Nun war es Nacht, und über Wartalun stieg langsam der große Mond herauf.
Die vielgestaltigen Dächer der Erker und Mauern lagen hier weißlich und
scharf in seinem Schein, als seien sie mit Schnee bedeckt, dort ruhten
sie ungewiß in blauer Dunkelheit. Durch die Eichen, die den Parksee auf
freien Rasenplätzen umstanden, fiel das Licht in das ruhige Wasser, das
Schilf rührte sich nicht, und die Schwäne schliefen. Sah man über die
Steinmauern ins Land hinaus, so erblickte man hinter den Äckern, fern
über dem lichten Teppich des Korns, die grauen flachen Seen des Nebels
über dem Moor. Von dort aus mochte das alte Schloß in dieser Ebene
beinahe wie ein ungefüges steinernes Ungetüm wirken, das am Rand des
Eichwalds im Schlummer lag. Gewalttätig und gebieterisch lag es da und
duldete nicht Haus noch Baum in der Nähe seiner Höhe. Das Licht der
Nacht, das alles Belanglose des eifrigen Tags zu zeitlosen Gebilden der
Welt emporzauberte, führte die Gedanken des Beschauenden in vergangene
Jahrhunderte zurück. Alle Interessen des Alltags wurden unter diesem
Anblick armselig und wesenlos, als käme es in der kurzen Zeitspanne
irdischen Daseins auf ganz andere Dinge an ...
Wie hoch und warm wirkte dies große Zimmer im Mond. Der junge Gutsherr
lag ohne Schlaf auf seinem Lager, lang ausgestreckt auf dem Rücken,
ruhelos und müde, und betrachtete die Schnitzereien und Bildwerke der
getäfelten Decke, die ihm im gedämpften Licht unwirklich und ungreifbar
erschienen, als sähe er sie nicht, sondern als lausche er einer
altmodischen Erzählung. Auf einer Eichentruhe, nahe am Fenster, lag ein
breiter Streifen Licht wie ein leinenes Tuch, der alte Schrank im
Schatten und die hochlehnigen Stühle bekamen in dieser Stunde ein eigen
persönliches Ansehen. Ihm war zumute, als sei alles hier ihm feindlich
gesinnt, er empfand sich als heimatlos, als Eindringling und rechtlos.
Neben sich vernahm er die Atemzüge seiner jungen Frau. Wenn er
hinüberschaute, sah er im Dämmerlicht nur ihr dunkles Haar in den hellen
Kissen. Er wußte nicht, ob sie schlief. Ihr Schweigen hatte ihn den
Abend hindurch gequält, er wußte wohl, wie er es hätte brechen können,
aber der Name war nicht gefallen, an den beide dachten. In einem
eigensinnigen Schmerz, in einem unerklärbaren Schuldbewußtsein, die ihn
peinigten, hatte er endlich ihren Namen genannt, aber er sprach dann nur
von gleichgültigen Dingen.
Nun hörte er, wie sie den Kopf wandte.
»Auch du schläfst nicht, Elsbeth? Wie das Neue hier alles in einem zu
verändern trachtet. Ich fürchte sehr, daß ich hier lange Zeit nicht zur
Arbeit kommen werde. Die Verwaltung erfordert viel ernstliche Mühe, bis
ich ein wenig übersehen gelernt habe, wo ich notwendig bin. Aber es
erscheint mir so, als herrschte allenthalben große Ordnung, die
Erträglichkeit der Güter ist ungewöhnlich. Wir sind sehr reich geworden,
Elsbeth.«
Sie schwieg.
»Hast du gesehen, wie wunderschön der Schloßhof und der Park im
Mondlicht liegen? Hörst du den Brunnen? Ich glaube, wir werden hier
lernen, glücklich zu leben, und dein Kindlein erwacht in einem
sonnigen, freien Paradies zum Dasein. Denke an den Weg, den wir durch
den Wald und über die Felder gemacht haben. Alles, was du hast sehen
können, wird einmal sein Eigentum sein.«
Da hörte er, daß sie weinte. Er sprang empor und setzte sich an ihr
Bett, die Hände um ihre Schläfen, beugte sich tief über sie und
flüsterte innig und liebevoll.
»Begegnet man so einem großen Glück?« versuchte er sie endlich zu
trösten. »Gestern warst du noch guten Muts, als wir ankamen. Diese
Einsamkeit ist gewißlich ein herber Gegensatz zu dem Leben und Treiben,
aus dem wir uns losgerissen haben, aber es ist dein Wille gewesen, und
du wirst bald empfinden, daß es recht war, ihn auszuführen.«
Sie legte den Arm um seinen Hals und ließ traurig den Kopf zur Seite
sinken, die Augen gegen das weiße Licht geöffnet, das ins Zimmer sank.
Und so sprach sie auch, von ihm abgewandt und als wüßte sie kaum, daß er
ihr zuhörte:
»Ich fürchte mich. Ich meine, daß ich das Leben nie verstanden habe. Ich
habe gehofft, daß ich hier, von allen Menschen entfernt, meiner selbst
viel sicherer würde, daß die Ruhe und die Natur mir helfen könnten,
vieles leichter und freier zu begreifen als früher, aber hier bedrückt
mich alles. Sieh diese Wände an, es würde kein Ruf, kein Geschrei durch
sie hindurch zu den Menschen dringen, niemand würde uns hier jemals
suchen, man ist wie verabschiedet von allen Lebendigen, und das Moor
sieht aus wie ein einziges endloses Totenfeld. Zu diesen Menschen werde
ich niemals lernen eine Beziehung zu unterhalten, und ich werde nie ihr
Herz finden. Ich verstehe sie in ihrer Sprechweise nicht, und ihre
Angesichter erschrecken mich, und ...«
Er wartete. Dann, als sie schwieg, warf er schüchtern ein:
»Du bist ungeduldig.«
»Ja, vielleicht«, sagte sie müde, »aber ich glaube an die Wahrheit der
ersten Eindrücke, und sich gewaltsam gegen die innere Stimme zu wehren,
hat bei mir niemals zum Guten geführt.«
»Mich trifft hart, was du sagst«, antwortete er ihr, »als wäre ich dir
nichts, als könnte ich dir nichts erleichtern und nichts vertraut
machen.«
Wie eifrig hatte sie sonst solchen Zweifeln und Anklagen seines Herzens
widersprochen. Jetzt nahm sie sie hin, als habe er eine bittere Wahrheit
ausgesprochen.
Und obgleich sie nicht abließ zu weinen, er sah in ihren großen ruhigen
Augen die Tränen langsam kommen und fallen, fuhr er um manches weniger
herzlich fort:
»Vielleicht ist dein Zustand an vielem schuld ...«
Er stockte. Wir schweigen beide beharrlich über das, was uns in Wahrheit
bedrückt, wußte er plötzlich, mit einer heißen Welle von Blut, die ihm
in die Schläfen drang und stürmisch pochte. Er sammelte Mut, den Namen
zu nennen, über dessen Klang hin sie einzig sich auf alte Art des
Vertrauens finden konnten, aber sein Stolz hinderte ihn, da er dem Recht
seiner Liebe zu seinem Weibe nicht Gewalt antun wollte. Er hätte sich
als klein empfunden, wenn er sie über Dinge beruhigt hätte, die ihr
keine Befürchtung bringen durften. Mochte _sie_ sprechen, wenn es not tat.
Dabei betrachtete er ihre Tränen, die das Tuch ihres Bettes näßten, und
schwieg, eigenwillig und traurig und mit seinem ganzen Wesen plötzlich
dorthin versetzt, wohin er seine Gedanken nicht schicken wollte.
»Ich kann nicht«, sagte sie mit Zittern, als hätte sie alle seine
Gedanken und Besorgnisse erlauscht, »sprich doch! Wie hätte ich vorhaben
können, dich zu betrüben. Sprich doch von ... ihr. Sie ist den ganzen
Tag kaum von deiner Seite gewichen, warum sprichst du nicht von ihr? Was
hindert dich daran? Konnte dich kränken, daß ich heute darum bat, du
möchtest sie fortschicken?«
»Nein«, sagte er, »ich habe nicht absichtlich von ihr geschwiegen, ich
glaubte nur, bei deiner Abneigung gegen die junge Dame sei es besser,
die Sache vorläufig ruhen zu lassen.«
Sie fuhr empor und drängte ihn zurück.
»Das ist nicht wahr, das ist nicht alles! Oh, nun erst bin ich traurig.
Ich habe gesehen, wie du in ihr Gesicht geschaut hast, ich habe mit
jedem Wort, das dich von ihr traf und das du ihr entgegnetest,
empfunden, wie sie auf dich wirkt. Eine Abneigung, sagst du, hätte ich
gegen sie? Oh, es ist viel mehr, ich habe ein Grauen vor diesem schönen
kalten Wesen, ich friere und zittere, wenn sie spricht, ihr Lachen nimmt
mir den Atem. Alles an ihr ist lieblos und herzlos, sie sinnt einzig auf
ihren Vorteil und auf ihren Genuß, und jedes Mittel ist ihr recht, ihn
zu erreichen.«
»Nicht, nicht doch«, bat er erschrocken, »nicht heute, nicht jetzt,
denke daran, daß alle Erregung nicht allein dir schaden könnte. Sie soll
fort, ich will es dir versprechen, aber noch kann es nicht sein. Ich
bedarf ihrer. Ich habe erfahren, daß sie als Vertraute des Oheims ...«
»Das ist nicht wahr. Du bedarfst ihrer nicht. Eben noch hast du mir
gesagt, daß wir reich seien, wie kann dir da an einem geringen Opfer
liegen, wenn es meine Ruhe gilt, um die du dich besorgt zeigst?«
»Du denkst falsch von Afra«, sagte er ruhig. »Sie ist ein Kind. Ich kann
ihr nicht morgen verweigern, was ich ihr heute zugesagt habe.«
»So hat sie dir schon Versprechungen entlockt?! Oh, wie ich dies Mädchen
kenne.«
»Sie hat mir nichts entlockt, es ist anders. Ihre Stellung zum Herzen
des Verstorbenen legt mir Pflichten auf. Er macht mich auf eine Art für
ihr Ergehen verantwortlich, die ich achten muß, wenn ich mich seines
Erbteils als würdig erweisen soll. Ich will dir morgen seine Worte
zeigen. Ich fühle tief innerlich, daß ich zu den Dingen stehen muß, wie
er zu ihnen gestanden hat, daß diese Pflicht einen Teil meines
Lebensschicksals in sich einschließt und daß ich nichts daran ändern
kann, ohne die Treue gegen mich selbst zu verletzen.«
Er sprach ernst und so überzeugt, daß es beinahe drohend klang.
Sie richtete sich steil und angstvoll auf und sah ihn groß und entsetzt
an, ihr dunkles Haar hing nächtlich schwer und wie in Trauer um die
blassen Züge ihres Gesichts.
»Helmut ...«
Sie sank in die Kissen und weinte bitterlich und wollte sich nicht mehr
trösten lassen. --
Endlich wurde es ruhig im Zimmer, und es schien, als habe der Schlaf die
junge Frau aus ihren Ängsten in sein Vergessen hinübergetragen, aber der
Gutsherr von Wartalun lag noch lange wach und sah den Mondschein das
Zimmer durchwandern, bis er am Mauerwerk des Erkers endlich ganz
verschwand und nur noch sein Widerschein ein ganz spärliches Licht zu
ihm in den Schlafraum sandte. -- Aus seinem Schmerz rettete ihn ein
bitterer Trotz, der zur Einsamkeit hinüberdrängte, jener Trotz der immer
neuen Erwartung, den nur die Jugend hat, der über die Werte der
Gegenwart zu täuschen weiß und der das aufrichtigste Herz zu betrügen
vermag. Eine fremde, süße und eifrige Freude, von der es ihm erschien,
als ließe sie flackernde bunte Tüchlein der Daseinslust vor seinen
sehenden Augen tanzen, lag im Kampf mit einem bohrenden Bewußtsein von
Schuld. Bis seine Müdigkeit ihm alles verwischte, und in der Wohltat
dieses lauen, gnädigen Versinkens traf ihn geheimnisvoll das Wort des
Toten: »Die Reichen sind oft mißgeschickt zum Kampf.«
* * * * *
Als der alte Diener Melchior am frühen Morgen die Tür zum Hof öffnete,
flatterten die blauen Tauben von der Schwelle auf und schlugen sich in
den roten Streifen der Morgensonne am Dachfirst empor. Er sah
nachdenklich zu ihnen hinauf, wie sie sich in der Kühle drehten, und
strich mit der Hand über die ergraute Schläfe.
Am Tor klang Martins aufgeregte Stimme, Melchior hörte den Namen fallen,
an den er dachte, das gedämpfte Kreischen irgendeiner Mädchenstimme
erscholl, und ein Küchenfenster wurde aufgestoßen. Er schritt in jener
stetig leidenden Besorgtheit hinüber, die oft die welken, bartlosen
Gesichter alternder Hausgeister überzieht, um nach dem Grund des frühen
Lärms zu forschen. Da kamen sie ihm schon entgegen und trugen eine grobe
Holzkiste mit einer kleinen Gittertür. Fräulein Afra sollte man rufen.
Es war ein Marder in die Falle gegangen. Der Alte ließ die Kiste
niederstellen, drehte sie gegen das Licht und schaute hinein. Tief
hinten, in die Ecke gekauert, erblickte er das kleine braune Tier,
abwartend und tückisch kauerte es dort, nur die harten hellen Steinaugen
lebten in kalter Bereitschaft zum Kampf oder zum Tode. Es flößte viel
mehr Angst ein, als es verriet. Wie leicht würde es allen diesen zu
entgehen wissen, wenn es nicht ihrer List erlegen wäre. Voll Verachtung
und Trauer verharrte es in seiner schmachvollen Lage.
Die Köchin riet, den ganzen Käfig ins Wasser zu tauchen, das sei
gefahrlos und sicher; aber Martin sah sie zornig an:
»Fräulein Afra muß zuerst den Marder sehen.«
»Warum?« fragte Melchior. »Warum muß sie ihn zuerst sehen?«
Martin starrte ihn an, er verstand nicht, wie man daran zweifeln konnte.
»Ein Marder ist keine Maus«, sagte er dann, »deine Stubenmäuse braucht
niemand anzuschauen.«
Er gab einem Knecht die Falle in Gewahrsam und eilte fort zu den
Wirtschaftsgebäuden.
»Da findest du das Fräulein nicht«, sagte Melchior in unnahbarer
Überlegenheit und seines Wissens froh.
»Im Schloß?« fragte Martin hastig.
Der Alte nickte melancholisch, und Martin änderte bewegt und erfreut den
Kurs. So gehörte es sich. Das Leben schien ihm wieder leichter. Was wäre
es auch gewesen, wenn jener dünne Herr, der eingedrungen war, Afra etwas
vorenthalten hätte.
Sie kam lachend und mit raschen Schritten die Terrasse herunter und lief
quer über den Rasenplatz, ohne Hut, die Jagdbüchse in der Hand.
»Jetzt werden ihm die Hühner heimgezahlt«, rief sie. Melchiors adelige
Verbeugung voll Zurückhaltung fand keine Beachtung, Martin bekam einen
gelinden Stoß, da sein etwas ruppiger Knabenkopf ihr den Blick in den
Käfig verwehrte. Sie sah hinein, und ihre Züge spannten sich, gefesselt
zu großem Ernst.
»Schön«, sagte sie, »wunderschön ist er.«
Sie wurde einen Augenblick nachdenklich.
»Jetzt paßt auf«, rief sie hell und richtete sich auf, »wir tragen ihn
in den Park auf den großen Rasenplatz, und ich stehe hinter der Falle.
Bei drei macht ihr auf. Er verdient es, in der Freiheit zu sterben. Die
Falle ist gemein. Los, Martin, faß an.«
Melchior beteiligte sich aus der Entfernung, die Knechte und Mägde aber
liefen mit, und Afra ließ es zu.
»Vor dem See«, ordnete sie an, dann kann er nur nach rechts oder nach
links ausbrechen. Ihr müßt viel mehr zurücktreten.«
»Er wird ins Wasser gehen«, befürchtete Martin, aber Afra war es
gleichgültig, wo er getroffen wurde.
»Hast du eine Kugel im Lauf?« fragte Martin.
»Eine Kugel? Du bist verrückt. Tritt zur Seite.«
Sie stellte sich hinter die Kiste in Anschlag, warf das Haar zurück und
kommandierte. Die Tür flog auf, aber das verängstete Tier wagte den
Sprung in die Freiheit nicht ohne Besinnen. Afra stieß die Kiste mit der
Fußspitze an, daß sie wohl einen Meter weit über den Rasen rutschte, da
huschte es heraus, windschnell, ein Schatten, kaum daß das Auge ihm
folgen konnte, grad auf den See zu. Als es den Winkel am Ufer machte, um
seitlich zu entkommen, krachte der Schuß unter den kühlen Augen, die
dieser letzten Flucht mit Sicherheit folgten. Das Tier schnellte
kerzengerade empor, reckte im Todeskampf alle vier Füße starr von sich
ab und kreiste im Niederfallen blitzschnell und sinnlos am Boden, wie
ein zerstörtes Uhrwerk im Ablaufen.
Afra trat mit ein paar schnellen Schritten dicht heran und schaute zu,
wie Tod und Leben in dem kleinen zähen Körper rangen. »Er hat genug«,
sagte sie zu Martin, der zu einem zweiten Schuß riet, und wies ihn mit
einer sachten Bewegung der Hand beiseite, als wünschte sie keine
Gemeinschaft in ihrer Betrachtung. Ihre Augen, voll Grauen und Andacht,
folgten jeder Bewegung des sterbenden Tierchens, das zuckend einen
letzten Kreis auf dem Rasen beschrieb. Die blanken Augen waren noch
ungebrochen, sie glühten lebensgierig und voll böser Unschuld. Aber dann
öffnete sich das beinahe süße, unendlich feine Raubtiermaul, öffnete und
schloß sich und war voll Blut, der Kopf hob sich in die Morgenluft, zu
den Gräsern, die über ihm schaukelten, und sank dann nieder, ohne einen
Schatten von Leid oder Verzerrung, wieder stark und geduldig, wie bei
Lebzeiten, und voll natürlicher Würde.
Oben im Schloß bewegte sich im Schlafzimmer eine Gardine. Die
Herrschaften waren durch diesen Schuß aus dem Schlaf erwacht. Melchior
trat hinzu und meldete es Afra voll ermahnender Nachsicht.
Sie sah ihn an.
»O Guter«, sagte sie still, »deine Sorge wäre auch vor der Schandtat zu
spät gekommen. Übrigens ist es Zeit, aufzustehen.«