streng bewacht und beleuchtet war, durften wir uns selbstverständlich
nicht nähern, geschweige denn dieses Gehege verlassen. Nur vor- und
nachmittags wurde das Hindernis für uns geöffnet, und wir konnten durch
ein Spalier von englischen Soldaten zu einem zweihundert Meter entfernt
liegenden Sportplatz gehen. Für unseren Sport war mustergültig gesorgt.
Zwei prachtvolle Fußball- und vor allen Dingen Hockeyplätze standen
uns zu unserem ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung, und wir haben
da gespielt, daß selbst den Engländern die Augen übergingen. Daß auch
dieser Platz selbstverständlich mit Stacheldraht und Posten umgeben
war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
Sehr angenehm war es, daß wöchentlich zweimal ein sehr guter Schneider
und ein Wäschelieferant mit vorzüglicher Wäsche in das Lager kam und es
uns dadurch ermöglicht wurde, uns wieder anständig anzuziehen.
Als Gehalt bekamen wir monatlich einhundertundzwanzig Mark, wovon
gleich sechzig Mark monatlich für unsere Verpflegung einbehalten
wurden. Die übrigen sechzig Mark konnten wir für uns ausgeben, außerdem
konnte man sich von Hause Geld schicken lassen. Die Post funktionierte
tadellos. Die Briefe von Deutschland kamen im allgemeinen regelmäßig
an und gebrauchten im ganzen sechs bis acht Tage. Pakete gingen
ebensolange.
Mit unseren eigenen Briefen war es allerdings knapp bestellt.
Wöchentlich durften wir nur zwei kurze vorgeschriebene Zettelchen
schreiben, und wie gerne hätten wir dabei stundenlang unseren Lieben
daheim erzählt! Die Briefpost, die war ja unser ein und alles. Nach
der Briefausgabe berechneten wir die ganze Tageseinteilung, nach den
Briefen richtete sich unser ganzer Seelenzustand, überhaupt hing die
ganze Stimmung im Lager von der Post ab.
Jeden Morgen wiederholte sich dasselbe Schauspiel. Wenn der
Dolmetscheroffizier mit den Briefen kam, blieb alles stehen und liegen,
alles war vergessen. Von einer lautlosen Menge Harrender war der
englische Offizier umgeben. Jeder hatte in seinem Herzen den heißesten
Wunsch, daß ihm der heutige Tag einen Gruß aus der Heimat, eine Zeile
von lieber Hand geschrieben bringen möge. Und dann die Freude, wenn was
da war, und die Trauer und Niedergeschlagenheit, wenn man mit leeren
Händen abziehen mußte. Im letzteren Falle sagten wir immer: „Wieder
mal ein Tag verloren!”
Als ich rund zwei Monate später in Deutschland war und von vielen
Seiten gefragt wurde, womit man dem Kriegsgefangenen eine Freude machen
könne, habe ich immer nur gesagt: „Schreibt, schreibt, so viel ihr
könnt; die Briefe sind das, wonach der Gefangene sich am meisten sehnt.”
Unser Zusammenleben war den Umständen entsprechend ein äußerst
kameradschaftliches. Besonders nett waren die Abende, an denen wir
in Gruppen um die schönen großen Kamine saßen. Mächtige Holzkloben
brannten, und dann hub ein Erzählen an von Schlachten und Siegen, von
Not und Tod und von wilden abenteuerlichen Erlebnissen. Viele gute
Bücher, ein Streichquartett und ein Gesangverein, den wir uns gegründet
hatten, trugen wesentlich zur Unterhaltung bei.
Auch mancher Ulk wurde getrieben, und wenn man sich endlich wieder
einmal so recht herzhaft ausgeschüttet hatte vor Lachen, dann atmete
man erleichtert auf, und für kurze Zeit wich dann der furchtbare Druck
der Gefangenschaft von uns.
Unser kameradschaftliches Zusammensein wurde Ende April plötzlich
gestört.
Eines Abends kam der Befehl, daß fünfzig von uns hundert Offizieren am
nächsten Morgen zu dem Offizierslager in Donington Hall übergeführt
werden sollten. Die Aufregung bei uns war groß, denn keiner wollte weg.
Es half kein Bitten und kein Sträuben, es hieß einfach, Koffer packen
und abmarschieren. Der einzige Seeoffizier, der mit wegkam, war leider
ich, und zwar auf besonderen Befehl des englischen Lagerkommandanten,
da ihm die Nähe Londons für mich zu gefährlich schien.
Da ich fort kam, schloß sich auch der zweite Flieger von der Armee,
mein treuer Freund Siebel, an. So blieben wir beiden Flieger wenigstens
zusammen.
Am ersten Mai ging's also los. In Autos zu je fünf wurden wir zum
Bahnhof Maidenhead gefahren, wo zwei Extrawagen für uns bereitstanden.
In den Abteilen blieben wir ungestört für uns allein, die Wagen selbst
wurden aber von Soldaten streng bewacht.
Stundenlang rollten wir nun durch die Gegend nach Norden zu. Die Menge
auf den Bahnhöfen sah zwar neugierig in unsere Kupeefenster, jedoch
verhielt sie sich vollkommen ruhig. Nur hin und wieder streckte uns
ein altes Weib, wahrscheinlich Suffragette von Zivilberuf, ihre wenig
schöne Zunge aus. Am Nachmittage langten wir endlich auf der Station
Donington Castle, in der Nähe von Derby, an, stiegen aus und mußten in
Gruppenkolonnen auf dem Bahnhof antreten. Umringt von zirka sechzig
bis siebzig Soldaten, marschierten wir auf das Kommando ~„Quick
marsh”~ ab. Außerhalb des Bahnhofs empfing uns eine johlende Menge.
Fast alles Weiber und halbwüchsige Burschen und Kinder, nur wenige
Männer. Den meisten von uns war von Frankreich her dies unwürdige
Benehmen der Bevölkerung reichlich bekannt, in England war es etwas
Neues. Die Weiber und jungen Mädchen, der niedrigen Bevölkerung
angehörend, benahmen sich wie die Wilden. Heulend und pfeifend
liefen sie neben und hinter uns her, ab und zu flog ein Stein oder
Straßenschmutz in unsere Reihen. Aber im großen und ganzen lachten
sich die Demonstrantinnen halbtot dabei und schienen sich bei ihrem
Gejohle köstlich zu amüsieren. Bei der ersten Straßenbiegung kam ein
Automobil hinter uns her gefahren. Am Steuer saß fett und hochnäsig
unser englischer Dolmetscher-Offizier, Mr. Meyer, den wir später noch
zur Genüge kennenlernen sollten. Herr Meyer wollte sich uns so recht
zeigen und schon -- -- -- hatte er einen seiner eigenen Leute, die uns
eskortierten, umgefahren. Ein allgemeines Geschrei und Geschimpfe, kein
Mensch, der irgend etwas veranlaßte. Schließlich sprangen zwei von
uns „Barbaren” hinzu und zogen den unglücklichen Tommy unter dem Auto
hervor.
Nun richtete sich die ganze Wut der Weiber gegen Herrn Meyer, und
wenn der nicht schleunigst weitergefahren wäre, hätten sie ihn
womöglich noch verprügelt. Daß sie es nicht taten, war ein Jammer.
Der Zwischenfall war bald vergessen, und weiter johlte die Menge.
Immer frecher wurde sie, immer mehr Schmutz wurde auf uns geworfen,
als plötzlich -- ruhig und behäbig, mit gesenkten Köpfen nachdenklich
wiederkäuend vier, fünf Kühe uns entgegenkamen, die an beiden Seiten
bei uns vorbei wollten. Was nun folgte, war so komisch, daß wir alle
samt unseren englischen Tommies stehenblieben und uns vor Lachen bogen.
Kaum daß die bisher so mutigen Weiber die Kühe sahen, fingen sie
auch schon an, furchtbar aufzuschreien, machten kehrt und liefen in
wildester Flucht davon. Rücksichtslos wurden die Schwächeren von den
Stärkeren umgestoßen, und bald lag ein wild strampelndes Knäuel vor
Angst kreischender Weiber zu beiden Seiten der Straße im Graben.
Von nun ab hatten wir Ruhe, und unbelästigt setzten wir in ziemlichem
Geschwindschritt unseren Weg fort.
Bei dem ganzen Marsch paßte ich scharf auf die Wege und einzelne
besonders markante Punkte auf. Man konnte ja nie wissen, wozu einem das
mal gut sein würde!
Die Sonne brannte glühend vom Himmel herab, und in Schweiß gebadet
langten wir nach anderthalb Stunden in unserem neuen Heim Donington
Hall an.
Hier herrschte Disziplin.
Die Tore und Drahthindernisse öffneten sich, die ganze Wache stand
unter präsentiertem Gewehr angetreten, der Wachtkommandant und zwei
Leutnants auf dem rechten Flügel mit der Hand an der Mütze.
Nachdem wir vom englischen Lagerkommandanten empfangen waren, wurden
wir auf unsere Stuben verteilt, und es glückte mir, mit vier anderen
Kameraden, darunter selbstverständlich meinem Freunde Siebel, eine sehr
nette kleine Stube zu erhaschen.
Auch hier traf ich eine große Anzahl alter Bekannter wieder. Da waren
die Geretteten vom „Blücher”, von Torpedobooten und kleinen Kreuzern
und mehrere Armee- und Marineflieger.
Donington Hall stellte das Mustergefangenenlager von England vor.
Nach allem, was wir bereits wochenlang in englischen Zeitungen
darüber gelesen hatten, mußte es ein Paradies sein. Täglich fand
man spaltenlange Artikel in den Zeitungen, in denen die Regierung
angegriffen wurde, daß sie die deutschen Gefangenen zu luxuriös
untergebracht habe. Wie immer, so gebärdeten sich die Frauen dabei am
wildesten und hatten sogar die Erzwingung der Räumung Donington Halls
zu einer Frauenfrage Englands gemacht! Selbst das Parlament mußte sich
wiederholt mit diesem Thema beschäftigen. Da sollten Spielsäle sein
und mehrere Billards, das Gebäude wie ein Schloß eingerichtet sein,
ein besonderer Wildpark sollte für die Offiziere gehegt und für die
deutschen Gefangenen sogar Fuchsjagden veranstaltet werden.
Nichts von alledem war wahr. Wohl war Donington Hall ein großes altes
Schloß, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, umgeben von einem
prächtigen alten Park, doch waren die Räume vollständig kahl und die
Einrichtung so primitiv und kümmerlich wie nur irgend denkbar. Von
Billard und Spielsälen und Fuchsjagden keine Spur. Aber tadellos sauber
war alles, und dafür sorgte der englische Kommandant mustergültig. Nach
unserer Ankunft waren wir im ganzen rund einhundertzwanzig Offiziere
und wohnten schon dicht gepökelt. Das Lager war aber für vier- bis
fünfhundert Offiziere berechnet worden. Das hätte ja eine feine Sache
gegeben, da jetzt schon die Speiseräume und die Kochgelegenheit, Bade-
und sonstige Einrichtungen nicht langten.
Besonders angenehm war der schöne Park für uns.
Unser ganzer Aufenthaltsraum war in zwei Zonen eingeteilt, in die
sogenannte Tag- und in die Nachtgrenze. Diese Gebiete wurden begrenzt
durch mächtige Drahthindernisse, die zum Teil elektrisch geladen waren,
nachts durch mächtige Bogenlampen erhellt und Tag und Nacht durch
Posten scharf bewacht wurden.
Das Drahthindernis der Nachtgrenze umschloß das Haus und die
davorliegenden Tennis- und Sportplätze; die Taggrenze erstreckte sich
auch noch auf den Park.
Abends um sechs Uhr war große Musterung, und nachdem alles anwesend
und zur Stelle war, wurde die Taggrenze geschlossen, die sich erst am
nächsten Morgen um acht Uhr wieder öffnete. Das Leben in Donington Hall
war fast das gleiche wie in Holyport, nur daß wir hier durch den Park
sehr viel mehr Bewegungsfreiheit hatten, fast noch mehr Sport trieben,
falls es überhaupt möglich war, und drei sehr gute Tennisplätze
besaßen. Die Verpflegung war auch hier echt englisch und schmeckte sehr
vielen nicht, aber gut und reichlich. Der englische Oberst war recht
vernünftig. Zwar knurrte er oft und war ziemlich kommissig, aber ein
vornehmer, verständiger Mann, tadelloser Soldat vom Scheitel bis zur
Sohle, und das war die Hauptsache. Er hat alles mögliche getan, um uns
das schwere Los zu erleichtern, und hat sich ganz besonders für unsere
Sportspiele interessiert. Und das war gut.
Ein unangenehmer Vertreter war der englische Dolmetscher, der Leutnant
Meyer (der pampige Autofahrer), ein würdiges Gegenstück zu meinem
Freunde Maxstedt von der „Andania”; ebenfalls nicht nur ~„temporary
lieutnant”~, sondern auch ~„temporary gentleman”~. Er stammte aus
Frankfurt am Main, war vor dem Kriege Schmierendirektor gewesen und
tat nichts, um seinen niederen Charakter zu verbergen. Ich glaube,
der englische Oberst verachtete ihn geradezu; und die englischen
Sergeanten, mit denen wir gelegentlich einige Worte in der Kantine
sprachen, sagten uns wörtlich: sie hofften sehr, daß wir nicht
glaubten, daß alle englischen Offiziere so wären wie dieser Mr. Meyer.
Eines Abends gegen Ende Juni hatten wir ein köstliches Erlebnis.
Draußen, außerhalb des Stacheldrahtes, war sehr viel Reh- und Damwild
oft in Rudeln bis zu Hunderten zusammen, die zahm wie die Ziegen
herumliefen.
An diesem Abend nun lief ein allerliebstes kleines Kitzlein, welches
seine Mutter verloren hatte, am Stacheldraht vorbei, und auf unser
Locken und Rufen kroch es geschickt durch das Hindernis hindurch und
gelangte in das Lager. Unsere Freude war groß. Geradezu eine Sensation
für uns. Das Kitzlein wurde umringt und gestreichelt und geliebkost
(die Jäger knurrten), und schließlich wurde es im Triumph auf den Armen
eines Leutnants in die Burschenstube getragen, wo sich einer unserer
Jäger befand, der es großziehen sollte.
Woher der Meyer davon Wind bekam, weiß ich nicht, jedenfalls ließ
er sich plötzlich den deutschen Lageradjutanten kommen, und mit vor
Schrecken bebender Stimme fragte Meyer:
„Leutnant S., ist es wahr, es ist ein Tier im Lager?”
„Ja, ein Tier!”
„Und ist durch das Stacheldrahthindernis gekommen?”
„Ja, es ist einfach durchgekrochen.”
„Oh, das ist ja schrecklich!” meinte Mr. Meyer, und dabei schien ihm
die Stimme zu verlöschen.
„Ich muß gleich sehen, wo das Loch ist, wo das große Tier
hindurchgekrochen ist, sicher haben die deutschen Offiziere den
Stacheldraht zerschnitten, um zu fliehen; das Tier muß auch sofort
entfernt werden!”
Und so geschah es.
Und, es ist kein Scherz, zwanzig Mann der Wache mit aufgepflanztem
Seitengewehr wurden gepfiffen, der eine deutsche Soldat mit dem
unschuldigen winzigen Kitzlein wurde von ihnen in die Mitte genommen,
und auf ~„Quick marsh”~ marschierte der ganze Zug zu dem inneren Tor
des Hindernisses. Dann wurde dieses geöffnet, die zwanzig Mann mit dem
einen deutschen Soldaten und dem Kitzlein traten in den Zwischenraum,
die sogenannte Schleuse, das innere Tor wurde sorgfältigst
abgeschlossen, dann erst das äußere geöffnet, der Soldat mußte das
Kitzlein ins Freie setzen, und dann wurde die ganze Prozession
zurückgemacht. Oh, Mr. Meyer, wie hast du dich blamiert!
Nun wurde das ganze Hindernis sorgfältigst untersucht, und trotzdem
nicht die geringste Lücke gefunden werden konnte, durch die ein Mensch
hätte kriechen können, wollte Meyer sich tagelang nicht beruhigen.
Außer der Post bildete täglich der Zeitungsempfang den Hauptmoment des
Tages. Die „Times” und „Morning Post” durften wir uns halten, und wenn
sie auch fast nur von Ententesiegen berichteten, so kannten wir die
Zeitungen bald so gut, daß das, was wir zwischen den Zeilen lasen, uns
ein ungefähr genaues Bild der Sachlage gab.
Und die Wut in den Zeitungen, als die „Lusitania” sank, und _der_
Ärger, wenn die Russen, selbstverständlich nur aus strategischen
Gründen, weiter zurückgingen!
Wir hatten mehrere riesig große, bis ins kleinste genaue Karten der
Kriegsschauplätze angefertigt, und jeden Morgen um elf Uhr waren unsere
„Generalstäbler” bei der Arbeit und steckten die Fähnchen um. Und oft
stand selbst der englische Oberst davor und schüttelte bedenklich den
Kopf.
Die Flucht
Mit der Zeit wurde die Gefangenschaft unerträglich. Keine Briefe von
Hause, nicht die vielen herrlichen Pakete, die mir von lieber Hand
gesandt wurden, halfen mir; auch nicht die treuen Kameraden, nicht das
Hockeyspiel, dem ich mich mit einem derartigen Eifer hingab, daß ich
abends wie tot vor Müdigkeit hinsank.
Nichts half, alles war vergebens.
Endlich hatte auch mich, wie so unendlich viele vor mir, schon die
Gefangenenkrankheit gepackt.
Die Krankheit der furchtbarsten Verzweiflung, der vollständigsten
Hoffnungslosigkeit.
Trostlos!
Stundenlang lag ich wie viele andere im Grase und starrte mit weit
geöffneten Augen den blauen Himmel an, und meine ganze Seele sehnte
sich empor zu den weißen Wölkchen dort oben und wanderte mit ihnen nach
der fernen, lieben Heimat. Und wenn gar ein englischer Flieger ruhig
und sicher am blauen Firmament vorbeiflog, dann krampfte sich das Herz
zusammen, und wilde verzweifelte Sehnsucht schüttelte mich. Der Zustand
wurde immer schlimmer, ich wurde gereizt und nervös und unfreundlich
gegen meine Kameraden und kam seelisch und körperlich herunter. Und
dabei konnte ich doch eigentlich noch zufrieden sein, ich hatte
wenigstens was mitmachen können und viel erlebt! Aber so viele andere
waren schon in den ersten Gefechtstagen verwundet in Feindeshand
gefallen, und die unglücklichsten waren die, welche bei Beginn des
Krieges aus Amerika gekommen waren, dort ihr Hab und Gut, ihr alles
hatten stehen und liegen lassen, um ihrem Vaterland zu dienen, um dann
durch den Verrat der Engländer, bevor sie überhaupt die Heimat gesehen
hatten, gefangengenommen zu werden.
Unsere Stimmung wurde sehr beeinträchtigt dadurch, daß wir keinerlei
Kriegsnachrichten aus Deutschland erhielten. Und wenn wir auch
selbstverständlich den englischen Lügenmeldungen nicht Glauben
schenkten, es hatte mit der Zeit doch gewaltigen Einfluß auf uns, daß
wir wochen- und wochenlang nichts als Gemeinheit gegen Deutschland und
nichts als Niederlagen, Revolution und Hungersnot über Deutschland
lasen. Die Ungewißheit war auch hier das Schrecklichste, und ganz
besonders traf uns die Nachricht von dem gemeinen Verrat Italiens.
Das Triumphieren in den englischen Zeitungen!
Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Es mußte etwas geschehen, wenn
ich nicht gänzlich verzweifeln wollte.
Tag und Nacht hatte ich geplant, gegrübelt und überlegt, wie ich dieser
elenden Gefangenschaft entrinnen könne. Pläne über Pläne hatte ich
entworfen und wieder verwerfen müssen. Mit größter Ruhe und Überlegung
mußte hier ans Werk gegangen werden, falls etwas gelingen sollte.
Stundenlang ging ich nun an den verschiedenen Seiten der Hindernisse
auf und ab, dabei unauffällig jeden Draht und jeden Pfahl beobachtend.
Stundenlang lag ich im Grase in der Nähe einzelner Stellen, die mir
günstig schienen, tat als ob ich schliefe, beobachtete dabei aber
scharf jeden einzelnen Gegenstand und die Wege und die Gewohnheiten
jedes einzelnen Postens.
Die Stelle, an der ich über den Stacheldraht wollte, stand bei mir
fest. Nun handelte es sich bloß noch darum, wie weiterkommen, wenn erst
das Hindernis überwunden war. Wir besaßen weder Karte von England,
noch Kompaß oder Fahrplan, noch irgendein Hilfsmittel. Sogar die
genaue Lage von Donington Hall war uns gänzlich unbekannt. Den Weg bis
Donington Castle kannte ich, den hatte ich mir ja auf dem Hinmarsche
gründlich eingeprägt. Durch einen Offizier, der zufällig statt von
Donington Castle von Derby im Auto gefahren war, erfuhr ich, daß
seiner Schätzung nach Derby etwa fünfundzwanzig bis dreißig Kilometer
nördlich von Donington Hall liegen müsse und daß er, bevor das Auto
in das Dorf eingebogen wäre, eine große Brücke passiert hätte. Nun
freundete ich mich mit einem alten biederen englischen Soldaten an,
schenkte ihm gelegentlich auch einige Zigarren und lud ihn ab und zu
zu einem Glase Bier in die Kantine ein. Nachdem wir schon mehrere Male
zusammengesessen hatten, sagte ich ihm, es müsse doch sehr langweilig
sein, dauernd in Donington zu sitzen, ob er denn gar keine Abwechslung
habe. O ja, meinte er, ab und zu führe er Rad, und manchmal führe er
auch damit zum Kientopp nach Derby.
„Was, Derby?” fragte ich, „das ist ja viel zu weit für Sie, dazu sind
Sie ja viel zu alt!”
„Ich und zu alt? ~No, Sir!~ Da kennen Sie einen englischen Tommy
schlecht, wenn ich auf meinem Rade sitze, da nehme ich es mit jedem
Jungen auf, und in drei bis vier Stunden habe ich die Strecke nach
Derby schon zurückgelegt.”
An diesem Tage hatte ich genug erfahren. In der nächsten Woche traf
ich meinen alten Freund wieder. Wir begrüßten uns, und ich drückte ihm
ein paar Zigarren in die Hand, die ich, trotzdem ich Nichtraucher bin,
stets bei mir führte.
„He, sag mal, Tommy,” fing ich plötzlich an, „da habe ich gestern eine
Wette mit einem Kameraden gemacht. Ich behaupte, Derby liegt nördlich
von uns, mein Kamerad behauptet, es läge südlich. Wenn ich gewinne,
kriegst du einen ordentlichen Topf Bier mit ab.”
Das Whiskyauge meines Freundes glänzte freudig auf, und er versicherte
mir mit heiligen Eiden, daß ich recht habe, und daß Derby ganz bestimmt
nördlich von Donington Hall läge.
Nun war ich klar.
Und mit einem meiner Marinekameraden, dem Oberleutnant zur See Trefftz,
der vorzüglich Englisch sprach und England genau kannte, beschloß ich,
gemeinsame Sache zu machen.
Der vierte Juli Neunzehnhundertfünfzehn war zu unserer Flucht
festgesetzt, alles dazu einexerziert und klappte, alle Vorbereitungen
waren getroffen.
Am vierten Juli früh meldeten Trefftz und ich uns krank.
Bei der Frühmusterung um zehn Uhr wurde beim Aufrufen unserer Namen
„krank” gemeldet, und nach beendeter Musterung kam der wachthabende
Sergeant auf unsere Stuben und fand uns krank in den Betten vor.
Alles in schönster Ordnung.
Der Nachmittag und die Entscheidung rückten heran.
Gegen vier Uhr zog ich mich an, nahm alles, was ich zur Flucht
mitzunehmen nötig erachtet hatte, an mich, aß noch einige dicke
Butterbrotstullen und nahm dann Abschied von meinen Stubenkameraden
und besonders von meinem treuen Freunde Siebel, den ich leider nicht
mitnehmen konnte, da er nicht Seemann war und kein Englisch sprach.
Draußen war ein heftiges Gewitter im Gange, und wolkenbruchartig
strömte der Regen vom Himmel herab. Die Posten standen naß und
frierend in ihren Schilderhäuschen, und daher fiel es auch keinem auf,
daß trotz des Regens noch zwei Offiziere Lust verspürten, im Park
spazierenzugehen. Im Park befand sich eine von Büschen umgebene Grotte,
von der aus man den ganzen Park und den Stacheldraht übersehen, selbst
aber nicht gesehen werden konnte.
Hier hinein verkrochen sich Trefftz und ich.
Ein kurzer Abschied noch von S., der uns mit Gartenstühlen zudeckte,
und wir waren allein.
Nun konnte nur noch die Vorsehung und unser Glück für uns weitersorgen.
In atemloser Spannung warteten wir. Die Minuten wurden zu Ewigkeiten,
doch langsam und sicher verstrich eine Stunde nach der anderen. Als die
Turmuhr laut und vernehmlich sechs Uhr schlug, klopfte uns gewaltig
das Herz. Wir hörten, wie zur Musterung geklingelt wurde, das Kommando
„Stillgestanden!”, dann wurde mit lautem Geräusch das Drahthindernis
der Taggrenze geschlossen. Bange Viertelstunden durchlebten wir. Wir
wagten überhaupt nicht zu atmen. Jeden Augenblick erwarteten wir, bei
unseren Namen gerufen zu werden. Es wurde sechs Uhr dreißig, nichts
ereignete sich. Ein Alp wich von unseren Herzen. Gott sei Dank, der
erste Akt war geglückt. Denn nachdem bei der Musterung bei unseren
Namen wiederum „krank” gemeldet war und die Offiziere wegtreten
durften, liefen ein Kamerad für mich und ein anderer Kamerad für
Trefftz so schnell wie möglich hinten ums Gebäude herum und legten
sich in unsere Betten. Und als der Feldwebel kam, konnte er zufrieden
feststellen, daß die beiden Kranken anwesend wären. Da also alles in
Ordnung war, wurde wie an jedem Abend das Nachthindernis geschlossen,
ja sogar die Posten vom Taghindernis eingezogen, und damit waren wir
uns selbst überlassen. Der außerordentliche Regen kam uns sehr zu
statten, denn sonst pflegten die englischen Soldaten abends in unserem
Park herumzutollen, wobei ein Entdecktwerden sehr leicht möglich
gewesen wäre.
Stunde um Stunde verrann. Stumm lagen wir da, nur ab und zu stießen wir
uns gegenseitig an und nickten uns zu vor Freude, daß bis jetzt alles
so gut geklappt hatte.
Um zehn Uhr dreißig abends wuchs unsere Erregung aufs äußerste. Die
zweite Probe mußte bestanden werden. Deutlich hörten wir das Signal zum
Schlafengehen, und aus dem geöffneten Fenster meines früheren Zimmers
erscholl kräftig „Die Wacht am Rhein”. Das war das Zeichen für uns, daß
alles auf dem Posten wäre.
Der wachthabende Offizier mit einem Sergeanten schritt sämtliche
Stuben ab und überzeugte sich, daß keiner fehlte. Durch wochenlange
Beobachtungen hatte ich festgestellt, daß die wachthabenden Offiziere
stets denselben Weg wählten, um nach der Ronde auf dem kürzesten Wege
in ihre Behausungen zu gelangen. So war es auch heute. Die Ronde fing
in dem Zimmer an, wo Trefftz fehlte. Es war selbstverständlich, daß ein
anderer bereits in dessen Bett lag.
~„All present?”~
~„Yes, Sir!”~
~„All right, good night, gentlemen!”~
Und so ging die Ronde weiter. Kaum war sie um die Ecke gebogen, als
auch schon zwei der anderen Kameraden in entgegengesetzter Richtung
herum und in mein Zimmer liefen, und so war es selbstverständlich, daß
auch hier alles ~„present”~ war.