Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, Hundebellen, Stimmen und das
Knarren eines Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof her
durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, wanderte an der
Zimmerdecke und huschte rasch und ängstlich über die Gegenstände des
Raums. Sie erhob sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode
des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres Vaters bezogen,
der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude eine Wohnung innehatte.
Sie hatte nicht gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft
gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen und beinahe
rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man sich unterfangen würde, ihr ihre
alten Rechte streitig zu machen, aber niemals hätte sie ertragen können,
aus dem Hause gewiesen zu werden.
Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft zog süß und
schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden Äste des uralten Baumes, der
fast den ganzen Schloßhof beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie
erkannte nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas
weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig ergebene Antworten auf
ihre unverständlichen Fragen oder Befehle. Dann wurden im Schloß die
Fenster hell, erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so daß
sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, endlich im Zimmer des
alten Herrn und zuletzt sogar im Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel
mit ihren geschnitzten Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.
Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder dunkel, nur im
Treppenhaus glommen noch Lichter, und die Hunde kamen nicht zur Ruhe.
Sie sah noch Melchior, den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe
niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde hörte, ob er
sie beruhigen müsse; aber er ließ es und verschwand in der Dunkelheit
mit dem letzten Licht. Afra dachte an die beunruhigten Hunde, die alle
an den Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert und sie oft
auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war gewiß nicht dieser Gedanke,
der sie so tief bewegte, aber plötzlich warf sie den Kopf hart auf die
Bank des offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen Schluchzen.
Ihr war, als seien Räuber in das Schloß eingedrungen. Schliefen denn
umher alle diese Geduldigen, war keiner da, der ihrer gedachte, keiner,
der vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch auf Afra
wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu teilen. Zu teilen? Ein
kalter Zorn ließ sie auffahren. Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war,
als müsse sie aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden
Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, die zur
Begräbnisstatt des toten Herrn führte. Sie sah den eisernen Sarg mit
seinem einen Kranz aus Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte
winden müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte ihn
für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie sah sich an dem kalten
schweren Eisen rütteln: Wach auf, du, mit deiner Liebe zu mir, sie
stehlen dein Schloß, deine Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit
Füßen der Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.
Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in der Nacht, in der
auch der Tote schlief. Je mehr Afra sich vergegenwärtigte, was dieser
Todesschlaf bedeutete, um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende
junge Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte und daß
sie stark und jung und schön war. Ihr war, als sei ihr Verhältnis zu dem
Toten, das er einst in bebender Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles
deutlicher und gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles
benachteiligter als sie?
Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal die letzten Wochen,
die sie mit ihm durchlebt hatte, auf alle seine Aussagen hin, forschte
eifrig nach dem Sinn seiner traurigen Worte, die sie damals kaum
beachtet hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung
für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah seinen weißen Bart dicht vor
sich, fühlte seine Greisenhände auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«,
sagte er. Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich reich
gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen können?«
Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?
Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das war schon im Traum.
Sie saß in ihrem Kleid aus hellem Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt
das Schloß, lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr
gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie in ihrem
Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder streuten Blumen. So hatte
sie es einst gesehen, als sie den Grafen an seinem letzten Namenstag
hinausbegleitet hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und
lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg, hatte er lange in
ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß erhoben vom Glück des Tags und
übermütig beseligt gelächelt hatte. --
Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der junge Tag erhob in
kühlem Wehen sein lichtes, blaues Leben, in dem alles in tiefer Stille
auf die aufgehende Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten
waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in einer ganz neuen,
zitternden Seligkeit an ihrem jungen Dasein langsam begann, sich an den
weit offenen Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und alle
Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies war die liebste Stunde
ihres Tags, in der niemand ihren erwachten Sinnen etwas streitig machte,
in der ihr alles zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie
schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, auf dem noch nichts
sich regte, nur vor den Starenkästen am Lindenstamm saßen schon die
Alten, zum ersten Ausflug gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen
der Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum vernehmbare
Flüstern der Blätter mischten. Die Tore des Hofes waren noch
geschlossen. Die breiten Laubgänge des Efeus sahen wie dunkle
Verkleidungen am Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche,
die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war beinahe ein wenig
eng, dieser Hof, aber seine hohe Eingeschlossenheit und seine Schatten
von den Wänden des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte
Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch die Zinnen der
Mauern in dieser Stille in das Bereich alter Märchen gerückt wurde.
Afras blondes Haar war so schwer und weich wie alte Seide. In der
Ahnengalerie des Herrenhauses, dicht unter der getäfelten Decke hing das
Bildnis einer jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie
hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer und Asche, der sich,
ins Licht getaucht, in ein beinahe farbloses Gold verwandeln konnte und
der aus Stirn und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, wo
der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig versunkenen Blick der
längst Verstorbenen haßte Afra, wie auch ihren kleinen lieblichen Mund,
dessen Trotz ihr töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener
Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da niemand ihr noch
gesagt hatte, welch betörender Zauber voll Lebenssüßigkeit und
Daseinswonnen sich in seiner ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie
ihn beinahe gering, diesen großen Mund.
Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über den Hof ging, ihr
Schritt hallte von den Steinwänden wider. Sie klopfte an Martins
Kammerfenster neben dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid.
Er solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst besorgen; aber
er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das Pferd zu satteln, und murmelte
schlaftrunken allerhand von seinen Aussichten, sich noch einmal
niederlegen zu können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen
Herrschaft zu fragen.
»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr diese Teilnahme
schuldig zu sein.
»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.
Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, tadelte sie
nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend und am Platze. Sie
wollte noch, daß er die Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn,
deren Ketten sie hörte.
Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie die Landstraße
entlang steil und fest zu Pferde, vom Bellen der Hunde wie von ergebenem
Beifall geleitet, dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame
heiße Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, war das
Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben in den angebauten
Wirtschaftsgebäuden hinter den Birken der Landstraße sah er die ersten
Tagelöhner, eine Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein
ereignisreicher Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn zu
verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles klar zu werden.
Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl und ohne Kraft, über
die Dächer der Kornschuppen von Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie
hatte sich auf den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen,
hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum erblühten
Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, wie ihr suchender Fuß
Schritt für Schritt die silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen
brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher wachten alle
Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als zerstörten sie ihr ganz langsam
ihre Kraft. Denn Afra war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie
sie nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, sich bewähren
zu müssen, fand sie stark.
Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie seine Herrin, die
immer um einen Schritt voraus war und die Zügel nachhängen ließ. So
schritten sie gegen den großen Horizont des ebenen Landes über den roten
Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die schwarzen
Schnauzen am Boden, in weitem Bogen voraus, scheuchten Wildenten aus den
Moortümpeln auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon nahe
am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras leisen Pfiff wandten sie, wie
von unsichtbaren Fäusten zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie
hingen in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer mit mehr Zeit
und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.
Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie grüßten, besann sie
sich darauf, was sie als Grund für ihr Kommen angeben sollte. Man würde
sie nach der neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter
schon unterwegs nach Wartalun. --
Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer uneingestandenen
Furcht vor einem Verrat der Ängste ihrer Seele begrüßte sie ihn
hochmütig und ohne den Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das,
aber sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im Zimmer ein
Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die Tücke und Unterwürfigkeit
dieses arbeitsamen und wohlgeschickten Mannes, die sie bislang mit kaum
amüsierter Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute
hassenswert. Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten
Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung mit großer Höflichkeit
zu beantworten, die schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen
sie gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die Würfel gefallen
seien und daß, was die einen hofften, die anderen fürchteten, Wahrheit
geworden sei, daß sie nach dem Willen des Verstorbenen Herrin von
Wartalun geworden war.
Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte Täuschung ihr eintrug,
wurde rasch zu unbezähmbarer Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem
und geheimnisvollem Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der ihr
zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich verachtete sie sich
in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung zu ändern, nickte sie kühl und
hastig, nahm umständlich das Pferd herum und pfiff den Hunden.
»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe traurig wirkte. Draußen
empfing die frohe Sonne sie, wogende Felder und bald wieder die
Melancholie und Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer
Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre Hoffnung Gewißheit
geworden war, als hätte sie ihrem zögernden Schicksal Gewalt angetan.
»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es mein ist«, rief sie
laut. Dann war ihr, als müßte sie weinen, und ihre aufsteigende Qual
beantwortete sie mit einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen
weichen, unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch zur Anmut
ihrer freien Haltung stand.
Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich
schwarz in den stillen Gräben, alles versprach einen heißen Tag. Den
Gruß eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken
Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und sein breites,
wohlgefälliges Lächeln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach.
Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme
des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie
grüßte, sehr höflich und auf eine Art zögernd, als habe er eine Frage zu
stellen. Sie sah zurück und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine
Weile, die Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an,
mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befürchtung
nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein
schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im
Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser blinkten. Er war
schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Hütchen aus Filz und
erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine
schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche
Hände wünschte sie sich ...
»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte er zögernd, aber
nicht unsicher, »wie lange würde ich von hier aus brauchen, um bis
Wandelen zu gelangen?«
»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das Vorwerk Wendalen.«
»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«
Sie stemmte die Rechte leicht in die schlanke Hüfte, schaute über Land,
als erwöge sie ernstlich die Antwort, um sie treffend geben zu können.
Ihre Art der Herablassung war voll Anmut, von einer holden Sicherheit
überlegenen Geistes und frohen Herrentums. Er vergaß, was er wissen
wollte, und sah sie bewundernd an.
»Ich habe von dort bis hier fast eine Stunde mit dem Pferde gebraucht,
aber Sie sehen, es ist naß. Sie würden zwei Stunden brauchen an einem
Tage wie heute. Und der Weg ... kennen Sie den Weg denn?«
»Nein«, sagte er, »ich bin hier fremd, auch muß ich bei solcher
Entfernung meinen Plan aufgeben, ich habe nicht gewußt, wie weit es ist,
es hätte mich sehr interessiert, da ich diese Frühmorgenstunde nicht
besser zuzubringen wußte. Im Schlosse schliefen sie noch alle.«
Afra lächelte. Er sah ihr Lächeln mit Bestürzung. Es wirkte auf ihn wie
Sonnenschein im Frühling und wie der traurige Gedanke an einen frühen
Tod.
»Es ist nicht ganz richtig, daß alle schliefen. Aber jetzt? Kehren Sie
denn jetzt um?«
»Ja«, sagte er, hilflos und so befangen, daß eine heiße Freude am
Triumph ihrer Überlegenheit ihr Blut klopfen ließ; sie sprang vom
Pferde, und in der überwindenden Unbefangenheit, die ihr Wesen
auszeichnete, sagte sie:
»So gehen wir miteinander. Es tut Joni gut, ein wenig ledig
dahinzutraben.« Mit der Gerte wies sie auf das Pferd und sagte: »Das ist
Joni.«
»Sie stellen mir Ihr Pferd vor, mein gnädiges Fräulein, gewiß, um mich
daran zu erinnern, daß ich Ihre große Liebenswürdigkeit angenommen habe,
ohne Ihnen meinen Namen zu nennen. Verzeihen Sie mir.«
Und er nannte undeutlich und rasch einen Namen, den sie kaum zu
verstehen für nötig hielt, und verbeugte sich dabei, nicht ganz in der
üblichen Richtung und auf eine Art, die ihm im Schreiten mißlang.
»Und darf ich auch Sie bitten«, fuhr er fort, »mir die Ehre zu erweisen,
zu sagen, wer Sie sind?«
Afra sah hinüber zu den Türmen von Wartalun, wartete, bis er ihren Blick
sah, und meinte:
»Tut es etwas zur Sache?«
Er glaubte ihr die Gelegenheit nehmen zu müssen, darüber nachzudenken,
daß dies wenig höflich sei, und sagte rasch:
»Oh, gewiß nicht, gewiß nicht. Meine Bitte war sicherlich recht töricht.
Der Vorzug Ihrer freundlichen Begleitung sollte mir genug sein, und er
ist es, sicherlich, mein gnädiges Fräulein.«
Sie strich ohne Bedenken sein Entgegenkommen ein wie ihr Recht, obgleich
sie ihn beneidete.
»Wie kommen Sie nur so früh hierher?« fragte sie, und was an ihrer Frage
hätte Neugierde sein können, wirkte im Tonfall ihrer Stimme einzig wie
eine kindliche Bitte.
»Ich habe dort im Schloß geschlafen«, sagte er, »und eigentlich
schlecht; ich bin ohne meinen Willen und beinahe zufällig gekommen; es
ergeht mir oft so, daß mir eine fremde Umgebung anfangs keine Ruhe
schenkt.«
»So, im Schloß?« meinte Afra und legte in ihr Lächeln eine neckische
Bewunderung. »Das klingt ja fast, als wollten Sie mir sagen, daß Sie den
Schloßherrn von Wartalun persönlich kennten.«
»Ich vermute, daß ich es _bin_«, antwortete er bescheiden.
Und ohne zu beachten, daß die Zügel in ihrer Hand bebten, daß ihr
Schritt wankte und ihr Angesicht sich langsam in jäher Erstarrung mit
tödlicher Blässe überzog, fuhr er fort:
»Es sind unerwartete Umstände, die mich herführen, und seltsame
Verhältnisse, die ich vorfinde. Ich finde mich schwer in ihnen zurecht.
Der verstorbene Graf von Wartalun, den Sie zweifellos gekannt haben,
mein gnädiges Fräulein, war nur sehr fern mit mir verwandt, und die
Erbschaft seiner Güter hatte niemand von uns erwartet. Die Familien
waren zu Zeiten meines Vaters entzweit, wir hörten nie mehr voneinander,
da kein Zwischenglied hätte vermitteln können, auch trug die große
äußere Entfernung zur Entfremdung bei. Die letzte Nachricht, die zu uns
drang, waren vereinzelte unsichere Annahmen über eine spät noch geplante
Verheiratung des alten Herrn.«
Sie achtete, auch als er nun weitersprach, kaum auf seine Worte. Als sie
mit großer Mühe ihre Fassung zurückerrungen hatte und ihre Gedanken
ordnen konnte, empfand sie zunächst nur eins, daß die Art, wie er von
sich als vom künftigen Schloßherrn gesprochen hatte, nicht völlige
Gewißheit darüber kundgab, ob er es in der Tat sei. So waren die Würfel
noch nicht gefallen. Das hielt ihr Mut und Sinne in zitternder Spannung
wach und ließ sie vergessen, daß sie eben noch eine arge Niederlage
erlitten hatte, von der er noch nichts wußte. Mochte er, wenn er nun
erfuhr, wer sie war, denken was er wollte. Sie fühlte, daß keiner der
Gedanken, die er sich darüber machen würde, sich jemals in Zorn oder
Verachtung gegen sie kehren könnte. Seine angstvolle, vorsichtige und
höfliche Art weckte Vertrauen und zugleich Neid und Geringschätzung in
ihr. Es kam in ihrem Herzen etwas hinzu, das beinahe wie
Hilfsbereitschaft war und sie tief beruhigte. Sie wußte plötzlich, daß
das Bild, das sie vom neuen Herrn im Sinne getragen hatte, dem des
Verstorbenen geglichen hatte, sie sah mit einem raschen Lächeln über die
Gestalt ihres Begleiters. Das herrische Angesicht des Toten, sein
schwerer, breitschultriger Körper erschienen ihr, und sie glaubte seine
dunkle Stimme zu hören und den unnahbaren und grollenden Eigensinn
darin, oder die herbeilassende Güte seiner Züge, wenn er wohlgesinnt und
froh Abrechnung hielt über Pflichttreue und Verdienst seiner
Untergebenen. Und nun sollte dieser zierliche schwarze Herr in den
verlassenen Sattel steigen, diese schmächtige Hand sollte am Zügel
ruhen, den die Faust des Toten gehalten hatte? Afra reckte sich auf in
den Sonnenschein und lächelte.
Ihre jähe Bewegung ließ ihn innehalten.
»Verzeihung, vielleicht langweilt Sie dies alles«, sagte er leise. »Mich
beschäftigt es, bitte verstehen Sie, und man ist sicherlich allgemein
geneigt, vor einer so selbstverständlichen Liebenswürdigkeit, wie die
Ihre es ist, ohne Bedenken über das zu sprechen, was einen bewegt.«
Afra wurde rot vor Freude und schwieg. In ihrem Glück über die völlig
ungewohnte Art der Anerkennung, die ihr zuteil wurde, vergaß sie, daß
eine Antwort notwendig sei. Er legte ihr Schweigen wie eine
selbstbewußte Bestätigung seiner Befürchtung aus.
Aber nun besann sie sich und machte es gut. Ihr lag am Triumph, den der
Augenblick zuließ, und sie vermied es unbewußt, ihre Worte anders zu
setzen, als es ihr in diesen kurzen Augenblicken einer fremden Rolle
nützlich erschien.
»Mir liegt alles am Herzen, was die Schicksale Wartaluns betrifft«,
sagte sie eifrig und vorsichtig. »Ich habe den Grafen gekannt und
geliebt und einen Teil seiner Sorgen und Angelegenheiten geteilt. Ihre
Offenheit ist eine Freude für mich.«
Sie glühte vor Stolz darüber, daß diese Worte, von denen sie fühlte, daß
sie ihr wohlgelungen waren, ihn bewegten. Einen Augenblick zögerte er
mit der Antwort, es schien, als wollte er aufs neue nach ihrem Namen
fragen. Irgend etwas machte ihn unsicher. Gewiß war es jene eigen
unüberwindliche Sicherheit der jungen Dame an seiner Seite, eine
Sicherheit, die sich so wunderbar mit dem Zauber einer kindlichen Freude
daran verband. Ihm schien, als verberge sie ihm etwas, dann wieder, als
machte sie sich heimlich ein wenig über ihn lustig.
Er dankte ihr warm. Als er in ihre Augen sah, erschrak er. Gott, dachte
er, gibt es so viel Kraft, so viel Jugend, so viel Allmacht des
Frühlings in einem Menschengesicht? Das Leuchten ihres Haars verzauberte
seine Gedanken in Träume, so gewalttätig, daß er selbstvergessen und
fast ergebungsvoll diesen Wandel in seinem Empfinden wie ein heißes
Emporschweben in eine ganz neue Welt hinnahm.
»Sie, die Sie augenscheinlich aus diesem Lande und aus dieser Gegend
sind, gnädiges Fräulein«, sagte er stockend, und dann schwieg er
plötzlich, weil er sah, daß ihn diese Worte zu etwas führten, das er
nicht hatte sagen wollen.
»Wartalun ist wunderschön«, sagte Afra, und erst daran, daß er nach
diesen Worten unbefangen zu sprechen begann, wußte sie, daß sie ihm
damit aus seiner Verwirrung geholfen hatte. Und während er erzählte,
mußte sie wieder und wieder denken: Nun erst wird das Leben schön. Ich
habe wie ein Kind gespielt und geschlafen. Ihr war, als liebte sie
diesen Mann neben sich, weil er der erste war, der ihr Gelegenheit gab,
neue Kräfte ihres Wesens in heißem Daseinsglück zu verspüren und zu
erproben.
Sie warf die Stirn zurück und gab der Sonne ihr Haar. Ihre Lippen
bekamen etwas von jenem irdischen Daseinslicht, das zuweilen die Lippen
junger Frauen umglüht, die sich zum erstenmal über schwerem Wein
schließen, so daß das tiefe Blut der Erde im Lebensblut ihres Leibes in
die Lippen emporsteigt, als blühten wieder die Reben ...
Nun verstand sie ihn wieder, konnte, zurückkehrend aus sich, seinen
freundlichen Worten folgen:
»Als dann die Nachricht zu mir kam, dies alles sollte mir zufallen«,
sagte er, »traf sie mich ohne rechte Kraft, mich ihrer zu freuen. Ich
war ganz mit meinen Studien ausgefüllt und hatte kein anderes Ziel im
Auge, als ihre Vollendung. Jeder Besitz, der über die Ansprüche meines
Daseins hinausgeht, hat mich fast immer noch beunruhigt. Ich trage
schwer am Gefühl der Verantwortlichkeit, nehme es auch vielleicht mit
der eigenen Innenwelt und mit den Aufgaben, die sie mir stellt, ein
wenig zu schwer ...«
Er lächelte traurig vor sich hin und schien ganz zu vergessen, vor wem
er sprach. Ihm war, als spräche er vor sich hin, wie er gewohnt war, es
oft auf einsamen Spaziergängen zu tun.
»Meine Frau«, fuhr er fort, »wollte dann, daß ich unser neues Eigentum
selbst verwalten sollte. Ihr war es seit langem ein lieber Wunsch, die
Stadt zu verlassen, die sie niemals recht geliebt hat. Und schließlich
hat sie wohl recht damit, wenn sie meint, auch hier ließe sich für mich
Zeit erübrigen, meinen Studien zu leben. Aber je mehr ich beginne,
langsam die ganze Größe dieses Besitzes zu ermessen, alle Pflichten
einzusehen, die sich mir aufbürden werden, um so mehr beunruhigt mich
mein Entschluß. Es ist auch alles noch ungewiß.«
»Wieso?« fragte Afra.
Er schien eine andere Antwort erwartet zu haben, ging aber gleich auf
ihre Frage ein.
»Mein Verwandter teilte seine letzten Lebensjahre mit einem jungen Ding,
zu dem er eine große Vorliebe gefaßt zu haben schien. Ich kenne nur
ihren Vornamen, mir wurde von ihr nur als von einer gewissen Afra
berichtet und daß sie die Tochter des Gärtners sei. Ein seltsam
unverständlicher und außerordentlich altväterisch verfaßter Brief ist
vor dem Testament in meine Hände gelangt. Er wirkt eher wie eine
philosophische Lebensbetrachtung als wie das rechtsgültige Dokument
einer letzten Verfügung. Das Testament selbst hat noch nicht eröffnet
werden können, da ich noch Papiere beizubringen habe. Aber das ist nur
noch eine Frage von Tagen.«
»Ist Ihnen so gleichgültig, was darin steht?« sagte Afra.
»Eigentlich nicht mehr. Gewiß, es ist mir wichtig.«
»Und der Brief?«
Er sah sie an.
»Interessiert Sie der Inhalt des Briefs?«
»Ja«, sagte Afra.
»Der Alte war sicherlich ein Sonderling, aber zweifellos ein Mann von
hochherzigem Charakter und voller vergrübelter und verschlossener Werte.
Über die Art des jungen Mädchens geht aus dem Briefe nicht viel hervor,
da wohl kaum alles das tatsächlich stimmen wird, was er von ihr hielt,
was der Alternde in sie hineinlegte. Aber vielleicht werden Sie mich in
Einzelheiten unterrichten können? Das Kind wird Ihnen doch sicherlich zu
Gesicht gekommen sein. Was mir die Bedienten sagen, war ebenso
unverständlich wie mysteriös. Sie scheinen sie nicht gerade zu lieben.«
Er lächelte vor sich hin.
»Haben Sie das Gesinde nach Afra ausgefragt?«
Er erschrak über den Klang ihrer Stimme und sah sie erstaunt an. Ihre
Augen glänzten hart und einsam und wiesen ihn ab.
»Verzeihen Sie, daß ich dies Thema vor Ihnen berühre, aber seien Sie
versichert, die Beziehungen des alten Herrn zu diesem Kind waren derart,
daß sie vor jedem Angesicht gerühmt werden dürfen. Bitte, verstehen Sie
nicht falsch, was Sie zweifellos nur aus dem Klatsch Urteilsloser oder
Neidischer gehört haben.«
Sie antwortete kalt:
»Solch ein Klatsch würde mich niemals erreicht haben.« Und hingerissen
von einer plötzlichen Erbitterung, die sie alles vergessen ließ, fuhr
sie fort: »Sprechen Sie nicht von seiner Liebe zu Afra, zu diesem
>jungen Ding<, wie Sie sagen. Sprechen Sie auch nicht von seinem Wert,
ich will es nicht! Lassen Sie sich an seinen äußeren Gütern genügen ...«
Ein wildes Aufschluchzen beschloß ihre heißen Worte. Sie suchte nach
einem Halt. Es bot sich ihr nichts als der Hals ihres Pferdes, so warf
sie stürmisch den Arm um den Nacken des Tieres und schluchzte, am ganzen
Körper bebend und von Scham, Wut und Bewegung geschüttelt, ohne Halt und
so friedlos und aufgelöst fort, daß ihm in heißer Bedrängnis zumute war,
als sei durch kein Heil von Menschenkraft je wieder etwas an diesem
Unverständlichen gutzumachen, das sein ahnungsloses Herz an diesem
Sommermorgen angerichtet hatte.
Und während er sich in großer Hilflosigkeit darum bemühte, das junge
Mädchen zu beruhigen und den Grund ihres Leids zu erfahren, während er
eine ungeordnete Fülle liebevoller und wirkungsloser Worte stammelte und
sogar wagte, ihre Schulter mit seiner Hand zu berühren, dachte Afra
mitten im Sturm ihrer aufgewühlten Gefühle plötzlich klar und bestimmt:
War es klug so, wie ich gehandelt habe? Ja, es war klug, und für ihn und
für meine Stellung zu ihm war es zweifellos so richtig. Sie wußte nicht
weshalb, wußte nicht, daß sie ein tiefes Gefühl von Schuld in das Herz
dieses Mannes gesenkt hatte, den unermüdlichen Wunsch, die Schmach vor
ihr abzudienen, in die er sie gestoßen hatte. Sie schluchzte leise fort,
rührte sich nicht und lauschte. Über seine Worte mußte sie plötzlich
lächeln, und sie schluchzte fort in der Bewegtheit des neuen Gefühls,
von dem er nichts ahnte. Einmal, als das Pferd den Kopf senkte und hob,
stieß ihre Schulter härter, als er es gewollt hatte, mit seiner Hand
zusammen, die gar so gern ein wenig Beruhigung gebracht hätte.
Sie hob den Kopf und sah ihn an. Er trat sofort zurück.
»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie -- verzeihen Sie mir«, sagte er. »Ich
weiß nicht, ich weiß in der Tat nicht, was ich verfehlt habe und wie ich
es gutmachen kann.«
»Ich bin Afra«, sagte sie und fuhr fort, ihn anzuschauen. Sie senkte den
Blick nicht, als sei ihr alles unendlich wichtig, was sie ihm mit ihren
Worten zu erkennen gegeben hatte und wie diese Offenbarung auf ihn
wirkte. Und während er sie anstarrte, dachte sie: Ich kann mich jetzt
unmöglich so gelassen zeigen, wie mir zumute ist, es würde die Hälfte
dessen zerstören, was ich erreicht habe, er muß denken, ich wäre sehr
verzweifelt. Denn Afra fühlte nach ihrer kurzen Erfahrung nun gut und
für immer, daß dieser Mann sich nur schwer und mühsam mit den äußeren
Erscheinungen des Lebens abzufinden wußte und mit den Frauen noch um
vieles schwerer. Es schadet gewiß nicht, noch eine Weile recht traurig
zu sein, dachte sie, und während er nun zu ihr sprach, gefaßter, ernst
und sehr würdevoll, mußte sie hinter ihren Händen, die sie vor ihr
Gesicht geschlagen hatte, lächeln. Sie genoß den Reiz der Erinnerung an
ihre harten Worte ohne Falsch, denn von allem, was geschehen war, hatte
sie nichts berechnet. Wenn er jetzt sähe, wie ich empfinde, so würde er
mich verachten, dachte sie. Und dann wußte sie plötzlich, daß sie ihn
ein wenig geringschätzte, weil er sich täuschen ließ, weil er nicht
empfand, wie es um sie stand, und weil er es nie verstehen würde.
Es ist gut, allein zu sein, dachte sie, es macht stark.