Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In
unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in
ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre
Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte
nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie
ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem
beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit
sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein
wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr
war, als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde
ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht.
Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es
unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem
kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück.
Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden
silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare
emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die
dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick
in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang
für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und
schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden
Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr
Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die
Tränen ihrer ersten Hingabe. --
Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben
wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der
er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.
Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich
handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie
gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch
niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben
niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer
Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so
verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht
zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra
wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der
Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war
dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und
vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum
erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden
Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte,
sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange
an:
»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«
Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein
mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten
Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual
und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der
Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der
Musik und den Geist des Weins.
* * * * *
Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er
erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe
Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in
uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber
liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über
arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft
zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst
gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur
beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber
hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie
Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und
unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr
sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen,
und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre
Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder
Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im
Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit
schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie
Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt,
die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte.
So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame
Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über
Afra sprach.
Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und
der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der
Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin
servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg
auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald,
besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten,
hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen,
daß er in seinen späten Tagen noch einen Gefährten seiner altmodischen
Interessen bekam.
Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu
zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde
nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und
wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu
finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem
eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend
hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre
besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge
Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden,
um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die
heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden,
da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer
schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank
rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung
beherbergt hatte.
»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du
eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?«
Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am
Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:
»Darüber müßte ich nachdenken.«
»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie
nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß er sich voreilig in eine Idee
verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.«
»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«
»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist
es ihm so ergangen.«
»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl
doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich
verfügen läßt.«
»Welche Rechte hat sie denn?«
»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des
Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee
davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal,
Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein
Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht
entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere
belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist
ein Mann von großer Gerechtigkeit.«
»Das ist nicht wahr ...«
»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen
Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist
sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß
Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das
Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige
Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur
zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den
großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder
unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem
Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten
Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten
Verfügungen zur Pflicht gemacht.«
»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab,
das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll.
Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«
Friedel sah ganz erschrocken auf:
»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im
Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte.
Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen
leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:
»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra
etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«
»Weil er in sie verliebt ist.«
»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt
nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder
unterbleibt.«
»Und mein Kind ... sein Sohn -- ach, Friedel, wie kannst du solcherlei
Irrtümer gutheißen?«
»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu
sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.«
»Und das nennst du gerecht?«
»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...«
Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein,
denn sie antwortete traurig:
»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins
Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen
bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm
auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater
an?«
Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da
seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er
den Kopf stützte:
»Ich verstehe dich ja ...«
Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl
unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange
der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte.
»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder
auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.«
»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.
Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen
hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als
Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an
seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen
Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf
ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein
aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob
sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild
empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in
denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das
Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll
Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im
Wind ... Was hatte er denn tun wollen?
»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen
seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras
Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch
ihr ...«
Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in
seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn
veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben,
das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte,
war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch
wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.
Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs
saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte
Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen
melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog
die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.
* * * * *
Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem
Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte
Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren
suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit
leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit
leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen
Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er
wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen
konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig
und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit
an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an
Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine
Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte.
Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu
geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente
und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch
zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein,
daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende
Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner
sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann
zu spielen versucht.
»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos
und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des
Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in
diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er
die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen
Ernst.
Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die
Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt.
Gleich darauf stand der Alte neben ihm.
Afra sollte kommen. -- Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am
Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde
zurückerwartet.
Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß
sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.
Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er
begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der
Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu
verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er
konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist
selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein
gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner
tatlosen Ergebenheit.
Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem
bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich
zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in
die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das
Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.
»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit
nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«
Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit
Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines
Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine
Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann,
in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn
zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen
Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde
zog?
Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag
beschäftigte:
»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen
gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in
der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der
Kraft des Lebendigen.«
Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes
Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu
Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg,
durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe
flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie
seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen
brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name -- --
Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand.
Sie lachte über seinen Schreck:
»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es
hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor
dem Licht.«
Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen
blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims,
streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden
Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein
sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des
Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen
Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit
den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am
Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen
Erde.
Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd
einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug,
und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem
Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens
hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft
flatterte.
Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe
warnend musterten, und ohne zu sprechen.
»Lies«, rief er bebend.
Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie
weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer
unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie
sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen.
Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der
Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er
schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder
gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst
du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern
mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ...
»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre
Augen leuchteten wildherzig und froh:
»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«
»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es bedarf allerdings ...
noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...«
»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«
»Bitte«, sagte er.
Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist
keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der
Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem
Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein!
Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie
sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.
»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich
nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich
nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«
Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er
ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das
Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas
sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie
man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:
»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«
Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in
seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht
denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es
schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von
Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz
einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst
viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur
im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan
hatte.
Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür
hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als
müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme
Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an
Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war,
als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.
Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah
sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und
Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte
seine Scherze wider.
Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:
Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich
verschenkt habe.