Afra lag in der Mittagssonne im Korn. Über ihr bewegte sich im
tiefblauen Himmel eine große rote Mohnblüte, nur ein klein wenig und so
feierlich, wie es zu der Ruhe stimmte, die weit umher herrschte. Hin und
wieder schaukelte ein Schmetterling vorüber, trunken von der Wärme und
vom Licht, und sein Schatten huschte über das helle Kleid des jungen
Mädchens. Neben ihr lag ein breitrandiger gelber Sommerhut mit blauen
hängenden Bändern auf den Ähren, drückte sie sacht ein wenig nieder und
spendete der ruhenden Stirn und den grauen Augen unter sich Schatten.
Afra verscheuchte die Träume, die mit dem warmen Licht und der
willkommenen Müdigkeit des Sommermittags kamen, sie dachte in bitterer
Betrübnis daran, daß der Schloßherr von Wartalun gestorben und mit ihm
eine Zeit gesicherter Lebensarbeit und geordneter Verhältnisse für sie
und für ihren Vater vergangen war. Es war alles ungewiß geworden. Es
machte mißmutig, nicht zu wissen, was sich tun ließ, nicht zu wissen,
welche Vorteile für ihren Vater und für sie aus den Veränderungen
erwachsen würden, und die neue Herrschaft nicht zu kennen, die erwartet
wurde.
Sie betrachtete die rote Mohnblüte, die im warmen Sommerwind
schaukelte, hob langsam ihre braune Hand zu ihr empor, knickte
gedankenlos den grünen Stiel mit seinen winzigen hellen Härchen und
entblätterte über ihren ernsten Augen die Blume. Es sank mit lichten
Purpurflügeln auf ihr Kleid und blieb wie Blut und Feuer in der zornigen
Sonne liegen.
Eine Lerche stieg auf. Afra wandte den Blick, um den Vogel am Himmel zu
finden, da sah sie zwischen den Ähren fern die grauen Schloßtürme von
Wartalun aus den Eichen ragen, der eine trug einen Hahn, der andere das
seltsam verschnörkelte Doppelkreuz, das auch im Wappen des Geschlechts
zu finden war.
War Wartalun nicht ihr Eigentum gewesen, solange sie zurückdenken
konnte? Nun erst, wo vieles sich ändern sollte, lernte sie erkennen, daß
sie alles allein der Güte des Verstorbenen verdankt hatte und daß dieser
Reichtum ihrer Kindheit sein tägliches Geschenk gewesen war. Der Gedanke
quälte sie tief, das Bewußtsein, daß es Mächte gab, die ihr diese
Schätze rauben konnten, ohne sie zu fragen, ohne sie zu beachten, als
wäre nicht mehr, was sie wünschte und was ihr gefiel, auch ihr Eigentum.
Sie trug Verlangen danach, den neuen Herrn zu sehen, jetzt gleich, in
diesem Augenblick, in dem sie litt. Daß sein Kommen erst mit dem Abend
erwartet wurde, ließ sie ihn beinahe hassen, ihn, der sich ihr nicht
zeigen wollte, mit dem sie abzurechnen hatte. Der Gedanke, daß der
Verstorbene ihr einen Teil seines Besitzes hätte hinterlassen können,
war ihr zuwider. Vielleicht das Forsthaus mit dem Buchenhain oder
Wendalen mit seinen Moorgräben ... ihr Vater hatte ihr bestätigt: er
hat niemand so geliebt wie dich.
Sie dachte ohne Trauer an die letzten Monate. An den scheidenden Winter
und den kommenden Frühling mit seinen Stürmen, seinem zögernden Einzug
in das ebene Land, das er über Feldern, Gärten und Rasenplätzen wie mit
den schimmernden Wogen eines leuchtenden Meeres überzogen hatte. Das war
die letzte Schönheit gewesen, die der alte Mann von der Terrasse des
Schlosses aus gesehen hatte, wo sie, an seinen Tragstuhl gelehnt, über
seinen Schlaf wachte, ohne zu wissen, daß es sein letzter war. Der Wind
vom Garten war warm und feucht gewesen und von Blütenduft schwer. Aber
eindringlicher als diese Stunde waren ihr die Winterabende im Gedächtnis
geblieben, an denen sie ihm zur eintönigen Melodie des Kaminfeuers hatte
vorlesen müssen. Dann hob er zuweilen die Hand als Zeichen, daß sie
warten sollte, sah ihr in die Augen und fragte sie:
»Hast du verstanden, was du eben ausgesprochen hast?«
Sie nickte nachdenklich, weil sie fühlte, daß er dies wünschte.
Einmal, während sie las, hörte sie, daß er schluchzte, und hielt inne.
Ihre erstaunten Blicke schienen ihn zu enttäuschen. Seine Bewegung
quälte sie, und vorsichtig senkte sie den Blick, um zu erfahren, was er
von ihr erwartete. Da begann er ihr von den mattgoldenen Tauben zu
erzählen, die in den großen Wandteppich gewoben waren, gegen einen
verblaßten blauen Himmel, in den die Zinnen einer alten Stadt ragten,
aus deren Toren Reiter auszogen. Die Decken ihrer Pferde waren aus
erloschenem Silber, und ihre Rüstungen glänzten nicht mehr. Wollte er,
daß sie die Tränen vergaß, die sie bei ihm gesehen hatte? Sie vermutete
es und fragte ihn, weshalb er geweint hätte. Da antwortete er ihr in
einem Tonfall, den sie noch kaum bei ihm kannte:
»Weil ich deine Stimme gehört habe, als du last, und weil ich die
Bewegungen deiner Lippen sah und den Schein des Feuers in deinem hellen
Haar. Und weil ich die holde Mühe deiner Hand sah, als du die Seite des
Buchs umwendetest. Ich sah auch deine Schultern, deine Knie und die Füße
am Saum deines Kleides. Du hast mir schon als ganz kleines Mädchen, kaum
daß du gehen konntest, am Morgen frische Blumen aus dem Garten gebracht,
die dein Vater dir für mich gab ... jeden Tag bin ich dir begegnet wie
dem Licht der Sonne, dem niemand entgeht, der atmet, aber ich bin
niemals deinem Herzen begegnet. Meine Tränen, nach deren Sinn du mich
gefragt hast, wirst du spät verstehen lernen, aber jede Liebe, die dir
in deinem Leben begegnet, wird sie aufheben und bewahren und zu Gott
bringen, zu dem ich gehe.«
Sie hatte sich damals eine Weile besonnen, was er meinen könnte, und
sich gefragt, ob sie ihm Anlaß gegeben habe, mit ihr unzufrieden zu
sein. Aber im Grunde fühlte sie deutlich, daß ihr etwas zugute gekommen
war und daß der unerfüllte Wunsch, den er ausgesprochen hatte, nicht zu
jenen gehörte, die sie erfüllen konnte. --
Auf dem Feldweg knatterte ein Leiterwagen heran, und sie hörte ein Pferd
schnauben. Das rief sie aus ihren Erinnerungen in den hellen Tag zurück.
Sie nahm ihren Hut vom Korn und drückte ihn neben sich in die Halme,
damit der Fuhrmann sie nicht erspähen sollte, aber er saß zu hoch auf
seinem Heufuder, reckte den Hals nach ihr, lachte, als er sie erkannte,
und hielt die Pferde an.
Es war Martin. Er wußte, wie alle Dienstboten, daß Afra nicht hochmütig
war.
»Du hast es gut«, sagte er, als er vor ihr stand und die Kornähren mit
der Hand zur Seite bog. »Ist es erlaubt, einzutreten?«
Sie nickte, sah ihn an und blieb liegen.
Er ließ sich dicht neben ihr nieder, nahm den Strohhut von der heißen
Stirn und lächelte.
»Einen Gruß könntest du schon sagen ...«
»Gott ...« machte sie lässig, und dann fügte sie mit forschenden Augen
hinzu:
»Heute abend ...?«
»Das ist wahr«, sagte er mit einer Miene, als empfinge er eine
betrübliche Nachricht, »heute abend kommen sie.«
Alle auf dem Gut dachten daran. Afra hörte mit an, wie Martin sich den
neuen Herrn vorstellte.
Plötzlich unterbrach sie ihn:
»Du bist ein Narr«, rief sie. »Ihr seid alle Narren.«
»Weißt du es besser?«
»Ihr alle seht den neuen Herrn in euren Gedanken so, wie ihr ihn euch zu
eurem Vorteil wünscht. Der Vater meint, daß er eine Vorliebe für neue
Treibhäuser habe und Spalierobst bevorzugen würde, der Verwalter faselt
von großem Geschick, einen Kornjuden zu überlisten, und der Förster
weiß, daß er Schmetterlinge im Flug mit der Kugel treffen kann.«
»Wie du sprichst ...« sagte der Bursche. »Man könnte glauben, daß es so
im Katechismus steht.«
»Man sagt immer zu viel«, meinte Afra nachdenklich, »aber wenn man sich
langweilt ... man sollte sich nie langweilen.«
Martin zog Kirschen aus der Rocktasche und bot ihr die roten Kugeln dar,
die an dünnen Stielen zwischen seinen Fingern hingen, aber sie kehrte
seine Hand um, öffnete sie und suchte langsam drei Früchte heraus. Dann
schob sie seine Hand zurück.
»Ich will ihn sehen«, sagte sie langsam, »das ist es, was ich von ihm
weiß. Und noch eins: er wird mich sehen.« Sie ließ langsam die Blicke
über den jungen Burschen gleiten, beinahe ohne den Kopf zu wenden,
lächelte einsam und verschwieg, was sie noch hatte sagen wollen. Man
durfte nicht sprechen. Es war gut, für sich zu behalten, was man wußte.
Irgend etwas im Schatten seiner Augen und um seinen unbewachten Mund
verlockte sie, sich in seiner unwissenden Anteilnahme gehen zu lassen.
Aber dann dachte sie: er tut auch ohnehin, was ich will.
Martin empfand an Afras Seite etwas wie Wohlbehagen und Mißstimmung
zugleich. Es mochte daher kommen, daß er zu Lebzeiten des Grafen gewohnt
gewesen war, in Afra seine Herrin zu sehen, und daß sie nun zu
seinesgleichen herabgesunken war. Wenigstens für einige Zeit, für diese
Tage der Ungewißheit und des bangen Harrens. Auch ihm ging es wie den
meisten der anderen, er war begierig, zu erfahren, was nun aus Afra
werden würde. Er umkleidete sie in seinen Gedanken mit dem märchenhaften
Zauberglanz von Macht und Reichtum, den die Liebe des alten Mannes um
sie gewoben hatte. Es konnte wohl sein, daß alles, was seine Augen
sahen, das Schloß, die Wälder, der Ackergrund, auf dem er lag, und sein
eigenes Geschick in die Hände gegeben waren, die er neben sich sah, wie
sie das blaue Band des Huts durch die Finger zogen. Und er wußte auch,
daß er diese Hand dort dicht neben der seinen ergreifen konnte, ohne daß
Afra ihn daran hindern würde. War es denn wirklich so? Es glühte in ihm
empor, sein Entschluß, es zu tun, quälte ihn eigensinnig, sein Wunsch,
dies Einfache zu tun, dies Unmögliche ...
Da tat er es, beinahe nur, um sich aus seiner unverstandenen Qual zu
befreien. Was würde geschehen?
»Nicht einmal mein Pferd ist sicher mein eigen«, sagte Afra, »ich habe
genommen, welches ich wollte. Würdest du um eines bitten, wenn alle dir
erreichbar wären?«
»Es ist wahr«, sagte er und zog seine Hand von der ihren, »du konntest
tun, was du wolltest. Der neue Herr ...«
»Sprich nicht von ihm«, warf Afra ein. Sie erhob sich, so daß sie im
Korn saß, ordnete an ihrem Haar, das im Sonnenschein heller leuchtete
als die goldenen Ähren. Martin stand mit verdrossenem Gesicht auf.
»Fährst du mit?« fragte er.
Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine Schulter, mit raschem
weichem Fuß, dessen Druck er erst zu verspüren glaubte, als sie bereits
hoch im Heu saß und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm
hinunterlachte.
»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über ihm, und so schritt er
neben dem Wagen dahin und rief den Pferden laute Worte zu.
Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte das Kinn in beide
Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins Heu gruben, und blinzelte in den
Sonnenschein hinaus. Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in
einem feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu ihm zu
heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei er ihr Ziel, während
der Wagen sie langsam, eingehüllt in den Duft welken Grases und
vergangener Blumen, auf Wartalun zuschaukelte.