ich mir alle in der Nähe liegenden Gegenstände, sämtliche für mich
notwendigen Peilungen, genau eingeprägt. Vorsichtig schlich ich über
Haufen von Gerümpel, alte Balken; der Regen rauschte, und in der
pechschwarzen Nacht konnte ich kaum die beiden Kuffs wiederfinden, die
ich am Tage neben dem Holzlager gesehen hatte.
Auf allen vieren kriechend, immer wieder angespannt lauschend, mit
den Augen versuchend, die Dunkelheit zu durchbohren, näherte ich mich
meinem Ziel.
Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß die beiden Kuffs, die am
Nachmittage noch im tiefen Wasser gelegen hatten, jetzt fast trocken
lagen. Aber hinten am Heck, da schwabberte Gott sei Dank noch ein
kleines Dinghi im Wasser.
Kurz entschlossen wollte ich zu dem Boot hinlaufen, aber ehe ich wußte,
was mit mir geschah, gab der Boden unter mir nach, und blitzschnell
versank ich bis an die Hüften in eine zähe, schlüpfrige, übelriechende
Schlammasse. Mit den Armen schlug ich um mich, und gerade konnte ich
mich noch mit der linken Hand an einer Planke festkrallen, die vom Ufer
zu dem Segelschiff hinüberführte.
Mit äußerster Kraftanstrengung befreite ich mich aus der eklen Masse,
die beinahe ein furchtbares Grab für mich geworden wäre, und gänzlich
erschöpft schleppte ich mich zu meinem Heubündel zurück.
Als am dritten Morgen meiner Flucht die Sonne aufging, hatte ich den
Lattenzaun bereits wieder übersprungen und lümmelte mich auf einer Bank
der Parkanlagen von Gravesend herum. Pünktlich um sieben Uhr früh warf
meine „Mecklenburg” von der Boje los und rauschte stromabwärts dem
freien Meere zu.
An diesem ganzen Tage trieb ich mich, wie auch später, in London
herum. Stundenlang stand ich auf den Brücken wie so viele andere
Tagediebe und merkte mir genau die Lage der neutralen Dampfer und vor
allen Dingen den Stand ihrer Ladungsarbeiten, um jederzeit, wenn ich
einen glücklichen Augenblick erhaschen konnte, unbemerkt an Bord zu
schleichen.
Essen tat ich in allen diesen Tagen in den gewöhnlichsten
Arbeiterstampen von London-East; ich sah so verkommen und dreckig
aus, torkelte oder hinkte oft absichtlich, machte ein blödes, stieres
Gesicht und ging so krumm und schlaksig, daß kein Mensch von mir Notiz
nahm. Ich vermied zu sprechen und merkte mir genau die Aussprache und
die Art und Weise, wie die Arbeiter ihr Essen bestellten. Bald hatte
ich eine solche Sicherheit und Fertigkeit und wurde so frech, daß ich
niemals mehr auf den Gedanken kam, ich könnte entdeckt werden.
Am Abend war ich wieder in Gravesend.
Da lag wirklich wieder ein Dampfer, und diesmal war es die „Prinzeß
Juliana”.
Nun paßte ich besser auf und studierte alles so eingehend und genau,
besonders die Beschaffenheit des Flußufers, daß ich meiner Sache sicher
war.
Nachts um zwölf Uhr war ich an meinem ausgewählten Platz. Das Ufer war
steinig, und die Ebbe fing eben erst an zu laufen. Leise zog ich meine
Stiefel, Strümpfe und Jacke aus, verstaute meine Strümpfe, meine Uhr,
Rasierapparat usw. in meine Mütze, setzte diese samt dem teuren Inhalt
auf den Kopf und band sie fest.
Dann versteckte ich Jacke und Stiefel unter einem Stein, zog den
Ledergürtel meiner Hose fest an, und so angezogen wie ich war, kroch
ich leise ins Wasser und schwamm nach der Richtung meines Dampfers
hinaus.
Die Nacht war regnerisch und dunkel. Bald konnte ich auch nicht mehr
das Ufer erkennen, das ich eben verlassen hatte. Matt konnte ich jetzt
eben die Umrisse eines Ruderbootes vor mir ausmachen, welches verankert
lag. Ich strebte darauf zu, und trotz furchtbarster Anstrengung kam
und kam ich nicht näher. Meine voll Wasser gesogenen Kleider wurden
immer schwerer und drohten mich herabzuziehen; die Kräfte fingen an zu
erlahmen, wie Schatten huschten an mir einige Ruderboote vorüber, die
in Wirklichkeit aber verankert lagen, und an denen ich durch die starke
Strömung vorbeigerissen wurde. Krampfhaft, mit meiner ganzen Energie
schwamm ich weiter und versuchte den Kopf über Wasser zu halten.
Bald jedoch schwanden mir die Sinne, und als ich wieder zu mir kam, lag
ich hoch und trocken auf glatten, von Seetang überwucherten Steinen.
Ein gütiges Geschick hatte mich an einige der wenigen steinigen Stellen
des Strandes getrieben, da, wo der Fluß einen scharfen Knick machte;
und durch das bei Ebbe schnell fallende Wasser lag ich nun auf dem
Trockenen.
Zitternd und bebend vor Kälte und Überanstrengung raffte ich mich auf
und wankte am Ufer entlang, und nach einer Stunde fand ich meine Jacke
und meine Stiefel wieder. Dann kletterte ich über meinen Bretterzaun
und lag zitternd und zähneklappernd auf meinem Strohhaufen.
[Illustration: Noch ein Steckbrief]
Der Regen strömte, und ein eiskalter Wind fegte über mich weg. Als
einzige Decke hatte ich meine nasse Jacke und meine beiden Hände,
die ich flach und schützend auf meinen Magen hielt, um diesen
wenigstens in Takt zu halten und dadurch für die nächsten Tage die
nötigen Kräfte zu behalten. Nach zwei Stunden, ohne ein Auge zugetan zu
haben, hielt ich es vor Kälte nicht mehr aus, verließ mein Versteck und
lief herum, um wenigstens etwas warm zu werden.
Meine nassen Kleider sind erst wieder trocken geworden, als sie mehrere
Tage darauf in Deutschland am Ofen hingen! Tagsüber trieb ich mich
wieder in London herum. Ich besuchte mehrere Kirchen, in denen ich
sicher den Anschein eines frommen Beters erweckt habe, in Wirklichkeit
aber ein Stündchen schlief.
An diesem Tage wäre ich beinahe ein englischer Soldat geworden. Wie an
allen Tagen stand auf einem der vielen Plätze auf einer errichteten
Tribüne ein Redner und sprach zum Volk. Natürlich Rekrutenfang!
In den glühendsten Farben, in höchster Ekstase schilderte er der
lauschenden Menge, wie es aussehen würde, wenn die deutschen Soldaten
erst ihren Siegeseinzug durch London hielten. „Die Straßen Londons”,
sagte er, „werden von den Tritten der Barbaren widerhallen. Eure Frauen
werden von den deutschen Soldaten vergewaltigt und mit ihren kotigen
Stiefeln getreten werden. Wollt ihr das, ihr freien Briten?”
Ein entrüstetes „Nein!” war die Antwort.
„So gut, dann kommt und -- -- ~join the army now~!”
Ich erwartete einen allgemeinen Sturmlauf. Der Mann hatte wirklich
packend geredet. Keiner rührte sich. Nicht einer, der sich meldete und
glaubte, daß Kitchener gerade _ihn_ haben wollte. Nun fing der Redner
von vorne an, aber seine flammenden Worte verhallten ungehört.
In der Zwischenzeit gingen englische Werbeunteroffiziere durch die
Menge. Überall begegneten sie Kopfschütteln, keiner der wackeren Söhne
Albions wollte anbeißen. Plötzlich kam ich an die Reihe.
Ein baumlanger Sergeant stand vor mir und befühlte prüfend meine
Oberarme. Er schien von seiner Musterung höchst befriedigt zu sein,
denn nun fing er mit allen Mitteln an, mich davon zu überzeugen, daß
der Soldat ausgerechnet in Kitcheners ~army~ das Schönste wäre, was es
auf der Welt gäbe. Ich lehnte ab.
„Nein”, sagte ich, „es geht nicht, ich bin erst siebzehn Jahre alt.”
„Oh, das macht nichts, da machen wir einfach eine Achtzehn draus, und
alles ist ~all right~.”
„Nein, es geht wirklich nicht, ich bin übrigens Amerikaner und habe
auch keine Erlaubnis von meinem Schiffskapitän.”
Nun holte der lästige Bursche eine Mappe hervor, in der in den
leuchtendsten Farben die englischen Uniformen abgebildet waren. Der
Kerl ließ einfach nicht locker. Um ihn endlich los zu werden, sagte
ich ihm, er möchte mir eins der Heftchen überlassen, ich würde dann
abends mit meinem Steuermann reden und am nächsten Tage würde ich ihm
mitteilen, welche Uniform mir am besten gefiele.
Daß ich von da ab in großem Bogen um diesen Platz herumging, war wohl
selbstverständlich.
Nun hatte ich aber allmählich so viel Sicherheit gewonnen, daß
ich trotz meines schmutzigen Päckchens ins Britische Museum ging,
mir einzelne der größten Gemäldegalerien ansah, ja sogar die
Nachmittagsvorstellungen der Varietés besuchte, ohne jemals nach
dem Woher und Wohin gefragt zu sein. In den Varietés waren oft die
allerliebsten blonden Garderobefräuleins besonders freundlich zu mir
und schienen sogar mit dem armen ~„sailor”~, der sich sicherlich in das
feine Varieté verirrt hatte, Mitgefühl zu haben.
Am ulkigsten war es, wenn ich auf einem Verdecksitz der Autobusse Platz
nahm und die Damen und Dämchen naserümpfend und entrüstet von mir
abrückten und mich nicht selten verachtende Blicke trafen. Wenn _die_
gewußt hätten, wer neben ihnen saß! Daß ich nicht gerade nach Parfüm
roch, war bei meiner Nachtarbeit und den nassen schlammbeschmutzten
Kleidern kein Wunder.
Am Abend war ich wieder in meinem Gravesend. In dem kleinen Park, der
direkt ans Themseufer stieß, spielte Militärmusik und mehrere Stunden
saß ich ruhig auf einer Bank direkt am Strand, lauschte den Klängen der
Musik und beobachtete wie ein Luchs.
Meinen Plan, zum Dampfer hinüberzuschwimmen, hatte ich endgültig
aufgegeben, da ich einsah, daß die Strecke zu weit und die Strömung
viel zu reißend war.
Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, irgendwo unauffällig ein
Ruderboot zu requirieren, um damit zum Dampfer gelangen zu können.
Vor mir lag gerade ein passendes; doch war dieses an einer Schleuse
festgemacht, die von einem Posten Tag und Nacht bewacht wurde.
Doch gewagt mußte es werden!
Nachts um zwölf Uhr bei wiederum stockfinsterer Nacht schlich ich
durch den Park und kroch an die zirka zwei Meter hohe Ufermauer heran.
Ein Sprung über einen Gartenzaun, und schon lag unter mir leise
schaukelnd mein Boot. Atemlos lauschte ich. Der Posten, nur zehn
Schritt entfernt, schlenderte schlaftrunken auf und ab. Meine Stiefel
hatte ich ausgezogen und mit den Schuhlitzen um den Hals gebunden, das
offene Messer zwischen den Zähnen. Leise wie ein Indianer glitt ich an
der Mauer hinunter. Mit den Fußspitzen konnte ich gerade das Dollbord
des Bootes angeln, lautlos glitten meine Hände an dem harten Granit
entlang, und eine Sekunde darauf saß ich zusammengekauert im Boot.
Atemlose Spannung. Mein Posten ging unter seinen hellen Bogenlampen
ungestört auf und ab. Mit meinem Boot lag ich Gott sei Dank im Dunkeln.
Meine durch nächtliche Torpedobootsfahrten geübten Augen sahen jetzt
trotz der schwarzen Nacht fast wie am Tage. Vorsichtig tastete ich die
Riemen ab. Verdammt, sie waren von einer Kette umschlossen. Zum Glück
war diese aber nicht stramm angezogen, und leise zog ich erst den
Bootshaken, dann einen Riemen nach dem anderen aus der Kettenschlinge
heraus. Knirschend durchschnitt nun mein Messer die beiden Taue, mit
denen das Boot an der Mauer festgemacht war, und unhörbar tauchten
meine Riemen in das Wasser ein und trieben das Boot vorwärts.
Als ich in das Boot gestiegen war, hatte es schon sehr viel Wasser
gehabt. Nun gewahrte ich zu meinem Schrecken, daß das Wasser im Boot
mit großer Geschwindigkeit stieg. Schon überspülte das Wasser die
Ducht, auf der ich saß, immer schwerer und unhandlicher wurde das große
Boot, mit verzweifelter Kraft warf ich mich in meine Riemen. Plötzlich
knirschte der Kiel, und das Boot lag eisern fest. Kein Pullen, kein
Absetzen mit Riemen und Bootshaken half, das Boot blieb unbeweglich,
und rasend schnell fiel das Wasser um das Boot herum, und schon nach
wenigen Minuten saß ich fest und trocken im Schlick, dafür aber zum
Trost das Boot innen bis an den Rand voll Wasser. Ich habe eine so
schnelle Veränderung der Wasserhöhe bei Ebbe und Flut noch nie vorher
in meinem Leben erlebt. Wenn auch die Themse in dieser Beziehung
berüchtigt war, _das_ hatte ich doch nicht für möglich gehalten.
Ich befand mich wohl in der kritischsten Lage der ganzen Flucht.
Ringsherum war ich umgeben von weichem, stinkendem Schlick, dessen
Bekanntschaft ich zwei Abende vorher beinahe mit dem Leben bezahlt
hatte. Schon der Gedanke daran machte mich schaudern. Nur zweihundert
Meter entfernt ging der Posten auf und ab, und ich selbst befand mich
mit meinem Boot zirka fünf Meter von der zwei Meter hohen granitenen
Ufermauer entfernt.
Kühl überlegend saß ich auf meiner Ducht. Eins stand fest: die
Engländer durften mich hier nicht finden, denn wie einen tollen Hund
hätten sie mich totgeschlagen.
Vor dem nächsten Vormittage stieg aber das Wasser nicht wieder. Also
gab's nur eins: alle Energie zusammengerafft, Zähne zusammengebissen
und versucht, den Schlick zu überwinden. Ich zog auch noch meine
Strümpfe aus, krempelte die Hosen so hoch hinauf, als es irgend
ging, dann legte ich die Bootsplanken und die Riemen nebeneinander
auf den quillenden und glucksenden Schlammboden, dann benutzte ich
den Bootshaken als Sprungstange und setzte ihn mit der Spitze auf
eine Planke auf, stellte mich auf das Dollbord des Bootes, dann alle
Kraft zusammengenommen, mit einem mächtigen Satze schwang ich mich im
Stabhochsprung um meinen Bootshaken und ... mit einem lauten Platsch
langte ich nur einen Meter von der Mauer entfernt an und sank bis
weit über die Knie in den zähen Brei, dann aber festen Grund unter
den Füßen spürend. Nun arbeitete ich mich an die Mauer heran, legte
meinen Bootshaken als Kletterstange an, und einige Sekunden darauf war
ich oben und saß mitten auf dem Rasen des kleinen Parkes, in dem ich
einige Stunden vorher der Musik gelauscht hatte. Um mich herum lautlose
Stille. Ein Alp wich mir von der Brust. Niemand, auch der Posten nicht,
hatte etwas gemerkt.
Mit ziemlichem Mißbehagen betrachtete ich mir meine Beine. Bis über
die Knie klebte eine dicke, stinkende, graue Schicht. Wasser zum
Waschen war nirgends in der Nähe. Aber so konnte ich unmöglich meine
Strümpfe und meine Stiefel wieder anziehen. Mühsam strich ich daher mit
den Fingern die Schlickmasse, so gut es ging ab, und als die kleben
gebliebene Kruste einigermaßen trocken war, gelang es mir, Schuhe und
Strümpfe anzuziehen und die aufgekrempelten Hosen herabzustreifen.
Der erste Plan war zwar mißglückt, aber immerhin hatte ich dabei so
viel Glück gehabt, daß ich voller Mut einen zweiten Versuch machen
wollte.
Mit den Händen in den Taschen, einen betrunkenen Matrosen markierend,
torkelte ich der kleinen Brücke, die von meinem Posten bewacht war, zu.
In meiner Betrunkenheit rempelte ich den Posten sanft an, dieser schien
solche Anblicke gewöhnt zu sein, und mit einem gemütlichen: ~„Halloh!
Old Jack, one Whisky too much!”~ klopfte er mir auf die Schulter und
ließ mich passieren.
Einige hundert Schritte weiter war ich wieder der Alte. Nach kurzem
Suchen fand ich die steinige Uferstelle wieder, an der ich den Abend
vorher den beinahe mißlungenen Schwimmversuch unternommen hatte.
Es war ungefähr zwei Uhr nachts, und im Nu hatte ich mich ausgezogen,
und sofort sprang ich, diesmal leicht und unbehindert, so wie mich
der liebe Gott geschaffen hatte, ins Wasser. Der Himmel war zum
erstenmal umwölkt, und schwach hoben sich die Umrisse mehrerer zirka
zweihundert Meter vom Ufer entfernt verankerter Ruderboote ab. Das
Wasser phosphoreszierte ganz ungewöhnlich stark; nur in den Tropen
habe ich Ähnliches erlebt. Wie in einem Meer von Gold und Silber
schwamm ich daher. Zu einer anderen Zeit hätte mich dieses Naturwunder
höchst entzückt, jetzt befürchtete ich, daß das helle Aufleuchten
meines nackten weißen Körpers in dem hellen Goldstrom mich verraten
würde. Zuerst ging alles nach Wunsch. Sowie ich aber die links vor mir
liegende schützende Uferecke passiert hatte, faßte mich der Strom,
und nun gab es wieder ein Ringen mit dem Element auf Leben und Tod.
Als meine Kräfte zu ermatten drohten, erreichte ich das erste Boot.
Die letzte Kraft zusammengenommen, und nach einem mächtigen Klimmzug
polterte ich in das Innere des Bootes hinein. Verhängnis! Das Boot
war leer. Kein Riemen, kein Haken, mit dem ich mich hätte vorwärts
bewegen können. Nach kurzer Pause glitt ich wieder ins Wasser hinab und
ließ mich nun von dem Strom gegen das nächste dahinter liegende Boot
treiben. Auch dieses Boot ... leer. Und so ging's noch mit drei anderen
Booten. Bis ich schließlich beim letzten leeren anlangte, und nachdem
ich mich verschnauft hatte, ging es wieder hinein in das glitzernde,
jetzt aber unangenehm kalte Element. Und zwei Stunden, nachdem ich
abgeschwommen war, langte ich wieder bei meinen Kleidern an.
Da ich vor Kälte wie Espenlaub zitterte, machte es mir besondere
Arbeit, naß wie ich war, in die ebenfalls noch nassen und klebenden
Kleider zu gelangen.
Eine halbe Stunde darauf lag ich, an meinem Glücksstern zweifelnd, in
meinem Heuhaufen.
War es mir übelzunehmen, daß ich etwas mutlos wurde? Und vor allen
Dingen gleichgültig? Ja, ich war so herunter, daß ich am nächsten
Morgen nicht die Energie fand, rechtzeitig mein Versteck zu verlassen,
und erst über den Bretterzaun setzte, als schon der Besitzer des
Holzlagers mehrere Male dicht an meinem Versteck vorbeigeschritten
war. Diesen kommenden Tag ging ich zu Fuß von Gravesend nach London
hinauf und von London zu Fuß auf der anderen Themseseite nach Tilbury
hinunter. Alles nur, um ein Boot finden zu können, das ich mir
unbemerkt leihen konnte. Es war ja gar nicht zu glauben, mehrere lagen
da, aber die nur gut bewacht von ihren Besitzern. Mutlos gab ich das
Rennen auf.
An diesem Abend ging ich in ein Varieté in der festen Absicht, die
zwanzig Schilling, die ich noch besaß, zu verjubeln, dann in einer
Nacht alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, in die Docks
zu gelangen und mich auf einem neutralen Dampfer zu verstecken. Und
wenn das, wie es Trefftz gegangen war, mißlang, wollte ich mich der
Polizeibehörde stellen.
Ich stand auf der obersten Galerie des größten Londoner Varietés
und folgte dem Spiele. Eine innere Stimme raunte mir immer zu:
Du gehörst nach Gravesend zur Arbeit, deine Pflicht ist es, die
Schlappheit zu überwinden, sonst bist du kein deutscher Seemann mehr!
Als lebende Bilder gestellt wurden, Szenen aus dem Schützengraben
und Verherrlichungen des zukünftigen Sieges und Friedens, bei
denen selbstverständlich die Deutschen nur fliehend und geschlagen
dargestellt wurden, ja als sogar auf dem Hauptbild Britannia
dargestellt wurde im strahlenden Sonnenglanz, die Siegespalme in der
Hand, mit ihrem rechten Fuß auf einem gefesselt daliegenden feldgrauen
deutschen Soldaten, da packte mich der heilige Zorn, und fluchtartig
trotz Protestes meiner Nachbarn verließ ich das Theater und faßte
gerade noch den letzten Zug nach Tilbury.
Jetzt war mir wieder wohl zumute. Und ich war in meinem Innern so fest
überzeugt, daß mir heute mein Plan gelingen würde, daß es gar nicht
anders kommen konnte.
Als ich die ersten Fischerhütten von Gravesend passierte, fand ich
einen kleinen Bootsriemen. Zur Sicherheit nahm ich diesen mit. Mitten
in der Hafenstraße, da, wo in den Kaieinschnitten die Fischkutter
direkt anlegten, schaukelte ein kleines Dinghi. Nur zwanzig Schritt
davon entfernt saßen auf einer Hausbank gemütlich plaudernd die
Besitzer der Fischkutter und des dazugehörigen Dinghis. Da die guten
Seeleute mit ihren Geliebten zärtlich kosten, war von meiner Gegenwart
nichts bemerkt worden.
Riskant war es, aber: Nur dem Mutigen gehört die Welt, brummte ich
in mein Inneres hinein. Und dank meiner erworbenen Übung, kroch ich
unhörbar in das Boot, ein scharfer Schnitt, und leise glitt die winzige
Nußschale am Fischkutter entlang, auf dessen Achterdeck eine Frau ihr
Kind in den Schlaf wiegte.
Da keine Dollen im Boot vorhanden waren, setzte ich mich achteraus
und wriggte nun mit aller Kraft vom Ufer fort. Kaum hatte ich
jedoch ein Drittel des Weges zurückgelegt, als mich plötzlich mit
unwiderstehlicher Gewalt die Ebbströmung faßte, mein Boot wie einen
Kreisel herumwirbelte und alle meine Versuche, Kurs zu halten,
vergeblich machte. Jetzt galt's seemännische Geschicklichkeit zeigen.
Mit eiserner Faust brachte ich das Boot in meine Gewalt, und genau
mit dem Strom schwimmend, steuerte ich flußabwärts. Jetzt kam ein
gefährlicher Moment. Eine mächtige, quer über den Fluß reichende und
von Soldaten streng bewachte militärische Pontonbrücke kam mir in den
Weg. Ein Moment kalter Ruhe, schärfster Anspannung, ein Anruf eines
Postens, und unverwandt geradeaus sehend und nur auf meinen Riemen
achtend, schoß der Nachen durch zwei Pontons hindurch. Nur wenige
Sekunden darauf erhielt das Boot einen kräftigen Stoß, und schon war
ich an den Ankerketten eines mächtigen Kohlenleichters gestrandet. Wie
der Blitz hatte ich mein Bootstau um die Ankerkette festgemacht, nur
Bruchteile von Sekunden, in denen das Boot beinahe gekentert wäre.
Jetzt war ich in Sicherheit. Wie rasend schoß das Wasser gurgelnd an
meinen Bootsplanken vorüber, der volle Ebbstrom, verstärkt durch das
Flußgefälle, mußte schon eingesetzt haben.
Mir blieb jetzt nichts anderes zu tun übrig, als geduldig warten.
An meiner Steuerbordseite lag mein Dampfer. Ich wollte abwarten, bis
wieder Stauwasser eingetreten war, um dann herüberzuwriggen. Innerlich
frohlockte ich schon vor lauter Übermut, als schnell der nötige Dampfer
kam. Der Morgen fing an zu grauen, immer heller traten die Umrisse der
verankerten Schiffe hervor, endlich ging die Sonne auf, und immer noch
rauschte das Wasser so kräftig an mir vorbei, daß an ein Fortkommen
für mich nicht zu denken war. Die Flucht war sowieso in dieser Nacht
unmöglich. Glücklich aber, daß ich wenigstens das lang gesuchte Boot
besaß, ließ ich mich mit dem letzten schwachen Ebbstrom stromabwärts
gleiten, und nach zirka einer Stunde machte ich an einer alten
zerfallenen Brücke am rechten Themseufer fest. Mein Boot versteckte
ich unter der Brücke, die beiden Riemen nahm ich zur Vorsicht mit an
Land und verstaute sie im hohen Gras. Dann legte ich mich selbst in
die Nähe und beobachtete. Um acht Uhr früh rauschte mein Dampfer stolz
an mir vorüber. Es war die „Mecklenburg”. Nun kam noch eine harte
Geduldsprobe. Sechzehn Stunden blieb ich im Grase liegen, bis abends um
acht Uhr die Befreiungsstunde schlug.
Da bestieg ich wieder mein Boot. Vorsichtig ließ ich mich durch die
eben einsetzende Flußströmung wieder stromaufwärts treiben und machte
am selben Leichter fest, an dem ich die Nacht vorher gestrandet war.
Querab von mir, nur fünfhundert Meter entfernt, lag die „Prinzeß
Juliana” an ihrer Boje.
Jetzt hatte ich Zeit, legte mich lang in das Innere meines Bootes und
versuchte vergebens ein Nickerchen zu machen. Der Flutstrom schwoll,
und bald war ich wieder von brausendem Wasser umgeben.
Nachts um zwölf Uhr wurde es still um mich herum, und als um ein Uhr
das Boot ruhig im Stauwasser schlingerte, warf ich los, setzte mich
achtern dwars in mein Boot und wriggte in größter Gemütsruhe, als wenn
ich mich auf einer Sonntagspartie im Kieler Hafen befände, zum Dampfer.
Unbemerkt gelangte ich an die Festmacherboje.
Haushoch türmte sich über mir der scharfe schwarze Vorsteven meines
Dampfers. Ein kräftiger Ruck, und oben war ich auf der Boje. Nun
gab ich meinem treuen Schwan einen tüchtigen Fußtritt, und schnell
wurde der von der eben wieder einsetzenden Ebbströmung stromab
geführt. Mäuschenstill lag ich mehrere Minuten auf der Eisentonne.
Dann kletterte ich, von eiserner Ruhe erfüllt, wie eine Katze an der
mächtigen Stahltrosse zur Klüse empor. Vorsichtig steckte ich den Kopf
über den Wassergang und spähte.
Die Back war leer.
Ein kurzes Aufstemmen, und oben war ich.
Ein blinder Passagier
Jetzt kroch ich auf dem Deck entlang zum Ankerspill und versteckte mich
zuerst mal in der Ölwanne unter der Kettentrommel.
Als alles um mich ruhig blieb, kein Mensch sich zeigte, kletterte ich
aus meinem Versteck, zog meine Stiefel aus und verstaute sie unter
einem Bund Stammwerk in einer Ecke der Back. Auf Strümpfen schlich ich
jetzt zur Rekognoszierung. Als ich von Achterkante Back vorsichtig zum
Ladedeck hinunterschaute, prallte ich plötzlich zurück, und atemlos,
ohne mit der Wimper zu zucken, blieb ich an einen Ventilator angelehnt
stehen. Unten auf dem Ladedeck standen zwei Posten, die scharf nach der
Back heraufsahen.