Die wilde Spätsommersonne fand durch die halb geöffneten Läden in das
Leidenszimmer der jungen Frau, die ihre schwersten Lebensstunden ohne
die Liebe eines Menschen durchlitten hatte. Als man den kleinen Leichnam
forttragen wollte, warf sich die Mutter, alles vergessend, über das
Lager des Kindes, klammerte sich mit ihren blutleeren Händen an der
Wiege fest und wollte ihr Kind nicht davontragen lassen. Ihre
niederbrechenden Haare bedeckten es, und sie preßte ihre elende Wange
auf sein erloschenes Augenpaar. Niemand konnte sie mit dem Gedanken
vertraut machen, daß der kleine Tote von dannen mußte, um in der Erde zu
ruhen. Sie stieß mit ihrer geschwächten Stimme ein Geschrei aus, dem
kein anderes Geschrei auf der Erde zu vergleichen ist, und ihre
klammernden Hände konnten erst gelöst werden, als ihre Sinne in eine
lindernde Ohnmacht versanken.
Sie erholte sich nur langsam, Woche um Woche, und gewann ihre Kräfte
niemals wieder ganz zurück. Ihr Herz und ihre Augen wandten sich dem
irdischen Treiben nicht wieder zu.
Die Beisetzung des Kindes geschah in großer Stille im Schloßpark in der
Begräbnisstätte des Geschlechts, unter den braunschattigen Tannen, an
der Seite des Grafen Konstantin. Das Kindlein lag weiß verhüllt und
schlummerte in seiner dunklen, engen Wiege, die seine einzige irdische
Lagerstätte bleiben und die es mit keinem anderen Lager vertauschen
sollte. Der Pfarrer von Wartaheim sprach über dem kleinen Sarg, bevor er
in die Nacht der geöffneten Erde versenkt wurde. Er breitete seine Hand
segnend über das kleine Menschenwesen aus, das die Erdenfinsternis nur
für ganz kurze Zeit berührt hatte, um sie für immer zu verlassen. Er
betete darum, daß diese Reise ins Licht führen möchte und daß das Kind
den Vater im Himmel finden möge.
Als Afra Blumen auf die Grabtafel legte, brachen Helmut die ersten
Tränen um seinen Sohn aus den Augen. Afra sah es und reichte ihm ihre
Hand. Als sie nebeneinander den Tannenweg zurückschritten, sagte sie:
»Ich möchte, du könntest die arge Stunde auf deinem Zimmer vergessen.
Ich bemühe mich darum. Ich habe nichts Böses tun wollen.«
»Ach, Afra«, antwortete er, »meinst du, dieser Schlag, der mein Gesicht
getroffen hat, wäre den Schlägen zu vergleichen, die ich durch mein
Geschick erdulde? Ich weiß besser als du, warum du so gehandelt hast.
Wie sollte mich das Leben in seiner herrlichsten Vollendung anders
treffen als in seinem täglichen Walten? Ihr, hoch oben, wißt nichts von
uns, und ich glaube, ihr sollt es nicht wissen. Versuche mich zu
verstehen, wenn ich heute weiß, daß das Mitleid, das ich von dir
gefordert habe, eine Herabwürdigung deines Werts bedeutet hätte. Ich
lerne langsam begreifen, daß unser Trost nicht in einer Verschmelzung
der Schönheit und des Reichtums anderer mit unserer Dürftigkeit liegen
kann, sondern nur darin, daß wir unterscheiden lernen und im
Unerbittlichen Gottes Willen am deutlichsten fühlen. Aber wer kann es?
Wenn ich die Kraft finde, soll mein Lebensdank darin beschlossen sein,
dich so unvergleichlich herrlich und lieblich auf derselben Erde, in der
gleichen Natur zu wissen, die auch mich zu Vollkommenem im Sinne hat.«
Afra sah bewegt vor sich hin. Sie antwortete ihm zögernd:
»Ich verstehe dich nicht ganz, aber ich kann fühlen, daß deine Worte von
Herzen gemeint sind.«
Da verließ er sie und schritt rasch auf einem Seitenweg in den Wald
hinein. --
* * * * *
Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von
Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren
und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte,
war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und
sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet
sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den
stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der
Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer
gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist
in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der
Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen
Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre
Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre
höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.
Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der
Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten
verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten
Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß
sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht,
sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche
Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und
Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den
Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte
sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung
zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige
Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer
unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.
Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen
und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und
beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm
lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht
ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß
es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an
den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich
nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und
dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das
sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein
schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten
frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um
Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als
wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von
aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein
Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles
hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom.
Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von
Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten
Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der
bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle
Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er
sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein
unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein
leerer, singender Wind.
Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu,
er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze
und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die
Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein
Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.
»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer
klang.
Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über
Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten
Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die
Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am
Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe
Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in
beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den
unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein
Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer
Beglückung weitete.
Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage
hinter sich, und Helmut sah sie oft nur für kurze Minuten am Abend. Er
hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine
Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein
bewegte, ließ er sie allein.
Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser
oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße
tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine,
nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die
Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem
Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen
hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende
Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit
Ermahnungen zu Helmut trieb:
»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich
an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben
heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde,
Reitpferde, alles hat geholfen.«
Helmut mußte lächeln.
»Du hast ja nichts getan, als dich zu guter Letzt auf dem höchsten Wagen
mit heimfahren lassen. Und dabei bist du noch der Betty zunahegetreten;
ich weiß schon alles.«
»Betty hin, Betty her! Übrigens, der ganze Mädelbestand ist hier in
Martin vergafft. Die Hauptsache ist, daß man anwesend ist. Die Leute
kommen ganz anders voran, wenn sie sich kontrolliert wissen.«
»In der Liebe?«
»Nein, in der Arbeit.«
»Das kommt vom guten Beispiel.«
»Spotte nur. Morgen geht es über die Äpfel her. Von Wartaheim ist die
halbe Dorfschule zum Pflücken bestellt. Der Lehrer kommt auch, frißt
aber nur. -- Übrigens, Helmut, das ist nun so eine Sache, Afra sprach
heute früh mit dem Verwalter Nissen, die Leute erwarten ihr jährliches
Fest, das ihnen Graf Konstantin um diese Zeit stets gegeben hat, und sie
meinte, daß der Todesfall -- -- du verstehst schon.«
Helmut wandte sich gequält um.
»Das darf den Leuten ihren Lohn an Freude nicht entziehen. Ich werde mit
Afra sprechen.«
Er dankte Friedel heimlich für diese Gelegenheit, die er ihm so
verschaffte, Afra einmal wieder anders als nur für flüchtige Augenblicke
bei sich zu sehen. Beglückt schritt er im Dämmerlicht seines Zimmers auf
und ab. Schien nicht draußen die Sonne? Es überkam ihn ein Gefühl von
Frohsinn, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte, ihm war, als
erinnere er sich plötzlich seines Daseins und seiner Jugend. Aber damit
erwachte, wie unter einem Vergleich, auch wieder neu und qualvoll das
Bewußtsein seiner Ausgeschlossenheit.
Und doch: Afra würde kommen. Mit dem hereinbrechenden Abend würde sie in
gewohnter Weise auf jenem Sessel dort sitzen. Die Hände um die Knie
gefaltet und den Blick ein klein wenig von unten her in seinen Augen. Er
versuchte sich ihre Augen vorzustellen und sah zu dem Bild über dem
Schreibtisch empor, das einmal ein flüchtiger Besucher hier nach kurzem
Aufenthalt zurückgelassen hatte. Afra hatte ihm damals erzählt, auch
jener habe sie geliebt. Ein junges, hochmütiges Fräulein sah ihn an,
etwas starr und ohne wärmeres Lebenslicht, aber eigen eindringlich. Der
Mund war wohlgetroffen, es schien, als habe der Künstler versucht, von
diesem Mund aus das ganze Wesen des Angesichts zu verstehen. Es lag eine
leidende Wildheit im Zug der freien Lippen, die oft so breit und
sinnvoll ruhten, in ihrer kindlichen, wohlbestellten Daseinsfreude. Als
habe der junge Maler in diese Lippen sein eigenes Herz verwirkt, das
reicher und ärmer wieder in die Fremde zog. Die Schatten um die
Schläfen, unter dem rotblonden Haar, waren von einer aufwiegelnden
Süßigkeit leiblicher Wärme und atmenden Bluts, aber die letzte
Vollendung des Ganzen fehlte. Es schien, als hätte plötzlich die Kraft
versagt, die so gut begonnen hatte, als wäre mit der menschlichen
Hoffnung auch das künstlerische Vermögen dahingesunken.
Erst nach dem Nachtmahl, als schon die Dämmerung Haus und Garten
einhüllte, hörte Helmut im Hof Afras Schritte. Das war ja auch Martins
Pfeifen, so mußte sie gekommen sein. Er entzündete die Kerzen auf seinem
Tisch und sah, wie seine Hände zitterten. Vom dunklen Tuch, aus dem
Durcheinander, das ringsumher herrschte, erhoben sich still und
feierlich die mattfunkelnden Schlangenleiber der bronzenen Leuchter im
rötlichen Licht.
Afra kam in ihrem hellen Sommerkleid, Ähren am Strohhut, und legte ihm
ein paar späte Kornblumen auf seinen Tisch. Sie lehnte sich im breiten
Sessel zurück, ganz wie er es im Geist gesehen, schlug ein Knie über das
andere und nahm den Hut von den Haaren. Es fiel ihm auf, daß ihr Gesicht
leicht gebräunt war, das ließ ihr Haar heller erscheinen und gab ihren
Zügen einen Ausdruck von Kraft, der in einem betörenden Widerspruch zu
der kindhaften Lässigkeit ihrer Haltung stand.
»Ach, ich bin müde«, rief sie, und hob die Hände hinter den Kopf. »Ich
bin den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen, auf dem Pferd hab' ich zu
Mittag gespeist, und ich war schon auf, als es hell wurde.«
Ein heimlicher Hauch von der Müdigkeit des Tages, vom Korn der Felder
und von durchsonnter Luft kam von ihr zu ihm und schlug seine Sinne in
den Lebensbann eines friedlosen Heimwehs. Draußen wurde es Nacht. Afras
Stimme erschien ihm dunkel von holden Verheißungen, ihre Müdigkeit, die
einen herben Duft von Hingabe zu atmen schien, benahm ihm den Willen. Er
schloß die Augen im Ringen nach Kraft, die sein drängendes Herzblut
bewachen sollte.
Dabei sprachen sie miteinander über die Maßnahmen, die zur Veranstaltung
des Festes getroffen werden sollten. Er hatte ihr längst zugestanden,
daß er ihr alles überlassen würde und daß es auf alte Art vor sich gehen
sollte, aber immer wieder griff er Einzelheiten heraus, machte
Vorschläge und fragte, nur um sie bei sich festzuhalten.
Dann war von der Entenjagd die Rede. Sie wollten am Sonntag in der Frühe
die Annergräben mit dem Kahn abfahren. Der Landrat hätte für gewöhnlich
daran teilgenommen; ob es ihm recht sei, wenn er auch diesmal käme?
Helmut sagte eifrig zu. Während er sprach, schloß er die Augen. Er sah
die herbstliche Morgensonne im Schilf und die stillen Spiegel der
Moortümpel. Der Wald lag eingehüllt im blauen Atem der versinkenden
Nacht. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen:
»Afra«, sagte er leise, »Geliebteste. Wie soll mein Herz schweigen? Ich
fühle keine Freude mehr ohne deine Nähe. Ich kann mein Dasein nicht mehr
ertragen. Warum läßt Gott zu, daß ich so restlos in dir aufgehe, daß ich
keinen Atemzug mehr tun kann, der nicht seine Kraft aus meiner Hoffnung
schöpft, deine Augen möchten lernen, auf mich zu sehen, und dein Herz
möchte mich hören. Ich tue den Willen Gottes in einem Gehorsam, der
keine andere Demut und keinen anderen Willen mehr kennt. Ich habe mein
Herz mit aller Gewalt schweigen geheißen, ich weiß deine Antwort, aber
begreife, daß niemand sich ohne Seufzen in die Finsternis des Todes
abkehrt ...«
Er wandte sich ihr zu und hob seine Hände.
Ihr Haupt war auf die Lehne des Sessels gesunken, ein wenig zur Seite
geneigt, ruhte es schwer auf der dunklen Rundung.
Sie schlief.