Sechzehntes Kapitel

Benvenuto Paule hatte in der zurückliegenden Nacht einen kurzen Brief an

Afra geschrieben und sich nach zweistündigem Schlaf erhoben, um das

Schloß zu verlassen. Eine seiner Zeichnungen, jenes Bild eines jungen

Mannes, das Afra kannte, hatte er auf einem Tisch, mit dem Brief

zugleich, für das Mädchen zurückgelassen. Seine geringen Habseligkeiten

trug er in einem Bündel über die Schulter geworfen, und eine große graue

Mappe mit seinen Zeichnungen und sein Stock waren alles, was er sonst

mit sich davontrug. Er ging, wie er gekommen war.

Im düsteren Zwiegespräch mit seiner Seele schritt er dahin durch das

Dämmerlicht der grauen Nacht, in der es schneite, die den Morgen nur

zögernd über die Erde herabließ. Das ebene Land, dessen Horizonte im

Nebel zerflossen, war von unaussprechlich trauriger Einförmigkeit,

nichts erklang umher, alles schlief, nur seine Schritte auf der

Landstraße erschollen, gedämpft von der feinen bläulichen Decke des

ersten Schnees.

Hinter ihm versank Wartalun in einem uferlosen Meer von Grau, das keine

Küsten und keine Horizonte hatte, keinen Grund und keinen Himmel. An

einem Herbsttag voll Klarheit und Abendsonnenschein war es ihm

auferstanden mit seinen festen Mauern und seinen gesicherten Türmen, im

Schutz der großen Eichen, im Spiegel der blanken Wassergräben, darin die

großen Blätter der Ahornbäume schwammen. Es war ein weltabgeschlossenes

Reich gewesen, wie es von den Träumen der Menschen gesucht wird, die am

Unfrieden und an der Bosheit der Städte und aller lauten

Menschengeselligkeit leiden. Für ihn selbst war Wartalun der Begriff

seines Schicksals geworden, Wartalun hieß sein irdisches Los.

Aber die Gedanken des einsamen Wanderers, mit denen er sich Kraft und

Halt zu geben hoffte, verirrten sich bald in einem warmen Sturm, der aus

den Landschaften seiner Seele daherwehte und ins Reich des Unbewußten

hinüberführte. Unter seinen Verführungen erblindeten die wachsamen Augen

der Seele.

Er blieb auf dem Wegrand stehen, auf dem er in der trüben

Morgendämmerung dahinschritt, schlang seinen Arm um den Stamm einer

nassen Esche, die dort am Graben der Straße wuchs, legte seine bleiche

Stirn auf den Rücken seiner Hand und weinte. Der kalte Morgenwind des

verlassenen Landes kam zu ihm, und sein Schluchzen vermischte sich mit

den Atemzügen des erwachenden kurzen Tags. Die winterlich entschlafene

Erde hörte ihn nicht, und die erstarrten Pflanzen harrten reglos ihrer

eigenen Erlösung. --

Der Brief, den er an Afra geschrieben hatte und den das Mädchen auf

ihrem Zimmer fand, als sie Helmut nach jener verhängnisvollen

Auseinandersetzung verlassen hatte, lautete:

»Leb wohl, Afra. Ich wünsche über Dein Haupt und über Dein Herz das

Edelste, was der Himmel einem jungen Weib zu geben vermag. Es wird

Dir zuteil werden, weil Du reich und stark bist. Nun, da ich mich

für immer von Dir getrennt habe, begehe ich keine Schuld mehr gegen

meine Pflichten, wenn ich Dir sage, daß ich Dich von ganzem Herzen

liebhabe und daß ich keine andere Frau lieben werde, nur Dich. Du

begleitest mich als die Hüterin meines Verlangens nach dem

Vollkommenen.

Es ist von Reichtum und Armut zwischen uns die Rede gewesen, und ich

habe die Worte Deines väterlichen Freundes von Dir gehört, der

begraben liegt, ich habe Dein befangenes Suchen nach dem Sinn

solcher Worte empfunden. So höre nun: Die reichsten Menschen

erscheinen unbekannt und verlassen, sie haben nur geringe Rechte auf

der Erde, aus deren klingendem und farbigem Jubelzug von Freude und

Gelingen sie verstoßen sind. Ihr Name ist Unfriede, Sehnsucht,

Heimweh und Vollendung. Ich bin

Benvenuto Paule.«

Als Afra die Worte des Mannes las, der sie verlassen hatte, war ihr, als

griffen zwei starke Hände nach ihrem Herzen. Sie wußte nicht, ob sie

Schmerzen durchlitt oder brennende Freude, nur die hellen Wirbel

stürmten durch ihr singendes Blut, die einem Menschenkind das erste

Bewußtsein eines großen Erlebnisses bringen. Als wendete das Leben, dies

unfaßbare Etwas, das Leben genannt wird, sich plötzlich nach ihr um,

begabt mit Sinnen, wie mit einem Angesicht und mit eindringlichen Augen,

wie Menschen sie haben, und riefe laut: »Ich meine dich! Hast du nicht

auf mich gewartet? Hast du nicht nach meinem Sinn geforscht? Sieh, da

bin ich.«

Es erschien Afra in diesem seltsamen Zustand glühender Beteiligtheit

plötzlich, als läge alles, was sich bisher ereignet hatte, weit hinter

ihr, tief unter ihr, in großen entstellenden Abständen, die es

fremdartig, klein und grau werden ließen. War es nicht lange, lange

her, daß sie mit Helmut harte Worte gewechselt hatte? Der kurze Weg

durch das Haus, von seinem Zimmer bis zu dem ihren, war eine lange

Straße, auf deren leerer Bahn sie vergessen hatte, was bisher wichtig

und bedeutungsvoll für sie gewesen war. War denn sie es gewesen, die

sich so heftig ereifert und sich so ungebärdig gestellt hatte in

Befürchtungen, Absichten und Taten? Um was nur, um was?

Erst als sie den Brief ein zweites Mal las, kam von allem, was ihr

vergangenes Leben bewegt hatte, ein einziges zu ihr, es kam in Gestalt

eines Engels über die verlassenen Gefilde ihrer Mädchentage, aus Tälern

und Tiefen, über die hellen Höhen, über Rosen und Schutt daher, fernher

aus den lieblichen Gärten ihrer schönen Kindertage. Und dieser Engel

zeigte ihr in den rauhen, unbeholfenen Schriftzügen das große Herz des

Mannes, der ihr schrieb. Mit einer leichten Berührung seiner blassen

Hand löste er die Tränen ihrer Augen, richtete ihre Hoffnung zu

heldenhafter Siegesseligkeit auf und wies über die winterlichen Felder

hinaus auf den Unfrieden, die Sehnsucht und die Vollendung auch ihres

Daseins.

Es hinderte sie kein Gedanke und keine kleine Furcht, es erschien ihr

das Eine, Große, Notwendige ihres Wesens, daß sie sich aufmachte, um den

Weg in dies Land zu finden. War diese Pflicht ihr nicht schon seit

langem eine dunkle Gewißheit des Bluts, der nur die befreiende Kraft

jenes Lichts gefehlt hatte, das aus den Worten brach, die von Paule

kamen und ihr galten: »Ich liebe dich von ganzem Herzen« --?

Martin war ehrlich empört, als Afra nach kurzer Zeit wohlgerichtet und

mit Entschlossenheit aus ihrem Zimmer trat und Joni forderte. Bei ihrem

ersten befehlenden Wort vergaß er seine heiligen Vorsätze, das Schloß

für immer zu verlassen.

»Afra, aber das geht nicht! Bedenke, Joni ist durch und durch aufgelöst.

Sieh dir das Tier an, es zittert noch am ganzen Körper, drüben wird es

bewegt, komm, sieh ...«

»Nein«, sagte Afra, »ich will es haben. Bewegt werden muß es doch. Wenn

es nicht so viel aushält wie ich, will ich es nicht mehr reiten.«

Martin mußte Afra wieder und wieder anschauen. Was war nur in ihrem

Angesicht für ein feierliches Leben? Es erschien ihm wie eine liebliche

Freude, und doch war es voll bedrohlicher Willenskraft. Nach ihren

letzten Worten galt es für ihn, Joni zu verteidigen:

»Glaubst du, sie hielte nicht aus? -- Ganz andere Sachen! Hast du eine

Ahnung, was so einem Tier zuzumuten ist. Aber wozu? Willst du denn

überhaupt schon wieder fort?«

»Also, nicht wahr, in fünf Minuten ist Joni bereit?«

»Eher, eher, du kannst tun, was du willst.«

Er lief fort, aus Gründen fröhlich, die er nicht verstand.

Afra stand gerade und still im Hof, ihr kurzes Tuchkleid ließ die

schmalen Stiefel bis über die feinen Gelenke empor sehen, sie hatte den

einen Fuß vorgestellt, hielt mit dem Ellbogen die Gerte an die Hüfte

gepreßt und knöpfte ihre hohen Reithandschuhe. Es schien, als wollte die

Sonne durch die Wolkenschleier brechen, es war lichter umher in der

Welt, als der Morgen versprochen hatte, und die Schneedecke war

geschmolzen. Aber kalt war es immer noch, der nasse, leere Park lag

erstorben. Afra sah noch die Spitzen der Tannengruppe, unter der Graf

Konstantin ruhte. Es ergriff sie ein Taumel von Erhobenheit, Wehmut und

Kraftbewußtsein. Sie starrte hinüber, und plötzlich war ihr, als sähe

sie von verworrenen, bunten und heißen Gebirgspfaden in ihr ruhiges Land

zurück. Was tat sie nur? Was wollte sie denn, welch ein Vorhaben

entflammte ihr Herz?

»Leb wohl, Afra«, sagte sie da leise zu jenem Mädchen hinüber, das sie

einst gewesen war, bis heute.

Die Saaltür klirrte. Sie mußte verschlossen sein, denn das Rütteln hörte

auf, und nun vernahm sie Melchiors Schritt im Gang zum Flügel des

Schlosses. Er schien zu eilen. Da die Fenster ihres Zimmers geöffnet

waren, hörte sie, wie er an ihre Tür pochte. Erst leise, dann heftiger.

Endlich öffnete er vorsichtig, und sie sahen sich durchs Fenster.

»Ach, da bist du ... draußen ...« rief er. »Warte noch, ich komme.«

Sie blieb stehen und senkte die Augen. Nun schritt er rasch auf sie zu,

er kam aus der Küchentür.

»Afra, der Herr bittet dich sehr, zu ihm zu kommen.«

Das junge Mädchen dachte:

Und wenn ich nun Paule nicht finde?

»Ja, ja«, sagte sie.

»Wann kommst du, kommst du gleich?«

»Wieso? Was denn? Wer will etwas von mir?«

»Der Herr. Er bittet dich, zu kommen.« Melchior sah Afra angstvoll an.

Sie empfand nun, daß er erregt und traurig war.

»Ich komme nicht.«

»Du kommst nicht? Ich glaube, du mußt es tun, denn es steht böse um ihn.

Ich bin voll Angst um sein Ergehen ... schon seit langem.«

Es kann nur der Weg nach Wartaheim sein, dachte Afra und atmete auf. Da

kam Martin mit Joni. Das Pferd erschien ihr kleiner als sonst, es hielt

seinen Kopf tief gesenkt, hob aber doch witternd die dunkle Schnauze,

als Afra ihm entgegentrat. Melchior lief mit:

»Wie denn ...« stammelte er ratlos, »du kommst nicht?«

»Nein, ich kann nicht. Sag dem Herrn Grafen, ich könnte nicht, meine

Pflicht riefe mich. Verstehst du, nur dies. Und grüß ihn und wünsch ihm

Lebewohl. Ich käme nicht wieder.«

»Was bedeutet das?«

»Tu, was ich sage!«

»Afra, das ist böse von dir. Sei barmherzig ... Wie soll es denn

werden?«

Afra winkte Martin. Er richtete ihr den Steigbügel für den Fuß und seine

Schulter für ihre Hand. Eilfertig, wie er stets war, wenn es ihm galt,

Melchior zu zeigen, wie man Afra gehorchen mußte und wer von ihnen ihr

unentbehrlicher war.

Aber der alte Melchior hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für

Wettbewerb und dachte nicht an sein Ansehen. Mit einem tiefen Seufzer

und nach einem trostlosen Blick in den grauen Tag hinein, schritt er

langsam ins Haus zurück. Er wußte, daß alles Bemühen, Afra umzustimmen,

nur ihren Eigensinn verdoppelte. Das große Schloß war leer, und sein

müder Schritt hallte angstvoll wider ...

Afra wußte, daß eine Gewalt sie führte, die stärker als sie war. Sie

fühlte den kalten Wind an ihren Schläfen und sah die Wolken dahinziehen.

Das Land, das sie durchritt, war ihr bekannt, aber alles, was ihr

geschah, war von sinnbetörender Eindringlichkeit, so daß ihr Urteil

nicht mehr zwischen klein und groß, zwischen wichtig und unwichtig und

zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden vermochte. Und

dieser Zustand wechselte mit Augenblicken so nüchterner Klarheit ihrer

Gedanken, daß sie das Tun ihres Herzens bedacht und selbstsüchtig

schalt. Sie verachtete sich in ihrem Vorhaben und schürzte spöttisch

ihre Lippen über den falschen Aufwand von Hingabe, der sie begeisterte,

und über ihr kindliches Gebaren, das sie einem gewagten Spiel verglich

und von dessen Ausgang sie sich einreden konnte, wie immer er sein

möchte, so würde es ihr zum wenigsten doch einige Unterhaltung bringen.

Und im lauen und stürmischen Wechsel der Beschaffenheit ihrer Seele

mußte sie beharrlich an vielerlei Erlebnisse ihrer Vergangenheit

denken, und immer waren es solche, die sie tief bewegt hatten. Sie sah

Elsbeths unstete Hand, wie sie geängstigt den Rand des Tisches entlang

glitt, das mußte gewesen sein, als sie in jener Nacht ihre dunklen

Anklagen häufte, mit jenem von Gram und Hilflosigkeit entstellten Mund,

den der Tod nun schon lange geschlossen hatte. Dann war es Friedels

Geige. Sie glänzte braun und spiegelte die Kerzen; unter den Saiten,

dort, wo sie der Bogen strich, lag eine feine, weiße Staubschicht. Das

Kerzenlicht blinkte in den schlanken Weinkelchen mit ihren tiefen,

satten Farben und ihrem hellen Gold. Wie Edelsteine glänzten diese

Farben im Glas, sie leuchteten von innen her, als hätten sie eigenes

Licht, und ihr Rot und Blau und Grün war keinen anderen Farben zu

vergleichen, vielleicht noch dem beseelten Feuer, das aus den Bildern

der Kirchenfenster drang. Dann sauste das Land, sie saß Joni wieder

rittlings im Nacken, ihr Kleid klatschte wie eine nasse Fahne im Wind,

sie wurde in ruckweisen, schaukelnden Stößen dahingerissen, und ihr war

wieder, als sei sie auf einer Flucht um ihr Leben.

Dicht vor Wartaheim befiel sie eine brennende Unruhe. Sie setzte Joni in

Galopp, bis sie unter den Linden des alten Gasthauses war. Dort hielt

sie an, ohne abzusteigen. Man sah sie durch die niedrigen Fenster der

Wirtsstube, die von Efeu umrahmt waren und im Schatten des tiefen Dachs

lagen. Ungeduldig hieb sie die Reitgerte über den Sattel, daß es laut

schallte. Der Wirt trat selbst heraus, er trocknete seine Hände in

einer blauen Schürze, die in der Mitte einen großen nassen Fleck hatte,

und verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick zu senken. Anfangs

verstand er sie nicht, und da er annahm, es handelte sich wohl um die

gewohnten paar herablassenden Worte, stammelte er einige gleichgültige

Sätze über die Ehre, die ihm geschähe, und über die kalte Witterung.

Er zuckte zusammen, als Afras Stimme wieder klang.

»Wie? Wird etwas verlangt? Das gnädige Fräulein befiehlt etwas?«

»Hör zu, wenn ich spreche. Schwatze nicht«, sagte Afra kalt, »ich will

wissen, ob der Freund des Herrn Grafen bei dir gewesen ist?«

»Der Prophet ... entschuldigen Sie, Herrin -- ja, der Herr ist hier

gewesen ...«

Afra sah plötzlich das Haus in tausend hellen Farben, die Sonne schien,

die ganze Welt war voll Frohsinn und Güte. Sie lachte beglückt auf:

»Wo steckt er denn, der Prophet?«

Der Wirt lachte mit, augenscheinlich recht befreit, und meinte, ohne

Bedrücktheit und um vieles freiheitlicher:

»Er ist davon, nach Cismaren. Noch nicht zu lange ... Er hat sehr auf

Sie gewartet, Fräulein Afra.«

»Hör, woher weißt du das?«

Der Alte bewegte die flache Hand über der Stirn, wandte sich der

Landstraße zu und blickte wie suchend in die Richtung nach Wartalun:

»Er hat nach Ihnen ausgeschaut.«

Im Hausgang hatten sich Gesinde und ein paar Gäste der Wirtsstube

angesammelt, auch an den Scheiben sah Afra bärtige Gesichter. Auf der

verwitterten Futterkrippe am Schlagbaum saßen Sperlinge, und neben dem

Eingang lagen leere Fässer.

»Bring mir ein Glas Milch, willst du?«

»Ob ich will! -- Gleich ist es da.«

Er eilte davon, so rasch es ihm seine beschaulichen Gewohnheiten

gestatteten, aber befangen blieb er doch. Afra empfand es deutlich, es

drang von den Ereignissen in Wartalun zu viel in entstellenden Gerüchten

unter die Leute. Das Leben, das im Schloß geführt wurde, erschreckte die

Landbevölkerung; ihre abergläubische Besorgnis sah in den

unverständlichen Schicksalen das Walten finsterer Mächte, und es war

längst Gewißheit geworden, daß Tote im Schlosse umgingen und böse

Geister ihr höllisches Spiel dort trieben. Und wie es oft im

Verwirrenden solcher Befangenheit geschieht, sah man im Unschuldigsten

den Urheber allen Unheils. Paules fremdartiges und verschlossenes Wesen

erschien den meisten der Ursprung des Verderbens. Man wich ihm um so

mehr aus, als bekannt wurde, daß Afra in seinen Bann geraten sei. Das

Schloßgesinde erzählte unerhörte Tatsachen seiner geheimen Macht über

das junge Mädchen, das niemand jemals gefügig gekannt hatte.

Davon war auch in der Wirtsstube die Rede, als Afra auf Cismaren zu

fortgeritten war. War nicht durch diesen Vorfall die schlimmste

Befürchtung erwiesen? Sie mußte ihm folgen, wohin er wollte, sein

bösartiges Spiel mit ihrer Seele trieb sie rastlos hin und her, und

sicherlich war Iduna im Recht, die erzählt hatte, er würde noch das

ganze Schloß in seine Gewalt und in seinen Besitz bringen.

Woher mochte diese Macht kommen, die keinem erklärbar schien? -- Er

schritt mit seinen versonnenen Augen arglos dahin, bald hart und fest,

die Stirn im Licht, dann wohl auch gebeugt und fast armselig, wie einer,

den die Welt verstoßen hat und der seine Wirkungen verachtet. Und doch

ging etwas von ihm aus, das seltsam einschüchterte, das ein Besinnen

nach den eigenen Zielen und nach dem Wert des eigenen Besitzes wachrief.

Mit dem Aufschlag seiner Augen wurde umher ein Wille lebendig, der alle

kleine Kraft verächtlich machte, es fand mit ihm eine heimliche

Umwertung statt, und ein Verlangen wachte auf, das seinen Ursprung in

der Kindheit hatte und dessen Ziel mit aller Hoffnung der Zukunft

verwoben schien. Er hatte recht, wenn er sprach, und beinahe eher noch,

wenn er schwieg. Schön und häßlich veränderten vor ihm ihr Angesicht und

arm und reich ihren Wert. Sein Urteil konnte das Herz in wilde Trauer

werfen und war so unvergeßlich wie das Wesen und die Gestalt seiner

Hände.

Das mochte man wohl feststellen und bedenken, dieses und mancherlei

mehr, je nach dem Maß von Anspruch und Erkenntnis, aber die Lösung der

Rätsel seiner Wirkung war damit nicht gegeben, denn die Menschen wissen

nicht, daß alle bedeutungsvolle Einwirkung allein aus dem

unverfälschbaren Wert eines großen und guten Herzens stammt. So wurde

Zweifel zu Haß oder Liebe, aber bald gewahrte man, daß im Grunde

diejenigen geachtet wurden, die ihn liebten.

* * * * *

Mit der Neige dieses Tages war Paule in einem Gasthaus eingekehrt, das

an einem Tannenwäldchen, nahe der Landstraße, zwischen Wartaheim und

Cismaren lag. Die Herberge war wenig besucht und erfreute sich keines

besonderen Ansehens. Nur an schönen Sommertagen waren die Tische und

Bänke unter den tiefästigen Kastanien zuweilen von allerlei leichten

Gästen bevölkert, deren Ziel die Hoffnung auf bessere Zeiten und deren

Heim die Landstraße war. Auch kehrten Fuhrleute dort ein, wenn die Nacht

sie überraschte, denn bis Cismaren waren es noch zwei volle Stunden

Wegs. Der Ruf der Schenke und ihres Eigentümers war unter Menschen

wohlgeordneter Lebensführung der denkbar geringste, es ging das Gerücht,

daß dort vor Jahren ein reicher Viehhändler eingekehrt und seit jener

Nacht spurlos verschwunden war. Da die Anner dicht am Hofe vorüberfloß,

lag der Schluß nahe, daß der Leichnam des Ermordeten sein Grab im trüben

Frühlingswasser des Flusses gefunden hatte. Das Gasthaus führte den

seltsamen Namen »Die Knickburg«.

Dort war Benvenuto Paule eingekehrt. Ihm gefiel das vom Tannenwald halb

versteckte Haus, das flache Flußufer und das Silberband des Wassers

hinter den Weiden. Von dem kleinen Zimmer aus sah man über das ebene

Land hin und hörte den Wind in den Tannen. Wartalun war im Grau der

Abendferne versunken. Er war noch nicht lange dort, als er den Hufschlag

eines Pferdes auf der Landstraße vernahm, und von einer heißen

Befürchtung befallen, stand er mitten im Zimmer und lauschte. Er faltete

seine Hände und horchte auf die dumpfen Stöße seines Herzens und

lächelte geringschätzig über sich und wollte nicht glauben, wieviel

Hoffnung sich hinter seiner Furcht und wieviel Schwäche sich hinter

seinem starken Willen verbarg.

Und dann kamen Schritte näher. Das etwas krächzende Organ des Wirtes

erscholl auf der Holztreppe, eine helle, klare Stimme fiel ein. In

goldenen Strömen sank es vom Himmel auf Haupt und Herz des Mannes

nieder, der sie hörte. Nie, niemals in seinem Leben ist er so glücklich

gewesen.

Als sich nun die Tür öffnete, sich rasch wieder schloß und Afra vor ihm

stand und das Lebenslicht ihrer hellen Augen seine Seele rief, ihn

selbst, sein ganzes Wesen, restlos bis in die Verborgenheit seiner

einsamsten Erwartungen, wußte er plötzlich in der Verzücktheit einer

grenzenlosen Traurigkeit, daß der Weg durch das Tal der Welt durch ein

leuchtendes Tor von Rosen führt.

Er riß Afra an sich und preßte sie an seine Brust mit der Kraft seiner

Arme und von einem Feuer entflammt, das ihn zu betäuben drohte. Er küßte

ihren Mund und ihr Angesicht, ihre Wangen und ihre Stirn, als wäre die

Hingabe seines Wesens zugleich eine todeszärtliche Abwehr gegen ihre

große liebliche Macht.

Über Afras harten Augen, die sonst wie heller Stahl glänzten, lag Marias

Schleier. Ein Triumph der Hingabe verklärte ihr weit zurückgeworfenes

totenbleiches Angesicht. Ihr Mund mit seinen halbgeöffneten Lippen

schien einen Kelch von grauenhafter Süßigkeit zu schlürfen, derweil ihre

Hand das Herz schützte, aus dem ihr Blut in Strömen rann.

Draußen lag das Land in Dämmerung. Der gelbe Abendhimmel stand im Wasser

des Flusses und in den stillen Tümpeln der Wiesen. Die reglosen

Baumgruppen unter den Schleiern der feinen Nebel, fern in der weiten

Ebene, sahen wie graue Kuppeln verlassener Kapellen aus. Vereinsamt

wartete die Welt auf die kühle Nacht. Am Horizont, im Abschiedsfrieden

des winterlichen Tags, von Licht gerändert, stand eine zerklüftete

Wolke, die wie ein riesengroßer Vogel aussah, der der dahingesunkenen

Sonne folgte.

Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts · 第 19 / 20 题