Siebentes Kapitel

Am anderen Morgen lief Melchior, der alte Diener, im Hause umher,

verstört und von Angst und Trauer ganz von Sinnen. Es galt, seine

Habseligkeiten zusammenzupacken und die Reise in die Fremde anzutreten,

fort von den bösen Geistern, die seine Heimat zu beherrschen begannen.

Ihm war zumute, als sei eine Rotte böser Hunde, die die Kraft des toten

Schloßherrn einst zu friedlichen Haustieren gebändigt hatte,

losgelassen, um Unrast, Verwüstung und Verfall über das wohlbestellte

reiche Erbgut zu bringen. Wie er nun, von Schmerzen verwirrt, im Hause

umhertappte, merkte er, daß er viel mehr mit fortnehmen mußte, als

Menschen von der Stelle schaffen können, wenn er sein Eigentum bergen

wollte, wenn er retten wollte, woran sein Herz hing. Er wollte gar nicht

an das denken, was seine bewegliche Habe darstellte, was er bergen und

mitnehmen konnte, er hatte nur immer im Sinn, zu retten, woran sein Herz

hing. Es waren vielerlei Dinge in Haus und Hof und Ställen verstreut,

die ihm zu eigen waren: die Geweihe im Gartenhaus, ein altes Bild des

Herrn, das in der Gesindekammer hing, die Pfeifen, die ihm geschenkt

worden waren, von denen noch kürzlich Martin eine entliehen hatte,

vielerlei Gartengeräte und ein alter Hund. Allerlei unnütze kleine Dinge

kamen ihm wider Willen in den Sinn. Er blieb ratlos auf der Treppe

stehen, starrte nieder in den Hof und tastete mit bebenden Händen die

schweren Steinmauern ab. Die Starenkästen im Lindenbaum gehörten ihm, er

hatte sie gezimmert und die kleinen schrägen Dächer geteert -- -- Da

schlug er die Hände vor sein gealtertes Gesicht.

»Afra«, rief er, »Afra ... was tust du?! Was bist du geworden, du

ungeratenes Kind, du böser Kobold, du Kleine, die ich auf den Knien

gehabt habe? Du tust Sünde, du ladest schwere Schuld auf dich! Solche

Rechte hat kein Mensch. Das hat Gott gesehen, was du tust --«

Er sah mit trüben Augen hinaus. Von hier oben hatte man über die

Hofmauern einen weiten Blick ins Land, in der Ferne lagen die Wälder in

der Sonne.

Unten ging eine Tür auf, heftig und kurz. Dann blieb es still, als

lauschte jemand zu ihm empor und auf seine klagende Stimme. Er glaubte

ein tiefes Seufzen zu hören, und ganz leise ging die Klinke nieder und

die Tür wieder ins Schloß.

Ihm schien, als seufzte es im Hause seit Wochen von allen Wänden und aus

allen Winkeln. Warum war Wartalun mit seinen Türmen und Mauern nicht

dahingesunken mit seinem Herrn?

»Gibt es noch Menschen in meiner Nähe, die ein Herz haben?« stöhnte er

heiser und lehnte sich an die Wand. Nein, er wußte, es gab niemand,

außer Afra selbst, der Macht gehabt hätte, ihm zu helfen. Es ward ihm

unbewußt klar, daß er sich an niemand wenden würde, er brachte es nicht

noch einmal über sich, bei jemand Recht zu suchen, dem er nicht gedient

hatte. Auch war ihm deutlich im Gedächtnis, wie gleichgültig und hilflos

ihn der junge Herr an Afra verwiesen hatte, wann immer er schüchtern

versucht hatte, von ihm Befehle zu erhalten, die über etwas Wichtiges

entschieden. Der plötzliche Gedanke an Martin ließ ihn erzittern, ja er

bebte am ganzen Körper vor Wut und Beschämung und ballte die Fäuste.

Er hatte die schlimmste Nacht hinter sich, derer er sich erinnerte; der

Gedanke an das, was er in seinem kurzen Schlaf geträumt hatte, stimmte

ihn milder, obgleich es trostlos düster gewesen war. Er sah Afra vor

sich stehen, sie sah ihn mit ihren farblosen Augen an und stand mitten

in Wartalun, sie war riesengroß, das Gut lag wie ein Teppich unter ihr.

Dann hob sie den Arm und wies ihn fort, und er erkannte, daß alles, was

nicht zu Wartalun gehörte, Abgrund war. --

Es gingen zwei junge Frauen über den Hof, Arbeiterinnen, die einen

schweren Korb mit Torf und Holz trugen, die eine von ihnen lachte

heimlich und verbarg das Gesicht mit der erhobenen freien Hand hinter

der blauen Schürze. Da dachte der alte Melchior:

»Ach -- das Leben.«

So einfältig sein schlichter Gedanke sein mochte, so war ihm doch, als

habe er lange Zeit nicht mehr so tief über das Leben nachgedacht. Sehr

früh war es ihm so ergangen, als noch alle Ereignisse seines Lebens im

goldenen Schein der Jugend gelegen hatten. Er sah hinaus, über die Bäume

des Parks hin, und es war ihm, als habe in der langen Zeit seines Lebens

sich hier nichts verändert. Ihm erschien es, als seien die Bäume nicht

größer geworden; war nicht auch der Efeu immer schon bis an den

Dachfirst herangewachsen, hatte er nicht immer schon die Zinnen

umschlungen und seine Ranken durch die goldenen Speerspitzen des hohen

Seitentores geflochten, das nie geöffnet wurde? --

Da erklang unten im Hause Afras Stimme, sie schien Martin etwas

zuzurufen, und er hörte gegen Ende ihrer kurzen Sätze, daß ein Scherz

folgte. Da faßte eine wehmütige Gewalt von so großer Kraft sein Herz,

daß er alle Beherrschung verlor. Er eilte wankend die Treppe hinunter,

er schaukelte mit vorgestreckten Händen durch den Flur, riß Afras

Zimmertür auf, wobei er alle Vorsicht und Ehrfurcht vergaß, die man ihn

gelehrt hatte, und so stand er nun vor ihr, die ihn ruhig anschaute.

»Laß mich hier bleiben ... hier leben ... bis ... Afra, sei barmherzig

gegen mich! Ich bin ein alter Mann in diesem Hause geworden.«

Das junge Mädchen war zurückgetreten. Nun sah sie ohne Zeichen großer

Erregung auf den Bittenden hin, der ihr seine Hände entgegenreckte und

auf dessen weißem Haar die Morgensonne lag.

»Natürlich«, sagte sie freundlich, »bleib doch, Melchior. Ich wollte

dich schon darum bitten. Aber vergiß nicht, daß im Hause Ordnung sein

muß.«

Sie entzog ihm ihre Hand.

»Willst du nicht Martin sagen, daß wir die Pferde brauchen? Ich will

nach Wendalen und werde wohl einige Tage dort bleiben. Seit der Herr tot

ist, gelt Melchior, geht nicht alles seinen Gang? Dem Nissen muß ich

einmal in die Bücher schauen.«

Der alte Diener suchte nach einer Antwort. Über sein Gesicht liefen

Tränen, und seine Lippen zuckten.

»Ich soll bleiben«, sagte er endlich und schlug die Hände zusammen. Afra

ordnete Papiere am Schreibtisch. Sei es nun, daß er ihren Befehl

unbewußt als das empfunden hatte, was er gewesen war, als einen Versuch

Afras, ihm über den schweren Augenblick seiner Demütigung

hinwegzuhelfen, sei es, daß er ihn im Sturm seiner Erregung und Freude

vergaß, jedenfalls führte er ihn nicht aus, sondern lief in den Garten

und suchte nach Blumen, die er in Afras Zimmer trug, als sie das Haus

verlassen hatte.

* * * * *

Kurz nach diesem Vorfall ritt Afra mit Graf Helmut aus dem Schloß, den

fahrbaren Feldweg auf Wendalen zu. Sie sprachen miteinander über

gleichgültige Dinge, die die Verwaltung angingen. Afra fragte nicht nach

Frau Elsbeth, sie nickte nur nachdenklich, als sie erfuhr, der Arzt habe

keine Besorgnisse geäußert, und es ginge besser mit der Kranken. Wohl

drängte es ihn, den Versuch zu machen, Afra auf seine Art über die

Vorfälle aufzuklären, die in dieser Nacht geschehen waren, aber er

fürchtete sich vor Worten, die ihm um seiner eigenen Stellung willen

schwer wurden. Es kam hinzu, daß er Afras Verständnis ungewöhnlich viel

zutraute, und vielleicht fürchtete er sich davor, von ihr andere

Meinungen darüber zu hören, als er sie bei ihr vermutete oder erhoffte.

Sie hatte ihm am Morgen erklärt, sie würde für einige Tage nach Wendalen

gehen, er war ihr dankbar und fand keine bessere Lösung.

In der Runde krähten die Hähne, es war ein warmer Morgen voll

Sonnenschein und tiefer, fruchtbarer Stille. Das Korn stand hoch. Aus

der goldenen Fülle leuchteten Mohnblumen, und an lichteren Stellen

erkannte man den von der anhaltenden Hitze brüchigen Erdboden.

Nun ritten sie miteinander auf die Moorgründe zu, zwischen Weidengebüsch

und Pappeln dahin, ein Bach rieselte am Wegrand über dunklen Grund, und

im Gezweig der Büsche zirpten Goldammern. Afra, die an die kommende Jagd

dachte, sagte: »Der Förster hat die ersten Feldhühner gebracht.«

»Ich kenne ihn noch gar nicht.«

»Schlimm genug«, sagte das Mädchen lächelnd, »für ihn und für Sie. Er

ist ein alter Fuchs, der nicht mehr aus seiner Höhle kriecht, man muß

ihn schon aufsuchen. Er will nichts von Ihnen wissen.«

Dann sprachen sie von der Jagd, vom Fischen und vom nahenden Herbst.

Helmut hatte seit einiger Zeit unterlassen, ihr die Lobsprüche über ihr

Wesen zu sagen, zu denen sie sein empfängliches Herz Stunde für Stunde

herausforderte. Er nahm die glückhafte Gelassenheit ihres schönen und

starken Wesens wie eine Wohltat hin; still geworden in der bitteren

Erkenntnis, wie teuer ihm dieser neue Reichtum seines Daseins geworden

war. Er verglich nicht mehr. Sein schmerzvolles Angesicht hatte einen

Zug jenes einsamen Gehorsams bekommen, der willenlose und ehrfürchtige

Naturen auszeichnet, die bestimmt scheinen, niemandes Schicksal zu

werden.

»Wie ist es mit Melchior?« fragte er.

»Er wird bleiben«, gab sie einfach zurück; diese Auskunft schien ihm zu

genügen.

»War dies das Pferd meines Oheims?« fragte er nach einer Weile und

klopfte den blanken Hals des Tiers, das er ritt.

Afra schüttelte den Kopf.

»Dies ist >Prinz<«, teilte sie mit, »es taugt nicht viel. Er nahm es in

seiner letzten Zeit zuweilen für kurze Ritte, wenn er sich mehr mit

seinen Gedanken beschäftigen wollte als eben mit dem Reiten. Nein, sein

eigenes Pferd war ein prachtvolles Tier von großem Wert, ich habe es

kürzlich verkauft.«

»Warum das?« fragte er ohne Unwillen.

»In den letzten Monaten«, erzählte ihm Afra, »ließ er es sich Tag für

Tag nur noch vorreiten. Für gewöhnlich mußte Martin es tun, der etwas

von Pferden versteht, denn er selbst hatte nicht mehr die Kraft, das

unruhige Tier zu beherrschen. Aber selbst unter dieser Pflege ließ es

nach, es schien beinahe, als würde es traurig. -- Wer sollte es denn

jetzt reiten?«

Sie sah mit einem raschen Blick über ihn hin. Er raffte sich zusammen.

»Ja«, sagte er, »ich selbst gewiß nicht. Seit meiner Studentenzeit habe

ich auf keinem Pferd mehr gesessen. Für eine wirklich edlere Rasse hätte

ich wohl auch kaum den rechten praktischen Sinn.«

Sie schien das zuzugeben.

»Und Sie selbst«, fuhr er fort, »warum haben Sie es nicht genommen?«

»Ich?« fragte sie nicht ohne Erstaunen. Dieser Gedanke schien ihr ganz

neu zu sein. »Wie sollte ich ... auch habe ich >Joni< von ihm selbst

bekommen und will kein anderes Pferd als dies, das er für mich bestimmt

hat. Er hat es mir zugeritten, die Narben dort in den Flanken stammen

von seinen Sporen.«

Sie schaute hinab und suchte, halb von unten her, nach seinem Blick, ob

er ihren Augen folgte. Er sah ihr klares Profil im goldenen Schatten des

breitrandigen Strohhuts, die kindhafte Wichtigkeit in seinem Ausdruck

und das reine Licht auf ihren Augenlidern. Eine glühende Traurigkeit

überfiel ihn jählings wie ein Sturm aus den einsamen Landschaften seiner

Träume. Mit schwermütigem Ausdruck hob er sein Angesicht empor, und mit

bitterem Lächeln, das Haupt ein wenig zurückgelegt, sagte er in der

planlosen Ergebenheit seiner Schwäche:

»Ich möchte keinen Tag mehr leben ohne dich, Afra.«

Man hörte die Hufe der Pferde auf dem weichen Boden und die heimlichen

Laute des Lederzeugs der Sättel. Ein Häher flog mit grellen Warnrufen

dicht vor ihnen quer über den Weg, und die Spitzen der Weiden

schaukelten im sanften Wind.

Nach einer kleinen Weile fuhr Afra zu sprechen fort, vorsichtig, beinahe

schüchtern, als empfände sie, wie hart es ihm sein müßte, daß sie nach

diesem Ruf seines verwundeten Herzens nun nichts anderes tun konnte als

das Gespräch von vorhin wieder aufnehmen:

»Nathanael hat das Pferd gekauft. Er hat eine sehr große Summe bezahlt,

ich glaube, er hat seit langem einen Käufer, denn er selbst versteht nur

etwas von Ackergäulen und wie man ihre Fehler in Abrede stellen kann.«

Sie hoffte, er würde nach der Kaufsumme fragen, aber er tat es nicht.

Wie konnte er ahnen, daß dies sie verstimmte? So suchte er den

heimlichen Verdruß, der nun aus ihrer Stimme klang, durch eine Schuld

bei sich zu deuten, denn sie sagte unvermittelt und beinahe lieblos:

»Sie quälen das Pferd. Sie müssen den Zügel locker fassen.«

»O ja ... gewiß ...« antwortete er eifrig und sprach schnell von etwas

anderem, wie in Sorge, es möchte ihr nachträglich in den Sinn kommen,

daß es sein eigenes Pferd war, das er ritt.

Irgendwie beruhigte es Afra, daß er sich niemals um einen Gewinn

bekümmerte, der in Zahlen auszudrücken war, aber doch quälte es sie, und

sie dachte: Ihn beglückt kein äußerer Besitz und kein äußerer Reichtum,

und doch glaubt er innerlich arm zu sein, er hat es mir selbst gesagt.

Vielleicht ist er zu schwach, sann sie, vielleicht würde es ihn

bedrücken. Es wäre ihr lieb gewesen, wenn er mit ihr darüber gesprochen

hätte, aber er, der oft und leicht über sich und seine Beziehungen zur

Umwelt sprach, schwieg stets, wenn es sich um solche Dinge handelte. Aus

seiner Verschlossenheit fühlte sie ein heimliches Mißtrauen. Sie nahm

sich in einem quälenden Zorn vor, in dem kein Schatten von Habgier war,

seine Gleichgültigkeit auf eine harte Probe zu stellen. Wenn sie ihn nun

darum bäte, ihr das Vorwerk Wendalen zu schenken ... Ich will es nicht

haben, dachte sie, aber sie wollte, daß er es schmerzlich vermissen

sollte.

Aber als sie sprechen wollte, zögerte sie doch. Es ist noch zu früh,

dachte sie und ertappte sich darüber bei der Befürchtung, er möchte ihr

ihre Bitte abschlagen. So war ihr Wunsch doch nicht einzig, ihn zu

demütigen? Mit einem Aufwallen übermütigen Trotzes gestand sie sich ein,

daß nach ihrer Empfindung dies Gut durch eine unverständliche Fügung des

Schicksals in falsche Hände gegeben worden war.

Sie pfiff den Hunden, die sich im Moor umhertrieben, und schaute

plötzlich mit hellem Lachen in Helmuts Gesicht.

»Gib mir Wendalen zum Eigentum«, rief sie, wie einem scherzhaften

Einfall gehorchend, »dann bleib' ich künftig fort von Wartalun.«

»Das wäre ein Grund, dir Wendalen nie zu geben«, sagte er lächelnd.

»Aber alles, was mir gehört, gehört auch dir.«

Sie fühlte sich beschämt und sagte rasch und ohne Überlegung:

»Das glaubt mir niemand.«

Gepeinigt sah er auf.

»O Afra, wie könnte etwas in dieser armen schönen Welt mir wertvoller

sein als deine Freude? Wie schlecht kennst du mich, wie wenig wirst du

jemals von mir wissen. O du, aller Liebe so nah, der Liebe so fern, wie

du bist. Was wollte Gott mit uns, als er dein armes, reiches Herz

erschuf. Oft erscheint es mir, als sei der alte Mann, der im Licht

deiner herrlichen Jugend seine Augen geschlossen hat, mir lieb geworden

wie ein vertrauter Freund. Entbietest du Liebe in unseren Herzen, um

sie durch deine Härte um so inbrünstiger in uns zu gestalten? Ich weiß

es nicht, aber ich werde gehorsam sein dem Besten in mir und ihm, dessen

Erbteil ich habe antreten müssen. Ich habe nicht gewußt, was ich mit

seinen Gütern, zu denen auch du gehörst, auf meine Schultern geladen

habe. Schau mich nicht an, als ob ich klagte, Afra. Ich weiß auch, daß

mein Schicksal und das Schicksal der Frau, deren Leid du gesehen hast,

das Himmelreich deiner harten Unschuld nicht verfinstern darf. Ich

fordere nichts von dir, was du nicht geben kannst, aber meinen Wunsch,

du möchtest mich lieben, wirst du niemals aus meiner Seele löschen

können.«

»Ich habe dich nicht traurig machen wollen«, sagte Afra.

Ihm war, als sagte sie zum ersten Male du zu ihm.

»Traurig?« rief er mit schmerzvollem Lächeln. »Ach nein. Aber wie willst

du verstehen können, daß uns die Liebe beseligt und bedrängt zugleich.«

»Oh, das verstehe ich wohl.«

»Auf deine Art, Afra. Es wird wohl ein jeder sagen, er verstünde es. Mit

verzehrendem Grauen warte ich auf die Stunde, in der du weißt, was die

Hingabe an einen Menschen bedeutet. Diese Furcht ist ganz ohne Hoffnung,

Afra, denn diese Stunde wirst du ohne mich erleben, diese Stunde, die

dich grenzenlos reich machen wird. Sieh, so lieb habe ich dich gewonnen,

daß ich niemals daran zweifeln werde, daß sie für dich kommt, daß dein

Herz, das im Schlaf seiner kaum erwachten Hoffnungen schlägt, dieser

einzigen Gewalt und Kraft fähig ist, die uns reich macht.«

Da stellte Afra die Frage:

»Wie muß ich denn sein, damit mir das geschieht?«

Da schossen ihm Tränen in die Augen, und er wandte sich ab in das

besonnte Land und sagte mit zitternder Stimme:

»Wie du bist --«

Sie trennten sich bei der nächsten Wegbiegung, ohne daß noch ein Wort

gefallen war. Er gab ihr die Hand und sagte einfach:

»Erinnere dich meiner zuweilen, ich begleite dich immer.«

Sie nickte nur, warf dann den blonden Kopf zurück und nahm »Joni« kurz

herum, die auf den Heimweg gehofft hatte. Die Hunde zögerten, dann

schlossen sie sich Afra an. Er sah ihr nach. Sie ritt im Sonnenschein,

im Rahmen der grünen Wiesen unter dem blauen Himmel dahin, saß gerade im

Sattel, das Pferd ging im Schritt, und die Bänder ihres Hutes hoben sich

matt im lauen Wind. Er konnte den Blick nicht wenden und prägte das

helle Bild inbrünstig in sein Herz ein.

Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts · 第 10 / 20 题