Als Afra und der junge Gutsherr das Schloß nahezu erreicht hatten,
erschien es dem Mädchen, als sei es nicht gut, sich nun schon zu
trennen, denn alles, was noch an Worten gefallen war, befriedigte sie
nicht und ließ eine Leere in ihr zurück, wie es oft kommt, daß die
Nachwehen eines etwas gewaltsam eingetretenen Erlebnisses enttäuschten.
Irgend etwas mußte bestimmter geworden sein, ehe sie ihn entließ, ihr
war, als müßte er greifbare Zugeständnisse gemacht und mehr gegeben
haben als diese nachgiebige Höflichkeit, der sie mißtraute, weil sie ihr
neu war. Gewiß, sie war ungeduldig, aber es lag in ihrer Art, sich eher
mit einer geringen Sicherheit zu begnügen als mit einer ungewissen
Aussicht.
Ihm war bei alledem so seltsam zumut wie nicht oft in seinem Leben. Aber
viel mehr als die Geschehnisse und ihre Verwirrungen wirkte Afra selbst
auf ihn. Er wagte kaum noch den Kopf nach ihr zu wenden, weil er
fürchtete, sie möchte längst schon gemerkt haben, wie über alles
gewöhnliche Maß hinaus sie ihn erregte und fesselte. Wenn er versuchte,
sie sich vorzustellen, so war sein Eindruck zuerst der einer ganz
eigenartig klar geschiedenen farbigen Härte. Der Hut, das goldene Haar,
die Farbe des Angesichts, die des Tuchs ihres Kleides ... alles erschien
ihm in seiner Vorstellung von jener bedeutungsvollen und eindringlichen
Gesondertheit wie die Farben auf den Bildern alter Meister. Jener
Meister, die den Farbenwert nicht in unendlich viel ergänzenden Nuancen
suchten, sondern die den Mittelton fanden und gaben, klar und wie in
unfehlbarer Gewißheit, daß er alles Leben und alle Vielgestalt des
Lichts dennoch voll enthielte und ausstrahlte. Diese entschiedene und
geschlossene Gestalt neben ihm offenbarte ihm im Grunde ihr Wesen doch
allein durch das Leben ihrer schönen und unschuldigen Augen. Diese Augen
erschienen ihm so ungebrochen, so unberührt und selig in sich selbst, in
ihrer Wirkung und Gewalt, wie nur die Dinge der Natur auf einen Menschen
wirken können. Diese Kühnheit, die ohne einen Schein von Frechheit doch
so herausfordernd und überlegen wirkte, so selbstherrlich machtvoll und
voll reiner Unerfahrenheit und Klugheit zugleich. Er kannte diesen Blick
bei Kindern, deren Gedanken vielleicht bei den Spielen im Garten sind,
während sie ernst und ohne Aufmerksamkeit den Worten der Alten lauschen,
die sie noch nicht verstehen können. Kinder, deren Menschentum in seiner
seligen Beschränkung der gewichtigen Erfahrung der Großen oft so weit
überlegen ist. Solche Augen schienen ihm beides in einem Herzen zu
wecken: Heimweh und Schuldbewußtsein.
Sie hatten eine Weile geschwiegen. Afra betrachtete den Mann an ihrer
Seite, der mit gesenktem Haupt neben ihr dahinschritt und dem sie
deutlich anmerkte, daß seine Gedanken bei ganz anderen Dingen weilten
als die ihren. Er wußte nicht einmal, was sie beschäftigte. Erst als er,
beinahe wie aufgeschreckt durch ihr leises Lachen, rasch den Kopf hob,
besann er sich darauf, daß die Interessen der jungen Dame an seiner
Seite wohl kaum bei seinen Träumereien weilten. Er überdachte ihre Lage
und empfand sich als lieblos und selbstsüchtig.
»Warum lachen Sie denn?« fragte er.
»Woran dachten Sie denn?« gab sie zurück.
Nun lächelte er.
»Ach, wenn ich's der Wahrheit nach sagen soll, so dachte ich mehr an
Ihre Person als an Ihre Lage, und letztere sollte mir doch eigentlich
aus vielen Gründen am Herzen liegen; aber meine Bitte wird mir nicht
ganz leicht. Sie wird mir um so schwerer, als ich noch vor kurzem eine
Kränkung ausgesprochen habe statt des Danks, den ich Ihnen schulde. So
viel weiß ich wohl aus den Mitteilungen anderer, denen ich meine
Erfahrung von heute morgen zugeselle, daß die Verwaltung des Schlosses
und aller Güter bisher beinahe ganz in Ihren Händen gelegen hat. Sie
waren die Vertraute des alten Herrn und sind sicher in alle
Notwendigkeiten und in alle Verwaltungspflichten viel besser eingeweiht,
als ich es jemals sein werde. Sehen Sie, und meine Bitte geht nun darauf
hin, ob Sie uns die Liebe erweisen wollen, es in Ihrer Stellung zu allem
und zu uns beim alten zu lassen? Ich erbitte vielleicht mehr, als Sie
leichten Herzens gewähren können, denn ich zweifle keinen Augenblick
daran, daß einzig die Neigung des Herrn Grafen zu Ihnen und die Ihre zu
ihm Sie hier gehalten hat ...«
Er stockte und sah sie besorgt und liebevoll an. Mochte es sein, weil
dem Namen Erwähnung getan war, Afra mußte an den Toten denken, der sie
geliebt hatte, und an seine stolze und vornehme Art, in der er alle
seine Gaben dargebracht hatte, als sei er der Empfangende. Es quälte und
beglückte sie zugleich. Sie schritt mit gesenktem Haupt dahin, das
Angebot erschien ihr als das Vorteilhafteste, was ihr vorläufig
geschehen konnte, aber sie nickte nur nachdenklich und zögernd. Mochte
er denken, sie sei undankbar, es war immer noch besser, als daß sie sich
ihm durch Dankesworte für verpflichtet erklärte.
Die Rosenhecke des Schloßparks begann. Jasmin und Holundersträucher
drängten über die blühenden Rosen hin, nur Vögel fanden den Weg durch
dieses verworrene Dickicht, drang einmal der Blick hindurch, so blinkte
hinter dem Grün die schwermütige Farbe des toten Grabenwassers, das an
drei Seiten die Schloßmauern umzog und tief im Park einen ruhigen See
bildete. Hart am Zaun, am Weg, stand eine alte Holzbank im Schatten
eines verwilderten Apfelbaums. Afra blieb stehen. Er verstand sie und
lud ein, ein wenig zu rasten. Sie warf die Zügel des Pferdes lose in ein
Büschel Zweige.
»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich ihr zu Füßen nieder,
hängten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu
ihr auf.
»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer kleinen Weile
wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder zu beziehen. Gewiß nicht allein
aus Gründen der Autorität vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät
gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute
mittag unser Gast zu sein, so daß ich Ihnen meine Frau vorstellen kann,
möchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich
nun vieles besser verstehe.«
»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne zu danken, »ich habe
wenig Kleider.«
»Bitte«, sagte er einfach.
Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als klein und schwächlich
neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre Reitgerte zwischen den Fußspitzen
pendeln ließ, sah ihre harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß
ihrer Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer Lieblichkeit. In
allen Einzelheiten, die zwischen ihnen besprochen waren, hatte er seine
heimliche Überlegenheit in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden,
aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm war, während er so
dasaß und die Schweigende verstohlen betrachtete, als käme es im
eigentlichen, wahrhaftigen Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als
auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, bohrende
Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er strich sich über die Stirn,
als verscheuchte er eine dunkle Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier
sitzenbleiben? Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun,
es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So geschah es denn,
daß Afra ihn nach einer Weile entließ, beinahe ein wenig gnädig, wie man
jemand fortschickt, dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat,
was in seinen Kräften steht.
* * * * *
In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander die Räume des
Schlosses. Afra erschien dem jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun
sie in der intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus Bildern und
Wandteppichen schaute die Vergangenheit auf sie nieder, die Freude und
die Trauer des Verflossenen.
»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die alten waren eng und
klein, wie sie jetzt noch drüben gegen den Park zu sind.«
Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in der Sonne stand. Er
dachte mit leisem Grauen an die vergangene Stunde, in der Afra und seine
junge Frau sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte doch
anders werden, es war einzig der verwirrende Geist des Neuen, der auf
sie beide eindrang, auf sein Weib und ihn; alles war fremd und
geheimnisvoll, schien sie zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde
weichen, würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur? Er
kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen wie er war.
»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt Geister.«
»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und erwartungsvoll an.
Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so gefahrvoll
erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten ihn nun in ihrer
unschuldigen Härte. Aber nun mußte er sprechen:
»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht in weißen Tüchern als
Gespenster, die nachts umherirren, sondern um vieles vergeistigter und
machtvoller. Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte
Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene Gefühle faßbare
Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, ich meine, daß die Spuren der Toten
zurückbleiben und daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre
Bosheit, ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«
Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, dessen schmale hohe
Lehne ihr blondes Haupt überragte. Er sah über ihren Haaren den bäurisch
derben und gediegenen Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den Augen
den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.
»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte sprechen Sie doch
weiter. Sie legen in alle Dinge viel mehr hinein, als darin ist, das tat
auch Ihr Oheim, aber er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger
vorsichtig und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen können,
dafür glaubte man ihm aber auch nicht immer.«
Tief überrascht sah er auf.
»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«
Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung bewunderte, so blieb sie
unbefangen und bei der begonnenen Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte
er geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich ihm und dem
Schloßgut gegenüber befand, er hatte gehofft, einen Schein von
Erkenntlichkeit in ihrem Wesen zu finden, nie hätte er für möglich
gehalten, daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es muß ihr
Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte er, und seine
Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur Trauer.
Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur Unterhaltung zurück.
»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem Wesen den Geist des Toten
wieder«, sagte er. »Es gibt Gespenster von Fleisch und Blut, die die
Sonne mehr lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte Stunde
beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, voller Grauen nur durch
die überwindende Lieblichkeit, in der sie das Vergangene uns
Vergänglichen als bestehenden Wert darbieten.«
»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke dem Grafen, was ich
geworden bin. Ich hätte die Dorfschule in Wartaheim besuchen müssen.
Zwei Stunden lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee
laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die Mädchen, die
draußen das Heu wenden. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?«
»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung zu legen. »Sie
wären immer geworden, was Sie heute sind. Zufällig ist an allem nur die
äußere Lage und ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche.
Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir empfangen ihn mit
unserem Blut nach dem Maß unserer Werte. Und was Sie reich und stark
macht, hat Ihnen niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen
gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was er seinen Anlagen
nach hat werden müssen, der ist gebildet.«
Sie unterbrach ihn ungeduldig.
»Sagten Sie, ich sei reich?«
»Ja, Afra.«
»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«
»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte es in einem anderen
Sinn und Zusammenhang.«
Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, wie einst den alten
Mann, oft heimlich beneidet hatte. Es war gewiß nicht einzig der äußere
Besitz. Sie empfand, beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch
keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich plötzlich
verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften Gedanken jetzt haßte sie
tief in ihrer Seele, dieses Empfinden des Zurückgesetzten, der stets
empfangen muß, das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter
Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht schöner gewesen,
als wenn er gab ... Sie waren von gleicher Art, diese beiden, nur
erschien es ihr, als sei jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein
Jüngling.
Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der Toten des
Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem Ruck die schweren Vorhänge von
einem der Fenster zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in
die Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden
Vergangenheit.
»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im Umschauen. Langsam
schritt er an den Bildern entlang. Sie folgte ihm neugierig mit den
Blicken und lehnte sich an das Fenstersims.
»Welch einen Sinn für Maß haben die Männer gehabt, die hier geherrscht
und gebildet haben«, sagte er. »Nichts ist hier in Prunksucht und Gier
nach fremden Gütern herbeigeschafft worden, alles ist im Lande geboren,
mit ihm hat es sein Angesicht erhalten, sein Gepräge, seine Schönheit.
Die Bildrahmen sind aus den Eichen von Wartalun, die Möbel und
Verkleidungen der Wände tragen die Farben der Äcker, ihr Wert scheint
einzig in ihrer Nutzbarkeit zu liegen, und alles ist ernst und groß wie
das geduldige Land. So sind auch diese Angesichter. Diese verstanden zu
herrschen, weil sie zu arbeiten verstanden. Die Züge erheischen
Gehorsam, aber keine Unterwürfigkeit ... wir sind anders ...«
Sie hörte ihm kaum zu. Erst als ein erstaunter Schreckensruf sie traf,
trat sie hinzu. Es war dämmrig im Winkel des Saals, in dem er stand, die
Schatten schienen von dem ungeheuren Kamin zu sinken, dessen grüne
Kacheln ergraut waren unter der feinen Staubschicht, die sie trugen.
»Wer hat das getan?« fragte er und wies auf einen farbigen Wandteppich
von großer Schönheit, aus dem von ungefüger und hilfloser Hand kleine
Stückchen herausgeschnitten waren.
»Vögel«, sagte Afra, »Tauben waren darin. Damals wollte ich sie.«
»Sie haben diese Gobelins zerstört?«
»Ich war fast noch ein Kind und bat um die bunten Vögel aus irgendeiner
Laune. Er erlaubte mir, sie herauszuschneiden.«
»Afra ... das ist unmöglich.«
»Es ist schade«, meinte sie. »Der Graf legte keinen großen Wert auf
diese Dinge, wenigstens zuweilen nicht. Ich muß in einer ungünstigen
Stunde gebeten haben. Später kamen ihm Tränen in die Augen, als er es
sah.«
Erschauernd trat er zurück, und den flimmernden Blick am Boden, ging ihm
zum erstenmal eine Ahnung von der ganzen Gewalt und Tiefe des
Märtyrertums dieses sterbenden Liebenden auf. Er empfand seine eigene
Schwäche bis zum Zittern. In einer grellen und zugleich traurigen Vision
sah er die ermüdete Herrlichkeit einer alten Zeit dem jubelnden Ansturm
und dem bedachtlosen Frohsinn einer neuen weichen. Er stützte die
blasse Stirn. Rosen entblätterten sich vor seinen inneren Augen,
tieffarbig und langsam, dunkel in die Farben eines sinkenden Tages
gestreut. Die Vögel sangen nirgends, es wurde still, und die Toten
schliefen in einer Nacht ohne Morgen. Er dachte an sein junges Weib, das
ihn vor kaum einer Stunde mit flehenden Blicken gebeten hatte, Afra
fortzuschicken ... Über allem wurde ihm haltlos wehmütig zu Sinn, eine
beinahe heldenhafte Traurigkeit wehte hinüber und hüllte sein Herz in
tränenfeuchte Schleier.
»Afra, Sie sollten ... fort -- -- große Städte und viele Menschen sehen,
andere Menschen. Es müßten sich Ihnen Gelegenheiten bieten, Ihre Kräfte
und Gaben vor ganz neuen Aufgaben zu bewähren ...«
»Später«, sagte sie kühl. »Es geht jetzt nicht. Was würde aus Wartalun?«
»Das ist wahr«, sagte er. Irgend etwas stimmte ihn froh an ihrer klaren
Entschiedenheit. Er fühlte sich erleichtert und verstand, nun da er ihr
argloses, sinnendes Lächeln sah, seine Besorgnis nicht mehr recht.
»Wie eigen mich hier alles berührt«, meinte er, »wie es beginnt, mich zu
verändern.«
Sie gingen weiter. Unten im Herrenzimmer, dem Arbeitsraum des Toten,
ward ihm wieder eigen beklommen zumut im Dämmerlicht der dickwandigen
Erker. Über dem Schreibtisch hing ein verhülltes Bild Afras. Das Mädchen
nahm den Schleier ab. Es raschelte darunter von verwelkten Blumen, und
die Blätter sanken flüsternd auf die Gerätschaften des großen Tisches,
zwischen die grünlichen Bronzeleuchter, deren Kerzen halb
heruntergebrannt waren.
»In einem Sommer zog ein junger Mann durchs Land, dessen Beruf es war,
Bilder zu malen«, erklärte Afra wichtig. »Er war unser Gast und mußte
dies Bild machen. Er sagte mir, daß es nicht ganz vollendet sei, aber
dem Herrn Grafen gefiel es wohl. Eines Morgens war er fort.«
»Weshalb?«
»Oh -- er wollte sich mit mir verheiraten. Wo er stand, sprach er
davon.«
»Und Sie wollten nicht?«
Afra drehte eine verdorrte Nelke in der Hand, ganz rasch, daß sie
schwirrte.
»Ich?« fragte sie und begann zu lachen.
Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog einen Brief heraus. Ehe
er davon sprach, meinte Afra über seine Schulter hin:
»Das ist seine Schrift.«
»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen gesprochen habe.
Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste Teil bezieht sich auf
Angelegenheiten der Verwaltung, vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen
betrachten, dieser Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so
zurückhaltend und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, war
Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, ist das heute morgen
gewesen?«
»Wann denn sonst?«
»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen. Sie müssen
bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben ohne große äußere Ereignisse
dahinlief, und die Erlebnisse der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie
haben so gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu schaffen, und
auf die Dauer rauben sie einem den Sinn für die Zeitmaße der Umwelt.«
»Was schreibt er denn?«
»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.
»Gewiß ...«
Beide schwiegen.
Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. Es ist nicht ihr
Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt noch die Andacht, die Liebe,
den Wert dieser Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder
eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene jemals mit den Gaben
seiner Liebe zurückgehalten? So mag es denn geschehen, beschloß er, mit
der Bitterkeit eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.
In seltsam altväterischen Zügen, die lange Schleifen nach oben und unten
zogen, aber im Verlauf der Schrift selbst wie eine einzige feine Linie
wirkten, liefen die langen Zeilen dahin. Er las mühsam und gequält,
ernüchterte alles Innige der Worte zu kühler Sachlichkeit und verdarb
manchem sein Gewicht durch den gleichgültigen Tonfall seiner Stimme,
deren Beben er zu verbergen trachtete. Es entging ihm der Sinn mancher
seltsamen Wendung, weil er oft an nichts anderes denken konnte als
daran, wie Afra das Gelesene aufgenommen hatte. Aber einzelne Sätze
prägten sich ihm tief ein, einmal hielt er inne, suchte den Beginn und
las einen Satz noch einmal:
»... so bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, das es
begründet, erbaut und gemehrt hat, aber es sei denen gesagt, die es zu
eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der
vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des
Lebendigen.«
Er sah Afra an.
»Ja, ja«, sagte sie. Das hieß: »Lesen Sie weiter.«
Er schrieb in der Folge von seiner Liebe zu Afra, der ergriffene Mann
las sehr leise, als scheute er sich, Dinge auszusprechen, die der Tote
im Grund seines Herzens getragen hatte.
»Wenn ihr Herz so beschaffen ist, wie ich Irrender oft vermeint habe zu
erkennen, so wollte Gott, daß meine Liebe wie seine Gabe zu ihr kam,
denn das Wesen der Liebe ist ausgleichender Natur. Ich habe gesehen, daß
die Liebe dem verschwiegenen Trotz die Demut entgegenschickte und der
Bosheit die Sanftmut. Sie offenbart sich in einem ewigen Krieg der
Geschlechter, nur die Kämpfenden erdulden ihr Wesen ganz.«
Zum Schluß lautete es wieder allgemein in Worten, die an die Erben
gerichtet waren:
»Es hieße Unrecht tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr
gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die
zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch
herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der
neuen Zeit nichts gemein, und ihr sollt ihre Waffen nicht führen.«
Der Brief brach hier ab.
»Wie wahr«, sagte der junge Gutsherr, aber dann erschien es, als
erinnere er sich plötzlich der Gegenwart Afras, und er fügte schnell
hinzu:
»Es ist nicht alles klar gesagt in diesem Schreiben.«
Aber Afra schüttelte nachdenklich den Kopf und meinte:
»Ich verstehe es gut, weil er über diese Dinge oft mit mir gesprochen
hat. Dort am Kamin, der Sessel steht noch an seinem Platz. Ich saß ihm
zu Füßen und bin oft, die Stirn auf seinen Knien, eingeschlafen. Er
weckte mich aber nie, sondern sprach erst weiter, wenn ich aufgewacht
war. Er hat viel vom Leben und von Gott gesprochen, von den Armen und
Reichen und vom großen, ewigen Krieg in der Welt. Da sagte er auch
einmal: >Die Reichen sind oft mißgeschickte Krieger in diesem Kampf.<
Aber wenn er vom Reichtum sprach, meinte er nie den Besitz der Menschen
an Geld oder Land, sondern er meinte etwas anderes ...«
Sie schwiegen beide, und es war, als dächten sie an dieses Andere, das
keiner von ihnen nannte.