Fünfzehntes Kapitel

Afra hatte einen kurzen Schlaf der Betäubung geschlafen und erwachte am

anderen Morgen, als es noch dunkel war. Sie sprang empor, als sie sich

in ihren Kleidern auf dem Bett liegen fühlte, machte Licht und kleidete

sich um, nachdem sie ihren Körper in kaltem Wasser gebadet hatte. Die

Kerze leuchtete ihr bang und liebevoll in ihrer großen, leeren Stube,

die von allen Gerätschaften eines Schlafraums nur das Notwendigste

enthielt und nicht auf den Aufenthalt eines jungen Mädchens schließen

ließ.

Sie fühlte sich wohl und stark, die seltsame Nachtstunde, die den Morgen

empfangen sollte, gefiel ihr. Sie lauschte auf die ersten vertrauten

Klänge erwachenden Lebens, die aus den Ställen und vom Hofe her zu ihr

hereinklangen. Eine Pumpe sang, und sie hörte, daß ein Wagen aus der

Remise geschafft wurde, das Pfeifen eines Knechts scholl draußen in der

frühen Dunkelheit und hin und wieder ein schwerer, langsamer Schritt

für eine kurze Weile.

Sie stieß ihr Fenster auf. Die Luft hoch am Himmel zwischen den kahlen

Zweigen der Linde war von seligem, fernem Blau, darin zogen seine

Wolkenschleier in freudiger Leichtigkeit, und ein Stern stand blank

darin, hell, wie aus geputztem Messing. Drüben schaukelte in der Tür des

Pferdestalls eine Laterne.

Afra klatschte in die Hände, bis eine Magd zögernd hervortrat und sich

umschaute. Sie verlangte Milch von ihr, die ihr gleich darauf mit einem

freundlichen Morgengruß und mit glücklichem Lächeln zum Fenster

hineingereicht wurde; in einem blechernen Litermaß, überschäumend und

warm. Sie trank hastig, und von Gesundheit übermütig und erhoben,

schritt sie bald darauf über den Hof. Da sah sie, daß es geschneit

hatte. Wie konnte nur diese feine weiche Decke von blauem Licht so

beseligen? Sie rief schon von außen her Joni bei Namen, und das Pferd

wandte sich nach ihr um, als sie den Stall betrat. Sie sattelte es

selbst, umständlich und mit Gefallen an der Wohlbestelltheit des

wertvollen Geschirrs und des schönen hellen Lederzeugs, alles an diesen

klirrenden, starken Geräten war bedacht und zweckvoll. Die bekannten

Geräusche, der Duft des Stalls und Jonis blanke Haut, ihre zarten

Nüstern und ihre kluge Anhänglichkeit taten ihr unendlich wohl.

Was kümmern mich Lumpen, Barone und Propheten, dachte sie lachend, als

sie durch das Tor in ihre herrliche Freiheit ritt.

Ihr Auge gewöhnte sich an die Dämmerung, und es erschien ihr, als würde

es rasch hell. Dazu trug das Schneelicht bei, das von der dünnen hellen

Decke emporglomm, die die Erde bedeckte. Jonis Hufe klangen gedämpfter

als sonst und ließen dunkle Tapfen auf dem Weg zurück. Sie ritt um den

Garten herum durch die kalte Morgenluft, um die Landstraße nach Wendalen

zu erreichen, ihren liebsten Weg, der sich bald in die Niederungen des

Moorgeländes senkte und zwischen Weiden und Pappeln in die Wiesen ihres

Guts führte. Hier hatte sie zu Beginn des Sommers Helmut zum ersten Male

gesehen:

»Ich bin Afra ...«, wiederholte sie mit einem Lächeln ihre Worte, die

ihn damals so bestürzt gemacht hatten.

Es war hell geworden. Der Himmel war verhangen, aus den Forsten zogen

Krähen lautlos mit schweren Flügeln über Land. Afra sah mit heimlichem

Entzücken Wildspuren, die über den Weg führten, die breiten Eindrücke

der Hinterläufe hüpfender Hasen und den zierlichen Tritt des Rehs. --

Fort mit euch, ihr Gedanken voller Unfriede, ich will euch nicht in die

Natur hinaustragen, die mich erquickt. Es muß jeder seinen eigenen Weg

suchen, die Wege zur Natur stehen allen offen, in denen ihre Wohltaten

widerklingen. Plötzlich mußte sie an den Marder denken, der an einem

Morgen dieses Sommers von ihrem Schrot im Gras verblutet war. -- Aja und

Fenn waren ja nicht bei ihr. -- Sie hielt Joni an. Die Nüstern des

Tieres, das den schönen kleinen Kopf aufwarf und senkte, dampften in

der kalten Morgenluft ... die Gehänge der Zügel klirrten ... hatte sie

nicht gestern Paule fortgeschickt? War es nicht selbstverständlich, daß

er, nach solchen Worten aus ihrem Munde, gehen würde, sobald der Tag

anbrach? Oder war er vielleicht schon in dieser Nacht davongeschritten,

ihm war alles zuzutrauen, er fürchtete keine Unbilden der Witterung, und

für ihn hatten die Tagesstunden keine Gesetze. Mochte er gehen, wohin er

wollte. Aber sie nahm Joni herum und ritt langsam zurück.

»Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,

immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.«

Als sie Paule noch kaum ein paar Tage kannte, war er ihr eigentlich

schon lieb gewesen, das galt es sich einzugestehen. Er hatte ihre Fragen

eigentlich niemals klar beantwortet, aber er sprach zuweilen über sich,

wenn sie nicht fragte, und dann war ihr gewesen, als habe er nicht

eigentlich sie gemeint. Sie sah ihn Tage tatenlos verbringen, dann

wieder stundenlang ohne Rast über eine Arbeit geneigt, in unwirschem

Eifer, scheinbar ohne noch von der Welt zu wissen, die ihn umgab. Sie

hatte sich anfangs vergeblich bemüht, die Resultate seiner einsamen Mühe

zu würdigen, für die er von niemand Beachtung forderte. Er zeichnete

zumeist mit seiner plumpen Kohle, die, obgleich seine Bilder alle dunkel

wirkten, zuweilen feine Schatten oder Linien hervorbringen konnte. Sie

fand die dargestellten Dinge von seinen Blättern aus mit Mühe in der

Natur wieder, wenn er sie ihr zeigte. Nur zuweilen kam es ihr aus seinen

scheinbar so schlichten Gebilden entgegen wie ein dunkler Traumruf ihrer

Erinnerung. Sie suchte betroffen in ihren Erfahrungen, fand nichts, das

dem Erfühlten zu vergleichen gewesen wäre, und wußte doch, daß gleichsam

die Stellung berührt und gebannt war, in der ihr Herz sich einmal

befunden haben mußte, als gäbe es eine tiefere Wirklichkeit als die mit

ihren vertrauten Sinnen erkennbare. Er zeichnete die Dinge nicht ab,

sondern er verwandelte sie, als gäbe erst er ihnen ihre Beziehungen zum

Herzen. Und doch begegnete ihr auf seinen Blättern dasselbe, was sie

langsam, wie mit seinen Blicken, in ihrer Umwelt sehen lernte. Dann sah

sie erschrocken in seine Augen, die unaussprechlich schwermütig, aber in

strahlendem Blau, tief und groß in den Schatten unter der bleichen Stirn

ruhten und traurig und gütig dreinschauten, befangen und doch stark.

Er ließ ihre Blicke nicht zu sich ein.

Wie kam es nur, daß sie bei einer dunklen Zeichnung, in der nicht mehr

erkenntlich schien als eine düstere Steinmauer, die sich lang hinzog an

einem armen Weg und über die unter einer kleinen hellen Wolke ein paar

wilde Weinblätter niederhingen, an ihre Kinderspiele mit Martin denken

mußte, daran, daß Graf Konstantin streng und mächtig war und daß man

seine lieben Geheimnisse im Grünen bergen mußte?

Selbst aus seinen kleinsten Blättern erschien ihr alles Geschaute in der

Erinnerung übermäßig groß. Das Bildnis eines jungen Mannes, ein zur

Seite geneigtes bartloses Angesicht, in dem unter halbgesenkten Lidern

große und scheinbar ermüdete Augen niederschauten, blieb ihr

unauslöschlich im Gedächtnis. Sie verband diese Züge mit der

schwermütigen Melodie eines alten Volksliedes, und ihr war stets aufs

neue, wenn sie das Bild betrachtete, zumute, als sei sie dem

dargestellten Manne etwas schuldig, das einst von ihr gefordert werden

würde. In der Neigung seines Hauptes lag eine Menschentraurigkeit, die

durch keine irdischen Wohltaten zu überreden war, und das verwindende

Heimweh nach dem Kinderland einer himmlischen Freude.

Als sie die Blicke nach langem Betrachten von diesem Bilde zu Paule

wandte und ihn ansah, sagte er:

»Ich glaube nicht, daß Schönheit den Umweg über die Gedanken zu machen

braucht, um sich in dem hellen Brunnen des Herzens zu spiegeln.«

Sie hatte ihm damals, ein wenig später, sagen müssen:

»Ich möchte, Sie hätten ein Bildnis des Grafen Konstantin gemacht.«

»Weshalb?« fragte er.

Sie besann sich. Dann meinte sie zögernd:

»Damit auch für die anderen etwas von ihm geblieben wäre.« --

Sie fuhr aus ihren Gedanken empor und warf zornig den Kopf zurück. Was

kümmerte das alles sie? Sie bedurfte seiner Welt nicht in der ihren.

Aber ihr Trotz stimmte sie traurig und mutlos. Ihr schien, als sei sie

nicht mehr die alte, als habe man heimlich ein böses Spiel mit ihr

getrieben und die giftige Bedrängnis des Mißtrauens in ihr Herz gesenkt.

Vielleicht fehlten ihr nur die Sonne und ihre Arbeit. An Tagen wie

diesem hatte sie früher zu Füßen des Grafen Konstantin gesessen und ihm

vorgelesen, seine vorsichtige Liebe hatte ihre kleinen Betrübnisse durch

die bunten Bilder seiner reichen Erinnerungen verbannt. Immer hatte er

die Stunde beherrscht, den Tag, die Jahreszeit, ihr erschien es, als sei

er ein Meister des Lebens gewesen, weil immer ein Vertrauen auslösender

Glanz von Harmonie und Kraft von ihm ausgegangen war. Auch sein Alter

ließ ihn nicht ärmer erscheinen, noch zurückgesetzter oder schwächer.

Wenn sie sein Dasein mit dem Leben verglich, das seine Erben führten,

wußte sie nicht, wie sie ihrer Scham und ihrer Traurigkeit Herr werden

sollte. Ihre leidende Liebe sehnte die Gegenwart des Toten inbrünstiger

herbei als je. Es erfaßte sie mit wildherziger Inbrunst das Verlangen,

die Terrasse emporzustürmen und mit der Peitsche, die sie in ihrer Hand

preßte, den Saal und die Stuben zu säubern vom Unrat der

Schwächlichkeit, vom Moderduft des Verfalls und von der Niedrigkeit

dieser Lebensarmut.

Sie nahm das Pferd wieder herum.

»Ihr bekommt mich nicht!« rief sie plötzlich laut und riß den Zügel an

sich, so daß Joni, die nicht an willkürliche Behandlung gewöhnt war, in

ein bedrohliches Tänzeln verfiel. Afra nahm die Zügel knapp:

»Gefallen dir meine Manieren nicht, Joni? Sehnst du dich nach der Güte

des Propheten oder nach Graf Helmuts gebrechlichen Knien? Oder soll dir

der Lump eine Rede über das Galoppieren halten, um seinen Mut zu

beweisen?«

Sie hieb plötzlich dem Pferd die Reitgerte von oben her über Stirn und

Schnauze. Die Wirkung war furchtbar. Dieses edle Tier, das, wie alle

Tiere von Rasse, die sich den Gewohnheiten eines Menschen angepaßt

haben, mit erkennbarer Aufmerksamkeit auf die kleinsten Regungen seiner

Herrin achtete, sah sich durch diese sinnlose Willkür, in einer

Betäubung von Schreck und Schmerz, einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.

Afra war vorbereitet, und ihre angespannten Glieder fingen den ersten

Ruck mit zäher Geschicklichkeit ab, aber als nun in einem rasenden

Sturmwind die Bäume und Büsche der Straße zu fliegen begannen, als die

beschneite Bahn unter ihr wie ein sausendes Band erschien und das Tier

auf keine Einwirkung ihrer Kraft mehr zu achten vermochte, packte sie

der süßliche, heiße Schwindel einer hilflosen Preisgegebenheit. Ihr Hut

blieb zurück, ihr Haar löste sich, sie hatte kein Empfinden mehr für den

Kraftaufwand ihrer Hände, die in den Zügeln schmerzten, nur vom Sattel

kam ihr noch ein bedrohtes Gefühl von Zusammenhang und Sicherheit.

Aber dieser Zustand dauerte nur ganz kurze Zeit. Joni hielt die Straße,

und die Straße war lang. Das Mädchen riß ihr Knie empor und warf einen

Fuß über den Nacken des Pferdes, so daß sie rittlings saß. Ein

aufgebrachter Lebenswille voll zorniger Bereitschaft zum Tode, wie nur

Jugend ihn in Augenblicken der Gefahr kennt, bemächtigte sich ihrer, und

sobald ihr beflügeltes Verlangen Joni voraneilte, gewann sie ihre

Sicherheit zurück. Sie hörte ihr Blut singen, wie den kalten Wind um

ihre Schläfen und in ihrem flatternden Haar. Ihr Kleid klatschte wie

eine Fahne im Sturm, und ihr Kinn war dicht über Jonis Ohren. Sie sah

ihre Knie entblößt in weißer Umrahmung, und ein tolles Lachen, das wie

ein seliges Geschrei klang, brach über ihre Lippen, die, zwei rote

straffe Gürtel, an den Zähnen lagen und den wilden Atem ein und aus

ließen.

»Ah, Joni, bist du müde? Wer ist Herr geblieben? Darf ich dich

ungestraft schlagen, wenn ich will, so viel als ich mag? Nun steh!«

Sie sprang vom Sattel. Das schöne Tier zitterte heftig, die Flanken

schlugen, und das glänzende Fell war über und über naß. Aber die Nüstern

waren ohne Schaum, und die Augen sahen blank und angstvoll auf die

Herrin. Afra befiel eine heiße Rührung, sie achtete nicht auf ihr

verwildertes Aussehen, sondern führte das Pferd rasch den Weg zurück,

obgleich ihre Knie vor Zittern fast den Dienst versagten und ihr Herz

stürmte.

»Wenn du jetzt kalt wirst, war es dein letzter Galopp.« --

»Na ja«, meinte Martin, der sie am Tor empfing. »Da sieht man es ...«

Afra wußte, daß sie ihm keine Anweisungen zu geben brauchte, sie

überließ ihm das Pferd und eilte auf ihr Zimmer, besorgt, niemand zu

begegnen, kleidete sich um und ordnete ihr verworrenes Haar. Im Spiegel

sah sie ihr böses, kaltes Angesicht. Martin, der mit einer Nachricht zu

ihr wollte, wurde von der verschlossenen Tür verbannt.

»Ich muß zu dir, Afra.«

»Jetzt nicht, geh!«

»Es ist wichtig.«

»Bleib draußen!«

Den Ton kannte der Bursche. Er zog sich betrübt in sein vertrautes

Bereich zurück, das er liebte. Afra hatte ihm damals einen

Verwaltungsposten in Wendalen eingeräumt, aber nach kurzer Zeit hatte

ihn Heimweh nach den Mauern von Wartalun gepackt, nach den Efeuwänden,

dem Pferdestall und der Hoflinde. Das Mädchen hatte ihm lächelnd den

Willen getan. Sie wußte, daß er nur in ihrer Nähe leben konnte, und

seine Anhänglichkeit beglückte sie als die einzige Menschenliebe, die

sie annahm. Aber seit Paule im Hause war, wurde Martin traurig, von

einer Verdrossenheit, die in Trotz ausarten konnte, und seine

Ziehharmonika verstummte. Dafür erlag er um so hingebender den

Verführungen des Weins. Nur in Stunden, in denen Afra zu Pferd mit den

Hunden über Land ritt, wurde sein Herz glücklicher. Den Propheten haßte

er grimmig, und obgleich man seine Gunst und Abneigung in Wartalun und

Wendalen sonst um seiner Fäuste willen zu beachten pflegte, wurde in

diesem Fall zu seiner Demütigung nicht der geringste Vermerk davon

genommen.

Afra warf einen letzten, besinnenden Blick in den Garten, dann schritt

sie ohne Bedenken eilig über den Flur. Die Fliesen der Halle klangen an

der Decke, an diesem grauen, leeren Morgen, es mochte gegen zehn Uhr

sein. Sonst pflegte sie bis ins kleinste über den Gang der Zeit

unterrichtet zu sein. Der kalte Wind kam durch die weitgeöffneten Türen

der hohen Treppenhalle, draußen sah sie im Schneelicht die Efeumauern im

Hof. Sie fuhr mit der Hand durch die kühle, feuchte Luft, mit jener

Bewegung, die den Arm weit nach unten hin aufreckt und nach hinten

herumwirft, wie nur Leute sie kennen, die den halben Tag mit der

Reitgerte in der Hand verbringen. -- Oben stieß sie, ohne anzuklopfen,

die Tür zu Helmuts Arbeitszimmer auf. Erschrocken fuhr er aus der Tiefe

seines Sessels empor und starrte sie an, sein Gesicht wurde, als er es

ihr entsetzt zuwandte, von hinten her durch das leblose Morgenlicht

beleuchtet, das matt durch die halbverhangenen Erkerfenster in den

großen Raum eindrang. Seine grauen Züge und das verlöschende Glimmen in

seinen kranken Augen beschwichtigten den Sturm in der Seele des Mädchens

ein wenig. Sie atmete tief und lange und sagte dann rauh:

»Ich muß mit dir sprechen.«

Er erhob sich gebrechlich, stieß die Haare aus der Stirn und kam seinem

Herzen mit der Hand zu Hilfe.

»Du warst lange nicht mehr in diesem Zimmer, Afra.«

»Friedel verläßt morgen das Schloß.«

»Wieso? Was soll das? Hat er es dir gesagt?«

»Ich will es.«

»Komm, tritt näher, Afra«, sagte er und tastete unter den Verwüstungen

auf seinem Schreibtisch nach seiner Brille. »Es muß etwas geschehen

sein, sag es mir. Was ist geschehen?«

»Du verkommst!« schrie sie ihn an. »Ich ersticke in dem Dunst, der von

eurer Verlotterung ausgeht. Ihr beschimpft das Andenken des Grafen

Konstantin. Jeder Atemzug, jeder Blick, der von euch zu mir kommt,

erniedrigt mich!«

Er hatte zu Beginn ihrer Worte, wie in einer plötzlichen Erstarrung,

sein Suchen aufgegeben, hatte sich ihr langsam zugewandt, und während er

die geballten Fäuste gegen seine Brust preßte und das bleiche Gesicht,

das von Ergriffenheit entstellt war, vorreckte, trat er langsam und

schwankend, Schritt für Schritt, auf sie zu.

»Schweig! Schweig! Da stehst du, du, und sagst das mir? Hast du das

ersonnen, entstammt das deinem Leibe, deinem Blut, deinen Gedanken,

Mörderin du?! Du hast mich zu Boden getreten, hast mir alles genommen,

was ich habe, und deinen frechen Fuß auf den Quellen meines Lebens,

beschimpfst du mich, weil ich nichts mehr vermag als zu sterben ...?!«

Er schien am Übermaß seines Hasses zu ersticken.

Afra stieß ihn mit ihren Händen zurück. Seine Worte berührten sie wie

stäubender Schutt und heißes Blut, aber sie machten sie nicht einen

Augenblick am Recht des Anspruchs irre, mit dem sie vor ihn hingetreten

war. Vielmehr steigerten sie sie hinauf in jenes Bereich der

herausgeforderten Seele, wo im Sturm der Not Bedrängnis zur Erkenntnis

und Zweifel zur Gewißheit werden.

»Berühre mich nicht! Ich kenne die Hoffnungen deiner Hände. Du bist mir

gleichgültig! Daß du nicht stirbst, ist deine Schuld. Ich weiß nur von

einer Schuld, das ist mein Mitleid gewesen. Als mich dein Jammer

überwältigte, hast du mich mit deinen Begierden besudelt.«

Helmut rang mit sich um Kraft, reden zu können. Er beugte sich dabei

nieder und richtete sich auf, als kämpfte er unter einer schweren Last.

Dabei schluchzte er stoßweise, und das Licht in seinen Augen, die Afra

nicht einen Augenblick losließen, brannte in den Qualen eines

gemarterten Tiers, das zwischen Schmerz und Wut der Empörung erliegt.

»Was ist dir geschehen? Welche Macht ist in dein Leben eingebrochen?

Herzlose! Herzlose! Oh, herzlos bist du!«

»Was du vermißt, habt ihr mir geraubt! Ihr habt mich täglich geschändet.

Euer gieriges Elend hat meine Augen aufgezerrt. Ich Kind, ich Kind, das

ich war. Ihr habt meine Kraft gepriesen, und ich war krank vor

Bitterkeit, wenn euer Rühmen mich verhöhnte. Mein Erbarmen mit dir hat

dein Blut mit schmutziger Süßigkeit gefüllt.«

»Afra, von dieser Sünde macht die Liebe keines Gottes dich rein. Oh, wie

mißbrauchst du die Liebe, die dir begegnet ist. Du weißt nicht, was du

tust!«

»Ich weiß es!«

»Du weißt es nicht. Schweig! Gott im Himmel über uns Verlorenen wendet

sein Angesicht vor Grauen von dem ab, was du tust und was du getan

hast.«

»Dann verachte ich euren Gott. Dann spotte ich seiner. Dann verlästere

ich seine Liebe und schände mit meinen Händen sein Heiligtum. Ich werde

bis an die Stunde, in der ich sterben muß, keine Gemeinschaft mit eurer

Liebe haben. Mit einer Liebe, die zur Güte zu klein und zum Sterben zu

schwächlich ist, die die Toten in ihren Gräbern aufstört und sich in den

kläglichen irdischen Resten ihrer Hinterlassenschaft wälzt, die ihre

Altäre in ungelüfteten Zimmern errichtet und ihr kränkliches Feuer am

Unmaß des Weins entzündet. Ich fordere von dir, der du mich weder siehst

noch verstehst, daß du dies Haus um meinetwillen säuberst.«

Helmut stützte sich hinter seinem Rücken am Tisch und drohte umzusinken.

Sie hörte in der Stille, die entstand, seine klammernden, zuckenden

Finger am Holz. Sie hörte es, trotz der übersinnlichen Erhobenheit ihres

Bluts, so deutlich, als sei sie nur in diesem Zimmer, um darauf zu

lauschen. Dabei dachte sie: Fall nur! Ihr Körper war kalt bis in die

Augenlider, und ihre Atemzüge kamen schwer und tief her und ganz

regelmäßig.

»So spricht kein Mensch«, keuchte er endlich; aber dann wand er sich

empor, und beide Hände gegen sie ausgereckt, schrie er:

»Geh! Hinaus mit dir, du Verderberin, du Höllische ... Du verläßt mein

Schloß noch heute, hörst du, hörst du? Ich weiß, was dich treibt!«

»Ich höre, aber ich bleibe. So erbärmlich mußtest du noch werden, eine

Macht zu mißbrauchen, die du nie hast brauchen können. Meinst du, ich

hätte das nicht hundertmal eher gewollt als du? Aber ich kann nicht.

Wartalun gehört mir, jeder Stein dieses Schlosses, jede Scholle auf den

Äckern und jeder Baum, denn ich liebe Wartalun. Du kannst deine Liebe

verraten und verwandeln und schänden und schwankst zwischen

Totenlämpchen und dem Sonnenschein hin und her, aber ich kann es nicht.

Was ich liebe, lasse ich nicht. Eher wirst du die eiserne Pforte vom

Grabmal im Garten hinter mir verriegeln, ehe du mich um einen Schritt

aus der Heimat des Toten verbannst. So nimm mir doch Wartalun, wenn du

es wagst!«

»Sollte es ... oh, du wirst sehen. Sollte es keine Macht geben, dir zu

weisen, wie weit deine Rechte gehen?! Warte eine Stunde ...«

»Für dich gibt es diese Macht nicht.«

»Du sollst sehen!«

»Weißt du nicht, wer am Tor stünde, um mich zu halten, wenn ich ginge?«

»Oh, du weißt meine Liebe zu dir als Waffe gegen mich zu brauchen!«

»Du lügst! Ich verteidige mich, du drängst mich in solche Not, in der

ich nach diesem Mittel greifen muß, um zu hüten, was mein ist. Hasse

mich, das ist das Recht der Furchtsamen, ich brauche deine Achtung

nicht. Aber was mich von Gottes wegen an dies Schloß bindet, wirst du

achten müssen. -- Ja, so höre es heute: ich will es haben. Ich will

reich werden, weil ihr arm seid. Verstehe es, wer will, aber hättet ihr

nur einen meiner Wünsche nach eurer Kraft und eurem Herzen erfüllt, so

würde ich euch eure Schollen und Scheunen gelassen haben, euer Schloß

und euer Gold. Aber so nicht. Ihr habt mich dorthin gezerrt, wo solche

Werte gelten, nun fühlt, daß nicht einmal sie euch zukommen. Mich hat

nach keiner Frucht im Garten und nach keinem Halm auf den Wiesen

verlangt, solange dies Land seinen starken Besitzer hatte, dessen

Herrensinn mir mehr bedeutete als das Vergängliche, darin er sich

bewährte. -- Aber du bist ein verlotterter Schwächling. Die Erde, die dir

gegeben ist und die ihre Rechte fordert, steht gegen dich auf, nicht

ich.«

Helmut sah Afra mit großen, entgeisterten Augen an, alles Leben, jede

Kraft schien aus seinen Zügen gewichen, selbst sein dumpfes Bewußtsein,

daß ein richterliches Wort ihn traf, war nicht mehr stark genug, ihn

zwischen Haß, Demut und Begierde zu schützen. Er keuchte:

»Daß ich nicht leben soll, um den Menschen sagen zu können, daß es dich

gab, daß du lebtest, tötetest ... weißes Feuer du! Aus diesen nackten

Fackeln kam Gottes Gerechtigkeit zu mir ...«

Plötzlich schrie er laut:

»Menschen! Menschen herbei. Ich will zurück. Ich kann nicht sterben! Die

Finsternis steigt! Ich will, daß man mir hilft ...«

Afra stand starr wie eine Bildsäule vor ihm, das Erbarmen, das in ihrer

Seele emporstieg, erstickte in ihrem Abscheu. Eine Macht ihres Blutes,

die sie nicht kannte, hinderte sie daran, hilfreich zu sein oder sich in

Mitleid herbeizulassen. Mag es zum Tode führen, dachte sie, auch zu

meinem, er wird das Schlimmste sein, und ihn kann ich hinnehmen. Ihr

war, als würde sie ihr ewiges Heimatsrecht an die Lichtwelten ihrer

Zukunft verwirken, wenn sie nur einen Schritt noch in das Bereich dieses

Versinkenden tat, dessen Gebaren ihr Grauen einflößte, ja Todesangst.

Da tauchte, ihren geistigen Augen deutlich sichtbar, ein unerwartetes

Bild vor ihr auf und ließ sie heiß erschrecken. Sie sah plötzlich Paule

in einem Schmerz niedersinken, der der Qual Helmuts zu vergleichen war.

Sie erblickte sein leidendes Angesicht, verzerrt von irdischer

Menschenbedrängnis, von Leidenschaft zerrissen und ohne Halt, ohne

Hilfe. »Nie, nie darf's so sein«, rief es in ihr. »Ich will mich vor

alles stellen, was dich quälen könnte, nichts soll dich erniedrigen,

solange ich atme und solange ich mich bewegen kann, nie darfst du

gedemütigt dastehen, ich würde sterben.«

Nun war ihr, als verstünde sie Helmut in einem besser, als alle anderen

ihn jemals würden verstehen lernen; darin, daß Menschen nicht sagen

können, was ihr Herz versehrt und zertrümmert, ja auch nur, was es in

seinen Tiefen bewegt. Niemals und niemandem. Daß eine eherne Scheidewand

zwischen den Seelen der lebendigen Menschen aufgerichtet ist und daß

jedes Leibesblut seinen eigenen Takt schlägt und daß das Angesicht,

entstellt von Traurigkeit, nur sein schweres Lächeln zu den rankenden

Blüten emporsenden kann, die sich über die hohen Schranken für kurze

Zeit in der irdischen Sonne niederneigen.

Da erwachten ihre Sinne zu einem Erbarmen, das Helmut nicht meinte, ja

das ihn kaum kannte, sondern das ihr erstes bitteres Gemeinschaftsgefühl

mit den Irdischen darstellte. Es wehte ein Geruch jener hellen Blüten zu

ihr nieder, die die Menschenkinder die Finsternis ihres Alleinseins

vergessen lassen. Und während ihre Seele die erwachenden Augen über das

Meer ihres eigenen Schicksals erhob, noch benommen von heimlicher Furcht

und heraufdämmernder Himmelshelligkeit, sagte sie rasch und hilflos die

Worte, die ihr selbst fremdartig und ungewollt erschienen:

»Ich bin gut, höre mich an, gut bin ich! Leb wohl. Verklag mich nicht,

denn wer kann bestehen, ohne zu tun, was seine Pflicht ist?«

Sie verstand seine Antwort nicht, denn sie verließ nach diesen Worten

das Zimmer. Auch sagte er nur:

»Wer bestehen kann? -- Wenn du bestehst, soll alles gut sein, meine

Pflicht ist, davonzugehen.«

Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts · 第 18 / 20 题