Elftes Kapitel

Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das

Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne

die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam

forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das

Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der

Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre

niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange

auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken

vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu

ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem

kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre

klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine

lindernde Ohnmacht versanken.

Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Kräfte

niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem

irdischen Treiben nicht wieder zu.

Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der

Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an

der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und

schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische

Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen

sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er

in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand

segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur

für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er

betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind

den Vater im Himmel finden möge.

Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten

Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre

Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:

»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen.

Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.«

»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht

getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein

Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt hast.

Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders

treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von

uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu

verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir

gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich

lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung

der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen

kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im

Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es?

Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein,

dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der

gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.«

Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd:

»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von

Herzen gemeint sind.«

Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald

hinein. --

* * * * *

Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von

Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren

und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,

war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und

sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet

sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den

stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der

Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer

gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist

in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der

Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen

Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre

Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre

höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.

Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der

Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten

verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten

Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß

sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht,

sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche

Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und

Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den

Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte

sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung

zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige

Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer

unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.

Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen

und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und

beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm

lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht

ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß

es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an

den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich

nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und

dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das

sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein

schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten

frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um

Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als

wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von

aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein

Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles

hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom.

Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von

Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten

Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der

bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle

Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er

sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein

unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein

leerer, singender Wind.

Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu,

er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze

und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die

Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein

Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.

»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer

klang.

Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über

Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten

Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die

Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am

Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe

Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in

beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den

unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein

Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer

Beglückung weitete.

Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage

hinter sich, und Helmut sah sie oft nur für kurze Minuten am Abend. Er

hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine

Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein

bewegte, ließ er sie allein.

Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser

oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße

tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine,

nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die

Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem

Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen

hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende

Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit

Ermahnungen zu Helmut trieb:

»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich

an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben

heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde,

Reitpferde, alles hat geholfen.«

Helmut mußte lächeln.

»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem höchsten Wagen

mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten;

ich weiß schon alles.«

»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand ist hier in

Martin vergafft. Die Hauptsache ist, daß man anwesend ist. Die Leute

kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«

»In der Liebe?«

»Nein, in der Arbeit.«

»Das kommt vom guten Beispiel.«

»Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her. Von Wartaheim ist die

halbe Dorfschule zum Pflücken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt

aber nur. -- Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach

heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jährliches

Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie

meinte, daß der Todesfall -- -- du verstehst schon.«

Helmut wandte sich gequält um.

»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit

Afra sprechen.«

Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die er ihm so

verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur für flüchtige Augenblicke

bei sich zu sehen. Beglückt schritt er im Dämmerlicht seines Zimmers auf

und ab. Schien nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl von

Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als

erinnere er sich plötzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit

erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das

Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.

Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in

gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie

gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er

versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild über dem

Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem

Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch

jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an,

etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der

Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von

diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine

leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und

sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als

habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das

reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die

Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden

Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte

Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft

versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen

Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.

Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten

einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins

Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem

Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem

Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und

feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im

rötlichen Licht.

Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm

ein paar späte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten

Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das

andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht

leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren

Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu

der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand.

»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich

bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu

Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.«

Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder

und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in

den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras

Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die

einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er

schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut

bewachen sollte.

Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung

des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden,

daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen

sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte

Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.

Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe

die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich

daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme?

Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah

die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der

Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden

Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:

»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich

fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr

ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich

keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung

schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz

möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der

keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein

Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber

begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes

abkehrt ...«

Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.

Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite

geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.

Sie schlief.

Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts · 第 14 / 20 题