Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel
Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen
Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und
begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen
Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den
beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer
Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als
vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt
hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen
Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst
seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der
junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen
Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte
Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen
in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.
Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er
las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen
Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit
heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf
andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam,
mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes
früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu
verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen
Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das
Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte
er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.
Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten
Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.
»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr
die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat
sie plötzlich für sein Kommen ein.
»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich
zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn
Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«
Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in
Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen
sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er.
Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.
So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen
treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut
ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten,
für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner,
heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig
bewirten zu können.
Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht
zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in
welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins
gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle
Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem
sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen
voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit
ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die
Räume des Schlosses durchwandert hatte.
Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit
herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur
Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum
erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite
Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände
ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden
Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen
Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß
die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren
hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde
und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe
versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus
Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb,
weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las,
vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte.
»Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz
zitterte vor Erhobenheit und Freude.
Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück,
diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über
irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich
so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er
Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt
hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam
hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine
Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame
Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin,
sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine
Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte
doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen
Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn
seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben
anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun
Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller
Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde
beglaubigen zu lassen.
Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den
dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras
Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen
eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über
Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen
in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die
Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam
auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt
und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen
wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte
er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl
nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr
hatte.«
Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und
mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine
Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater
gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber
war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber
dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der
Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den
Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu
da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß
er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde.
Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er.
Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und
empfand, wie er ihn dadurch kränkte.
Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste
Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener
verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer
Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in
ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete
sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die
Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen
Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig
darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild
seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen;
litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz
mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu
Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn
hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer
ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur
Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer
vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine
Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf
spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen
Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.
Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines
heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete
sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der
schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu
glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.
* * * * *
Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen
Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein
in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof
lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken
die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die
Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in
Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der
starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder
Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der
Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die
melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen
Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger
Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur
Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer
Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer
fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer
Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen
schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben
vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige
Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den
Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu
späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug
aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen
Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen
herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst
des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald
noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die
Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine
schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden
und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus
dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als
Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen -- und doch hätten
sie beides sein können.
Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die
feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles
auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf
einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«,
sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.«
Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich
gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht
zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und
äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er
vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache
gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende
Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und
sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das
bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter.
Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu
behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden
einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so
tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust
eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch
gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein
Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu
bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch
guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten
durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut
des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar
nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des
voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte
sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:
»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich
nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«
Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:
»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst
du an, was man dir zum Leben gibt.«
Friedel sah ganz bestürzt auf:
»Was willst du damit sagen?«
»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines
Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo
du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche
aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der
Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«
»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch
der alte. -- Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde
weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit
meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag
selbst ...«
Helmut mußte wider Willen lächeln.
»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die
Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf
die Beete.«
Friedel lachte.
»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es
häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies
unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll
trotziger Bekümmernis.
»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir
wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt
und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine
Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen,
nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.«
»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von
jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden
hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. --
Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die
zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte
Friedel:
»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man
hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.«
Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr
fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu
entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte.
Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die
Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte
miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein
wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes
geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich
der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der
Verwaltung seines Guts machen.
»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«,
hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«
Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte
nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten
Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war
nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die
Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit
dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder
arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer
Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht
vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften
Liebelei auflöste.
Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des
geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen,
dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand
zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz
allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft,
freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.
»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die
schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der
Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des
Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«
Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten
den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der
Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu
hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam
im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf,
und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das
Bekenntnis:
»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«
Helmuts Lachen verdutzte ihn.
»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«
Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem
gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit
einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als
gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht
war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel
sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins
stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig
aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im
wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.
Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn
das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine
Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung
nicht verbarg.
Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich
respektvoll erschien, und sagte froh:
»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.«
Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein
Erstaunen zu verbergen.
Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem
Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte
sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles
verändert.
»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?«
fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?«
»Ein Ereignis? -- Ich muß es wissen.«
»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn
die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen.
Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren
Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte
seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich
jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht
dich dein Schmerz.
»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein
waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.
»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich
nicht mehr machen.«
Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra
entgegenzureiten.