Die Aufregung und die gespannteste Erwartung, in der wir uns während

dieser Zeit befanden, kann man sich kaum vorstellen. Im Geiste erlebten

wir ja alles mit, und da es merkwürdig lange still blieb, befürchteten

wir schon, daß alles verloren sei. Mit eiskalten Händen, kaum atmend,

das Gehör bis auf das äußerste angespannt, lagen wir da.

Endlich um elf Uhr abends erscholl ein lauter Jauchzer. Das war unser

verabredetes Signal, daß alles geglückt war.

Schwarze Nächte an der Themse

Nun blieb um uns alles ruhig. Der Regen hörte Gott sei Dank auf zu

strömen. In vollständige Dunkelheit gehüllt, lag der Park da, und matt

schimmerte das Licht der riesigen Bogenlampen, womit das Nachthindernis

beleuchtet war, zu uns herüber. Dumpf hallte der regelmäßige Tritt

der in ihren Schutzhäuschen auf und ab marschierenden Posten, und

unheimlich klang ihr Zuruf, womit sie sich alle Viertelstunde

gegenseitig anriefen. Um zwölf Uhr nachts war Wachtablösung, die ich

mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte. Dann kam der wachthabende

Offizier und leuchtete mit einer Lampe das Taghindernis -- also unseres

-- ab, und um halb ein Uhr war wieder tiefste Ruhe.

Nun war der Moment des Handelns gekommen.

Leise kroch ich aus meinem Versteck wie eine Katze, schlich durch den

Park und zu dem Drahthindernis, um mich zu überzeugen, daß wirklich

keine Posten mehr ständen. Als alles in Ordnung war und ich die Stelle,

über die wir rüber wollten, wiedergefunden hatte, schlich ich zurück

und holte Trefftz ab. Nun machten wir den Weg gemeinsam noch einmal.

Am Hindernis angekommen, gab ich leise noch einmal die letzten

Verhaltungsmaßregeln und dann Trefftz mein kleines Bündelchen. Als

erster fing ich an zu klettern. Der Zaun war zirka drei Meter hoch

und alle zwanzig Zentimeter von Draht mit unheimlich langen Stacheln

bezogen.

Bis zirka fünfundsiebzig Zentimeter über dem Boden waren elektrisch

geladene Drähte gesetzt, deren Berühren genügte, um sie zu entladen

und ein Klingelwerk auszulösen, wodurch selbstverständlich das ganze

Lager alarmiert worden wäre. Zum Schutz gegen die Stachel hatten wir

Ledergamaschen an und um die Knie Wickelgamaschen gebunden und trugen

außerdem noch Lederhandschuhe. Doch die Stacheln waren länger und sie

haben ganz fürchterlich gepikst. Aber das hatte den Vorteil, daß wir

nun nicht ausrutschen konnten, um dadurch den elektrischen Draht zu

berühren. Den ersten Zaun überwand ich leicht. Dann gab mir Trefftz

unsere beiden Bündel, und ebenso schnell wie ich überstieg auch er

den Zaun. Nun kam ein zirka zehn Meter breites und ein Meter hohes

schweres Drahthindernis, nach den neuesten Schikanen erbaut. Wie die

Katzen liefen wir beide über dieses hinweg. Dann kam wiederum ein hoher

Stacheldrahtzaun, genau so beschaffen wie der erste und ebenfalls mit

elektrisch geladenen Drähten versehen. Auch hierüber kamen wir beide

glatt, nur daß ich mir an den verflixten Stacheln einen Teil meines

Hosenbodens ausriß, den ich mir erst wieder herunterholen mußte, um ihn

später wieder einzusetzen. Gott sei Dank, das Hindernis war überwunden!

Stumm drückten Trefftz und ich uns kräftig die Hand und stumm sahen wir

uns an. Was wir durchgemacht hatten, wußten wir beide.

Nun begann erst die Hauptschwierigkeit.

Vorsichtig schlichen wir uns in der Dunkelheit weiter, überquerten

einen Bach, erkletterten eine Mauer, sprangen in einen tiefen Graben

und mußten uns dann an dem Wachthaus, welches am Eingang zum Lager lag,

vorbeischleichen. Dann endlich waren wir im Freien!

Auf der großen Landstraße, die nach Donington Castle führte, liefen

wir ohne Aufenthalt entlang. Nach einer halben Stunde machten wir

halt und entledigten uns der zerfetzten Gamaschen und Handschuhe.

Na, die inneren Handflächen sahen ja fein aus, ganz zu schweigen von

den Fußsohlen und von der Sitzgelegenheit. Noch wochenlang haben die

Andenken an den englischen Stacheldraht gejuckt.

Jetzt öffneten wir unsere Bündel, zogen unsere grauen Zivilregenmäntel

an, verstauten die übrigen Kleinigkeiten, und untergehakt wanderten wir

frohgemut die Straße weiter, als wenn wir von einem späten Nachtgelage

kämen. Als Donington Castle in Sicht kam, mußten wir uns vorsehen. Und

alles, was wir tun würden, wenn wir jemandem begegnen sollten, hatten

wir verabredet.

Da, als wir eben in die Dorfstraße einbiegen wollten, kam uns ein

englischer Soldat entgegen. Wie auf Kommando zog mich Trefftz an sich,

und so wie wir es verabredet hatten, markierten wir ein Liebespaar.

Verlangend nach uns hinschauend und mit der Zunge schnalzend ging

der Engländer vorüber. Als er an uns vorbei ging, erkannte ich

ihn mit einem Schlage. Auf seinem Ärmel leuchteten matt die drei

Feldwebelswinkel, und diese dicke, gedrungene, auffallende Figur konnte

nur unserem englischen Lagerfeldwebel gehören.

Nun schritten wir weiter. Und nachdem das Dorf passiert war, fanden

wir glücklich die angegebene Brücke. Doch hier wurde es kritisch. Drei

große Chausseen führten von hier aus ab, und es war unmöglich, uns ohne

Wegekenntnisse weiterzufinden. Endlich entdeckten wir in der Dunkelheit

einen Wegweiser, etwas äußerst Seltenes in England. Zum Glück war es

ein eiserner. Und als Trefftz hinaufgeklettert war, konnte er durch

Befühlen der erhaben gegossenen Buchstaben das Wort „Derby” lesen.

In äußerstem Geschwindschritt uns nach dem Polarstern orientierend,

marschierten wir tüchtig darauf los. Sobald uns Leute entgegenkamen

oder Autos, und besonders wenn solche hinter uns her fuhren,

versteckten wir uns im Chausseegraben und warteten ab, bis die

Gefahr vorüber war. Es war doch zu natürlich, daß wir bei jedem Auto

glaubten, es sei unseretwegen unterwegs und uns nachgehetzt worden.

Als wir Hunger verspürten, aßen wir etwas mitgenommenen Schinken

und Schokolade. Aber leider war das eine zu salzig und das andere

so süß, daß ein furchtbarer Durst uns plagte. Dieser wurde bald so

unerträglich, daß wir kaum noch weiter kommen konnten. Dazu kam, daß

wir durch die durchgemachte Aufregung und den anstrengenden Marsch

außerordentlich viel Schweiß verloren hatten. In unserer Not stellten

wir uns dann an den Chausseegraben, und wie die Ziegen leckten wir die

dicken Regentropfen von den Blättern der Büsche ab, bis wir endlich

an einer Stelle eine schmutzige Wasserpfütze fanden, über die wir uns

gierig trinkend warfen. O, das war gut.

Langsam wurde es hell. Und gegen vier Uhr morgens, als wir die ersten

Gartenhäuser von Derby erreichten, stieg in wundervollster Pracht

blutigrot die riesige Sonnenkugel über den Horizont. Wie gebannt

blieben wir stehen, hingerissen von diesem herrlichen Schauspiel, und

dann schüttelten wir uns die Hände und winkten freudig der Sonne zu.

O sie, sie kam ja aus Deutschland, direkt aus der Heimat, hatte sich

rotgefärbt beim Durcheilen der blutigen Schlachtfelder und brachte uns

nun die treuesten Grüße unserer Lieben daheim. Ein gutes Omen!

Nun schlichen wir uns beide in ein kleines Gärtchen, und hier wurde

große Toilette gemacht. Die mitgenommene Kleiderbürste vollbrachte

Wunder. Die Schuhlappen hatten schwere Arbeit, und mein Hosenboden

wurde mit der mitgenommenen Nähnadel geflickt. In Ermangelung von

Rasiercreme benutzten wir unseren Speichel, und dann wurden die

armen Gesichter mit den mitgenommenen Gilette-Apparaten bearbeitet.

Zum Schluß banden wir uns „den” Kragen und „_den_” Schlips um und

überließen Kleiderbürste und Stiefellappen dem Gartenbesitzer. Und

schick fast wie Dandies mit einem koketten Kniff in dem weichen Hut

betraten wir Derby.

Zu unserem Glück fanden wir bald den Bahnhof, trennten uns unauffällig

und hatten den unerhörten Dusel, daß bereits in einer Viertelstunde ein

Zug nach London ging. Ich löste ein Retourbillett dritter Güte nach

Leicester, und mit einer dicken Zeitung bewaffnet bestieg ich den Zug.

In Leicester stieg ich aus, löste mir ein Billett nach London, und

als ich in das Kupee einstieg, saß zufällig mir gegenüber ein Herr,

ebenfalls im grauen Mantel, den ich irgendwo mal gesehen haben mußte,

von dem ich aber selbstverständlich keine Notiz nahm. Ich glaube, sein

Name fing früher mal mit T. an.

Gegen Mittag lief endlich der Zug in London ein.

Als ich durch die Bahnsperre ging und mein Billett abgab, war mir doch

nicht ganz wohl zumute, und so etwas hat meine Hand doch gezittert.

Doch der gestrenge Blick des Kontrolleurs bedeutete weiter nichts, und

einige Minuten darauf war ich im Gewühl der Großstadt verschwunden.

Wie gut war es jetzt, daß ich vor zwei Jahren in London gewesen war

und es so genau kennengelernt hatte. Das erste, was ich tat, war,

daß ich in vier verschiedene Frühstücksstuben ging und in jeder von

diesen so viel aß und trank, daß es noch eben nicht auffiel. Dann ging

ich an die Themse hinunter, rief mir alle Straßen und Brücken und

Dampferanlegestellen durch persönlichen Augenschein in die Erinnerung

zurück und sah mir besonders an, wo neutrale Dampfer lagen.

Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt. Ich hatte gehofft,

sofort einen Dampfer finden zu können, doch nun sah ich zu meiner

Besorgnis, daß alle Werften und Ladeplätze und die meisten neutralen

Dampfer ebenfalls streng bewacht mitten auf dem Strome lagen.

Die ungewohnte Umgebung, die Unsicherheit, in der ich mich in der

ersten Zeit befand, und vor allen Dingen das dauernde Gefühl während

der ersten Tage, daß ich stets glaubte, daß jeder Mensch wissen

müßte, wer ich wäre, und daß jedermann es mir an der Nasenspitze

ablesen könnte, daß ich aus Donington Hall entwichen wäre, taten das

ihre. Dazu kam noch die durchgemachte Aufregung und Überanstrengung

der letzten Nacht und die trostlose Verlassenheit in der riesigen

Feindeshauptstadt. Auch hatte ich mich vergebens bemüht, irgendeine

Zeitung zu erwischen, aus der die Abfahrt von Dampfern ersichtlich

wäre; das war für mich eine besonders herbe Enttäuschung.

War es da ein Wunder, daß ich ganz entmutigt und müde zum Umsinken um

sieben Uhr abends wie verabredet vor der St. Pauls-Kathedrale stand,

um auf Trefftz zu warten? Bis neun Uhr habe ich gewartet, kein Trefftz

kam.

Fest überzeugt, daß es Trefftz bereits gelungen wäre, einen günstigen

Dampfer zu fassen, und daß er womöglich London schon verlassen habe,

schleppte ich mich gänzlich deprimiert zum Hydepark. Zu meiner

Enttäuschung war dieser entgegen früherer Gewohnheit geschlossen. Was

sollte ich nun tun, wo sollte ich schlafen? Auf der Straße durfte ich

nicht bleiben, um nicht aufzufallen. Und in eine Herberge durfte ich

erst recht nicht gehen, da ich keinen Paß besaß, den jetzt in England

selbst jeder Engländer besitzen mußte, und ohne den kein Gastwirt bei

schwerster Strafe jemanden aufnehmen durfte.

In einer elenden Bar, in der ich mich etwas stärken wollte, bekam ich

nur warmen Stout und nur noch eine einzige Rolle Keks. Alles andere war

vertilgt. Und als auch in der Bar Feierabend geboten wurde, saß ich

wieder auf der Straße. Ich bog in eine der vornehmsten Alleen ein, wo

prächtige Paläste von schön gepflegten Vorgärtchen umgeben waren. Ich

konnte mich kaum noch auf den Beinen aufrecht halten, und als die Luft

rein war, sprang ich schnell entschlossen über einen dieser Gartenzäune

und hatte mich kurz darauf in der dichten Buchsbaumhecke, nur einen

Schritt vom Bürgersteig entfernt, verkrochen. Meine Gemütsstimmung läßt

sich nicht beschreiben. Wild hämmerten mir die Pulse, und wild jagten

sich die Gedanken in meinem Hirn. In meinen Gummimantel gehüllt, wie

ein Dieb zusammengekrochen, lag ich in meinem Versteck.

Wenn man mich jetzt hier fände, in dieser Lage, mich, einen deutschen

Offizier? Wie ein Verbrecher kam ich mir vor. Und im Inneren war ich

fest entschlossen, nie jemand etwas von der unwürdigen Lage, in der ich

mich befand, zu erzählen. Ach, hätte ich _den_ Abend schon gewußt, wo

ich mich zwei Tage später nächtelang herumtrieb, und das dabei sogar

ganz natürlich fand, ich wäre hoffnungsvoller gewesen.

Als ich ungefähr eine Stunde in meinem Versteck lag, öffnete sich in

meinem Hause die große Flügeltür einer herrlichen Veranda, und mehrere

Damen und Herren in tadelloser Abendtoilette traten heraus, um die

prachtvolle Abendluft zu genießen. Von meinem Versteck aus konnte ich

alles beobachten und jedes Wort verstehen. Nach einiger Zeit wurde

drinnen ein Flügel angeschlagen und bald ertönte ein prachtvoller

Sopran, und wunderschönste, sehnsuchtsvolle Schubertlieder zerwühlten

meine Seele.

Endlich übermannte mich die gänzliche Erschlaffung, und wie ein Toter

schlief ich ein, in meinen Träumen von schönsten Zukunftsbildern

umschwebt.

Der gleichmäßige feste Tritt eines Polizisten, der auf der Straße,

nur einen Schritt von mir getrennt, auf und ab ging, und die hell

strahlende Sonne weckten mich am nächsten Morgen auf. Also hatte ich

doch die Zeit verschlafen; nun Vorsicht! Stumpfsinnig pendelte der

Polizist auf und ab, er wollte nicht weichen. Endlich kam das Glück.

Ein allerliebstes Kammerzöfchen öffnete die Türe, und schon war mein

Polizist bei ihr und schäkerte vertraulich mit dem taufrischen Käfer.

Ohne von beiden gesehen zu werden, war ich mit einem Satz über den Zaun

und auf der Straße. Es war schon sechs Uhr früh und der Hydepark gerade

geöffnet worden. Da noch keine Untergrundbahn fuhr, ging ich in den

Park und legte mich lang auf eine Bank zu mehreren anderen Vagabunden,

die es sich dort bereits bequem gemacht hatten. Dann zog ich den Hut

übers Gesicht, und fest schlief ich bis neun Uhr weiter.

Frisch gestärkt mit neuem Mut bestieg ich die Untergrundbahn und fuhr

zur Hafengegend. Am „Strand” erweckten riesige gelbe Plakate meine

Aufmerksamkeit.

Und wer beschreibt mein Staunen, als ich darauf dick und fett gedruckt

las, daß:

1. Mr. Trefftz bereits am Abend vorher gefangengenommen worden war und,

2. daß Mr. Plüschow ~„still at large”~ sei, aber,

3. man ihm bereits auf der Spur wäre.

Das erste und dritte waren mir neu, das zweite war mir bekannt.

Schnell kaufte ich mir nun die „Daily Mail”, ließ mich in einer

einfachen Frühstücksstube nieder und las mit großem Interesse folgenden

Steckbrief:

~Extra Late War Edition.~

~_Hunt for Escaped German. High-Pitched Voice as a Clue._~

~Scotland Yard last night issued the following amended description

of Gunther _Plüschow_, one of the German prisoners who escaped from

Donington Hall, Leicestershire, on Monday~:

~Height 5 ft., 5½ in, weight 135 lb.; complexion fair; hair blond;

eyes blue; and tattoo marks: Chinese dragon on left arm.~

~As already stated in the „Daily Chronicle”, Plüschow's companion,

Trefftz, was recaptured on Monday evening at Millwall Docks. Both

men are Naval Officers. An earlier description stated that Plüschow

is 29 years old. His voice is high-pitched.~

~He is particularly smart and dapper in appearance, has very

good teeth, which he shows somewhat prominently when talking or

smiling, is „very English in manner”, and knows this country well.

He also knows Japan well. He is quick and alert, both mentally and

physically, and speaks French and English fluently and accurately.

He was dressed in a grey lounge suite or grey and yellow mixture

suite.~

[Illustration: Der erste Steckbrief]

Also der arme Trefftz, nun hatten sie ihn doch gekitcht. Mein

Entschluß, was nun zu tun sei, stand bei mir fest, und der Steckbrief

leistete mir dabei vorzügliche Dienste. Zuerst mußte ich meinen grauen

Gummimantel los werden. Ich ging zur „Blackfriars Station” und gab

meinen Mantel dort im Gepäckaufbewahrungsraum ab. Als ich das graue

Ding dem Beamten übergab, fragte dieser mich plötzlich: ~„What's your

name, Sir?”~ (Wie ist Ihr Name?).

Wie ein Schreck fuhr mir diese Frage in die Glieder, auf diese Frage

war ich nicht gefaßt. Mit zitternden Knien fragte ich: „Meinen?”, im

Inneren natürlich denkend, daß der Mann wüßte, wer ich wäre, und vor

Schrecken sogar deutsch antwortend.

~„Oh, I see, Mr. Mine, M. I. N. E.”~ und damit übergab er mir das

Zettelchen für Mr. Mine.

Daß dem Beamten mein Schrecken nicht aufgefallen ist, war ein Wunder,

und mir war etwas übel zumute, als ich durch die beiden wachthabenden

Polizisten am Eingang des Bahnhofes, die mich scharf musterten,

hindurchschritt.

Bei meiner Flucht hatte ich einen blauen Zivilanzug angezogen, den

ich mir seinerzeit in Schanghai hatte machen lassen, und den schon

in Schanghai Herr Brown und Scott, später der Millionär McGarvin

getragen hatte, der dann an einen gewissen Schlosser, später

Schloß_herr_ Ernst Suse vermacht worden war, dann wieder bessere

Tage erlebte, als ein deutscher Seeoffizier ihn anzog, und nun sein

Dasein auf dem Leibe des Dockarbeiters George Mine beendete. Unter

dem Jackett hatte ich einen blauen Mannschaftssweater, den eine

unserer gefangenen Matrosenordonnanzen in Donington Hall mir geschenkt

hatte. In der Tasche trug ich eine alte zerfranste Sportmütze, ein

Taschenmesser, Taschenspiegel, Rasierapparat, ein Stück Bindfaden und

zwei Taschentücher vorstellen sollende Lappen. Ferner besaß ich das

stolze Vermögen von hundertzwanzig Schilling, die ich mir erspart und

zusammengepumpt hatte. Pässe und Papiere, die jetzt in England selbst

jeder Engländer haben mußte, habe ich niemals besessen.

Nun ging ich an die Themse zu einer entlegenen Stelle. Mein schöner

weicher Hut flog durch Zufall von der London-Bridge ins Wasser,

Kragen und Schlips folgten an einem anderen Orte nach, ein schöner

vergoldeter Knopf prangte herrlich vorne in der grünen Hemdprise (Marke

Knopfzwang), dann wurden die Haare schwarz und schmierig von einer

Mischung aus Vaseline, Stiefelwichse und Kohlenstaub, die Hände sahen

bald aus, als wenn sie niemals mit Wasser in Berührung gekommen wären,

und zu guter Letzt wälzte ich mich auf einem Kohlenhaufen tüchtig

herum, und schon war der streikende Dockarbeiter G. Mine fertig.

So konnte man in mir wirklich keinen Offizier vermuten, am

allerwenigsten aber von ~„smart”~ und ~„dapper”~ sprechen. Ich glaube

meine Rolle gut gespielt zu haben, und nachdem ich erst den inneren

Ekel vor meiner Umgebung und soviel Dreck überwunden hatte und mich

erst sicher fühlte, konnte ich wirklich nur als das angesehen werden,

wofür ich mich ausgab: als fauler, dreckiger Dockarbeiter oder

Segelschiffsmatrose.

[Illustration: Steckbrief, eine Woche nach der Flucht]

Mit meiner Mütze frech im Genick, vor Schmutz starrend, die Jacke

offen, den blauen Seemannssweater und als einzige Zierde den

Kragenknopf zeigend, mit den Händen in den Taschen, pfeifend und

spuckend und mich überall herumlümmelnd, wie ich es zu tausenden Malen

in allen Hafenstädten der ganzen Welt von den Matrosen gesehen hatte,

trieb ich mich tagelang in London herum, ohne auch jemals nur den

leisesten Verdacht bei irgendeinem Menschen zu erwecken, daß ich etwas

anderes sei, als wonach ich aussah.

Darauf beruhte überhaupt mein ganzer Plan.

Die einzigste Möglichkeit, unentdeckt zu bleiben, war _die_, mich _so_

zu benehmen und _so_ auszusehen, daß ich niemals den leisesten Verdacht

erweckte. Es durfte überhaupt niemals so weit kommen, daß ein Mensch

auf mich aufmerksam wurde, und wenn ein Polizist mich erst gefragt

hätte, wer ich sei, hätte ich nur meinen richtigen Namen angeben

können. Daher war es auch vollkommen unnötig, daß meine Steckbriefe

meine Tätowierung auf dem Arm immer wieder als Schlüssel zur Entdeckung

erwähnten. Wenn es erst so weit kam, dann war längst vorher schon alles

verloren.

Am zweiten Vormittage hatte ich unerhörtes Glück.

Ich saß auf dem Verdeck eines Autobusses, hinter mir zwei Kaufleute in

angeregter Unterhaltung. Plötzlich fing ich die Worte auf: „Tilbury,

holländischer Dampfer abfährt”; und nun hörte ich scharf zu.

Ich mußte mein Herz festhalten, sonst hätte es Freudensprünge gemacht.

Die beiden unvorsichtigen Gentlemen erzählten nichts weniger, als

daß jeden Morgen um sieben Uhr ein holländischer Schnelldampfer nach

Vlissingen führe und jeden Nachmittag der Dampfer vor Tilbury Docks zu

Anker ginge.

Mit einem Satz war ich raus aus dem „Bus”.

Schnell zur „Blackfriars Station”, ein Billett gelöst, und eine gute

Stunde später stieg ich bereits in Tilbury aus. Es war Mittagszeit,

die Arbeiter strömten in ihre Stampen. Ich ging zuerst zur Themse

runter und erkundete mein Operationsgebiet und überzeugte mich,

daß mein Dampfer noch nicht da wäre. Da ich Zeit und kräftigen

Hunger hatte, ging ich nach Tilbury zurück und trat in eine der

vielen Speisewirtschaften, wo ich besonders viel Dockarbeiter hatte

hineingehen sehen. In einem großen Saale saßen etwa hundert Arbeiter

an langen Tischen und vertilgten riesige Schüsseln. So wie es die

übrigen taten, ging ich auch an eine Klappe, legte acht Pennies auf den

Tisch und empfing einen großen Teller gehäuft mit Kartoffeln, Gemüse

und einem mächtigen Stück Fleisch. Dann ging ich an die Bar, kaufte

mir ein großes Glas Stout, und in aller Gemütsruhe setzte ich mich zu

den anderen Arbeitern an den Tisch, deren Eßweise und Haltung beim

Essen genau nachahmend, wobei mir das Essen der Erbsen mit dem Messer

besondere Schwierigkeiten verursachte.

Mitten im besten Stauen wurde ich plötzlich von hinten auf die Schulter

getippt. Eisig durchfuhr es mich durch alle Glieder. Als ich mich

umdrehte, stand der Besitzer da und fragte mich nach meinen Papieren.

Ich dachte natürlich, er meinte meine Ausweise, und schon gab ich alles

verloren. Da ich natürlich nichts vorweisen konnte, mußte ich dem Wirt

folgen, und voll Schrecken gewahrte ich, wie er an den Fernsprecher

ging, um zu telephonieren. Mit einem Blick schielte ich schon nach

der Tür und wollte eben fortlaufen, als der Wirt, der mich durch ein

Glasfenster beobachtete, wieder zu mir trat und mir sagte: „Ja, da Sie

Ihre Papiere vergessen haben, kann ich Ihnen nicht helfen; übrigens wie

heißen Sie und wo kommen Sie her?”

„Ich bin George Mine und amerikanischer Leichtmatrose auf der

Viermastbark ‚Ohio’, die oben auf Strom liegt. Ich bin eben hier

hereingegangen und habe doch schon mein Essen und mein Bier bezahlt,

meine Papiere habe ich natürlich nicht mit!”

Dann er: „Dies ist ein geschlossener sozialdemokratischer Verein, hier

dürfen nur Mitglieder essen, das sollten Sie doch wissen, doch wenn Sie

Mitglied werden wollen, stehen Ihnen die Räume stets frei.”

Natürlich war ich damit einverstanden. Ich zahlte meine drei Schilling

Eintrittsbeitrag, erhielt ein knallrotes Seidenbändchen ins Knopfloch

gebunden und eine Mitgliedskarte, und damit war ich nun jüngstes

Mitglied des sozialdemokratischen Dockarbeitervereins von Tilbury!

Als wenn nichts geschehen wäre, ging ich wieder an meinen Tisch, trank

mit einem Zug, um mich von dem durchgemachten Schrecken zu erholen,

verließ aber bald den Raum, da mir offengestanden der Appetit vergangen

war und das Essen mir so recht nicht mehr schmecken wollte.

Nun ging ich ans Flußufer hinunter, legte mich ins Gras, tat, als ob

ich schliefe, und paßte auf wie ein Luchs.

Dampfer an Dampfer zog an mir vorüber. Meine Erwartung wuchs unendlich.

Um vier Uhr nachmittags lief stolz und majestätisch ein holländischer

Schnelldampfer ein und machte direkt vor meiner Nase an einer Boje

fest. Und erst mein Glück und meine Freude, als ich vorne am Bug in

weißen, leuchtenden Buchstaben den Dampfernamen:

„_Mecklenburg_”

las. Das war für mich als Mecklenburger und Schweriner das beste

Vorzeichen.

Nun fuhr ich mit der Fähre nach Gravesend hinüber, von wo aus ich

den Dampfer unauffälliger beobachten konnte, und bummelte, die Hände

in den Taschen, sorglos ein Liedchen pfeifend, möglichst bummlig und

schlaksig im Seemannsgang am Ufer entlang, in Wirklichkeit aber scharf

beobachtend.

Mein Plan war folgender:

Nachts schwimmend die Boje, an der der Dampfer lag, zu erreichen, dann

an der Stahlleine hochklettern, mich an Deck zu schleichen und als

blinder Passagier nach Holland zu fahren.

Meine Operationsbasis hatte ich bald gefunden.

* * * * *

Als ich mich vergewissert hatte, daß ich unbeobachtet war, kletterte

ich in ein Holz- und Gerümpellager, welches bis ans Wasser der Themse

reichte. Unter einigen Brettern lagen mehrere Bündel Heu, und in diese

verkroch ich mich und wartete die Nacht ab.

Dieses Heubündel ist dann auch für sämtliche übrigen Nächte mein

Aufenthaltsplatz geblieben.

Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen · 第 10 / 12 段