SZENE DREI

KEAN: Ein Zufall, den ich preise, obwohl er nicht ohne Tragödie ist,

setzt mich in den Stand des Vorzugs, der Gräfin Koefeld die Hände zu

küssen, dem Prinzen von Wales, Monseigneur, meine Achtung in dem

höchsten Maße der Ergebenheit zu bezeigen und dem Grafen Koefeld den

Widerspruch zwischen meiner Absage und meinem Erscheinen in einem Wort

der Bewunderung und der Bitte zugleich zu erklären.

PRINZ VON WALES: Wir zählten nicht auf Sie, in der Tat. Ich danke für

die doppelte Konfusion. Ich erinnere mich eines Gascogners, der daran

litt, doppelte Muskeln zu haben. Man gab ihm Milchbäder, er machte sie

zu Butter. In der Tat, ich erinnere mich mit Vergnügen der Geschichte.

KEAN: Die Gerüchte sind falsch, die Konsequenzen ungültig, ich

unschuldig. Darf ich Beweise ...

PRINZ VON WALES: Ich also ein Lügner?

KEAN: Monseigneur, der, welcher Sie belog.

PRINZ VON WALES: Ihre Dokumente?

KEAN: Ich kam hierher, da ich Sie hier wußte. Man betritt kein Haus

lieber als das, in dem man sicher ist, die Verfolgten geschützt zu

sehen.

PRINZ VON WALES: Seltsam, damit zum Prinzen von Wales zu kommen.

KEAN: Und dies mit einem Brief, der beweist, daß es keine schönere

Aufgabe ist, als für die Verteidigung einer Frau und der Wahrheit selbst

vor der Ungnade des höchsten Protektors zu stehen. Den Brief ließ Daisy

Miller in meinem Zimmer, als sie mich nicht antraf. Der Spion versäumte

zu sagen, daß sie es nach zwei Minuten verließ.

AMY: Lesen Sie.

KEAN: Nicht ich.

PRINZ VON WALES: Lesen Sie.

KEAN: Wer bin ich, Monseigneur? Ich bin der Schauspieler Kean. Ich bin

nicht töricht genug, zu wissen, daß dies viel ist, so wenig es vor Ihnen

ist. Aber was bedeute ich in einer Sache, die Keuschheit und Würde

verlangt. Habe ich ein Echo in feinen Dingen? Man schreit Don Juan,

Verräter, Wüstling, Komödiant. Man horcht auf meine Stimme, wenn ich

Romeo spiele. Was bin ich als Mensch diesen anderen Menschen? Nimmt

jemand mich voll außer Monseigneur? Ich fürchte, daß meine Stimme nicht

den Vorzug hat, so vor der Wahrheit zu stehen, wie mein Wille es tut.

GRAF KOEFELD: Akzeptiert. Unaufgefordert. Da Sie den Prinzen von Wales

suchen, bitte, Ihre Bitte nicht aufzuschieben, mit der Sie sich

annoncierten. Seine Wünsche sind Ordres. Höflichkeit, sie zu befolgen,

die geringste Pflicht der Untertanen.

KEAN: So darf ich mich vor der Gräfin Koefeld neigen, denn nur wenn die

Ehre dieser Frau und ihr Name sich anschickt, ja sagend und gütig sich

beugend, zur Unschuld der ärmeren und unbedeutenderen Schwester

herunterzukommen, wird erst Gerechtigkeit sein und die Unschuld so gut

gepaart sein, daß es überzeugt.

PRINZ VON WALES: Kean.

KEAN: Selbst Ihr Rang und Ihre Macht, Monseigneur, sind nur eine Stufe

der gestaffelten menschlichen Vollkommenheit und ein schöner Vorposten

der menschlichen Gesetze. Verzeihen Sie meine Kühnheit, wenn ich die

große Rührung, die von dem schlichten Mund der unbestechlichen und

erhabenen Wahrheit ausgehen, darüber stelle. Die Unbedingtheit der

gerechten Äußerung kommt nur aus der Würde einer verehrungswürdigen

Frau.

PRINZ VON WALES: Geben Sie der Gräfin den Brief.

AMY: Sagen Sie Ihr Kommentar.

HELENE: Ich möchte ihn nicht lesen.

KEAN: Ich verehre das Übermaß an Zartgefühl, das nicht in die Feinheiten

anderer Schicksale fassen will, Gräfin. Ich, der ich erbärmlich bin vor

der Größe Ihrer Augen, nur ein Sujet, ein Quelconque, nur ein Mann,

irgendwelcher, nur Kean, ich flehe Sie an, aus einer übertriebenen

Feinfühligkeit kein Opfer zu machen.

GRAF KOEFELD: Geben Sie der Gräfin diesen Brief. Unbesorgt. Voran.

Junger Mann. Zivilcourage!

KEAN: Darf ich die größte Beleidigung wagen, die Monseigneur angetan

wurde, und ihn bitten, die Gräfin meine Erklärungen allein aufnehmen zu

lassen, damit die Wahrheit, die ja im einzelnen der private Besitz

anderer Menschen ist, aus ihrem Munde Ihnen zurückgegeben, ohne jeden

Klatsch nur mit der endgültigen Sicherheit des Satzes schließe: Kean ist

unschuldig, und die verfolgte Frau ist es auch.

Der Prinz führt die beiden in den Hintergrund, lächelnd, sich

verbeugend.

GRAF KOEFELD: Tontauben, Monseigneur. _Sie gehen zum Balkonfenster

hinaus._ Peng ... Schräg ... zu hoch -- Patronen. Dank ... Monseigneur.

_Man sieht sie draußen, hört sie, sieht ihre Schatten._

HELENE: Sie haben mich in eine Lage gebracht, die ich Sie büßen lasse.

KEAN: Da ich in einer guten Sache mein Leben zum erstenmal dem Ihren

mische, kann nur ein gutes Schicksal über uns stehn.

HELENE: Ich wünschte, Sie verließen mich in derselben Sekunde.

KEAN: Ich werde Sie verlassen, wenn ich, nicht, wenn Sie es wollen.

HELENE: Den Brief. _Liest, hält ein, weicher, beruhigter_: Sie haben

recht.

KEAN: Versprechen Sie mir, den Brief fertig zu lesen.

HELENE: Ich las.

KEAN: Die Rückseite ist auch beschrieben. Ich fürchtete, meine Stimme

würde nicht reichen, diese Minute zu ertragen.

HELENE: Die Rückseite ...

KEAN _nimmt ihr das Papier aus der Hand, hält es vor sich_: Ich werde es

Ihnen lesen, Gräfin, ich kann es Ihnen lesen. Ich lese rasch, Gräfin, es

geht um jede Seligkeit; ich habe eine Stunde seit Monaten gesucht, die

eine Dame Ihrer Position mir geben kann, ohne sich zu kompromittieren,

ich gäbe mein Leben für diese Stunde, es sind nur zwei Minuten jetzt,

sie vorzubereiten, Gräfin, zwei zufällige Minuten, zwei noch vor einer

halben Stunde ungeahnte Minuten; auch sie genügen, aber ich bin kurz.

Lassen Sie Ihren Wagen vor dem Theaterbüro halten, nehmen Sie ein

Billett, winken Sie mit dem Fächer. Der Billetteur ist mir ergeben. Sie

kommen in Schwarz, mit einem Schleier. Durch einen geheimen Gang kommen

Sie in meine Loge. Ich werde es Ihnen ins Blut setzen, daß Sie es nie

vergessen ...

HELENE: Halt. Ich habe genau zugesehen. Sie haben gelogen. Es stand

nichts auf der Rückseite. Das Papier war leer.

KEAN: Als ich hierher ging, hatte ich nichts im Sinn als das Schicksal

einer Unschuldigen.

HELENE: Sie vergaßen den Grund Ihres Kommens rasch.

KEAN: Ich riß aus der Sekunde, als sie mir nahte, was sie mir geben

konnte.

HELENE: Sie setzen Ihr Leben aufs Spiel.

KEAN: Tue ich es nicht auch, wo ich für die Unschuldige eintrete?

HELENE: Das erste war echt. Ist das zweite mehr wie Wahnsinn? Gibt es

zwei Dinge so nebeneinander? Und echt? Verwunderlich.

KEAN: Prüfen Sie.

HELENE: Ich kann es. Ich kann auch die Hunde rufen.

KEAN: Sie kommen in die Loge!

HELENE: Verlassen Sie sich nicht auf die Kühnheit Ihres Wahnsinns.

KEAN: Durch den Gang in meine Loge. Sie kommen das erstemal, wenn ich

wieder spiele. _Die Gräfin Koefeld stampft mit dem Fuß auf, Kean

klatscht in die Hände, verbeugt sich vor Helène, ruft nach rückwärts_:

Monseigneur, Graf Koefeld, die Gräfin Goswil auch, ich vergaß ... ich

erbitte tausendfach Entschuldigung ... die Gräfin hat gehört. Ich habe

geredet.

HELENE _stockend_: Der Herr ist ... unschuldig -- -- und Daisy Miller

... auch.

Schluß des ersten Akts.

Kean: Schauspiel in fünf Akten nach Alexandre Dumas · 第 12 / 65 题