein Fächer?

HELENE: Ein Geschenk.

GRAF KOEFELD: Wer schenkt Fächer? Frauen? Nein. Ein Mann!

HELENE: Der Prinz von Wales.

GRAF KOEFELD _stramm_: Auszeichnung. Welche Gnade. Hohe Ehre. Herrlich.

Monseigneur wird überdies überrascht sein. Eine neue Surprise: Ich lasse

Tontauben schießen. Spezialvergnügen Monseigneurs. Versuche, ihm

sekündlich das Leben mit Lieblingsbissen zu garnieren. _Stößt ein

Fenster auf, zielt mit einer an der Galerie dem Büchsenschrank

entnommenen Büchse im Hintergrund_: Peng ... halo ... vorbei ... Ihr

Gatte, Gräfin ...

HELENE: Wird nicht erwartet.

AMY: Er bemüht sich, Lord Mevil mit irgendwem zu verheiraten.

GRAF KOEFELD: Verdammte, Mesalliance. Pardon, Gräfin. Ich sagte ab. Habe

siebzehn souveräne Ehebetten in Europa gerüstet. Skandal, daß Mevil mich

einzuladen sich erdreistet. Mich. Dieser Zertrümmerer feudalen Ansehns.

AMY: Ihr Name?

GRAF KOEFELD: Undurchdringlich. Wer heißt nicht so? Alle Welt: Daisy

Miller.

AMY: Eine halbe Million Pfund.

GRAF KOEFELD: Unverzeihlich. Sabotage des Bluts. Demokratisierung der

Gesellschaft. Die Phalanx der Jahrhunderte wird ruiniert.

HELENE: Daisy Miller. Jenes Mädchen, dessen Dauerhaftigkeit uns

erstaunte, vis-à-vis unserer Loge, im Theater.

GRAF KOEFELD: Sie hätte unsere Standhaftigkeit mit größerem Recht

bewundern können. Das Amt telephoniert ab neun nur noch nach Drury-Lane.

Im Theaterportal Attachés. Im Foyer Sekretäre. In der Loge die Post.

HELENE: Ich bat Sie nie um Ihre Begleitung. Von heute ab erübrigt es

sich, davon zu reden. Ich besuche das Theater nicht mehr.

GRAF KOEFELD: Neues Arrangement schon vorbereitet. Es kommt dann zu

Ihnen. Die Dekoration nur ist ausgewechselt. Kean ist zur Soirée

geladen.

HELENE: Kean?

GRAF KOEFELD: Kean. Ich verstehe. Sie zucken zusammen: ein Komödiant.

Ich finde es abscheulich. Allein: Wunsch des Prinzen von Wales. Kann ich

es abschlagen? Unmöglich. Immerhin Wunsch des zukünftigen Königs. Ich

lud sofort.

HELENE: Ich empfange die bitterste Beleidigung, der ich seit meiner

Verheiratung ausgesetzt war. Ich empfange sie von meinem Gatten.

GRAF KOEFELD: Ihr Gatte ist Ihr tapferster Verteidiger. Jede Stunde.

Unbedingt zu rechnen. Ich stehe wie Thron und Altar.

HELENE: Sie empfanden nicht einmal das Bedürfnis, mich zu befragen.

Ihren Salon repräsentiere ich, nicht Sie.

GRAF KOEFELD: Fürstlicher Wunsch ist Befehl. Auszuführen oder sterben.

Karriere oder Lump. Selbst die Marseillaise wird in diesem Sinn God save

the king.

HELENE: Ein Affront.

GRAF KOEFELD: Keine Zeremonie. Ich engagiere ohne gesellschaftliche

Verpflichtung. Sie geben ihm Essen, Zigarren, Wein. Ich Geld. Der

Bursche tanzt und zitiert. Wen soll der Kerl genieren, hält Monseigneur

ihn als Affen.

HELENE: Die Gräfin Koefeld empfinge den Künstler. Dem Takt ihres Gatten

aber bringt sie Erwartungen entgegen, die nicht ahnen, daß er sie

zwänge, vor einem Wüstling sich wie ein Themsemädchen zu fühlen.

GRAF KOEFELD _der einen Brief bekommt und öffnet_: Beruhigen Sie sich.

Neue Zeit. Fortschritt der Zertrümmerung: Kean ist durch

Unaufschiebbares gehindert, seine Aufwartung zu machen. Infame

Beleidigung. Er sagt ab.

HELENE: Die Verhinderung ist taktvoller als die Einladung.

GRAF KOEFELD: Takt? Ausgeschlossen. Ich bin auf

Zwischen-den-Zeilen-Lesen dressiert. Schon mit sechzehn schrieb ich über

Forellen und meinte eine Bar. Als Louis Bourbon den Sessel statt den Fuß

einer Prinzessin unterm Tisch mit der Zehe dauernd streichelte,

signalisierte ich Unheil. Er nahm sie nicht. Mein Minister, mir

ungläubig, optimistisch, flog in die Luft.

HAUSINTENDANT _mit einem Stock meldend_: Monseigneur, der Prinz von

Wales.

PRINZ VON WALES: Ich komme lachend, Gräfin. Verzeihung.

HELENE: Sie würden sie erhalten, wenn Sie weinten.

AMY: Sie erhalten sie nicht, wenn Sie nicht sofort erzählen.

PRINZ VON WALES: Skandal.

GRAF KOEFELD: In der Gesellschaft. Schmerzlich. Ich grimassiere statt zu

lachen ... untertänigst mit Erlaubnis.

PRINZ VON WALES: Es gibt nichts Amusanteres.

GRAF KOEFELD: Die Zeit ist angefressen. Revolten zittern unter unseren

Füßen. Wir müssen Eisengesichter haben. Nieder die Kanaille ... Pardon.

PRINZ VON WALES: Die Weisheit ist nicht eingestellt auf das

Knochenzerschlagen, sondern sie lächelt, da sie nicht gewohnt ist, die

Dinge zu ernst zu nehmen. Man verdirbt sie dadurch.

GRAF KOEFELD: Skandale haben mitten in die Revolte hineingeführt. Allons

enfants ... lieber Mitrailleusen ... mit devoter Genehmigung gesagt.

PRINZ VON WALES: Im Gegenteil. Der sogenannte Volksgroll geht in kleinen

Vapeurs in den Azur. Gewitterbildung unmöglich.

AMY: Der Skandal?

GRAF KOEFELD: Säbel. Patronentasche. Panier hoch. Damit fürchten wir

letzten Endes selbst Wotan nicht. Versohlen die Fläbsche. Versohlen

gehorsamst.

AMY: Der Skandal?

PRINZ VON WALES: Alte Schule, Koefeld. Ihr Weltgefühl ist korsettiert.

Demokratisch ist für Sie ein Purgier. Mir heitres Brausepulver.

Beschäftigen Sie sich branchekundiger. Stiften Sie Ehen.

AMY: Aber: der Skandal?

GRAF KOEFELD _stramm_: Untertänigst, gehorsamst ... der Skandal?

AMY: Ich sterbe vor Ungeduld.

PRINZ VON WALES: Lord Mevil ...

AMY: ... der heute heiratet ...

PRINZ VON WALES: Lord Mevil, der heute heiratet, fand die Braut

entführt. Sein Riesenaufwand ist verpufft. Sein Goldvogel hat sich

verflogen. Ein Klügerer als dieser schöne Satan Mevil hat ihm das Haus

ausgeraubt zehn Minuten, eh er es betrat. Mevil ist nun bankrott.

HELENE: Und wer ...?

AMY: Wer?

PRINZ VON WALES: Der schönste Name Englands.

AMY: Das wäre Monseigneur.

PRINZ VON WALES: Ich mische mich nicht in die Bourgeoisie.

GRAF KOEFELD: Horrä. Horrä. Horrä.

PRINZ VON WALES: Man könnte mich dort abweisen. Man hat auch da Stolz.

Höher.

AMY: Der König.

PRINZ VON WALES _verneigt sich in den Spiegel, spielt mit der Drehung,

hustet. Koefeld macht Zeichen._

GRAF KOEFELD _näher kommend_: Monseigneur.

HELENE _mißverstehend_: Unmöglich.

PRINZ VON WALES _lächelnd_: Noch illustrer.

HELENE: Wie kann das sein?

PRINZ VON WALES: Herrlicher. Voll Ruhm. Voll Auszeichnung. Angebetet.

Von frischem Erfolg sekündlich umgeben.

HELENE: Ich kenne niemand. Nennen Sie ihn.

PRINZ VON WALES: Kean.

HELENE: Das ist unmöglich ...

PRINZ VON WALES: Woher wissen Sie das?

HELENE: ... daß Sie sich in Vergleiche begeben, die Beleidigungen für

Sie sind.

GRAF KOEFELD: Gnade Gott, daß der Kerl absagte. Rechts um Marsch. Das

Ganze Halt.

PRINZ VON WALES: London wird illuminieren. Flaggt. Läßt das

Betschuanenregiment mit Niggermusik und Trommeln über die Plätze ziehn.

Die Männer haben Schlaf. Kean ist gefesselt.

AMY: Wie reizend.

PRINZ VON WALES: Liverpool empfängt vom Meer her seine letzten Grüße.

Langsam anschwellendes Lärmen, ohne Übereilung herankommend, lauter,

weit geht die Tür auf. Mit großer, weltmännischer Bewegung herein

tritt Kean.

Kean: Schauspiel in fünf Akten nach Alexandre Dumas · 第 11 / 65 题