Fünftes Kapitel

Einige Wochen darauf erhob sich der junge Gutsherr eines Tages mit dem

Morgengrauen, und, den Sinn voll erregter und trüber Gedanken, wanderte

er planlos die Landstraße entlang, die auf das Dorf Wartaheim zuführte.

Die auf dem Schlosse verbrachte Zeit hatte seiner inneren Bedrängtheit

und dem Gefühl von Fremdheit, das ihn quälte, keinen Abbruch getan. Als

die gewohnten Möbel und Hausgerätschaften angelangt waren, hatten sie

sich nirgends einpassen wollen, und der größte Teil war auf die

Dachböden gestellt worden. Ihm schien, als sollte auch äußerlich alles

anders für ihn werden, wie sein Inneres begann, sich, wie von

unerbittlicher Notwendigkeit gedrängt, auf neue Werte einzustellen. Der

Druck, der auf seiner Seele lastete, wurde ihm um vieles schmerzhafter

unter der geduldigen Art, in der seine Frau das unvermeidlich gewordene

Schicksal ertrug. Sie hatten niemals mehr über die Dinge gesprochen, die

in einer Nacht so gewichtig zwischen ihnen gestanden hatten, aber die

Schatten jener Sorge blieben. Ihr stilles Gesicht, in dem unter der

blassen Stirn die Augen klagten, die ihm einst so froh und

vertrauensvoll begegnet waren und deren Blicke ihm nun auswichen, wenn

andere als alltägliche Angelegenheiten erwähnt werden sollten, verfolgte

ihn überall, anklägerisch ohne Zorn.

Sein Herz war schmerzvoll geteilt. Er ließ sich kraftlos dahintreiben,

auf irgendein Ereignis vertrauend, das alles ändern sollte, das er bald

ersehnte, bald fürchtete. Anfangs hatte er sich bemüht, die

Gutsangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, aber seine freie und

kluge Natur sträubte sich rasch dagegen, etwas gewaltsam in sein

Wirkungsgebiet zu bringen, das in Afras Händen besser verwaltet wurde.

Seine Anerkennung verwandelte sich rasch in Bewunderung, und die

Aufrichtigkeit, in der er bewundern konnte, was sie gelassen und

einsichtsvoll tat, beruhigte ihn. Er nahm sie wie eine Wohltat hin, in

der er sich zugleich in seiner Stellung entschuldigt fühlte. Er war voll

lauten Lobes ihrer Fähigkeiten, ihrer Uneigennützigkeit und ihrer

fachlichen Geschicklichkeit und empfand doch, daß sie gerade durch diese

Eigenschaften mehr und mehr Macht über ihn gewann. Sein Trost war, daß

er es gerecht nannte, jedem das Teil an Lebensarbeit zuzuschieben, für

dessen Verwaltung er geschaffen schien. So hatte er es ruhig hingehen

lassen, als er einmal von Martin erfuhr, daß er die bestellten

Kutschpferde nicht bekommen könnte, da Fräulein Afra ihrer bedürfe. Als

der Landrat vor Tagen seinen Besuch machte, hatte Afra dem Beamten

bestellen lassen, der gnädige Herr sei verhindert, ihn zu empfangen, er

möge gelegentlich wiederkommen. Als er dies erfuhr, ließ er Afra zu sich

bitten, da er glaubte, Rechenschaft über diesen selbständigen und

scheinbar unbegründeten Schritt fordern zu müssen.

Sie brachte den Sonnenschein und den Geruch des Gartens mit in sein

dämmeriges Zimmer und lachte, als er von seiner Sorge sprach, der Herr

möchte gekränkt sein. »Sehen Sie«, sagte er unsicher, »der Freiherr tut

mir eine Ehre mit der Aufmerksamkeit an ...«

Sie strich mit der Hand in der Luft seine Worte aus:

»Sie würden alles tun, was Ihr Ansehen herabsetzte«, sagte sie bedacht

und eifrig. »Er hat sich etwas vergeben, indem er kam, ohne Ihren

Besuch abzuwarten. Das ist nicht höflich, sondern unterwürfig. Er kommt

auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ihrem Reichtum und weil er hofft,

endlich die Beachtung zu finden, die ihm Ihr Oheim nicht schenkte. Er

würde Ihnen dafür die besten Rehböcke jenseits der Grenze fortschießen.«

Helmut mußte lächeln, aber sie blieb ernst.

»Nun weiß er seine Stellung«, fuhr sie fort, »und Sie können unbesorgt

sein, er wird wiederkommen.«

»So?« fragte er und sah auf. »Wohl nicht einzig meinetwegen?«

Nun war sie es, die lachte. Es gibt nichts Sorgloseres in der Welt als

ihr Lachen, dachte er. Sie sagte leichthin:

»Er langweilt sich.«

Es waren vielerlei derartige Vorfälle gewesen, die ihm bewiesen hatten,

daß er gut daran tat, Afra die Zügel dieser ländlichen Herrschaft zu

lassen, denn sie hatte einen guten Lehrmeister gehabt, dessen Handlungen

sie nicht nur gesehen, sondern auch verstanden hatte. Ihren natürlichen

Sinn für das Zweckmäßige, der weit über die Bedürfnisse des Alltags

hinausging, bewunderte er um so mehr, als er selbst ihn nicht hatte.

Denn er fühlte und wußte wohl, daß seine Geistigkeit und alles, was ihn

innerlich beschäftigte am Fehlen dieses gesunden Sinns litt, den keine

Arbeitskraft entbehren kann, auf welchem Gebiet immer sie sich regt.

Solchen Erinnerungen und Gedanken hing er bewegt nach, als er an diesem

kühlen Sommermorgen durch die Felder seines Guts ging. Ein rechtes

Gefühl für die Bedeutung der Tatsache, daß dies alles in Wahrheit sein

Eigentum war, hatte er noch immer nicht. Oft sagte er es sich mit leisem

Staunen vor: »Diese Bäume sind mein, diese Häuser, dies Land, so weit

ich es sehe, und dieser See.« Fehlte ihm denn der Sinn für das

Erfreuliche dieser Wahrheit und wurden alle Vorzüge seines neuen Lebens

ihm nur deshalb nicht zur Gewißheit, weil sein Inneres durch ganz andere

Erkenntnisse und Zwiespalte ausgefüllt war?

»Arme Elsbeth«, sagte er plötzlich laut.

Er erschrak bitter. Ihm war, als habe er sich selbst, wie einem

grausamen Richter, sein erstes Geständnis abgelegt.

Die Landstraße wurde über eine breite, schwerfällige Brücke geführt, die

über die Anner geschlagen war. Er wußte, der kleine Fluß begrenzte gegen

Norden sein Gut. Das rasche stille Wasser kam aus dem Moorland,

durchfloß die Birkenhaine von Annerwehr, einer kleinen Kornmühle, die es

trieb und die ihm gehörte. Ohne rechten Entschluß bog er in die Wiesen

ein und schritt den schmalen Schilfweg dahin, der hart am Ufer entlang

nach der Mühle führte.

In den ruhigen Schilfhalmen erwachten die ersten Libellen, der Morgen

leuchtete silbern im Wasser, und am Ufer blinkte der Tau. Die Flut eilte

still und schnell dahin, nahm die Rinnsale der Wiesen auf und

verbreitete einen süßen, wärmlichen Duft von sommerlicher Feuchtigkeit.

In den Birken lag der erste Frühsonnenschein.

Wie glücklich es sich hier leben ließe, dachte der Dahinschreitende,

eine große Welt umgibt mich, die mein Eigentum ist. Aber wir besitzen im

Grunde nicht mehr als die Schätze in der eigenen Brust; nur so viel

unsere eigene Natur enthält, wird aus der Umwelt unser Eigentum.

Durch die Bäume klang das ferne Rauschen des kleinen Wasserfalls von

Annerwehr. Als er die letzten Uferbüsche durchschritten hatte, die den

Weg beengten, sah er das Anwesen vor sich liegen, das rote Dach

leuchtete in der Sonne, und das schmale, hohe Mühlrad glitzerte vom

rinnenden Wasser.

Auf einer bemoosten Holzbank am Wasserfall saß Afra. Er blieb stehen und

schaute zu ihr hinüber. Es wunderte ihn nicht, sie so plötzlich vor sich

zu sehen, beinahe erschien es ihm natürlich, da seine Gedanken bei ihr

geweilt hatten. Hinter ihr bewegte ihr Pferd sich grasend auf dem

Wiesengrund. Als er hinzutrat, sah er, daß sie fischte. Sie wandte sich

nach ihm um und lächelte ihn an, ihm war, als habe sie ihn schon längst

gesehen, so ohne Überraschung begrüßte sie ihn.

»So früh schon?« sagte er herzlich im Aufwallen eines Gefühls von

inniger Freude.

»O bitte, treten Sie ein wenig zurück«, bat sie, »Ihr Schatten darf

nicht aufs Wasser fallen.« Sie wies neben sich. Im Gras, ihr zur Seite,

lagen zwei prächtige Forellen. Sie gab ihm die Hand, ohne sich voll nach

ihm umzuwenden, dann rückte sie auf der Bank ein wenig beiseit, um ihm

Platz zu machen.

»Auch dies verstehen Sie«, sagte er, »wie wohl es Ihnen ansteht, Afra.

Und Ihr Erfolg macht es nützlich.«

»Wie weise«, lachte sie, »Ihr Oheim hat es mich gelehrt.« Er sah ihr zu,

wie sie langsam und sorgfältig einen neuen Wurm auf den Haken zog. »Wenn

er sich noch bewegt, so ist es am besten«, erklärte sie ihm, »die

Forellen erkennen in den Wirbeln ihre Nahrung nicht deutlich, sie

schießen auf die Bewegung hin zu.« Sie schnellte die Angel in das

Gefälle, so daß sie durch die Strudel in die Mitte des Kessels trieb,

den der Fall bildete.

Ihm war, während er in das kreisende Wasser starrte, als wäre irgend

etwas Wichtiges zu sagen. Der Frohsinn seiner Stimmung war dahin. Auf

den Wiesen, jenseits des Wassers, wurde Gras gemäht, und in den

Niederungen schritten Störche durch die flachen Tümpel. Sie schwiegen

beide. Afras klares Gesicht war voll heller Wunder einer unbedachten

Seligkeit an Jugend und Leben. Nach einer Weile trat der Müller zu

ihnen, grüßte zurückhaltend und betrachtete den jungen Gutsherrn

aufmerksam.

Helmut richtete ein paar Fragen an ihn, die Afra überflüssig fand. »Es

wird mir schwer, mit den Leuten in rechte Beziehung zu treten«, sagte er

später dem Mädchen; sie lächelte unter den sinnend gesenkten Augen und

antwortete nicht. »Ich habe keine rechte Ruhe mehr zum Fischen«, meinte

sie bald darauf und zog die Angel ein. Sie empfahl das Pferd der Sorge

des Müllers, und bald darauf schritten sie miteinander quer über die

Wiesen auf Wartalun zu, und er trug ihre Beute.

Er wußte nicht recht, wie ihm der Gedanke gerade nun kam, aber plötzlich

empfand er: sie ist herzlos. Wie sie vor ihm dahinschritt, berauschte

ihn die liebliche Vollkommenheit ihres jungen Körpers, seine Frische und

Kraft. Alles an ihr schien seiner selbst in unzerstörbarer Seligkeit

gewiß, die kleinen kräftigen Hände, die unberührten Augen und die

rötlichen Feuer ihres Haars an den Schläfen. Zögernd sagte er:

»Ich denke viel mehr an Sie, Afra, als an meine Pflichten.«

Sie antwortete ihm frei und ernst, so sei es ihr lieb, denn es sei am

besten, sie übernähme diese Pflichten an seiner Stelle. Dann fragte sie

ihn ganz unvermittelt und ein klein wenig unsicher:

»Ich habe gesehen, wie viele Bücher Sie mitgebracht haben, und mich

verlangt oft sehr danach, zu lesen. Sind welche darunter, die ich

verstehen kann?«

»Viele«, sagte er eifrig, »ich will Ihnen welche auswählen, und wenn es

an Verständnis fehlen sollte, so will ich gern nachhelfen. Es ist

hübsch, ein Buch miteinander zu lesen.«

Sie nickte zögernd, dann sagte sie: »Die Bücher, welche der Pfarrer von

Wartaheim aufhebt, erfreuen mich nicht. Ich glaube, sie sind nur dazu

da, damit er sie jährlich einmal vom Staub reinigen kann. In den Büchern

der Schloßbibliothek finde ich mich nicht zurecht. Es sind alles große

schwere Bände und so dick, daß man den Mut verliert, bevor man sie

geöffnet hat.«

»Ich habe immer nur mit meinen Büchern gelebt«, fuhr er fort, ohne auf

sie einzugehen. »Schon als Kind. Sie waren in aller Bedrängnis meines

Lebens meine Gefährten und meine Tröster. Sie schauen mich zweifelnd an,

gewiß glauben Sie nicht recht, daß es für mich oft schwere Stunden gab.

Äußerlich war es auch nicht so, aber ich war meine Jugend hindurch fast

immer allein. Ich bin ohne Geschwister aufgewachsen und habe von den

Freuden meiner Jugendgenossen nur die wenigsten teilen können. Ich

fühlte mich dem Leben gegenüber zurückgesetzt, weil ich niemals die

glückliche Unbefangenheit gehabt habe, seine Güter bedachtlos als mein

Recht für mich zu beanspruchen. Es ging mir den Gütern des Daseins

gegenüber ähnlich, wie es Ihnen angesichts der Bücher unserer Bibliothek

ergangen ist. Ehe ich sie mir zu eigen machte, entmutigte mich ihre

Größe. Ich war im Leben etwa das Gegenteil von Ihnen ...«

»Denken Sie nicht gut von mir?«

»Aber Afra, nicht doch, oh, gewiß nicht. Sie müssen verstehen, wie ich

Sie sehe. Sie sind für mich wie eine Offenbarung dessen, was Gott mit

uns Menschen vorgehabt hat. Sie gehen dahin wie die vollkommene

Verwirklichung eines glühenden Traums. So stark, so unschuldig ist

alles, was Sie sind und tun. Keine Gedanken trüben Ihren reichen,

glücklichen Tag, Sie sehen das Leben vor sich liegen in fröhlicher

Erwartung des Besten, was kommen kann, Sie sind schön, Gott weiß es, Sie

sind wunderschön!«

»Oh«, sagte sie leise und hob ihr erglühtes Angesicht zu ihm empor,

senkte schnell wieder das blonde Haupt und stammelte:

»Warum sprechen Sie so gut von mir?«

»Ich kann nie Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie von Herzen lieb Sie

mir sind«, sagte er rasch und bebend und blieb stehen und preßte die

Hände ineinander. Sein Gesicht war so traurig bei diesen Worten, als

wünsche er sich nichts, als sterben zu dürfen.

»Aber nein ...« sagte sie, und dann begann sie plötzlich zu lachen, trat

auf ihn zu und suchte seine Hand zu ergreifen. Aber sie konnte seine

Hände nicht auseinanderlösen, da sank auch die ihre nieder, und sie

starrte ihn mit großen verwunderten Augen an, wie er dastand in der

Sonne, mit seinem von Schmerz ganz entstellten Gesicht, und ihr war

zumut, als sei er unerreichbar fern und ganz allein in der grünenden

Erdenweite, die sie umgab.

»Du lachst«, sagte er, krank vor Bitterkeit.

»Was soll ich denn sonst tun?« rief sie trotzig.

Der gekränkte Ton ihrer Stimme rief ihn zu sich.

»Kind«, sagte er, »ach Kind. Vergib ... vergeben Sie, Afra. Versuchen

Sie, mich zu verstehen. Es muß Ihnen schwer sein -- glauben Sie mir, daß

ich anders als andere Menschen bin, haltloser, wertloser ...«

»Ja, so erscheint es«, sagte sie, hart auch gegen sich selbst.

»So erscheint es Ihnen!« Er sah sie einsam an. »Nur dies erkennen Sie,

nur dies geben Sie mir zu. Wer in der Welt weiß mehr, wer spricht mich

noch frei? Ach, nun wohl niemand mehr, weil ich nur deine Stimme noch

hören will, diese schöne, herzlose, klare Menschenstimme. Afra, so klang

es mir schon meine ganze Jugend hindurch aus der Welt entgegen. Wenn ich

mich herabsetzte, um anderen recht zu geben, die geringer als ich waren,

so ist immer dieselbe Antwort zurückgekommen, die Sie mir gegeben

haben.«

»Warum sind Sie traurig?« fragte Afra.

»Oh Unschuld, süße, harte Unschuld du. Kind du! Ich bin es nicht, da es

doch dich in der Welt gibt. Denke von mir, wie du willst, ich denke an

dich in all der Frömmigkeit, zu der mein Herz verurteilt ist.«

»Wie soll ich Sie denn recht verstehen?« fragte sie betrübt. »Es macht

mir Angst, wie Sie sprechen. Ich habe ja nicht gelacht, um Sie zu

verletzen, ich habe überhaupt nicht über Sie oder über Ihre Worte

gelacht. Ich habe gelacht, weil es mich schüttelte. Sie verstehen

wahrscheinlich nicht, wie man zu so etwas kommen kann. Dann trug gewiß

auch noch dazu bei«, fuhr sie zögernd und mit einem schüchternen Lächeln

fort, »daß Ihre Brillengläser in der Sonne so zornig blitzen, daß ich

denken mußte, es wären Ihre Augen, die ich nicht sehen konnte. Denken

Sie, solche Augen macht doch niemand, der so trübsinnig redet.«

Er schwieg eine Weile, indem er nachdenklich nickte.

»Dir gegenüber«, sagte er dann zögernd, »werden alle anderen zuletzt

unrecht haben.«

»Wieso?« fragte sie.

Er antwortete ihr nicht, sondern schritt, wie im Bann ganz neuer

Gedanken, still neben ihr hin, ein verwindendes Lächeln in den früh

gealterten Zügen seines Gesichts. Da warf Afra mit leichtsinniger Anmut

ihr Haupt zurück in den Sonnenschein. -- Es blieb von diesem Tage ab

heimlich zwischen ihnen bei diesem »Du«, das ein Augenblick der Erregung

mit sich gebracht hatte.

Wartalun: Der Niedergang eines Geschlechts · 第 8 / 20 题