Zehntes Kapitel

Es folgte eine Nacht, die neuartig für Wartalun begann und die böse

endigte. Friedel hatte vorher mit Helmut im Schlosse umhergestöbert, und

sie waren auf ihrer Irrfahrt auch in die Kellerräume gedrungen, die

Melchior mißtrauisch bewachte und widerwillig erschloß. Durch die dicken

Mauern fielen spärliche Streifen von Licht aus niedrigen vergitterten

Fensterchen in die steinernen Tiefen. Hier entdeckte Friedel zu seinem

jubelnden Entzücken ganze Wände voller Weinflaschen, die sorgfältig

gereiht, ganz eingehüllt in Staub, nur hier und da im Licht der Laterne

aufblinkten. Melchior stand wie eine beleidigte Bildsäule und leuchtete,

während Friedel sich wie unsinnig gebärdete, sich ausgelassen auf die

Schenkel schlug und eine dithyrambische Ansprache an die Überfülle

verkapselter Daseinsfreude hielt, die hier schlummerte.

Helmut zog gleichmütig eine Flasche hervor:

»Das hab' ich ja gar nicht gewußt.«

»Barbar!« schrie Friedel. »Was machst du denn mit der Flasche? Du bist

von Grund aus ohne Religiosität. Bildest du dir ein, so was ließe sich

ungestraft auf den Kopf stellen?«

Helmut gab die Flasche gutmütig an Friedel zurück, der sie behutsam in

ihre alte Lage bettete.

»Gibt es nicht was zu feiern?« fragte er.

Da sagte Helmut rasch, in leidendem Leichtsinn:

»Heute ist die Übergabe Wendalens an Afra erfolgt.«

Da fiel die Laterne aus Melchiors Hand klirrend auf den Boden und

erlosch. Langsam schlich sich das Tageslicht spärlich durch den langen

Felsgang herab. Alle schwiegen. Der Alte suchte mit bebenden Händen

unter den Scherben nach dem Kerzenstümpfchen.

»Verbrenn dir die Finger nicht«, sagte Helmut in einem Tonfall, der

seinen Worten eine Bedeutung, über die Augenblickssorge hinaus, verlieh.

Er atmete auf, als sie nach einer kleinen Weile im Abendsonnenschein auf

der Terrasse standen. Friedel griff den Gedanken einer nächtlichen Feier

mit Begeisterung auf, und Helmut ließ sich bereitwillig mitreißen. Es

war ihm ein beglückender Gedanke, für Stunden einmal wieder Vergessen zu

finden und den verschollenen Klang seiner ersten Jugend

heraufzubeschwören. Daß er nicht eher darauf gekommen war!

»Melchiors Verschwiegenheit ist schon beinahe Diebstahl«, meinte er.

Friedel lachte.

»Wenn man den Kerl sieht, hat man das Gefühl, als wandele das böse

Gewissen als Gespenst über die Erdkruste. Halb Beichtvater, halb

Erbtante, schlumpt er umher und ist auf Moral aus. Dabei strömt er einen

Modergeruch aus, daß alles verschimmelt, was er anglotzt. Läßt sich

sowas nicht pensionieren?« Friedel geriet in heiligen Eifer, gleich

darauf verlangte er von Melchior eine Weinkarte.

Der Alte wandte sich an Helmut:

»Es ist ein Verzeichnis da, Herr Graf.«

Diese Aufstellung entzückte Friedel bis zu Tränen.

»Weißt du, Helmut, dein Graf Konstantin, dein Onkel, oder war es nicht

dein Onkel, jedenfalls war er ein Heros auf dem Schlachtfeld edelster

Genüsse.«

»Fängst du auch an ...« sagte Helmut unbeherrscht.

»Womit? Wieso?... Darf ich für heute abend auswählen?«

»Ja, wähle. Wir trinken im großen Saal. Ich werde Afra unterrichten.«

Er schlenderte fort über den Hof auf die Wirtschaftsgebäude zu, und

Friedel schloß Freundschaft mit Melchior, den er für seine festlichen

Vorbereitungen brauchte.

* * * * *

Als das letzte Sonnengold auf den Turmspitzen des Schlosses erloschen

war, hoch, wo der goldene Hahn sich gegen den Wind wandte und das alte

Wappenkreuz funkelte, als der braune Mond schwermütig über die schwarzen

Moorgräben sah, die unter Schleiern lagen, ertönte ein lang

verschollener Silberklang aus den hohen, weit geöffneten Saalfenstern in

den stillen Hof nieder: das Klingen der alten Weingläser von Wartalun.

In ihren goldenen Kelchen blinkten die Wahrzeichen des Geschlechts in

funkelnden Farben und reinem Gold. -- O Afra, dein Mädchenlachen! Der

Wein, dessen Duft aus diesen Kelchen blüht, überströmte das alternde

Herz und die junge Seele deines ritterlichen Herrn, der begraben liegt.

Im Geist dieses Weins lohte der schwermütige Liebeszorn des

Beschlossenen über das blühende Frühlingsland deines jungen Leibes, der

in der Kraft seines starken Geistes aufwuchs. Was sinnst du nieder in

das schaukelnde Gold deines Glases? -- Er gibt dich nicht frei.

Friedel, Lump! Auf! Hol deine Geige. Schaff den Geistern der

Versunkenen ein himmlisches Reich, in das sie fliehen können, und den

Geistern der Lebendigen eine Zuflucht für ihre Träume und ihre Trauer.

Hinauf mit dir, Lump, auf den flüchtigen Thron deiner einzigen

Herrschaft. Unser Begehr ist, die Menschenfinsternis unserer armen Tage

zu vergessen, dein Spiel nimmt unseren Herzen den Alltag hinweg, dein

Spiel macht die Welt zeitlos. Schau Afra an, wenn deine Hände zittern.

Spiel, daß die bronzene Krone ihres Haupthaars wie Abendschein über ihre

Schultern rinnt und die Blumen von ihren Schläfen im Wein sterben, der

längst vor ihnen geblüht hat. Spiel weiter, der Wein wird dir Mut geben,

hochzeitlichen Mut der unsterblichen Sehnsucht deiner vergeudeten

Jugend, daß Afra dein wird, solange die beseligte Himmelfahrt deiner

Töne dir ewige Reiche eröffnet. Und dann stirb! Du mußt dahin! Die

qualvolle Allgewalt der dunklen Lebensmächte, denen auch du gehorchen

wirst, zwingt dein Haupt in ihren umnachteten Schoß. Es ist im ewigen

Buch verzeichnet: Dir wird auch das genommen, was du hast. --

Seht ihr nicht, wie die Angesichter der Verblichenen, die von den Wänden

niederschauen, ihr Leben zurückgewinnen, wenn die Wohltaten der Geige

erglühen? Laßt euch von ihren Klängen in das Reich der Dahingeschiedenen

emportragen. Sie steigen zu einem seligen Reigen in eure

Erdengemeinschaft nieder und erleuchten mit ihrer im Tode erkauften

Unschuld den dämmerigen Saal. Der Falke hebt sich von der weißen Hand

der lächelnden Reiterin im schimmernden Wandteppich, und mit hellem

singendem Schrei schwingt er sich in die dunkle Wälder zurück, die

draußen im Mond schlafen ...

Der arme Friedel ließ bleich und zitternd seine Geige sinken. Er stürzte

seinen Wein hinab, als suchte er nach einem neuen Weg, um seinem Herzen

die Feierstunde zu bewahren. Afra sah mit heißen, leuchtenden Augen auf

ihn hin, und die Stirn des jungen Grafen Helmut ruhte auf der Kante des

schweren Eichtisches.

Da riß ein kurzes Aufschluchzen die Befangenen aus ihrem Bann, und ein

helles Lachen Friedels erlöste sie. In der Saalecke rang Martin

fassungslos mit seinem Herzen, seinem Wein und seiner Müdigkeit. Afra

rief ihn herbei, sie verwies Friedel sein Lachen und reichte Martin die

volle Flasche. Melchior war zur Ruhe gegangen und träumte davon, die

Mauern des Schlosses stürzten mit donnerndem Krachen nieder und begrüben

die Frevler am Gut des Toten.

»Ist noch Wein oben?« fragte Afra.

Martin nickte schwermütig.

»Geh zu Bett, Junge, geh ... Ich werde schon für das übrige sorgen.«

»Martin hat's gut bei Ihnen«, sagte Friedel.

»Sie können ja auch zu Bett gehen, wenn Sie wollen.«

»Nein«, sagte Friedel, »ich bleibe inständig lebendig, solange Sie

diesen Saal erhellen, Fräulein Afra.«

Hell war er nun freilich nicht, der große, hohe Saal, denn die Kerzen,

die zwischen Rosen auf dem langen Tisch brannten, erhellten die fernen

Ecken nur ungewiß, und der heraufsteigende Mond an den Fenstern gewann

langsam an Kraft und machte den Lichtern die Herrschaft streitig. In

diesem magischen Dämmerschein, unter der hohen, dunklen Decke, nahmen

sich die Gestalten der Menschen seltsam klein aus, wie Verirrte, die

sich um die Kerzen zusammengedrängt hatten. Aber niemand schien daran zu

denken, diese ungewohnte Nacht zu beenden. Die Allmacht des Weins fand

bei Helmut und Friedel haltlose Gemüter, und Afras Sinne glühten

hochgemut und in freudigem Triumph ihrer neuen Würde und ihrer jungen

Herrschaft. Sie sprach wenig, und die Wirkung des Weins war nicht bei

ihr zu spüren, sie wahrte sich eine freie Gelassenheit, und die

wildherzigen Träume ihrer erhobenen Seele stürmten weit über die Wünsche

der beiden Friedlosen fort, die um ihretwillen versanken. Aber

allmählich wurde der Geist des Weins in ihrem Blut mächtiger, aber mit

ihm auch ihr Verlangen nach fernen Zielen und großem Tun, denn das

Erreichbare erschien ihr gering. Wie sollten diese hier ihr Gewähr

leisten, daß ihr Bestes gewürdigt wurde? Plötzlich stand sie auf,

schüttelte langsam mit einer aufwiegelnden Beharrlichkeit tiefinnerster

Hingabe ihr kindliches Haupt, bis die goldenen Haare niederbrachen,

ergriff die Blumen, die den Tisch schmückten, mit einer trotzigen Hast

zu einem verwegenen Strauß in ihrer Hand, hob mit der anderen ihr Glas

und rief:

»Es lebe Graf Konstantin!«

»Er sei verflucht!« heulte Helmut auf und zerwarf sein Glas, daß es an

der Steinwand mit einem hellen Knall zerstäubte und kaum ein Klirren am

Boden folgte.

Friedel sprang auf, daß sein Sessel tanzte, und starrte die beiden an,

als sähe er Gespenster. In der Stille, die entstand, erhob sich von

außen her etwas Unfaßbares, etwas, das niemand verstand und das doch

alle nahen fühlten. Jetzt wußten sie es, es mußte draußen eine letzte

Tür aufgestoßen worden sein, es war ein helles, wildes Geschrei um

Hilfe. Nun war die Saaltür erreicht, nun knallte sie auf, und Iduna

stürzte herein, die Hände hoch erhoben, die Haare wild um den Kopf, im

flatternden Kleid:

»Helft! Zu Hilfe! Die Gnädige stirbt ... Das Kind ... sie dreht sich am

Boden!«

Afra sprang auf. Mit einer einzigen Geste schien sie die Herrschaft über

die Nacht an sich zu reißen:

»Laß dein Geschrei!« Sie war mit wenigen Schritten bei dem Mädchen, und

obgleich sie es hart anfuhr, richtete sie die Zitternde freundlich auf,

die vor Erregung und Angst in die Knie gebrochen war. Dann ergriff sie

Helmuts Arm:

»Wo willst du hin? Du kannst dort nicht helfen. Komm hinab, hilf mir!«

Die Ernüchterung aller war wie mit einem Schlag eingetreten. Iduna wurde

zurückgeschickt, und sie ging gehorsam, die entsetzten Blicke bis

zuletzt in Afras Gesicht, deren Wille sie gehorsamer machte als jemals

ein anderer. Unten im Hof war es in wenig Minuten lebendig. Afras

beherrschte, beinahe frohe Hast ergriff das erwachte Haus. Martin mag im

Leben kein Aufstehen schwerer geworden sein als dies, aber der Eifer

seiner Herrin belebte ihn, daß er Wein und Müdigkeit vergaß.

»Rasch! Du mußt nach Wartaheim! In einer halben Stunde bist du da, hast

du verstanden! Nimm >Husar< und >Prinz< und schlag drauf, was dein Arm

aushält. In einer halben Stunde, verstehst du?! Nicht eine Minute weniger

brauchst du!«

Sie sattelte Joni selbst. Zwei Knechte halfen ihr. Das edle Tier wurde

von der Unruhe ergriffen und war schwer zu halten.

Martin zog den leichten gelben Landwagen aus der Remise. Dann überließ

er alles den anderen und half Afra. Der Mond leuchtete.

»Willst du reiten? Wohin willst du reiten?«

»Zum Arzt, die Frau Gräfin ... bekommt ihr Kind. Zieh an! Fester.«

»Nein«, sagte Martin, »so fest darfst du den Gurt nicht ziehen.«

Afra trat zurück und ließ den Burschen machen.

»Wir warten auf dem Kirchplatz!« sagte sie. »Der Arzt und die Amme

müssen in unseren Wagen. Fahr wie der Teufel. Ich verlaß mich auf dich.

Marsch, sorg für den Wagen! Ich sorge in Wartaheim dafür, daß alles zur

Stelle ist.«

Joni stieg empört. Afra gewann den Sattel mit Mühe, und Martin mußte ihr

noch einmal zu Hilfe eilen.

»Ich danke dir, Afra ...« Helmut versuchte ihre Hand zu ergreifen, es

gelang ihm nicht. Er sah nur Afra, er dachte nur an sie. »Hüte dich ...

reit nicht zu wild ...«

Es antwortete ihm ein heller Ruf. War's ein Zuruf an das Pferd, ein

Abschiedswort ... er wußte es nicht. Er sah nur Joni anspringen mit

einem langen Satz, so daß die Reiterin weit nach hinten flog, aber sie

gewann wieder Sitz, und der hohe Rachen des Tors verschlang diesen

hellen Triumph von Hast und Willen.

Taumelnd stürzte Helmut, von Friedel gefolgt, vor das Tor. Ein

klirrender Sturmwind riß draußen in einem schaukelnden Flug Pferd und

Reiterin auf dem hellen Band der Straße in die mondflimmernde Nacht

hinaus. Auch Martin vergaß in diesem Augenblick alles andere, er stand

im Tor und starrte Afra nach, vorgebeugt, beide Hände an den Schläfen:

»Jetzt«, keuchte er, »jetzt ... jetzt ...«

»Was denn?« stieß Helmut wie im Fieber hervor.

Aber da schien es geschehen: Martin stürzte mit einem wütenden Aufschrei

vor, der zugleich etwas von einem todesbangenden Jauchzen der

Begeisterung hatte. Draußen klang die Nacht nicht mehr. Die Straße war

leer.

»Teufel, o Teufel!« schrie Martin und bearbeitete die Luft mit den

Fäusten. »Sie reitet durchs Moor!«

* * * * *

Gleich darauf rollte der Landwagen mit Martin in schnellster Fahrt die

Landstraße dahin auf Wartaheim zu. Martin schonte die Pferde nicht, aber

obgleich ihn fieberte, bändigte er seinen Mutwillen. Afras Tollkühnheit

hatte ihn eigen ernüchtert; wie schon stets als Kind er es gewesen war,

der ihr wildes Herz in seine bedächtige Bauernweisheit einfing. Hier war

ihm die Gespielin seiner Jugend wohl auf Leben und Tod entgangen, aber

es sollte nicht an ihm liegen, dies drohende Unheil nicht nach Kräften

zu beschwichtigen. Vielleicht brauchte Afra Wagen und Pferde noch diese

Nacht für sich selbst. --

Der Lump torkelte durch den Schloßhof, der halb im Mondschein lag.

»Das ist es, das ist es ...« stotterte er, »das Lebendige, das Leben!

Gleichgültig für was. O Helmut, Bruder im Verfall, deine gräfliche

Scheune beherbergt das wildeste Herz der Welt. Ich bin es, der dort

draußen reitet, verstehst du? In allem, was sie tut, bin ich! So wie

Gott mich vorhatte, wie meine Mutter mich erhoffte, solange sie noch

nicht der peinliche Vorfall einer näheren Bekanntschaft mit mir

überrumpelte ...« Er besann sich: »Helmut, armer Junge, ich weiß ja: da

oben! Aber wenn ich in der Welt zu nichts mehr nütze bin, so laß dir

doch mein Verständnis ein Trost sein. Wer Afra nicht ... nun, du

weißt ... es wäre die Sünde gegen den Heiligen Geist ... Ach, Bruder ...«

Helmut raffte sich auf:

»Du bist betrunken. Komm zu dir. Es wird das beste sein, du gehst zu

Bett.«

»Ja«, sagte der Lump traurig, »schlafen ... Aber höre, du mußt mir eine

deiner blanken Jungfern mit unter die Laken geben, eine von denen, die

ihre Jugend unten in den Katakomben deiner Baracke vertrauern. Sonst

komme ich nicht über diese Nacht.«

»Nimm, was du willst«, sagte Helmut, »im Saal findest du noch Flaschen

genug.« --

Die letzten Rosen an dem hohen Staket des Eingangs glühten im späten

Mondlicht. Vom Garten her wehte es feucht, er lag dunkel im Schlaf in

seiner sommerlichen Schwermut. Aus der Gesindestube klang eifriges

Flüstern, überall war Licht im Schloß, die Pferde stampften unruhig in

den Ställen, und zuweilen rasselte eine Kette. Friedel hatte sich auf

den Weg gemacht, und Helmut schritt langsam durch das Portal, den

matterhellten Flur hindurch und erstieg müde und fröstelnd die Treppe.

Er sah durch das Fenster zum Flügel hinüber ... Dort oben! Ihn

schauderte. Er hörte, gedämpft, wie aus der Erde herauf, lang hin

hallende Schreie. Eine Stiege höher sah er Melchior am Treppenfenster

stehen. Er schien ihn nicht zu hören. Als er näher kam, vernahm er die

gebrechliche Stimme des Alten, und nun erkannte er auch, daß er mit

heißgerungenen Händen, die gefaltet waren und sich beschwörend hoben und

senkten, hinausstarrte in das nächtliche Land, nach Wartaheim hinüber.

Und nun verstand er die dumpfen Worte:

»Herr Christ, hilf Afra. Hilf ihr! Behüte sie, behüte sie!« --

»Du wirst es bis an deine letzte Stunde gut haben in meinem Hause«,

flüsterte Helmut, und sein Herz strömte über. Er schlich leise vorüber

und preßte die Zähne auf die Lippe. --

Die Nacht und den langen kommenden Tag hindurch bis in den späten Abend

lag Wartalun mit seinen Menschen im düsteren Bann einer qualvollen

Erwartung. Schon am Nachmittag unterrichtete der Arzt den jungen Grafen,

daß er sich auf das Leben seines Kindes keine Hoffnungen machen dürfe,

es müßte alles geschehen, was in Menschenkräften stände, das Leben der

Mutter zu erhalten. Er mußte noch einmal nach Wartaheim und befahl

Martin, der ihn fuhr, die Pferde zu mißhandeln. Trotzdem kam er mit

seinen letzten Mitteln zu spät, und am Abend atmete das Schloß in tiefer

Trauer auf.

Helmut war durch Bangen, Hoffnung und Selbstmarter nicht mehr fähig, die

Kunde voll zu erfassen, die ihn betraf. Der Arzt fand ihn in seinem

Zimmer vor dem Schreibtisch, und auf die Nachricht hin sank das gequälte

Haupt des jungen Vaters auf die Arme nieder, die auf dem Tisch lagen.

»Die Mutter lebt, Herr Graf.«

Ein Kopfschütteln ...

Erst als der Arzt sich nach vielen Bemühungen zurückziehen wollte,

richtete sich Helmut auf und fragte:

»War es ...« Er stockte.

Der Arzt war wieder an seiner Seite.

»Wonach fragten Sie?«

»Ein Sohn?«

Der Arzt nickte und verließ stumm den Raum.

Der Abend bekränzte das herrliche Schloß mit himmlischen Rosen. Unten im

Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump seine Geige in der kühlen

Luft. Helmut schellte nach Afra. Sie trat kurz darauf mit ernstem

Gesicht vor ihn hin.

Er versuchte zu sprechen. Dann überwältigte ihn sein Schmerz zum

erstenmal, als er Afras Augen voll heißen Mitleids auf sich ruhen

fühlte. Er umschlang sie hilflos wie ein Kind und ließ sein Haupt an

ihre Brust sinken.

»Afra, liebe Afra, sei barmherzig. Oh, bedenke, daß ich nichts bin als

ein Mensch, nichts mehr habe als das was du mit deinen Armen stützt.«

Afra trat von ihm zurück. Da schrie er:

»Erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner!«

Das Mädchen wurde bleich bis in die Lippen, und mit der Gebärde einer

sich neigenden Bildsäule, steif und hart und hilflos, gab sie ihm ihren

Mund für seine Küsse.

»Bin ich durch meinen Schmerz meiner Heimat ein einziges Mal nahe?

Wieviel muß ich leiden, um erlöst werden zu können? Afra, mein Kind ist

tot. Mein Sohn ist tot. Mein Weib wird nicht leben, bevor du ihr nicht

zurückgibst, was ich dir geben muß.«

»Was soll ich tun?« fragte Afra.

Er flammte auf, als habe ihre Frage das bohrende Feuer seiner Hoffnung

zum Lodern entfacht, aber als er ihr Gesicht sah, sank er auf die Knie.

»Geh! Du kannst nicht ... Du darfst nicht. Herrliche, wer bin ich, daß

ich hoffe, du möchtest mich lieben. Göttlich-Lebendige du, du ewige

Jugend meines zertretenen Daseins, du Geliebte Gottes ...«

Afra trat scheu und mit großen Augen von ihm zurück. Ging durch ihr Herz

der erste Glaube daran, daß die Liebeskraft dieses Mannes vielleicht

doch hinüberführte in das Heimatland ihrer traumdunklen

Weibessehnsucht, die noch unter den blühenden Härten ihres Mädchentums

schlief? Ein verzehrend süßes Gefühl von überströmendem Mitleid brannte

in ihrem Blut empor, aus ihm mochte die holde Frage stammen, die sie

andächtig und wild hervorstieß:

»Was willst du? Ich weiß es nicht. So tu, was du mußt ... ich möchte gut

sein ...«

Aber er schien plötzlich wie erloschen, mit einem Ausdruck von Schwäche

und Verstörtheit stammelte er:

»Du hast nicht gehört, ob Elsbeth nach mir gefragt hat?«

Mühsam raffte er sich auf und stützte sich am Tisch. Und da geschah das

Unerhörte. Afra schnellte steil empor, ihre Augen flackerten plötzlich

wie verdunkelt und voll Haß, voll eines Hasses, der nicht ihn meinte,

sondern eine Gewalt, die sie in ihm zu erfühlen geglaubt hatte und von

der sie sich auf unverständliche Art um ihren Glauben betrogen sah. Wie

hätte sie sonst wohl jemals die Herzenshärte aufbringen können, einen

gebrochenen Menschen zu schlagen? Ihre Hand traf sein Gesicht, daß er

taumelte, und sie sagte in einer beinahe dämonischen Sicherheit:

»Du Erbärmlicher.«

Unten im Weinlaub des Gartenhauses spielte der Lump immer noch die

Geige, sich zum Vergessen, anderen zum Trost. Als Afra die Treppe

niederschritt, rannen ihr über die Wangen große Tränen nieder, deren

Ursache sie nicht verstand. Sie dachte nicht an die junge Frau, die

oben im Schloß die letzte Hoffnung ihres Lebens im Grund ihres matt

pochenden Herzens begrub, und nicht an den Mann, der sie gedemütigt

hatte. Was ihr Sinn ahnte, lag fern von allem, was ihr geschehen war, im

hellblühenden Nebelland der Zukunft, dem sie entgegenschritt, im Großen,

im Vollkommenen, am Herzen Gottes.

Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts · 第 13 / 20 题