Sechstes Kapitel

Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern

ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht,

als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von

Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe

Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine

Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten

der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben,

lagen im Hof.

Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der

alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie

waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den

Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der

zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen

Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch

Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen

Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die

Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die

geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende

lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen

Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem

Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des

letzten Grafen von Wartalun hernieder.

Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem

Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett

in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ

sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie

in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.

Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei

Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes

verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage

schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene

Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand

auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise

durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und

summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen

ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher

die wogenden Kornfelder im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr

Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken,

und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen,

heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen

erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes,

schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen

die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr

inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der

Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die

Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den

Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür

angeschlagen hatte ...

Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte

draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben

noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte.

Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm

gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf

einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du

bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß

sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe,

in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin

ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich

möchte.« -- Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen

etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.

Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und

angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher.

Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die

Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer

und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen

beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und

sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen

gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig

gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten

sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die

Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte

ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht

hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit

kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das

niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung

entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer

Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja

zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die

Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten

war.

Sie öffnete die Holzpforte.

»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über

den Schultern der jungen Frau erkannte.

»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. »Ich danke Ihnen,

daß Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.«

Es klang wie eine Anklage.

Afra sagte:

»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kümmern

sich auch nicht um die Tiere.« Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber,

wie man die Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ es.

Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der

jungen Frau gegenüber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekümmert

hatte, mehr Worte als nötig zu machen.

»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte Frau Elsbeth mit

einem vernehmlichen Beben in der Stimme.

Afra nickte.

»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, sagte sie.

Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die junge Frau sich

zuvor durch einen schnellen Blick davon überzeugt hatte, daß die Lichter

im Saal erloschen waren.

Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhänge des Fensters,

zog eine Kerze hervor und zündete sie an. »Auf den Treppen ist es

dunkel«, warf sie ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde

waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der

Lichtschein, die Treppengeländer tauchten aus dem Dämmerlicht empor wie

Luftbrücken, und während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für Stufe

nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter

haben möchte, ihr zu folgen, dachte sie darüber nach, was der Grund

dieses späten Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was

Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. Sie war in das

Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine

Geldsumme zu erlassen, die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das

Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege gehoben und es an ihr

Herz gedrückt. Alle sprachen von diesem ungewöhnlichen Vorfall.

»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.

Es kam keine Antwort.

Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran

beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein

demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an

dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag

unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den

Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil

sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses

Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals

bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie

trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber

ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen.

An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun

mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür

schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter

einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als

sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin

Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und

sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.

Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das

Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam,

entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell

und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte,

um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden

Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört

hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren

Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche

Bitte klang:

»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«

Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle

Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne

Wirkung bleiben würden.

»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich flehe dich an, geh

fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. --

Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das

weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber

was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind,

um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters

erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das

du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst

einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind

nicht, das sich nicht wehren kann. -- Ich hätte meine Heimat nicht

verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben.

Nimm von uns, was du willst, ich bin reich -- aber geh noch in dieser

Nacht.«

»Stehen Sie auf!« rief Afra.

»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals

wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem

Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe

nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von

meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben?

Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder

Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind --«

Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am

ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen

Mund mit Gewalt zu schließen, der so unerhörte Dinge in ihr Leben

hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare

Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden.

»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und

versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich

gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines

sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.

»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird

eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien

lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist.

Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du

selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind

Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen.

Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt,

die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra

geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er

leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die

Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als

ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend.

»Rette mich, halte mich!«

Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das

wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen,

das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß

ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke durch das stille Haus

gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann

stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg

zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der

ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine

Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der

gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am

Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht

ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles

Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie

von rohen Fäusten niedergerissen worden ...

Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im

Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben.

Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie

Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem

Eintritt geschlossen hatte.

»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden

einschlagen?«

Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.

»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im

Rahmen der Tür.

»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der

Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft

kehrte Afras Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem

maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.

»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau,

Iduna, soll kommen.«

»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.

»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett

legen. Worauf wartest du?!«

»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!«

»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang zum Tisch und riß die

Peitsche von den Blättern.

»Gehorchst du?«

»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«

Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der

Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin

öffnete sich in bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen

auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das Fenster nun selbst und

stand plötzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr,

denn er erkannte, daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen

den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts

wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers.

»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«

Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im Eigensinn einer

vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen,

und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm

gegen Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die

nicht falsch zu verstehen war:

»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«

»Du junger Bursche wagst ...«

Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, und die Finsternis

verschlang die Versicherungen von Würde, die der Alte draußen keuchte.

Afra lachte krampfhaft auf.

»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig die neue Gnädige. Ich

habe mir gleich gedacht, daß es nicht gut geht.«

»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt hatte. Sie trugen die

ohnmächtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf

das Bett des jungen Mädchens.

»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.

»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton,

in den sie Martin gegenüber stets verfiel. Von frühester Kindheit an war

eine bewährte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich

brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte.

»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht alle Tage. Was soll

ich denn jetzt tun?«

Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.

»Mach drüben die Lichter an.«

Er gehorchte. Dann kam er zurück.

»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, schirr >Husar< an,

oder willst du reiten?«

»Da ist mir schon der Wagen lieber.«

»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«

»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der Bursche. Afra wandte sich

um, da sie hörte, daß er an seiner Hand saugte.

»Blutest du?«

»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es schlecht. Du siehst

wie Kreide aus.«

»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum Tisch, goß Wasser über

seine blutenden Finger und zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.

»Deine Hände zittern«, sagte er.

»Halt still«, gab sie zurück.

Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von

kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Stoß,

und als die Tür sich nun öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und

steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen

Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß Melchior mit einer Miene von

eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.

»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, »morgen gehst

du, hast du verstanden? Mittags bist du über alle Berge und läßt dich

nie mehr in Wartalun sehen.«

Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter

ihr.

»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch

merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«

Da stolperte Melchior vor ihn hin.

»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu,

daß mir Unrecht geschieht.«

Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut abwartend an, mit fest

geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der

Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war.

»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu Melchior.

Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe

sie die Tür ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und

in großer Erregtheit heraus:

»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. Laß mich mein

Vertrauen nicht bereuen. Hüte dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was

Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«

»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres

Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen

wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie

niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer

zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte,

denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in

Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie

einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel

gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut

dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte

ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr:

»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du

vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten,

wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie

hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte.

Er starrte sie an.

»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug

geworden. Afra, sag rasch!«

Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.

»Dort liegt deine Frau ...«

Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann

schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er

mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte.

Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr

danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm

leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben

gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war,

als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben

ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war.

Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu

machte, wobei er sie ansah.

»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war

plötzlich frei und leicht zumut. »Martin ist zum Arzt gefahren, ich

glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies

auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas

hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.

Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch,

daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein

junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und

eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit

nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die

unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn

über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.

»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte,

fügte sie hinzu:

»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«

»Sprich doch nicht ...«

»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«

»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig.

Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten

hat.«

Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts · 第 9 / 20 题