Schließlich wurden wir in das Arresthaus (ein etwas besseres Gefängnis)

geschafft. Auch hier große Überraschung und Verwirrung. Das Arresthaus

ist dazu da, betrunkene Soldaten und Matrosen, die nachts auf den

Straßen oder im Lokal aufgesammelt werden, unterzubringen, um sie

ihren Rausch ausschlafen zu lassen und dann am nächsten Tage, nach

Verabfolgung einer gehörigen Tracht Prügel, ihren Kommandos wieder

zuzustellen. Ein alter, widerlicher Gefängniswärter und zwei ebenso

alte, aber gemütliche und biedere Soldaten hatten die Aufsicht. Auf

drei Zimmer wurden wir verteilt. Die Räume waren vollständig leer, eine

elende Gasflamme erhellte sie notdürftig. Die Fenster waren zum großen

Teil zerbrochen, es herrschte eine grimmige Kälte, und die Kamine

hatten selbstverständlich kein Feuer. Den ganzen Tag hatten wir nichts

zu essen bekommen, und hungrig wie die Wölfe hatten wir uns auf die

Abendkost gefreut.

Abendbrot? Auch nicht vorhanden!

Da gingen wir denn zu den beiden alten Soldaten, und in kurzer Zeit

hatten wir mit ihnen Freundschaft geschlossen. Ein kleines Trinkgeld

bewirkte Wunder. Die alten Knacker rissen sich fast die Beine für

uns aus. Wir gaben ihnen Geld mit, und schon nach einer halben

Stunde keuchten sie schwer beladen mit Brot, Butter und Aufschnitt

herein. Zwei riesige Töpfe Tee, mit Milch und Zucker gemischt, wurden

aufgesetzt, Holzkohle konnten wir uns selber holen, und bald prasselte

in allen drei Kaminen ein wundervolles Feuer. Die Eßvorräte waren ganz

ausgezeichnet und so reichlich, daß selbst wir Ausgehungerten etwas

übrigließen.

Unsere gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als die Soldaten uns

einige englische Zeitungen zusteckten. Der geistige Hunger war ja noch

größer gewesen als der körperliche, denn seit Wochen hatten wir nicht

das geringste von dem, was in der Welt vorging, gehört. Wenn auch

in den Zeitungen natürlich _nur_ von englischen, französischen und

russischen Siegen berichtet wurde, so wußten wir doch wenigstens, wo

was los war.

[Illustration: Der Verfasser (in Zivil) mit dem abgeschlagenen Motor

seines Flugzeuges beim Mandarin von Hai-Dschou]

Streng verboten war uns auch der Alkohol. Doch auch in England schien

ein Verbot nur zum Übertreten da zu sein. Einer von unseren Posten

war nämlich Mitglied einer in England und Amerika weit verbreiteten

Freimaurerloge, in der zufällig auch mein Freund, der andere

Schloß_herr_, Meister war. Als der Soldat das Freimaurerabzeichen

im Knopfloch meines Freundes erkannte, da war die Freundschaft

besiegelt. Im Erdgeschoß unseres Gefängnisses war eine kleine Kantine,

und einer nach dem anderen von uns wurde von dem guten Logenbruder

heruntergeführt, stärkte sich unten und konnte auch seine Tasche mit

Bierflaschen gefüllt heraufbringen,

[Illustration: Donington Hall, Leicestershire, England, wo die

gefangenen deutschen Offiziere interniert sind.]

Das Beste war, daß unsere Posten, die mit aufgepflanztem Gewehr vor

unserer Tür Wache gingen, uns ruhig weggehen ließen und uns sogar

baten, wir möchten ihnen einige Flaschen Bier mit heraufbringen. Um

neun Uhr abends waren unsere Posten bereits so weit, daß wir mit ihnen

zusammen Gewehrgriffe übten, um elf Uhr abends ließ der eine Posten

sogar sein Gewehr fallen und kippte selber mit dem ganzen Kohlenkasten,

auf dessen Rand er sich gesetzt hatte, um.

Wenn ich damals schon _die_ Erfahrungen besessen hätte, die ich mir

nach fünfmonatiger Gefangenschaft angeeignet hatte, ich wäre da schon

ausgerückt.

Sowohl in diesem Gefängnis wie auch in allen anderen Lagern, wo wir mit

den englischen Tommies zusammenkamen, war deren erste Bitte, nachdem

wir uns etwas angefreundet hatten, ihnen einen Zettel zu überlassen

mit unserer Adresse und womöglich noch der Adresse von Bekannten in

Deutschland und der Bescheinigung, daß der englische Soldat Soundso

uns gut behandelt hätte. Diese Zettel wurden von ihnen wie Heiligtümer

aufbewahrt, damit sie sie vorzeigen könnten, wenn sie an die Front

kämen und in deutsche Gefangenschaft gerieten.

Zum Schlafen erhielten wir winzige Zeltstrohsäcke, die so kurz waren,

daß unten die Füße von den Waden ab herausragten, und so schmal,

daß nur ein ganz geschickter Zirkuskünstler mit dem Rücken darauf

balancieren konnte. Dazu gab's zwei wollene Decken. Wie die Bären

haben wir geratzt. Allerdings lagen wir am nächsten Morgen alle neben

den Matratzen. Am nächsten Morgen, es war Sonntag, erschien ein hoher

Armeeoffizier, um uns zu besichtigen. Er fragte nach unseren Wünschen.

Ich berief mich nochmals darauf, daß ich Offizier wäre und als solcher

das Recht hätte, zu verlangen, als kriegsgefangener Offizier behandelt

zu werden. Der Mann war sehr liebenswürdig, versprach mir alles, wenn

wir erst am nächsten Tage an unserem Bestimmungsort angelangt wären,

und -- -- hielt nichts.

Endlich am Montag wurden wir aus unserem Gefängnis befreit. Wie immer

dicht umringt von unserer Wachmannschaft, marschierten wir zum Hafen,

nahmen auf einem kleinen Dampfer Platz und fuhren auf die Reede hinaus.

Nach einer einstündigen Fahrt legten wir an einem riesigen Dampfer

an, der als Gefangenenlager diente. Nach einer längeren Verhandlung

mußten wir wieder ablegen, da der Kommandant des Dampfers erklärte, er

wüßte von uns nichts und hätte außerdem keinen Platz. Bei dem nächsten

Dampfer, es war der Cunard-Liner „Andania”, dasselbe Schauspiel. Ob nun

der englische Offizier, der uns führte, ein englischer Major, besser

schimpfen konnte als der Lagerkommandant, oder woran es lag, jedenfalls

gingen wir nach einer halben Stunde an Bord.

Ein dicker aufgeblasener englischer Armeeleutnant, der die Stellung

des Lagerkommandanten und gleichzeitig Dolmetschers auf diesem Schiff

bekleidete, nahm uns in Empfang.

Als ich an der Reihe war, gemustert zu werden, brachte ich in

höflichem Tone mein Anliegen vor und verlangte energisch, daß ich den

Bestimmungen gemäß in ein Offizierslager gebracht würde. Die Antwort

dieses Gentleman war unerhört und zeigte seinen gemeinen Charakter

recht deutlich.

„Sie werde ich ganz besonders schlecht behandeln, ich habe schon von

Ihnen gehört, Sie sind aus Tsingtau ausgekniffen und haben mehrere Male

Ihr Ehrenwort gebrochen; wenn Sie noch einen Ton hier sagen, sperre

ich Sie ein und lasse Sie so lange hungern, bis Sie überhaupt nicht

mehr reden können. Die englischen Offiziere werden in Deutschland so

schlecht behandelt, das sollen Sie jetzt büßen.”

Das waren mir nette Aussichten. Was sollte ich dagegen machen?

Auf dem Dampfer waren über tausend Gefangene. Die Unterbringung das

Schamloseste, was ich jemals gesehen. Ohne Licht und Luft saßen die

Leute in den unteren Räumen des Schiffes zusammengepfercht, und die

einzige körperliche Bewegung bestand im Aufundablaufen auf dem schmalen

Vor- und Achterdeck. Als wir in den für uns bestimmten Raum geführt

wurden, packte mich ein wahres Grauen. Ich glaube, ich wäre verrückt

geworden, hätte ich da längere Zeit hausen sollen. Unser englischer

Unteroffizier schien ein vernünftiger Mann zu sein. Ich hatte sogar

das Glück, durch ihn mit meinem Schlosserkameraden eine kleine Kabine

an der Bordwand zu erhaschen, die sogar ein Bullauge besaß. Das Leben

an Bord war höchst eintönig. Morgens um sechs Uhr Wecken und abends um

zehn Uhr Licht aus. Vor- und nachmittags mußten wir je zwei Stunden

an Oberdeck herumstehen, und jeden Mittag war Appell. Die Mahlzeiten

nahmen wir in den riesigen Speisesälen des Dampfers ein. Wir saßen

zu zwölf an einem Tisch, und genau wie alle anderen ging ich meinen

Stubendienst, holte aus der Kombüse das Essen für den ganzen Tisch und

wusch auch das ganze Speisegeschirr mit ab.

Unser Kommandant hieß übrigens Maxstedt; er war Whiskyreisender von

Zivilberuf und hatte dabei wohl so viel Geld verdient, daß er sich

sein Offizierspatent kaufen konnte. Über eins hatte er sich besonders

geärgert. Gleich nach unserer Ankunft wurden wir gefragt, wer von uns

täglich zwei Mark fünfzig Pfennig bezahlen wolle. Dafür könnten die

Betreffenden in einem Raum für sich allein und etwas Besseres essen und

brauchten ihr Eßgeschirr nicht selbst abzuwaschen. Daß keiner von uns

auf diesen Schwindel hineinfiel, hatte ihn besonders erbost.

Am zweiten Tage hatte ich meinen englischen Bericht an die englische

Regierung fertig und stieg damit zum Herrn Maxstedt hinauf. Höhnisches

Grinsen seinerseits. „Sie wissen doch, Ihr Gesuch gebe ich weiter, aber

was ich dazu schreibe, das können Sie sich wohl denken. In Deutschland

müssen die englischen Generale wie die Pferde vor dem Pflug hergehen,

_das_ sollen Sie jetzt büßen.”

Es war vergeblich, ihn von der Torheit seiner Behauptungen zu

überzeugen. Jeden Abend bei der Ronde nach dem Zubettgehen kam er extra

in meine Kammer, drehte das Licht an und sagte: ~„Still here?”~ Zu

kindisch!

Eines Tages wurde uns fünfzig Zivilgefangenen von Herrn Maxstedt

befohlen, das Deck der ersten Klasse zu scheuern und die dortigen

Bullaugen zu putzen. Unser Streik war selbstverständlich. Als wir bei

unserer Weigerung blieben, wurden wir mit zweimal Mittagessenentbehren

und abends um neun Uhr Zubettgehen bestraft. Dabei war der Maxstedt

so feige, daß er nicht wagte, bei der Musterung an unserer Front

vorbeizugehen und uns die Strafe selbst aufzubrummen. Vielmehr blieb

er in respektvoller Entfernung und sandte nur seinen Unteroffizier als

Herold.

Maxstedt schäumte.

„Natürlich”, sagte er, „ist wieder dieser ~flying man~ dran schuld, der

stachelt noch die ganze Besatzung zur Meuterei auf, aber ich werd's ihm

eintränken, ich werde ihn schon vor das Kriegsgericht bringen.”

Die Sache wurde mir doch zu bunt, ich war vollständig unschuldig und

schrieb Maxstedt einen recht energischen Brief, in dem ich unter

anderem betonte, ich hoffte, er sei nur ~temporary lieutnant~, nicht

aber auch ~temporary gentleman~. Das half!

Maxstedt behauptete, mit diesem ~flying man~ nichts mehr zu tun haben

zu wollen, und schon am nächsten Tage lag ein Dampfer längsseit und

führte mich mit noch einigen Leidensgenossen von der „Andania” und

seinem gemeinen Gefängniswärter fort.

Wie wohl war mir da zumute! Mit der Eisenbahn ging es wieder

stundenlang westwärts. Ich natürlich wieder in einem Kupee allein,

diesmal außer den drei Unteroffizieren auch noch von einem Offizier

bewacht.

Abends langten wir in Dorchester an.

Hier wehte eine andere Luft, das merkte man gleich. Ein englischer

Kapitän namens Mitchell vom Gefangenenlager trat auf mich zu und fragte

mich höflich, ob ich Offizier sei.

„Ja!”

„Dann wundert es mich aber sehr, daß Sie in ein Mannschaftslager

gebracht werden. Bitte verzeihen Sie, daß ich Ihnen keinen Offizier zu

Ihrer Begleitung stelle, ich gebe Ihnen aber meinen ältesten Feldwebel,

wollen Sie dann bitte allein hinter den anderen Gefangenen hergehen.”

Ich war sprachlos.

Als wir durch das entzückende, saubere Städtchen hindurchmarschierten,

da erscholl plötzlich hinter uns frisch und hell und klar und mit

Begeisterung geschmettert „Die Wacht am Rhein”, dann schönste

Soldatenlieder und „O Deutschland hoch in Ehren”. Wir wähnten zu

träumen, und als wir uns verwundert umsahen, marschierte hinter uns ein

Trupp von zirka fünfzig strammen deutschen Soldaten, die von dem Lager

zum Bahnhof kommandiert waren, um unser Gepäck abzuholen.

O wie schwoll einem das Herz! Mitten in Feindesland, trotz Wunden und

Gefangenschaft diese helle Begeisterung, dieser schmetternde Gesang!

Das muß ich den Engländern lassen, sie waren außerordentlich tolerant,

und die Bevölkerung hat sich stets mustergültig betragen. Stumm stand

sie dicht gedrängt zu beiden Seiten der Straße, aus allen Fenstern

schauten blonde Köpfchen hervor, nirgends eine verächtliche Bewegung,

nirgends ein Schimpfwort. Ja zum Teil schien man den alten deutschen

Melodien wie einem Wunder zu lauschen.

Im Lager erhielten wir Zivilgefangene zu je dreißig eine kleine

Holzbaracke angewiesen, die unseren Schlaf-, Wohn- und Eßraum bildete.

Ein winziger Zeltstrohsack, der direkt auf dem Fußboden lag, und zwei

wollene Decken bildeten unseren Schlafplatz. Mein Kapitän bat mich, mit

dem zur Verfügung Stehenden vorliebzunehmen, da er leider für mich aus

Platzmangel kein Extrazimmer frei hätte.

Das Lager von Dorchester faßte rund zwei- bis dreitausend Gefangene

und bestand zum Teil aus alten Rennställen und aus Holzbaracken. In

denselben Ställen hatten bereits vor hundert Jahren deutsche Husaren

gelegentlich des Besuchs des Feldmarschalls Vorwärts in England als

Gäste gehaust!

Die Gefangenen fühlten sich hier sehr wohl, das Essen war gut und

reichlich, die Behandlung einwandfrei, und für sportliche Betätigung

war gut gesorgt.

Besonders der Kapitän Mitchell und der Major Owen haben sich um das

Wohlergehen unserer Leute verdient gemacht. Beide waren prächtige alte

Soldaten von echtem Schrot und Korn, hatten viele Kriege und Kämpfe

mitgemacht und wußten den Soldaten richtig anzufassen. Diese beiden und

der englische Arzt haben dann auch unseren Leuten eine Musikkapelle,

Turngeräte und Sportspiele geschenkt und, wo sie konnten, den Leuten

Gutes getan. Ein ganz hervorragendes Verdienst hat sich der älteste

deutsche Gefangene, ein Feldwebelleutnant X. aus München, erworben.

Er war Kaufmann von Zivilberuf und sprach fließend Englisch. Ein ganz

hervorragender Mann! Eigentlich war er die Seele des Ganzen, die

richtige Mutter des Lagers. Auch nicht das geringste wurde gemacht, was

er nicht vorher bestimmt hatte. Er war die rechte Hand des englischen

Lagerkommandanten, und ohne ihn wären, glaube ich, die Engländer, die

auch nicht den leisesten Schimmer von Organisationstalent besaßen,

vollends durchgedreht. Es war geradezu erstaunlich, wie dieser

Feldwebelleutnant es verstand, für das Wohlergehen unserer Leute zu

sorgen und zwischen unseren Leuten und den Engländern zu vermitteln.

Allerdings wußten auch die englischen Offiziere sehr gut, was für

eine Stütze sie an ihm hatten. Schon am Tage nach meinem Eintreffen

in Dorchester reichte ich nochmals mein Gesuch um Überführung in ein

Offizierslager ein, denn wie ich vorausgesehen hatte, war mein erstes

Gesuch von Herrn Maxstedt nicht weitergegeben worden. Nach vierzehn

Tagen kam das Gesuch vom Kriegsministerium zurück mit der Anfrage, ob

ich nicht jemand in England namhaft machen könne, der mich kenne. Nun

entschloß ich mich zu dem schweren Schritt, schrieb meinen englischen

Bekannten, und schon nach drei Tagen kam von ihnen die Nachricht

zurück, daß sie mich kennten und mich sehr gern legitimieren würden.

Nun ging das Ganze nochmals an das ~War office~, und geduldig harrte

ich meiner Versetzung.

Wenn es nach dem alten Spruch gegangen wäre: Mit Geduld und Spucke

fängt man eine Mucke, hätte ich Milliarden dieser Fliegerkollegen

erlegen können. Vorerst blieb ich noch in Dorchester, und als vierzehn

Tage nach unserer Ankunft die übrigen Zivilgefangenen wieder weiter

transportiert wurden, da konnte ich es erwirken, in dem Soldatenlager

Dorchester bleiben zu dürfen.

Aus meiner Baracke zog ich aber aus und siedelte in ein Stübchen des

Stalles über, in das ich vom Feldwebel N. liebevoll aufgenommen wurde.

Das Leben in diesem Stübchen war einzig und von bester Kameradschaft

beseelt. Außer aus dem Feldwebel bestanden meine Kameraden aus einem

riesigen bayerischen Infanteristen vom Leibregiment, der den Spitznamen

Schorsch hatte und gleichzeitig unser Koch war, aus einem fixen und

gewandten Husaren-Gefreiten, gebürtigen Lothringer, von Zivilberuf

Schutzmann, und endlich aus zwei prächtigen Gardeschützen, hünenhaft

von Gestalt, echten blonden Friesen. Nach acht Tagen kam noch ein

siebenter Gast hinzu, und zwar war dieser der Fähnrich zur See H.,

der als Flugzeugbeobachter mit seinem Flieger von den Engländern in

der Nordsee aufgefischt war, nachdem sie über vierzig Stunden auf dem

wracken Flugzeug herumgetrieben waren.

Das Verhältnis auf der Stube war geradezu ideal. Die Mannschaften waren

alle bei dem großen Rückzug nach der Marneschlacht gefangengenommen

worden und, wie es bei diesen prächtigen Burschen nicht anders zu

erwarten war, nur schwerverwundet in Feindeshand gefallen. Eine

vornehme Gesinnung, eine Begeisterung und glühende Vaterlandsliebe

besaßen diese Leute, daß mir vor Stolz ordentlich das Herz schwoll.

Besonders nett waren die Abende. Man hätte uns nur sehen sollen, mit

welcher Begeisterung und kindlichen Freude wir abends stundenlang

auf einem selbst konstruierten Brett mit selbst hergestellten

Korkenpferdchen unserem Pferdchenspiel oblagen.

Und wenn erst das Erzählen anging!

Alles war mir ja neu, und ich war glücklich, endlich aus bester Quelle

von unseren herrlichen Kämpfen und Siegen etwas zu erfahren.

Jeden Nachmittag wurden drei- bis vierhundert Gefangene,

selbstverständlich von englischen Soldaten eng umgeben, spazieren

geführt. Sehr oft bin ich mitgegangen. Es ging mitten durch das

reizende Städtchen, dann im großen Bogen durch die schöne Umgebung.

Die ganze Zeit über wurden Soldatenlieder gesungen, beim Hin- und

Rückmarsch durch die Stadt mit besonderer Kraft und Begeisterung „Die

Wacht am Rhein” und „O Deutschland hoch in Ehren”. Man stelle sich bloß

vor, drei- bis vierhundert unserer besten Kerls, unserer Sieger unter

General Kluck! Die englische Bevölkerung benahm sich auch hierbei stets

einwandfrei. In dichten Reihen stand sie an den Seiten der Straßen,

nirgends ein Schimpfwort, nirgends eine Drohung. Eine sehr nette

Episode erzählte mir der Feldwebel: Als der Major Owen und Kapitän

Mitchell neu zum Lager kommandiert waren, wurden sie von ihren Frauen

inständigst gebeten, sich ja nicht ohne Bewachung und ohne schwerste

Bewaffnung unter die deutschen Barbaren zu begeben. Die beiden alten

Soldaten ließen sich jedoch in ihrer Meinung nicht irremachen, kamen

ohne Waffen und wurden -- -- nicht aufgefressen. Nach einiger Zeit

sagten sie zu ihren Frauen: sie sollten doch auch einmal in das Lager

kommen und sich davon überzeugen, daß die deutschen Soldaten nicht

_das_ wären, zu dem sie in englischen Zeitungen gemacht würden, sondern

daß sie wirklich ganz normale Menschen seien.

Die Damen fielen natürlich zunächst in Ohnmacht. Nach vielem Zureden

aber, und nachdem ihnen versichert war, daß sie von einer starken

Wache umgeben werden würden, wagten sie es, die Dienstzimmer ihrer

Männer zu betreten und von oben aus dem Fenster herab dem Treiben der

deutschen Soldateska zuzusehen. Der Besuch war bekanntgeworden, und

stillschweigend hatte sich unser Männergesangverein unter der Leitung

eines jungen talentierten Musikers unter den Fenstern eingefunden

und fing an, seine schönsten Lieder zu singen. Die Damen sollen vor

Ergriffenheit nicht fähig gewesen sein zu reden, sie traten ans Fenster

und weinten bitterlich vor tiefstem Weh. Von nun ab kamen sie öfters,

und viel Gutes ist durch sie unseren Leuten getan worden.

Eine andere Geschichte ist auch recht bezeichnend. Ein neuer Oberst

kam ins Lager. Bei seiner ersten Besichtigung war er bis an die

Zähne bewaffnet und hatte vor und hinter sich einen Soldaten mit

aufgepflanztem Bajonett. Als er den Major und den Kapitän vollkommen

unbewaffnet und unbegleitet traf, machte er ihnen wegen ihrer

Unvorsichtigkeit die größten Vorwürfe.

Er hat sich aber bald gebessert.

An einem Tage ließ dieser neue Kommandant die beiden anderen Herren

kommen und sagte ihnen voll Entsetzen: „Ja, denken Sie sich, da sind

gestern einige neue Gefangene gekommen, und mir ist gemeldet worden,

sie hätten Läuse! So etwas Schreckliches kann doch nur bei diesen

Deutschen vorkommen.” Darauf drehte sich der Kapitän ganz ruhig zu

dem daneben stehenden Major um und sagte ihm: „Sie, Owen, wissen Sie

noch, wie wir beide das letztemal im Feldzuge so voller Läuse steckten,

daß wir uns nicht rühren konnten?” Der Oberst war sprachlos. Ich muß

allerdings hinzufügen, daß der Oberst zwar Oberst war, aber nie in

seinem Leben irgendwo militärisch zu tun gehabt hatte. Das gibt's auch

nur in England!

Gegen Ende März hielt ich endlich die erste Nachricht aus der Heimat

in der Hand. Im Juli Neunzehnhundertvierzehn, kurz vor Ausbruch des

Krieges, hatte ich von den Meinen die letzte Nachricht erhalten, die

vom Juni stammte. Nun endlich, nach fast neun Monaten, wieder die

ersten Zeilen.

Man kann sich vorstellen, wie mir zumute war, als ich den ersten Brief

in der Hand hielt und anfangs zögerte ihn zu öffnen. Alle meine Brüder

und Verwandten waren Offiziere, sie alle standen seit Kriegsbeginn im

Felde; was für Nachrichten brachten mir diese ersten Zeilen? Die eine

Freudennachricht enthielt der kurze Bogen, daß meine Brüder trotz Kampf

und Gefahr am Leben waren. Aber auch eine Trauerbotschaft, die mich

schwer traf, daß mein geliebtes holdes Schwesterlein, mein treuester

Freund und Kamerad, durch die Wirkung des Krieges gestorben war.

Kriegsschicksal!

An einem der letzten Tage des März kam endlich der Befehl, daß ich als

Offizier anerkannt worden wäre und in ein Offizierslager übergeführt

werden sollte. Mein Bündelchen und mein Hockeystock waren bald

zusammengepackt, und nach herzlichem Abschied von den braven Kameraden

marschierte ich in meinem besten Päckchen mit dem Major Owen zusammen

zum Tore hinaus und zum Bahnhof.

Das feine Taktgefühl des alten Haudegens hat mir besonders wohlgetan.

Nach mehrstündiger Fahrt langten wir endlich in Maidenhead in der Nähe

von London an, wo ich von einem neuen englischen Offizier in Empfang

genommen wurde. Und hier, o Wunder, traf ich alte liebe Bekannte

wieder. Fünf blanke runde amerikanische Goldstücke, die seinerzeit

einem Schlossergesellen, später Schloßherrn Ernst Suse abgenommen

waren, wurden meinem neuen Begleiter übergeben, und dieser durfte sie

mir jetzt, da ich ja nun wieder Offizier war, ohne weiteres aushändigen.

Die Wiedersehensfreude!

Im Auto ging's jetzt zum Offizierslager Holyport. Die Posten

präsentierten, das Drahthindernis wurde geöffnet, und schon war ich von

einer freudigen Schar von Kameraden umringt.

Ja, wer hätte das gedacht.

Sie, die ich fast vor dreiviertel Jahren in Tsingtau zum letzten

Male gesehen hatte, die Sieger von Coronel, die wenigen überlebenden

Tapferen von den Falklandinseln traf ich hier wieder. Die Freude

kann man sich kaum vorstellen. Das Fragen und Erzählen! Kein Ende

wollte es nehmen. Und dann geschah für mich ein Wunder. Ich wurde in

ein Zimmer geführt, und da standen wahrhaftig sechs bis acht Betten,

richtige schöne Betten, weiß und sauber bezogen. Fast acht Wochen war

ich gefangen, nun das erste Bett, das ich zu Gesicht bekam. Kann man

da verstehen, mit welcher Scheu und Andacht ich mich an diesem Abend

hineinlegte?

In der ersten Zeit kam ich mir wie im Paradiese vor. Besonders da ich

hier endlich wieder als Mensch behandelt wurde. Ich war wieder unter

meinen Kameraden, fand liebe Freunde und viel geistige Anregung.

Die Behandlung im Lager war gut. Der englische Kommandant ein

verständiger Mann, bemüht, uns das Leben zu erleichtern.

Das Gebäude selbst war ein altes Kadettenhaus, im ganzen waren hundert

kriegsgefangene Offiziere im Lager, und wir waren auf Stuben bis zu

acht oder zehn Offizieren untergebracht.

Diese Stuben waren gleichzeitig unser Schlaf- und Aufenthaltsraum.

Außerdem gab es noch eine große Reihe von Messe-, Lese- und

Speiseräumen, in denen wir uns, wenn wir nicht an der frischen Luft

waren, meist aufhielten. Das Essen war echt englisch, also dadurch den

meisten Deutschen wenig zusagend, aber gut und reichlich. Es wurde eher

dadurch verbessert, daß wir am Anfang eigene Meßführung hatten, welche

später leider vom englischen ~War office~ aufgehoben wurde.

Den ganzen Tag über waren wir ziemlich ungestört. Wir konnten uns im

Gebäude und in einem mäßig großen Garten, der das Haus umgab, frei

bewegen; morgens um zehn Uhr Musterung und abends um zehn Licht aus und

Ronde.

Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen · 第 8 / 12 段